Nach Walter Burkert treten die Initiationsriten mit dem Aufkommen der Schriftlichkeit und mit der Stadtkultur zurück, „um schließlich zu verschwinden – vollständig erst in unserer Zeit der atomisierten Gesellschaft“ (S. 47). Aber was sind Erstkommunion und Firmung anders als Initiationsriten?
Zu Christine Kuby: Woran anders wird die „Schwere der Schuld“ gemessen als an der Stärke der Racheimpulse? Der Umgang mit den Gefangenen der raf ist längst ein Indiz für die Verkommenheit unserer Justiz.
Die Vorstellung, daß das „Herrschaftsgebot“ der Genesis eine der Ursachen der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung sei, ist, abgesehen davon, daß sie sich durch eine genaue Lektüre des Textes widerlegen läßt (das vegetarische Nahrungsgebot, mit dem es zusammensteht, schließt das Töten aus), ist nicht nur falsch, sie bestätigt im genauesten Sinne eines double bind genau das, wogegen sie protestiert: das Schuldverschubsystem, das als logischer Kern dem Ursprung und der Geschichte der Naturbeherrschung zugrunde liegt. Sie ist ein Teil jenes Syndroms, demzufolge Religion jeder für sich nur noch als Seelenbalsam und für andere als ein System von Moralvorschriften und Handlungsanweisungen begreift: als Religion für andere, Religion als Herrschaftsmittel. Aber wird diese Religion fatalerweise nicht gerade dann bestätigt, wenn man aus ihr glaubt austreten zu können? Und ist nicht Petrus/Kephas der Typos einer Religion, die nur noch Religion für andere ist: Fundament einer Kirche, die zum steinernen Herzen der Welt geworden ist? Es ist ein System des Sich-wechselseitig-in Schach-Haltens, in dem dann, nach einem Adorno-Wort, heute jeder Katholik so schlau ist, wie früher nur ein Kardinal. Das Modell und die reale Verkörperung dieses Systems ist der Staat, seine innere Struktur das Recht.
Läuft nicht unser Autoritätssystem, wenn es auf Texte angewandt wird, nach dem Modell Heilige oder Hure (mit der merkwürdigen Analogie der patriarchalischen Beziehungen zu Texten und zu Frauen)? Wäre es nicht sinnvoller, gerade in alten Texten die Erfahrung, daß da etwas drinsteckt, was nur durch Reflexion wiederzugewinnen ist, mit der Erfahrung der Unzulänglichkeit dieser Texte zusammenzudenken? Das hatte Walter Benjamin im Sinn, als im Hinblick auf Franz Rosenzweig sagte, er habe es vermocht, die Tradition auf dem eigenen Rücken zu befördern anstatt sie seßhaft zu verwalten. Merkwürdig, daß alle Offenbarungsreligionen ihren Absolutheitspunkt in der Vergangenheit (in den Heiligen Schriften und den damit verbundenen Ereignissen) haben.
Bezeichnet nicht das „leer, gereinigt und geschmückt“ in der Parabel von den sieben unreinen Geistern auch das Bild von der Vergangenheit, das wir im Kopf haben? Grund unserer Erinnerungsunfähigkeit?
Weltanschauungskriege sind Vernichtungskriege (nach den christlichen Vorläufern in den Kreuzzügen, Pogromen, Ketzer- und Hexenverfolgungen in säkularisierter Gestalt zuerst im Krieg der Nazis „gegen den Bolschewismus“), weil sie die Nutzung des Schuldverschubsystems, dessen Resultat eine „Weltanschauung“ ist, auch durch Strafen (die dann Vernichtungsstrafen sind) in der Realität verankern wollen. Es handelt sich offensichtlich um eine Zwangsfolge nicht mehr reflektierter (weil nicht mehr reflexionsfähiger) Herrschaftssysteme. Nicht zufällig werden sie als Reinigungsaktionen (Endlösung der Judenfrage als Reinigung der Welt von den Juden, ethnische Säuberungen in Bosnien) begriffen; sie weisen zurück auf den lateinischen Weltbegriff: mundus.
Ist eigentlich die Frage, ob es Menschen ohne Schrift, vorschriftliche Gesellschaftsformationen, gibt, so sinnlos? Die Vorstellung, daß „die Wilden“ Produkt einer Regression, eines Rückfalls sind, hilft vielleicht im Verständnis des Ursprungs der Schrift weiter als äußerliche, banale Erfindungstheorien.
Sind die ersten Opfer in der Bibel nach den Opfern Kains und Abels die des Abraham und des Melchisedech?
Wäre die Lessingsche Parabel von den drei Ringen heute nicht durch eine andere zu ersetzen: Jeder sitzt im Gefängnis seiner Geschichte, aber die Schlüssel dazu haben jeweils die anderen? Die Hauptaufgabe liegt bei den Christen; nur ihnen ist gesagt worden: was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.
Die Kritik der Naturwissenschaften hätte damit zu beginnen, daß man nachweist, daß in den Naturwissenschaften das Licht nicht mehr vorkommt, Licht und Finsternis bedeutungslose Begriffe sind: es ist unmöglich, in naturwissenschaftlichem Kontext das Licht zu rekonstruieren. Nur noch gleichsam deiktisch läßt sich der Berührungspunkt bezeichnen: das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Die Rekonstruktion des Lichts über diesen „Berührungspunkt“ läßt die Naturwissenschaften nicht unberührt.
Sind in den drei Versuchungen Jesu (vgl. z.B. Mt 41ff) die drei Totalitätsbegriffe mit angesprochen: Wissen, Natur und Welt:
– Im Vertrauen auf die Behütung durch die Engel, „damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“, das Wissen,
– in der Verwandlung von Steinen in Brot der Naturbegriff und
– im Herrschaftsversprechen und in der Anbetung des Teufels der Weltbegriff?
Wäre das Neue Testament nicht erst dann richtig zu verstehen, wenn man, anstatt es unmittelbar ins Deutsche zu übersetzen, es zunächst ins Hebräische übersetzen würde?
Ist die Rede von einer Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben wird, nicht eine Erläuterung der Geschichte vom Binden und Lösen? Dann wäre das Binden die Sünde wider den Heiligen Geist, und das Binden, das vorgibt, das Lösen zu sein, die Selbstverfluchung.
Ist es nicht in der Tat, die Tat, die die Tatsachen schafft, auf die sich dann das Wissen bezieht, das als Absolutes die Vollendung des Andersseins des Selbst repräsentiert? Und ist das Absolute des deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) nicht die Bindung der rechten Hand Gottes?
War nicht das Christentum bis heute die Anbetung und die Ausnützung des Scheiterns der messianischen Kraft Jesu (und in der Mystik das Verliebtsein in dieses Scheitern)?
Gibt nicht die Situation in einem Fahrstuhl, in dem keiner den andern anschaut, einen aufschließenden Hinweis auf das Problem des Angesichts?
Zur Theorie des Rechtsradikalismus: Nur weil wir uns das Beste versagen müssen: gut zu sein, schlagen wir andere tot.
Politischer Aschermittwoch: Auch das war eine Erfindung von Franz Josef Strauß: Politik als Unterhaltung, und das als neue Qualität der Politik (nicht mehr zu trennen von der „Politikverdrossenheit“). Kern der seitdem irreversibel sich ausbreitenden parteipolitischen Ghettobildungen: nichts ändern, aber die Anhänger bei Laune halten (und süchtig machen).
Justiz
-
25.02.93
-
23.02.93
Off 411: Ist ta panta ein Plural? Dann kann man es nicht mit „Welt“ übersetzen.
Virginitas: Nach Hypostasierung der Materie (der Sexualität) Heiligsprechung der Unschuld; Produkt der Individualisierung und Privatisierung der Moral, Folge des Verzichts auf Weltkritik, Abwehr des Anteils am Schuldzusammenhang des kollektiven Weltgrunds.
Als Gefangene unserer Geschichte sind wir Gefangene der anderen.
Müßte man im NT nicht das homologein im „Bekenntnis“ des Namens mit „Heiligung“ des Namens übersetzen?
Nicht Herrschaft-, sondern Gewaltkritik: Idee einer Herrschaft ohne Gewalt (Gen 1: Zusammenhang des Herrschaftsauftrags mit dem vegetarischen Nahrungsgebot, d.h. ohne Töten der Tiere).
Das Votum gegen den Anthropomorphismus der jüdisch-christlichen Tradition (eine notwendige Folge der Rezeption des Weltbegriffs) ist ein Votum gegen die Erinnerung, gegen das Verstehen des andern: ein Votum gegen den Heiligen Geist.
Der Weltbegriff symbolisiert die vollendete Selbstentfremdung.
Wenn die Welt durchs Kreuzesopfer entsühnt wurde, kann Politik kein Gegenstand der Kritik mehr sein.
Hängen die Differenzen im Weltbegriff im Griechischen und Lateinischen (kosmos und mundus) mit denen im Naturbegriff (physis und natura) zusammen?
Das Christentum kann sich nur über die jüdische Religion und über den Islam selbst begreifen.
Zum Binden und Lösen vgl. Hiob 3831 (vgl. auch Hiob 99 und Am 58): Knüpfst du die Bande des Siebengestirns, oder löst du des Orions Fesseln? (Siebengestirn = großer Bär? Orion = Sternbild der Äquatorzone, im Winter am Abendhimmel sichtbar.)
Der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs trennt das Tun vom Urteil: vom Erwischtwerden. Er verlegt die Sünde ins Erwischtwerden. Das war der Hintergrund der Seiterschen Bemerkung nach Rostock, als er nur die Befleckung des deutschen Namens im Ausland wahrnahm, aber weder die Ängste und die Schmerzen der Opfer jetzt, noch die Erinnerungen derer, die die Schrecken der Vergangenheit erlebt und überstanden haben, und auch nicht den barbarischen Zustand der Täter. Hat er damit nicht die Opfer (auch die vergangenen, die schon einmal ausgebürgert wurden) in einem ganz neuen Sinne zu „Ausländern“ gemacht? Und sind die Lichterdemonstrationen nicht doch auch nur ein Stück Exkulpationsdemonstration: Wir sinds nicht gewesen (der Sprachregelung Kohls entsprechend: Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich)? Klingt in dem Ganzen nicht auch ein spätes Echo der Friedensreden Hitlers nach?
Die sieben unreinen Geister, sind das nicht auch Produkte des Mißbrauchs der sieben Sakramente (als Instrumente zur Begründung und Stabilisierung des Weltbegriffs)? Und ist nicht die analogia entis ein nicht ganz ungefährliches Konstrukt: ein früher Hinweis darauf, daß am Ende die Natur christologische Züge angenommen hat?
Hängen die sieben unreinen Geister damit zusammen, daß auch der Syrer Naaman erst durch die siebenfache Taufe im Jordan von seinem Aussatz befreit wurde? Was hat es mit dem Jordan auf sich: Johannes taufte am Jordan; und mit der Überschreitung des Jordan beginnt die Landnahme unter Josua?
Das Hegelsche Weltgericht ist der Inbegriff der Sünden der Welt, Produkt der Unfähigkeit, sich in den andern hineinzuversetzen.
Erinnerungsarbeit ist die Antwort auf die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Hinweis: der Raum ist die Macht der Vergangenheit über die Zukunft). Dazu bedarf es der Arglosigkeit, der Freiheit vom paranoiden Denken.
Gibt es heute noch Reichtum; und eröffnet sich hier, in der Vorstellung des Reichtums selber, nicht ein Abgrund.
„Sind wir Gefangene unserer Geschichte?“ Bezieht sich das Wir und das Unser auf das gleiche Subjekt: Gibt es hier nicht ein Übergewicht der Last der christlichen Geschichte?
Der Weltbegriff ist der Vorhang, hinter dem wir unschuldig schuldig, und d.h. gemein geworden sind. Ist nicht die Physik eine Form der paranoiden Erkenntnis? Der Weltbegriff ist ohne einen projektiven Anteil (und ohne die Stabilisierung dieses projektiven Anteils) nicht zu halten. Die „Entsühnung der Welt“ ist eigentlich die Entsühnung des Subjekts: die Erlaubnis, sich ohne Bewußtsein von Schuld des Instruments des Weltbegriffs zu bedienen. Durch die creatio mundi ex nihilo wurde diese Schuld Gott, und durch die Opfertheologie zugleich Jesus angelastet: Liegt hier der logische Grund der homousia?
Wird aus dem Koran das gleiche Wort im Englischen mit „creator“ und im Deutschen mit „Herr“ übersetzt? Wenn ja, welcher Schöpfungsbegriff steckt dahinter: einer, der den Untertan zur Kreatur seines Herrn macht?
Wo liegt die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen (zwischen mir und dem anderen)?
Das Frauen, wenn sie in den Himmel kommen, zu Männern werden, ist keine Erfindung Tertullians; es steht schon so bei Lukas, wo es heißt, daß die, „die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, … durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes werden“ (Lk 2036).
Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen (Lk 2114): Das ist das Verbot der vergegenständlichenden Theologie.
Im Schöpfungsbericht kommt dreimal bara und dreimal baruch vor, dreimal „schaffen“ (Himmel und Erde, Fische und Vögel und die Menschen) und dreimal „segnen“ (im Hinblick auf die Fische und Vögel, die Menschen und den siebten Tag).
Der biblische Herrschaftsauftrag an den Menschen unterscheidet sich von der Geschichte der Naturbeherrschung dadurch, daß er das Töten ausschließt. Er folgt nach dem vegetarischen Nahrungsgebot für Menschen und Tiere. Herrschaftskritik wäre von Gewaltkritik zu unterscheiden, und an den Naturwissenschaften die Verblendung zu bestimmen, die auf die Gewaltsubstanz der Welt (auf die Beziehung zum Gewaltmonopol des Staates) verweist.
Hängt die Frage der Beziehung von Herrschaft und Gewalt (und der Beziehung beider zur Macht) mit der Bildung des Angesichts zusammen? Wie unterscheiden sich Herrschaft, Gewalt und Macht?
Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen (Joh 35). Bezieht sich das nicht auf Gen 12 (auf den Geist Gottes über den Wassern, und die erste Geburt, vor der Wiedergeburt, auf die Finsternis über dem Abgrund)? Ist die Finsternis über dem Abgrund die Idolatrie, und der Geist über den Wassern die Prophetie?
Nach Auffassung des Islam ist Koran das Äquivalent der zerstörten ersten Tafel vom Sinai, und ebenso das Äquivalent zur Person Jesu, nicht zu den Evangelium, zum „Neuen Testament“. Ist nicht nur der Koran eine „Heilige Schrift“ (und die entsprechende Benennung der Bibel ein Produkt der Islamisierung)?
Was bedeutet es, wenn im Hebräischen schon die zweite Person (und nicht erst die dritte) nach Geschlechtern getrennt ist? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis wider deinen Nächsten geben?
Mit der Verdrängung der Idee des seligen Lebens wurde die Wurzel der Sinnlichkeit abgeschnitten.
Lebt nicht die Stummheit des Helden in veränderter Gestalt im Begriff und in der persona fort?
Falsch ist die quasi teleologische Beziehung des Kreuzestodes auf mein Seelenheil.
Kann es sein, daß die männliche Rolle des Konfessors daher rührt, daß die Männer das Opfer begehen, d.h. die Schuld auf sich nehmen, während die Frauen zum Priestertum nicht zugelassen wurden, um sie vor der Schuld des Opferns zu bewahren (Grund der religiösen Bedeutung der virginitas)? Vgl. auch Walter Burkert: Wilder Ursprung.
Materie und Opfer: Das Opfer hängt mit der Erfahrung des Tötens zusammen, ist ein Mittel der Verarbeitung dieser Erfahrung. Es wurde überflüssig mit der Verinnerlichung des Opfers: mit dem Ursprung der subjektiven Form der äußeren Anschauung, der Konstituierung der Raumvorstellung. Auch die Materie ist Produkt des Tötens.
Burkert, S. 22: Darstellung eines Schuldverschubsystems.
Der Weltbegriff rechtfertigt das Töten und die Naturbeherrschung ohne die Erinnerung des Opfers (unter Verdrängung dieser Erinnerung).
Wo gibt es die indogermanische Mediopassivform, und was bedeutet sie (Burkert, S. 25)?
Gibt es einen generellen Zusammenhang zwischen Musik und Opfer? Hängt der Ursprung der Musik in der kainitischen Genealogie mit der Ursprungsgeschichte des Opfers zusammen?
Burkert, S. 26: Maskierte Männer haben das Tier zu töten. Die Maske schützt die Täter vor dem Erkanntwerden. Leistet das nicht seit dem Ursprung dieses Begriffs der Begriff der Person (Zusammenhang mit dem biblischen Feigenblatt)? Mit Vorliebe treten Chöre in den Tragödien in der Maske von Fremden oder von Frauen auf; wenn sie Athener darstellen, können dies allenfalls alte Männer sein, kaum je aber die jungen Bürger von Athen.
Die Idee des Schicksals (als Schuldzusammenhang des Lebendigen) gründet im Tötungsritual des Opfers. In dieser Tradition steht die Geschichte der Naturwissenschaften (Bedeutung der Opfertheologie für die Ursprungsgeschichte der Naturwissenschaften).
Sprachdenken ist metaphorisches Denken, aber eines, das man unter Kontrolle behalten muß. Ein sich verselbständigendes (hypostasiertes) Bilderdenken führt von der Sache weg. Man kann sich auch in Bildern verfangen und verstricken.
Wie hängen die drei Aspekte des Naturbegriffs: Herrschaftsobjekt, Medium der Exkulpation und Ursprung von allem, mit dem Raum zusammen, mit dem Im Angesicht und Hinter dem Rücken, Rechts und Links und Oben und Unten?
Problem der Beziehung der Verinnerlichung des Opfers zur These, daß nichts Vergangenes wirklich vergangen ist: Werden nicht am Ende die Steine wirklich schreien? Und hat der Satz „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen“ etwas mit der verborgenen Erinnerungskraft der Materie zu tun (Erinnerung der Zukunft)? Wäre das „Macht euch die Erde untertan“ nicht zu ergänzen durch das Verbot zu vergessen?
Worauf bezieht sich das „Herniederfahren“ Gottes beim Turmbau zu Babel?
Der Weltbegriff entmächtigt die Sprache.
Das Christentum ist als Kirche durch seine Leugnung hindurch gerettet worden.
Was trennt die Innenwelt von der Außenwelt, das Private vom Öffentlichen? Bezeichnet nicht das Schwert die Grenze von Innen und Außen (Enthauptung)? Ist das Schwert nicht ein Symbol für diese Grenze (kreisendes Flammenschwert)? Und gibt es einen Zusammenhang des Schwertsymbols mit der Geschichte des Opfers? Das Schwert ist in der Geschichte des Opfers geschmiedet worden. Und eine, wenn nicht die zentrale Verkörperung des Schwertsymbols ist der Weltbegriff als Inbegriff des Begriffs und als Konstituens des Natur- und Objektbegriffs.
Der Gedanke, daß ich kein Recht hatte, die Privilegien der Opfer für mich in Anspruch zu nehmen, gehorcht schon einer sowohl christologischen wie auch antisemitischen Logik. Privilegien der Opfer gibt es nur im Christentum; Nur hier hat das Leiden Verdienstcharakter (Grund der Vergöttlichung Jesu).
Der Gegenbegriff zum Vorbestraften und zum Verbrecher ist der des Unschuldigen (u.U. „wegen erwiesener Unschuld freigesprochenen Bürgers“). Aber ist nicht der unschuldige nur der „unbescholtene“ Bürger (Schuld gleich Bescholtenheit, bewiesener Verdacht)? Was heißt eigentlich „Vorbestraft“? Unterscheidet sich der Vorbestrafte vom Unbescholtenen nicht doch nur durchs Erwischtwordensein? Die aktive Nutzung des Nicht-Erwischtwerden-Könnens ist der Quellpunkt der Gemeinheitsautomatik.
Drei sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins. (1 Joh 57) Wie hängt das zusammen mit Gen 12, dem Geist Gottes über den Wassern, und der Beziehung von Johannes- und Jesus-Taufe? Aber was hat es mit dem Blut auf sich? Klingt darin die Vorstellung mit an, wonach Blut als Ausdruck der verinnerlichten Scham sich fassen läßt? Gründet hier die Heiligkeit des Bluts; und ist es dieses Blut, das zum Himmel schreit (Abel, Noe, Ursprung und Geschichte des Opfers)? (Hat die deutsche Blutwurst etwas mit der Eucharistie zu tun?)
Beziehung zum Kelch in Getsemane: Verstrickung des Christentums in die Herrschaftsgeschichte. Diesen Kelch trinken heißt: der durch ihn verursachte Trunkenheit sich nicht überlassen, dabei seiner selbst mächtig bleiben (Abstieg zur Hölle?). Entspricht dem nicht das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“? Und ist das nicht gemeint in der Frage an Jesu an die Zebedäus-Sühne: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?
Das Neutrum (ne-utrum) macht das Ungleichnamige gleichnamig. Es gründet im Futur II, der grammatischen Form der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, die das Andersein der Zukunft ausschließt: Quellpunkt des Inertialsystems. Der genaueste Anwendungsfall einer Reflexion, die diesen parvus error in principio aufzulösen versuchen wollte, sind die Naturwissenschaften, insbesondere die Astronomie, die Kosmologie. Die philosophische (und vor ihr die mythische) Subsumtion von Himmel und Erde unter den Totalitätsbegriff Welt ist der Ursprung der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen; mit ihr ist die nominalistische Konsequenz der Philosophie mitgesetzt, ihre sprachzerstörerische Kraft. Sie gründet in dem mathematischen, die Mathematik begründenden Konstrukt, dessen Symbol das Gleichheitszeichen ist: der Orthogonalität, die die Richtungen im Raum reversibel und Vergangenheit und Zukunft ununterscheidbar macht und die Gegenwart ausblendet. Sie macht insbesondere die Umkehr gegenstandslos: Hier lassen sich Vorn und Hinten, Rechts und Links sowie Oben und Unten nicht mehr unterscheiden. In diesem Kontext ist die Umkehr (im Christentum) zur Buße geworden. So leugnen die Naturwissenschaften das Angesicht, die Gnade und den Islam (den Willen Gottes). Der Islam im rechten Verstande, die „Unterwerfung“ unter den Willen Gottes, ist kein Passivum, sondern ein Aktivum: nicht das Erleiden eines Schicksals, sondern das Tun des Willen Gottes.
Theologische Ableitung des Inertialsystems: Hat es nicht auch symbolische Bedeutung, wenn der Islam den Sabbat auf den Freitag vorverlegt hat, gleichsam vor dem Sabbat stehenbleibt, während das Christentum den Sabbat auf den Folgetag (die dies dominica) verschoben hat, ihn gleichsam „überwunden“ hat, als Preis dafür aber selber dem Inertialprinzip verfallen ist (die Ruhe des Sabbat, die Spitze und Erfüllung der höchsten Aktivität, in die Ruhe des Toten: in Trägheit zurückübersetzt hat)? Ausdruck dieser „Überwindung“ des Sabbat ist das Symbol des steinernen Herzen der Welt.
Ist nicht der Weltbegriff ein Instrument, das es uns ermöglicht, uns den Anblick des Wirbels, in dem wir stehen, zu ersparen, uns den falschen Begriff der Ruhe (als Bewegungslosigkeit: vorgestellt im ruhenden Raum des Inertialsystems) zu vermitteln? Er installiert im Zentrum der Theologie den Götzendienst. -
20.01.93
Gestern ein Vortrag über die jüdische Religion in der katholischen Gemeinde in Walldorf: Gegen die Degenerierung des Katholizismus zum Stammtischgeschwätz scheint es kein Mittel mehr zu geben. Zur Frage der Auferstehung: „Heute wissen wir, daß …“
Das Inertialsystem zerstört die Gegenwart, macht sie gegenstandslos.
Adornos Wort von der Paranoia, der die Welt sich immer mehr angleiche, von der sie jedoch zugleich falsch abgebildet werde, enthält vielleicht die genaueste Benennung des Charakters der Naturwissenschaften (Raum und Paranoia).
Es ist nicht ohne Bedeutung, wenn das Neue Testament in Griechisch geschrieben wurde: Zu beachten jedoch sind die vorsorglich eingebauten Warnungen, vom Satz des Täufers über die Übernahme der Schuld der Welt bis zum Gebot der Feindesliebe.
Im Namen der Hebräer wird der Blick des andern in das Selbstverständnis mit aufgenommen; das erinnert wohl nicht zufällig an das Wort nach dem Sündenfall, das ebenfalls die Reflexion auf den Blick des andern in sich enthält: Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten daß sie nackt waren (Ursprung der Gottesfurcht).
Bei den Propheten erscheint das Aufdecken der Blöße als Strafe; steckt das nicht schon in der Sünde des Ham (der Blick auf die Blöße des Vaters als Blick des Richtenden, als Versuch, Herr über den Vater zu werden, der dann zwangsläufig in die Knechtschaft führt)?
Der projektive Blick (oder der verworfene Grund der Kohlschen Politik): Man glaubt sich selbst aus dem Anwendungsbereich des Urteils herausstehlen zu können, wenn man die Aufmerksamkeit auf andere lenkt. Die projektive Anwendung des Urteilens ist die Nutzung der Urteilslogik als Feigenblatt (Bedeutung der Begriffe Natur und Materie als Projektionen der Fremdheit).
Sind nicht die Herz-Jesu- und die Aloisius-Frömmigkeit als Folgen des Kampfes gegen den Kitsch in der Religion schlicht und einfach von der Furie des Verschwindens erfaßt worden und deshalb erinnerungslos untergegangen. Aber was ist mit ihnen untergegangen?
Sind nicht die Ängste, die Katholiken gegen Ende des letzten Krieges hinsichtlich des Schicksals der Kirche nach dem Kriege hegten, auf eine fatale und fürchterliche Weise wahr geworden? Nur: niemand hat es gemerkt.
Wenn die Dornen und Disteln die Welt aus der Sicht der Erfahrung der Armen und der Fremden bezeichnen, dann ist die gegenwärtige Politik eine Politik der Ausbreitung und der Kultivierung der Dornen und Disteln.
Zu dem Satz „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ ist daran zu erinnern, daß der Hauptbelastungszeuge den ersten Stein werfen muß.
Durch das Urschisma und den damals entsprungenen Antijudaismus hat die Kirche sich selbst die Wurzeln abgeschnitten, ist sie zu jenem Dornenstrauch geworden, der nach der Jotam-Fabel wurzellos war wie Kain und als einziger bereit war, König der Bäume zu werden.
Die kantische Trennung der äußeren von der inneren Anschauung ist der Grund für die Trennung von Natur und Welt, Objekt und Begriff (Differenz der äußeren und inneren Anschauung: die Objekte der inneren Anschauung sind meinem Zugriff entzogen, die der äußeren meiner Verantwortung).
Die Dehnung der Chronologien in Naturwissenschaft und Geschichte ist Produkt und Ursache der Verdrängung des Zeitproblems (Verdrängung der Gegenwart). Und zwar jenes Zeitproblems, das im Vergleich von Off 14 („der ist und der war und der kommt“) und 178 („es war einmal und ist jetzt nicht, wird aber wieder da sein“) sich anzeigt. -
11.01.93
Urteil (lat. iudicium): wie heißt das Urteil (im Recht und in der Logik) im Griechischen? Grundlage des Urteilsspruchs ist der Zeuge oder der Eid (der Gott zum Zeugen nimmt; in der Bibel muß der Schwörende seine Hand an die Lende dessen legen, vor dem der Schwur abgelegt wurde, berührt): Wie verhalten sich Zeugenschaft und Schwur zum Raum? Ist der Raum nicht die anonymisierte Zeugenschaft aller (Medium der Vergesellschaftung) und ist die Ausdehnung des Raumes nicht ein Produkt des automatisierten Fortzeugens (mit der Orthogonalität als Grund und Zentrum der Automatik): die Indifferenz von Tätigkeit und Statik (dynamischer und mathematischer Qualität: Trennung und Begründung von Objekt und Begriff, Natur und Welt)?
Der Objektbegriff und die Verführung durch Herrschaft verändert die Sprache. Herrschaft gründet in dem Recht zu töten, das über die Raumvorstellung vergesellschaftet wird; so dringt das Gewaltmonopol des Staates in die Sprache ein (wie der Raum in die Zeitvorstellung und in den Begriff der Materie). Darin liegt der naturgeschichtliche Grund der Naturwissenschaften und des Kapitalismus, den sie selber wiederum instrumentalisieren.
Das Sein ist das unkenntlich gemachte Gewaltmonopol des Staates.
Zu Kafkas Geschichte vom Schauspieldirektor, der eine Premiere, die Inszenierung eines neuen Stückes, vorbereitet. Das Bild wäre noch zu verschärfen: Nach dem Selbstverständnis der Prophetie beginnt die Umkehr im Mutterleib.
Zu den fatalen Ergebnissen der Kollektivschuld-Diskussion nach dem Krieg gehört es, daß die Aufarbeitung der Schuld, die Erinnerungsarbeit, durchs Schambekenntnis ersetzt wurde. So hat man sich nur durch die Scham überschwemmen lassen, damit aber genau jene Verdrängungsarbeit unterstützt, die die Aufarbeitung heute fast unmöglich macht. Die nachfolgende Politik mußte eine Feigenblatt-Politik sein (und darin ist Kohl Meister). Die Aufforderung zur Scham hält ihr Objekt infantil (während die Schuldverarbeitung es erwachsen werden läßt). War vielleicht die Benennung der Tiere durch Adam eine Aufforderung zur Scham: So ist ihnen das Fell gewachsen? Das Unverschämte (des Begriffs, der Welt) und das Schamlose (des Objekts, der Natur) sind Zwangsfolgen der falschen Verarbeitung der Scham. Nicht Scham, sondern Umkehr: Der kosmische Ausdruck der Scham ist die Materie.
Ist die Frage Kains „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ mehr als eine rhetorische Fangfrage? Weist die Frage nicht darauf hin, daß er „es nicht war“, daß es etwas in ihm war (vor dem er vielleicht dann doch seinen Bruder hätte behüten sollen), und bezieht sich darauf das Wort Gottes vor der Tat: „Wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon“. Diese „Sünde als Dämon“ ist die „Sünde der Welt“ aus Joh 129. Die Sünde an der Tür und das, was in Kain als Es den Abel erschlug und den Mord beging, war der Ursprung der Welt. Und diese Welt ist in der Tat „aus Nichts“ erschaffen, aber auch nicht von Gott.
Ist das Benennen (in der Schrift) wirklich etwas so Harmloses: die Benennung der Tiere durch Adam, aber auch schon davor die Benennung des Lichts und der Finsternis, auch die der Feste, die die Wasser scheidet? Die Söhne werden in der Regel von den Müttern benannt (und von den Vätern als gegeben hingenommen). Gibt es außer bei der Geburt des Johannes (wo der Zacharias durch Bestätigung des Namens die Sprache wiedergewinnt) noch andere Ausnahmen (wie ist das bei den Kindern der Propheten)?
Bezieht sich nicht auch der Titel „Erstgeborener“ auf die Mutter, deren Mutterschoß der Erstgeborene eröffnet, nur Jesus ist der „Erstgeborene des Vaters“?
Wäre nicht zu den etymologischen Forschungen (Benvenistes und anderer) darauf hinzuweisen, daß auch das Bedeuten und Bezeichnen in die grammatischen Strukturen der Sprache eingebunden ist. Wie unterscheiden sich Bedeuten und Benennen? Bezeichnen nicht das Deuten und Bedeuten den Indifferenzpunkt zweier gegeneinander gerichteter oder zueinander inverser Tendenzen, nämlich einer expressiven und einer deiktischen Tendenz. Wie verhält sich das zu der bemerkenswerten Zweideutigkeit, die im Deutschen den Sinnbegriff kennzeichnet?
Das Christentum hat die Umkehr bis heute nicht begriffen, statt dessen kennt es wohl Bekehrungen. Drückt nicht das Affix be- ein projektives Element aus, die falsche, veranderte Umkehr: die im andern reflektierte und verdinglichte Umkehr?
Entspringen die indogermanischen Sprachen mit der Bildung des Neutrum, mit der Nutzung seiner exkulpativen, herrschaftssichernden Gewalt? Und waren die ersten Neutra nicht herrschaftssichernde Kategorien (Emanationen der Schlange)?
Ist das Futur II Produkt der Instrumentalisierung des kreisenden Flammenschwerts? Hängt sein Ursprung zusammen mit dem Sternendienst? Und ist das, was durch dieses kreisende Flammenschwert abgetrennt (weltlich konstituiert) wird, in den astrologischen Bedeutungen der Planeten (im antiken Sinne) genauer bezeichnet? Und wurde dieser Knoten nicht durchschlagen durch einen Akt, in dem das heliozentrische System begründet wurde? Wie hängt die Heliozentrik mit der Geschichte der Großreiche, mit Alexander und dem Cäsarenwesen zusammen, oder auch mit dem Begriff des „Reichs“?
Ist die Physik die Finsternis über dem Abgrund? Und wäre nicht die Theologie über den nächsten Satz, den Geist Gottes über den Wassern, zu begründen? Oder genauer: verhalten sich Finsternis und Abgrund zum Geist Gottes und den Wassern wie Philosophie und Begriff zur Prophetie und zum Namen? Hat der Sündenfall nicht nur den Abgrund eröffnet, und den Menschen die begrenzte Befugnis, sich der Mächte des Abgrunds zu bedienen?
Die jüdische Tradition kennt den Brudermord; ist nicht der Vatermord ein bis heute unaufgeklärtes und unbegriffenes mythisches und christliches Erbe (im Ursprung des Weltbegriffs), und bezieht sich darauf nicht der Freudsche Mythos von der Urhorde?
Die Tiere wurden benannt, der Gottesname soll geheiligt werden: Ist die Heiligung des Gottesnamens nicht die Antwort auf die Opferung des Gottesnamens (seine Verbergung hinter dem Namen des Vaters), und ist bisher nur diese Opferung Gegenstand der christlichen Tradition? Drückt diese Opferung sich im Bilde vom Sitzen zur Rechten des Vaters (der Bindung der Rechten des Vaters, die nach Paulus zeitlich begrenzt ist: bis Ihm alles unterworfen ist) aus? -
22.12.92
„Friedensnobelpreisträger von Ossietzky bleibt „Landesverräter““ (FR von heute): Der BGH hat eine Wiederaufnahme des Verfahrens, in dem Carl von Ossietzky vom damaligen Reichsgericht wegen Landesverrats verurteilt wurde, abgelehnt. Im Bericht der FR steht ein Satz, den man zweimal lesen muß:
„Ein anderer möglicher Grund für die Wiederaufnahme eines Verfahrens, daß nämlich die Richter des Reichsgerichts sich der Rechtsbeugung schuldig gemacht hätten, weil sie die Aufdeckung eines Verfassungsbruchs als Geheimnisverrat verurteilten, wurde vom BGH ebenfalls als unzulässig verworfen. Es ergebe sich kein konkreter Tatverdacht „wegen direkt vorsätzlicher falscher Rechtsanwendung“.“
Dazu drei Bemerkungen:
– Nach dieser Entscheidung liefe z.B. eine Untersuchung, die zu dem Ergebnis führt, daß die angeblichen Selbstmorde in Stammheim keine waren, wenn die aufgedeckten Tatsachen der Geheimhaltung unterliegen, Gefahr, als Geheimnisverrat verurteilt werden.
– Ist diese Entscheidung des BGH nicht auch ein Hinweis darauf, daß die Rechtsblindheit unserer Justiz keine Gesinnungsfrage, sondern eine Systemfolge ist: von einem Rechtspositivismus nicht zu trennen, dessen Hauptzweck darin zu liegen scheint, den Exkulpationsbedarf unserer Richter zu befriedigen, wobei als Nebenfolge in Kauf genommen wird, daß es gegen die Gemeinheitsautomatik kein Rechtsmittel mehr gibt und der Verantwortungslosigkeit die moralischen Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.
– Was heißt „direkt vorsätzlich“? Wäre eine „falsche Rechtsanwendung“, die nur „indirekt vorsätzlich“ oder bloß „vorsätzlich“ erfolgte, noch nicht strafrechtlich relevant?
Wann begreift unsere Justiz endlich, daß der Nationalsozialismus die größte terroristische Vereinigung war, die es in diesem Lande je gegeben hat, und daß Richter, die Carl von Ossietzky wegen Landesverrats verurteilten, zu den Wegbereitern dieses Terrorismus gehörte, und eine Justiz, die das heute noch nicht begreift, zu den Sympathisanten? Wenn irgendwo das, was Ralph Giordano die Folgen der zweiten Schuld genannt hat, mit Händen zu greifen ist, dann in einem Rechtswesen, das es bis heute nicht fertig bringt, sich aus dem Bann dieser Vergangenheit zu lösen, und das nur, weil es unfähig ist, die Verantwortung, in die es mit der Idee der Gerechtigkeit gestellt ist, auch nur wahrzunehmen. Gnade uns Gott, wenn der flatus vocis, zu dem der Rechtspositivismus die Idee der Gerechtigkeit macht (indem er einer Staatsmetaphysik sich überantwortet, die außer an der der institutionellen Selbsterhaltung des Gewaltmonopols an keiner Idee mehr sich messen läßt), als Sturm zurückkehrt: dann helfen die Exkulpationsrituale des Positivismus, an die die Justiz sich klammert, nichts und niemandem mehr.
Stimmt es, daß die Frau bei Munch („Der Schrei“) nicht schreit, sondern lacht? Gründet nicht jedes Lachen im „überwundenen“ Schrecken.
Der Raum als dreifach überwundener Schrecken: als „Schrecken um und um“. Ist die Vorstellung des unendlichen Raumes, der nicht mehr Akzidenz der Dinge ist, in den die Dinge dann vielmehr erst „von außen“ hereinkommen, nicht die eines Raumes, der erst leer gemacht („leergefegt“: „juden-„, „ausländerrein“) werden muß: Grund der Vorstellung des horror vacui? Und vor allem: Was wird aus den Dingen, nachdem sie „von außen“ – wie ein Einwanderer in ein Land, in dem er sich „eine Existenz gründen“, womöglich „naturalisieren“ lassen will – in den Raum hereingekommen sind; wo und was waren sie vorher (aus welcher Fremde kommen die Ausländer); sind ihre sinnlichen Eigenschaften nicht Ausdruck der Differenz, der Gewalt und des Leidens, die ihnen durch den Raum angetan wird: die letzte Spur ihres Andersseins (ihrer Herkunft, ihrer Fremdheit)?
Eine Bombenstimmung gibt es erst, seit es Bomben gibt, und seitdem allerdings auch nur für die Täter. -
06.12.92
Der Naturbegriff ist der Bann, unter dem die Natur steht.
Natur und Welt sind die durchs Herrendenken vermittelten Säkularisationsgestalten des Himmels und der Erde.
Wird nicht in dem Verfassungsgerichtsverfahren über die Frage der Indikationsregelung im Falle der Abtreibung über die Gültigkeit des Satzes entschieden „Fiat justitia, pereat mundus“? Ein Verfassungsgericht, das sich um die moralische Verfassung der Republik nicht mehr schert, trägt bei zu ihrem Untergang. Es wäre zweifellos auch für einen Verfassungrichter eine lohnende Frage, ob nicht die Aufhebung der strafmildernden Wirkung von Trunkenheit zur Lösung des Problems der Gewalt in dieser Gesellschaft ganz erheblich beitragen könnte. Aber ein Recht, in dem Trunkenheit strafmildernd und Denken strafverschärfend sich auswirkt, paßt zu einem Abtreibungsrecht, das noch den Uterus der Frau dem Gewaltmonopol des Staates unterwirft. Die Wut, mit der die raf verfolgt wurde (und immer noch verfolgt wird), sind aus den Taten der raf allein nicht mehr abzuleiten – dann müßte angesichts der derzeitigen Pogrome in Deutschland ähnlich verfahren werden -; begründet war sie vor allem als Reaktion auf die politische Kritik, deren Diskriminierung das vorrangige Ziel war.
Welches Übermaß an Gewalt notwendig ist, um den staatlichen Eigentumsschutz (nach außen und nach innen) heute noch zu gewährleisten, kennzeichnet den Zustand der Welt aufs genaueste. Und rechte Gewalt ist deshalb rechtlich so schwer zu fassen, weil es keine realen Eigentumsrechte tangiert (wieviel Asylanten wiegt ein Opfer der raf auf?).
Wie hängen Geld und Schrift mit dem Ursprung des Privateigentums (dem Ursprung der staatlichen Organisation einer Gesellschaft von Privateigentümern) zusammen, und wie tief greifen sie in die mit dieser gesellschaftlichen Verfassung verbundenen Gestalt der Vernunft ein?
In Hegels Philosophie ist der Weltbegriffs bereits vorausgesetzt und sein Ursprung (wie der von Raum und Zeit in der kantischen Philosophie) ins Unerkennbare verschoben.
Welche Bedeutung haben die Zweierkonsonanten phi, psi, chi, xi im Griechischen; steht ihr Ursprung in Zusammenhang mit der Einführung der Vokale in die Schrift und dem Verschwinden des Digamma (F) und des Aspiranten (H)? Gibt es ausßerdem einen Zusammenhang mit der Benennung der Kreiszahl Pi?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vokalen und den Planeten? Und ist nicht der Name JHWHs eine Vokalfolge?
Wie wäre es mit dem Titel: Läuse im Pelz?
Beruhen nicht Scham, Entzündung, Fieber, Hitze auf einer Hemmung des Angesichts?
Steckt da nicht eine ebenso ungeheuerliche wie fatale Konsequenz drin, wenn bei den Velikovsky-Anhängern jetzt dem Venus-Konkretismus jetzt eine historische Verschwörungstheorie („Karl der Fiktive“) folgt?
Liegt das Barbaren-Hebräer-Problem nicht noch eine Stufe tiefer: Hängen der Schöpfungsgedanke und das Bewußtsein der Fremdheit logisch und inhaltlich zusammen, so daß beide nur gemeinsam bejaht oder verneint werden können?
Die Fundamentalontologie ist der Strick, mit dem sich die Vernunft in der staatlich verfaßten Gesellschaft von Privateigentümern selbst erdrosselt. An der Fundamentalontologie wäre wie an einem klinischen Objekt zu studieren, was die Sünde wider den Heiligen Geist bedeutet (die Sünde wider den Heiligen Geist ist – in der logischen Folge des Eigentumsdenkens – die Weigerung, die Sünden der Welt auf sich zu nehmen).
Zu Heideggers In-der-Welt-Sein: Das Paradigma Innen-Außen läßt sich von der Vorherrschaft des Außen (und der Selbstzerstörung des Innen) nicht mehr trennen. Der Gedanke an ein gegen das Außen sich behauptendes Innen ist durch die Geschichte der Naturwissenschaften obsolet geworden.
Die Erde ist der dritte Planet; zwischen ihr und der Sonne sind auf der Erdseite der Mond, auf der Sonnenseite Merkur und Venus, außerhalb sind Mars, Jupiter und Saturn. -
02.12.92
„Unbekannt verzogen“: Das Vergehen des Umzugs wurde vor den zuständigen Behörden nicht „bekannt“; so bleibt sie schuldig.
Heideggers Fundamentalontologie ist Objektphilosophie, die das Konstitutionsproblem durchstreicht. Begriffe wie „Dasein“ und „Existenz“, man mag sie wenden wie man will, sind Kategorien der transzendentalen Logik, d.h. transzendental ableitbar und keine letzte Gegebenheiten.
Wie ergeht es einem Richter nach dem Urteil? Omne animal post coitum triste.
Wenn die Copula (das Urteil) etwas mit der Kopulation zu tun hat, dann ist das unreflektierte Dogma eine Verkörperung der Unzucht (und jede Verurteilung, wie in konzentriertester Gestalt dann auch die Fundamentalontologie, eine Vergewaltigung). Ex negativo wäre hieraus das Problem der Keuschheit der Sprache zu entwickeln: das Ideal der erkennenden, der theologischen Sprache. Und die drei evangelischen Räte, die im Kontext der verdinglichten mönchischen Weltverneinung selber verdinglicht worden sind: Armut, Gehorsam und Keuschheit, werden überhaupt erst begriffen, wenn man in ihnen Momente der Sprachreflexion, ihre Beziehung zum Problem der benennenden Kraft der Sprache, erkennt.
Wie dem Weltbegriff in den drei Offenbarungsreligionen die Lehre von der Schöpfung entgegensteht, so dem durch den Weltbegriff vermittelten Naturbegriff die Lehre von der Auferstehung der Toten. Die Welt nagelt die Dinge auf ihr Anderssein fest; dagegen hilft nur parakletisches Denken.
Ist die Wahrheit „beweisbar“; was heißt „beweisen“? Wie und in welcher Richtung wird die juristische (und wissenschaftliche) Wahrheitsfindung eingeschränkt durch die Beweisforderung? (Aus Gründen der Beweislogik ist Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand: Hängt hiermit, d.h. mit Systemgründen, und nicht mit Gründen der persönlichen Gesinnung, das Problem der unterschiedlichen rechtlichen Bewertung politischer Delikte danach, ob sie aus der rechten oder der linken Szene kommen, zusammen? Indizien: Bekennerschreiben und Grabschändungen.) Vergleiche hierzu die Bedeutung und die Geschichte des Zeugen und das Problem des perfekten Verbrechens. -
27.11.92
Was heißt eigentlich: su ei Petros, kai epi tautä tä petra oikodomäso mou tän ekklesian, kai pylai hadou ou katischysousin autäs. kai doso soi kleis täs basileias ton ouranon, kai ho ean däsäs epi täs gäs estai dedemenon en tois ouranois, kai ho ean lyseis epi täs gäs estai lelymenon en tois ouranois. (Mt 1618f, vgl. 1818: hosa ean däsäte epi täs gäs estai dedemena en ourano kai hosa ean lysäte epi täs gäs estai lelymena en ourano.)
– „auf diesem Felsen“: Petrus, der Fels, ist der Grund der Kirche wie die Erde der Grund des Bindens und Lösens, das auch in den Himmeln gilt, ist;
– an Petrus: die Schlüssel des Himmelreichs, beziehen sich auf das Schließen und Öffnen: Objekt im Singular, „in den Himmeln“ im Plural;
– an die Jünger: Binden und Lösen: Objekt im Plural, „im Himmel“ im Singular.
Adornos Bemerkungen „Zum Ende“ in den Minima Moralia: wären sie nicht anzuwenden auf die Kirche, und wäre damit nicht das Lösen vorbezeichnet? Ist nicht die „vollendete Negativität“ die Kirche als steinernes Herz der Welt (die Greuel am heiligen Ort)? In den gleichen Kontext gehört auch das Wort von der vollständigen Säkularisation der theologischen Gehalte, insbesondere die Reflexion auf die Zweideutigkeit des Konzepts der „vollständigen Säkularisation“.
Was ist der Unterschied zwischen Erfahren und Ergehen: Das habe ich erfahren, aber: so ist es mir ergangen.
Die Stummheit des Helden durchdringt seit der Verinnerlichung des Schicksals fortschreitend die Sprache insgesamt. Der Nominalismus ist das wachsende Bewußtsein davon. Diese Stummheit hat sich aber im allgemeinen Gebrauch als Geschwätz unkenntlich gemacht. Die Sprachlosigkeit wird nicht mehr erfahren. Wir selbst haben die Schöpfung als Natur zum Schweigen gebracht.
Bezeichnen das deutsche Sein und das englische to be nicht doch beide ein Possessivverhältnis: das Sein als selbstbezogenes, das to be als fremdbezogenes Possessivverhältnis. Hängt es damit zusammen, daß die englische Sprache und der englische Geist gleichsam hebräischer und alttestamentlicher sind als der deutsche? Hängt es damit zusammen, daß die englische Sprache die Intimkonkurrenz, die in Deutschland diese fürchterlichen Folgen hatte, nicht kennt? Und ist nicht die Schelersche Englandkritik (wie überhaupt die Englandfeindschaft der Deutschen) ein projektiv verschobener Antisemitismus?
Wann hat sich das Neutrum gebildet? Das sprachliche Geschlecht, das den Akkusativ zum Nominativ, das Objekt zum Subjekt macht: Ausdruck der Erfahrung, daß auch die Sache tätig ist. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bildung des Neutrum und dem Ursprung des Futur II? Gibt es im Hebräischen ein Neutrum, und hängt das Neutrum mit dem Auf-dem-Bauche-Kriechen und dem Staubfressen der Schlange zusammen (ist das Neutrum durch die Institution des Königtums vermittelt – vgl. die Jotam-Fabel)? Das Hegelsche Absolute ist der gefallene Gott.
Josef war ein Zimmermann, Simon/Petrus ein Fischer, Saulus/Paulus ein Zeltmacher.
Das Verhältnis von Bekenntnis und Tat ist genau umgekehrt, als die Bekenntnislogik uns einreden will. Nicht nur das Schuldbekenntnis, auch das „Glaubens“-Bekenntnis folgt (als Rechtfertigung) dem Handeln. Das Bekenntnis steht in der magischen Tradition, wenn es glaubt, sich der Verurteilung durch andere dadurch entziehen zu können meint, daß es gleichsam prophylaktisch in sie mit einstimmt (automatisierte Heuchelei). Das neutestamentliche homologein meint die Nachfolge, nicht das „Lippenbekenntnis“. Zur Bekenntnislogik gehört als Grundlage und als Konsequenz: Man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen.
Über den peer-group-Effekt, die Mutprobe und die Komplizenschaft führt das Bekenntnissyndrom direkt in den Faschismus. Aber diese Mechanismen gibt es auf beiden Seiten: Auf der staatlichen Seite (in der Verwaltung, in der Polizei, im Strafvollzug, der jede hierarchische Struktur auf ihren gemeinsamen Nenner bringt) ist der Grundsatz: Sich nur nicht erwischen lassen, durch den anderen „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“ handbar gemacht, instrumentalisiert worden.
Jericho, Sodom, Gibea:
– in Jericho: die Boten Josues werden von der Hure Rahab aufgenommen und vor dem Angriff der Einwohner Jerichos gerettet; beim Untergang Jerichos wird nur Rahab gerettet.
– in Sodom: die Boten JHWHs werden von Lot aufgenommen und vor dem Mob in Schutz genommen; Lot bietet dem Mob seine Töchter an, die Boten JHWHs schlägt die Angreifer mit Verblendung (und retten Lot und seine Töchter).
– in Gibea: ein Levit, der als Fremder im entlegensten Teil des Gebirges Ephraim lebt, kommt mit seiner Nebenfrau (aus Bethlehem in Juda, dem Geburtsort Davids) nach Gibea (dem Geburtsort Sauls), findet keine Herberge, sitzt auf dem Marktplatz bis ein alter Mann, der als Fremder in Gibea lebt, kommt und ihn in sein Haus aufnimmt. Als der Mob kommt und die Herausgabe des Fremden fordert, bietet der Gastgeber seine jungfräuliche Tochter und die Nebenfrau des Leviten an; der Levit greift seine Nebenfrau und bringt sie dem Mob, der bis zum Anbruch der Morgenröte seinen Mutwillen mit ihr treibt. Am Morgen findet der Levit die Frau tot vor der Schwelle. Er nimmt die tote Frau auf seinem Esel mit in seine Heimat, zerschneidet sie dort in 12 Teile und schickt je einen Teil an die Stämme in Israel (es folgt der Rachefeldzug Israels gegen Benjamin, die Zerstörung Gibeas, der Schwur von Mispa, die Neubegründung Benjamins: Raub der Frauen von Jabesch-Gilead). -
26.11.92
Überschriften in der Frankfurter Rundschau von heute:
– S. 1: „Sorge vor Kundgebung in Mölln“, nur im Untertitel: „Roma in Essen niedergestochen“ – Die Sorge vor der Demonstration gegen den Rassismus ist wichtiger als die über einen rassistischen Vorfall?
– S. 2: „Wolf mit Hakenkreuzen erschreckt die Welt“ – Die Reaktionen im Ausland erschreckender als Taten?
– S. 4: „Klose betont staatstragende und patriotische Haltung der SPD“ – Titel verkehrt den Sachverhalt ins Gegenteil. Klose hatte darauf hingewiesen, daß die SPD sich staatstragender und patriotischer verhalte als beispielsweise Strauß in seiner berüchtigten Sonthofener Rede. Vergleichbar der gelegentlichen Bemerkungen von Karl Kraus (die im übrigen logisch begründbar ist), daß die Deutschgesinnten in der Regel des Deutschen nicht mächtig seien. Aber welcher Titelgeber versteht schon das Wahrheitsmoment in einer satirischen Wendung. (So sind einmal die Dogmen entstanden: Verwechslung des konditionalen Satzes mit einem apodiktischen. Die Folgen sind geschichtlich nachprüfbar.)
– S. 5: Weitere Meldungen zum Thema Xenophobie:
. „Wende im Fall Silvio Meier“ (Klärung, daß der Mord politisch motiviert war)
. „Jüdisches Ehrenmal geschändet“ (Täter wurden nach Feststellung der Personalien auf freien Fuß gesetzt)
. „Angriff auf Wohncontainer von Ausländern in der Pfalz“
. „Runde Tische gegen Gewalt angeregt“ (die kleinste Überschrift der Seite mit einem Bericht über Aktionen und Demonstrationen gegen Ausländerfeindschaft)
. „Fahrt durch deutsche Nacht“ (Bericht über das Verhalten von Bahn- und Polizeibeamten gegenüber türkischen Reisenden)
. „Nur Darlehen an Flüchtlinge“ (Bayern hat Forderungen zur Asylpraxis nochmals verschärft, u.a. gefordert, Leistungen an Asylbewerber nur noch als Darlehen zu gewähren)
. „Telefonkette für Ausländer“ (Aktion der Stahlarbeiter von Hoesch in Dortmund)
. „Mahnminuten in Bremen“ (Bericht über eine Aktion der IG Metall und der Metallarbeitgeber in Bremen)
. „Viele Juden wollen auswandern“ (Mitteilung der Jewish Agency)
. „Traurige Bilanz deutscher Entwicklungshilfe“ (Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Entwicklungspolitik war beherrscht von den ausländerfeindliche Vorfällen in der BRD)
– S. 17: „Die nächste „taz“-Krise kommt bestimmt“ – Hämischer Bericht über das „schwindsüchtige Blatt“ (Achtung: Ist Schwindsucht nicht ansteckend?). „Wo sonst wird hartnäckig, wochenlang mit der Hatz auf die Ausländer auf der ersten Seite aufgemacht, der Terror nicht kleiner, nur weil er „alltäglich“ wird (eine Hatz ist sicherlich etwas anderes als beispielsweise ein Pogrom, mit dem der wochenlange Terror nach Meinung der FR nicht verglichen werden darf H.H.)? … Wo, wer, wann gegen Ausländerfeinde demonstriert, bedrohte Unterkünfte von Asylbewerbern schützt – in der „taz“ kann man es erfahren.“
Ich meine, jetzt reicht’s.
Mit meinem moralischen Urteil erhebe ich Anspruch auf das Verfügungsrecht über den anderen (Grund der Wertethik, der Beziehung von Wert und und instrumentalisiertem Sein, Zusammenhang mit Marx‘ Begriff der Ware). Jegliche Sorge gründet in diesem urteilsmoralischen Kontext. Und durch das Recht macht der Staat diesen Besitzanspruch über den Strafvollzug gegen jeden „Straftäter“ (welcher Begriff das Objekt des Strafvollzugs zu ihrem Subjekt macht: Straftäter kann sprachlich nur der Strafende sein, das Objekt der Strafe nur, wenn es sich selbst bestraft) geltend. Jeder Zaun, mit dem ich mein Eigentum zu schützen trachte, und jede Grenze, mit der der Staat die Ausländerflut eindämmt, gleicht den Gittern der Gefängnisse (hier liegt die aktuelle Bedeutung des Paradigmas Innen/Außen).
Welche grammatischen Formen und Strukturen werden mit der Formalisierung der Logik ausgeklammert? Am auffälligsten ist die hypothetische Beziehung, die Beziehung von Grund und Folge. Wie hängt diese Beziehung mit den Kasus zusammen, insbesondere mit der Funktion von Genitiv und Dativ (es bleiben nur die identisch gesetzten Nominativ und Akkusativ)? Auch fehlen Entsprechungen zu den Konjugationen (Konjunktiv, Futur und Vergangenheit), während Indikativ und Imperativ ununterscheidbar werden wie bei den Kasus Nominativ und Akkusativ. Und nicht zuletzt sind die Beziehungen der Personalpronomina zur formalisierten Logik unbestimmbar. Insgesamt ist die Affinität zur deutschen „Ausländersprache“ (dem Ausländer-AcI) unverkennbar. Der ganze Bereich dessen, was man den strukturellen Ausdruck der human relations in der Sprache nennen könnte, fällt aus. Frage: Läßt sich die formalisierte Logik mit den Mitteln der formalisierten Logik noch beschreiben? Liegt hier nicht der Grund für den sprachlichen Zustand so vieler Software-Handbücher? Und ist das, was nicht innerhalb der formalisierten Logik reflektiert werden kann, damit aus der Welt? Genauer: Wird nicht die instrumentalisierende Wirkung durch die Formalisierung der Reflexion entzogen, aber eben damit stabilisiert, der Kritik entzogen?
Mit der Konstituierung der Instrumentalisierung begründet der Objektivationsprozeß die Sorge, Folge der Einbeziehung der Moral (als Ursteilsmoral) in den Herrschaftszusammenhang (Verdinglichung und Personalisierung). Analyse des aus dem Landserjargon in die allgemeine Sprache übernommenen Begriffs „Besorgen“ (etwas b., aber auch „es jdm. b.“: „Wem du’s heut noch kannst besorgen, den verprügle nicht erst morgen“ – „Was fixierst du mich?“ – Zusammenhang mit dem Antlitz des Hundes).
Wenn Augustinus in die Idee des seligen Lebens den Anblick des Leidens der Verdammten mit hereinnimmt, so bedarf es nur einer (mit der Funktion des Weltbegriffs verbundenen) geringfügigen Verschiebung, um dieses Konzept der Wahrheit zuzuführen: Es gibt kein seliges Leben ohne die Erinnerung (und nicht „ohne den Anblick“) des Leidens (Erinnerung des vergangenen Leidens der Andern und der eigenen vergangenen Schuld). Die Verschiebung der (zeitlichen) Erinnerung in den (räumlichen) Anblick wurde ermöglicht durch die Übersetzung des Auf-sich-Nehmens der Schuld in seine Hinwegnahme: durch die falsche Exkulpierung, die der Rezeption des Weltbegriffs sich verdankt.
Die Kritik der Zweckursachen, der causae finales, ist ein Teil Kritik des Begriffsrealismus (Ursprung des Nominalismus), Tilgung der Spuren der benennenden Kraft der Sprache im Begriff. Der letzte Rest der Begriffsrealismus ist der Begriff des Seins; seine verandernde Kraft rührt her aus diesem Ursprung. Die Frage nach dem Sinn von Sein, die sowohl die Bedeutungsanalyse als auch den existentiellen Ton (ob das Sein überhaupt einen Sinn hat) bezeichnet, reflektiert in diesem Bruch den von Objekt und Begriff, der vom Begriff des Seins nicht zu trennen ist, sie ist eine immanente Konsequenz der Urteilsform.
Das Sündenvergeben und die Austreibung der Dämonen gehören zusammen und bilden (und antizipieren) gemeinsam die Idee der Erlösung. Wobei die Dämonenaustreibung, der Kampf gegen die Archonten, die verbleibende, die schwierigste Aufgabe ist.
Läßt sich nicht an dem englischen „become“ und seinem Verhältnis zum deutschen „bekommen“ der ganze Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Sprache demonstrieren? Das „bekommen“, der Erwerb, die Inbesitznahme, verhält sich zum „become“, dem Werden, im Englischen wie das Sein (das sich aus dem Possessivpronomen herleitet) zum to be (in dem sich das Präfix be- reflektiert): dem englischen „become“ würde das deutsche Hervorkommen, Erscheinen, entsprechen; das deutsche „bekommen“ ist auch ein Ins-Sein-Kommen, aber dieses Sein wird es erst durch seine Beziehung zu Mir (Repräsentant des absoluten Subjekts des deutschen Idealismus). Bei Hegel wird der Bildungsprozeß des Begriffs zu einem Aneignungsprozeß des Absoluten, das Sich in allem wiederfindet.
Wie verhält sich das bei anderen englischen Verben, die das Präfix be- enthalten (z.B. „believe“)?
Das Brandopfer ist ein Gott angenehmer Geruch. Dazu würde die Baadersche Charakterisierung der Hegelschen Philosophie als Auto da Fe der bisherigen Philosophie vorzüglich passen. Wird so das Opfer Abels (das Gott dem Opfer Kains vorzieht) verständlich? Nämlich durch sein Verhältnis zu Adams Namengebung der Tiere und durch die Äquivalenz des Brandopfers mit den Gebeten der Heiligen (die ebenfalls als ein Gott angenehmer Geruch bezeichnet werden). In diesem Zusammenhang gewinnt der Satz Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen …“ seine ungeheure Bedeutung.
Wäre es nicht an Zeit, endlich einmal über die Sinnlichkeit Gottes zu schreiben, über sein Riechen, Sehen, Schmecken, Hören. Ist nicht die Lehre, daß Gott Geist ist, jedenfalls in der Fassung, in der sie heute (durch den Zusammenhang von Welt und Geist) verstanden wird, einer der Gründe für die sich ausbreitende Xenophobie und die allgemeine Hilfslosigkeit dagegen. Wenn Gott Geist ist, dann sind die ihn gegenwärtig repräsentierenden Fremden Gespenster, die es zu vertreiben gilt, um die Welt zu retten. Die Fremden in Jericho waren die Boten Josues, die in Sodom waren die Boten JHWHs (und in Gibea?).
Welche Bewandnis hat es mit dem Verschwinden der Konsonanten F (W) und H (H), und ihren Ersatz durch Phi und Chi (auch Psi?), als die Griechen die Vokale einführten? Und was drückt sich in der Geschichte der Schrift und des Alphabets, der Richtungen der Schrift (von rechts nach links, von links nach rechts, von oben nach unten) aus? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „Sitzen zur Rechten des Vaters“ und dem Wechsel der „Offenbarung“ von der hebräischen zur griechischen Schrift? -
25.11.92
Haben die sieben Siegel der Apokalypse etwas mit dem historischen Ursprung und der Funktion des Siegels zu tun (Signum der Person, des Eigentums, des Befehls und Auftrags, des Erlasses)?
Die Beziehung von Person und Eigentum (Grund des Siegels) ist eine genitivische Beziehung; was bedeutet der Begriff Genitiv?
Mordgründe: Vatermord (Freud), Brudermord (Bibel), Tyrannenmord (Herrenmord), Raubmord (Mord des Eigentümers), Sexualmord (Vergewaltigung).
Gibt es eine von der Zwangs- und Schuldlogik (Anklage) abweichende Logik der Befreiung (Verteidigung)? Und sollten nicht endlich die, die darin geübt sind, Anwälte des Staates heißen? Macht nicht das Institut des Staatsanwalts den Staat zu einer paranoischen Institution?
Nochmal gesinnt und gesonnen: Ist nicht der Ursprung der Gesinnung die Nationalgesinnung (als transzendentallogischer Grund und als Absicherung des moralischen Urteils)? Und liegt nicht die unterschiedliche Behandlung rechter und linker Straftaten darin, daß Gesinnung (wie auch die Gemeinheit, in der sie wurzelt) kein Straftatbestand ist? Gleichwohl fiel es Staatsanwälten nicht schwer, Begriffe wie „anschlagsrelevante Themen“ (die in der Regel sich auf Fragen der politischen Moral bezogen) zur Grundlage von Ermittlungen zu machen, und über Rechtskonstruktionen wie „terroristische Vereinigung“, „Befürwortung von Gewalt“ u.ä. Gesinnungen strafrechtlich zu verfolgen, während erhebliche logische Verrenkungen notwendig waren, um die Übernahme der Ermittlungen im Falle Mölln durch die Bundesanwaltschaft zu begründen. Wie kommt es, daß der Begriff der Gesinnung zwar die Gemeinheit schützt, nicht aber die politische Moral? Blendet nicht gerade der Begriff der Gesinnung das Entscheidende aus, und liegt der Grund hierfür nicht in dem Zusammenhang von Gesinnung und Gemeinheit?
Die Asylanten-Diskussion und die rechtsterroristischen Anschläge haben sich wechselseitig begründet und verstärkt. Jetzt schlägt es um – und das war lange schon erkennbar – auch auf andere „Ausländer“, und wahrscheinlich in erster Linie auf Türken; wäre es da nicht endlich an der Zeit, die zutiefst zweideutige und inhumane Situation der „Ausländer“ in diesem Lande dadurch zu beenden, daß das Verfahren der Einbürgerung erleichtert und insbesondere die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft eröffnet wird. Das unterschwellig diskriminierende Wort von „unseren ausländischen Mitbürgern“ („unseren jüdischen Mitbürgern“) sollte uns langsam im Halse stecken bleiben.
Wie wäre es mit der Überlegung, all jenen, die Straftaten gegen Ausländer begehen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Die Begründung dürfte nach der Vergangenheit, die hier wieder hochkommt, keine großen Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht, wenn sie schließlich selber Ausländer sind, rotten sie sich dann gegenseitig aus. So könnte das Wort „Wir sind ein ausländerfreundliches Volk“ vielleicht doch noch wahrwerden.
In den Weltuntergang, dessen Zeugen wir und unsere Eltern seit einem Jahrhundert sind. ist auch die Theologie mit hereingerissen worden. Die beiden Fluchtwege: der Fundamentalismus und ein theologischer Liberalismus, der die Trümmerstätte als Steinbruch benutzt, führen nicht ins Freie.
Schuld ist das lähmende Bewußtsein, Objekt des Urteils anderer zu sein.
Verweist das Wort „und sitzet zur Rechten des Vaters“ auf die Bindung der Rechten des Vaters durch den Sohn: auf das Aufhalten der Barmherzigkeit, die seitdem im Exil ist, auf die Herrschaft der richtenden Gewalt, auf den Punkt, auf den die der Kirche verheißene Lösungsvollmacht sich bezieht (den Krieg zwischen JHWH und Amalek von Generation zu Generation – vgl. Ex 78ff)? Erst seine Wiederkunft wird das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht bringen. -
10.11.92
Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Preis, das Opfer und die Strafe.
Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Das Inertialsystem wird nicht siegen. Und ist hiernach die Rücknahme der Verurteilung Galileis, und zwar der Form, nicht der Sache nach, ein Teil der Selbstverfluchung?
– Sollte der Papst wirklich gesagt haben: Galilei, ich verzeihe dir, so klingt das, als wenn auch die Deutschen eines sich bereit erklären würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen.
– Und wenn der Papst die Männer der Inquisition mit dem Hinweis auf den „guten Glauben“, in dem sie gehandelt hätten, verteidigt, so wird man daran erinnern müssen, daß mit dem gleichen Argument („fehlendes Unrechtbewußtsein“) die ganze Nazijustiz freigesprochen wurde, ja daß mit diesem Argument die Täter selber (in Auschwitz und den anderen KZs), die auch glaubten, für eine gute Sache zu handeln, nicht hätten schuldig gesprochen werden dürfen. Auch der Fremdenhaß und der Antisemitismus sind bona fide geschehen.
Das „Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann und darf niemand auf sich selbst anwenden (dieser Aspekt, der eine seiner Wurzeln in der paulinischen Gesetzeslehre hat, gehört zu den Gründen der Theologie).
Das bona fide gehört zu den Wurzeln der Perfidie, die die Kirche seit je an den anderen (insbesondere an den Juden) verfolgt hat.
Zur Anzeige der Frankfurter Sparkasse in der FR von heute: Dies ist der unverhohlene Aufruf dazu, Frankfurt endlich mieterfrei zu machen. Der Hinweis darauf, welche Gewinne z.Z. aus den Mietsteigerungen gezogen werden können, ist selber eine der Hauptursachen der Mietsteigerungen. Hier (an der Grenze, an der Politik, Ökonomie und Reklame in einander fließen) läßt sich verdeutlichen, wie Anschauungen, die vorgeben, ideologiefrei zu sein, fast naturgesetzlich und zwangsläufig Zustände begründen, die Haß auf die Fremden dann als Blitzableiter brauchen, d.h. zum Ideologie-Generator werden. Diese Reklame verschweigt nicht mehr nur den Tod, sondern sie gehört zu den Schreibtisch-Ursachen des Mords. Heute glaubt die Politik insgesamt, durch Perhorreszierung des Denkens ideologiefrei leben zu können.
Der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit unter dem Titel Rassismus ist ohnmächtig und hilflos, weil nach dem Modernisierungsschub, den der Faschismus geleistet hat, die Brutalität die Rechtfertigung durch den Rassismus nicht mehr braucht, sondern schlicht und einfach nur noch auf Fremdheit reagiert. Und die, die heute als Nazis sich gerieren, haben das entweder noch nicht gemerkt (und sind noch dümmer, als die Nazis es schon waren), oder sie verkleiden sich bloß aus Reklamegründen, nutzen das Nazibild als Wirkungsverstärker.
War die Gnosis nicht ein Stück offener Projektion, steckte der Demiurg nicht in der logischen Fluchtlinie jener Gestalt der Theologie, die durch Zuhilfenahme der Philosophie von ihrem jüdischen Ursprung glaubte sich emanzipieren zu müssen? Der christliche Gott trägt seit den Anfängen der hellenisierten Theologie demiurgische Züge; so war der Zwang, sie auf den eigenen Ursprung zu projizieren, fast unwiderstehlich. In der Gnosis hat die Kirche erstmals ein Stück ihrer selbst verdammt, ohne sich real davon befreien zu können. Und hat die Kirche nicht seitdem in ihren Feindbildern das Unerlöste in sich selber gehütet und gepflegt?
Seid arglos wie die Tauben: Steckt nicht in jedem Wohnen ein Stück „Argwohn“?
Rankes Satz, es sei Aufgabe des Historikers zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, unterschlägt das Was. Er vernebelt damit, daß für den Historiker dieses Was vorgegeben ist durch sein (damals vor allem nationales) Interesse. Nur wer das nicht mehr zu reflektieren bereit ist, für den bleibt nur das Erkenntnisziel, wie es den eigentlich gewesen sei. Das Was erscheint als Objekt der freien Wahl.
Randbemerkung hierzu: Spielt hier nicht auch die merkwürdige Beziehung der Fragewörter zu den bestimmten Artikeln mit herein, die Beziehung von wer wie was zu der die das?
– Hier steht das Wie in einer noch unaufgeklärten Beziehung zum femininen Artikel. Hängt das Wie mit der Instrumentalisierung des Weiblichen zusammen, die die patriarchalische Sprache insgesamt charakterisiert? Und
– hängt es nicht auch damit zusammen, daß in den indogermanischen Sprachen im Weiblichen Genitiv und Dativ (und im Weiblichen und im Neutrum Nominativ und Akkusativ) nicht zu unterscheiden sind. Das aber heißt, daß das Weibliche wie das Neutrum im strengen Sinne subjektlos sind (keinen Nominativ haben), nur als (aus dem Akkusativ abgeleitetes) Objekt vorkommen, und daß im Weiblichen darüber hinaus durch die Nichtunterscheidung von Genitiv und Dativ das Herrschafts- und Besitzverhältnis des Genitiv von der Geschenk- und Gnadenbeziehung des Dativ nicht sich trennen läßt: die Differenz von Hingabe und Vergewaltigung (ähnlich wie die Gemeinheit überhaupt) in der Sprachstruktur nicht bestimmbar ist.
– Die Trennung von Masculinum und Neutrum, von Person und Sache, ist im Femininum gegenstandslos; das Neutrum ist ein abgespaltener Teil des Masculinum: deshalb gelten Frauen als unsachlich, als der Logik nicht fähig.
– Frage: Wie hängt das zusammen mit der Bildung des Futur II (dessen Ursprung sich herleiten läßt aus dem Ursprung des Privateigentums, der neuen Bedeutung der Vaterschaft und seiner Beziehung zur Funktion der Erbschaft): liegt hier nicht der Grund der Trennung von Person und Sache, von der das Weibliche ausgenommen ist?
– Wie hängt diese Sprachstruktur mit dem Ursprung des Objektbegriffs, mit dem Begriff des Schicksals und der Geschichte seiner Verinnerlichung in der Gestalt des bürgerlichen Subjekts und im Ursprung der Philosophie zusammen?
– Ist dieser Zusammenhang des Masculinum, Femininum und Neutrum nicht im Sündenfall, im Verhältnis von Adam, Eva und der Schlange vorgebildet; verweist nicht insbesondere die Geschichte mit dem Staub (zu dem Adam wird, und von dem die Schlange sich nährt) auf den besonderen Charakter des Verhältnisses von Männlichem und Sachlichen? Das Neutrum ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt.
Unter der Herrschaft des Weltbegriffs wurde das Antlitz der Erde entstellt und die ganze Schöpfung in der Naturhölle eingesperrt.
Die andere Bedeutung des Futur II: Es wird (wohl so) gewesen sein, ist zu ergänzen durch das „Wenn du es sagst“. Hier wird die Autorität von der Sache in die Person zurückgenommen und zugleich relativiert. Hier reflektiert sich die Unterscheidung von Person und Sache, die im Männlichen gründet. Das Logozentrische des Indogermanischen ist der Widerpart des Logos.
Hängt die Logik jener „Tiefenzeit“ bei Stephen Jay Gould nicht mit jener Logik zusammen, die die Reklame heute zu einem Mordinstrument macht, und mit der gleichen Logik, die die Politik von den realen Erfahrungen der Menschen auf eine fast nicht mehr nachvollziehbare Weise entfernt? Das aber heißt, ist sie nicht ein Teil jener Logik, die heute die Welt insgesamt in sodomitische Zustände hineintreibt -
30.10.92
Das „und was du auf Erden lösen wirst, …“ ist das Objekt des paulinische „Harrens der ganzen Schöpfung“ (auf die Freiheit der Kinder Gottes).
Ist das Binden und Lösen nicht vorbezeichnet in der Geschichte der „Bindung Isaaks“?
Wenn bei Hegel die Idee die Natur „frei aus sich entläßt“, dann erinnert das nicht zufällig an den sonstigen Gebrauch des Wortes Entlassen: an die Entlassung aus einem Arbeitsvertrag oder aus der Haft, wie überhaupt Verwaltung und vergesellschaftete Arbeit, Begriff und Strafvollzug nicht unabhängig von einander zu denken sind: alle stehen in einer vergleichbaren Objektbeziehung. Und was Hegel der Natur ankreidet: daß sie den Begriff nicht halten kann, ist eher ein Vorzug der Natur als ein Defekt des Begriffs. Nur: Als aus der Idee Entlassene ist die Natur für Hegel mit dem gleichen Makel behaftet, mit dem jeder Entlassene in der bürgerlichen Gesellschaft behaftet ist.
Ontologie und Ethik stehen im Verhältnis der Umkehr zueinander.
Ist die christologische Zwei-Naturen-Lehre nicht im Stern der Erlösung enthalten, und zwar in der Weise, daß sie mit dem Beginn der gleichen Bewegung (den Naturen Gottes und des Menschen im ersten Teil) zusammenfällt, aus der (durch Entfaltung und Umkehr) der Begriff der Offenbarung hervorgeht?
Das Lamm, das berufen ist, die sieben Siegel zu lösen, hat diese Fähigkeit schon bewiesen in der Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern. Nur unter dem sexistischen Vorzeichen, von dem sich die theologische Tradition seit den Kirchenvätern nicht hat lösen können, wurde aus der einzigen, die die Umkehr vollzogen hat, die Büßerin, die es wohl schlimm getrieben haben muß.
Müßte nicht in der Karfreitags-Liturgie die felix culpa durch das felix peccatum ersetzt werden; denn die felix culpa bezieht sich nicht auf die Schuld der Väter, sondern auf die Sünde der Mutter (Ps 10914).
Ist bei den Sünden der Mutter nicht auch an Lots Weib (und an Jürgen Ebachs Hinweis dazu in „Ursprung und Ziel“, S. 147ff) zu denken?
„Wenn ein Deutscher die Wahrheit sagt, ist er ein Grobian“: Ist der Begriff der Wahrheit in diesem Satz zu halten? Wird er nicht definiert durch einen Begriff der Lüge, der den Verzicht auf Herrschaftskritik zur Grundlage hat? Und ist es nicht ein Wahrheitsbegriff, zu dessen Voraussetzungen die Logik der Personalisierung und zu dessen Konsequenzen Xenophobie und Antisemitismus gehören? Zu seinen Konstitutionsbedingungen gehört der Zusammenhang des Weltbegriffs (Korrelat der Personalisierung) mit der Bekenntnislogik (dessen exkulpatorische Funktion die Sündenbockmechanik mit einschließt).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie