Justiz

  • 19.03.92

    Das Problem des Rechts ist
    a) das empirische und logische Problem der Objektivität des Beweises: Nicht zufällig gehören zu den ersten Gesetzen Bestimmungen über die Beweiskraft von Zeugen; und das erste Beweisproblem war das der Vaterschaft (wer bezeugt seine Zeugenschaft? Rühren hierher die Probleme der Beweiskraft weiblicher Zeugenaussagen: Sind Frauen grundsätzlich befangen? – Das Zeugnis erübrigt sich im Falle eines Bekenntnisses) und
    b) in unmittelbarem Zusammenhang damit das sachliche Problem, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand und Macht nicht justiziabel ist.

  • 18.03.92

    Opfer, Heros, König, Messias: BILD und SUPER verschaffen (produzieren) der zweiten Schuld die erforderlichen Projektionsobjekte: In den Monarchien sind es die Königshäuser, die die Aufgabe der stellvertretenden Sühne übernehmen; in der durch den Faschismus hindurch demokratisierten deutschen Gesellschaft kann jeder zum stellvertretenden Opfer für alle werden (allerdings auch nicht ohne den Lohn der Vergöttlichung: in der Gestalt des autoritären Charakters; die letzte Gestalt des säkularisierten Gottes ist der Faschist).
    Hängt es hiermit zusammen, daß es in Monarchien keinen Staatsanwalt, sondern einen öffentlichen Ankläger gibt, und daß hier Indiskretionen nur gegen öffentliche Personen zulässig sind (während in Deutschland niemand besser gegen Indiskretionen geschützt ist als ein Politiker der richtigen Couleur; schutzwürdig ist hier seit je vor allem die Privatsphäre der realen Macht; seit dem Barock hat in Deutschland insbesondere die Macht ihre Privat- (d.h. Intim- und Geheim-)sphäre, die nicht aufgedeckt werden darf: das war der deutsche Weg der Entzauberung, der Weg in den absoluten Staat).

  • 01.03.92

    Innen und Außen vs. Im Angesicht und Hinter dem Rücken:
    – der unendliche Raum: Herrschaft des Außen über das Innen (die Homogenität und Isotropie des Raumes),
    – Zusammenhang der Geschichte der Architektur (Abgrenzung des Innen gegen das feindliche Außen) mit der Geschichte der Religionen und der Philosophie (astronomische Funktion der Tempel; Ontologie: Haus des Seins),
    – Objektivation und Verdinglichung, Genese des Weltbegriffs, Konstituierung des Herrendenkens,
    – Raum und Lachen (Raum und Transzendentallogik des Witzes),
    – Sündenfall, Ursprung und Geschichte der Scham,
    – Ausbreitung der Gewalt, Ursprung der Gemeinheit und Umschlag nach innen, Geschichte des Opfers und Verinnerlichung des Opfers, Terror und Folter,
    – Geheimbereich des Staates (das Innere der objektivierenden Gewalt; Widerpart des Angesichts), Rechtsstaat (Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand) und Staatsanwalt, Erkenntnisbehörden (Stasi, Verfassungsschutz),
    – Nietzsche und Büchner (Gott ist tot; mit einem Lachen ergriff der Atheismus in ihm Platz),
    – Jesus hat nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben,
    – Begriff der Gnade, Sünde wider den Heiligen Geist,
    – nicht Person (Maske) oder Seele, sondern Angesicht als Bild Gottes (gegen die Trinitätslehre und das Dogma: das richtende und das parakletische Denken).
    Das Hinter dem Rücken hat seinen Ursprung in der Idolatrie, im Sternendienst und im Opferwesen. Die erste Erfahrung des Hinter dem Rücken ist die Erkenntnis des Guten und Bösen; oder die Erfahrung des Todes des Anderen.

  • 05.02.92

    Entspringt die Mathematik der Gleichsetzung des Perfekt mit dem Futur II, dem „es ist gewesen“ mit dem „es wird gewesen sein“, m.e.W. dem „Wesen“? Das in den neueren Ontologien so beliebte „Geschehen“ und „Sich Ereignen“ gehört in diesen Bereich. Die Funktion dieser Gleichsetzung ist die der Exkulpation: durch Übersetzung in ein apersonales, gegenständliches „Geschehen“ und „Sich Ereignen“, Begriffe, die zunächst für natürliche Prozesse. dann aber, insbesondere nach dem Ausgang der Kollektivschuld-Debatte, sich auch für Auschwitz zu eignen scheinen, wird ein ganzes Volk entschuldigt, das sich ohnehin je nach Bedarf nur als Schicksalsgemeinschaft oder als Gemeinschaft passiver und ohnmächtiger Zuschauer (Rundfunkhörer, Fernseher) versteht. Liefern hierzu die verwalteten Religionen den Gewissenskomfort?
    Anders als Radio und Fernsehen, die ein ganzes Volk zu ohnmächtig-passiven Hörern autoritativer Verlautbarungen (eine neue Evangelienübersetzung heißt „die gute Nachricht“) und zu Zuschauern von Herrschafts- und Machtritualen sowie von schicksalhaften Katastrophen macht, ist das Telefon ein Instrument der Intrige. Der neue Faschismus appelliert nicht mehr an die Hörigkeit, sondern an den Bilderwunsch. Deshalb wimmelt es nur so von Welt-, Menschen- und Gottesbildern.
    Die gute Nachricht: Ein Botschaft richtet sich an den Adressaten und erwartet seine Antwort, eine Nachricht liefert nur eine Information über ein objektives, meinem Eingriff entzogenes Geschehen, macht den Adressaten zum passiv-ohnmächtigen Zuschauer. Aber dahin tendiert das Religionsverständnis in den verwalteten Betreuungs-Religionen ohnehin (verweltlichtes Christentum als Dynamisierung der Idolatrie).
    Raum ist ein Verwaltungsbegriff; er präpariert sowohl das Subjekt wie die Objekte der Verwaltung (auch die Vorstandsetage liegt auf einer Verwaltungsebene; kein Zufall, daß Hochhäuser bevorzugte Objekte sowohl für Verwaltungen als auch für Wohnungen von Beamten und Angestellten sind).
    Jede Intention (jedes Ziel, jeder Zweck) hat einen Richtungssinn. Was der Raum – und mit ihm jedes der Orthogonalität nachgebildete System – leistet, ist die Wiedereinbindung jeder Intention in ein Vergangenheitssystem.
    Enthält die double-bind-Theorie eine Theorie des Raumes (Zusammenhang mit der Struktur der Lohnarbeit)?
    Wie bestimmt sich das Trägheitsmoment eines Kreisels, der Widerstand gegen eine Änderung der Rotationsgeschwindigkeit?
    „Ausländer raus“, „Nazis raus“: Belege dafür, daß die Relation Innen/Außen keine humane ist. Wenn die Grenze zwischen Innen und Außen zur Grenze der Humanität wird, hat die Humanität keine Chancen mehr.
    Dybas Hooligan-Argument: „Welcher Verein kann es sich leisten, einen Spieler, der ständig aufs eigene Tor schießt, weiter zu ertragen?“ – Ist das Bekenntnis-Problem nicht doch ein sehr deutsches Problem, ähnlich wie die Staatsmetaphysik und der Staatsanwalt.
    Erinnert Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft (und ihr Zusammenhang mit der Lehre vom Willen zur Macht) nicht an die Notwendigkeit, die politische Bedeutung der Sternenkunde neu zu bestimmen?
    Hinter der Maske ist das Gesicht: und nicht die Person, sondern das Antlitz ist Gegenstand der Theologie.

  • 22.12.91

    Natur und Welt sind durch die Urteilsform an einander gebunden und von einander getrennt: Natur ist der Inbegriff aller Objekte von Urteilen, Welt der Inbegriff aller Urteile über Objekte. Der unreflektierte Gebrauch dieser Begriffe (ihr Gebrauch im Kontext der Selbsterhaltung, dem Grund der Urteilsform) verfällt ihrem Bann: er macht die Gemeinheit des Urteils unsichtbar. Naturphilosophie, die ihren Zusammenhang mit dem Weltbegriff, dem Prinzip der Selbsterhaltung, nicht reflektiert, verfehlt ihr Objekt.
    Raum und der Ursprung des Scheins (der Gemeinheit): Der Raum ist durch die Neutralisierung des Richtungsmoments (durch die Mathematisierung der Winkelfunktionen oder durch die Neutralisierung der Teleologie und Instrumentalisierung des Zweckbegriffs: durch die selbstverschuldete Unfähigkeit, rechts und links: Zweck/ Grund und Ursache, zu unterscheiden) zur Basis und zum Medium der Instrumentalisierung geworden: Grund der
    – Verdinglichung des Objekts,
    – der Neutralisierung des Namens sowie
    – der Zerstörung der argumentativen Kraft der Sprache;
    Herrschaft des Gravitationsgesetzes.
    Traum, Symbolbildung, Verschiebung und Projektion: So hängen der Traum und die Vorurteilsmechanismen mit dem Raum zusammen. In dem Verhältnis von Verschiebung und Projektion steckt das Relativitätsprinzip. Und die transzendentale Logik ist eine Logik des Vorurteils (der synthetischen Urteile a priori); sie schließt u.a. die Verteidigung des anderen aus (Konstruktion des Selbstmitleids; Zusammenhang mit dem autoritären Charakter: Ausschluß der Verteidigung in Terroristenprozessen; Verteidiger „Organ der Rechtspflege“). Die Bekenntnislogik beschreibt den gesellschaftlichen Kontext des Vorurteils.
    Raum und Umkehr: Die Vertauschung von vorn und hinten und von rechts und links zieht die Vertauschung von oben und unten nach sich. Das „hinter dem Rücken“ (Verwechslung von vorn und hinten) und der Verzicht auf Barmherzigkeit (Verwechslung von rechts und links), mit einem Wort die wölfische Welt und ihr Grund, das Selbstmitleid, unterwerfen die obere Welt der unteren: begründen die Niedertracht und die Gemeinheit, mit einem Wort: den autoritären Charakter. Projektion und Verschiebung gehören zusammen wie die Unfähigkeit zur Verteidigung des anderen mit dem autoritären Charakter (beide wurzeln im Selbstmitleid, in der Erfahrung des „Schreckens um und um“). – Konstruktion der Materie (Ursprung des Inertialsystems) und Rekonstruktion der Sprache (Zusammenhang der Konjugationen mit den Deklinationen) – Der Logos und die Übernahme der Schuld der Welt?
    Wer einen Menschen tötet, zerstört nicht eine Welt, er zerstört seine eigene Welt (die sprachlichen Wurzeln seiner eigenen Welt). Kain wurde „unstet und flüchtig“ (wie der Dornstrauch in der Jotam-Fabel).
    Ist das Opfer Abels das Opfer des Wortes, mit dem Adam die Tiere benannt hat? (Vgl. den „Duft des Wortes“ im Sohar, S. 33)

  • 01.12.91

    Bemerkung zu Ferdinand Ebner: Indem das Ich vor dem Du sich verschließt, öffnet sich der Raum ins Unendliche, verschwindet die sinnliche Welt (Beziehung der sinnlichen Wahrnehmung zur Sprache; Sprache, Wahrnehmung und Selbsterhaltung).
    Franz Rosenzweig: Gott hat die Welt und nicht die Religion erschaffen. Gershom Scholem: Die Religion, der man angehört, ist ohnehin die falsche (in einer Vorlesung über die Dönme-Sekte). -Und warum kann man dann nur einer Religion oder Konfession angehören (genauso: warum gibt es in Deutschland nur die Möglichkeit einer Einzelstaatsangehörigkeit)? Die Kritik des Bekenntnisses trifft nicht nur die Konfessionen, sondern auch den Staat. Die Entkonfessionalisierung der Kirchen entzieht der Staatsmetaphysik (dem Prinzip Staatsanwalt) den Boden.

  • 08.11.91

    Ja sagen zu etwas heißt sich zu etwas bekennen. Das reflexive Sich im „sich (zu etwas) bekennen“ kann Ausdruck der Befreiung sein (es endlich aussprechen können, die Last der Verdrängung loszuwerden), ist aber heute immer mehr Ausdruck der Unterwerfung unters Kollektiv, der Identifikation mit dem Aggressor (das Sich geborgen Fühlen in der Gemeinschaft mit der Lust, ohne Skrupel hassen, sich der Wut überlassen zu dürfen: Genesis der „Mordlust“). Modell dessen ist der Raum, die „subjektive Form der Anschauung“ Kants: die Ablenkung der Wut auf die außermenschliche Natur.
    Die Logik der Welt ist herzzerreißend und entsensibilierend: mörderisch. So hat sie vielleicht tatsächlich mit dem Kreuz zu tun.
    Nicht der Begriff des Gestells, sondern der des sich selbst verurteilenden Gerichts bezeichnet die Signatur des technischen Zeitalters.
    Der Raum ist der letzte Niederschlag der Erkenntnis des Guten und Bösen (er entzieht der Unterscheidung zwischen links und rechts, zwischen Barmherzigkeit und Gericht, den Boden). Das kopernikanische Weltbild ist in der Tat ein Bild: eine mathematische Vereinfachung, aber um den Preis der Zerstörung der Sprache und der Theologie (Verletzung des Bilderverbots). Mußte die Sprache durch diesen Tod hindurch?
    Verhältnis von Begründung und „Aufspannen“ (Erde und Himmel) zum Raum: entspricht dem Verhältnis von Orthogonalität und „unendlicher Ausdehnung“ des Raumes (Trennung von Raum, Zeit und Materie und Konstituierung der spannungslosen trägen Masse, die dann ohne Vermittlung identisch ist mit der schweren Masse, dem Bezugspunkt des Gravitationsgesetzes), wird so zugleich neutralisiert, nach innen verlagert und erinnerungslos erhalten. Im neutralisierten Raum (und in der formalisierten Logik) entfällt mit der Logik der Begründung die Kraft, der Atomisierung der „Empfindungen“ (und der Erkenntnis) zu widerstehen. Begründung wird durch Gesetz und Kausalität, Entsprechungen werden durch Wechselwirkungen ersetzt. – Bedeutung der Orientierungsmetaphern: vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken), rechts und links (Gnade und Strenge), oben und unten (Großmut und Niedertracht, Erlösung und Verdammnis, Segen und Fluch).
    Spr 316: „Langes Leben birgt sie (die Weisheit) in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre.“
    Den Tod kennen wir nur als den Tod der anderen (und vermeiden heute den Schluß, daß auch wir sterblich sind; wir ziehen uns zurück auf den Punkt, schon dem Totenreich anzugehören, und das ist unsterblich). Ebenso kennen wir die gesamte Physik nur als ein Weltsystem, in das als Subjekt der andere mit eingeht (Intersubjektivität, konstituiert durch den Tod des Individuums, das ja ohnehin nur der andere ist, dessen dann nicht mehr gedacht zu werden braucht: so konstituiert sich die „reine Objektivität“ der Physik). In der gleichen Konstellation entspringt der Begriff des Bekenntnisses, und wenn nach der logischen Struktur dieses Konstrukts Frauen nicht bekenntnisfähig sind, so ist das nicht nur als Mangel anzusehen (vgl. Gen 315 i.V.m. Gen 314u.19).
    Wenn Kant die Welt gegen die Schule vertritt, so übersieht er, daß der Weltbegriff auch ein Schulbegriff ist (vgl. die Schöpfungslehre bei Augustinus und Thomas).
    Die sieben Gemeinden, die sieben Siegel, die sieben Engel mit den Posaunen und die sieben Engel mit den Schalen (sieben Plagen).
    Es ist entsetzlich, wie der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zur Exkulpierung des Westens mißbraucht wird. Hier setzt sich das hegelsche Weltgericht in einer Weise durch, die nachträglich die „List der Vernunft“ als dezisionistisch enthüllt. Gleichgültig, ob man als letzte Instanz die Geschichte, das Ausland oder die Welt bemüht, in jedem Falle wird das Gewissen namen- und gegenstandslos gemacht. Auf dieser Grundlage blüht
    – in der Verwaltung ein Ressortdenken, bei dem es nicht mehr darauf ankommt, das Richtige zu tun, sondern, was man auch tut, es so zu tun, daß man später nicht haftbar gemacht werden kann,
    – während auf der Ebene der Justiz, wie im Kontext der rechtlichen Aufarbeitung der Vergangenheit und im gesamten Verfahren der rechtlichen Bearbeitung des sogenannten Terrorismus leicht zu erkennen ist, die Idee der Gerechtigkeit selber angegriffen wird, in Zynismus sich auflöst.
    Die Kantische subjektive Form der Anschauung ist Produkt der Identifikation mit dem Aggressor. In ihr setzt sich die Welt gegen das Subjekt durch. Schiffsbruch mit Zuschauer: steht das nicht in der Tradition dieser subjektiven Form der Anschauung, die diese kontemplative Distanz erst ermöglicht. Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt als Zuschauer der Welt. Und was der Zuschauer in dieser Welt sieht, steht unter dem (heute von der Kulturindistrie manipulierten und ausgebeuteten) Gesetz des Apriori, ist Produkt der Synthesis.
    Das Schema Jisrael klärt das Verhältnis der hebräischen Sprache zu den Israeliten.
    Nur Abraham, Isaak und Ijob starben „alt und lebenssatt“:
    – Abraham: „starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 258);
    „… starb in gutem Greisentum, alt und satt, und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
    – Isaak: „starb und wurde mit seinen Vorfahren vereint, betagt und satt an Jahren“ (Gen 3529);
    „Er starb und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt, alt, an Tagen satt“ (Buber)
    – Jakob: „Dann verschied er und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 4933);
    „… verschied un wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
    – Ijob: „Dann starb Ijob, hochbetagt und satt an Lebenstagen“ (Ij 4217).
    „Ijob starb, alt, an Tagen satt“ (Buber)

  • 07.11.91

    Das Prädix „be-“ drückt Herrschaft aus: das Bekenntnis ist Herrschaft übers Erkennen (vgl. lehren/belehren, deuten/bedeuten u.a.). Vermittelt ist die Herrschaft über den Personenbezug: das „be-“ zieht einen Adressaten nach sich (im Dativ ist der Adressat der Herrschende, im Akkusativ der Adressierende: hier, in der Umkehrbeziehung Dativ/Akkusativ, läuft die Herrschaftsbeziehung über eine vermittelnde Tätigkeit, in der genitivischen Umkehrbeziehung – gen. objektivus/subjektivus – geht es um eine direkte, unvermittelte Herrschaftsbeziehung). Dieser Zusammenhang ist der Grund dafür, daß es ein Bekenntnis ohne Opfertheologie und ohne Trinitätslehre nicht gibt. Ist das Produkt des Bekenntnisses das Bekannte (das Tote, Vergangene, auch dann wenn es die Wahrheit selber ist, die als Dogma gekreuzigt, gestorben und begraben ist und auf ihre Auferstehung wartet)?
    Rosenzweigs Trennung von „Ja“, „Nein“ und „Und“ gemahnt daran, daß die Sprache mit der Subsumtion unters Identitätsprinzip zerstört wird. Aber diese Zerstörungskraft ist in der Sprache selbst durch den Seinsbegriff (die „verandernde Kraft des Seins“) präsent (nach K. Heinrich ist das Sein der „wortlose Rest“ der Sprache).
    Das Sein ist nicht nur der Generator des transzendentalen Subjekts (des idealistischen Scheins), es bezeichnet genau den blinden Fleck in der Sprache, der sie (wie die kantische Form der äußeren Anschauung die Wahrnehmung) von sich selbst ausschließt und gegen sich selbst abschirmt, und der auch dann nicht zu reden beginnt, wenn man – wie Heidegger – ihn beschwörend anstarrt und seinen Mangel – den fehlenden Gegenstands- und Inhaltsbezug – als besonderen Vorzug anpreist (das Sein ist der Geburtsfehler der Philosophie; es gehört zu einer Sprache, die die Barbaren ausschließt, während die reflexive Hereinnahme der Fremden – der „Hebräer“: der „Fremden im Lande“ – das Sein ausschließt: wodurch unterscheidet sich die hebräische Sprache von der kanaanäischen? Vermutung: durch die Kraft der Identifikation mit den Fremden?).
    Das Problem der Terrorismus-Bekämpfung (insbesondere der Verfahren gegen die raf, gegen Mitglieder einer „terroristischen Vereinigung“) liegt darin, daß das Objekt einerseits als Feind deklariert wird, andererseits aber die Verfahren im Rahmen des Rechts (durch Urteil und Strafe) abgewickelt werden sollen. Die Feinddefinition müßte eigentlich (wie im Weltanschauungskrieg gegen das „bolschewistische Russland“ oder in der „Endlösung der Judenfrage“) auf Krieg und Vernichtung hinauslaufen; dieser Weg ist aber durch die Systematik und Logik des Rechts versperrt. So stehen die damit befaßten Institutionen – von GBA und BKA bis zu zuständigen Strafsenaten und den Vollzugseinrichtungen („Hochsicherheitstrakt“) vor der unlösbaren Aufgabe, ihre Ziele mit Mitteln zu erreichen, die eigentlich nicht dafür gedacht und geeignet sind. Zugrunde liegt die heute immer deutlicher hervortretende Problematik der Bekenntnislogik: dazu gehören u.a. der Feind und der Verräter; und nur für letztere (z.B. für Sympathisanten) ist das Instrument des Strafrechts geeignet, nicht jedoch für den „inneren“ oder „äußeren Feind“. So war denn auch die Anpassung des Strafrechts an diese Problemlage nicht ohne substantielle Eingriffe in die Grundsätze eines fairen Verfahrens und in die Rechte der angeklagten und verfolgten „Feinde“ möglich. Es gehört zur Signatur des Zeitalters, daß beide nicht mehr sich trennen lassen (der in Rußland bekämpfte äußere Feind war zugleich Repräsentant des inneren: des Kommunismus und der Juden; und der im Inneren bekämpfte Terrorismus ist Repräsentant der Außenwelt (der Dritten Welt in jeder Version), von der man sich in der Substanz bedroht weiß aufgrund der nicht mehr zu verdrängenden Schuldbeziehungen (Zusammenhang mit der Gemeinheitsautomatik?).
    Der Gebrauch des Feindbegriffs im Rechtsverfahren ist der klassische Befangenheitsfall; dagegen sollten die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung schützen, die hier (wie im alten Inquisitionsverfahren, aus dem die Instrumentarien stammen) generell außer Kraft gesetzt sind.
    Der Feind ist das apriorische Objekt der Wut, ohne die es die Komplizenschaft des Bekenntnisses nicht gibt: die Furcht vor dem Verrat des Betrugs, der List, die in jenem Bekenntnis steckt. Deshalb gibt es das Gebot der Feindesliebe: als Chance, dieses Dunkle im eigenen Innern aufzuarbeiten.
    Der Himmel, der sich wie eine Buchrolle aufrollt: ist das nicht ein Hinweis sowohl auf den Ursprung der Schrift, als auch auf ein Konstruktionselement der Astronomie (den Zusammenhang von Schrift und Astronomie)?

  • 04.11.91

    „… widerrät, noch den Leviatan von Hi 40f dualistisch-moralisierend eindeutig dem Bösen zuzurechnen.“ (Ebach: Leviatan und Behemoth, S. 74) Bemerkungen:
    – Das „dualistisch-moralisierend“ steht in der Sündenfall-Tradition (Erkenntnis des Guten und Bösen: Zusammenhang von Instrumentalisierung und moralischem Urteil) und ist das Element, in dem sich die „Erbschuld“ fortpflanzt.
    – Schon die Grundelemente des Christentums:
    . Nachfolge-Gebot, Übernahme (nicht Hinwegnahme) der Schuld der Welt (Gott hat nicht die Welt, sondern Himmel und Erde erschaffen; Welt als Medium und Resultat des Säkularisationsprozesses, als Medium der Geschichtsphilosophie; Begriff der Welt, Beziehung zum Naturbegriff: Totalitätsbegriffe), Feindesliebe, Richtet nicht …, Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben (Kontext: Kritik des Bekenntnisbegriffs, der Trinitätslehre – insbesondere der Christologie -und der Opfertheologie; Begreifen des Ursprungs des Antijudaismus, der Häresien und ihrer Geschichte, der Frauenfeindschaft und der Hexenverfolgung); widerraten der Zurechnung und eröffnen darüber hinaus ein theologisches Konzept, das erst noch zurückzugewinnen wäre (Theologie im Angesicht, nicht hinter dem Rücken Gottes), und in dem vielleicht dann auch der Leviatan seine Stelle finden wird.
    Mary Dalys Titel „Gott Vater, Sohn und Co“ enthält eine sehr tief begründete Kritik an der Trinitätslehre: am theologischen Gebrauch des Personbegriffs. Dieser Begriff ist in der Tat nur als Teil einer politischen Theologie zu begreifen, die – auf der Grundlage des Bekenntnisbegriffs – unaufhebbar patriarchalische Züge trägt. Zur Widerlegung mag der Hinweis dienen, daß die Vorstellung der Unsterblichkeit der Person schon an der Bindung dieses Begriffs an seinen politisch-ökonomischen Kontext (Person und Eigentum, Zurechenbarkeit der Schuld als Grundlage des Rechts, Institut der juristischen Person) und an seiner damit verknüpften Beziehung zum Namen scheitert (der Name, dessen Träger die Person ist, ist Schall und Rauch: das Rosenzweigsche „Ich, mit Vor- und Zunamen“ ist nicht der Inhaber eines Personalausweises).
    Es gibt keinen direkten Weg vom Bekenntnisbegriff (Theologie hinter dem Rücken Gottes) zum Inertialsystem (Subsumtion des Himmels unter die Erde): dazwischen liegt die unreine Vermischung von Strenge und Milde (richtendem Urteil und Barmherzigkeit: Fegefeuer und Ohrenbeichte), dazwischen liegt das Gravitationsgesetz und die Vergegenständlichung des Lichts. Heute nimmt eine in den Mythos zurückgefallene Aufklärung die Offenbarung nur noch als Mythos wahr.
    Der Staat begründet sein Existenzrecht durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Mord und gegen die Verletzung des Eigentums (Gewaltmonopol), die Kirche durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Unmoral (Sexualmoral). Gibt es hier einen Zusammenhang mit Behemot und Leviatan?
    Den Bemerkungen Jürgen Ebachs zu Jon 411: „… mehr als 120.000 Menschen, die nicht rechts und links unterscheiden können, und viel Vieh“ (Kassandra und Jona, S. 116f) bleibt der Hinweis anzufügen, daß nach biblischer Metaphorik rechts und links auch mit der Unterscheidung von Milde und Strenge, Barmherzigkeit und Gericht (richtendem Urteil) zusammenhängt: Diese Menschen wissen – wie auch die Christen heute – nicht mehr, was es heißt, wenn der Auferstandene zur Rechten des Vaters (der Seite der Barmherzigkeit) sitzt. Beschreibt nicht die Verwechslung von Barmherzigkeit und richtendem Urteil mit gut und böse (dem Primat des Gerichts) genau das autoritäre Syndrom wie auch den Tatbestand des Sündenfalls, der Erbschuld?
    Auch ist mir bei dem Ausdruck „hebräische Metaphorik“ (S. 117) insoweit etwas unwohl, als ich glaube, im Begriff des Hebräischen (für jüdische Ohren die von Ägyptern und Philistern verwandte Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung) einen Ton mitzuhören, dessen Gebrauch uns – insbesondere nach Auschwitz – nicht mehr erlaubt sein sollte. Allein als Bezeichnung der uns fremden Sprache ist der Gebrauch erlaubt, aber dann mit dem Bewußtsein, daß Juden in dieser Sprache mehr als nur eine Sprache gegeben ist: der Inbegriff des Fremden, des Antlitzes, das sowohl das Antlitz Gottes als auch das des Feindes sein kann (welche Folgen ergeben sich hieraus für den Staat Israel und die dort gesprochene Sprache?). Das glaubte Paulus den Christen ersparen zu können; ebenso wie es keine Schrift des „Neuen Testamentes“ in hebräischer Sprache gibt, ist der christlichen Theologie die Idee des Angesichts Gottes fremd; an deren Stelle sind der Vaterbegriff und die Trinitätslehre getreten.
    Ist Jona wegen seiner Warnung an Ninive (für Ninive, „die große Stadt“, ähnlich Babel der Urfeind Israels) ein „Hebräer“ (vgl. nochmal die „Hebräer“-Stellen bei Loretz)? Werden die Juden nur von ihren Feinden Hebräer genannt (vgl. den Jerusalemer Kommentar – die „hebräische“ Sprache ist den Juden als Sprache, die sie ins Angesicht Gottes stellt, fremd – Abraham war ein Hebräer, und er war ein Fremder im Land; „im Angesicht“ ist – wie der durch schlichte Umkehrung konstruierbare Begriff der „Barbaren“, derer, die bloß stammeln, kein Griechisch sprechen – ein sprachlicher Sachverhalt, er gilt wie für Gott nur noch für den Feind)?
    Läßt sich nicht anhand des Begriffs des Hebräischen (des Hebräers und der hebräischen Sprache) die Idee der Übernahme der Schuld der Welt, die ebenfalls einen sprachlichen Sachverhalt bezeichnet, genauer bestimmen?
    Der Raum verwischt die Differenz zwischen vorn und hinten, rechts und links, oben und unten. Und Büchners Lenz wollte auf dem Kopf laufen.
    – Die erste Verwechslung ist die von Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
    – die zweite die von Strenge und Milde, von richtendem Urteil und verteidigendem Denken,
    – die dritte die von Himmel und Erde.
    Alle drei Verwechslungen gehen zu Lasten des Humanen; es triumphiert das Hinter dem Rücken, das Gericht und die totalisierte Erde (das Universum): Es triumphiert die Welt (oder auch die Gemeinheit).
    Wer Sicherheit will, will eine Zukunft ohne Überraschungen (daher die große Bedeutung der Versicherungswirtschaft heute).
    – In der Physik wird diese Sicherheit durchs Inertialsystem begründet,
    – in der Gesellschaft durchs (kalkulierbare, das Eigentum und die Währung garantierende) Recht, in beiden Fällen durch Gesetze, unter die man alle möglichen Fälle subsumieren kann.
    – In der Theologie soll das Dogma (das Bekenntnis und seine Logik) das gleiche leisten. Mit den Juden sollte nicht nur das eigene Gewissen, sondern auch die Idee einer zukünftigen Welt, die anders ist, vernichtet werden.
    Begriffe wie Begegnung und Partnerschaft neutralisieren die kritische Potenz dessen, was Buber einmal die Ich-Du-Beziehung genannt hat. Zwei Bemerkungen dazu:
    – die Ich-Du-Beziehung ist (nach Levinas) asymmetrisch; Ich und Du sind nicht gleichwertig;
    – diese Asymmetrie gründet im Schuldverhältnis beider: das Ich konstituiert sich in der Übernahme der Schuld der Welt, in der Freisprechung des anderen, im Verzicht auf die falsche, durchs moralische Urteil: durchs Richten vermittelten Autonomie. Wenn Reaktionäre der Soziologie und Psychologie vorwerfen, daß sie zu Exkulpationszwecken genutzt werden, daß jeder sich darauf hinausreden könne, nicht er, sondern die Gesellschaft, die anderen seien schuld, so gründet das in der Umkehrung der Levinasschen Asymmetrie, zu der es keine Alternative mehr gibt; sie verwischen den Unterschied zwischen dem, was einer für sich selbst und was er für andere ist. Sie kennen kein anderes Sein als das Sein für andere.
    Gegen Marx und Freud ist festzuhalten: Die Theorie und ihre aufklärerische Potenz ist nicht zu bestreiten; unwahr ist die Vorstellung, sie ließe sich – als Instrument der Revolution oder als Therapie – unreflektiert in Praxis überführen.
    Der diabolos ist das Subjekt der Hegelschen List der Vernunft (der Mephisto Fausts). Er wirbelt die Richtungen durcheinander.
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Wer das Moment der Verzweiflung in den Taten der raf begreift und insoweit Verständnis dafür aufbringt, setzt sich dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung aus. Hier wird das Verständnis für eine vergangene Tat mit der Aufforderung zu einer zukünftigen Tat verwechselt. Das rührt an den Grund der Gemeinheit.
    Der Begriff „Straftäter“ paßt zum „Staatsanwalt“: Wo der Staat zum Prinzip der Anklage wird, wird die Tat zum Wesen des Täters und zum Subjekt der Strafe (in welchen Fällen definiert das deutsche Strafrecht Taten, und in welchen Täter? Iäter nur, wenn Tätermerkmale – z.B. die Gesinnung – eine Rolle spielen? In welchen Fällen spielen Tätermerkmale eine Rolle? Vgl. „Mörder ist, wer …“ – ? §§ 211 (2) StGB; ein Mord verletzt das Gewaltmonopol des Staates; das scheint vor allem den „Abscheu“ zu begründen, nicht der Tod des Opfers, dieser nur als instrumentalisiertes Mittel der Emotionalisierung).
    Adam, der den Acker (den Schrecken) bearbeiten soll, wird in Tiefschlaf versetzt; aus seiner Seite wird Eva genommen (aus der rechten Seite? – Sitzt Jesus wirklich schon zur Rechten des Vaters, oder bedarf es dazu noch unserer Hilfe: der Nachfolge?).
    Luthers Rechtfertigungslehre ist falsch, insoweit sie die Gottesfurcht leugnet (den Glauben von seiner Beziehung zu den Werken trennt). Damit hat er die Melancholie ins Christentum eingebracht, das saturnische Wesen. Folge ist die Ersetzung der Gottesfurcht durch die Herrenfurcht (und die Furcht vor der Welt; die Furcht des Herrn ist von der paranoiden Furcht vor der Welt nicht zu trennen: Ursprung der Idolatrie).

  • 18.10.91

    Die ersten Gefangen waren Gefangene aus Kriegen oder Gefangene im Rahmen der Schuldknechtschaft.
    Sind die himmlischen Heerscharen die Wasser oberhalb des Firmaments?
    Der cäsarische Weltbegriff im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterscheidet sich vom davidischen, der in den Königstraditionen, insbesondere in England, erhalten geblieben ist. Der davidische Weltbegriff enthält das reflektorische Moment in der Selbstbezeichnung der Hebräer, während der cäsarische Weltbegriff das projektive Moment in der Fremdbezeichnung der Barbaren enthält (zusammengefaßt in der Selbst- und Fremdbezeichnung der Deutschen, die sich nur noch als Barbaren verstehen: die Zivilisation wird durchs Ausland vertreten, deshalb die Ausländerfeindschaft – um die Last der Zivilisation endlich abwerfen zu können).
    Das Römische Reich ist sowohl von innen, durch die Krise des Latifundiensystems, als auch von außen, durch den Barbareneinfall, zugrunde gegangen.
    Aufarbeitung von Wut in Zorn, oder Rückgewinnung der prophetischen Kraft (die prophetische Kritik der Idolatrie war Staatskritik: seitdem gehören Staatskritik und Kunstkritik zusammen: der Begriff des Schöpferischen in der Kunst ist ein Reflex der Weltschöpfung durch den Staat).
    Die Bäume sind der manifeste Ausdruck des Kampfs gegen die Schwerkraft und des Strebens zum Licht. Was bedeuten vor diesem Hintergrund der Baum der Erkenntnis und der des Lebens? Der Kampf gegen die Schwerkraft ist der Grund für die Verstockung der Bäume, während das Streben zum Licht ihr alljährliches neues Leben begründet.
    Es gibt kein Bekenntnis ohne Totenkult: das ist der Grund für die Pyramiden wie für die Mausoleen im staatskapitalischen Sozialismus und nicht zuletzt für die christliche Trinitätslehre (die Vergöttlichung Jesu und deren säkularisierte Gestalt im modernen Naturbegriff) wie für den Zusammenhang von Heiligenverehrung und Reliquienkult.
    Die Verfluchung nach dem Sündenfall ergeht direkt nur an Adam, während sie an Eva zusammen mit der messianischen Verheißung ergeht (um aus Adam etwas Brauchbares zu machen, muß man ihn in Tiefschlaf versetzen und ihm ein Stück aus seiner Seite herausnehmen).
    Die Bedeutung der Hegelschen Philosophie liegt darin, daß sie das Moment der Vergegenständlichung am Begriff (Vergegenständlichung des Begriffs und des Objekts) herausgearbeitet (und zur Grundlage der Dialektik gemacht) hat. Nur daß Hegel dann am Ende die Partei des Begriffs (der Vergegenständlichung als Voraussetzung und Sinnesimplikat der „Wissenschaftlichkeit“ seiner Philosophie gegen die Unmittelbarkeit: die Partei der Entfremdung) ergreift. Die „Trunkenheit“ des Absoluten ist die notwendige Folge daraus.
    In einem Zug, der auf den Abgrund zubraust, hilft es wenig, sich über einen Schaffner zu beschweren, der einen wegen Fahrens ohne gültigen Ausweis belangen will. Die Gemeinheit reizt zweifellos und nicht unbegründet zur Empörung. Aber angesichts der Gesamtsituation wäre diese Empörung völlig unangemessen; insbesondere würde sie an der Situation nichts ändern: Der Zugführer ist besoffen; Frage, ob es nicht möglich ist, gemeinsam mit dem Schaffner den Zugführer aus dem Verkehr zu ziehen und den Zug mit Mitteln, die Aussicht auf Erfolg haben, jedenfalls die Katastrophe nicht beschleunigen, zum Halten zu bringen. Es gibt Situationen, in denen es auf die Wirkung und nicht aufs Rechthaben ankommt.
    Das Christentum studieren, weil nur so die Verführungsmechanismen sich bestimmen lassen (Bekenntnislogik; Empörung und moralisches Urteil; Feinddenken und Ausgrenzung von Verrätern; Christologie und die Vergöttlichung des Opfers: Natur- und Staatsmetaphysik; Materialismus als Ideologie und Totenkult; Trinitätslehre, Dialektik und Gemeinheit: Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang; Religion als Blasphemie: Atheismus und das Fortleben von Auschwitz).
    Die sogenannten Terrristenprozesse sind genau an jener empfindlichen Stelle installiert, an der das offizielle Christentum und das Rechtssystem (die beide über den Bekenntnis- und den Personbegriff verbunden sind) sich gegen ihre kritische Selbstaufklärung abschirmen. Die Grundlage, daß Schuld sich individuell muß festmachen lassen, die den Vorteil hat, daß sie Kirche und Recht exkulpiert, kann sich gegen den Schuldvorwurf nur wehren, wenn sie ihn qua Kollektivität (über die „gerichtskundigen“ eigenen Vorurteile) in den Gegner hinein(zurück-)projiziert. Auch wenn Mord kein Mittel der Aufklärung ist: Gemeinheit ist ungeeignet, zur Herstellung des Rechtsfriedens beizutragen. Beide Seiten unterliegen der gleichen Verblendung.

  • 17.10.91

    Nach Lapide sind die Schweine im NT die Römer (Jesus, das Geld und der Weltfrieden, S. 55ff).
    Die Terrorismus-Prozesse ab Abbild des Verhältnisses Staat, Welt, Natur (Ankläger, Urteil, Angeklagter): Ausschluß der Verteidigung, Unkenntlichmachen der Gemeinheit (kein strafrechtlicher Tatbestand: diese Welt ist gemein, und wer in ihr überleben will, muß sich gemein und andere „fertig“ machen; Inkorporation der Sünde wider den Heiligen Geist). – Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts und Lutz Taufer zitieren in ihrer Erklärung vom 04.10.91 Primo Levi: „Genie der Zerstörung“, groß in der „Antischöpfung“, nannte Primo Levi dieses deutsche Wesen. (Angehörigen Info 77 vom 11.10.91)
    Jeder Mord ist ein Brudermord: Im verhaßten Bruder hassen und morden wir uns selbst.

  • 13.10.91

    „Ihnen ist jedes Mittel Recht?“ oder „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“: Die Tendenz, mit der in den sogenannten Terroristen-Prozessen Verteidiger zu „Organen der Strafrechtspflege“ gemacht wurden, gehorcht der gleichen Bekenntnislogik, mit der der Bundeswehr ein „Verteidigungsminister“ vorsteht: Sie zielt – ebenso wie die übrigen begleitenden Maßnahmen von der Isolationshaft bis zur Kronzeugenregelung, und von der Kollektivhaftung aller Mitglieder für die Taten einer „terroristischen Vereinigung“ bis zur schlichten Leugnung und Verdrängung des politischen Hintergrunds – darauf ab, Verteidigung abzuschaffen, weil hier der absolute Feind gesehen wird. Insoweit gleicht der gesamte Komplex der Tradition des Antisemitismus; nur daß hier geschickter, als es die Nazis konnten, die nicht mit einer Niederlage gerechnet hatten, die „Wahrheit“, die sich aus dem vermeintlichen Staatsinteresse definiert, das selber nur noch aus einer zugrunde liegenden Paranoia sich erklären läßt, durch rigorose Beherrschung der Beweismittel im ganzen Verfahrensbereich, insbesondere auch schon im Vorfeld, unwiderlegbar gemacht werden soll. Das Verfahren weckt Bedenken gegen Meldungen wie denen,
    – daß nach den Aussagen von Susanne Albrecht (die ein begründetes Interesse daran hatte, der Bundesanwaltschaft genehme Aussagen zu machen) Zweifel an der Selbstmordthese hinsichtlich der Stammheimer Häftlinge endgültig ausgeräumt werden konnten, oder
    – daß der Barschel-Brief an Stoltenberg sich jetzt als Stasi-Fälschung herausgestellt habe.
    Diese Bedenken mögen unbegründet sein; aber was man hier (und bei Bakker-Schut) erfährt, untergräbt die Glaubwürdigkeit der politischen und staatlichen Institutionen in diesem Lande (den Begriff und die Idee des Rechtsstaats) und damit ihre Legitimation in den Köpfen der Bürger, die bereits soweit sind, anzunehmen, das sei halt so, und damit müsse man rechnen und sich abfinden, weit mehr als es die terroristischen Taten selber je vermochten (verhängnisvollstes Erbteil der Kirchen). Sind nicht die wahren Staatsfeinde jene, die den Staat und seine Institutionen so mißbrauchen?
    Gemeinheit, Bekenntnis, Selbstgetthoisierung: Thesen sind dann keiner sachlichen Bestätigung oder Widerlegung mehr bedürftig, wenn sie entweder „offenkundig“ sind (d.h. dem eigenen Bekenntnis konform sind) oder vor jeder Prüfung sich einem Feindbekenntnis zuordnen lassen (dann ist die Wahrheit oder Unwahrheit nicht zu ermitteln, da davon auszugehen ist, daß sie nur der Selbstbestätigung des Fremdbekenntnisses dient, dieses aber aus übergeordneten Gründen als falsch, gefährlich o.ä. anzusehen ist). Grund ist – insbesondere im Rechtsstreit – eine im positivistischen Rechtsverständnis begründeter instrumentalisierter (und deshalb dezisionistischer) Wahrheitsbegriff (wie in der Physik ist der Objektivismus vom Instrumentalismus nicht zu trennen). Aus dem gleichen Grunde bedarf die rechtlich festgestellte Wahrheit schon aufgrund ihrer Urteilsform der Sanktion. Das Gewaltmonopol des Staates bezieht sich primär auf das Recht zu strafen, und d.h. auf das Recht, die Wahrheit von Urteilen mit Gewalt durchzusetzen. Die Logik des Rechts ist die Bekenntnislogik; ihr Ziel ist der Rechtsfrieden, der erst mit der allgemeinen Anerkennung des Gewaltmonopols des Staates hergestellt ist; und die Vorstellung, daß die Rechtslogik (als Urteils- und Straflogik) auch auf die Handlungen derer angewandt werden könne, die selber Herren des Rechts sind, ist illusionär. Deshalb bedarf eine an der Idee der Gerechtigkeit orientierte Rechtspraxis vor allem
    – der Sicherung der Verteidigerrechte,
    – der Fähigkeit des Richters zur Identifikation mit dem Angeklagten,
    – der Kritik der herrschenden Staatsmetaphysik (der Ankläger ist kein Staatsanwalt).
    Gemeinheit und Staatsmetaphysik:
    – Gewalt wird anders definiert je nachdem, ob es sich um Vergewaltigung oder um „Nötigung“ bei gewaltfreien Sitzblockaden handelt;
    – Staatsanwalt (Staat als Prinzip der Anklage, als institutionalisierte List der Vernunft), computerlesbarer Personalausweise und Ausweitung der Fahndungs- und Ermittlungstechniken, die darauf basieren, daß jeder Bürger ein potentiell Verdächtiger ist, als Bürger aus dem Bann der Anklage nicht mehr herauskommt;
    – Staatsmetaphysik als Technik-Metaphysik: Grund ist die Personalisierung (der Rechtsbegriff der Person), die im Weltbegriff in der Materialisierung sich ausdrückt (im Rahmen der Staatsmetaphysik vertritt die Natur den Bereich des Angeklagten, die Welt den des richtenden Urteil).
    Gemeinheit ist eine Überzeugungstat. Sie ist eine zwangsläufige Konsequenz des Staatshandelns.
    Gemeinheit und die Kohlsche Dementipraxis: Kohls Satz, daß dieser Staat nicht ausländerfeindlich ist, ist genau der Grund der Ausländerfeindlichkeit. Er verhindert nicht die Aktionen, auf die sie als Dementi sich bezieht, sondern er verhindert nur das Aussprechen der realen Erfahrung von Ausländerfeindlichkeit, stigmatisiert den, der nicht verdrängen kann, als pathologisch oder bösartig (staatsfeindlich). Und das ist genau der Zweck dieses und vergleichbarer Dementis, deren Technik Kohl am besten beherrscht; und alle fallen darauf seit Jahren herein.
    Gemeinheit und die Struktur des Vorurteils, Gemeinheit und Mechanik (Funktion der Hegelschen List und der Reflexionsbegriffe: die Hegelsche Vernunft ist eine, die selber das Opfer der Vernunft fordert, es in sich enthält und aufgehoben hat; dieses Opfer der Vernunft – oder die Zerstörung des Antlitzes – ist der Grund für die Trunkenheit des Hegelschen Absoluten).
    Wenn den Armen das Bewußtsein der Armut und sein öffentlicher Ausdruck genommen wird, weil heute die Herrschenden (nach dem Vorbild der Kirchen) ihrer Schuld nicht anders als durch Selbstmitleid (durch Leugnung) glauben Herr werden zu können, das ist gemein (Grund in der Konstruktion der Welt). Was heute nicht selten tragisch (ein Prädikat, das immer schon eine Selbsterfahrung der Herrschenden bezeichnete) genannt wird, ist imgrunde gemein.
    Die Anwendung mythischer Begriffe auf gegenwärtige Erfahrungen scheitert daran, daß an die Stelle des unaufgeklärten Schicksal heute die imgrunde nur noch pathologische Gemeinheitsstruktur getreten ist, die sich gerne in mythische Gewänder kleidet. So glaubt sie, der Kritik sich entziehen zu können.
    BKA (oder GBA?): die „objektivste Behörde der Welt“: das schließt Gemeinheit nicht nur nicht aus, sondern bezeichnet genau ihren Grund.
    Staatsmetaphysik (und die ihr korrespondierende Idee des Rechtsstaats) ist der Grund für die Struktur und die Tendenz politischer Prozesse: Der Staat kann nur aufgrund einer abgrundtiefen Bosheit angegriffen werden, und er kann nur von links angegriffen werden (Angriffe von rechts beeinträchtigen nur „das Ansehen unseres Rechtsstaates im Ausland“). Der politische Charakter der Prozesse gegen Linke kann nur (reflektiert und) anerkannt werden, wenn man bereit ist, auf die Staatsmetaphysik zu verzichten, die aber erforderlich ist, um das „Weltbild“ (bis hinein in die Naturwissenschaften) zu begründen und zu stabilisieren. Die Totalitätsbegriffe Natur und Welt sind nur im Rahmen der Staatsmetaphysik zu halten; und wer sie akzeptiert, akzeptiert zugleich (wie links er sich auch verstehen mag) diese Staatsmetaphysik, die dann im Gewaltkonzept (und im stalinistischen Rechtsverständnis) sich ausdrückt (Ausdruck der Sünde wider den Heiligen Geist).
    Gibt es einen Zusammenhang des erweiterten noachidischen Nahrungsgebot (das nicht mehr vegetarisch ist wie das paradiesische) mit den Kerubim und dem kreisenden Flammenschwert nach der Vertreibung aus dem Paradies und der Bedeutung des Regenbogens nach der Sintflut?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie