Kant

  • 26.3.1995

    Der Name der Erbsünde ist sehr wörtlich zu nehmen: Die Menschen verhalten sich in der Tat so, als hätten sie eine Sünde geerbt, zu der niemand sich zu bekennen wagt. Anders sind die Paranoia und der Rachetrieb, die in Institutionen wie Zucht- und Irrenhäusern (die heute zwar nicht mehr so heißen, es der Funktion nach aber immer noch sind) und Kasernen sich manifestieren, nicht zu erklären. Aber auch der Ursprung der „romantischen“ Liebe, des im Begriff des Subjekt selber verankerten Triebs geliebt zu werden (die Erwartung, durch den Andern erlöst, von der Erbsünde freigesprochen zu werden: eines der Signa der Moderne, struktureller Kern des modernen Dramas), verweist auf diesen Sachverhalt. Die unmittelbaren Repräsentanten dieser Erbsünde sind die subjektiven Formen der Anschauung, die der Barmherzigkeit den Weg zum Objekt versperren: Grund der „kommunikativen“ Selbstbeschränkung (und Selbstzerstörung) der Sprache in der folgenlosen Rede (der folgenlosen „Rede von Gott“). Die Welt ist das Medium, in dem diese Erbsünde sich fortpflanzt (der „Unzuchtsbecher“). Die „Sünde der Welt“ ist nicht „hinweggenommen“, und nur wer sie auf sich nimmt, befreit sich von dieser Last.
    Ist das Wissen der Taumelbecher, die Natur der Kelch des göttlichen Zorns und die Welt der Unzuchtsbecher (und alle drei zusammengehalten durch die „subjektiven Formen der Anschauung“, den Kelch)?
    Hat sich die Frage Rosenzweigs, ob Künstler selig werden können, angesichts einer völlig durchästhetisierten Welt nicht schlicht auf alle ausgedehnt? Aber hat Rosenzweig mit seiner Kritik des All nicht bereits den Grund der Lösung dieser Problems bezeichnet?
    Waldspaziergang (Kritik der deutschen Ideologie): Wenn einer „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht“, wäre zu fragen, ob es nicht in der Tat wichtiger ist, die Bäume anstatt den Wald zu sehen.
    Gott ist auf keine Weise gegenständlich zu machen. Das drückt sich aus in der Idee des Ewigen, die den Grund der Gegenständlichkeit, die Vergangenheit, von sich ausschließt. Die Objektivation Gottes gehört zu den Ursachen des Kreuzestodes, sie macht die Objektivierenden nachträglich noch zu Tätern. (Der Preis für die Göttlichkeit Jesu war die Vorstellung vom Gottesmord, der dann projektiv auf die Juden verschoben wurde.)
    Wenn die Idee des Absoluten der Schatten ist, den das Subjekt auf Gott wirft, dann hat die Theologie seit den Kirchenvätern in diesem Schatten gestanden. Dieser Schatten wird in den Fundamentalismen heute handgreiflich.
    Verhält sich nicht der Name der Hebräer zu der Logik, zu der der Name der Barbaren gehört, wie das verteidigende zum apologetischen Denken?
    Auch für die Opfertheologie gilt: Barmherzigkeit, nicht Opfer, oder auch: verteidigendes, nicht apologetisches Denken. Die Resultate des apologetisches Denkens gelten ein für allemal (sie gehören zur Logik der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit), die des verteidigenden Denkens sind immer neu (sie eröffnen die Zukunft, die jeden Tag neu beginnt).
    Das katastrophische Moment in der Apokalypse ist als Realsymbol der Kritik des Scheins selber Schein, es ist ein Produkt der Logik der Schrift, die in ihm zugleich sich auflöst (nachzuweisen an der Funktion des Traums und des Engels in der Apokalypse).
    Warum kommt am Ende des Ezechiel nur der Osten und der Norden vor (und zwar beide als Orte des Erscheinens der göttlichen Herrlichkeit)? Und worauf beziehen sich hier der Thron und der Schemel (verbinden sie den Osten mit dem Himmel und den Norden mit der Erde)?
    Die „Buße“ Ninives beginnt beim Volk, geht von da zum König, der dann das Vieh mit einbezieht. Aber im Buch Tobias (das die katholische Kirche in den Kanon mit aufgenommen hat) wird Ninive am Ende doch zerstört. – Ist es nicht der gleiche Fisch, der den Jonas verschlingt und wieder ausspeit, der dann im Buch Tobias gefangen und geschlachtet wird, und aus dem die Mittel gewonnen werden, mit denen Sara vom Dämon Asmodei befreit und Tobias von seiner Blindheit geheilt wird? Zugleich wird das Symbolum eingelöst, und zwar durch den Engel Raphael (nicht Gabriel, der nach islamischer Tradition – und nach der Verkündigungsgeschichte – den Heiligen Geist repräsentiert). War das Vermögen des Tobias nicht in Susa deponiert, dem Ort der Esther-Geschichte? – Kann es sein, daß der apokryphe Teil des Buches Daniel (mit der Susanna-Geschichte) dem gleichen symbollogischen Zusammenhang angehört?
    Haben Sara und Asmodei etwas mit der Maria Magdalena und ihrer Befreiung von den sieben unreinen Geistern zu tun?
    Welche Anspielungen und Bezüge stecken in den Namen der Apostel? Gibt es ebenso wie den hellenistischen (Andreas und Philippus) auch einen makkabäischen Bezug (Simon, Judas)? Worauf verweisen Jakobus und Johannes? Welche Väter werden genannt (Simon Barjona, Bartholomäus, Jakobus und Levi, Söhne des Alphäus), welche Mütter (die Mutter der Zebedäussöhne) und welche Schwiegermütter (die des Simon Petrus)?
    War Johannes Scottus Eriugena ein Laie (trägt seine Theologie nicht die Züge einer Laientheologie)?
    Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist durch die Apokalypse auf die Theologie im Angesicht Gottes bezogen.
    „Als Mann und Weib schuf er sie“: Ist das nicht die Besiegelung des vorhergehenden „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn“? Hat die Geschlechtertrennung etwas mit der Beziehung des Nomen zum Personalpronomen zu tun?
    „Im Schweiße deines Angesichts“: Bezieht sich das auf Gethsemane? Und haben die Dornen und Disteln etwas mit dem brennenden Dornbusch zu tun?
    Unterm Bann der indoeuropäischen Sprachlogik, die das Inertialsystem antizipiert, ist das Symbolum zum Bekenntnis geworden, hat die Bekenntnislogik sich gebildet.
    In welcher Beziehung stehen die Sünde Adams, die Sünde der Welt und die Sünde wider den Heiligen Geist?
    Die Figur des Kleinbürgers, in der nach Walter Benjamin Teufel und arme Seele konvergieren, ist nicht vergangen, sondern mit dem Faschismus universal geworden. Das war der Modernisierungsschub, der ökonomisch abzuleiten wäre. Wäre nicht aus der Logik des Kapitals, aus der gegenwärtigen Entwicklung ihrer Strukturen, sowohl die gegenwärtige Renaissance der Bekenntniskriege (der Weltanschauungs- und Vernichtungskriege) wie auch die eklatante Unfähigkeit der politischen Institutionen, das was hier vor sich geht, zu begreifen und konstruktiv zu bearbeiten, abzuleiten? Hinweis: Ist nicht alle Ökonomie (aufgrund der Währungshoheit der Staaten) Nationalökonomie, die im Außernationalen ihre „Natur“ vor sich hat, die Hegel zufolge den Begriff nicht halten kann, d.h. der staatlichen Herrschaftslogik sich entzieht? Dringen über die Internationalisierung des Marktes Naturverhältnisse in die Ökonomie ein, die zur Machtanarchie keine Alternative mehr zuläßt? (Paradigma: Hat sich nicht das Militär im Golfkrieg und jetzt in der Jugoslawienkrise als ohnmächtig und hilflos erwiesen, und zwar aus strukturellen, mit institutionellen Mitteln nicht zu behebenden Ursachen?)
    In einer Welt, die ohne Rest von den Marktmechanismen, vom Wertgesetz, so durchdrungen wird, daß sie auch die Politik (und ihre Grundlage: eine funktionierende Öffentlichkeit), wie das schwarze Loch jegliche Strahlung, in sich aufsaugen, wird auch die Sprache in den Strudel mit hereingerissen, die allein fähig wäre, das, was hier sich zuträgt, zu begreifen.
    Privatfernsehen: Wenn Information zur Unterhaltung wird, übernimmt Unterhaltung die Rolle der Information (Politiker wissen das; die Konsequenz, die sie daraus ziehen, heißt Imagepflege).
    Kritik der Wissenschaft ist Kritik der Verwaltungswissenschaft, der Versuch, Erkenntnis hinter dem Rücken in eine im Angesicht zu transformieren.
    Unsterblichkeitslehre: Das Präsens ist die Gegenwart unterm Primat der Selbsterhaltung.
    Gerechter Preis/gerechter Lohn: Woher kommt es, daß Europäer die festgelegten Preise in Schaufenstern, Warenlisten, auf Werbeprospekten nicht nur als vorgegeben und feststehend, sondern auch als „gerecht“ anzusehen geneigt sind, während sie in „orientalischen“ Bazaren, in den gehandelt und gefeilscht wird, das Gefühl nicht loswerden, belogen und betrogen zu werden? Liegt nicht in der kapitalistischen Preisgestaltung (entgegen der Theorie, die außer denen, die sie anwenden, niemand ernst zu nehmen scheint, und deren katastrophische Folgen, nämlich im Falle des Konkurses, genau die trifft, denen man sie permanent ausredet: daß der Preis auf dem Markt, durch Angebot und Nachfrage, sich bestimmt) die Suggestion, die Preise seien kalkulatorisch begründbar: Ausdruck der Erstellungskosten? Darin steckt das Bewußtsein, daß erst mit der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip (der differentia specifica des Kapitalismus) für den Preis ein Maß gefunden worden ist, das einer objektiven Überprüfung offensteht. Der Preis entspricht dem „Wert“, und der ist gleiche Weise „objektiv“ wie das Gewicht eines materiellen Dings (dessen Logik in ihm sich reproduziert: Liegt hier, in der Beziehung des Wertgesetzes zur Gravitation, der Grund der logischen Affinität des Staates zur Astronomie?).

  • 13.3.1995

    Die subjektiven Formen der Anschauung sind eine Verdrängungsmaschine.
    Hat das „leer, gereinigt und geschmückt“ etwas mit der Form des Raumes zu tun?
    Das Buch mit den sieben Siegeln („innen und auf der Rückseite beshrieben“) sah Johannes „in der Rechten dessen, der auf dem Thron saß“ (Off 51).
    Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren: Die Form des Raumes ist das Produkt der Verdrängung der Scham. Daraus läßt sich die Bedeutung der Kleidung ableiten (auch ihre geschlechtsspezifische Gestaltung, die heute neutralisiert zu werden tendiert? – Gibt es einen Zusammenhang dieser Neutralisierung mit der Tendenz beim Kirchenbau, die Innenwand wie die Außenwand zu gestalten?).
    Das Dogma ist zum Labyrinth geworden; ohne den Faden der Ariadne findet keiner mehr heraus. Aber ist nicht auch hier ein Minotaurus im Innern, der das Lamm ersetzt hat?
    Daß das Rind in der christlichen Symbolwelt nicht mehr vorkommt, sondern nur das Lamm (als Auslösung der Erstgeburt des Esels) und die Taube (als Auslösung der Erstgeburt der Armen), hängt das damit zusammen, daß an seine Stelle der Wolf getreten ist?
    Das Lamm und die Taube symbolisieren das stellvertretende Opfer.
    Welche Bedeutung haben in der jüdischen Symbolwelt die Raubtiere, erscheinen sie nur als Herrschaftssymbole (Löwe, Bär, Panther)?
    In den prophetischen Bildern des Tierfriedens gehört der Löwe zum Rind, der Wolf zum Lamm und die Natter zum Kind: Sind nicht Rind, Lamm und Kind Opferbilder? Hinsichtlich der Charaktere der Raubtiere scheint ihre Zuordnung in diesen Bildern des Tierfriedens nicht ohne Bedeutung zu sein. Haben Löwe und Rind etwas mit der Frontalität (und der Herrschaft) zu tun, Wolf und Lamm mit der Stellvertretung (und der Messianität), die Natter und das Kind mit dem Reich? „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“
    Sind nicht Tiere die Charaktere der Welt?
    Hat das Tier aus dem Wasser etwas mit oben und unten (mit den oberen und unteren Wassern) zu tun, das Tier vom Lande mit den vier Himmelsrichtungen?
    Die Schlange war das klügste aller Tiere: Sie symbolisiert das Wissen? Drückt im Spiel des Kindes mit der Schlange nicht schon das Jesus-Wort sich aus: „Seid klug wie die Schlange und arglos wie die Tauben“?
    Ist die Taube das Symbol des Heiligen Geistes, weil sie die Erstgeburt der Armen auslöst?
    Welche Bedeutung hat das Pferd, wo und in welchem Zusammenhang kommt es vor? Das Pferd zieht den Sonnenwagen, und die apokalyptischen Reiter haben etwas mit den Himmelsrichtungen zu tun.
    Hängt die Geschichte der Verinnerlichung der Scham mit der Erweckung des Tieres in uns zusammen?
    Die Ökonomie ist ein symbiotisches System. Indem wir uns von diesem Apparat ernähren lassen, ernähren wir ihn. Und die Freiheit, die uns dieser Apparat gewährt, ist die Quelle seiner Macht.
    Wer den Glauben als ein Instrument, sich selbst unnützes Wissen einzureden, begreift, sollte es lieber lassen. Was hat Jesus davon, wenn wir glauben, daß er der Sohn Gottes ist, daß er gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater ist? Wichtiger wäre der Ausbruch aus der Selbstinstrumentalisierung der Religion, die in dieser Art des Glaubens gründet.
    Wer verfolgt wen in der Apostelgeschichte:
    – Petrus und Johannes durch die Priester, Schriftgelehrten, Sadduzäer (41),
    – die Apostel durch die Hohepriester, Sadduzäer (517),
    – Stephanus durch die Hohepriester, Saulus, Steinigung des Stephanus (68),
    – die Gemeinde in Jerusalem durch Saulus (81),
    – Hinrichtung des Jakobus, Bruder des Johannes, durch den König Herodes (121),
    – Gefangennahme des Petrus durch den König Herodes (123),
    – Verfolgung des Paulus und Barnabas in Antiochien durch die „Juden“ (1344),
    – Steinigung des Paulus in Lystra durch Heiden und Juden (148),
    – Verfolgung des Paulus und Silas in Philippi (1619),
    – des Jason in Thessalonich durch die Juden (175),
    – Paulus in Beröa durch die Juden aus Thessalonich (1713),
    – Paulus in Korinth durch die Juden (1812),
    – Aufstand des Silberschmieds Demetrius in Ephesus gegen die Christen (1923),
    – Aufstand der Juden aus Asien gegen Paulus in Jerusalem, Gefangennahme des Paulus (2127),
    – Paulus vor dem Hohen Rat (231),
    – Verschwörung zur Ermordung des Paulus (2312),
    – Paulus vor dem Statthalter Felix in Caesaria (2323),
    – Anklage durch die Hohepriester in Caesaria (241),
    – Paulus vor Statthalter Fester (Nachfolger des Felix) in Caesaria (251),
    – Paulus vor König Herodes Agrippa II (2513),
    – Paulus nach Rom (271).

  • 8.3.1995

    Der Plural majestatis ist ein Produkt der Logik der Schrift. Durch die Monologisierung der Sprache (eine Folge der Logik der Schrift) wird sie zum Selbstgespräch. Ein König hat Berater, aber entscheiden muß er für sich (dieser Satz scheint eine conditio des autoritären Charakters zu sein, der wie die Majestät, dialogunfähig ist).
    Scheler hat das Paradigma einer Religionsphilosophie geliefert, deren Grundlage die theologischen Mucken der Ware sind.
    Die Prophetie ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben.
    Die Grundlage des theologischen Satzes von der Erhaltung der Welt ist nicht die Form des Raumes (das Inertialsystem), sie liegt in der Konstruktion des Himmels verborgen.
    Was bedeutet es, wenn nach islamischer Tradition Gott jeden Tag die Welt neu erschafft? Wie verhält sich der islamische Schöpfungsbegriff zum biblischen Schöpfungsbericht (insbesondere zum siebten Tag)?
    Haben das tohu wa bohu und die Finsternis über dem Abgrund und der Geist Gottes, brütend über den Wassern, etwas mit den drei abrahamitischen Religionen zu tun, mit Judentum, Islam und Christentum (jeweils in dieser Reihenfolge)?
    Eine Kritik des Ansatzes der Kant-Laplaceschen Weltentstehungs-Theorie würde auch deren moderne Derivate (Urknall und schwarzes Loch) treffen.
    Der Orion und die Plejaden: Sind sie die Reflexion des Planetensystems am Fixsternhimmel?
    Die Naturwissenschaften rücken die Welt in die Perspektive des Eigeninteresses. Aber dieses Eigeninteresse steht unterm Bann der Äquivalenz von Einzelnem und Allgemeinem (der Beziehung von Privateigentum und Staat). Das Gewaltmonopol des Staates und der Nationalismus (das logische Fundament der Privateigentums-Gesellschaft) gehorchen einer Logik, die in den Naturwissenschaften gegen die Natur sich richtet. Kein Zufall, daß die Objektivation der Natur zu Beginn sowohl der alten als auch der neuen Geschichte mit der Astronomie anhebt (als Legitimationswissenschaft des Staates: Newtons „absoluter Raum“ war einer der logischen Gründe des politischen Absolutismus: der Privatisierung der Herrschaft).
    Die kopernikanische Wende hat die „Völker, Stämme, Sprachen und Nationen“ im Begriff der Nation kontrahiert (und neutralisiert): Die rassistische Wendung der Sprachwissenschaft (die Rückführung der indogermanischen Sprachen auf eine indogermanische Rasse) gründet in dieser Logik. Die sprachgeschichtliche Aufklärung des zugrunde liegenden Sachverhalts wird erst möglich sein, wenn es gelingt, den sprachlogischen Grund der indogermanischen Sprache zu entschlüsseln.
    Einstein hat die im Relativitätsprinzip verkörperte Beziehung von Bewegung und Ruhe neu definiert und durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit konkretisiert. Das Licht, nicht der Raum definiert die Dauer, von der Folge und Zugleichsein (die anderen Attribute der Zeit) unterschieden werden müssen. Nicht mehr zu halten ist das im Raum verkörperte Moment des Zugleichseins, zumindest in dem Sinne, in dem es Vergangenheit und Zukunft von sich (vom Präsens) ausschließt, den Raum zur Wasserscheide der durchs Inertialsystem äqualisierten (zum Zeitkontinuum verräumlichten) Dimensionen der Zeit macht. Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist die Rache der Asymmetrie von Zukunft und Vergangenheit an der homogenisierten Zeitvorstellung. Es gibt ein Zugleichsein mit dem Vergangenen (die auch die zukünftige Vergangenheit umgreift): das Überzeitliche, und mit dem Zukünftigen (auch der vergangenen Zukunft): die Idee des Ewigen.
    Hat der Satz über die „Lichter … an der Feste des Himmels“: „sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren“ (Gen 114), etwas mit den Zeichen an Hand und Stirn (in Ex 131ff, 1311ff, Dt 64ff und 1113ff) und haben beide etwas mit den Zeichen an Hand und Stirn in Off 1316 zu tun? Hat die kopernikanische Wende das Zeichen an Stirn und Hand geheftet (sowohl Kopernikus als auch Newton waren Geldtheoretiker), und hat dieses Zeichen etwas mit dem Zeichen des Kain zu tun?
    Der Traum von einer Laientheologie, den ich mit einigen Freunden während des Theologiestudiums kurz nach dem Krieg geträumt habe, war ein Nebukadnezar-Traum: Ich mußte den Traum erst finden, um ihn dann deuten zu können.
    Heute morgen eine Karikatur in der FR, zum Welt-Frauentag: ein Globus mit dem Abdruck eines Kußmundes. Angesichts der Zustände, an die dieser Tag erinnern soll, schlicht eine Geschmacklosigkeit. Aber erinnert es nicht an das Problem der Schiller-Beethovenschen Ode an die Freude: Auch hier gibt es „diesen Kuß der ganzen Welt“, und das im Kontext einer schrecklichen (dazu anatomisch unmöglichen) Vision: Alle Menschen werden Brüder. Wäre es nicht an der Zeit, daß endlich alle Brüder Menschen werden?

  • 4.3.1995

    Wenn Marx den Ursprung des Geldes aus dem Tauschverhältnis herleitet, stellt er seine Analyse dann nicht doch auf die im kantischen Sinne „weltliche“ Seite des Verhältnisses ab, und verdrängt er nicht die naturale Seite, die in der Schuldknechtschaft gründet?
    „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“: Enthält der Ausdruck, ein Kind sehe „wissend“ aus, nicht auch die Wahrnehmung, daß es sein Vertrauen in die Eltern verloren hat? Und hat diese Wahrnehmung nicht weitreichende Implikationen und Konsequenzen; gründet nicht die gesamte Wissenschaft (und der Totalitätsbegriff des Wissens selbst) in der Abstraktion von diesem „Vertrauen“? Aber ist nicht umgekehrt diese Abstraktion vom Vertrauen, die eine Kindheit (durchs Wissen) zu zerstören vermag, auch wiederum notwendig und unvermeidbar: Alle Initiationsriten beziehen sich hierauf, wie auch das Erwachsenwerden ohne diese Abstraktion nicht gelingt; und ist nicht die Schule die formalisierte Einübung in diese Abstraktionsfähigkeit? Hinzuzufügen wäre nur, daß es eigentlich nur der Reflexionsfähigkeit bedarf, um den Eingriff dieser Abstraktion zu humanisieren. Das „Ja und Amen“, das J.B.Metz auf die „Welt“ bezieht (deren Begriff in der Abstraktion vom kindlichen Vertrauen gründet), bezieht sich an Ort und Stelle (im Korintherbrief) auf die göttlichen Verheißungen, heißt das aber nicht: auf ein durch die Abstraktion vermitteltes, wiederhergestelltes Vertrauen? Aber dieses „Ja und Amen“ ist ein aktives, gleichsam autonom gewordenes Ja und Amen; es erfüllt sich im Tun des Gebotes „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“. Die Welt nämlich ist unbarmherzig.
    Das Rind kennt seinen Eigner, der Esel die Krippe seines Meisters. (Jes 13, Buber-Übersetzung)
    Zum Begriff der Versöhnung: Das Opfer kann sie gewähren, der Täter aber nicht einfordern. War es nicht der Konstruktionsfehler im Sakrament der Beichte, daß es das Opfer seiner Kompetenz zu vergeben beraubt und diese Kompetenz der kirchlichen Sakraments- und Gnaden-Verwaltung zugeeignet hat? Die Kirche hat mit Rind und Esel gemeinsam gepflügt. So wurde die Sünde zu einem Problem zwischen der isolierten Seele und Gott (mit der Kirche als vermittelnder Instanz); das Opfer und die Welt werden ausgeblendet, sie bleiben unversöhnt draußen. Das hat den Weg zur Bekenntnistheologie und zur Rechtfertigungslehre freigemacht.
    In theologos: Auschwitz muß in jeder Hinsicht davor geschützt werden, als stellvertretendes Opferleiden mißbraucht zu werden. Aber galt das nicht auch schon seit je für den Kreuzestod Jesu, dessen opfertheologischer Mißbrauch jetzt, nach Auschwitz, vollends blasphemisch geworden ist? Heute wird Getsemane wichtiger als der Kreuzestod: mit dem Schlaf der drei „Säulen“, dem „Wachet und betet“ und dem Kelch.
    Bezeichnet der Begriff der Schöpfung eigentlich den selben Sachverhalt wie das hebräische bara? Und ist das Konzept einer creatio mundi ex nihilo nicht eine Kompromißbildung?
    Wenn die Wissenschaften ihrem eigenen Entwicklungsgesetz sich überlassen, verlieren sie sich im leeren Unendlichen (vgl. neben Astronomie und Mikrophysik die Biologie und die historische Grammatik).
    Sind nicht Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorie Hinweise darauf, daß je nach Kontext das Inertialsystem in sich selbst noch zu differenzieren ist. Verhalten sich nicht Gravitationstheorie und Elektrodynamik wie Esel und Rind, Last und Joch?
    Die Materie bezeichnet das Schuldmoment an den Dingen, durch das sie dem Naturgesetz unterworfen sind.
    Greuel am heiligen Ort: Heute wollen alle bloß frei sein von Schuldgefühlen, das aber heißt: frei sein von der Gottesfurcht, und dazu mißbrauchen sie die so blasphemisch gewordene Religion. Diese Religion ist nur noch ein Exkulpationsautomat, mit hochexplosiven gesellschaftlichen Folgen.
    Am Ende des ersten Stücks im „Geist der Utopie“ heißt es: „Diesen (sc. den utopisch prinzipiellen Begriff, H.H.) zu finden, das Rechte zu finden, um dessenwillen es sich ziemt zu leben, organisiert zu sein, Zeit zu haben, dazu gehen wir, hauen wir die metaphysisch konstitutiven Wege, rufen was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns ins Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das Tatsächliche verschwindet – incipit vita nova.“ Zu den handschriftlich unterstrichenen Worten „bauen ins Blaue hinein“ findet sich in dem mir vorliegenden Exemplar aus dem Nachlaß von Heinrich Scholz die ebenfalls handschriftliche Randbemerkung: „scheint so“ (der nur wenige Seiten später dann eine ins Antisemitische eskalierende Bemerkung folgt: „Selbstgespräche eines Irren, besser Meschuggenen. Vielleicht muß man Hebräer sein, um derlei Zeug zu verstehen“).
    Die Tempelreinigung: Sind die Geldwechsler und die Taubenhändler nicht die Banken und die Kirchen? Markus ergänzt die Geschichte noch durch den Satz „und ließ es nicht zu, daß jemand ein Gefäß durch den Tempel trug“, während Johannes, die Stelle an den Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu rückt (nach der Hochzeit in Kana), zu den Taubenhändlern noch die Verkäufer von Ochsen und Schafen nennt.
    Die kantische Erkenntniskritik ist der Beginn der Selbstreflexion der richtenden Gewalt, die den historischen Erkenntnisprozeß durchherrscht (hierzu Reinhold Schneider: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“).
    Bietet der Satz von Rind und Esel nicht auf eine Hilfe zur Lösung des Problems der Fälschungen im Mittelalter? Das moralische Urteil (zu dessen Grundlagen die Historisierung des Vergangenen gehört) verstellt der Erkenntnis nur den Weg, während es darauf ankäme, die Zwangslogik, die den Vorgang beherrscht, endlich zu durchschauen: Auch diese Zwangslogik (die Logik des Rechtfertigungszwangs) gehört nämlich zu den nicht vergangenen Vergangenheiten, zu den Fundamenten der Gegenwart, in denen die Vergangenheit überlebt. Ist nicht die Logik der Fälschungsgeschichte zu einem Strukturelement der Aufklärung selber geworden, in die Strukturen der projektiven Erkenntnis und der modernen gesellschaftlichen Institutionen mit eingegangen (unterscheiden sie sich nicht gerade hierdurch von der Form der antiken Institutionen)? Und steckt nicht in der moralischen Empörung über diese „Fälschungen“ selber ein projektives, vom Rechtfertigungszwang erzeugtes Moment, das seine Erkenntnis verhindert? Gehören nicht die Fälschungen zusammen mit der Sage und der Legende zur Vorgeschichte der historischen Aufklärung wie die Astrologie zur Vorgeschichte der Astronomie gehört und die Alchimie zur Vorgeschichte der Chemie? Wie verhalten sich die Fälschungen zum vorausgehenden symbolischen Erkenntnisbegriff der Theologie? Gibt es einen inhaltlich bestimmbaren abgegrenzten Bereich (institutionelle Legitimation von Eigentumsrechten und Herrschaftsansprüchen), auf den die Fälschungspraxis sich bezieht (ihr Ort waren wohl die Schreibwerkstätten in den Klöstern und kirchlich-politischen Kanzleien)? Gehören nicht die Inquisition (die projektive Paranoia, die die Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung begleitet) und die Geschichte der Eucharistie-Verehrung (opfertheologischer Ursprung des Dingbegriffs als Teil der Ursprungsgeschichte des Inertialsystems; vgl. hierzu die Jericho-Geschichte, das Verbot, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen und der mit dem Aufbau verbundene Fluch über die Erstgeburt und den jüngsten Sohn des Wiedererbauers) zu den Folgen der Fälschungsgeschichte und die Ausformung des katholischen Mythos, das Fegefeuer, die Ohrenbeichte, das Zölibat zu ihren Voraussetzungen (Zusammenhang mit der Geschichte der Legitimation der Gewalt, die ihre „naturwüchsige“ Qualität verliert, und der Verinnerlichung der Scham, beides Momente der institutionellen Selbstlegitimation, die im Inertialsystem in den Naturbereich sich ausdehnt)?
    Hängen nicht die Fälschungen des Mittelalters mit einer frühen Phase der nominalistischen Aufklärung (den Anfängen einer aufgeklärten, historisierenden Bibel-Kritik, zu deren Vorläufern die Historisierung der Bibel seit Flavius Josephus gehört) zusammen? Die in die Ursprungsgeschichte des Antisemitismus und zur Vorgeschichte Hitlers gehörenden projektiven Rekonstruktionen der altorientalischen Geschichte sind späten Folgen der Historisierung der Bibel.
    Das Barock hat die Bibel endgültig ins Erbauliche transformiert. Die Allegorie war das Instrument dieser Transformation (und nach Walter Benjamin der Totenkopf die Urallegorie). Gibt es einen Zusammenhang der Allegorie mit dem Nominalismus und der Eucharistie-Verehrung? Und war nicht die Transformation ins Erbauliche die Grundlage (der Hintergrund) für die historische Bibelkritik? (Hier wird das Daniel-Motiv – den Traum, den Daniel erklären soll, muß er zuvor erst finden – durch die Erfindungen des Traums, durch Fälschung, auf den Kopf gestellt.)
    Wie hängt Kafkas Schauspieldirektor („er wechselt die Windeln des künftigen Hauptdarstellers“) mit dem Problem des Hahns zusammen?
    Ist die Trennung von Wer und Was (von Feuer und Wasser) in der Konstruktion des Inertialsystems mit enthalten? Nicht zufällig führt die newtonsche Begründung des kopernikanischen Systems zum Deismus. Mit der Subsumtion des Falls unters Inertialsystem, mit seiner Neutralisierung im Gravitationsgesetz (mit der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen), ist die qualitative Unterscheidung von Oben und Unten auch neutralisiert: eigentlich das Inertialsystem als ein objektives System überhaupt erst begründet (oder aus seiner Vorstufe, dem Neutrum, erzeugt) worden. Gehört das Wasser zur Beziehung von Rechts und Links und das Feuer zu der von Oben und Unten (wie das Angesicht zu der von Vorn und Hinten)? Das aber heißt: Steckt im Wasser die verdrängte Kraft des Namens, wird die Urteilsform (der „Grund“ der Welt), werden Objekt und Begriff aus dem Wasser „geschöpft“, und ist das Nichts der Schöpfungslehre das Wasser (das Nichts des Begriffs)?
    Hängt das hebräische esch/Feuer mit dem isch/Mann zusammen (wie das majim/Wasser mit dem ma/was)? Gibt es ähnliche etymologische Beziehungen bei dem griechischen und lateinischen Namen des Feuers (… und ignis)?
    Hängen der griechische Pan (der Gott des mittäglichen Schreckens) mit dem lateinischen panis (Brot) zusammen? Hat der Pan etwas mit dem Schrecken Isaaks zu tun? Steckt im Pan der Schrecken des neutralisierten Angesichts (die Erfahrung des Angesichts in einer vom Neutrum beherrschten Sprache: das Angesicht des Hundes)?
    Zwischen dem Brot und dem Korn steht die Mühle: Simson muß als Gefangener der Philister die Mühle drehen. In der Apokalypse ist die Rede von einer Stadt, in der der Gesang, das Geräusch der Mühle und die Stimme von Bräutigams und Braut nicht mehr gehört werden.

  • 1.3.1995

    Die 42 Auschwitz-„Theorien“, die Heinsohn zusammenstellt und „widerlegt“, erinnern nicht zufällig an die kantischen Antinomien der reinen Vernunft, die Argumente Heinsohns an die „apagogischen“ Argumente Kants: Sowohl die (meisten der) „Theorien“ als auch deren Widerlegung sind wahr. Das ungute Gefühl, das einen beschleicht, wenn man sieht, wie Heinsohn die „Elemente des Antisemitismus“ aus der Dialektik der Aufklärung zur „Theorie“ zusammenstutzt, gründet darin. Für die Gesamtkonstruktion Heinsohns scheint die Verarbeitung des apokalyptischen Elements entscheidend zu sein. Durch einen Trick wird es vorab „unschädlich“ gemacht: durch das naturhistorische Konstrukt der Venus-Katastrophe, auf deren Erinnerung die Apokalypse generell reduziert wird; so verliert die Apokalypse durch Projektion ins Vergangene (als Erinnerung an eine vergangene Naturkatastrophe) jede „prophetische“, auf die Zukunft bezogene Bedeutung. Nur, was Heinsohn übersieht: Die Apokalypse ist zwar seit je (in der Urgeschichte des Fundamentalismus seit Augustinus) als Angst-Generator, als ein Mittel, die Menschen in einen Zustand zu versetzen, in dem sie beherrschbar sind, genutzt worden (in diesem Sinne war auch Hitler ein Apokalyptiker) – und gegen diesen Gebrauch richtet sich das Verfahren, das in der Geschichte der Aufklärung ebenfalls seit je als Mittel der Angstbearbeitung genutzt worden ist: die Projektion ins Vergangene. So, durch die gleichen Formen der Verdrängungsarbeit, hat die Aufklärung in der Ursprungsgeschichte der Philosophie den Mythos und das Schicksal, und mit dem Ursprungskonstrukt der modernen naturwissenschaftlichen Aufklärung (mit dem Inertialsystem) die Projektionen der Angst und des schlechten Gewissens in einer keineswegs „entsühnten Welt“ zu bewältigen versucht. Etwas anderes ist es jedoch, wenn man versucht, in der Apokalypse, in ihren Symbolen und Bildern, den rationalen Kern zu entdecken, sie als ein Mittel der Angstbearbeitung zu nutzen.
    Der Preis für seine (von ihm nicht reflektierte) apagogische Beweisführung ist die Identifizierung des jüdischen „Monotheismus“ mit dem philosophischen und die Ausscheidung der Apokalypse aus der Prophetie.
    Die heinsohnsche „Ursachenforschung“ trägt gleichsam bekenntnis-technische Züge: Wer die Ursache kennt, kann sie abstellen. Das Ergebnis ist eine Knopfdruck-Philosophie. Zugleich scheint ihr Motto zu sein: „Dixi et salvavi animam meam“, ein Satz, der bei Ezechiel eine ganz andere Funktion und Bedeutung hatte, jedenfalls nicht auf die Rechtfertigung derer abzielte, die glauben, doch nichts ändern zu können, und deshalb wenigstens rechtbehalten wollen.
    Adorno hat einmal auf die ihn erschreckende Erfahrung aufmerksam gemacht, daß Studenten weithin nur noch auf eine sehr instrumentalisierte Weise erfahrungsfähig sind, daß sie aus dem, was einer sagt, nur noch heraushören, wofür oder wogegen es sich richtet. Unter dem Bann dieser Fixierung scheint auch das heinsohnsche Konzept zu stehen; das ist es, was er aus den Auschwitz-Theorien vorab herauszuhören scheint. So entartet Kritik zum Grabenkrieg im Bekenntniskampf.
    Das apagogische Argument (dessen Logik damit zusammenzuhängen scheint) rührt an die Grenzen der Beweislogik, wie auch der Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist. Das aber verweist darauf, daß die Explosion von Gemeinheit, als welche der Faschismus in der Erinnerung sich enthüllt, außerhalb der Beweislogik liegt. Es gibt keinen Wahn, der nicht auch von einer nur ihm eigenen Logik beherrscht wird. Und um einen Wahn aufzulösen, bedarf es auch der Kritik der Logik, die ihn beherrscht. Diese Kritik der Logik ist nicht irrational, sondern die Freisetzung einer Rationalität, die den Bann des Wahns bricht. Zentral in der Kritik der Logik ist die Kritik des Rechtfertigungszwangs, die die Fähigkeit zur Schuldreflexion mit einschließt. Logische Zwänge sind auch Rechtfertigungszwänge, sie gehorchen dem Exkulpationstrieb. Ihre Überzeugungskraft gründet in der exkulpatorischen Wirkung des Objektivationsprozesses. Insofern hängt Auschwitz in der Tat mit dem, was in Joh 129 die „Sünde der Welt“ heißt, zusammen.
    Zur Auflösung der Problems des apagogischen Beweises (die ein Problem der Logik der Schrift ist) trägt das Jesaia-Wort vom Rind und Esel bei, die Unterscheidung von Joch und Last, die Reflexion der Asymmetrie im dialogischen Kern der Sprache, von der das geschriebene Wort abstrahiert (die Logik der Schrift neutralisiert die Asymmetrie von Ich und Du, Zukunft und Vergangenheit, Himmel und Erde). Hierzu gehört der ungeheure Gedanke Kants, daß allein die Hoffnung das Gleichgewicht der apagogischen Beweise, das die Antinomie der reinen Vernunft begründet, zu stören vermag.
    Habermas: Die subtilste Art des Vatermords ist die, sich selbst zum Erben zu erklären. Eine Erbschaft kann nur antreten, wer davon ausgeht, daß der Erblasser tot ist. Das Erbe setzt die Enteignung der Toten, die Aufhebung ihrer Eigentumsfähigkeit, voraus. Steht nicht das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, gegen die Form der Erbschaft unterm Gesetz des Privateigentums, die das uneingeschränkte Verfügungsrecht mit einschließt (und jeden Anspruch der Toten gegen uns ausschließt)? Vater und Mutter ehren heißt, aus der Rolle des Erben heraustreten. Vgl. dagegen die auf das Erbschaftsinstitut reflektierenden Erörterungen bei Paulus, aus denen u.a. der Begriff des „Neuen Testaments“ sich herleitet. Das Testament regelt die Erbschaft und setzt den Tod des zu Beerbenden voraus, während der Bund auf das Verhältnis freier Partnern sich bezieht. Die Vorstellung, das Christentum habe Israel beerbt, ist der Grund des christlichen Antijudaismus (mit der Folge der Neutralisierung der Prophetie, die im Antisemitismus, im Judenmord, endet).
    Zum Kontext des Begriffs des Erbes gehört der Weltbegriff, der aufgrund der Erbschafts-Konstellation in ihm den (am Ende eskalierenden) Generationenkonflikt aus sich entläßt.
    Nietzsches Wort „Gott ist tot, wir haben ihn getötet“ ist keine theoretische Feststellung, sondern Ausdruck einer verzweifelten Erfahrung. Die christliche Theologie war seit ihrem Ursprung eine Tod-Gottes-Theologie, ein nekrophiles Konstrukt. Das Wort „Gott ist tot“ steht erstmals in der „Fröhlichen Wissenschaft“. Hier ist erstmals das Lachen als Argument erfahren worden, dem Nietzsche nichts mehr entgegenzusetzen hat, und an dem er zugrunde gegangen ist. Der Sohar hat es noch gewußt: Lachen ist schlimmer als Zorn. Nietzsches Philosophie: Der verzweifelte Ausdruck der Hilflosigkeit und Ohnmacht im Angesicht des Lachens; darin gründet sowohl die Lehre vom Übermenschen und vom Willen zur Macht als auch deren metaphysisches Korrelat, die Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
    Das apokalyptische Symbol des Lachens ist der Unzuchtsbecher.
    Haß der Welt: Die Scham macht den Andern (und der Inbegriff aller andern ist die Welt) zum Richter über das Subjekt, setzt das Weltgericht an die Stelle des Jüngsten Gerichts.
    Traum und Vision haben im Buch Daniel eine Entwicklungsgeschichte:
    – Vom Traum des Nebukadnezar, über den das Buch Daniel objektiv, in der dritten Person, berichtet, den Nebukadnezar vergessen hat, und den Daniel, bevor er ihn erklären kann, erst rekonstruieren muß,
    – über den Traum, den Nebukadnezar (in der ersten Peron) selbst erzählt, und den Daniel dann auslegt,
    – über Belsazar und die Schrift an der Wand, die Daniel erklärt,
    – über das Traumgesicht des Daniel,
    – bis zu den Gesichten Daniels.
    Beschreibt diese Geschichte die Ursprungsgeschichte des „Gesichts“, der apokalyptischen Vision?
    Die Getsemane-Geschichte wird unauflösbar, wenn das Kelch-Symbol in dieser Geschichte nur auf den privaten Tod Jesu, auf das Schicksal, das ihm widerfährt, bezogen wird. Vor diesem Hintergrund verdampft das Kelch-Symbol zu einem erbaulichen Vergleich, wird der Kelch gleichsam „innerhalb“ des Kelchs verstanden (der Kelch auf sich selbst angewendet): So wird der Kelch zum Unzuchtsbecher (Subsumtion des Kelches unter den Kelch: die Verwechslung von Joch und Last, Rind und Esel). Hiermit hängt es zusammen, wenn in den Texten des Christentums nur Esel und Lamm (das im Opfer für die Erstgeburt des Esels eintritt) noch erinnert werden, die Erinnerung ans Rind aber verschwunden ist.
    Klingt nicht im philosophischen Begriff der Erscheinung (und im Namen der Phänomenologie) der Name des Festes der Epiphanie, der „Erscheinung des Herrn“, nach?

  • 25.2.1995

    Das indoeuropäische Präsens bezeichnet nicht die Gegenwart, sondern die Gleichzeitigkeit, so wie die Tempora der indoeuropäischen Konjugationsformen insgesamt relative Tempora sind, auf Vergleichszeiten bezogen. Hiermit hängt es zusammen, daß im sprachlogischen Kontext dieser Sprachen das Angesicht nur als Maske: als Person erscheint. Hier ist die List und die Verstellung (Ursprung des „Bewußtseins“) schon eingebaut. Auch die kantische Erscheinung hat hier ihren sprachlogischen Grund: Die Erscheinung ist die Reflexion der Sache (die selbst ins Unfaßbare zurücksinkt) in ihrem Anderssein. Diese Sprachlogik ist der Grund des Weltbegriffs, des Korrelats des kantischen Begriffs der Erscheinung. Die Begriffe Erscheinung, Welt, Natur, Person bilden (zusammen mit den Begriffen der Hegelschen Logik) ein System, in dem sie sich wechselseitig definieren und jeder Begriff nur innerhalb dieses Systems wechselseitiger Definition Bedeutung gewinnt. Die Philosophie, ihr Ursprung, ihr Erkenntnisbegriff und ihre Geschichte, ist auch ein sprachlogisches und sprachgeschichtliches Problem, das seinen Grund in der indoeuropäischen Grammatik findet.
    Das Hegelsche Absolute ist der Swinegel: „Ick bün all do“.
    Die Liebe unterscheidet sich von der Barmherzigkeit durch ihre Instrumentalisierbarkeit. Ein paradigmatisches Beispiel hierfür ist die Nutzung des Liebesentzugs als Erziehungsmittel. Das Unverständliche der kirchlichen Gnadenlehre hängt mit dieser Instrumentalisierung (der Liebe und der Gnade) zusammen (Folge der Konstituierung der Theologie als priesterliche Verwaltungswissenschaft).
    Die Instrumentalisierung der Liebe, der Liebesentzug und die damit verbundenen pathologischen Formen der Verletzlichkeit, des Beleidigtseins, der Empfindlichkeit (nicht Sensibilität, die durch Empfindlichkeit neutralisiert wird), gründen im Selbstmitleid.
    Die Person ist das neutralisierte und idolatrisierte Angesicht, wie das Neutrum (als grammatisch instrumentalisierte Verletzung des Bilderverbots) gründet es in der Herrschaftslogik.
    War nicht das Bilderverbot ein Schutz vor dem Neutrum?
    Das realsymbolische Objekt der Sintflut sind die indeoeuropäischen Sprachen.
    Der ungeheure Sinn des Satzes: „Hodie, sie vocem eius audieritis“. Sein Hintergrund ist die Erschaffung der Welt durchs Wort: Das erlösende Wort ist die Erfüllung des schaffenden Wortes, das, wenn es endlich gehört wird, erlöst.
    Aqua: Hängt das quaerere mit dem qua zusammen?
    Ist nicht die Identität von träger und schwerer Masse, die Einstein seiner Allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde gelegt hat, eine logische Konsequenz aus den Erhaltungssätzen (der Masse und der Energie)? Hat diese Identität nicht einen ähnlichen logischen Stellenwert wie die Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie, im Kontext des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Gibt es hier nicht eine Stufenfolge der dreifachen Reflexion, von der trägen Masse über die schwere Masse zur Äquivalenz von Masse und Energie?
    Der Raum als subjektive Form der äußeren Anschauung ist der durchschlagene Knoten, den es zu lösen gilt.
    Zum Begriff der Unzucht: Der Dingbegriff ist das Telos des Gattungsbegriffs.
    Wenn im Namen des Himmels auch das Wer enthalten ist (der verborgene Name Gottes), ist dann nicht der Antisemitismus eine Folge der Himmelsverfinsterung.
    Ursprung des Positivismus: Der kritische Impuls in der Geschichte der modernen Erkenntniskritik ist auf eine merkwürdige Weise punktuell und folgenlos geblieben. Auf die reale Wissenschaftsentwicklung hat er keinen nachhaltigen Einfluß genommen. Bezeichnend, daß die kantische Vernunftkritik ihre Wirkung eher als Begründung und Legitimierung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisanspruchs denn als dessen Kritik gehabt hat. Auch die Hegelsche Kritik der kantischen Antinomien (ihre Transformierung aus der transzendentalen Ästhetik in die transzendentale Logik, die so zur dialektischen Logik geworden ist) hat legitimierend gewirkt.
    Die Ontologie (die Hegel gegen Kant wieder rehabilitiert hat) bindet das Erkenntnisinteresse ans Wissen; das ist der Grund, weshalb sie in Heideggers Fundamentalontologie im Harakiri geendet hat.

  • 23.2.1995

    Die Kosmologie war seit je eine Legitimationswissenschaft; sie hat (als theoretisches Korrelat des Rechts) der Politik und dem Geschäft den Rücken freigehalten.
    Last und Joch: Die Justiz produziert die Schuld, für die sie dann – wie das Inertialsystem für die träge Masse – das Maß liefert. Es gibt kein Schuldurteil ohne projektives Moment; jedes Schuldurteil reproduziert das Schuldverschubsystem und ist eine Quelle der Paranoia. Wie das funktioniert, läßt sich am Prozeß gegen Birgit Hogefeld ablesen: Die paranoiden Eingangskontrollen erhärten die Schuld der Angeklagten mehr, als jede Beweisführung es vermöchte. So entsteht der Eindruck, als sei die Beweiserhebung nur eine lästige Pflichtübung, von der man absehen könnte, wenn nicht die Verteidigung den Gang des Verfahrens, dessen Ergebnis ohnehin schon feststeht, durch unnötige Fragen und Anträge behindern und verzögern würde. Dem entspricht das gereizte Klima in der Verhandlung ebenso wie das Verhalten der polizeilichen Hilfsorgane, denen der Hinweis auf „diese“ Angeklagte zur Begründung und Rechtfertigung der schikanösen und entwürdigenden Kontrollen, die sie mit deutlicher Demonstration von Berufsstolz durchführen, genügt. Nirgends wird deutlicher, daß dieser Prozeß auch der Erhaltung und Stabilisierung eines Vorurteils dient. „Rechtsstaatlichkeit“ ist, wie es scheint, nur eine Formalie, die beachtet werden muß, um keinen Revisionsgrund zu liefern.
    Noch dem Sohar ist es „das Ich …, das die Flut bringt“ (Ausgabe Diederichs, S. 119). Vor allem bei der Sintflut spricht Gott in der ersten Person Singular („ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen“, „so will ich sie denn vom Erdboden vertilgen“ und „ich lasse jetzt die Sintflut über die Erde kommen“ – Gen 67,13,17), voher jedoch schon bei der Erschaffung Evas („ich will ihm eine Hilfe schaffen“ – 218), nach dem Sündenfall, beim Fluch gegen die Schlange („ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, …“ – 315) und gegen Eva („ich will dir viel Beschwerden machen bei der Schwangerschaft“ – 316); bei der Erschaffung des Menschen (Adam) spricht er (im Selbstgespräch) in der ersten Person Plural („laßt uns den Menschen machen“ – 126). Die weiteren Stellen, an denen Gott in der ersten Person Singular spricht, betreffen dann den Bund (mit Noe, mit Abraham), die Selbstoffenbarung im brennenden Dornbusch, die zehn Gebote, und welche anderen außerdem? Schließt z.B. in der Prophetie die Unterscheidung zwischen erster und dritter Peron, zwischen „ich, JHWH“ und „Spruch des Herrn“ (bei Ezechiel: „Ich, ich“ und „Spruch des Herrn, des Herrn“) eine inhaltliche Differenz mit ein, und welche Bedeutung hat das Ich Gottes in den Psalmen? Was hat es hiernach mit der Sintflut auf sich, was war im Sohar gemeint?
    Der Sohar übersetzt Dt 3323: „Voll vom Segen JHWHs, West und Süden werden ihn erben.“ Der Satz steht im Segen des Moses über Naphthali, in dem dieses „West und Süd“ in der Regel mit „Meer und Süd (Meer und Mittag)“ übersetzt wird. Die Beziehung zwischen Meer und West mag in der Geographie Palästinas begründet sein, wo das Meer im Westen lag. Aber läßt sich die Möglichkeit apriori ausschließen, daß die symbolische Beziehung des Westens zum „Hinter dem Rücken“ (im Gegensatz zum Angesicht) und in diesem Kontext auch zum Meer, zum Wasser, mit hereinspielt? Zum Meer gehören die großen Meerestiere (Rahab, Leviatan, der große Fisch), und nicht zuletzt das „Tier aus dem Meer“ der Apokalypse (die Verkörperung der Leugnung des Angesichts). Die Hure Babylon, „die an den an den vielen Wassern sitzt“, gehört hierher, auch der Satz, daß das Meer am Ende nicht mehr sein wird. Die Philosophie beginnt mit dem Satz „Alles ist Wasser“, und sie endet mit dem Inertialsystem, durch das die Dinge in eine Perspektive gerückt werden, in der sie „von allen Seiten hinter dem Rücken“ gesehen, in eine Logik eingetaucht werden, in der sie nur noch sind, was sie für andere sind (genau das drückt der kantische Begriff der Erscheinung aus). Das, was sie „an sich“ sein mögen, wird im wörtlichen Sinne „liquidiert“: verflüssigt. Naturwissenschaftlich gehört das Wasser zur Festkörperphysik (und das Glas zu den flüssigen Körpern): Ist das Wasser nicht das Realsymbol des Relativitätsprinzips, der Identität des Starren mit der vollständigen Beweglichkeit in sich selber? Wie im Inertialsystem und im Geld lassen sich auch im Wasser Ruhe und Bewegung nicht unterscheiden. Aber bezeichnen nicht das Inertialsystem und das Geld den Übergang vom Wasser zum Feuer (der Sohar ergänzt: vom Was zum Wer), der im biblischen Namen des Himmels sich anzeigt?
    Weitere Konnotationen:
    – Das Ich und die Sintflut (das Wasser und die Manifestation des göttlichen Ich), oder Noah, der Weinbau, die Trunkenheit und die aufgedeckte Blöße, Ham und Kanaan.
    – Die Feste und die Scheidung der oberen von den unteren Wassern.
    – Jesus, das Meer und das Wasser; die Berufung von Fischern zu Aposteln; die Kirche und das Schiff.
    – Die Hochzeit zu Kana und die Verwandlung von Wasser in Wein.
    – Das Zeichen des Jona.
    Erst mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird das Inertialsystem gegenständlich, konkret, materiell.
    Die Orthogonalität (der „Seitenblick“ auf die Zeit, ihre Verräumlichung) ist der Grund des Relativitätsprinzips: der Einheit von starrer Form und absoluter Beweglichkeit, der Nicht-Unterscheidbarkeit von Ruhe und Bewegung, die gleichwohl als Natur und Welt (als dynamisches und mathematisches Ganzes: als Bewegtes und Ruhendes zugleich) unterschieden und getrennt werden. Gründet in dieser Konstellation nicht auch das Konstrukt der Orthodoxie, mit einer merkwürdigen genetischen Wechselbeziehung zur Objektivationsgeschichte insgesamt.
    Befreiung der Kritik aus der projektiven Logik des Schuldverschubsystems: Erst wer die „Schuld der Welt auf sich nimmt“, hat es nicht mehr nötig, sie zur eigenen Entlastung nach draußen zu projizieren. Kritik, die diesen Namen verdient, zielt, anstatt auf die Fixierung des Kritisierten, seine Dingfestmachung, auf seine Auflösung: auf die Änderung der Welt.

  • 22.2.1995

    Zum Hinweis auf den Antisemitismus Freges in der FR vom 22.2.95 paßt die handschriftlichen Bemerkungen Heinrich Scholz‘ in seinem (Rezensions-)Exemplar von Ernst Bloch „Geist der Utopie“: „Selbstgespräche eines Irren, besser Meschuggenen. Vielleicht muß man Hebräer sein, um dieses Zeug zu verstehen“. Erschreckend auch eine Notiz eines sicherlich sonst unverdächtigen Intimfeinds der Nazis, Theodor Haecker, am 28.3.1940 („Tag- und Nachtbücher“, S. 50f): Nachdem er feststellt, daß in den Evangelien niemals das Äußere eines Menschen beschrieben wird, verweist er auf die „einzige Ausnahme“, die „Christus selber (macht), da er einen seiner Jünger, ganz allgemein freilich, als echten Hebräer (!) anspricht, im Äußeren (!) schon. Das setzt aber doch voraus, daß man sich über den Typus eines echten Hebräers (!) durchaus im klaren war.“ Hierzu bleibt nur zu bemerken, daß Jesus an keiner Stelle von einem „echten Hebräer“ spricht, wohl aber, bei der Berufung Nathanaels im Johannes-Evangelium, von einem „echten Israeliten, einem Mann ohne Falschheit“ (Joh 147). Und der Zusammenhang läßt keinen Zweifel daran, daß es hier nicht um das „Äußere“ eines „echten Hebräers“ geht.
    Die „Historische Grammatik des Griechischen“ von Helmut Rix (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 19922) ist ein paradigmatisches Beispiel dafür, wie die Wissenschaft in Angst vor ihrem Objekt erstarrt und verstummt.
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind der Grund der metaethischen Konstruktion im Stern der Erlösung, des B = B. Die Gestalt des Allgemeinen, die sie begründen, ist eine partikulare: Symbol der Katastrophe, des Untergangs. Sie ist ein Ausfluß der Logik der Schrift, ihr terminus ad quem der Fall.
    Laß dich nicht ablenken: Lebt die Inspiration nicht von der Ablenkung, lebt sie nicht davon, daß sie dem Objekt sich überläßt, auch wo sie Gefahr läuft, daß sie sich verläuft? Wird nicht, wer sich nicht ablenken läßt, unsensibel, hart und stur, lebt nicht die Aufmerksamkeit von der Ablenkung, die vom Objekt ausgeht? – Ist nicht die Aufforderung: Laß dich nicht ablenken, selbst die Ablenkung, vor der sie vorgibt zu warnen?
    Empörung ist das Alibi der Sensibilitätsverweigerung. Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung die instrumentalisierten Formen der Empörung (des Gelächters)?
    Erste Phase der Aufklärung: Verinnerlichung des Schicksals; die zweite Phase: Verinnerlichung und Verdrängung der Scham (das Subjekt ist selbst der Adressat der Scham geworden).
    Der „Bogen in den Wolken“ ist die Widerlegung des Inertialsystems.
    Tohu wa bohu: Sind das nicht die Reflexe des Natur- und des Weltbegriffs, des B = B im Objekt?
    Blinder Gehorsam: Käme es nicht darauf an, den Gehorsam endlich sehend zu machen? Aber das geht nur über das Hören (mit den Ohren denken).
    An sieben Stellen gibt es das Wort tebel, in Ps 99, Spr 826, Hi 3413, 3712, Jer 1012, 5115, Kl 412. Vgl. auch Sohar (Ausgabe Diederichs), S. 113. (Wie den „Erdkreis“-Begriff auch den Weltbegriff aufschlüsseln.)
    Die Kluft der Orthogonalität: Nach der speziellen Relaitivitätstheorie sind die Sterne, die uns vom Himmel her leuchten, sowohl zeitlich präsent (gleichzeitig) als auch über Lichtjahre vergangen. Das eine gilt fürs Sehen, das andere für die Abstraktion des Seitenblicks. Ist das nicht ein Grund, sich doch einmal wieder die alte Lehre von den Elementarmächten, den Thronen, Herrschaften, Mächten und Gewalten, von den Engelhierarchien, anzusehen?
    Haben die Namen Alphäus und Thaddäus etwas mit der Jericho-Geshichte zu tun, in der die Wiedererrichtung Jerichos an das Opfer der Erstgeburt und des Jüngsten (des Ersten und des Letzten, das A und O) gebunden wird (Jos 626 und 1 Kön 1634)?
    Zur Verwandschaft Jesu: Sind nicht Verwandschaftsbeziehungen (ähnlich wie später die Engelhierarchien) Bilder der Logik? Und gehören nicht Jakobus (der Sohn des Alphäus) und Juda (Thaddäus und der Bruder des Jakobus) zu den „Brüdern Jesu“?
    Mit dem Opfer des Lamms wird die Erstgeburt des Esels ausgelöst. Hat diese Auslösung etwas mit der erb- und eherechtlichen Regelung der Auslösung (Schwagerehe beim Tod des Mannes, vgl. z.B. die Geschichte der Ruth und die von Juda und Tamar) zu tun? Hängt nicht generell das Verschwinden Josefs aus der Jesus-Geschichte hiermit zusammen (wie auch die Geschichten der Frauen im Stammbaum Jesu und in den Evangelien: neben der Mutter Jesu die Frauen, die ihn begleiten, insbesondere Maria Magdalena, Martha und Maria, die Mutter des Jünglings von Naim, die „große Sünderin“, die Frau, die an Blutfluß leidet, die Ehebrecherin, die Samariterin)?
    Falle und Fall; Garn, Grube (Jeremias) und Kelch: Symbole des Inertialsystems, des Geldes und der Bekenntnislogik?

  • 21.2.1995

    Das Elend der Kommunikationstheorie (und der Linguistik) ist ihre Unfähigkeit, die erkennende und benennende Kraft der Sprache zu reflektieren. Das Nomen ist zum Substantiv geworden, und die Kommunikationstheorie zur Rache des Begriffs an der Sprache. Aber ist das nicht die logische Konsequenz daraus, daß in beiden die sprachlogische Struktur und Funktion der Grammatik vergessen wurde? Beide sind durchs Neutrum geblendet. Man könnte auch sagen: Die Kommunikationstheorie steht unter dem Bann der (Mono-)Logik der Schrift: Sie verwechselt die Welt im Kopf des Theoretikers mit der Welt.
    Auschwitz ist ebenso unvergleichbar wie in der Sprache der Name unvergleichbar ist. Das schließt nicht aus, daß es andere Namen und daß es Metastasen von Auschwitz gibt.
    Dem Ausdruck „gequälte Natur“, mit dem Habermas das Adornosche „Eingedenken der Natur im Subjekt“ glaubte berichtigen zu müssen, ist die Neutralisierung der Natur im Habermasschen Philosophiekonzept vorausgegangen.
    Und sie erkannten, daß sie nackt waren: Wodurch unterscheidet sich der Rock aus Fellen von den Feigenblättern? Ist das Feigenblatt nicht der Anfang der verandernden Kraft, aus der der Weltbegriff erwachsen ist?
    Die phonetische Aufschlüsselung der Buchstabenschrift im Hebräischen scheint auf die griechische und lateinische und auf die nachfolgenden europäischen Sprachen nicht anwendbar zu sein. Kann es sein, daß es prophylaktische Gründe sind, die die Anwendung verhindern, weil die Ergebnisse erschreckend wären? Hat das Neutrum die Sprache ihrem phonetischen Ursprung entfremdet hat? Und hat die Spiegelung am Neutrum auch die Etymologie tangiert und verfremdet? Die Logik der Schrift hat ihre verandernde, neutralisierende Kraft bis in diese Sprachschicht entfaltet (mit dem Ich als Statthalter des Neutrum im Subjekt)?
    Sind die Differenzen zwischen den verschiedenen Gestalten der Mystik in den drei „Welt“-Religionen (Kabbala, christliche Mystik, Sufismus) sprachgeschichtlicher Natur? Das hic et nunc (grammatisch das Präsens) ist der (dem Neutrum und dem Ich korrespondierende) Reflexions- und Spiegelungspunkt, an dem Prophetie und Philosophie sowohl sich scheiden als auch auf einander sich beziehen. Diese Scheidung vollendet sich in den „subjektiven Formen der Anschauung“, den Reflexionsformen und Stabilisatoren des „intentionalen Akts“, der umkehrlosen Erkenntnis (des Wissens).
    Die indoeuropäischen Sprachen haben das hic et nunc zum überzeitlichen Präsens gemacht.
    Wie hängt die mittelalterliche Eucharistie-Verehrung (und die „Monstranz“) mit dem Stellenwert und der Konstruktion der bestimmten Artikel im Deutschen, mit der Verknüpfung des vom Nomen abgelösten Demonstrativum mit den Formen der Deklination, zusammen? Ist nicht in der Konstruktion des bestimmten Artikels im Deutschen, in dem „der da“, die Selektion, die Hybris der Säkularisation des Jüngsten Gerichts (des Hegelschen „Weltgerichts“) in Auschwitz, vorgebildet?
    Der Faschismus war eine Knechtsrevolte: der Aufstand Kanaans.
    Schuldgefühle nach Auschwitz hatten die Überlebenden aus dem Volk der Opfer, nicht die Täter; zur Infamie dieses Ereignisses gehörte es, daß es den Tätern und ihren Angehörigen die Möglichkeit offenhielt, durch Flucht in die Rolle des Zuschauers sich vor sich selbst freizusprechen, in die Opfern aber den Stachel des Bewußtseins einpflanzte, Komplizen des Verbrechens geworden zu sein.
    Die Gottesfurcht ist die Furcht vor einem Gericht, in dem die Opfer unseres Handelns und unserer Versäumnisse gegen uns als Richter sich erweisen werden. So hängt die Gottesfurcht mit der Idee des Jüngsten Gerichts zusammen.
    Mein Joch ist sanft und meine Last leicht: Würde auch nur einer noch diesem Satz glauben, würde er die ganze Theologie verändern.
    Zum Problem des Gebets (zur Theologie als Gebet) vgl. Mk 1125.
    Läßt sich das Problem der Dialektik an dem Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ demonstrieren? Dieser Satz ist nicht objektivierbar, er läßt sich nicht verallgemeinern. Nur das Opfer kann ihn sprechen; kein Täter darf ihn von seinem Opfer fordern. Was im Munde des Opfers das Humanste wäre, wird im Mund des Täters zur Waffe, die ihn ein zweites Mal erschlägt. Darauf bezieht sich das Prophetenwort vom Rind und Esel. Gründet nicht der Bann, der auf der christlichen Theologie lastet, darin, daß sie Last und Joch identifiziert?
    Das Lamm, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, ist das Lamm, das für die Auslösung der Erstgeburt des Esels eintritt.
    Das göttliche Gebot ist eine (befreiende) Last für mich, kein (verknechtendes) Joch für andere. Dazu wird es im Kontext des Urteils, dessen Kritik in dieser Konstellation gründet.
    Hängt nicht die Urteilsform mit der Ursprungsgeschichte der indoeuropäischen Sprachen, mit dem Ursprung des Neutrum, der Struktur des Wissens, der Philosophie und des Natur- und Weltbegriffs, zusammen? Die Urteilsform. die über die subjektiven Formen der Anschauung (und in Wechselwirkung damit über die Geldwirtschaft und die Bekenntnislogik) in der Objektivität sich verankert, macht das befreiende Gebot zum verknechtenden Gesetz.
    Die Bekenntnislogik, die die Neutralisierung der erkennenden Kraft der Sprache, ihre kommunikationstheoretische Denaturierung, voraussetzt, ist die geschichtliche Gestalt der dritten Leugnung.

  • 19.2.1995

    Der Kreuzestod war das erste Werk des Fundamentalismus, und dieser steht immer noch in seinem Schatten.
    Von den evangelischen Räten sind insbesondere der Gehorsam und die Keuschheit fundamentalismusgefährdet. Beide gehören zu den Konstituentien des Inertialsystems: Die Materie ist gehorsam und keusch zugleich, allerdings auch tot.
    Wenn man von Kindern sagt, sie sehen wissend aus, heißt das nicht, daß man ihnen die Neugier ausgetrieben hat? Sie sind gefangen in den Aprioris, die man ihnen eingebläut hat.
    Das Extrem der transzendentalen Logik ist das Vorurteil.
    Ist das Unkraut das neutestamentliche Äquivalent der Dornen und Disteln?
    Zur Kritik der Kommunikationstheorie genügt es, auf den Zustand der Wissenschaften zu verweisen, die untereinander längst inkommunikabel geworden sind. Wenn die Kommunikationstheorie von der Prämisse ausgeht, daß die Sprache von den Dingen getrennt ist (und nur „über“ die Dinge etwas mitteilt) und daß die Dinge selbst gegeneinander äußerlich sich verhalten, so zerstört diese wechselseitige Äußerlichkeit von Sprache und Objektwelt die Sprache von innen; sie zeichnet der Sprache die Bahn des Versinkens ins Finstere vor. Die Historisiserung der Vergangenheit und die Objektivierung der Natur sind erkauft mit der Verdrängung vergangenen Unrechts und vergangenen Leidens (das fortlebt).
    Die habermassche Kommunikationstheorie ist eine Rechtfertigungslehre, keine Erkenntnishilfe.
    Es gibt nicht die eine Welt, über die man kommunizieren kann. Das Christentum hat die Sprengung dieser Einheit, die in biblischem Kontext in der Trennung von Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen sich anzeigt, durch den Begriff des Bekenntnisses heilen wollen; es hat aber nur neuen Sprengstoff in die Einheit hineingebracht.
    Die zivilisierte Welt hat seit je ihr Gegenbild, von dem sie lebt (subjektiv im Namen der Barbaren und Wilden, objektiv in den Gegensätzen von Babylon und Ägypten, Griechen und Perser, Rom und Karthago bis hin zu Amerika und Rußland, die in einer merkwürdigen Reflexions-Beziehung zum Anfang, zu Babylon und Ägypten stehen).
    Umkehr, Name und Angesicht: Die Umkehr sprengt den Naturbegriff, der Name den Weltbegriff und das Angesicht die logische Konstruktion des Wissens.
    Der Zusammenhang des Namens des Wassers mit dem Was (vgl. das Buch Bahir zu Ex 1527, S. 119) verweist darauf, daß die Naturqualitäten insgesamt sprachlicher Natur sind. Ist nicht jeder Trieb eine Gestalt der Frage, und gibt es nicht deshalb den guten und den bösen Trieb?
    Haben die drei evangelischen Räte etwas mit der Feste zu tun, die die oberen von den unteren Wassern trennt?
    Die Hegelsche Dialektik ist die ins Vergebliche instrumentalisierte Umkehr. Hängt dieses „Vergebliche“ mit dem (Sünden-)Vergeben zusammen?
    Rechts und Links hängt mit Innen und Außen zusammen: Wie leicht an einem Handschuh sich demonstrieren läßt, ist das Innere der Rechten das Äußere der Linken. Gesicht und Rücken bleiben Gesicht und Rücken, nur daß, wenn Gesicht und Rücken der Rechten nach außen sich kehren, die der Linken (wie die Außenwände neuer Kirchen) nach innen gekehrt sind. Ist nicht dieses „Umstülpen“ eine Bewegung der Scham, der Pathologisierung, der Verletzlichkeit und des Empfindlichwerdens?
    Anmerkung zu Jona: In unserer Welt sind nicht mehr nur Rechts und Links, sondern auch Vorn und Hinten und Oben und Unten ununterscheidbar geworden.
    Israel ist die Konkretisierung dessen, was Kant die Menschheit nannte.
    Eine der schlimmsten (und offensichtlich so gewollten) Folgen des Startbahn-Prozesses war es, daß er die Startbahn-Bewegung in Rechtfertigungszwänge hineingebracht hat, aus denen sie nicht mehr sich befreien konnte.
    Das evangelische Gebot der Keuschheit wäre auf die Konstellation Nacktheit („nackte Tatsachen“), Öffentlichkeit („Aufdecken der Blöße“), Verinnerlichung der Scham (Ursprung des Inertialsystems) sowie die Beziehung von Gewalt und Kommunikation (Zerstörung der Sprache durchs Inertialsystem) zu beziehen. Auch die Keuschheit ist ein Sprachproblem.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“; „nackt bin ich aus meiner Mutter Schoß gekommen, und nackt werde ich wieder dahingehen“; „ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet“: Die Nacktheit ist ein Objekt-Attribut; sie bezeichnet das Resultat der Entblößung der Dinge vom verteidigenden (parakletischen) Denken. Deren Instrumente sind
    – die subjektiven Formen der Anschauung (Entblößung des Objekts),
    – das Geld (Warenfetischismus und Reklame) und
    – die Bekenntnislogik (die deshalb frauenfeindlich ist)?
    Nackt sind die Dinge als namenlose Objekte des Begriffs, als Erkenntnisobjekt des namenlosen Subjekts Welt.

  • 16.2.1995

    Im historischen Umwälzungsprozeß rücken uns die Vergangenheiten wieder nahe: Das scheint sich heute auf die Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs (auf den Bedingungszusammenhang der prophetischen Erkenntnis) zu beziehen.
    Zu den drei kantischen Totalitätsbegriffen gehört der des Wissens, der auch zu den Ursprungsbedingungen der indoeuropäischen Sprachen gehört (ich weiß = ich habe gesehen).
    Enthält Jer 3134 nicht die Auflösung des Rätsels der Mathematik? Das Ende der Geschichte, in der einer den andern belehrte, ist das Ende der unbegriffenen Mathematik.
    Der Antisemitismus gründet in der Leugnung und Verdrängung der Gottesfurcht, in der Verdrängung des Schmerzes, daß das Absolute nicht das Absolute ist (deus fortior me). Das Absolute ist ein Konstrukt der Rechtfertigungs- und Bekenntnislogik: Durch die Rechtfertigungslogik ist das Symbolum zum Bekenntnis geworden. Die Bekenntnislogik ist die Rache des Absoluten an der symbolischen Gestalt der Wahrheit.
    Die Teilung der Menschheit unter Heber (Gen 1025) drückt sich in den beiden Stammbäumen Sems aus, deren erster (1022ff) über den zweiten Sohn Hebers, Joktan, zu dessen dreizehn Söhnen führt, während der zweite (1110ff) über den ersten Sohn, Peleg, zu Abram und zur Geschichte Israels führt.

  • 11.2.1995

    Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung, der Naturbegriff die Auferstehung. Das vermittelnde Glied ist die Leugnung des Todes durch den Weltbegriff.
    Die exkulpatorische Absicht des Satzes „Wir sind allzumal Sünder“ wird daran deutlich, daß man glaubt, die Last von Auschwitz loszuwerden, wenn man die andern an Dresden erinnert?
    Der destruktive Charakter des Schuldverschubsystems wird nur zum Schein aufgelöst durch kollektive Verdrängungsmechanismen: Das „Seid nett zu einander“ löst die Konflikte nicht auf, sondern verdrängt sie nur; das aber gelingt nur bei gleichzeitiger Abfuhr der unaufgelösten Aggressionen, durch projektive Verarbeitung des verdrängten. Tratsch macht süchtig.
    Die Philosophie hat diese Form der projektiven Problemverarbeitung zu einem systematischen Teil ihres Erkenntnisbegriffs gemacht; jede Gestalt der Philosophie war Produkt einer relativen Stabilisierung des Schuldverschubsystems (durch Anpassung an die jeweiligen Herrschaftsstrukturen). Der Fortschritt der Philosophie, wie ihn die Hegelsche Philosophie dokumentiert hat, war eine Bewegung innerhalb dieses Schuldverschubsystems, das selber bis heute nicht Thema der Philosophie gewesen ist. Ausdruck dieses Schuldverschubsystems ist die Hegelsche Logik, der Hegelsche Begriff der Dialektik. Diese Dialektik ist die Dialektik von Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten in einer durch die Verdrängungsgeschichte veränderten Gestalt.
    Ist nicht die Poesche Erzählung vom Maelstrom eine Variation, eine Paraphrase zur Geschichte vom Schiffsbruch Pauli vor Malta unter veränderten historischen Bedingungen? Der Fischer rettet sich durch den Sprung in den Abgrund, wobei er das Schiff opfert.
    Die Kirche: Ist das nicht Jonas, der in der Flucht vor dem prophetischen Auftrag im Bauch des großen Fisches landet? Nur, daß sie es bis heute noch nicht begriffen hat.
    Sind nicht das Geld und die Bekenntnislogik die Korrelate der Formen der äußeren und der inneren Anschauung? Sind sie nicht wechselseitig wie diese aufeinander bezogen? Die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache setzt die Kritik beider (die Aufhebung ihrer Trennung) voraus. Hierdurch würde sich die pathologische „Kultur der Empfindlichkeit“ in die befreiende Kultur der Sensibilität verwandeln. Hier beginnt die Freiheit der Kinder Gottes, auf die alle Kreatur sehnsüchtig wartet.
    Unterscheiden Paulus und die Evangelien zwischen Hebräern und Israeliten?
    Nach Otto Karrer ist der Autor des Judas-Briefes der Herrenbruder Judas und zugleich der „Thaddäus“, einer von den Zwölfen. Und der Jakobus-Brief ist der älteste Brief (was stimmt, wenn sein Verfasser der Herrenbruder ist, der schon früh das Martyrium erlitten hat). Was bedeuten die Namen Alphäus und Thaddäus (haben diese Namen etwas mit dem „A und O“ des hebräischen Alphabets zu tun, mit Aleph und Taw? Enthält Flavius Josephus hierzu einen Hinweis? Und wie hängt das Problem der Herrenbrüder mit der Frage der davidischen Abstammung Jesu zusammen?
    Kommen die Namen Alphäus und Thaddäus sonst noch vor?
    Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist die Finsternis über dem Abgrund. Haben das A und O etwas mit dieser Form der Beziehung von Vergangenheit und Zukunft zu tun (und die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit mit den Pforten der Hölle)?
    Die göttlichen Verheißungen sind nicht der Lohn für die Befolgung der göttlichen Gebote, sondern deren Inhalt selber. Ist nicht der Heilige Geist der Garant der Einheit von Verheißung, Gebot und Erfüllung des Gebots (des Worts)?

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