Der Andere und der Fremde: Der Andere ist (wie das Eigentum) systemimmanent, die Welt Inbegriff des Andersseins (mit dem Sein als verandernder Kraft: Grund der grammatischen Struktur der indogermanischen Sprachen als Privateigentümer-Sprachen?), der Fremde hingegen ist wie der Arme systemtranszendent (deshalb ist Hegel zufolge die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug, um der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern: ist nicht der „Pöbel“ der aufgrund seiner Identifikation mit dem Aggressor xenophobe Repräsentant des Fremden im Innern der Privateigentums-Gesellschaft?).
Die Welt wird definiert durch das Anderssein (als Produkt von „Ent“-Fremdung): als Inbegriff aller Gegenstände des Wissens und als potentielles Eigentum.
Die Verwechslung des Fremden mit dem Andern (die in der Beziehung des Denkens zum Raum gründet) macht ihn zum potentiellen Eigentum, sie eröffnet und begründet eine Logik, die man als Mord-Logik bezeichnen kann.
Die Hegelsche Philosophie ist als Welt-Philosophie die Philosophie der absoluten Entfremdung: Hier ist alles Fremde, das bei Kant noch unter dem Namen der Dinge an sich erinnert wird, getilgt.
Barbaren, Natur, Materie: Der Begriff der Materie konstituiert sich im Verhältnis zum Inertialsystem, dessen Kern die Form des Raumes ist. Materie und Zeit scheinen „von außen“ in den Raum hereinzukommen, aber welches Außen gibt es gegen den Raum? Nur die zeitliche: die Zukunft und die Vergangenheit; wenn die Materie (das absolut Entfremdete) als Repräsentant der Zukunft, des Neuen, gefaßt werden kann, so ist die Zeit Repräsentant der Vergangenheit, die die Zukunft (die Materie) unter sich subsumiert und denaturiert. Fremdenhaß ist Haß auf die Zukunft (die nach einem Spruch an der Startbahnmauer „auch nicht mehr das (ist), was sie einmal war“). „Vergeßt die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ (Hebr 132)
Die Sünden der Welt hinwegnehmen? „Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen (aufzuheben: athetäsin täs hamartias). … so wurde auch Christus nur ein einziges Mal geopfert (prosenechtheis), um die Sünden vieler hinwegzunehmen (aufzuopfern: to pollon anenengkein hamartias) …“ (vgl. Hebr 926ff)
Ist nicht das Sünden-Vergeben (aus der Unfreiheit der Sünden Befreien) eine Folge des Auf-sich-Nehmen der Sünden der Welt?
Kant
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21.03.93
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04.03.93
Die abscheulichen Feigen, die vor Schlechtigkeit nicht gegessen werden können (Jer 2917).
Waren nicht die Mythen lokale Mythen auch deshalb, weil mit dem Realitätsprinzip, das sie rechtfertigen sollen, der Partikularismus, am Ende der Nationalismus, bereits mitgesetzt war? Das transzendentale Subjekt der kantischen Philosophie ist ein endliches Subjekt, seine Hypostasierung der Staat. War nicht die augustinische civitas dei eine konstitutive Bedingung seines theologischen Realitätsverständnisses (des „ad literam“, Grund des Fundamentalismus)? Abgesichert wurde dieses Realitätsverständnis (die philosophische Tradition, die darin sich behauptete) durchs Dogma: Trinitätslehre und Opfertheologie.
Zur Beziehung der Allegorese zum Naturbegriff sh. Burkert: Antike Mysterien, S. 67. (Sh. auch Ch. Schäublin: Untersuchungen zur Methode und Herkunft antiochenischen Exegese, Köln 1974.) Erhellen sich Allegorie, Mythos und Natur gegenseitig, entspringt nicht der Naturbegriff in der allegorischen Mythenauslegung (S. 68)?
Die „Höhle“ stellt den Kosmos dar, überwölbt vom Tierkreis des Himmels; die sieben Planeten finden sich, die die sieben Grade der Einweihung beherrschen; das zentrale Stieropfer erscheint in kosmischem Rahmen, zwischen der untergehenden Mondgöttin und dem aufgehenden Sonnengott (S. 70, zum Mithraskult).
Der Hegelsche Naturbegriff wird von Hegel selber an zwei Stellen kenntlich gemacht:
– wenn er bemerkt, die Natur könne den Begriff nicht halten, und
– wenn er die Außenbeziehungen der Staaten, insbesondere den Krieg, als Naturzustand bestimmt.
Der Begriff als Kristallisationskern des Weltbegriffs ist eine bloß formale Bestimmung auch in dem Sinne, daß er die Ursprungsdifferenzen verwischt. Die Identität des Begriffs verdankt sich dem Gewaltmonopol des Staates, und sie gilt nicht über die Grenzen der staatlichen Ordnung hinaus. Deshalb ist der Nationalismus nur dann vermeidbar, wenn es gelingt, die Naturwissenschaften durch Reflexion aufzulösen.
Hat nicht Tertullian, durch Übertragung der griechischen Sprache der Theologie ins Lateinische, als erster den kosmologischen Weltbegriff mit dem juristischen in eins gesetzt? Die Welt ist seitdem die von Gesetzen beherrschte, nach dem Eigentumsprinzip organisierte Welt.
Gegen Habermas: Ohne die Idee, daß bei Errichtung der richtigen Gesellschaft auch die Natur sich ändert, ist die Idee einer richtigen Gesellschaft nicht zu halten. Auch die gesellschaftskritische Anwendung der kantischen Vernunftkritik wird nicht mehr zu halten sein, wenn man den Versuch aufgibt, ihre wissenschaftskritische Anwendung mit aufzunehmen.
Kann man sich im Garten Getsemane eine Kuschelecke einrichten (Bendorfer Euphorie), gilt dafür nicht das Bild der schlafenden Apostel? – Wachet und betet. -
26.02.93
Erinnert nicht das Verhältnis der Kopenhagener Schule zu Einstein an die Beziehung von Hegel zu Kant? In beiden Fällen wird die Systemkritik als Motor des Systems ins System zurückgenommen und integriert, das kritische Moment herausgebrochen.
Der Gott der Philosophen ist nicht der Gott der Offenbarung. Wenn man versucht, beide mit allen Konsequenzen zu harmonisieren, kommt der Islam dabei heraus.
Dein Wille geschehe, fiat voluntas tua: Wie heißt und welche genaue Bedeutung hat das griechische Verb, das hier mit „geschehen“, „fieri“ übersetzt wurde? – „Genätäto to teläma sou“ (Mt. 610: von ginomai, werde geboren, entstehe, werde erfüllt, getan). Wenn aus dem ginomai das Tun herausgebrochen wird, entsteht genau das, was die Christen immer in den Islam hinprojiziert haben (zusammen mit der nur kriegerischen Interpretation des jihad): die Unterwerfung unter den Willen Gottes anstelle des Tuns. Ist hier nicht eines jener Beispiele, an denen sich (wie an den Begriffen Welt und Natur) nachweisen läßt, welche Folgen die Übersetzung der Philosophie und der Theologie aus dem Griechischen ins Lateinische gehabt hat?
Was ist das movens der Ursprungsgeschichte des Römischen Reiches? War nicht so etwas wie ein sprachlich-logischer Zwang mit darin enthalten, der sich aus dem Übergang von der heidnischen Idolatrie (vgl. die römische Religion, ihren Unterschied zur griechischen) zur Aufklärung und zur Installation des Weltbegriffs herleiten läßt? Ist hier nicht der Ort des aristotelischen „Ersten Bewegers“, der noesis noeseos; und muß hier nicht daran erinnert werden, daß Alexander ein Schüler des Aristoteles war? Lag nicht der Keim der Orientalisierung der griechischen Philosophie im Hellenismus in der inneren Tendenz und Logik dieser Philosophie selber?
Das ex nihilo in der philosophisch-theologischen Schöpfungslehre ist mit der Einführung der Null in die Mathematik (im Kontext des Ursprungs der doppelten Buchführung und des Inertialsystems) gegenstandslos, obsolet geworden; es hat nur noch niemand bemerkt. An dem Unvermögen, das zu begreifen, ist die nachislamische kirchlich-christliche Theologie (Grund des Universalienstreits) zugrundegegangen.
War nicht die Nazizeit eine Zeit der Einübung in das Heulen mit den Wölfen? -
27.01.93
Verhält sich der Staat zur Gesellschaft wie die Welt zur Natur (wie Idealismus zu Materialismus, Begriff zu Objekt)? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Kann es das eine ohne das andere geben, sind nicht beide Produkt des gleichen Abstraktionszusammenhangs (der Urteilsform)?
Zusammenhang der Hegelschen Deduktion des Monarchen und des „Gottesgnadentums“ mit dem ontologischen Gottesbeweis. (Rosenzweig, II S. 146)
Ist nicht das Interieur in Adornos Kierkegaard-Arbeit inzwischen aus der Objektsphäre in die Struktur des Subjekts mit eingewandert, und ist das Subjekt seitdem nicht gleichsam direkt an die Außenwelt angeschlossen (ohne Vermittlung durchs Interieur)? Gründet darin die nur minimale Differenz, die Adorno von der Einsicht in die Funktion des Weltbegriffs, zu der es in der Philosophie nach der vollständigen Verweltlichung des Subjekts keine Alternative mehr gibt, trennt?
Die Rolle der Religionen scheint sich immer mehr darauf zu beschränken, das Gefühl der Schuldfreiheit, diesen verhängnisvollen Bewußtseinskomfort, zu vermitteln. Sie wird damit zu einer wichtigen Instanz des Verdrängungsapparats (der erste Entwurf dieses Verdrängungsapparats war das Dogma, mit dessen Hilfe die Funktion des philosophischen Subjekts vergesellschaftet wurde, bei gleichzeitiger Stillstellung des philosophischen Erkenntnistriebs: Dieses Stillstellung drückt sich aus in der kantischen Definition, wonach die Welt das mathematische Ganze der Erscheinungen bezeichnet). Die Religion ist zum Schmücke dein Heim in einer Welt geworden, die für niemand mehr Heimat ist. Daher die nicht mehr zu tilgende Nähe der Religion zum Kunstgewerbe und zum Kitsch (der Idolatrie in der Kunst).
Die Verwechslung von Gegenwart und Gleichzeitigkeit wird durch die kantische subjektive Form der äußeren Anschauung stabilisiert, durch die Form des Raumes.
Die Explosion der Raumvorstellung hat bewiesen, daß es keine wie auch immer geartete Beziehung der Gleichzeitigkeit zum Himmel gibt, daß umgekehrt der Raum als Form der Gleichzeitigkeit die Unterdrückung und die Verdrängung dessen mit einschließt, was man die reale Gegenwart nennen könnte. Ist diese Raumvorstellung nicht das Endprodukt des Falles (die „Überwindung“ des Generationenverhältnisses durch Neutralisierung und Stillstellung, nicht seine Aufarbeitung; oder auch: die „Überwindung“ der Häresien durch Verurteilung und Fixierung des Dogmas: so hängt die Orthodoxie mit der Orthogonalität zusammen, und so wird das Dogma zum leeren, seiner benennenden Kraft beraubten Wort: zum vergrabenen Talent)?
Wenn Jacobus Schoneveld zufolge der Logos die Thora ist („Die Thora in Person“, in Kirche und Israel, Heft 1.91, S. 40ff), dann heißt das nicht mehr und nicht weniger, als das niemand zum Vater kommt, außer durch die Thora.
Ist nicht die homousia sowohl logisch wie realgeschichtlich das Einfallstor des Gewaltmonopols des Staates in die Theologie (und der Kristallisationskern des Dogmas)?
Die kopernikanische Wende und die Etablierung der Vorstellung vom unendlichen Raum haben den Leerraum geschaffen, in den die gläubige Phantasie glaubt, ihre „religiösen Vorstellungen“ hinein projizieren zu können. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß und wie die päpstliche Rehabilitierung Galileis die Dinge nun vollend auf den Kopf gestellt hat.
Was mit der Privatisierung der Sexualmoral begonnen hat, endet mit einer Erfahrungsfeindschaft, die direkt in die Xenophobie einmündet.
Die Personalisierung und daraus zwangslogisch folgende Vergöttlichung Jesu ist die Binde vor den Augen, mit der die Jesus-Gläubigen sich den Blick auf den Logos, der sich in der Übernahme der Sünden der Welt konstituiert, und von dem Gott will, daß er nicht leer zu ihm zurückkomme, ersparen.
Beschreibt nicht die Beziehung der von der transzendentalen Logik organisierten Erfahrung zu den Dingen als Erscheinungen auch das Verhältnis der Theologie zu ihrem Objekt? Auch die Theologie unterliegt dem Gesetz der Erscheinungswelt, in der die Dinge an sich unerkennbar sind.
In den drei Sprachen Griechisch, Lateinisch und Deutsch sind die Beziehungen der Geschlechter nicht deckungsgleich, nicht kompatibel. Die hier sich manifestierenden Brüche sind Denkmale welthistorischer Gesteinsverschiebungen. Neben den Differenzen in den Casus-Bildungen sind es vor allem Worte, die wie Sonne und Mond (sol und luna, auch Tag und Gesicht, dies und facies) jeweils anderen Geschlechtern zugeordnet wurden. Im Deutschen sind die Geschlechter an den Artikeln und den Endungen zu erkennen, im Englischen nur beim Gebrauch der Possessivpronomen. Hängt das damit zusammen, daß im Englischen der Infinitiv des Seins nicht durch das Possessivpronomen der dritten Person sing. masc. ausgedrückt wird (Folge der Neutralisierung der Casus im Englischen, und zugleich Symptom einer Verbegrifflichung der Sprache, die sich vor allem in Wendungen wie „he is doing“ ausdrückt, in denen das Verb naiv und real die Form des Prädikats, des Begriffs, animmt)? So drückt das deutsche Sein das Moment der Tätigkeit (in Physik und Ökonomie), das englische to be dagegen das Ergebnis der Vergegenständlichung dieser Tätigkeit aus (Grund des vorkritisch-kritischen Empirismus seit Locke: der Dogmatisierung von Naturwissenschaft und Ökonomie wie auch der Unterscheidung von primären und sekundären Sinnesqualitäten).
Zusammenhang von Geschlecht und Casus, die geschlechtsspezifischen Casusbildungen (in den europäischen Sprachen). -
25.01.93
Das Ergebnis der kantischen Vernunftkritik war, daß jede gegenständliche Erkenntnis sich in eine Zwangslogik verstrickt, die die Erkenntnis der Dinge zugleich auch verhindert. Im Zusammenhang dieser Logik erwies sich Kant zufolge die Erkenntnis der Dinge, wie sie an sich sind, als unmöglich. Der Sinn und die Bedeutung der kantischen Lehre von den synthetischen Urteilen apriori liegt auch in dem Nachweis, daß wir, indem wir uns diesem Erkenntnisprozeß überlassen, einer Mechanik Raum geben, die uns das Denken abnimmt, es gleichsam für uns zu leisten scheint, daß wir einer Logik verfallen, die gleichsam automatisch funktioniert, und die wir, solange es uns nicht gelingt, sie durch kritische Reflexion aufzusprengen, nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Hier liegt der Grund des von Marx so bezeichneten falschen Bewußtseins, zu dessen Absicherungen die Begriffe Natur und Welt gehören.
Steht nicht das Tischgebet in der Tradition des Opferrituals, und ist die Mahlzeit selber nicht ein Relikt des Opfers, das nicht zufällig im Deutschen Gericht heißt? Erst das Herrendenken, dem das Richten zur zweiten Natur geworden ist, betet nicht mehr: glaubt nicht mehr an die Notwendigkeit und Möglichkeit von Versöhnung. Sind nicht die Naturwissenschaften, insbesonder die Chemie, das vergegenständlichte und vergesellschaftete Fressen, das bis heute vergeblich auf das versöhnende Gebet wartet?
Die Intention des Tischgebets begreift nur, wer darin das eschatologisch-apokalyptische Moment wahrnimmt: Oculi omnium in te sperant, Domine. (Und weiter: Du gibst ihnen die Speise zur rechten Zeit; du tust deine milde Hand auf und erfüllst alles, was da lebt, mit Segen.)
Was hatte es eigentlich mit den Taubenhändlern und den Geldwechslern im Tempel im Evangelium auf sich und mit den Kaufleuten und Spediteuren in der Apokalypse? Ist uns das nicht ebenso (und aus dem gleichen Grunde) unverständlich, wie der Zusammenhang des Ursprungs der Geldwirtschaft und der Schriftkulturen mit der Idolatrie, dem Sternendienst und dem Opferwesen: mit den Tempelreligionen? Was war insbesondere mit den Kanaanäern (den „Händlern“) und ihrer Molochreligion? Waren nicht die Phönizier Kanaanäer (und wie diese Hamiten: zum Knechtsein Verfluchte)?
Das Wort „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ ist eine Verschärfung des achten Gebots „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“. Es ist ein Indiz für die gesellschaftliche Veränderung, auf die Jesus die der jüdischen Tradition angemessene Antwort geben wollte: Erst mit der beginnenden, in der Philosophie und dem Weltbegriff sich selbst begründenden Vergesellschaftung von Herrschaft wird auch das Richten vergesellschaftet.
Institutionen wie Zölibat, Ohrenbeichte, überhaupt die Festlegung der Sakramentenlehre, die Dogmatisierung des Fegfeuers, die scholastischen Universitäten, sind alles Einrichtungen im Kampf gegen den Islam, in der Abgrenzung gegen ihn, zugleich aber auch Produkte der Islamisierung des Christentums. -
21.01.93
Das Problem des Patriarchats ist ein Problem der Geschichte der Naturbeherrschung und seiner gesellschaftlichen Organisation: der Politik. Das Verhängnis des Christentums war es, daß es die symbolische Kritik dieser Geschichte privatisiert, als „realistische“ Sexualmoral mißverstanden hat.
Drewermann verteufelt die Hilflosigkeit, was nicht dadurch besser wird, daß diese Hilflosigkeit der Kirche selbstverschuldet ist. Hilflosigkeit ist nur durch die Erweckung der Kraft zu helfen zu „überwinden“. Wer diese Kraft verloren hat, erfährt sich selbst als hilfsbedürftig, die ganze Welt als gnadenlos, als potentiellen Feind. Es ist diese Hilfsbedürftigkeit, die die Kraft zu helfen in sich aufsaugt wie das schwarze Loch jegliche „Strahlung“: das Licht und seine Derivate. Und es ist die gleiche Hilflosigkeit, die aus sich selber die paranoide Empfindlichtkeit erzeugt, die das Gegenteil der Sensibilität ist.
Der Satz: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebst auf Erden“, wird durch seine bloß private Interpretation verfälscht: Er enthält generell den Hinweis auf die Vergangenheit und die Verpflichtung zur Erinnerungsarbeit, die den Bann der Welt und den der Natur sprengt. Ein anderer Ausdruck für diese Erinnerungsarbeit ist die Idee der Auferstehung der Toten.
Der Historismus ist ein Vergangenheits-Kolonialismus, wobei das Herrschaftsmoment in diesem Kolonialismus ein wechselseitiges ist: Indem wir glauben, die Vergangenheit zu beherrschen, beherrscht sie uns. Der Objektivationsprozeß, der im Historismus auch die Vergangenheit ergreift, ist als ein Moment der Erkenntnis der Vergangenheit unabdingbar und notwendig; aber auch hier erweist sich die Idee der Umkehr als gnoseologische Kategorie: Hier heißt Umkehr: Auferstehung der Toten.
Müßte nicht der Paulus-Satz, wonach die ganze Kreatur seufzt und in Wehen liegt, durch seine Anwendung auf die Vergangenheit auf die Toten bezogen und so radikalisiert werden?
Die Vorstellung von einem jenseitigen Himmel, getrennt von dem endzeitlichen Gottesreich und gleichsam zeitlich vor ihm, trennt die Unsterblichkeit der Seele von der Auferstehung der Toten; sie stellt die Idee der Auferstehung der Toten durch ihre Vertagung ad calendas graecas gleichsam still. Thomas von Aquin hat es noch gewußt, daß das Schicksal der Seele vor der Auferstehung (nach der Trennung vom Leib und im Zustand dieser Trennung) kein glückliches ist, daß sie an der Trennung leidet und Erfüllung erst in der Wiedervereinigung mit dem Leibe findet. Aber ist nicht diese Vorstellung insgesamt falsch, insbesondere nachdem der Himmel im historischen Aufklärungsprozeß aus dem räumlichen Oben verdrängt worden ist. Die Idee des Ewigen legt es ohnehin nahe, deren Beziehung zu Raum und Zeit, und damit auch zur Geschichte, neu und anders zu bestimmen: Der Himmel ist kein anderes Amerika, das jenseits des Ozeans liegt, aber der gleichen Zeit unterworfen ist, wie alle anderen Orte der Welt. Die Vorstellung, der Himmel sei nur ein anderer Ort, falle aber unter das gleiche Zeitkontinuum wie diese Welt, habe gleichsam eine zeitparallele Geschichte, ist der Grundfehler der kirchlich-theologischen Tradition. Das bloß Überzeitliche ist die verworfenste Gestalt des Zeitlichen und auf keinen Fall zu verwechseln mit dem Ewigen.
Die naturwissenschaftliche Aufklärung, deren Erkenntnisgesetz selber aus der Theologie stammt, hat die Theologie in eine Engführung (in ein „Nadelöhr“) gebracht, vor der sie heute zu kapitulieren scheint.
Ist es nicht heute fast unmöglich geworden, das Judentum als Christ aus der Sicht des Zuschauers zu betrachten? Die zwangsläufig daraus erwachsenden Rechtfertigungszwänge führen notwendig in neue Antisemitismen hinein. Kann es sein, daß hierbei der Israel-Tourismus eine nicht ganz ungefährliche Rolle spielt?
Wie wäre es, wenn man die drei regulativen Ideen Kants, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, ersetzen würde durch die drei theologischen Kategorien Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, d.h. durch objektive Ideen: Käme man damit nicht auch dem Problem der kantischen Philosophie näher. Sind nicht diese drei regulativen Ideen auf die Totalitätsbegriffe der kantischen Philosophie zu beziehen, auf Welt, Wissen und Natur, aus denen sie gleichsam durch Umkehr sich rekonstruieren lassen und deren Bann sie zugleich sprengen: Die Idee der Schöpfung sprengt den Bann des Weltbegriffs, die der Offenbarung den des Wissens und die der Erlösung (die die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt) den des Naturbegriffs. -
16.01.93
Ein Haus hat nur vier Wände, nicht wie eine Kiste sechs, dazu den Fußboden und die Decke, das Dach. Die oberen und unteren Flächengrenzen (der Boden und das Dach) sind durch ihre objektive Beziehung zur Schwere, die auf sie von außen auftrifft, von den seitlichen, zur Richtung der Schwerkraft parallelen Begrenzungen des Hauses eindeutig zu unterscheiden.
Erst ein Denken, das aus dem Bann der Herrschaft heraustritt: Herrschaftskritik in sich mit aufnimmt, eröffnet auch den Himmel wieder. Erst die vollständige Umkehr sieht den Himmel offen.
Der mathematische Raum subsumiert alles, auch die obere Welt, unter die Vergangenheit. Deshalb ist dort kein Himmel, an dem nichts vergangen ist, sondern, in den Bildern der Herrschaftsmetaphorik, nur das Subjekt, das den Himmel usurpiert und als dessen subjektive Form der Anschauung der mathematische Raum sich konstituiert.
Die transzendentale Logik Kants hat durch die subjektiven Formen der Anschauung das Moment der Tätigkeit aus dem Urteil (durch Verdinglichung des Verbs zum Prädikat, zum Begriff) herausgenommen und in den subjektiven Akt des Urteils, ins Urteilen, verlegt (zurückgenommen): Sie hat das Urteilen selbst als (die Objektivität verändernde) Tätigkeit, die Theorie als Moment der Praxis, begriffen. Deshalb heißt das Subjekt Subjekt, hat es eine Bezeichnung angenommen, die vordem dem Subjekt im Urteil zukam. Das Subjekt des Urteils wurde durchs Objekt ersetzt (durch das Produkt der objektivierenden Tätigkeit des Urteilenden). Hier wurde das erkennende Urteil durchs richtende, der intellectus durch den Verstand ersetzt. Ziel war nicht mehr die adaequatio intellectus et rei, sondern die Übereinstimmung des Begriffs mit dem Gegenstand, die apriori hergestellt war: Konsequenz des auf die Logik übergreifenden Trägheitsprinzips. So hat das Inertialsystem auch die Philosophie ergriffen und verändert: Die Geschichte der Objektivierung der Dinge war die Geschichte ihrer Subjektivierung.
Die kantischen synthetischen Urteile apriori sind Produkt der Herrschaft des Trägheitsprinzips übers Urteil. Durchs Trägheitsprinzip wird das Subjekt als Objekt in die Form des Urteils mit hereingenommen. das Urteil selber neutralisiert und die benennende Kraft der Sprache zerstört.
Begriff und Trägheitsprinzip: Die Austreibung der Tätigkeit (des Subjekts) aus dem Urteil (in der Konsequenz der Logik des Begriffs und der bewußtlosen Rezeption des Trägheitsprinzips) vollendet sich in der Hypostasierung der Kopula: in der Ontologie. Eine Zwischenstufe war die Umwandlung der Moral, die durch die Wertphilosophie aus einem Element der Selbstverständigung und einer Anleitung zum Handeln zu einem Objekt des passiven Zuschauens gemacht und in eine Urteilslehre transformiert wurde. So ergreift das dem Zuschauen und Urteilen korrespondierende Trägheitsprinzip alles, was in den Bannkreis des Objektivierungsprozesses hereingerät (Modell Fernsehen).
Stephanus sah den Himmel offen, während Paulus nur in den dritten Himmel entrückt wurde.
Nicht die naturwissenschaftliche Aufklärung, die selbst nur eine andere Gestalt des Mythos ist, sondern die Offenbarung ist das Maß, an dem der Mythos gemessen werden muß.
Die Gründe, aus denen Theologen glauben, den Nachweis führen zu müssen, daß mit dem Weltbegriff im Johannes-Evangelium nicht der Kosmos gemeint sei, sind ein Teil jenes Argumentationszusammenhangs, durch den sich die Theologie um Kopf und Kragen geredet hat.
Die Neutralisierung von Himmel und Erde zur Welt ist die Erbsünde der Theologie.
Die Geschichte des Gottesbegriffs unterm Nominalismus ist der Beweis dafür, was aus der Gottesidee zwangsläufig wird, wenn sie mit der Idee verbunden wird, daß Gott die Welt erschaffen habe. Es ist die gleiche Welt, die nach dem Johannes-Evangelium „euch (d.h. jeden, H.H.) haßt“, ihre „Schöpfung“ wäre demnach eine sadistische Handlung Gottes (diese Konsequenz hat die Gnosis gezogen, als sie diesen Gott als Demiurgen erkannte; falsch war nur die Identifizierung dieses Demiurgen mit dem jüdischen Gott: in Wahrheit war er der Staat). Die Lehre von der creatio mundi wäre nur zu halten, wenn der Logos gemäß dem geschichtskritischen Logozentrismus-Konzept als Begriff gefaßt wird, dessen Geschichte in die des Staates verflochten ist. Dieser Gott wäre der Feind des Heiligen Geistes. Darauf, so scheint mir, ist der Satz zu beziehen, daß die Sünde wider den Heiligen Geist die einzige ist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird (Hinweis auf die Bedeutung der Sündenvergebung im Evangelium, die Dämonenaustreibung und deren Zusammenhang mit der Übernahme der Sünden der Welt). Aber ist dann nicht diese Theologie insgesamt ein Teil der Sünde wider den Heiligen Geist? Bewegt sich diese Theologie nicht in dem gleichen Zirkel des Selbstwiderspruchs, der durch das „ja aber“ und durch kühne apologetische Konstruktionen immer weniger zu bewältigen ist? Das Netz, in das sich die Theologie verstrickt hat, wird immer enger, die Erstickungsängste werden immer akuter.
Der Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ bezieht sich auf die (damals) zukünftigen Generationen: wir sind sein Objekt und unser Leben ist Produkt der (von uns) verratenen Zukunft.
Am Zustand der Sprache ist der Stand der Dinge zu ermessen; nach ihrem Tod und Begräbnis (wo war Lazarus begraben?) ist die Sprache in Verwesung übergegangen, und von ihr gilt das Wort „Herr, sie riecht schon“.
Ist nicht die Schöpfungsgeschichte, das Sechs-Tage-Werk, die Geschichte der Bildung des Antlitzes als Seines Ebenbildes: und liegt nicht hier der Grund des Sabbat, ist sein Grund nicht im Werk des ersten Tages, im Licht, gelegt worden? Vor diesem Hintergrund gewinnen das Öffnen der Augen (der Erkenntnis der Nacktheit) nach dem Sündenfall und das Senken des Blicks nach dem Brudermord beim Kain (mit dem Hinweis auf das Lauern der Sünde als Dämon an der Tür) ihre wirkliche Bedeutung. Ist nicht das auf die Kirche bezogene Wort von den Pforten der Hölle, die sie nicht überwältigen werden, ein Echo des Lauerns des Dämons an der Tür?
Die Geschichte der Beziehung von civitas dei und civitas terrena (und d.h. die Geschichte der Kirche) wäre an den beiden Gestalten des Henoch zu demonstrieren. Von Adam her gezählt ist der kainitische Henoch der dritte (Tag des Hervorgehens der Pflanzen und Bäume: des „organischen Lebens“, seiner Selbstinstrumentalisierung), der setische Henoch der siebente in der Geschlechterfolge (an welchem Tag Gott ruhte von all seiner Mühe). Hat die Umkehr der Reihenfolge der drei auf Kain/Kenan folgenden Generationen etwas mit der Beziehung von Abel und Set, mit Set als Abel redivivus, zu tun?
Der schlimme Satz von dem guten Gewissen, das in Deutschland als sanftes Ruhekissen gilt: Ich befürchte, die KZ-Schergen haben gut schlafen können, weil sie unfähig waren, die Leiden ihrer Opfer auch nur in Gedanken nachzuvollziehen. Jedes gute Gewissen hat etwas von dieser Unfähigkeit, ist in sich selber pathologisch, Produkt der Selbstexkulpation und Reflex der falsch „entsühnten“ Welt. Es entspringt aus der Verdrängung der Gottesfurcht.
Merkwürdig am Christentum sind seine Ursprünge in der Provinz: in Galiläa, Nordafrika, Irland und heute in Südamerika.
Die Geschichte kann nur dann zum „große(n) Becken, in welchem der Mensch von aller Schuld reingewaschen wird“ (Rosenzweig: Hegel und der Staat, S. 97) werden, wenn sie Naturgeschichte ist. Und als solche hat Marx die Hegelsche Weltgeschichte dann auch entschlüsselt.
Wenn Benjamin (in der Einbahnstraße) schreibt, daß die entscheidenden Schläge heute mit der linken Hand geführt werden, hat das etwas mit den „linkshändigen Benjaminiten“ im Buch der Richter zu tun? -
28.12.92
Erst die Inquisition hat mit drastischen Mitteln das Bekenntnisprinzip eingeführt und die Bekenntnislogik durchgesetzt. Die grundsätzliche Konfikation des Besitzes eines als Ketzer Verurteilten verweist auf den Zusammenhang des Bekenntnisses mit dem Eigentumsprinzip. Die Inquisition hat die Religion als Herrschaftsmittel vergesellschaftet, das hat ihren Inhalt nicht unberührt gelassen: sie hat den Glauben in Isolationshaft genommen.
Die Konfiskation des Besitzes der Ketzer war der Vorläufer des Goldraubs in Amerika (Bedeutung der spanischen Inquisition).
Ist ein Zufall, daß die Inquisition gleichzeitig mit der Hochscholastik sich entwickelt und ihre Träger Vertreter der gleichen Orden sind, die auch die Hochscholastik repräsentieren?
Die Desensibilisierung des Glaubens durch die Inquisition war die Voraussetzung für die Entsinnlichung der Natur in den modernen Naturwissenschaften; und schon die Inquisition hat auch die Toten in ihr paranoides System hereingezogen, sie nicht mehr in Ruhe gelassen (Grund war die Konfiskation des Besitzes von den Erben: Zusammenhang mit dem paranoiden Weltbegriff).
Enthält die kantische Kategorienlehre nicht ein Stück verkehrter Theologie: einer Theologie, die durch Umkehr daraus „erwächst“? Es wäre eine Theologie, die aus den Totalitätsbegriffen Wissen, Natur und Welt die theologischen Kategorien Offenbarung, Auferstehung und Schöpfung rekonstruiert. Aus den Formen der Anschauung wäre die Offenbarung, aus den dynamischen Kategorien die Auferstehung und aus den mathematischen Kategorien die Schöpfung abzuleiten (genauer: die Formen der Anschauung konstituieren sich durch Leugnung der Offenbarung, die dynamischen Kategorien durch Leugnung der Auferstehung und die mathematischen durch Leugnung der Schöpfung). Ist der Existenzbegriff der Schlüsselbegriff, das Siegel, das zu lösen wäre (ist es nicht der Existenzbegriff, der die Mächte des Abgrunds evoziert; sh. Heideggers Frage, warum überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts sei)?
Der philosophische Weltbegriff, der Begriff des Kosmos, ist der Schatten des Naturbegriffs. -
24.12.92
Was drückt sich in den Worten Raum, Traum, Baum, Schaum, kaum, Zaum gemeinsam aus?
Zwischen dem „es gingen ihnen die Augen auf“ und dem „die Blinden sehend Machen“ (der Aufdeckung des Angesichts) liegt die Umkehr. Das Angesicht ist ein sprachlicher Sachverhalt.
Steckt nicht in dem Metzschen Begriff der Empfindlichkeit und in der Hemmung, den Begriff der Sensibilität zu gebrauchen, die Instrumentalisierung des Kreuzestodes durch die Opfertheologie, die in der Tat für das Entsetzliche dieses Todes (indem sie ihn tendentiell zum Gottesmord macht) unempfindlich macht. – Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung sind ein Produkt der Instrumentalisierung des Kreuzestodes, der Verinnerlichung des Opfers: der davon nicht ablösbaren Verstocktheit und Unbelehrbarkeit, die dann (zusammen mit der Lehre von Erfüllung der Prophetie in Jesus) auf die Juden projiziert wurde.
Einer der Nebeneffekte des Dogmas ist die Unbelehrbarkeit, für die das Christentum seit je besonders anfällig war, und die sie insbesondere im „Kampf gegen die Häresien“ exekutiert hat.
Hegels Rezeption und Begriff des Christentums war unter dem Schein seiner Bestätigung in Wahrheit seine Widerlegung. Aber widerlegt wurde ein Christentum, das sich wider das Gebot seines Ursprungs mit der Welt eingelassen hatte. Grund dessen ist in der Hegelschen Philosophie die Funktion und Bedeutung des Begriffs des Scheins: Der „Übergang“ vom Schein zum Wesen ist kein Übergang und kein Werden, sondern die verhinderte Umkehr, die geleugnete Auferstehung. Hier liegt der Angelpunkt, der das Christentum an die Welt gebunden hat: der Kleinglaube.
Ist nicht der erste Dialogpartner des Menschen in der Schrift die Schlange, und sind nicht alle anderen sprachlichen Äußerungen vorher
– Imperative: Gott sprach und es ward,
– Benennungen: von „und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht“ bis zur Benennung der Tiere durch Adam,
– Gebote: „Seid fruchtbar und mehret euch“, „Von allen Bäumen darfst du essen, nur von dem einen nicht“, und
– Monologe: „Laßt uns Menschen machen …“, „Das endlich ist Bein von meinem Bein, …“?
Kann man im Hebräischen erkennen, ob das „Uns“ im „Lasset uns den Menschen machen“ ein Pluralis oder ein Dualis ist?
Die Seligsprechung der Frau, die, weil sie die Abtreibung verweigert hat, gestorben ist, um ihr Kind zu retten, wäre wahr, wenn die Kirche sich darin selbst erkennen würde. Die Abtreibungskampagne rührt an die Wahrheit, es wird aber von keiner der beiden Seiten begriffen, daß hier von einem messianischen Sachverhalt die Rede ist. -
19.12.92
Die Apriorität des Geldes unterscheidet sich von der des Raumes durch das gesellschaftliche Element, durch ein Moment des passiven Glaubens und durch das einer passiven Moral, einer Herrschaftsmoral. Vermittelt sind dieser Glaube und diese Moral durch den Weltbegriff. Hier liegt der logische Grund des Bekenntnisses, der Bekenntnislogik, deren Beziehung zur transzendentalen Logik zu bestimmen wäre (Konstituierung des Objekts und Verinnerlichung des Opfers). Die Lücke hat die Philosophie nur unter Zuhilfenahme der (christlichen) Theologie schließen können, die dadurch in den Bannkreis der Philosophie mit hereingezogen worden ist.
Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung definieren aufs genaueste den theologischen Begriff der Todsünde.
Die allen gemeinsame Natur war das Totenreich, und der Seelenbegriff der dazugehörige Gespensterglaube.
Was mit der Sünde wider den Heiligen Geist gemeint ist, ist in den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium aufs genaueste bezeichnet.
Fremdenfeindschaft ist des Medium der Selbstzerstörung des Urbanen.
Das Dogma und der kirchliche Kleinglaube: Hier liegt der Grund für das benjaminsche Wort von der Theologie, die heute bekanntlich klein und häßlich sei und sich nicht dürfe blicken lassen.
Gibt es nicht bei den Sakramenten diese polaren Beziehungen: Taufe und Firmung, Buße und Eucharistie, Priesterweihe und Ehe, mit der Ausnahme nur des letzten: der Krankenölung, der letzten Erinnerung an die Salbung des Messias.
Nur im dreidimensionalen Raum stellt sich durch die Umkehr in jeder Dimension am Ende die Identität des Objekts, seine Anfangsorientierung (Grundlage der Identität der Zeit) wieder her.
Hat nicht die Trennung von Licht und Finsternis mit Vorne und Hinten, die der Wasser oberhalb von den Wassern unterhalb mit Oben und Unten, und die der Wasser unterhalb und des Trockenen und die Hervorbringung der Pflanzen mit Rechts und Links zu tun (und weshalb ist diese Scheidung die letzte)? Dann haben die Lichter am Himmelsgewölbe mit Vorn und Hinten, die Erschaffung der Fische und der Vögel mit Oben und Unten, und die der Tiere und der Menschen mit Rechts und Links zu tun.
Worin bestand die Buße der Menschen und des Viehs in Ninive? „Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, groß und klein, zogen Bußgewänder an. Als die Nachricht davon den König von Ninive erreichte, stand er von seinem Throne auf, legte seinen Königsmantel ab, hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche. Er ließ in Ninive ausrufen: Befehl des Königs und seiner Großen: Alle Menschen und Tiere, Rinder, Schafe und Ziegen, sollen nichts essen, nicht weiden und kein Wasser trinken. Sie sollen sich in Bußgewänder hüllen, Menschen und Tiere. Sie sollen laut zu Gott rufen, und jeder soll umkehren und sich von seinen bösen Taten abwenden und von dem Unrecht, das an seinen Händen klebt.“ (Jon 35ff)
Die Kirche als steinernes Herz der Welt: Sie ist hilflos und ohnmächtig gegen die Ausdehnung der Raum- und Zeitvorstellung, die die Welt versteinern läßt.
Das Inertialsystem definiert das Abstraktionsgesetz, durch das Innen und Außen untrennbar sich vermischen, die Natur sich verdoppelt, gegen sich selbst sich verselbständigt (Grund der Reproduzierbarkeit). Es ist zugleich die Schiene wie auch das Konstruktionsgesetz der Lokomotive, die auf jener Schiene dem Abgrund zurast. Gelegt wurde die Schiene mit dem Futur II, durch das die indogermanischen Sprachen sich von allen anderen Sprachen unterscheiden. Kern der Lokomotive ist, was seit dem Ursprung der Philosophie Substanz heißt (das Korrelat des deklinierbaren Nomens).
Wann beendet Gott den christlichen Karneval, wann legt er die drei Masken ab? -
15.12.92
Nur zusammen mit den theoretischen Folgen der Lehre von der „Hinwegnahme der Sünden der Welt“ sind die entsetzlichen praktischen Folgen des Wortes von der „Erfüllung der Prophetie“ zu verstehen: Nur so war es möglich, die „Unheils“-Prophetie allein auf die Juden anzuwenden, sich selbst aber davon freizusprechen: Voraussetzung war die Vorstellung, daß durch den Opfertod Jesu die Welt bereits entsühnt war, die Christen die Sorge um die Welt den dazu berufenen Herren überlassen konnten (gegen den Inhalt der „Abschiedsreden“ Jesu im Johannes-Evangelium, und gegen die darin enthaltene Lehre vom Parakleten, vom Heiligen Geist: die Lehre von der Entsühnung der Welt durch den Opfertod Jesu hat die Politik gegen Kritik immunisiert). Mit diesem Weltbegriff war der Antisemitismus untrennbar verbunden.
Ist nicht die Geschichte der drei Leugnungen Petri eine prophetische Antizipation der Entwicklung der Beziehungen des Christentums zur Geschichte des Staates als Organisation einer Gesellschaft von Privateigentümern (deren Auswirkungen bis in den Naturbegriff hereinreichen). Die Erfindung des Rechts war ja nicht nur ein Mittel zur Humanisierung des Staates, sondern zugleich eine Sanktionierung des Rachedenkens, verknüpft mit der des Selbsterhaltungsprinzips. Es hat nie ein Recht ohne Strafe gegeben.
Die Kirche verfängt sich in ihrer eigenen Schlinge, wenn sie heute von außen als Ursache der Greuel, die in ihrem Namen verübt worden sind, begriffen wird. Da hilft keine Apologetik mehr, die im Gegenteil die Sache nur verschlimmert. Sie hat nur die Rechtfertigung der Greuel geliefert, deren Ursache politisch-ökonomische Ursachen waren. Auch das war eine Form der Übernahme der Sünden der Welt, aber die falsche: Der Preis war ein Idealismus, der den bloßen Meinungen Kausalität zusprach in einer Welt, die von anderen Mächten beherrscht wird, deren Erkenntnis aber – auch mit Hilfe der Kirche – tabuisiert und diskriminiert wurde. Der kirchliche Bekenntnisbegriff, seine Logik und seine, aus seiner Hilflosigkeit stammende praktische Explosivkraft, schlägt heute auf die Kirche zurück, wenn sie von ihren Kritikern als schuldig erklärt wird insbesondere am Antisemitismus und an der Frauenfeindschaft.
Rosenzweigs Hinweis, daß das Wort von der Mittlerschaft des Sohnes (daß niemand zum Vater komme, außer durch den Sohn) nur für die Heiden, nicht aber für die Juden gelte („Wir sind schon beim Vater“), wäre dahin zu ergänzen, daß jenes „durch“ nicht instrumental, sondern nur im Sinne der Nachfolge verstanden werden darf. Die Juden sind schon beim Vater, aber wir, die Christen, haben die Welt, die über unseren Köpfen und hinter unserem Rücken sich etabliert und entfaltet, aufzuarbeiten. Diese Aufarbeitung hat das offizielle Christentum versucht zu umgehen durch die Vorstellung, daß diese Welt von Gott aus dem Nichts erschaffen und durch den Opfertod Jesu entsühnt wurde. Beide Vorstellungen enthalten – mit Kant zu reden – ein Rattennest von Widersprüchen. Nur (gegen die Gnosis) der Schöpfer der Welt ist auch nicht der jüdische Gott, sondern der Staat (der sterbliche Gott).
Sakral sind die Herrschaftsinstitutionen und ihr naturaler Reflex, nicht die religiösen. Die Säkularisation ist der notwendige Prozeß der Entmischung von Politik und Religion, aber sie ist noch nicht am Ende (welche politische Bedeutung haben die sieben Sakramente?).
Hat nicht der Entzauberungsprozeß Halt gemacht vorm Subjekt selber, und liegt hier nicht der Grund für das, was man heute den religiösen Ego-Trip nennen muß?
Die multikulturelle Gesellschaft: Ist das nicht der Versuch einer anderen Platzverteilung in einem Zug, der auf den Abgrund zurast?
Ist nicht die Politik (unter dem Einfluß der Bekenntnislogik) zu einem Inbegriff der Sprechblasen geworden, mit denen die bloße Verwaltung, das bloße Reagieren, sich nach außen präsentiert, allerdings mit jener besonderen Sprechblasen-Technik, die endlich zu analysieren wäre, und deren Beherrschung, wie es scheint, insbesondere Kohl seine Karriere verdankt (nicht mehr nur ein Schurz, sondern eine ganze Physiognomie aus Feigenblättern)?
Was bedeuten die Namen des Himmels und der Erde?
Das Bekenntnis ist ein Ausdruck der Ohnmacht (der Hilflosigkeit) und der Furcht vor Verfolgung (der Furcht, für sein Denken haftbar gemacht zu werden); deshalb gibt es kein Bekenntnis ohne Feindbild. Das Feindbild (das Stück Projektion in ihm) ist der Kitt, der sowohl das Dogma als auch die Gemeinschaft der Gläubigen zusammenhält. Das Bekenntnis ist Subjekt-Objekt (Opfer-Täter) der Instrumentalisierung: Grundlage der Dynamik der verfolgenden Unschuld, die im Faschismus ihr immanentes Ziel hat und in der Mordlust der Faschisten kulminiert.
Das peri physeos der ersten Philosophen war das Instrument der Verarbeitung der Erfahrung im Interesse der Verinnerlichung des Schicksals und der Etablierung des Weltbegriffs. Die Philosophie unterscheidet sich von den vorausgegangenen Gestalten der Verarbeitung der Erfahrung durch das Argument, die Begründung, den Beweis (die Prosa).
„Man ist jetzt allgemein der Meinung, daß die Anfänge der von den Vorsokratikern betriebenen Spekulation mit der kormogonischen Tradition orientalischen Zuschnitts zusammenhängen.“ (Die Anfänge der abendländischen Philosophie, dtv 1991, S. 11) Gemeinsam ist beiden (der Philosophie und den mythischen Kormogonien), daß sie die Ursprünge zu ermitteln suchen.
Die Homogenität der Zeit wird durch eine imaginäre Zeitumkehr hergestellt, durch die Vorstellung, daß ein Vorgang auch rückwärts ablaufen könne und dann den gleichen Gesetzen gehorchen müßte. Deshalb ist die Homogenität der Zeit an die Reversibilität aller Richtungen im Raum gebunden. Und deshalb werden mit dem Kausalitätprinzip alle teleologischen Elemente unterbunden und verdrängt.
Die orphischen Mysterien sind Produkt der Privatisierung des Sakralen, oder auch der Sakralisierung des Privaten. (Anfänge, S. 14)
Nach Kritias sollen die Götter „verhindern, daß die Menschen heimlich die kriminellen Handlungen verüben, die die Gesetze verbieten“. (S. 21) -
13.12.92
Der Naturbegriff verstellt das Votum für die Fremden, der Weltbegriff das für die Armen: eine Neubegründung der Theologie ist nur durch die Kritik beider Begriffe (durch die Metakritik der kantischen Vernunftkritik) hindurch möglich.
Das Votum für die Fremden und das für die Armen sind zentrale Motive der prophetischen Tradition, die Kritik der Frauenfeindschaft ist ein apokalyptisches Motiv: sie ist mit der Enttäuschung der Parusie-Erwartung vergessen und verdrängt worden.
Die Wiedergewinnung der sensibilisierenden und benennenden Kraft theologischer Erkenntnis ist nur möglich durch die Kritik der neutralisierenden Gewalt des Bekennens hindurch. Das Bekenntnis ist Produkt der Mimesis an die entfremdete Welt: der Identifikation mit dem Aggressor.
Der Freudsche Urmythos ist eine verschlüsselte Christentums-Kritik: Die Judenfeindschaft und der kirchliche Antijudaismus waren der Vatermord.
Wenn es praktische Vorschläge zur Behebung der Fremdenfeindschaft gibt, dann jedenfalls nicht in der Richtung, die durch die unsägliche Asylanten-Diskussion vorgegeben zu sein scheint. Vergessen wird, daß die Xenophobie an den Grund des Problems der Beziehung von Theorie und Praxis (oder an die Fundamente des Selbstverständnisses des Staates: der deutschen Staatsmetaphysik) rührt, daß insbesondere jede technologische Lösung zunächst einmal zurückzustellen ist und die genaueste Erkenntnis des Problems, auch wenn sie „praktische Lösungen“ zunächst auszuschließen scheint, Voraussetzung jedes weiteren Schrittes ist. Zu überprüfen sind:
– der Staatsbegriff: wie er sich z.B. im Namen des Staatsanwalts manifestiert, nämlich den Staat als Prinzip der Anklage begreift, deren „Anwalt“ der öffentliche Ankläger ist, der jedoch in Deutschland nicht so heißen darf: durch seinen Namen ist der Staatsanwalt primär auf die Verteidigung des Staates, und erst in zweiter Linie auf die Verfolgung des Unrechts (oder gar auf das Ziel der Verteidigung der Schwachen) verwiesen: eine die Paranoia fördernde Institution;
– der Gewaltbegriff: ein Verständnis des Gewaltmonopols des Staates, das
. Gewalt in erster Linie als Gewalt gegen den Staat begreift, deshalb rechte Gewalt nicht in gleichem Maße der strafrechtlichen Verfolgung aussetzt wie linke, und aus dem gleichen Grunde
. eher darauf abzuzielen scheint, kritisches Denken (das mit „anschlagsrelevanten Themen“ sich befaßt) zu kriminalisieren als die realen Ursachen der Gewalt ernsthaft zu bekämpfen: in diesen Zusammenhang gehören z.B. die zögerliche Verfolgung von sexuellen Gewaltdelikten (Vergewaltigungen, insbesondere auch in der Ehe), aber auch die skandalösen Anerkennung von Trunkenheit als Strafmilderungsgrund bei Gewaltdelikten (kritisches Denken gilt als strafverschärfend, Trunkenheit als strafmildernd: ein wesentlicher Grund für die Gewaltaffinität in diesem Staat).
– Blindheit gegen Rechts nicht gesinnungs-, sondern systematisch begründet (Problem des Gesinnungsbegriffs),
– Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand,
– Eigentum und Selbsterhaltung (Weltbegriff): Ego-Trip,
– Staatsbürgerschaft: endlich das Blutsprinzip durch rechtliche Regelung ersetzen.
Steckt darin (in dieser ethnisch begründeten Staatsmetaphysik) nicht jene kirchliche Tradition, die seit der Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie zwar jede unreglementierte Sexualität diskriminiert, aber die Kritik der Gewalt (in Kriegen, bei Anwendung von von Mitteln politischen Terrors: Folter, Scheiterhaufen, Völkermord) fast grundsätzlich vermeidet? Der Hinweis auf den Zusammenhang mit dem Weltbegriff rührt an den Kern des Problems. Nicht zufällig hat der Papst bei der Rehabilitierung Galileis den Inquisitoren „guten Glauben“ attestiert, und so mit instinktiver Präzision das Problem auf den Kopf gestellt.
Zum Begriff der Natur: Warum heißt die Einbürgerung „Naturalisierung“ (begrifflicher Zusammenhang mit „Säkularisierung/Verweltlichung“)? Der Naturalisierte wird Objekt und Subjekt des Staates, der ihn naturalisiert. Vor diesem Hintergrund wäre Natur als Schuldzusammenhang, Volk als Schicksalsgemeinschaft zu definieren. Der Fremde steht außerhalb der Natur (Grund der Xenophobie).
Christologische Logik des Naturbegriffs: Die Vergöttlichung des Opfers ist der Grund der zivilisatorischen Selbstvergöttlichung, der Sakralisierung des Subjekts durchs Selbstmitleid (Tabuisierung der Opferrolle).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie