Naturwissenschaft

  • 08.06.87

    Hans Jonas‘ Frage nach der Subjektivität im Sein (Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt 1984, S. 136), in der Natur, wird möglicherweise einer (konkreteren) Antwort nähergebracht, wenn man versucht, der Objektivität der Elemente sinnlicher Erfahrung und Wahrnehmung (Licht, Farbe, Klang, Wärme, Geruch u.ä.) auf die Spur zu kommen. Das Lebendige scheint ohnehin – real und nicht nur metaphorisch – in einer besonderen Beziehung zum Licht zu stehen. Unter diesem Aspekt wären vielleicht doch einmal Spekulationen der alten Lichtmetaphysik auf Hinweise zu prüfen, die weiterhelfen könnten. – Wäre es denkbar, daß diese Spekulationen Hilfe in den modernen Naturwissenschaften selber finden können: in dem rätselhaften Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, das selber auf diesem Wege vielleicht etwas durchsichtiger werden könnte? Außerdem wäre der Frage nachzugehen, welche logische Struktur diesem Objektbereich zugrundeliegt: Das Subjekt der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (das auf der Objektseite dieses Erkenntnisprozesses niemals anzutreffen ist) ist selber schon Produkt jener Urteilsstruktur, die naturwissenschaftliches Erkennen konstituiert und vermittelt und beide – Subjekt und Objekt – in ihrem Bann hält: deshalb sind beide „bloße Erscheinung“ und keine „Dinge an sich“.

    (Plastik und Fernsehen: der Bruch zwischen dinglicher und scheinhafter – räumlicher und zeitlicher – Rekonstruktion der sinnlichen Qualitäten.)

    Schließlich wäre Hans Jonas auch dahingehend zu ergänzen, daß seine nur methodische Interpretation (und Kritik) des naturwissenschaftlichen Verfahrens durch eine historisch-gesellschaftliche zu ergänzen und zu konkretisieren wäre: was hier verdrängt und wovon abstrahiert wird, ist nämlich auch etwas im erkennenden Subjekt selber: daß Naturerkenntnis unlösbar mit der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung, mit der Unterdrückung der Natur draußen und im Subjekt zugleich, verflochten ist.

    Mathematisch-naturwissenschaftliche Erkenntnis ist kontemplative Erkenntnis: Das Experiment greift nicht ein, es ändert nicht; es stellt nur die Bedingungen her fürs reine Zusehen. Das Objekt ist nur Objekt und es ist zugleich Objekt für alle Subjekte; das Subjekt mischt sich in die Dinge nicht ein, außer – wie der Herr – durchs Zusehen.

    Kontemplation, bloßes Zusehen, ist aber in einer Welt, in der die Dinge außer Kontrolle geraten, nicht mehr indifferent, sondern Ursprung von Schuld; dort, wo es – wie in der Transzendentalphilosophie – systemerzeugend wirkt, Kristallisationskern des Schuldzusammenhangs.

    Wie muß heute die Sprache beschaffen sein, wenn der Satz stimmt: „Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, brauchte sie keine Waffen.“ (Karl Kraus: Die Sprache, Frankfurt 1987, S. 225) Wird in der Postmoderne (Christa und Peter Bürger (Hrsg.): Postmodern: Alltag, Allegorie und Avantgarde, Frankfurt 1987) nicht bereits die Sprache insgesamt zur Phrase? Aber ist das überhaupt möglich, bleibt sie dann noch Sprache? Oder ist das etwa die letzte Konsequenz aus der Ontologie, dem „Seinsdenken“ (ist das Seinsdenken nicht die zur Philosophie gewordenen Phrase)?

  • 23.08.87

    Gewitter, gestern den „Historikerstreit“ gelesen: – Jede Seite agiert/reagiert aus ihrem Ghetto; moralische Empörung und Selbstmitleid in trüber Wechselwirkung; jeder erfährt nur noch das Un-/Mißverständnis des andern; auf der Historikerseite unverkennbar Reaktionen, die an Angeklagte in Nazi-Prozessen erinnern (oder an das auch an anderen schon wahrgenommene „pathologiche gute Gewissen“): ein Gewitter mit Blitz und Donner, aber kein reinigendes.

    – Ghetto-Mentalität: jeder reflektiert nur noch auf die Zustimmung seiner Anhänger, derer, die ohnehin der gleichen Meinung sind; Verständigung scheint ausgeschlossen, wird sie überhaupt angestrebt? – Zusammenhang mit der Struktur von Erkenntnis und Wissen? Starre Scheidung von Subjekt und Objekt; Unfähigkeit, den Gegenstandsbereich mit Reflexion zu durchdringen; Angleichung an Naturwissenschaft, in deren Objektbereich das Subjekt nicht vorkommt; Modell: Herrschaftsdenken, das Empathie, die Identifikation mit dem Beherrschten ausschließt, den Objektbereich insgesamt der Erfahrung entfremdet (Zusammenhang mit der Brutalisierung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert: das Objekt der Folter, der Gefangene im KZ und im Knast, der Feind, wird nicht als mit dem Subjekt vergleichbar oder durch Reflexion erreichbar erfahren).

    – Setzt Kritik der Erkenntnis nicht immer noch – wie bei Kant – Kritik der Naturwissenschaft voraus: Welche Folgen hatte es, als Habermas die Idee einer Versöhnung mit der Natur als mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht mehr vereinbar verwarf? Ist das „parvus error in principio magnus est in fine“ heute nicht auf die Physik – das Paradigma der Wissenschaft – in erster Linie zu beziehen? Ist das vielleicht schon seit Einstein nicht nur möglich, sondern gefordert, aber bis heute nur noch nicht gesehen?

  • 20.09.87

    Die Freudsche Psychoanalyse ist auf andere Weise, als ihr selbst bewußt war, an den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gebunden: Das Problem, als dessen Lösung die Psychoanalyse sich begreift, ist kein unhistorisches und die Lösung ist nicht für alle Zeit gültig, sondern beide, Problem und Lösung, sind an einen bestimmten Stand der Aufklärung, genauer: der Stellung des Bewußtseins zur Objektivität, gebunden; und dieser Stand der Stellung des Bewußtseins zur Objektivität wird substantiell und entscheidend durch den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (durch den Stand der historischen Auseinandersetzung mit der Natur, von der die Naturwissenschaften ein Teil sind) bestimmt und geprägt. Nachzugehen wäre der Vermutung, daß die Psychoanalyse in ähnlicher Weise als eine Grenzbestimmung der Naturwissenschaften sich begreifen läßt wie etwa die spezielle Relativitätstheorie. Das hätte freilich Konsequenzen, die weit über eine Ortsbestimmung der Psychoanalyse hinausgehen.

    Die Physik spaltet die Welt auf in das Produkt theoretischer Konstruktion (= Material und Instrument technischer Naturbeherrschung) und in das Chaos des Gegebenen, das Reich der Qualitäten und Empfindungen, das aus sich selbst nicht mehr verständlich, somit irrational ist. Psychoanalyse und spezielle Relativitätstheorie sind an den Grenzen dieses abgespaltenen Reichs angesiedelt.

  • 03.01.88

    Umschlag von Quantität in Qualität: Ist das eigentlich die gleiche Qualität, die am Anfang unterdrückt, verdrängt wurde? Wie verhalten sich die beiden Unmittelbarkeiten? Ist die neue Qualität „besser“?

    Ist Erinnerung die Schwerkraft des Geistes? Gibt es auch für die Erinnerung ein Gravitationszentrum, ein System von Schwerezentren? (Grundlage einer parakletischen Geschichtsphilosophie)

    Zusammenhang von Aufklärung, Licht und räumlicher Vorstellung: Entdeckung der räumlichen Perspektive und des Inertialsystems. Darin gründet sowohl der Erfolg als auch das Scheitern des Idealismus (Hegels Logik, insbesondere der Begriff der Reflexion, gewinnt ihr Zwingendes aus räumlichen, nicht aus sprachlichen Zusammenhängen; anders wäre sie nicht idealistisch, sondern theologisch gewesen).

  • 10.06.88

    Die Subsumtion der Arbeit unter das Tauschprinzip begründet nicht allein den Kapitalismus, sondern mit ihm den Schuldzusammenhang als abgeschlossenes System, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Projektion dieses Schuldzusammenhangs in eine vor aller Erfahrung gegebene und allem Handeln zugrundeliegende Objektivität (Natur) ist die moderne Naturwissenschaft.

  • 14.06.88

    Folter und paranoide Systeme gehören zusammen; der Gebrauch von Folter ist bereits der Beweis für die zugrundeliegende paranoide Verfassung des Bewußtseins ihrer Anwender. Umgekehrt: Aussagen, die durch Folter (und dazu gehört auch die Isolationshaft) erzwungen werden, bestätigen immer nur die paranoiden Vorstellungen und Erwartungen der Folterer und ihrer Vorgesetzten (es scheint übrigens Folter immer nur im Kontext hierarchisch organisierter Gruppen/Instanzen zu geben: Ein nicht zu vermeidender Konstruktionsfehler? Zusammenhang von Verwaltung und Paranoia?.

    Das gilt sowohl politisch wie in der Wissenschaft: für jegliche Art von Inquisition wie fürs Experiment (Arbeitshypothese: Physik als paranoides System; Zusammenhang von Inquisition, Ketzer-/Hexenverfolgung und Ursprung der modernen Naturwissenschaften).

  • 9.5.1997

    Theologie hinter dem Rücken Gottes: Die Kirche hat seit je die Logik des Hörens mit der des Sehens verwechselt: die Sprache mit dem Raum, das Ewige mit dem Überzeitlichen, den Namen mit dem Begriff. Die Orthodoxie (der in der Philosophie die Idee des Absoluten ent­spricht) ist ein Produkt der Apologetik, des Rechtfertigungszwangs.

    Nietzsches Idee der ewigen Wiederkehr ist ein im Absoluten gespiegeltes, entstelltes Deck­bild des Namens.

    Der Markt und die Wahlen sind Säkularisate des Weltgerichts.

    In den Kosmogonien reflektiert sich die Ursprungsgeschichte des Staates. Deshalb ist das Pantheon auf die Astrologie (die Planetengötter) bezogen.

    Bild und Substanz: Die Vorstellung von einem gesellschaftlichen Reichtum, der ein Leben ohne Not für alle ermöglicht, hatte ihren Grund in der Form, in der der Reichtum der Anderen erfahren wird. Der Reichtum der Andern (der Reichtum von außen) unterscheidet sich logisch vom eigenen Reichtum (dem Reichtum von innen) dadurch, daß nur der Reichtum von außen als substantieller Reichtum imaginiert wird, als ein Reichtum, der die Vorstellung erzeugt, was man damit alles machen könnte. Die Innenerfahrung des Reichtums (die private wie auch die nationale) ist die des Zerrinnens, des Verzehrs, des Zerfalls.

    Wie hängt der apagogische Beweis mit dem Problem der Beweisumkehr (dem Schuldbeweis) zusammen? Welche Folgen hat das „in dubio pro reo“ für den Begriff des Wissens, für das heliozentrische System, für den Begriff der Geschichte?

    Das Relativitätsprinzip, mit dessen Hilfe das Inertialsystem sich konstituiert, verwischt und neutralisiert das Angesicht. Der gleichen Logik verdanken sich bereits das Geld und die Be­kenntnislogik, die Vorläufer des Inertialsystems. Das Inertialsystem zerstört die Reflexions­fähigkeit in der Wurzel.

    Genitiv und Dativ (oder das schwarzes Loch der Grammatik): Kann man sagen, daß die indo­europäische Grammatik, die mit der politischen Ökonomie sich entwickelt hat, mit dem Über­gang zum Inertialsystem die Sprache selber dekonstruiert, sie gleichsam zur Implosion bringt.

    Zur Ursprungsgeschichte des Christentums: Verhält sich nicht der Vater zu den Vätern wie Israel zu den Völkern (wie JHWH zu den Elohim: wie die Barmherzigkeit zum Gericht)? Und hat das Christentum nicht aus dem Vater im Himmel den Vatergott, einen Jupiter, gemacht?

    Probleme verlangen nach Lösungen, Fragen nach Antworten. Ist nicht Heideggers Begriff der Frage ein Hinweis darauf, daß heute die Zeit des Lösens ist?

    Kommt im Stern der Erlösung auch das Neutrum vor (richtet sich die Kritik des All nicht ei­gentlich gegen das Neutrum)?

    Hogefeld-Prozeß: Der Verurteilungswille war stärker als der Wille zur Wahrheitsfindung. Der Staatsschutz kann nicht mit offenen Fragen leben.

    Die Linke unterscheidet sich von den Rechten (auch von den Rechten in der Linken) u.a. da­durch, daß sie mit offenen Fragen (auch mit den offenen Fragen der Vergangenheit) leben kann. Die Linke hat nicht den Ehrgeiz, das Jüngste Gericht zu antizipieren, eher schon die Barmherzigkeit, von der es heißt, daß sie über das Gericht triumphiert.

  • 8.5.1997

    Das Angesicht ist die Utopie, die kein Endpunkt, sondern ein Anfang ist.

    Double bind: Produkt der Trennung von Angesicht und Sprache (hinter dem Rücken über je­manden/etwas sprechen). Problem der Maske, der persona.

    Die ekklesia unterscheidet sich von der synagoge durch den Anspruch auf Öffentlichkeit.

    Die Würde und die Bedeutung der Kritik der reinen Vernunft liegt u.a. darin, daß sie das Prin­zip der Objektivität, und damit den Grund der Einheit des Subjekts, ins Subjekt verlegt hat. Hier gründet der kantische Begriff der Autonomie.

    Der Begriff des Falschen hat als Norm den des Richtigen, nicht den der Wahrheit. Beide gründen im Richten, im Erkennen nur insoweit, wie es im Richten begründet ist: im Wissen.

    Orthodoxie: Das Dogma ist bloß richtig, nicht wahr.

    Das Richtige verhält sich zur Wahrheit wie das Reich der Erscheinungen zum Angesicht.

    Es gibt zwei Arten, Probleme durch die Art, wie man auf sie reagiert, unlösbar zu machen: das verdinglichende Mitleid des Zuschauers und der Ärger, die spontane Abwehr durch Schuldverschiebung.

    Die Idee der unendlichen Ausdehnung des Raumes verwischt und neutralisiert die Unter­scheidung von Herrn und Beherrschten. Sie ist Grundlage und Teil der Hegel’schen Dialektik von Herr und Knecht.

    Gloria Patri: Als Genitiv würde der Ausdruck die Ehre bezeichnen, die der Vater hat, als Dativ bezeichnet er die Ehre, die wir ihm geben.

    Trotz mit dem Dativ bezeichnet meinen Trotz gegen etwas, Trotz mit dem Genitiv den Wider­stand der Sache.

    Ist die Vertauschung von Genitiv und Dativ in den Medien nicht die sprachlogische Konse­quenz aus der Trennung von Information und Meinung (aus dem Objektivierungszwang)? Und liegt hier nicht das Problem, an dem Habermas, nachdem er einmal gegen die Reflexion von Natur sich vorentschieden hat, vergeblich sich abquält? Hat deshalb die Linguistik (und die darin gründende Wissenschaftstheorie) für Habermas eine so zentrale Bedeutung gewon­nen? Gründet Sprache in der Fähigkeit zur Reflexion der Natur („Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“)?

    Die homousia begründet einen Begriff des Wesens, der seitdem von dem des Scheins nicht zu trennen ist. Hegels Logik hat diesen Zusammenhang erstmals reflektiert.

    Zu homousia: Es gibt beide Sätze:

    – Ich und der Vater sind eins (Joh 1030) und

    – über den Tag und die Stunde weiß niemand etwas, weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern allein der Vater (Mk 1332).

    Sind die „Werte“ die Blätter des Feigenbaums? In dem heute um sich greifenden Markenfeti­schismus wir die Einheit des Wertbegriffs und der Bekenntnislogik offenkundig.

    Ist Erev rav mit der Rotte Korah untergegangen?

    Buch Daniel: Haben Feuerofen und Löwengrube etwas mit Ägypten und Babylon zu tun?

    Der Begriff der Ökumene gleicht der Konstruktion der Europäischen Union darin, daß beide allein auf der Verwaltungsebene sich bewegen.

    Der Satz „Die Verurteilung löst den Schrecken nicht auf“ gilt nicht nur für den Nationalsozia­lismus, sondern für die gesamte Geschichte der Aufklärung als Teil des historischen Objekti­vationsprozesses: für den bis heute unreflektierten herrschaftsgeschichtlichen Zusammen­hang der Aufklärung.

  • 7.5.1997

    Mit dem Inertialsystem (der Verlagerung der Herrschaft in die Dingwelt) hat sich die Bedeu­tung des „es gibt“ so verändert, daß es theologisch nicht mehr brauchbar ist. Der Gott, den es gibt, ist das Tier aus dem Meer.

    Der historische Objektivierungsprozeß zerstört die Sprache von innen, indem er eine Sprachkonstruktion erzwingt und befördert, in der die Sprache nur noch von außen auf die Dinge sich bezieht. Er schneidet die Sprache an ihrer Wurzel ab: am Namen, und ersetzt die benennende Kraft durch die bekennende Gewalt. Realsymbol des Lebens der Sprache ist der göttliche Name.

    Das Subjekt des Objektivierungsprozesses ist das Tier.

    Die Utopie ist der Versuch der Säkularisation der Idee des Ewigen, des göttlichen Namens.

    Durch den Namen „Sohn Davids“ ist der Name des Messias aufs Politische bezogen.

    Der Raub der Sabinerinnen ist ein symbolischer Ausdruck der Gewalt, die Rom dann den Religionen der von ihm unterworfenen Völker angetan hat. Der Raub der Sabinerinnen endet im Pantheon.

    Die Beziehung der Erfahrung zum Wissen gründet in der Enttäuschung. Diese Konstellation hat ihren Grund in der Logik des apagogischen Beweises. Im Kontext dieser Logik sind Ur­teile falsch oder richtig; ihre Wahrheit bleibt davon unberührt. Hierauf bezieht sich die Vor­stellung der Kaballah, daß die sechs Richtungen des Raumes auf göttliche Namen versiegelt sind.

    Die Dimensionen des Raumes sind einerseits deckungsgleich und insoweit ununterscheid­bar, als jede das Abbild der anderen ist; sie sind zugleich qualitativ von einander unter­schieden.

    Hat der apagogische Beweis etwas mit den Wolken des Himmels zu tun, mit den ausgefran­sten Enden des Raumes?

    Was hat der Bogen in den Wolken mit der Astrologie und was haben beide mit dem Men­schensohn auf den Wolken des Himmels zu tun?

    Das Inertialsystem unterwirft die Dinge dem horror vacui. Bezieht sich hierauf nicht das pau­linische Wort, daß die ganze Kreatur seufzt und in Wehen liegt und auf die Freiheit der Kin­der Gottes wartet?

    Wie hängen die kopernikanische Wende und die Entdeckung des Blutkreislaufs mit der Ver­männlichung der Geburtshilfe und mit der Geschichte der Hexenverfolgung zusammen? Die moderne Medizin hat den menschlichen Körper in eine Maschine und die Geburt und die Ge­burtshilfe in einen technischen Vorgang verwandelt.

    Zu den reflektierenden Urteils Kants: Es gibt Urteile, die sind widerlegbar, ohne daß ihre Wahrheit davon berührt wird.

    Ist die Logik der Medien die Logik des double bind (und gründet die „Wahrheit“ der Informa­tion in der Geltungskraft des apagogischen Beweises)? Drückt in der Sprache der Information nicht etwas anderes sich aus als in ihrem Inhalt? Und ist das Genitiv-Dativ-Problem nicht der genaueste Ausdruck davon?

    Das göttliche Ding oder die Sprache der Blasphemie: Nach dem Etymologischen Wörterbuch (dtv) ist das Substantiv der Statthalter der Ontologie in der Grammatik und zugleich der histo­rische Grund der Großschreibung im Deutschen (der sogenannten „Hauptwörter“). Das ver­bum substantivum ist das Sein.

    Läßt nicht die Logik der Verurteilung an der Argumentation sich demonstrieren, die der Verur­teilung des Banns und dem Satz, David sei ein Mörder, zugrunde liegt (die davon abstra­hiert, daß diese Argumentation heute in der Logik sich bewährt, die der Neufassung des Asyl­rechts in der BRD zugrunde liegt)? Das Institut des Banns enthält die Erinnerung an die der Staatenbildung zugrunde liegende und im Staat sich reproduzierende Brutalität, deren Wur­zeln bis in den Gottesnamen zurückreichen.

    Ist die „altorientalische Geschichte“ nicht das Produkt einer Sprachlogik, deren Konstruktion am Begriff des Substantivs sich entfalten läßt? Die Möglichkeit, daß die gleiche Sache in verschiedenen Traditionen unter verschiedenen Namen tradiert wird, wird nicht erkannt. Statt dessen werden verschiedenen Namen substantivisch verschiedene Objekte zugeordnet, die die wirkliche Geschichte aufsprengt, verwüstet, und die Erinnerung neutralisiert.

  • 6.5.1997

    Der Übergang von den subjektiven Formen der Anschauung zum Inertialsystem entspricht dem Akt der Verurteilung, in dem die Natur der Naturwissenschaften sich konstituiert, er entspricht zugleich dem Prozeß, über den der Faschismus sich reproduziert, in dem er aus einer bloßen „Weltanschauung“ zu einem Strukturelement der Realität und damit unkenntlich wird.

    Gen-Forschung: Wenn der Begriff der Rasse heute aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist, dann nicht, ohne durch Metastasenbildung auf neue Weise in der Realität selber sich auszubreiten. Vgl. auch die Metaphern, die heute an den Stellen erscheinen, an denen früher einmal der Name des Geistes seine Sprachheimat hatte.

    Im Übergang des Faschismus von der Seite des Begriffs auf die des Objekts drückt ein sehr tiefreichender Sachverhalt sich aus: Er ist nicht mehr als isolierte Erscheinung dingfest zu machen und verliert (mit Unterstützung der politischen Öffentlichkeitsarbeit) seinen Namen.

    Theologie heute: Natur, den Inbegriff des Stummen, Namenlosen, zum Sprechen bringen. Verurteilung (insbesondere die des Faschismus) ist die Verführung zur Stummheit. Deshalb sind Tiere stumm. An dieser sprachlogischen Stelle hat der Begriff der Kollektivscham einen sehr präzisen politischen Auftrag.

    Zur Urgeschichte der transzendentalen Logik: In der Astrologie drückt erstmals die herr­schaftsgeschichtliche und sprachlogische Konstellation der Objektbildung, der Urteilsform, der subjektiven Formen der Anschauung und des Objektbegriffs, sich aus.

    Ursprungsgeschichte des Substantivs (vgl. auch Etymologisches Wörterbuch, dtv, S. 1391f): Mit dem Ursprung des Neutrum wurden Nominativ und Akkusativ, in der Konsequenz des Übergangs von den subjektiven Formen der Anschauung zum Inertialsystem, die in der Sprache der Medien sich manifestiert, wird die sprachlogische Funktion und Bedeutung von Dativ und Genitiv vertauscht. – Haben die Schlange (der Drache), das Tier aus dem Meer und das Tier vom Lande etwas mit diesen sprachlogischen Veränderungen zu tun?

    Es ist die zweite Vertauschung (die von Dativ und Genitiv), in der die transzendentale Logik ins Vorurteil abstürzt, hier liegt die Wurzel der Logik, die die Geschichte der Naturwissen­schaften mit der Hexenverfolgung und mit Auschwitz verbindet.

    Negative Engellehre: Mit der Vertauschung von Dativ und Genitiv, die (wie die Elektrodyna­mik und in ihrer Konsequenz die Mikrophysik in der Physik) das Kausalitätsprinzip affiziert, verwandeln sich die Medien in unschuldige Boten, die nur informieren, die fähig und ver­pflichtet sind, Information und Meinung zu trennen und wertfrei über Ereignisse in der Welt zu berichten, die deshalb alles meiden, was sie zum Eingreifen nötigen könnte.

    Die Angleichung von Akkusativ und Nominativ im Neutrum (die das Neutrum begründet und die Sprachlogik insgesamt verändert hat) war ein Mittel der Konstituierung des Objekts, der sprachlogischen Begründung von Herrschaft; die Verwechslung von Genitiv und Dativ ist Ausdruck der Verwirrung der herrschaftslogischen Strukturen der Sprache, der Verlagerung der Herrschaft in die Dingwelt, das Tor der moralischen Enthemmung der Sprache.

  • 5.5.1997

    Zur Kritik des Begriffs der Geschichte gehört die Kritik der Vorstellung des Zeitkontinuums, die der Objektivierung der Geschichte zugrunde liegt. Geschichte, wie sie bis heute verstan­den wird, ist das Produkt einer Neutralisierung der Vergangenheit, die verhindert, daß die Gegenwart in ihr sich wiedererkennt. – Enthält nicht Benjamins Hinweis auf die paradoxe Be­ziehung des jüngst Vergangenen zur Gegenwart (nichts ist so veraltet wie die jüngst vergan­gene Mode) einen Fingerzeig?

    Welche Länder werden mit dem bestimmten männlichen Artikel genannt, wie der Irak, der Iran, der Libanon, der Sudan, der Senegal, der Kongo? Was bedeutet und welche Funktion hat hier der bestimmte Artikel? Hat er mit der Substantivierung des Nomen, mit dem Über­gang vom Nomen zum Substantiv, zu tun? Wodurch unterscheidet sich das Substantiv vom Nomen? Macht der Artikel das mit Namen benannte Subjekt zum Objekt, sind die subjektiven Formen der Anschauung Produkte der logischen Entfaltung des bestimmten Artikels?

    Zwei Erklärungsmöglichkeiten:

    – aus der islamischen Vergangenheit (Beziehung des bestimmten Artikels zum Gottes­namen?),

    – aus der kolonialistischen Vergangenheit?

    In beiden Fällen Objektstatus der Länder, die (sei es aus religiösen, sei es aus Gründen der kolonialen Abhängigkeit) keinen Subjektstatus, keine nationale Souveränität im Sinne des modernen Nationbegriffs hatten?

    Drei Arten der Bildung des bestimmten Artikels:

    – the, der, to: die deiktische Funktion des bestimmten Artikels,

    – ha (hebräisch), hä/ho (griechisch): das Auslachen,

    – el/il (spanisch, italienisch), al (arabisch): Zusammenhang mit dem semitischen Got­tesnamen (El, Elohim, Allah)?

    Elohim ist der Name des Gerichts und der Schöpfung; JHWH Elohim der des Sündenfalls und des Fluchs.

    Rosenzweig: „Ja, das Ihr ist grauenhaft. Es ist das Gericht.“ (Stern, Ausg. Suhrkamp, S. 264) Hängt das euch (2. Pers. Plural) mit dem Wort ewig zusammen (vgl. dtv – Etymologisches Wörterbuch, S. 304/308)?

    Ist nicht die Vorstellung des Zeitkontinuums der Fluch, der über der Erde schwebt?

    Bei Hegel liegt Hoffnung allein in dem Satz, daß die Natur den Begriff nicht halten kann.

    Hat nicht erst der Islam die Heiden erfunden, die „Ungläubigen“?

    Die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule in der Nacht: Hat das etwas mit dem Bogen in den Wolken und dem Menschensohn auf den Wolken des Himmels zu tun?

    Greuel am heiligen Ort: Wenn der Faschismus über seine Verurteilung sich reproduziert, wandert er dann nicht von der Seite des Begriffs auf die des Objekts, aus der Schuldzusam­menhang der Welt in die „unschuldige“ Natur? Diese Metamorphose ist genauer zu bestim­men. Wie hängt die „Unschuld“ der Natur (die in ihrem Gesetzesgehorsam gründet, in ihrem Gegensatz zur Freiheit) mit ihrer Begriffs- und Namenlosigkeit zusammen?

    Wenn die Heuchelei die Reverenz, die das Laster der Tugend erweist, ist, ist dann nicht die Bekenntnislogik die logisch durchorganisierte Heuchelei (die Ursprungsgestalt der subjekti­ven Formen der Anschauung)?

    War nicht der Bann über Spinoza eine verschärfte Fassung des Banns über Uriel da Costa, und hat darin nicht die Amsterdamer Synagoge sich selbst verurteilt?

    Die Vorstellung, daß Gutes nur von Gutem und Böses nur von Bösem kommt, ist rassistisch.

  • 4.5.1997

    Sind nicht die Selbstmorde von Masada über Worms, Uriel da Costa, Walter Benjamin bis Primo Levi prophetisch, bilden sie nicht den andern Suicid in sich ab, auf den die Menschheit zwangshaft sich zubewegt, auf den Selbstmord der Gattung, der alle zu unschuldigen Tätern und die Opfer zu Schuldigen macht?

    Der Antisemitismus ist nur noch irrational, aber er hat seine eigene Rationalität, und hierin liegt seine Verführungskraft: in der Hypertrophie des Gerichts. Es ist die Verführungskraft des kurzen Prozesses, in dem der Ankläger der Richter ist und eine Verteidigung nicht mehr zu­lässig ist. Die Rationalität dieses Verfahrens leitet aus der Wurzel der Gewalt sich her; es ist eine Rationalität, die an der Macht sich orientiert.

    Das Inertialsystem, das Geld und die Bekenntnislogik sind die logischen Zentren nicht eines Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, sondern des Macht-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Der Staat hat Herrschaft mit der Gewalt verkuppelt und damit eine Logik auf den Weg gebracht, die den Armen schuldig werden läßt.

    Läßt sich die Astrologie nicht aufschlüsseln anhand der logisch-praktischen Beziehung von Krieg und Handel und der Geschlechterbeziehungen im Patriarchat?

    Das Problem der Öffentlichkeit liegt darin, daß in ihrer gegenwärtigen Verfassung Öffentlich­keit und Schuldreflexion sich ausschließen. Deshalb braucht der Staat eine „Privat-„, nämlich eine Geheimsphäre, die die Staatstreue der Bürger fördert, indem sie die Wahrnehmung und Reflexion des staatlichen Handelns verhindert. Er wird hierbei von den „Medien“ ebenso wie von Wissenschaft und Justiz, den Institutionen der Öffentlichkeit, die zu Schuldreflexion-Ver­hinderungs-Instituten geworden sind, unterstützt; das wichtigste Instrument der Schuldrefle­xion-Verhinderung (der Verdrängung) ist das Instrument der Objektivierung: die Anschauung, das Bild (deshalb gewinnen BILD und Fernsehen für den Begriff der Öffentlichkeit immer deutlicher paradigmatische Züge).

    Gegen Habermas: Der Begriff der Öffentlichkeit ist nicht mehr empirisch, durch Abstraktion von den bestehenden Institutionen der Öffentlichkeit, zu gewinnen, sondern nur als Produkt einer Konstruktion, deren Elemente in der Reflexion und Kritik einer empirischen Öffentlich­keit, in der Information und Verdummung untrennbar sich verbinden, überhaupt erst sich kon­stituieren. Außer in den Spuren dieser Reflexion gibt es noch keine Öffentlichkeit, die diesen Namen verdient.

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