Kapitalismus

  • 26.08.91

    Max Webers Probleme bei der Darstellung der Verhältnisse in der Alten Welt, insbesondere sein Begriff des Idealtypus, sind Folgen seines Geschichtskolonialismus, d.h. Folgen der Anwendung von Kategorien, die definiert sind nur im Rahmen der zeitgenössischen politischen Ökonomie. Die Brüche in der (nur sich „annähernden“) Darstellung sind Folge des projektiven Gebrauchs der Begriffe, deren unreflektierte Anwendung auf die Ursprungsgeschichte zwangsläufig zu Fehlern und Mißverständnissen führt (bis hin zu antisemitisch verwertbaren Konstruktionen). Das Ganze ist Folge seines unhistorischen (durch den Endzweck seines Rationalisierungsbegriffs vorgeprägten) Weltbegriffs. (Vergleich Weber / Lukacs und Planck /Einstein?)
    Die Historisierung der Welt, die Einbindung der Welt in den historischen Prozeß, führt darauf, daß der Antisemitismus in diesem Weltbegriff verankert und jedenfalls keine bloße Gesinnungsfrage ist.
    „An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten …“ (Ps 1371).
    Hängt die Reinlichkeitsneurose deutscher Frauen, der Zwang, jede Spur von Staub zu tilgen, mit ihrer Feindschaft mit der Schlange, die dazu verurteilt wurde, Staub zu fressen, zusammen?
    Wenn die Entwicklung ihrer eigenen Logik weiter folgt, ist nicht auszuschließen, daß auch die Rechtsversicherung zu einer Pflichtversicherung – wie die Kranken-, die Haftpflicht- und die vorgesehene Pflegeversicherung – wird. – Anwendungsbeispiele für die Staubgeschichte (Adam: Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden; zu dem Staub, den dann die Schlange frißt?
    Die Mühlen als Symbol des Todes (vgl. Benjamins Wahlverwandschaften) passen in diese Staubgeschichte herein.
    Die Bedeutung des Inertialsystems scheint darin zu liegen, daß die Betrachtung „hinter dem Rücken“ allseitig wird (komplettiert wird zum System wie der Kapitalismus durch das Institut der Lohnarbeit, die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, durch die Begründung eines Marktes für Arbeit, Güter und Kapital), das aber zugleich den genauen zeitlichen Charakter dieser Sicht mit einschließt, nämlich die Subsumtion unter die Vergangenheitsform.
    Der Objektivationsprozeß ist der Sturz. Und wenn die Naturwissenschaft die Welt im Zustand des vollendeten Sündenfalls abbildet, dann deshalb, weil über die Naturwissenschaft die Welt in diesen Sturz, dessen Bahn durch das Herrendenken vorgezeichnet ist, mit hereingezogen worden ist.
    Sind die Äste, Zweige, Blätter der Bäume, auch ihre Blüten und Früchte, nicht sozusagen Luftwurzeln (Luft- und Lichtwurzeln)? -Wie verhält sich der Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens? Im gleichen Kontext bezeichnet das Erkennen auch das Zeugen. Kann es sein, daß die gleiche Frucht, die die Frucht des Lebens gewesen wäre, durch die Trennung vom Baum zur Frucht der Erkenntnis wurde, der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des richtenden Urteils; war der Sündenfall nur ein falscher Gebrauch? Was Anfang war, ist hier zum Ende geworden; es muß sein Ende erst wieder einholen, ehe es in den Anfang zurückkehren kann. Blochs Bemerkung, daß der Anfang am Ende sein wird, könnte damit zusammenhängen (vgl. auch Ebachs „Ursprung und Ziel“).
    Kann es hiernach sein, daß auch die Physik auf die Umkehr harrt? – Der Umkehrpunkt in der Physik läßt sich bezeichnen: er liegt im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
    Zur Konzeption des Inertialsystems gehören die drei Elemente: Raum, Zeit und Materie; diese drei Elemente spiegeln sich in der Dreidimensionalität des Raumes, sie haben etwas mit dem Werden der Vergangenheit zu tun. Ist die Dreidimensionalität des Raumes, in dem sich dann die Dinge (von den Photonen bis zu den Sternen) nicht nur bewegen, sondern auch als Dinge konstituieren, nicht auch bloßer Schein, der mit Gewalt durchgesetzt wird und dabei die entscheidenden Differenzen verdrängt und unterdrückt. Ist nicht der Raum selbst in die Bewegung mit hereingezogen, Objekt einer Bewegung, deren Subjekt zu sein er vortäuscht.
    Über diese Bewegung des Raumes gibt Aufschluß die Geschichte der Banken, des Geldes, des Finanzkapitals.
    Das Inertialsystem ist insgesamt ein selbstreferentielles System, und die Mechanik (unter Voraussetzung der metrischen Komponenten des System, Raum Zeit und träge Masse) reine Mathematik. Erst im Prozeß der Vergegenständlichung von Raum und Zeit, der Verräumlichung der Zeit, kristallisiert sich als ergänzendes metrisches Moment die träge Masse aus, die dann als äußerliches Ding in dieses System hereinkommt: und zum reinen namenlosen Objekt wird.
    In der Bindung des Weltkonzepts an die Anschauung vollendet sich die Erkenntnis, daß „sie nackt sind“. Aber die Scham wird übermächtig (trifft vor allem die Tiere) und überschwemmt das ganze System. Die menschen verbergen ihr Angesicht und das Angesicht der Erde ist nicht mehr auffindbar.
    Hat die Erfindung der Sumerer etwas zu tun mit dem letzten, verzweifelten Versuch, angesichts des Erkenntniskontinuums, das da war, den fernen Blick zu retten, der nicht zu retten gewesen wäre, wenn man die Sumerer gleich als die Chaldäer erkannt hätte. Und der Spenglersche Versuch einer Kulturmorphologie, der Versuch, die Einheit der Weltgeschichte zu sprengen und durch die Einheit eines abgehobenen kulturmorphologischen Modells zu ersetzen, das dann dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt, scheint hiermit zusammenzuhängen. Der Zwang, die Sumerer zu einem besonderen Volk zu machen, rührt her von dem modernen Konzept der Einheit von Volk, Nation und Sprache, das so auf die Alte Welt nicht übertragen werden kann. Diese Bemerkung gilt u.a. auch für das „Volk“ der Hebräer. Einer der letzten – und vielleicht auch problematischsten – Ausläufer dieses Nationalbegriffs ist der Zionismus.
    Gibt es zu dem Cherub mit dem flammenden Feuerschwert, der die Pforten des Paradieses bewacht, in der jüdische Tradition (Talmud, Mischna oder Mystik) Hinweise oder Interpretationen?
    Ist die Idolatrie der Anfang des Objektivations- und Instrumentalisierungsprozesses, der sein Telos im Inertialsystem findet?
    Die neuere französische Philosophie ist auf das Probleme des Anderen, des Fremden abgestimmt; sie wäre durch das Votum für die Armen, durch die Verteidung der Armen, zu ergänzen.
    Kann es sein, daß der Konstruktionsfehler des Stern der Erlösung darin liegt, daß in der Konstruktion der Welt deren beide Elemente umgekehrt zu fassen sind: erst das B und dann das A (B=A, nicht A=B): so würde deutlicher, daß das A ein durchs B Provoziertes ist; oder daß Subjektivität (als Inbegriff des Allgemeinen) nicht das Erste und das Allgemeine nicht der Ursprung ist.
    Das tode ti des Aristoteles ist das Inertialsystem in nuce.
    Die Persönlichkeit ist für sich, was die Person an sich ist, nämlich ein Sein für andere. Deshalb ist die Persönlichkeit (als Ansehen) erlebbar, die Person nicht.
    Wie verhalten sich Welt und Natur zu Himmel und Erde? Die Welt ist ein Reflex der Natur, die Natur ein Produkt der Welt. Aber wie hängt das zusammen?
    Die jüdische Tradition vom verborgenen Gerechten verweist darauf, daß die Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen, vom Recht nicht unterscheiden ist. Die Gemeinheit des antisemtischen Topos von der Doppelmoral der Juden liegt darin:
    – ihre Voraussetzungen sind durch ein Wirtschaftssystem vorgegeben, das immer mehr darauf hinausläuft, die Gemeinheit der Wahrnehmung zu entziehen; diese Voraussetzungen sind nicht von Juden geschaffen worden, diese sind Opfer des Systems;
    – aufgrund der rechtliche Sonderstellung, der die Juden weder aus eigenem Willen noch aus freiem Entschluß unterworfen wurden, insbesondere dadurch, daß nur jene Bereiche im Wirtschaftsleben auch für Juden offen waren, in denen es ohne die Doppelmoral nicht geht, kann ihnen die Doppelmoral nicht angelastet werden;
    – Nutznießer dieses Systems sind nicht die Juden, sondern die Raubkapitalisten (unter ihnen auch die Weberschen Puritaner, die ohne dieses System ihre Moral und Gesinnung nicht entfalten könnten), die die Schuldverschiebung (auf die Juden) als Mittel der Exkulpierung nutzen, hinter diesem Vorhang unbehelligt ihren Geschäften nachgehen können.
    Ohne die Herren, die sich der Hofjuden bedienen, würde es die Hofjuden nicht geben, und ohne jenes spekulative Geldgeschäft, das nicht nur den Bereich der Börsen und Banken kennzeichnet, sondern längst auch den Gesamtbereich der Produktion beherrscht, würde es den moralischen Kapitalismus, den Max Weber zu beschreiben versucht, nicht geben. Auch der Calvinismus als innerweltliche Askese war Ideologie im Sinne von Rechtfertigung.
    Die feinsinnige Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik läuft darauf hinaus, die Verantwortungsethik zu einer Gesinnungsethik zu machen, und sie von jener Verantwortung zu entbinden, die sich aus den Nebenfolgen ergibt. Das Ganze ist eine innere Konsequenz aus dem Rationalisiserungskonzept und aus der Rechtfertigung des Weltbegriffs, die damit zwangsläufig verbunden ist.
    Das Selbsterhaltungsprinzip, das bei den Menschen individuell ist, ist bei den Tieren an die Art gebunden. Liegt hier das Bindeglied zwischen Schlange, Inertialsystem, Venus und Babel, sowie dem Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert, der Sintflut und dem Regenbogen?
    Abraham stammt aus Ur in Chaldäa, aber die Familie ist über Haran gezogen (einer seiner Brüder hieß Haran; ist der in Ur geblieben?). Haran liegt im assyrischen Herrschaftsbereich, näher bei Ninive als bei Ur.
    Kommen Sodom und Gomorra (und die drei anderen Städte, von denen zwei in den Untergang mit hereingezogen werden, eine den Namen ändert) außer in der Abraham-/Lot-Geschichte nochmal vor?
    Wenn Abraham (der Hebräer, der Fremde im Land) und Isaak (der Schrecken Isaaks) dem Jakob/Israel nachträglich vorgesetzt worden sind, welche Bedeutung hat es dann, daß die Frauen alle aus der (aramäischen) Verwandtschaft Abrahams genommen worden sind und alle Probleme mit der Geburt haben?
    Wer ist Lots Frau?
    Auch Sprachregelungen partizipieren an der benennenden Kraft der Sprache. Und der Weltanschauungskrieg, der auch ein Vernichtungskrieg war, war nur der Anfang. Der projektive Scharfsinn heute lebt von der dezisionistischen Gewalt der Sprache, indem er die eigene Sprachregelung unkenntlich und unangreifbar macht.
    Der Unterschied zwischen „hat gemordet“ und „ist ein Mörder“ ist der Unterschied ums Ganze. Die Rückverwandlung eines Verbs, eines Tätigkeitsworts, in eine Eigenschaft ist der Grund der philosophischen Logik; sie gelingt nur um den Preis der Verwandlung des Täters in ein Ding. Ohne diesen Trick würde es den Weltbegriff nicht geben, würde es Herrschaft nicht geben. Grundlage und Modell dieses Verfahrens (Grund der Hegelschen Reflexionsbegriffe) ist das Inertialsystem. Die gesamte Logik, das „Wer A sagt, muß auch B sagen“, reicht genauso weit wie diese Herrschaftslogik, die eine Verdinglichungslogik ist. Wenn ich dem Subjekt die Eigenschaft (das Prädikat) als feste Bestimmung anhefte, verdingliche ich das Subjekt; und die Härte dieser Verdinglichung zeigt sich daran, daß sie den Begriff besoffen macht (daß – Hegel zufolge – im Absoluten kein Glied nicht trunken ist).
    Jesus kann nur das „Ich bin’s“ sagen, weil er die Schuld der Welt auf sich genommen hat. Insoweit ist er auch der gefallene Morgenstern, der Erbe Luzifers, ist er „abgestiegen zur Hölle“).
    Bei den Griechen ist es Kronos, der seine Kinder frißt; weshalb ist es bei den Kanaanäern Ischtar, Astarte, der Moloch? Kann es sein, daß der griechische Mythos über den Schicksalsbegriff in die Philosophie hineinführt, weil er von Anfang an ein kosmologicher Mythos war? Der orientalische Mythos ist als ethischer Mythos dieser Auflösung nicht fähig, wird erst abgegolten durch die Ablösung des realen Kinderopfers.
    Das Christentum: das gefährlichste Experiment Gottes mit der Welt.
    Die narrative Theologie wäre ein Gegenkonzept zur prädikativen, zur Begriffstheologie, wenn sie ohne Willkür noch möglich wäre. Wenn es narrative Theologie noch gibt, dann steckt sie u.a. in den Berichten von Überlebenden aus Auschwitz. Alles andere ist Kunst und Schmücke Dein Heim.
    Der Begriff „allseitig“ und der Slogan „der Mensch im Mittelpunkt“ passen aufs genaueste zur dritten Leugnung: Wir sind umstellt.
    Wer die Psalmen Rachegesänge nennt, läßt die Grunderfahrung, die sich in den Psalmen ausdrückt, nicht an sich herankommen.
    Wann wurde das Symbolum zum Bekenntnis, wann wurde das Credo logisch umgeformt in ein Confiteor? – Mit dem Confessor?
    Maria Magdalena, die von den sieben bösen Geistern befreit wurde (Mk 169, Luk 82, vgl. auch Luk 1126): heißt das, daß sie die erste war, die vom Sternendienst befreit wurde (während in der Zahl der Aposteln noch der Tierkreis symbolisiert ist)? Umgekehrt: die Besessenen, deren böse Geister „Legion“ heißen (Mt 828, Mk 59, Luk 826), die dann in die Schweineherde getrieben werden, beziehen sie sich auf die ganze Sternenwelt (Abrahams Nachkommenschaft zahlreich wie die Sterne).
    Insbesondere die katholische Kirche entartet immer mehr zu einer Religion für den beliebigen Privatgebrauch.

  • 18.08.91

    Auch das Subjekt der Aufklärung unterliegt der Herrschaftskritik; anders ist es aus dem Bannkreis des Herrschafts-, Schuld-und Verblendungszusammenhangs nicht zu lösen.
    Das Problem der Familie Weizsäcker scheint es zu sein, daß (beim Carl Friedrich und beim Richard) die Jungfräulichkeitslegende sich nicht halten läßt. Die Hoffnung darauf, nicht erwischt zu werden, hat in Probleme hereingeführt, die nicht mehr lösbar sind.
    In der Ökonomie ist das instrumentale Handeln und damit die Instrumentalisierung der Objektivität das Erste, die Verdinglichung, der Objektivationsprozeß dagegen nur ein Folgeprodukt. In der Philosophie und dann in den Naturwissenschaften ist der Objektivierungsprozeß das Erste, wobei die Grundlagen dafür aus der Ökonomie stammen. Die Instrumentalisierung: die Verwandlung der Welt in Material für die endlichen Zwecke der Menschen, ist dann das Nebenprodukt, das sich hinter dem Rücken des Objektivierungsprozesses erst bildet. Die Ökonomie bedarf hierbei der Exkulpierung, und zwar durch den Staat, der die Schuld auf sich nimmt (und als Erblast und als Teil der Geschichte der Gewalt an die Folge-Generationen weitergibt). Die Geschichte der Gewalt (als Schuldgeschichte) ist hierbei nicht zu trennen von der Geschichte der Idolatrie und des Opfers. Frage, ob nicht systemnotwendig der Sternendienst dazu gehört.
    Der Engel mit dem kreisenden Flammenschwert (bei der Vertreibung aus dem Garten der Bäume) und die Errichtung des Regenbogens (nach der Sintflut): gehören sie in diese Geschichte mit herein?
    Zusammenhang mit
    – dem Velikovskyschen Venus-Problem: der Regenbogen als Realsymbol für die Stabilisierung der Venus-Bahn;
    – dem unterschiedlichen Nahrungsgebot im Garten und nach der Sintflut;
    – der Geschichte der gesellschaftlichen Brüche (Ursprung der Hierarchie);
    – Babel, der Sprachverwirrung und dem Tier?
    Die Einführung des Begriffs der Umkehr in den Erkenntnisbegriff bei Rosenzweig steht in dem gleichen Zusammenhang, in dem er auch das Verhältnis von Philosophie und Theologie neu bestimmt.
    Die Ontologie ist die Vollzugsmeldung nach Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache. Sie ratifiziert die Zerstörung des Namens durch den Begriff (indem sie das Sein als Inbegriff des Prädikats zum Subjekt macht).
    Hebräer als soziale Schicht: Abraham war Kleinvieh-Nomade aus Ur in Chaldäa; Moses hat die Hebräer aus ihrer Sklaverei in Ägypten herausgeführt; David war Führer eines Söldner-Trupps, der für die Philister gekämpft hat und dann gegen sie sein Königtum errichtet hat.
    Welchen sozialen Status hatten die Kleinvieh-Nomaden? Bei den Ägyptern lastete ein Tabu auf dieser Gruppe, das möglicherweise den Übergang in den Sklaven-Status erleichterte. Wie verhalten sich Kleinvieh-Nomaden (David war ein Schafhirt) zu den Bergvölkern (die Hebräer aus Sicht der Philister)? Gibt es hier eine Beziehung zum Söldner-Dasein (die Brüder des David waren im Heer des Saul).
    Das Zeitalter des Antichrist wird das Gesicht des Hundes tragen: es fällt in eine Zeit, in der alle nur noch domestizierte Wölfe sind. Der vielzitierte Wolf im Schafsfell ist der Hund.
    War Gott das Tieropfer des Abel deshalb angenehm, weil im Tieropfer jenes Opfer dargebracht wurde, das gegen das Menschenopfer stand?
    Wie verhält sich das Tierfell, das Gott den ersten Menschen zur Bedeckung ihrer Nacktheit gab, und das Opfer des Abel zum paradiesischen Nahrungsgebot: beides scheint darauf hinzuweisen, daß hier Tierfleisch gegessen worden ist. (Ist Tierfleisch erstmals beim Tieropfer gegessen worden: als Identifikationsmahl? -„Speise ging aus vom Fresser“ – Ri 1414; Doppelbedeutung des Wortes „Gericht“.) Kälber werden geschlachtet im Rahmen der Gastfreundschaft (die drei Boten bei Abraham; vgl. auch die Geschichte vom verlorenen Sohn); ist der Gast nicht auch eine Abgeltung des geopferten (und dann vergöttlichten) Fremden oder der Feind-Gott, den man durchs Tieropfer gnädig stimmen muß (deshalb gibt es im Kapitalismus oder in der restlos säkularisierten Welt keine Gastfreundschaft mehr)?
    Die Erkenntnis, nackt zu sein (nach dem Sündenfall), ist eine einsichtige Folge aus dem Ursprung des moralischen Urteils, der Erkenntnis von Gut und Böse: diese Erkenntnis und dieses Urteil schlägt unmittelbar auf den Erkennenden, den Urteilenden zurück: als Erkenntnis, daß er nackt ist, als Ursprung der Scham.
    Welche Tiere sind in dem Tuch, über das Petrus das neue Nahrungsgebot übermittelt wird?
    Gibt es ein Inzestproblem in der Logik und in der Grammatik (Ontologie)? Oder: gibt es ein sprachliches Äquivalent der Beziehung von dämonischer Besessenheit („Legion“) und der Schweineherde?
    Geschichte der Domestizierung: von den ersten Haustieren bis zur Entstehung der zoologischen Gärten, des Zirkus und der Dressur? Es gibt eine Elefanten-Dressur, aber keine Nilpferd- oder Krokodil-Dressur?
    Nach der Apokalypse wird irgendwann „ein Drittel der Bäume“, aber „alles Kraut“ vernichtet?
    Verdrängungsinstitutionen: Kaserne, Knast, Irrenanstalten, Schlachthäuser, Schulen, Krankenhäuser. Hier lassen wir durch andere die Drecksarbeit erledigen, an die wir in unseren Wohnungen nicht mehr erinnert werden wollen. Der Reinlichkeitszwang ist der genaue Reflex davon, ebenso der demonstrative Konsum, die Unterhaltungsindustrie, insbesondere das Fernsehen, das uns die entfremdete Welt in verschönerter, verkleinerter, handlicher Form ins Wohnzimmer liefert. BILD und FAZ und in deren Folge mittlerweile die gesamte Presse arbeiten daran mit, diese Subjektivitätssicht ungebrochen und ohne Reflexionszwang aufrechtzuerhalten, indem sie alle zu Herren ernennt und dazu zwingt, ihren Anteil an der Drecksarbeit zu verdrängen. Die hier produzierte objektive Arroganz (die von den ehemaligen DDR-Bewohnern heute an den „Wessis“ wahrgenommen wird) ist nur aufrechtzuerhalten durch die ständige Mobilisierung der Wut, der Unfähigkeit, die gleichen Verhältnisse aus der Sicht des Objekts wahrzunehmen und zu rekonstruieren. – Genau dagegen geht das Wort: Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae.
    Die Idolatrie ist ein Teil der Ideologie, die die Hochkulturen und die alten Großreiche überhaupt erst möglich machten. Sie hat die Voraussetzungen für das, was später dann sich als Privatsphäre etablierte (mit Hilfe des Bekenntnisses, in dem sich die Idolatrie perfektioniert, instrumentalisiert und vervollkommnet hat), geschaffen. – Welche Funktion hatten in der Ursprungsgeschichte der Großreiche die Hebräer (als Kleinvieh-Nomaden, Sklaven, Söldner)?
    Das Nilpferd als Kuscheltier: die Apokalypse im Spielzimmer.
    Der Staat kann die ihm aufgebürdete Last, seine Untertanen zu exkulpieren, sie aus der Verantwortung für seine Handlungen zu befreien, nicht tragen: im Ernstfall schlägt der Faschismus durch.
    Die Habermassche „Neue Unübersichtlichkeit“ ist selbstproduziert und selbstverschuldet: Eine Kritik der Politik ohne Kritik des Weltbegriffs ist nicht mehr möglich.
    Die Blumen auf den Gräbern der Christen leugnen die Lehre von der Auferstehung der Toten (das Gleiche gilt für die Blumen in den Wohnungen und in den Büros).
    Durch die Namengebung der Tiere – Gott hat sie wie den Menschen aus Lehm gemacht, Adam hat sie benannt – hat der Mensch seinen präzise zu bestimmenden Anteil an der Schöpfung.
    „Wem ihr die Sünden nachlaßt“ und „wem ihr sie nicht nachlaßt“: Diese Sätze haben unterschiedliche Bedeutung je nach dem Verständnis der Ermächtigung, die hier den Christen erteilt wird. Geht es hier um den Anteil an der richtenden oder an der rettenden, befreienden Gewalt? Hinzuzuhören ist das Gebot, dem Nächsten nicht nur siebenmal sondern sieben mal siebzigmal zu vergeben. Das Nichtvergeben, das Richten ist danach eine sehr ernst zu nehmende Sache. „Richtet nicht …“ Die Übersetzung in die Praxis durch die kirchliche Beichtpraxis verkehrt die Sache in ihr Gegenteil, verwandelt auch das Vergeben noch in ein Richten: Diese Vergebung hebt die zugrundeliegende Schuld nicht auf, sondern fixiert sie, macht sie undurchdringlich.
    Die Welt ist der Inbegriff des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Die Schuld der Welt auf sich nehmen heißt: Theologie als Herrschaftskritik betreiben; eben damit löst sich auch der Verblendungszusammenhang auf. Das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ ist die Antwort auf die Erkenntnis des Guten und Bösen.
    Hat es etwas zu bedeuten, daß der erste Satz der Genesis im Präteritum steht, und nicht im Perfekt: Man kann weder sagen: Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen, noch: Im Anfang schuf Gott die Welt. Nur die „Weltschöpfung“ gehört ins Perfekt, hier müßte es heißen: Im Anfang hat Gott die Welt erschaffen, weil die Welt unterm Zeichen der Vergangenheit steht, so dem Eingriff des Menschen entzogen zu sein scheint, während Himmel und Erde im Imperfekt stehen, noch auf ihre Vollendung warten.

  • 09.08.91

    Geldwirtschaft gründet in Schuldknechtschaft. Der Aspekt der Herrschaft des Tauschprinzips ist insoweit irreführend, als er das Unaufhebbare am Kapitalismus verdeckt, verdrängt. Die Vorstellung, daß gleichberechtigte Warenbesitzer mit einander tauschen und dafür irgendwann ein allgemeines Tauschmittel, das Geld, einführen, erweckt den Eindruck, als sei der Reichtum schlicht vorhanden, bloß gegeben, und bräuchte im Bedarfsfall nur umverteilt zu werden. Es gibt aber keinen Reichtum, der nicht die Armut zur Grundlage hat, die er selbst produziert. Daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, hängt mit dem Ursprung und dem Begriff des Reichtums zusammen. Die Geschichte vom reichen Jüngling drückt genau diesen Sachverhalt aus.
    Es gibt heute – draußen und drinnen – eine Armut, die nicht mehr mit dem Argument zu rechtfertigen ist, die Armen seien selbst schuld, daß sie arm sind.
    Gibt es – neben dem Confessor und der Virgo, zu deren letzten Auswirkungen die Penner und die Huren gehören – auch die Heiligengestalt des Gerechten? Diese Gestalt des Gerechten, die kenntlich gemacht hätte, worauf das Ganze hinausläuft, scheint es im Christentum nicht gegeben zu haben. Mit dem Ursprung der Welt ist die Gerechtigkeit zu einer transzendenten, unerfüllbaren Idee geworden, das Recht als seine säkularisierte Gestalt in der verweltlichten Welt ist ein konstitutiver Teil des Schuldzusammenhangs. Erlösung war immer eine Erlösung von der Schuld, aber nicht Befreiung zu einem gerechten Leben. Das drückt sich dann aus in der Idee der Rechtfertigung, dem Kristallisationskern des mythischen Denkens in der Theologie.
    Die kantischen synthetischen Urteile apriori und die Kategorientafel sind die Konstituentien des namenlosen Objekts.
    Kann es sein, daß der Objektstatus heute nur noch zu ertragen ist, wenn er durch das, was sich heute Musik nennt, übertäubt wird. Beachte die Gesichter von Joggern: ohne Walkman verzerrt, wütend, aggressiv, mit Walkman selig lächelnd.
    Heute nagelt das Christentum die Gläubigen an das Kreuz ihres Selbstmitleids, macht sie unsensibel sowie arrogant, böse und stumm.
    Die Welt definiert sich gegen die Vorwelt durch die Vergesellschaftung der Gewalt, durch die Installation des Gewaltmonopols des Staates (durch das Recht); oder durch die damit begründete Vergesellschaftung und Internalisierung der Naturbeherrschung. Bevor sie ihren Siegeszug nach außen antreten konnte, mußte sie sich in der Gesellschaft, in den Subjekten konstituieren.
    Die staatliche Instrumentalisierung der Gewalt ist die Voraussetzung des Objektivationsprozesses, Grundlage des Weltbegriffs.
    Die Bäume in der Bibel:
    – „Von allen Bäumen dürft ihr essen“: Vorausgesetzt war das Nahrungsgebot, das die Früchte des Feldes und die der Bäume den Menschen zuwies (und den Tieren das Kraut).
    – „Nur nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens“ (dem Baum der Erkenntnis, des Lebens?): Vom Baum der Erkenntnis haben sie dann gegessen, mit den bekannten Folgen.
    – Die Jotam-Fabel (auch der Dornbusch ist demnach ein Baum), die Zedern des Libanon, der Weinstock, der Feigenbaum, der Ölbaum, das Kreuz.
    – Gibt es zu Stammbaum eine biblische Entsprechung? Stammbaum = toledot; Stamm (Baum) und Stamm (Sippe): Jesus kommt aus dem Stamme Davids? Gibt es eine Beziehung zu den Türmen?
    Nachdem die häresienbildende Kraft mit der Reformation verbraucht war, hat es neben den Konfessionen (den säkularisierten Gestalten der Kirche) nur noch Sekten gegeben.
    Dummheit gründet im allgemeinen in mangelnder Idenfikationsfähigkeit (Aufmerksamkeit), in der Unfähigkeit, sich auf die Erfahrung des anderen einzulassen.
    Früher haben Propheten eine Situation durch Symbolhandlungen aufgeschlüsselt, heute sind Symbolhandlungen (aufgrund des Wiederholungszwangs, dem sie unterworfen sind) Formen der Selbstverurteilung.
    Opfertheologie und Instrumentalisierung gehören zusammen. Die gemeinsame Wurzel beider ist die Idolatrie.
    Der Konkretismus der Heinsohn et al. rührt her von der Unfähigkeit, das, was sie durch Naturkatastrophen hervorgerufen verstehen, aus der genetischen Struktur der Erfahrung und der Geschichte der Sprache abzuleiten.
    Fundamentalisten sind Religions-Hooligans (Bindeglied ist das Bekenntnis).
    Das Prinzip der Delegation (im postmodernen Management) scheint daraus sich herzuleiten, daß insbesondere das Unangenehme, das, was moralische Skrupel verursachen könnte, an andere delegiert werden soll. Daher kommt es, daß die Bedenkenlosesten im allgemeinen als die besten Mitarbeiter angesehen sind
    Warum gibt es keine objektive Moral, oder: warum schließt der Begriff einer moralisch begründeten Erkenntnis den Verzicht auf moralisches Urteil mit ein (Zusammenhang von Erkenntnis und Schuld: Grund des Nachfolge-Gebots)?
    Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist das notwendige Korrelat der begrifflichen Aufteilung des Seienden in Vorhandenes und Zuhandenes. Der reflektorische Begriff des Zuhandenen verleiht dem Dasein den Charakter des In-der-Welt-Seins. Als Zuhandenes ist das Dasein uneigentlich, als Vorhandenes eigentlich? Der Trick zieht nicht: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit sind wie Vorhandenes und Zuhandenes untrennbare Reflexionsbegriffe.
    Inertialsystem und Gravitationsgesetz gehören zusammen: sie sind zwei Aspekte der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
    Hat die Geschichte von Romulus und Remus etwas mit der von Kain und Abel zu tun? Auch Romulus erschlägt seinen Bruder Remus und gründet dann die Stadt Rom.
    Sind die Astralreligionen als Herrschaftsreligionen schon in der Schöpfungsordnung (Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels) verankert?
    Der Personbegriff ist die Stecknadel, mit der der Name getötet und wie ein Schmetterling aufgespießt wird; er nimmt dem Namen das Wesen: das Angesprochen- und Gehört-Werden. Sind Frauen Personen, und sind nur Personen bekenntnisfähig? Auch Gott ist nur ein Personbegriff.
    Das Inertialsystem ist das Refenzsystem, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Gesetze und Erscheinungen sich beziehen, und diese drei Begriffe bezeichnen nur drei Aspekte einer Sache (Grund der negativen Trinitätslehre).
    Die Welt ist das entstellte Antlitz der Erde, auf das sich der Satz bezieht: emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt gehorcht dem Nachfolge-Gebot.
    Die Parole Rousseaus „Zurück zur Natur“, die zusammenhängt mit der romantischen Vorstellung von den edlen Wilden, fällt herein auf die christologisch begründete Hypostasierung der Natur (der Vergöttlichung des Opfers) und ist wider Willen einer der Auslöser der Barbarei. Vielleicht müßte man hierzu den zweiten Teil von Derridas „Grammatologie“ lesen.
    Die Psychoanalyse und die Psychomatische Medizin sind keine Hilfen bei der Wiedergewinnung des Subjekts, sondern verlängern den Instrumentalismus ins Subjekt hinein. Nicht zufällig sitzt der Psychotherapeut bei der Anamnese hinterm Rücken des Patienten.

  • 07.06.91

    Bezeichnet die „Urflut“ im Schöpfungsbericht das flüssige, frei verschiebbare Element der Schuld, in dem dann die Meeresungeheuer sich bilden?
    Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit, weil sie der Riegel vor der projektiven Schuldverarbeitung ist, weil sie die Leugnung der Schuld durch Exkulpation, durch Verdrängung und Abwehr verbietet.
    Ich habe Kant nie als Rechtfertigung, sondern immer als Kritik des naturwissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs verstanden. Ich stand sozusagen auf der Seite Schopenhauers, nicht auf der Seite Fichte, Schelling, Hegel.
    Der Grund für den Konkretismus bei Heinsohn und seinen Mitarbeitern liegt in der Unfähigkeit, die Dialektik von Geltung und Genesis zu durchschauen. Gunnar Heinsohn hebt zu Recht das subjektive Moment in der Geschichte des Ursprungs der Geldwirtschaft (der „Schuldknechtschaft“, der Beziehung zur Schuld überhaupt) hervor. Das schließt aber nicht mit ein, daß darin heranwachsende Moment der Herrschaft des Tauschprinzips bloß falsch ist. Nur, weil er das Tauschprinzip tendentiell verdrängt, kommt er in den zwangshaften Empirismus herein, der dann in der konkretistischen Naturkatastrophen-Theorie zutage tritt. Er muß dazu seine Zuflucht nehmen, weil er anders den gesellschaftlichen Bruch, der damals eingetreten ist, nicht erklären kann: eine der Folgen ist dann die Vulgärpsychologie, mit der er das „Ereignis“ dann ausmalt, um den Ursprung des Opfers zu erklären; Totem und Tabu ist vollständig vergessen.
    Übersieht er nicht in seinem Konzept des Ursprungs des Privateigentums durch die Landaufteilung unter den aus dem Matriarchat exilierten Männern die nomadische Vorform des Privateigentums (die Tierherde, das erste Geld: pecunia); vgl. hierzu die Patriarchengeschichten der Bibel (Ismael und Isaak, Jakob und Esau, Jakob und Laban, Lea und Rahel). Werden diese deutlichen Hinweise nicht schlicht unterschlagen? Oder ist Abraham schon der zweite, nicht erbberechtigte, rechtlose Sohn, der deshalb mit seinem Neffen Lot aus dem chaldäischen Ur emigriert, zum kleinviehzüchtenden Nomaden wird, aber auch in den Königen und Priestern seinesgleichen (aus gleichem Ursprung herkommend) erkennt? Welche Bedeutung haben dann die Geschichten mit Sara, Rebekka und Rahel?
    In der Abraham-Geschichte ist das erste Privateigentum, der als Begräbnisstätte gekaufte Acker.
    Unaufgeklärt bleibt bei Heinsohn immer noch der Ursprung und die Funktion des Tempels und des Opfers in der Geschichte der Geldentstehung und auf der anderen Seite der Grund für die Verstaatlichung der Münze (wann und durch wen?). Die Tempelbank hat wohl nur binnenwirtschaftliche Bedeutung, während die Verstaatlichung der Münze außenwirtschaftliche Bedeutung hat, mit dem Ursprung des Weltbegriffs, mit der Kolonisation, mit dem Eroberungstrieb zusammenhängt.
    Welche Bedeutung haben überhaupt die Eroberungen durch Assur, durch Babylon, durch die Makedonier, durch Rom (die vier Reiche des Daniel), in welcher Beziehung stehen sie zu dieser ökonomischen Entwicklung? Ist Sumer das ökonomische Babylon? Läßt sich das prophetische und das apokalyptische Babylon in diesem Zusammenhang genauer bestimmen (wenn Sumer das ökonomische B. ist)?
    Welche Bedeutung hat es für die neuere Geschichte, daß die Missionierung von der Peripherie, von Irland und Schottland, ausgeht, und die ökonomische Moderne von den Wikingern, den Normannen?
    Wie sieht es mit der ökonomischen Struktur, den ökonomischen Grundlagen des Islam aus, mit der Nähe zum Nomadentum und zum Handel, bei gleichzeitigem Zinsverbot (Verhinderung der „Schuld-knechtschaft“)? Ist das Privateigentum, der beginnende Kapitalismus mit der Ausplünderung der Majorität durch die restlichen, verbleibenden Privateigentümer, hier ohne Grundlage geblieben? Gibt es im Islam Sklaverei, Lohnarbeit? Welchen ökonomischen Hintergrund hat die Scharia, das islamische Recht?
    Wenn Gunnar Heinsohn seine ökonomischen Analysen nur auf die Beziehungen von agrarischen und städtischen Verhältnissen anwendet, den nomadischen Bereich (und mit ihm die Geschichte des Opfers) aber ausklammert, vernachlässigt, wird damit nicht der ganze Problembereich der Domestikation und Zucht der Tiere, des Fleischessens, ausgeklammert? Welche Bedeutung hat dann die Beschneidung und das Verbot, Schweinefleisch zu essen?
    Zu Heinsohns „Schuldknechtschaft“: Schuld (das fehlende Privateigentum, die Armut) ist die gesellschaftliche Energiequelle der Geldwirtschaft, des Kapitalismus.
    Während in der gesamten Vorgeschichte das Opfer irrationale Notwehr war (Entlastungsfunktion), hat erst das Christentum das Opfer verinnerlicht, instrumentalisiert und zum Herrschaftsmittel gemacht.

  • 04.06.91

    „Es wäre ein, alle mühselige Untersuchungen, die es voraussetzt und erfordert, belohnendes Unternehmen, …“ (Zitat aus Niebuhrs Kopenhagener Manuskripten 1804/5, vgl. Wilfried Nippel: Griechen, Barbaren und „Wilde“, S. 84) Heute (so hat Nippel die Wendung dann auch „korrigiert“) würde es heißen „alle mühseligen Unternehmungen“. Die heute als veraltet empfundene Wendung drückt ein Sprachverständnis aus, das noch Widerstand gegen die Vergegenständlichung setzt. Die „mühselige Untersuchungen“ sind gleichsam noch die eigenen, nicht die, die ich anderen auferlege. In dem ergänzenden „n“ drückt sich die vergegenständlichende Kraft des Spätkapitalismus aus. Hier sind es Untersuchungen, die für andere mühselig sind, deren Mühsal mich nicht mehr affiziert, ebenso wenig wie die Arbeit, die in den Waren steckt, die ich billig einkaufe. Ohne „n“ sind die Untersuchungen ein den, der sie anstellt, „belohnendes Unternehmen“, mit „n“ streicht den Lohn der Professor ein, der die Arbeit seinen Assistenten überläßt (der sie dann als Bevorzugung, als „Gnade“ erfährt; s.u.).
    Lassen sich Unsicherheiten beim Gebrauch des Dativ/Genitiv aus ähnlichen Ursachen herleiten: bei trotz und wegen, oder bei dem „einer Sache Herr werden“ (die Verwendung des Dativ verwandelt Herrschaft in ein Geschenk, macht die Vergewaltigung zur Gnade); hängt es auch damit zusammen, wenn im Femininum (im Deutschen wie im Lateinischen) Dativ und Genitiv (Hingabe und Herrschaft, aber auch Nominativ und Akkusativ: die Subsumtion des Nominativ unter die Anklage wie beim Neutrum) sich nicht unterscheiden lassen? Zusammenhang mit der Teilidentität der dritten Person Singular femininum mit der dritten Person Plural (sie): das Femininum nicht voll individualisiert?
    Im Lateinischen ist der Akkusativ masculinum gleich dem Nominativ neutrum.

  • 27.04.91

    Jes 22f und Mi 41f auf das Bekenntnis und das verdinglichte Dogma anwenden. Beide sind in der Geschichte des Christentums zur Waffe geworden; an ihnen klebt Blut.
    „Schwerter zu Pflugscharen“: d.h. Objektivierung durch Nachfolge ersetzen (Entkonfessionalisierung). „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen (den Acker bebauen).“ -Damit hängt auch Benjamins Wort über Rosenzweig zusammen, daß er es vermocht hat, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, anstatt sie seßhaft zu verwalten. Die Verwaltung ist das gegenständlich-politisch-gesellschaftliche Korrelat des Bekenntnisses. Es gibt keine Verwaltung ohne Bekenntnis, und kein Bekenntnis ohne Verwaltung (so wie keine Verwaltung ohne Hierarchie und keine Hierarchie ohne Verwaltung). Das erste kirchliche Verwaltungsamt ist das des Bischofs, des Aufsehers (des Hüters des Bekenntnisses: Heideggers Hirt des Seins ist ein spätes Echo davon).
    Über den geschichtsphilosophischen Zusammenhang von Bekenntnis und Empörung, oder Empörung als Versuchung.
    Woher stammt die Legende (und welche Bewandnis hat es mit ihr), daß Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden sein soll?
    Die Diakonie wäre das Wesen des Christentums, wenn die Interpretation von Elisabeth Moltmann-Wendel (unter Bezugnahme u.a. auf Schüssler-Fiorenza) zutreffen würde. Dann wäre das Dienen ein nicht mehr vom Herrendenken entstelltes und verhextes Dienen.
    Gibt es eine Beziehung zwischen unserer Beziehung zur präzivilisatorischen Vergangenheit und unserer Beziehung zur Natur (ist die Grenze zur Vorgeschichte auch die zur Natur: der Ödipuskomplex)?
    Der Schlüssel zum Lösen liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit und erscheint deshalb als unzugänglich; unterschätzt wird die Kraft der Erinnerungsarbeit, des Eingedenkens. Vgl. hierzu Ezechiel (Auferstehung). Kann es sein, daß die Lösung des Rätsels der Gnosis ein Teil der Lösung im Sinne von Mt 1618 (?) wäre. Hier, in der Auseinandersetzung mit der Gnosis hat die Kirche erstmals gebunden und nicht gelöst. Und diese erste Bindung hatte möglicherweise etwas von dem parvus error in principio (hat die Kirche nicht den gnostischen Demiurgen dann in der Tat zum Gott der Christen gemacht; oder hat die Gnosis nicht nur offen ausgesprochen, was unter den Händen der Kirche aus Gott geworden ist).
    Nicht das Ergebnis des Säkularisationsprozesses ist falsch, sondern seine Interpretation. Hier wird die Humesche Tradition, die durch Kant nicht widerlegt, nur lokalisiert worden ist, wichtig.
    Der säkularisierte Staat ist es erst wirklich, wenn er die Rechtfertigungszwänge abbaut, die insbesondere in den schuldbezogenen Institutionen wie die Justiz fortleben. In welcher Beziehung zum Bekenntnissyndrom steht die Institution des Bundespräsidenten (des säkularisierten Königs)?
    Modell für die Verdoppelung ist das Sich-Verstecken Adams. Wo versteckt sich Adam? Haben die Bäume, unter denen er sich versteckt, etwas mit den Dornen und Disteln zu tun? Adam redet sich dann auf Eva heraus, Eva auf die Schlange; und was sagt die Schlange?
    Geliebt wirst du einzig, wo du ohne Furcht dich schwach zeigen darfst (Adorno: Minima Moralia). Das hängt zusammen mit der Utopie eines Lebens ohne Rechtfertigungszwang. Deshalb: Seid klug wie die Schlangen … Ohne Rechtfertigungszwang kann man nur leben, wenn man den Schein durchschaut, der anklagendem, richtenden Denken zugrundeliegt. Das Durchschauen dieses Scheins wäre das Ziel einer Kritik der Säkularisation, aber eine Kritik dieses Scheins ist nur in theologischem Zusammenhang möglich. Beweis: Eine Kapitalismus-Kritik, die die Prämissen des Kapitalismus, die Herrschaft des Tauschprinzips, nicht antastet, führt in schlimmere Dinge hinein als der Kapitalismus. – Die Gottesfurcht ist nichts anderes als der Grund der Freiheit vom Rechtfertigungszwang, und der Rechtfertigungszwang hat keine theologischen, sondern nur gesellschaftliche Gründe. Der Schein ist nur aufzulösen durch Auflösung des Schuldzusammenhangs, oder durch Auflösung des Schuldverschubsystems, der den Schuldzusammenhang konstituiert. D.h. er ist nur aufzulösen in Befolgung des Nachfolgegebots, des Gebots, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, der Arglosigkeit oder des Verzichts darauf, Selbstentlastung durch Projektion der Schuld zu erreichen.
    Die Gnadenlosigkeit des Christentums ist eine Folge der Gnadenlehre.
    Eindruck beim Lesen des Interviews mit Jehoshua Leibowitz: er scheint gelegentlich so zu antworten, daß er nur die Frage ad absurdum führt; das hängt dann mit der Qualität der Fragen zusammen. – Es scheint eine Beziehung zu geben zwischen seiner Kritik der Psychoanalyse und der Ablehnung des Christentums; unklar, ob ihm diese Beziehung selber bewußt ist. – Der Interviewer fragt gelegentlich wie ein beflissener Schüler; gibt es eigentlich einen Lehrer, der nicht darauf hereinfällt? Genau hierin drückt sich etwas vom prekären Verhältnis des Professors zur Öffentlichkeit aus, das mit einer gleichsam existentiellen Verunsicherung verbunden ist, die durch die Bestätigung durch Schüler gemildert wird (der Professor ist auch eine öffentliche Person, wie Schauspieler, Politiker, Huren, Journalisten: alle müssen über eine Schamgrenze sich hinwegsetzen).
    Es scheint eine Querbeziehung zu geben zwischen der Konstitution von Wissenschaft, der Prostitution und der Hexenverfolgung. Die Hexenverfolgung scheint ein erster Ausdruck dessen zu sein, was Ralph Giordano die zweite Schuld genannt hat. An diesen (nicht ungefährlichen) Punkt rührt die Kritik des Bekenntnisses; sie könnte zum Auslöser der „verfolgenden Unschuld“ werden, die in der Konstruktion und Dynamik des instrumentalisierten Bekenntnisses, die heute fast nicht mehr zu umgehen ist, gründet. Der Hinweis auf die christlichen Ursprünge von Auschwitz – ein Komplex, zu dem J. Leibowitz auch den Marquardt zitiert – scheint hiermit zusammenzuhängen. An die gleiche Frage rührt der Satz, den Georg Büchner Danton in den Mund legt: „Was ist das, was in uns hurt, mordet, lügt, stiehlt …“
    Galileis Blick durchs Fernrohr und der Habitus des Zuschauers: Es ist der Habitus des Zuschauers, der den ganzen Apparat von Schuld, Verdrängung und Projektion mit einschließt, absichert und stabilisiert. Hiermit hängt es zusammen, wenn Auschwitz nicht vergangen ist, sondern gegenwärtig in seinen Metastasen in der Dritten Welt fortlebt, wo in unserem Auftrag gehungert und gefoltert wird. Frage: Wann greift der Mechanismus wieder aufs Zentrum über?
    Gibt es eine Beziehung zwischen den Mizwot und den evangelischen Räten?
    Wie verhält es sich mit Bileam? (Bileams Esel, der Engel mit dem feurigen Schwert und dazu in der Apokalypse die Warnung davor, Bileams Lehre zu folgen – bezieht sich auf das der Bileam-Geschichte folgende Kapitel).
    Der Feminismus (z.B. Christa Mulack) gibt gelegentlich zu sehr der Versuchung nach, historische Sachverhalte wie auch biblische Lehren moralisch anstatt strukturell zu interpretieren. Hier reproduziert er den Fehler, den er kritisiert. Hier tritt er patriarchales Erbe an. Der biblische Gottesname gilt für die erste Person, er liegt vor der Scheidung in männlich und weiblich. Er ist nicht in die dritte Person (in der es erst die Geschlechtertrennung gibt) übersetzbar. Und hier – so scheint mir – übersetzt auch Martin Buber falsch.

  • 17.04.91

    Das Modell des Kreislaufs ist der Jahreskreislauf: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. An diesen Kreislauf ist das Leben der Pflanzen gebunden, es verselbständigt sich nicht dagegen. Anders das Leben der Tiere, daß sozusagen den Grund dieses Kreislaufs in sich aufgenommen, verinnerlicht hat. Läßt sich so (auf der Grundlage der Korrespondenzen zwischen dem Inneren und der Außenwelt) die Astrologie begründen? Aber auch die dem Menschen verliehene Macht: Adam benennt die Tiere. Gleichzeit werden Sonne und Mond als Herrscher des Tages und der Nacht bestimmt.
    Die Pflanzen überleben (überwintern) durch den Samen (und die Wurzeln?). Die Bäume überleben die Jahre durch Verholzung, Verstockung (Hypertrophie der Wurzeln). Hängt das mit dem gemeinsamen Ursprung der Bäume und der Prähominiden zusammen? Die Säugetiere, deren Leben auch an die Perioden der Jahreszeiten noch gebunden ist (Zeugung, Geburt, z.T. auch Winterschlaf), haben einen gemeinsamen Ursprung mit den blütentragenden Pflanzen (Beziehung der Fortpflanzung zum Licht, Insekten). Ist hier der Punkt, an dem der Ursprung von Behemoth und Leviatan interessant wird?
    Hat es etwas zu bedeuten, daß der Begriff Stamm sowohl die vorstaatlichen (geschlechterbezogene) Sozialeinheit bezeichnet als auch den Stamm der Bäume? Ist – bezogen auf die zwölf Stämme Israels – die Verstockung gleichsam ein Naturqualität?
    Hoffnung gibt es nur, wenn es Hoffnung auch für die Toten gibt.
    Die naturphilosophische Enträtselung des Gesetzes: Der Islam wäre daraufhin zu befragen: Wenn Gott die Welt täglich neu schafft, er gleichsam diese Herkulesarbeit leistet, die Welt täglich vor dem Untergang zu retten, woher kommt dann ihr täglicher Untergang? Wo liegen die Wurzeln des Verhängnisses; sie haben einen politischen Teil, aber sie liegen nicht in der Politik.
    Die Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit (und eines unendlichen Raumes) ist der Preis für die Konstitution des transzendentalen Subjekts.
    Aggression ist ein Symptom für nicht geleistete Trauer- und Erinnerungsarbeit.
    Heute trampeln unsere Theologen beim Unkrautausreißen in allen Weizenfeldern herum. Und zwar sowohl die christlichen, als auch die marxistischen Theologen. Alle behaupten, das richtige Unkrautvertilgungsmittel zu haben, aber keiner macht sich Gedanken über die Nebenwirkungen.
    Die Stoßprozesse sind der Keimpunkt, an den sich das ganze System der Physik ankristallisiert. Sie sind sozusagen der zentrale Referenzpunkt für alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Objektvorstellungen und Gesetze.
    Die Gemeinheitsautomatik ist eine Funktion des Empörungsmechanismus.
    Zur Bekenntnislogik gehört
    – der Feind: das sind die Juden;
    – der Verräter (die Sympathisanten des Feindes): das sind die Ketzer, die Häretiker;
    und die Bekenntnislogik ist selbst männlich: sie schließt die Frauen aus, die dann nur durch Keuschheit, Erhaltung der Jungfräulichkeit, sich aus ihrer ursprünglichen Verderbtheit (ihrer Unfähigkeit zu bekennen) retten können. Der Rechtfertigungszwang ist männlich.
    Der Bekenntnisbegriff versetzt den (männlichen) Gläubigen in die Lage, gleichsam hinter dem Rücken Gottes (durch Vermännlichung Gottes) Theologie zu treiben (Anbetung der zeugenden Kraft, an der nur die Männer teilhaben: „Ich bin ein eifersüchtiger Gott“). Die damit verbundenen Schuldgefühle, mit denen man nicht leben, die man nur verdrängen kann, werden dann zwangshaft projiziert; und hier stehen die drei Projektionsflächen offen, die aufzuarbeiten sind:
    – der Antijudaismus,
    – die Ketzerverfolgung
    – und die Frauenfeindschaft.
    Hier gibt es eine Systematik, die auf die drei Verleugnungen des Petrus verweist: Die letzte Leugnung geht einher mit der Selbstverfluchung, dann krähte der Hahn, und er ging hinaus und weinte bitterlich. Hier, wenn die Kirche die Angst verliert, sie könne ihr Gesicht verlieren (vor der Welt schuldig erscheinen), in dieser Lösung der Spannung, löst sich die Schuld.
    Das Zwangsbekenntnis ist der Kern, das logische Zentrum einer Struktur, die gegen ihren Inhalt gleichgültig ist; das Entscheidende ist genau diese Gleichgültigkeit gegen den Inhalt. Sie vermittelt die Möglichkeit, den Inhalt zu behaupten, ohne davon berührt zu werden, ihn objektiv zu halten.
    In dem Augenblick, in dem Schuld keine Rechtfertigungszwänge mehr auslöst, d.h. in dem Augenblick, in dem der Bekenntniszwang durchbrochen wird, wird auch der Wiederholungszwang außer Kraft gesetzt, der den Zusammenhang zwischen dem Bekenntniszwang und den scheußlichen Untaten, die im Namen des Christentums im Laufe seiner Geschichte begangen worden sind, einmal herstellte.
    Nicht das Proletariat, sondern die Toten bezeichnen diesen absoluten Objektstatus, auf den als reine Negativität die Erlösung sich bezieht.
    Das Bekenntnis ist die Verstockung, die die Christen dann den Juden zum Vorwurf gemacht haben.
    Die Bekenntnislogik im Christentum hat sehr viel mit der Beziehung des Christentums zur Philosophie zu tun, die dann an einem anderen Objekt, gleichsam durch Verschiebung, Kant auf ihren Begriff gebracht hat. Die Hegelsche Philosophie ist die präparierte Leiche der dogmatischen Theologie. Aber erst Einsteins spezielle Relativitätstheorie, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, hat (mit der Berichtigung des Inertialsystems)
    . dem Bekenntnissyndrom endgültig den Boden entzogen und
    . das Modell für die Berichtigung des Bekenntnisses geliefert (vgl. auch Freud, dessen Psychologie das durchs Bekenntnissyndrom, das dem Ödipuskomplex entspricht und wie dieser die bürgerliche Geschlechterrolle prägt, bestimmte Subjekt zur Grundlage hat: der „Penisneid“ und die Bekenntnis-Unfähigkeit gehören zusammen).
    Ist nicht die spezielle Relativitätstheorie Einsteins eigentlich die allgemeine, und die allgemeine die spezielle?
    Die Lichtgeschwindigkeit ist nur durch „Umkehr“ auf ihren realen Begriff zu bringen. (Das Bekenntnis ohne Umkehr wird zum Zwangsbekenntnis.)
    Die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung und der Kapitalismus beruhen beide auf dem gleichen Prinzip: dem der Verinnerlichung des Opfers. Der prophetische Satz: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ ist ein erkenntnis- und herrschaftskritischer Satz.
    Die Mystik, genauer die christliche Mystik, ist der vergebliche Versuch, der Schuld des Objektivationsprozesses durch die Wendung nach innen zu entkommen.

  • 01.04.91

    Würden unsere Theologen, Politiker, Beamten ernsthaft an das ewige Leben, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der Toten glauben, oder wäre Gottesfurcht ein Teil des politischen und religiösen Selbstverständnisses in diesem Lande: diese Welt sähe anders aus.
    Der Begriff der Gottesfurcht ist eindeutig, der der Furcht des Herrn zweideutig. Die Gottesfurcht orientiert sich an dem Verhältnis von Schuld und Versöhnung, Schuld und Befreiung, die Furcht des Herrn an dem Verhältnis von Schuld und Strafe.
    Die drei evangelischen Räte:
    – Armut: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon;
    – Gehorsam: Heute, wenn ihr seine Stimme hört;
    – Keuschheit: Nicht die Sexuallust, sondern die Urteilslust ist der Transporteur der Erbschuld.
    Reflexion des Zusammenhangs von Selbsterhaltung und Realitätsprinzip:
    – Namenlehre vs. begriffliche Erkenntnis;
    – Kritik des richtenden Denkens.
    Das Bekenntnis ist das Medium der Regression ins Gattungswesen: Hinweis auf den Ursprung der Sexualmoral und die Bedeutung der apokalyptischen Tiere.
    Der kirchliche biologische Begriff der Unschuld ist eine der Quellen, aus denen der faschistische Rassenbegriff: die Vorstellung eines biologischen Erbadels (der biologischen Unschuld der Herren, der Existenz einer Herrenrasse) und der damit notwendig verbundene Antisemitismus sich speist. Hier tritt das Gewaltmoment offen zutage, das im kirchlichen Bekenntnisbegriff bereits enthalten ist.
    Die Trennung des Bekenntnisbegriffs vom Namen verletzt das Bilderverbot, begründet den Objektbegriff, der seitdem das christliche Dogma verhext, und ist der Ursprung der Gewalt in der Religion.
    Die Sexualmoral und ihre Metastasen sind der Inbegriff dessen, was in der Geschichte vom Sündenfall dann mit den Dornen und Disteln bezeichnet wird.
    Die finsteren Mysterien des Personbegriffs.
    Urteilslust dreifach stabilisert:
    – durch den Naturbegriff (durchs Trägheitsgesetz),
    – durch den Weltbegriff (durchs Tauschprinzip),
    – durchs Bekenntnis (durch den vergegenständlichten, verdinglichten Glauben, durchs Prinzip der Weltanschauung).
    In der Bosheit des anderen die gemeinsame Dummheit, die des anderen und die eigene, begreifen.
    Das Problem von Genesis und Geltung hängt mit dem von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen. Verwechslung von Geltung und Wahrheit: Geltung ist Geltung für jedermann, es gilt auch hinter dem Rücken, und es hat wirklich etwas mit Geld zu tun, und mit dem Bekenntnis: Im Bekenntnis wird die Geltung für jedermann hergestellt und stabilisiert. Konsequenzen für den Personbegriff, der auch die Anerkennung durch die anderen als Konstituens und Sinnesimplikat mit einschließt. Person ist das Subjekt (der Träger) des Bekenntnisses (Bekenntnis als Maske: vgl. Kafkas Oklahoma). Hiernach wird die Tertullianische Vorstellung, daß Frauen, wenn sie denn in den Himmel kommen, zu Männern werden, vielleicht begründbar (aber der theologische Kontext, in dem sie begründbar wird, eo ipso falsch). Die Person ist keine Schöpfungswirklichkeit, sondern Produkt von Vergesellschaftung. Die Person ist Erbe des mythischen Helden. Durch die Anerkennung der anderen hindurch bedarf die Person letztlich der Bestätigung durch den Staat (ohne Pass ist der Mensch kein Mensch). Abgesichert wird die Person durchs Strafrecht. Der Staat ist somit nicht nur das Prinzip der Anklage (sh. Staatsanwalt), sondern auch das der Exkulpierung (durch den Pass). Voraussetzung der Anerkennung und der Exkulpierung ist das Bekenntnis. Hieraus lassen sich zwanglos solche schönen Dinge wie Antisemitismus, Ausländerfeindschaft, Frauenfeindschaft u.ä. ableiten. Im Kontext unserer Staatsmetaphysik sind Ausländer Häretiker, Ketzer. Und die Deutschen sind die Ausländer für alle anderen (das prädestinierte Objekt der Selbstverfluchung).
    Im Kontext des Anerkennungskonstrukts läßt die Begründung der subjektiven Formen der Anschauung im Gewaltmonopol des Staates nachweisen, zusammen mit der Begründung der Gemeinheitsautomatik: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
    Mit der Entfaltung der Namenlehre wird zugleich die Lehre von der Auferstehung der Toten begründet (ist der Logos Begriff oder Name?).
    Das „Seid klug wie die Schlangen …“ und das „und führe uns nicht in Versuchung“ gehören zusammen.
    Das Weltgericht ist das Gericht der Welt über die Welt: Dieser Widerspruch ist vom Begriff der Welt nicht abzulösen. Sie ist die gerichtet-richtende Instanz, oder der Preis dafür, daß die richtende Instanz nach dem gleichen Maße gerichtet wird. Genau dieser Widerspruch wird im Relativitätsprinzip, in der Handlung, in der sich das Inertialsystem konstituiert, dingfest gemacht. In welcher Beziehung dazu steht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Hat die Plancksche Strahlungsformel etwas mit dem brennenden Dornbusch zu tun? Wird diese Beziehung durchsichtig, wenn sich die Plancksche Strahlungsformel aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ableiten läßt?
    Am Bekenntnis die gleiche Korrektur vornehmen wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschindigkeit am Inertialsystem.
    Hawking hat recht: Wenn das Schwarze Loch nur schluckt und nichts ausstrahlt, d.h. wenn darin nur Masse und Energie verschwinden, aber keine Gegenreaktion dazu nachweisbar wäre, so würde das alle Erhaltungssätze (die Stabilisatoren des Inertialsystems und der darin begründeten physikalischen Begriffe) verletzen.
    Merkwürdig, daß Begriffe wie das Schwarze Loch und der Schwarze Körper Grenzpositionen der Naturwissenschaften bezeichnet.
    Ist das heute von der Physik angenommene Alter der Welt in der Größenordnung der dritten Potenz des biblischen Alters der Welt (in Jahren gemessen), und der Ursprung der Bäume und der Menschen in der der zweiten Potenz?
    Das „und er ging hinaus und weinte bitterlich“ ist die Antwort auf das höllische Lachen, das darin vergeht. Das Lachen ist der Inbegriff des pathologisch guten Gewissens. Wir sind das Gelächter über die Dritte Welt? – Lachen Frauen anders als Männner?
    Erst mit der Vergesellschaftung des Herrendenkens ist das Umkehrgebot unabweisbar geworden für alle. Verführung hat immer die Gestalt des moralischen Urteils.
    Antisemitismus und Bilderverbot.
    Das Bilderverbot war die Antwort auf die magische Macht, die das Bild über den Abgebildeten und in der Konsequenz daraus das Bild über den, der sich seiner bedient, vermittelt: Konsequenz für die Physik. Objektivierung und Instrumentalisierung gehören zusammen; hierbei fällt das, was die Dinge an sich selber sind, unter den Tisch (das An sich gehört in den Bereich des Namens).
    Die Umkehrbarkeit der räumlichen Dimensionen ist eine Funktion der drei Dimensionen des Raumes und der Irreversibilität der Zeit. Ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (oder das Plancksche Strahlungsgesetz) vielleicht doch ein Schlüssel für die Bestimmung des Alters der Welt?
    Läßt sich der Streit zwischen Vätern und Söhnen, der das Zeitalter des Antichrist kennzeichnet, auf den Antisemitismus beziehen?
    Der Sozialismus hat den kritischen Gehalt der Marxschen Philosophie in eine affirmative, instrumentalisierte Gestalt der Theorie, in ein Herrschaftmittel, zurückgebogen.
    Die ideologische Bedeutung des Sports liegt in der Einübung der Verknüpfung des Zuschauers mit dem (parteiischen) Richter.
    Über uns werden sowohl die vergangenen Toten als auch unsere Nachfahren, die wir beide heute verraten, richten. Wir stehen auf einem Berg von Leichen und sind Herr einer zerstörten Natur.
    Jede apologetische Haltung führt nur tiefer in die Verstrickung hinein.
    Natur definiert den Anwendungsbereich des Objektivationsprozesses, einen potentiell unendlichen Bereich.
    „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“: Auch die Tränen lösen sich; „und er ging hinaus und weinte bitterlich“.
    In der kapitalistischen Lohnarbeit wird der Arbeiter um seinen Lohn betrogen.
    Lachen ist das letzte Indiz für das Fortleben des Dämonischen. Die Verinnerlichung des Dämons als Ursprung der Philosophie (Sokrates): Die Gewalt des Schicksals war die Gewalt des Lachens (das homerische Gelächter); und mit dem Schicksal ist dieses Lachen verinnerlicht worden, in die Struktur des Begriffs, als Form seiner Objektbeziehung, mit eingegangen. Lachen löscht die Namen aus, konstituiert das verdinglichte Objekt und den Begriff; als Totalität ist das Lachen mit eingegangen in die Form des Raumes (vgl. Büchners „Lenz“). Alle Objekte im Raum sind, als wären sie ausgelacht (angeklagt und, in einem kurzen Prozeß, gerichtet zugleich: der Raum ist dieser kurze Prozeß). Person (die ihr Gesicht nicht verlieren darf) ist die Angst, ausgelacht zu werden: der Zwang der Selbstrechtfertigung, der sich allein im Weinen löst. Besondere Objekte des Lachens sind die Juden und die Frauen. Lachen ist ein Konstituens des Herrendenkens, das als Lachen über die Herren, auch wenn es die Herren nur schwer ertragen, deren Herrschaft noch zu stabilisieren vermag (Lachen, Herrschaft, Gericht). „Der hat nichts mehr zu lachen“; „warte nur, dir wird das Lachen auch noch vergehen“: Über wen das gesagt wird, ist reines Objekt, auf keinen Fall ein Herr: in ihm ist Gott präsent. – Das verdinglichte Bekenntnis macht Gott zum Objekt des Gelächters.

  • 22.03.91

    Verteidigendes Denken ist kein apologetisches Denken; es ist keine Rechtfertigung (die das Selbstmitleid stabilisiert und fördert), sondern die Verteidigung des Anderen, des Anderen in dem Sinne, in dem beispielweise Levinas diesen Begriff gebraucht.
    Wenn in Bendorf darauf hingewiesen wurde, daß die säkulare Welt so säkular garnicht ist, sondern (aus der Sicht des Islam) zutiefst christlich vorgeprägt und determiniert, so hängt das in der Tat mit den christlichen Ursprüngen des modernen, aufgeklärten, bürgerlichen Subjekts zusammen (Konstitutierung des Subjekts auf der Grundlage der technischen Säkularisierung der Opfertheologie im Kapitalismus: das Geld verdinglicht und verbirgt die realen Schuldbeziehungen – die Beziehungen von Gnade und Macht -, Grundlage der Definition des Realitätsprinzips).
    Der Islam kennt nur das eine Opfer zur Erinnerung an das Opfer Abrahams, die Abgeltung des Menschenopfers. Dieses Opfer ist ein reines Erinnerungsopfer, kein Entsühnungs- oder Versöhnungsopfer. Es scheint, daß der Islam das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ auf seine Weise (die abweicht von der jüdischen Tradition) ernst nimmt, während das Christentum durch seine Opfertheologie, durch das verdinglichte Konstrukt des Sühneleidens (Modell des kapitalistischen Wertgesetzes), hinter das Prophetenwort zurückfällt.
    Es scheint, daß die letzte Bastion, die fallen muß, angezeigt wird durch das „er ging hinaus und weinte bitterlich“: Aufhebung des Zwangs, daß Männer nicht weinen, des patriarchalischen Elements in der christlichen Tradition, Grund der sexistischen Praxis und Theorie. Diese Tradition ist allerdings wohl allen drei Buchreligionen gemeinsam (jedoch in keiner mit so fürchterlichen Auswirkungen wie im Christentum).
    In ihrer unreflektiert positiven Bedeutung verletzen die Dogmen das Bilderverbot.
    Kann man die Bitten des Herrengebets in Beziehung setzen zum Dekalog? Das „adveniat regnum tuum“ würde dann dem Sabbat-Gebot, und das „fiat voluntas tua …“ dem Gebot, die Eltern zu ehren („auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden“), entsprechen.
    Ex 201-21/Mt 69-13:
    Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
    Pater noster:
    Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
    Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten und im Wasser unter der Erde.
    Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.
    Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.
    Qui es in caelis:
    Du sollst den Namen deines Gottes nicht mißbrauchen; denn der Herr läßt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht.
    Sanctificetur nomen tuum:
    Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!
    Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.
    An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und dein Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.
    Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde und Meer gemacht und alles, was dazu gehört; am siebten Tage ruhte er.
    Darum hat den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.
    Fiat voluntas tua:
    Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.
    Sicut in caelo et in terra:
    Du sollst nicht morden.
    Panem nostrum cottidianum da nobis hodie:
    Du sollst nicht die Ehe brechen.
    Et dimitte nobis debita nostra:
    Du sollst nicht stehlen.
    Sicut et nos dimittimus debitoribus nostris:
    Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
    Et ne nos inducas in tentationem:
    Du sollst nicht nach dem Haus Deines Nächsten verlangen.
    Sed libera nos a malo:
    Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört.

  • 31.01.91

    Gilt der von Walter Burkert nachgewiesene Zusammenhang von Ritual und Mythos (Wilder Ursrprung, S. 60ff) auch für die Aufklärung und ihren Rückfall in den Mythos? Trägt die neue Barbarei Züge des blutigen Rituals? War die christliche Opfertheologie Produkt einer mißlungenen Kritik der „heidnischen“? Und ist die Kritik dieser christlichen Opfertheologie die notwendige Grundlage der christlichen Selbstbekehrung, der bis heute mißlungenen Umkehr? Ist der Kapitalismus das säkularisierte mythische Ritual (die freie Marktwirtschaft, der Liberalismus, der Mythos zum Ritual der Ausbeutung, der säkularisierten Gestalt des Opfers)?
    Ein Mythos, ein Glaube, begründet und begleitet ein Ritual; im Bekenntnis wird der Glaube selbst zum Ritual (Opfer der Vernunft, das reale Opfer nach sich zieht und zugleich verdrängt: unversöhnt exkulpiert). Zusammenhang von Geld (Münzen) und Opfer: der im Opfer vergöttlichte Heros wird auf der Münze verewigt („gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – Münze und Idol, „Götzenbild“, Ursprung der Geldwirtschaft – antike jüdische Münzen? – Begründung des Bilderverbots?).
    Das Opfer begründet die Weltordnung (Gewalt, Schuld, Versöhnung; Ambivalenz des Opfers: Entsühnung und Rechtfertigung der Gewalt).
    Die Maske verbirgt das Gesicht: leugnet das Antlitz und verwandelt jeden Blick in eine Sicht von hinten (vgl. die Funktion des Personbegriffs in der christlichen Theologie). Porträt als Maske?
    „Der Schrecken der Maske soll den Schrecken des Totenreichs, des Dämonensturms bannen.“ (Reinhold Schneider: Winter in Wien, S. 171: „… Die Toten sind böse. Alles ist böse, das nicht die Angst des Lebens teilt. Aber auch die Toten haben Angst. …“)
    „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“; gehört dazu nicht der andere Satz: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“. D.h. der erste Satz ist kein Kompromiß, sondern von äußerster Radikalität.
    Das industrielle Endprodukt heute: Vernichtungspotential und Abfall (Müll). Alles andere, einschließlich des menschlichen Konsums, sind Zwischenstufen. Aber das Vernichtungspotential und der Abfall sind menschliches Vernichtungspotential und menschlicher Abfall. Das Ganze hat sich seit langem angekündigt in der naturwissenschaftlichen Aufklärung (dem sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbild, in dem der Mensch – außer als abstraktes Prinzip der Herrschaft, das durch die Formen der Anschauung dieses Weltbild zusammenhält – nicht mehr vorkommt, und in der davon nicht zu trennenden Kritik des Anthropozentrismus; diese Kritik des Anthropozentrismus dient dabei als Rechtfertigung des allem zugrundeliegenden menschlichen Herrendenkens; und ihre eigentliche Funktion ist die Unterdrückung der wahnsinnigen Idee, daß es vielleicht doch eine Beziehung geben könnte zwischen dem Glück und dem Grund der Dinge: daß es etwas geben könnte, was der Idee des seligen Lebens objektiv entspricht).
    Die Idee des seligen Lebens widerspricht jedem autoritären Religionsbegriff, macht die Vorstellung von einer jenseitigen Belohnung für hiesiges Wohlverhalten zu einer contradictio in adjecto, schließt a limine das Opfer der Vernunft aus.

  • 29.01.91

    Der „heilige Krieg“ war an Regeln und Bedingungen geknüpft, die einen Rest an Humanität sicherstellten. Das Schlimme im Golfkrieg ist – wenn denn die Informationen stimmen und nicht selber Mittel der Kriegsführung sind – daß Saddam Hussein offensichtlich jedes Mittel recht ist (er jedenfalls mit jedem Mittel droht); er hat von den Christen gelernt.
    Reicht es, wenn man gegen den Krieg ist und darauf verweist, daß nicht alle Möglichkeiten eines Embargos und der Blockade und dann der Verhandlungen genutzt worden sind: Gibt es nicht heute angesichts der technischen Sensibilität der Wirtschafts- und Staatsorgane andere Eingriffsmöglichkeiten – ohne Rückgriff auf die Mittel des Krieges -, die das Gleiche, wenn nicht Empfindlicheres bewirken – allerdings auch für die Bevölkerungen, die in jedem Falle Geiseln der Regierenden sind? Wurde die Wirksamkeit dieser Mittel nicht gerade erst bewiesen (im „Erfolg“ des Wirtschaftskriegs gegen den Ostblock)?
    Wenn nicht schlimmer, so doch vielleicht in anderer Hinsicht folgenreicher als der heiße Krieg scheinen die Mittel zu sein, mit denen er geführt wird (oder auch geführt werden könnte, stünde dem nicht die unvermeidliche Dummheit der Militärs im Wege):
    – „geführt wird“: hier ist auf die perfekte Instrumentalisierung der Information hinzuweisen, die erst aufgrund der modernen Medien (insbesondere des Fernsehens) möglich ist, und die nicht nur den Feind, sondern auch die eigene Bevölkerung (in dem sie ohnehin einen potentiellen Parteigänger des Feindes erkennt) in die Irre führt;
    – „geführt werden könnte“: hier wäre auf die technischen Möglichkeiten des Embargos und der Blockade angesichts der hochsensiblen wirtschaftlichen und politischen Machtapparate hinzuweisen (insbesondere die Zufuhr von Rohstoffen und technischem Know how sowie die technische Unterbindung der Informationswege).
    Für/gegen Schmied-Kowarzik:
    – Verharmlosung der Naturbeherrschung vermeiden („… so kann dies für Marx niemals … bedeuten“ – S. 114);
    – Auflösung des Herrendenkens durch Erinnerungsarbeit: Herrendenken und seine materiellen Metastasen (erste und zweite Natur) sind Produzenten, Erben und Tradenten der Last der unaufgelösten Vergangenheit; Absicherung der Verdrängung der Erinnerungsarbeit durch Historismus und Kolonialismus, die im Verdrängungsprozeß wider Willen das Material für die Erinnerungsarbeit bereitstellen (wie im Kern dieses Prozesses auch die Naturwissenschaften). Das Adornosche „Eingedenken der Natur im Subjekt“ ist ein Teil des Eingedenkens der Vergangenheit im Subjekt: nichts ist wirklich vergangen. Natur (und ihre Metastasen) als Alibi fürs Herrendenken, Exkulpierung durch den Naturbegriff: Hier hilft nur Gottesfurcht (seitdem der Himmel keinen Platz mehr hat). (Vgl. Reinhold Schneiders Bild einer gottlosen Gottesfurcht: der Hund am Fuße des Kreuzes.)
    – Hinweis auf Habermas, der der Benjamin-, Horkheimer- und Adornoschen sanften Hoffnung auf eine Änderung auch der Natur in einer befreiten Gesellschaft (erstmals, wenn ich recht sehe, in Erkenntnis und Interesse) offen widersprochen hat: sie sei nicht zu halten. Interessant wäre zu untersuchen wie weit die Folgen dieser These in das Konzept seiner Theorie des kommunikativen Handelns hineinreichen und sie um den von H. erwarteten Erfolg betrügen. (Vgl. auch die Bemerkung von Hauke Brunkhorst zur DdA!) Bei H. wird aus der Gottesfurcht die Angst vor der Theologie.
    Der „Gihad“, der heilige Krieg: hervorgegangen aus den nomadischen „Razzien“, Vorform der Ausbeutung, die dann im Kapitalismus institutionalisiert (und moralisiert) wird? Bedeutung der Christianisierung? (Vgl. W. Montgomery Watt: Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter, Berlin 1988, S. 16)

  • 18.1.91

    Der Objektivationsprozeß vollzieht am Objekt die Taufe des Allgemeinen, überzieht die Dinge mit dem Begriffsnetz, hinter dem sie am Ende (wie der Terrorist in der Isolationshaft) verschwinden. Der Knoten in diesem Netz ist das Inertialsystem, dessen Hauptleistung die Identifizierung der Zukunft mit der Vergangenheit ist (unter Ausschluß des jede Gegenwart konstituierenden realen Zukunftsmoments); Keimzelle und Modell ist der mechanische Stoßprozeß (der Widerstand der Außenwelt): er definiert die Äquivalenzbeziehungen, die das innere Formgesetz, gleichsam den Schlüssel bilden für jede mathematische Naturerkenntnis und für alle physikalischen Begriffe, vorab Raum, Zeit und Materie; eingefangen in diesem Netz wird das entfremdete Objekt, das hier wie auch in den anderen, vergleichbaren Objektivationsprozessen als „Masse“ erscheint (Objekt, Masse und Materie bezeichnen den gleichen Sachverhalt unter den getrennten, aber zusammengehörenden Aspekten des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs).
    Die „Tatsache“ und ihre „Feststellung“ sind Produkt der Objektivation, der Vergegenständlichung durch Abstraktion: durch den Vollzug der Weihe des Allgemeinen, der Subsumtion unter die Vergangenheit, Konstituierung des Wissens (der transzendentallogischen Strukturen und Gesetze des Wissens).
    Dem Islam ist es wegen der Identität von Gott- und Machtgläubigkeit nicht gelungen, den Stoßprozeß, das Grundmodell der Mechanik, zu objektivieren. Wenn Heideggers Fundamentalontologie diesen Objektivationsprozeß und sein Ergebnis nur diskriminiert anstatt ihn kritisch zu begreifen, fällt sie zurück ins islamische Erbe der europäischen Tradition; wie der Islam Weltreligion ist (die in der Welt untergeht, die Objektivation der Welt – durch das der europäischen Staatsidee zugrunde liegende säkularisierte Gewaltmonopol des Staates – nicht mitgemacht hat; Konsequenz aus der Vorstellung, daß Gott „die Welt“ erschaffen hat, vor Gott aber nur der „Islam“, die Ergebung erlaubt ist; Erkenntniskritik, d.h. die gesellschaftlich-historische Ableitung des Weltbegriffs, und die Emanzipation durch Aufklärung, die in der Konsequenz des mechanischen Erkenntnismodells liegen, sind damit blockiert), so ist die Fundamentalontologie Weltphilosophie (Philosophie mit der Welt als Subjekt, Konsequenz aus dem modernen Naturbegriff, der damit ebenfalls der Reflexion entzogen wird). Die Unfähigkeit zur Erkenntniskritik schlägt als Verdummung nach innen.
    Der Staat, nicht Gott, hat die Welt erschaffen. Die Differenz zwischen den Buchreligionen läßt sich aus den unterschiedlichen Staatsideen (den historisch begründeten unterschiedlichen Stellungen des Bewußtseins zum Staat) ableiten.
    Subjekt und Objekt, Staat und Welt, Gesellschaft und Natur sind aufeinander bezogene und miteinander verknüpfte Reflexionsbegriffe. Sie bedingen (konstituieren) sich wechselseitig. (Subjekt und Person nicht gleichbedeutend; Subjekt hieß einmal das Objekt: der Bezugspunkt des Prädikats im Urteil.)
    Jede Religion enthält eine kosmologische Komponente (einen kosmologischen Hintergrund, der in ihre Definition und Struktur mit eingeht), steht in einer Beziehung zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, in die die Geschichte des Weltbegriffs verflochten ist. Der Verzicht darauf, die Reflexion dieser Beziehung ins Selbstverständnis der Religion mit hereinzunehmen, ist der Grund der religiösen Barbarei. Theologie im Angesicht Gottes betreiben schließt eine Beziehung zur Welt mit ein, die im Christentum unter der Idee des heiligen Geistes zusammengefaßt wurde und mit der schärfsten Sanktionsdrohung belegt wurde. Diese Sanktionsdrohung ist heute – in Kenntnis der Dialektik der Aufklärung – erstmals rational begründbar geworden. Zugespitzt könnte man sagen, daß das Christentum durch diese Lehre vom Heiligen Geist von den anderen Religionen, auch von den anderen Buchreligionen, sich unterscheidet. Die Differenz läßt sich anhand der Weltbeziehung dieser Religionen (vorweltlich, weltlich, weltkritisch) entfalten.
    Der mechanische Stoß, die wechselseitige Übertragung der Impulse beim Stoß (die Ansteckung durch die Außenwelt, in die das Subjekt mit hereingezogen wird), ist das Abbild, die analoge Nachbildung des Kaufakts und Modell der Vorstellung vom gerechten Preis. Diese hat die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip – logischer Quellpunkt des Kapitalismus und Äquivalent des Inertialsystems – zur Voraussetzung. Die Äquivalenzbeziehung zwischen Arbeit und Warenwert, auf die die Vorstellung vom gerechten Lohn sich bezieht, ist das Modell für die Objektivation der Beziehung von Inertialsystem und Gravitationsgesetz, der Identität von träger und schwerer Masse (das Inertialsystem konnte erst durch Ausgrenzung und Subsumtion der Schwerkraft sich konstituieren: Zusammenhang mit der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers, der Ausbildung der modernen theologischen Gnadenlehre).

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