Naturwissenschaft

  • 15.6.96

    Als Hegel die Antinomien der reinen Vernunft aus der transzendentalen Ästhetik in die transzendentale Logik transformierte, hat er die Logik ästhetisiert. Die Spuren davon sind in der Hegelschen Logik nachzuweisen, insbesondere im Stellenwert und in der Funktion des Begriffs des Scheins, aber auch im Konzept der „List der Vernunft“ und nicht zuletzt in der Idee des Absoluten selber. So ist die Hegelsche Logik zur dialektischen Logik geworden.
    Sind nicht die von Daniel Goldhagen herausgearbeiteten Elemente des deutschen Vernichtungs-Antisemitismus in Strukturen aufzuweisen, die den Faschismus deshalb überlebt haben, weil er nie wirklich aufgearbeitet worden ist, insbesondere in der schrecklichen Neigung der Deutschen, sich ständig in den Augen der anderen (des „Auslands“) zu sehen? Dem entsprechen die öffentlichen Reaktionen auf Anschläge auf Ausländer, an denen ein deutscher Innenminister nur schlimm fand, daß sie „im Ausland“ einen so schlimmen Eindruck machen? (Wenn es das Ausland nicht gäbe, dann dürften wir’s?) Die Taten selbst und ihre entsetzlichen Folgen wurden nicht einmal wahrgenommen. Seitdem laufen alle Meldungen über Anschläge auf Wohnungen, in denen Ausländer wohnen, solange die Täter noch nicht ermittelt wurden, mit der stereotypen Erklärung, „ausländerfeindliche Motive“ seien nicht erkennbar.
    Nach 68 haben wir eine Form der Auseinandersetzung mit dem Faschismus gefunden, die es nicht mehr nötig hat, wirklich an die Wunde rühren. Auch das ist ein Resultat der „68er Bewegung“, die aus dem Bann der Logik ihrer Eltern nie herausgetreten ist.
    Hat die Grundthese Daniel Goldhagens nicht schon in den „Minima Moralia“ gestanden: in dem Hinweis auf das Gespräch im Eisenbahnabteil, das in seiner Konsequenz auf einen Mord hinausläuft? Diese Gespräche gibt es auch heute noch, nur daß niemand mehr die Sensibilität aufweist, die die Voraussetzung wäre, um die Konsequenzen dieser Gespräche noch wahrzunehmen.
    Was hat Jean Amery, Primo Levi, Paul Celan in den Selbstmord getrieben, wenn nicht die Erfahrung, daß die schrecklichen Erinnerungen am steinernen Herz der Gegenwart abgeprallt sind, die Öffentlichkeit nicht erreicht haben?
    Es gibt einige Lieblingsvokabeln der deutschen Medien, an denen man das demonstrieren kann. Dazu gehört das Adjektiv „selbsternannt“, auch der Hinweis von Autoren, die mit dem Faschismus sich befassen, daß es ihnen nicht darauf ankäme, „das Entsetzen zu konservieren“. Hier trifft sich die prinzipielle Gehorsamsbereitschaft gegenüber dem Bestehenden mit dem drohenden Hinweis, daß man auf die Gefühle derer, die den Schrecken und das Entsetzen nicht mehr loswerden (die sie „konservieren“), keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. So wurden die letzten, die sich noch erinnerten, unter Quarantäne gestellt, als wären sie Aussätzige.
    Haben die Emotionen, die das Stichwort „Rinderwahnsinn“ provoziert, die nicht unbegründet sind, nicht auch etwas mit diesem verdrängten antisemitischen Bodensatz zu tun?
    Die antisemitische Tradition wurde u.a. konserviert durch eine Tradition, die von den Flüchtlingswitzen nach dem Krieg bis hin zu den Türkenwitzen der 80er Jahre reicht, bevor diese Tradition dann in einer manifesten Ausländerfeindschaft explodierte. Es gibt in der Tat einen Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und einer Witz-Tradition, zu der auch die an Stammtischen wie in der Politik allgegenwärtigen sexistischen Zoten gehören, an denen die Mechanismen der Demütigung des Opfers und der Komplizenschaft der Lachenden sich demonstrieren lassen.
    Dazu gehört auch eine Logik, die in völliger Umkehrung der Grundsätze der Gastfreundschaft davon ausgeht, daß Fremde als „Gäste“ in Deutschland sich anzupassen haben.
    Wer an diese Dinge erinnert, wird prompt darauf hingewiesen, daß es diese Dinge doch nicht nur in Deutschland gibt, sondern auch in den USA, in Frankreich, in Polen und wer weiß, wo sonst noch. Als ob das eine Entschuldigung wäre.
    Sind nicht Vorurteile generell synthetische Urteile apriori, und ist nicht eines der ersten das antisemitische Vorurteil? Das kantische „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ ist zum logischen Repräsentanten des Kollektivs, des Nationalismus und seiner Derivate geworden.
    Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat Einstein die Lichtgeschwindigkeit und den ganzen Bereich der Erscheinungen, auf den sie sich bezieht, von der empirischen auf die systemische Ebene verschoben. Es war die besondere Leistung der „Kopenhagener Schule“, daß sie, indem sie Einstein für veraltet erklärte, diese Einsicht verdrängt hat. Das gilt vor allem für ihre deutsche Version, für die Gruppe um Heisenberg und Weizsäcker. So brauchten sie sich um die Irritationen der speziellen Relativitätstheorie nicht mehr zu kümmern, ersparten sich aber zugleich die Peinlichkeiten der „deutschen Physik“.
    Wird nicht heute das Konzept der Gewaltenteilung dadurch obsolet, daß die Gewalt, um deren Teilung es geht, aus der Politik in die Ökonomie gerutscht ist? Gesetzgebung, Verwaltung und Richten: Heute vereinigt sich das in der Gewalt, die im Tauschprinzip (im Wertgesetz, in der normativen Gewalt des Marktes) sich verkörpert.
    Ist nicht die Gewaltenteilung ein Säkularisat der Trinitätslehre und durch sie vorbereitet? Und hängen nicht beide auf eine unterirdische Weise mit der Dreidimensionalität des Raumes, mit den Verdrängungsprozessen, in denen dieses Konstrukt sich konstituiert, zusammen: mit der Abstraktion von den qualitativen Differenzen der räumlichen Dimensionen?

  • 14.6.96

    Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem Fall, dem Falschen und dem Fälschen, dem fallere und dem falsus? Das würde den Wittgensteinschen Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ zusammenbringen mit der Bemerkung Rosenzweigs über das „hintertückische, verandernde Wissen des Denkens“. Ist die Orthogonalität, die den Raum aufspannt, die Kraft der Scheidung, der Trennung, und gewinnt nicht mit der Orthogonalität das Trennende Gewalt über das Getrennte (die Vergangenheit Macht über die Zukunft: der Ankläger und das Inertialsystem)? Hat die Schlange (das klügste aller Tiere), die auch als das Symbol des Neutrums sich begreifen läßt, etwas mit der Macht der Orthogonalität zu tun? Die Unfähigkeit zur Reflexion des Urteils ist der Grund des Glaubens an die magische Kraft des Urteils. Immanenz: Das Richtige steht unter der Macht des Falschen; es verbleibt innerhalb seiner Logik. Der Gegensatz zum Wahren, dessen Begriff die Idee der Versöhnung mit einschließt, ist nicht das Falsche, sondern die Unbarmherzigkeit, das steinerne Herz. Bethseba: Was hat der Schwur mit der Orthogonalität zu tun (Stichwort: Selbstbindung)? Gründet hier, in dieser Beziehung zur Orthogonalität, der sprachliche Zusammenhang des Schwurs mit der Zahl Sieben im Hebräischen? Hängt der aufrechte Gang damit zusammen, daß die Primaten zusammen mit den Bäumen entstanden sind? Die Sünde wider den Heiligen Geist wird weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben: Was heißt in diesem Satz Vergebung? Bezieht sie sich nur auf den einzelnen Sünder, oder auch auf den Zustand der Welt insgesamt? Kann es sein, daß diese Sünde das Kommen der zukünftigen Welt verhindert, und daß auf das Subjekt diese Sünde der Satz von der Freude im Himmel über den einen Sünder, der sich bekehrt, sich bezieht (wie auch der letzte Satz des Jakobusbriefs)? Haben wir überhaupt schon begriffen, was Vergebung heißt? Die Sündenvergebung sollte nicht verwechselt werden mit der Befreiung von Schuldgefühlen. Sie ist ein Teil der Umkehr. Gründet nicht der katholische Mythos (die Religion der 99 Gerechten), aus dessen Bann auch die folgenden christlichen Denominationen sich nicht haben befreien können, darin, daß er den Himmel von der zukünftigen Welt getrennt, daß er ihn verräumlicht, die zeitliche Differenz zu „dieser Welt“ aus ihm entfernt, verdrängt hat? Der Himmel, der eigentlich die logische Gewalt des Inertialsystems zu sprengen vermöchte, ist (durch die kopernikanische Wende, durch die Unfähigkeit, das Überzeitliche vom Ewigen zu unterscheiden) zu einem Objekt des Inertialsystems geworden.

  • 10.6.96

    Im „Neuen Denken“ spricht Franz Rosenzweig vom „hintertückischen, verandernden Wissen des Denkens“ (Franz Rosenzweig, Die Schrift, hrsg. Karl Thieme, S. 193). Ist nicht die Bekenntnislogik ein Produkt der Anwendung der Logik des Wissens auf den Glauben? Nur fürs Wissen gilt, daß zwei einander widersprechende Sätze nebeneinander nicht bestehen können. Vgl. hierzu das Wort vom Beelzebub.
    Das Wort „Ihr sollt nicht schwören, eure Rede sei ja, ja, nein, nein“ richtet sich auch gegen die Logik des Wissens, die (in den zugrundeliegenden Formen der Anschauung) auf einen Schwur sich gründet, der das All (die Welt) als Zeugen anruft. Jeder Beweis gründet in einem Schwur (in einer Zeugenschaft).
    Sind die Emanationen der transzendentalen Ästhetik, neben den subjektiven Formen der Anschauung insbesondere das Geld und die Bekenntnislogik, die allesamt Instrumente der Instrumentalisierung sind, nicht apriorische, institutionalisierte Formen des falschen Zeugnisses?
    Das allen hierarchischen Strukturen zugrundeliegende Verhältnis von Delegation, Verantwortung und Exkulpierung läßt sich am Beispiel der Hundehalter demonstrieren: Wenn der Hundehalter das Handeln, das er sich selber verbieten muß (die Aggression gegen einen Fremden) an den Hund delegiert, sind beide exkulpiert: der Hund, der seine Pflicht tut, aber nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, weil er nicht weiß, was er tut, und der Hundehalter, der es ja nicht selbst getan hat.
    Die 68er Bewegung, der Antifaschismus als Kirche, oder die vollständige Verwirrung der Bekenntnislogik: Gibt es nicht heute einen philosemitischen Antisemitismus, eine Orthodoxie des Verrats und einen sexistischen Feminismus. Hat der Greuel am heiligen Ort etwas mit dem Glauben an die magische Kraft des Urteils zu tun?
    Ist nicht die Furcht vor dem Tod, mit der der Stern der Erlösung anhebt, eine stellvertretende Furcht, ein Produkt des verdrängten Bewußtseins, daß die Geschichte die Produktionsstätte eines riesigen Leichenberges ist, eines Leichenberges, in dessen Anblick alle Unsterblichkeitshoffnungen verdampfen? Die Todesangst (und seine christliche Verarbeitung in der Opfertheologie) war der Motor der Identifikation mit der Welt, der Identifikation mit dem Aggressor, der diesen Leichenberg produziert hat, während der Leichenberg selber als Repräsentant dessen zu begreifen wäre, was seit dem Ursprung der Zivilisation Natur heißt (Natur ist der Name des Knotens, der zu lösen ist).
    Franz Rosenzweig hat einmal auf die Komik hingewiesen, die in der Geschichte der ägyptischen Froschplage steckt, bei der die Frösche in die Betten und in die Backtröge eindringen (Ex 8). Haben diese Frösche etwas mit den Fröschen in der Apokalypse zu tun (den drei Fröschen, die aus dem Munde des Drachen, des Tieres und des falschen Propheten kommen – Off 1613)?
    Die Reversibilität aller Richtungen im Raum (die Neutralisierung der Unterschiede von vorn und hinten, rechts und links, oben und unten) gehört zu den Konstituentien sowohl der Orthogonalität als auch des Objektbegriffs. Beide, die Orthogonalität und der Objektbegriff, gehören zusammen. Die Orthodoxie hat mit der objektkonstituierenden Logik, mit der Logik des Wissens, diese Orthogonalität in die Lehre hineingebracht (sie „hintertückisch verandert“). Eine Orthodoxie in diesem Sinne kennt nur das Christentum.
    Gott hat die Finsternis erschaffen und dann das Licht gebildet. Steckt nicht in dem Slogan „Bewahrung der Schöpfung“ ein Stück der Intention, die die Finsternis, in der es sich eigentlich ganz gut leben läßt, vor diesem Licht bewahren möchte? Die Finsternis war die letzte der ägyptischen Plagen, vor der Tötung der Erstgeburt.
    Hat nicht das Christentum immer wieder die Bibel nur zur Illustration der Gegenwart benutzt – so ist die Schrift erbaulich geworden -, während es darauf ankäme, die Gegenwart im Licht der Schrift zu begreifen? Nur so wird aus dem Instrument der Rechtfertigung eins der Befreiung. Wurzelt nicht der Glaube an die Magie des Urteils im Rechtfertigungszwang (der die 68er Generation so überfallen hat, daß sie keinen andern Ausweg mehr sah). Blasphemischer Text eines HJ-Liedes: „Unsere Fahne flattert uns voran, unsere Fahne ist die neue Zeit, unsere Fahne führt uns in die Ewigkeit, ja, die Fahne ist mehr als der Tod.“

  • 9.6.96

    Das Inertialsystem ist der exzentrische logische Kern einer Sprache, die das dialogische Element verdrängt hat, die nur noch die stumme Gemeinschaft der Gattung herstellt und repräsentiert. Theologie als „Rede von Gott“: Erinnert die Rede nicht an das stumme Volk und den durch die Predigt zum Monologisieren verurteilten Pfarrer? Die Verwaltung verhält sich zu den Subjekten wie das Inertialsystem zu den Objekten. Der Reflex des Inertialsystems im Subjekt ist die Bekenntnislogik. War nicht Konstantin in der Tat ein Kirchenvater, wobei er (wie andere Väter auch) nicht wußte, was er tat, als er sein Votum für die homousia abgab (ist der Kern der homousia, der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater, nicht das prophetische Wort <„Spruch des Herrn“>, als dessen Verkörperung und Erfüllung der „Logos“ sich begreift)? Der „Negativismus“ der kritischen Theorie, den übrigens weder Horkheimer noch Adorno streng durchgehalten hat, in den vielmehr beide etwas von der Tradition der Lehre mit eingeschmuggelt haben, ist nur in theologischem Zusammenhang, und d.h. nur außerhalb der monologischen Logik des Wissens, wenn nicht zu widerlegen, so doch so einzugrenzen, daß sich der Blick auf einen Bereich, der dem Begriff der Theorie sich entzieht, dem Namen der Lehre dagegen aufs genaueste entspricht, neu eröffnet. Nur in theologischem Zusammenhang ist der objektive Anspruch der Kritik, der dem Konzept der kritischen Theorie zugrundeliegt, noch zu begründen. Zu gewinnen ist dieser Begriff der Kritik, der zuerst als Kritik der politischen Ökonomie sich entfaltete, in der Kritik der Naturwissenschaften. Deshalb war und ist Kant in diesem Zusammenhang wichtiger als Hegel.

  • 7.6.96

    Merkwürdig (in der Buberschen Bibelübersetzung, und in dem Beiheft zum ersten Band dieser Übersetzung) der Gebrauch strafrechtlicher Kategorien, wie die Substituierung des Namens der Gerechtigkeit durch den Begriff der Bewährung, ebenso die Ersetzung des Wortes Frevel durch den Begriff des Verbrechens. Beide zitieren den Staat, setzen ihn als eine unbefragte Ordnung voraus, während die Namen, die sie ersetzten sollen, einer Ordnung angehören, an der auch der Staat zu messen wäre.
    Wenn Ton Veerkamp das Gebet nur mit dem Preisen assoziiert, verschweigt er die Beziehung des Gebets (ähnlich wie die des Opfers) zur „Versöhnung mit dem Bruder“, seine eingreifende, verändernde Kraft (vgl. auch Ernst Blochs „Wahrheit als Gebet“ am Ende des Geists der Utopie).
    Endgültig zu klären wäre die Beziehung der Wahrheit zum Urteil, auch zum Begriff (der in der Urteilsform gründet).
    Wenn das Tier die Widerlegung des Begriffs ist (Hegels Beweis, daß die Natur den Begriff nicht halten kann), dann ist die Farbe die Widerlegung des Raumes: Die Farbe, nicht die geometrische Normale, ist die Norm der Fläche. Deshalb gehört die Abstraktion von den sinnlichen Qualitäten zu den Konstituentien der Raumvorstellung, des Raumes als subjektive Form der Anschauung.
    Das Problem der Unittelbarkeit und des falschen Bewußtseins ließe sich an den täglichen Börsenberichten demonstrieren: Für wen sind „freundliche Tendenzen“ wirklich freundlich, und für wen sind sie existenzvernichtend, das Todesurteil? Aber für das, was im Dunklen bleibt, gilt das Wort: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
    Wer der Theorie den Ausweis der „praktischen Konsequenzen“ abverlangt, verwechselt Indikativ und Imperativ. Hat die Unfähigkeit, das eine vom andern zu unterscheiden, etwas mit der Unfähigkeit, Rechts und Links zu unterscheiden, zu tun?
    „Sich erscheinigen“: Diese merkwürdige Sprachbildung Bubers (vgl. das Beiheft zum ersten Band seiner Bibel-Übersetzung) scheint eine Praxis zu antizipieren, die erst mit dem Fernsehen voll sich entfaltet hat. So mag der Fernseh-Moderator oder auch ein im Fernsehen auftretender Politiker sein Erscheinungsbild, sein „Image“, im vorhinein kalkulieren, planen und realisieren. Sind nicht Talkshows Exerzitien und Tests dieser Praxis?
    Die Heiligung des Gottesnamens ist das im Wort vom Lösen eigentlich Gemeinte; sie zielt nicht unmittelbar auf den Himmel als Seinen Thron, sondern zuerst auf die Erde, den Schemel Seiner Füße. Hierauf (und nicht auf eine wie auch immer geartete Form der Theokratie) bezieht sich der Paulus-Satz, daß Gott alles in allem sein wird, wenn der Sohn ihm alles unterworfen hat.
    Wenn Himmel und Erde ungleichnamig sind, und wenn die kopernikanische Wende das Ungleichnamige gleichnamig gemacht hat, ist es dann eigentlich die gleiche Zeit (das gleiche einheitliche Inertialsystem), die die himmlischen und die irdischen Erscheinungen unter sich begreift?

  • 31.5.96

    Die kantisch-hegelsche Definition der Wahrheit als „Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand“, die unterstellt, daß Wahrheit ohne Versöhnung möglich sei, ist unerfüllbar.
    Gershom Scholem: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Frankfurt/M. 1972:
    – Nach kabbalistischer Anschauung ist es der Hahnenschrei, der die Macht des strengen Gerichts, die am Abend die Welt beherrscht, bricht; danach werden die Geister und Dämonen keine Gewalt mehr haben. (S. 195, vgl. auch Anm. 48, S. 277)
    – Magie ist nach der Kabbala ein erst im Sündenfall Adams, des ersten Menschen, sich eröffnendes Vermögen; magisches Wissen ist ein Wissen um die Blätter vom Baum der Erkenntnis (die gleichen Blätter, mit denen die ersten Menschen ihre Blöße verhüllten); „erst in der Nacktheit Adams … bricht die Magie als ein Wissen ein, das diese Nacktheit verhüllen kann“. (S. 228) Ist das formalisierte Bekenntnis die rationalisierte Gestalt der Magie?
    – Gershom Scholem zitiert eine (bei Hieronymus zitierte) Stelle aus Origenes, wonach der Rock aus Fellen („die Gewänder aus Haut“) die Materialisierung des Leibes symbolisiert. „Diese These findet sich auch öfters in der kabbalistischen Literatur.“ (Vgl. Anm. 37, S. 283) Bezieht sich diese „Materialisierung des Leibes“ auf die der Willkür entzogenen vegetativen Prozesse des lebendigen Organismus?
    – An anderer Stelle verweist Scholem auf die im christlichen Hexen-Wahn wiederkehrende Vorstellung von dämonischen Wesen, in denen reine Geistigkeit und Sexualität eine dämonische (diese Form der Dämonie konstituierende) Verbindung eingehen (succubi und incubi, vgl. S. 203). Reflektiert diese Vorstellung nicht eine Phase im Objektivierungsprozeß, in der Geschichte des Begriffs (und der Sprachlogik): die Konstituierung des gegen die Sprache sich verselbständigenden Objektbegriffs, die Trennung von Ding und Sache, den Ursprung und die Rezeption des Dingbegriffs, schließlich den Ursprung des modernen Naturbegriffs (das Korrelat des apokalyptischen „Unzuchtsbechers“)?
    Ende der Prophetie: Der Objektbegriff ist der ins Sehen transformierte (der der Sprache entkleidete, zum Verstummen gebrachte) Gottesname.
    Es stimmt nicht ganz, daß der Kaiser im Märchen nicht vorkommt: Er wird durch die Figur des Teufels repräsentiert, aus der er nur mit Hilfe des Antisemitismus herausgebracht, getilgt werden konnte (durch die Identifizierung von Teufel und Jude, die schon in der Gnosis, in der projektiven Identifizierung des Demiurgen, der eigentlich den Kaiser und die Form der staatlichen Institutionen, die er repräsentiert, bezeichnet, mit dem jüdischen Schöpfergott, aufs deutlichste hervortritt).
    Kaiser, Teufel und Objektbegriff (Dingbegriff) bilden eine (sprach- und bewußtseinslogische) Konstellation. (Die Krisen der römischen Kaisergeschichte spiegeln die Unfähigkeit wider, Sache und Ding zu trennen. Das ist erst dem mittelalterlichen Christentum auf der Basis der Eucharistieverehrung gelungen.)
    Ist die Trinitätslehre der Inbegriff der drei ersten ägyptischen Plagen als Dauerplage (was die Reduzierung auf die sieben Plagen der Apokalypse, auf das „Lösen der sieben Siegel“, erklären würde)? Ist die Kirche das instantisierte Pantheon (und so zum Bekenntnisgrund der imperialen Weltverfassung geworden)?
    Beitrag zur Kritik der Physik: Die Feuer der Hölle, das sind die Feuer der Empörung, die im entzündeten Ich auflodern und an dessen Ohnmacht (an der Ich-Schwäche) sich nähren.
    Haben nicht die Ableger der 68er Bewegung, von der raf bis zu den Grünen, sich in den Verstrickungen einer Logik verfangen, die die Realität zum Betonblock gerinnen läßt, einer Logik, die seitdem die Öffentlichkeit beherrscht, sie gegen jede kritische Reflexion der Wirklichkeit und gegen Selbstreflexion abschirmt? Antje Vollmer hat ebenso wenig begriffen, was im Hogefeld-Prozeß abläuft, wie Birgit Hogefeld selber.

  • 28.5.96

    Aus der Logik der Urteilsmagie: Je ohnmächtiger die Staaten sind, desto nationalistischer werden sie.
    Kontrafaktische Urteile sind ein konstitutives Element des Geredes; hier wie in ihrer historischen Anwendung schließen sie die Verweigerung des Hörens mit ein. Sie machen ihr Objekt stumm, zu etwas, über das man gefahrlos reden kann, reine Manifestation ihrer Ohnmacht. Kontrafaktische Urteile sind nicht nur die Rache der Objektivierung, sondern eine ihrer konstitutiven Voraussetzungen.
    Das kontrafaktische Urteil verweigert die Identifikation, es instrumentalisiert und verdinglicht das Objekt. Das kontrafaktische Urteil ist die umgekehrte, in die Vergangenheit projizierte und instrumentalisierte Prophetie. Der Historismus ist eine totalisierte Konstruktion aus kontrafaktischen Urteilen: Das Weltgericht oder das Gericht über die Vergangenheit (die Annihilierung der Prophetie).
    Rührt die deutsche Version der Romantik, die mit einer einzigartigen Verehrung des Waldes einhergeht („Wer hat dich, du schöner Wald …“), nicht daher, daß Bäume Verkörperungen der Urteilsform und der Urteilsmagie (der in der Logik des Urteils gründenden „Verstockung“) sind? – Gibt es einen Zusammenhang mit der „Feste des Himmels“, dem Werk des zweiten Tages?
    Welche Bewandnis hat es mit den Palmen (mit den 70 Palmen in Elim), den Zedern des Libanon, mit den Bäumen in der Jotham-Fabel, mit dem Dornbusch, mit dem Apfelgarten im Lied der Lieder?
    Gibt es eigentlich ein schwachsinnigeres Lied als das „O Tannenbaum“; und das war ein Weihnachtslied?
    Verhält sich die Empfindlichkeit zur Barmherzigkeit wie die Bekehrung zur Umkehr? Ist die Empfindlichkeit ein Attribut der Bekehrten, und die Bekehrung das Medium der drei Leugnungen?
    Zum Problem der raf (oder insgesamt zur 68er Bewegungen): Gilt nicht die alte Fahrlehrerregel auch in der Politik und in der Bewußtseinsgeschichte: Dreimal rechts ist einmal links? Diese Regel gilt nicht für das Verhältnis von oben und unten. – Gründet nicht die Bekehrung in einer Verwechslung der Dimensionen (des Oben/Unten mit dem Rechts/Links)?
    Die Fallbeschleunigung wurde vor dem Gravitationsgesetz entdeckt. Und ist das newtonsche Gravitationsgesetz nicht nur eine Extrapolation der Fallgesetze auf der Basis der subjektiven Formen der Anschauung? Das Dilemma dieser Extrapolation, dessen Newton sich noch bewußt war, hat er durch das Konstrukt des absoluten Raumes zu neutralisieren versucht. War dieses Konstrukt des absoluten Raumes das naturphilosophische Äquivalent des politischen Absolutismus?
    Die Verwerfung der Barmherzigkeit führt direkt in die Paranoia.
    Kritik der All-Attribute: Gott ist nicht allwissend, nicht allmächtig und nicht allgegenwärtig. Er sieht nicht alles, wohl ins Herz der Menschen; und das ist mehr. Das Sehen Gottes hat zur Grundlage nicht den Raum, sondern die Sprache. Der Begriff des Wissens, der im Gesehen-Haben gründet, ist auf Gott nicht anwendbar.
    Liegt das Werk des zweiten Tages, die Feste, die die oberen von den unteren Wassern scheidet, für Gott im „blinden Fleck“? Hierzu fehlt der Satz „Und Gott sah, was er gemacht hatte, und siehe es war gut“. Diese Feste nannte er Himmel, und an diese Feste heftete er die zwei Leuchten und die Sterne des Himmels.
    Ein jüdischer Autor hat einmal – unter Hinweis auf die „Halsstarrigkeit“ der Juden – den Nacken das „metaphysische Organ der Juden“ genannt. Hat dieser Nacken etwas mit der Feste des Himmels zu tun?
    Zum Begriff der Verwüstung: Entspricht die materielle Verelendung unten nicht der moralischen Verelendung oben? Himmel und Erde werden zu Eisen und Erz: Hängt der kombinatorische Wechsel (Eisen und Erz zu Erz und Eisen) mit der Beziehung von Ökonomie und Naturwissenschaft zusammen? Die Ökonomie beutet den Himmel aus und verdinglicht die Erde, während die Naturwissenschaften die Erde ausbeuten und den Himmel verdinglichen.
    Das Inertialsystem ist das Kuckucksei im Nest der Sprache.
    Motive im NT:
    – Die Geschichte der Kirche und die drei Leugnungen Petri,
    – Joh 129 und die Sünde der Welt,
    – Herschaft und Tod: der Kelch in Getsemane,
    – die Väter im NT (Josef, Zacharias, Zebedäus, Lk 117: der halbierte Malachias, „wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein mußte, was meines Vaters ist“, „laßt die Toten ihre Toten begraben“),
    – Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geister befreit wurde, die erste Zeugin der Auferstehung.

  • 25.5.96

    Hängt die Unterscheidung von Wut und Zorn, die so nur im Deutschen möglich ist, sprachlogisch mit der Bildung der Begriffe Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Seligkeit, Dreistigkeit u.ä. zusammen? Keine Sprache steht so im Bann der Herrschaft wie die deutsche, in der es möglich war, aus der Verurteilung des Faschismus den Schleier zu weben, hinter dem der neue, recycelte Faschismus sich bildet. Aber heißt das nicht auch, daß die Entschlüsselung der Logik der Herrschaft über die Reflexion der Ursprungsgeschichte und der Logik der deutschen Sprache möglich sein müßte?
    Gilt das Wort vom imperativen Charakter der Attribute Gottes auch vom göttlichen Zorn und Grimm? Ist der Grimm nicht ein nach innen gewendeter Zorn? Der Zorn treibt die Röte ins Gesicht, während der Grimm das Antlitz entstellt (das Gesicht des Ergrimmten verfällt).
    Ist das Inertialsystem (als Kelch des göttlichen Grimms) das entstellte Angesicht Gottes?
    Theologie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Wenn Gott den Himmel aufspannt, dann ist das Inertialsystem ein Produkt der Hybris, die dem Wahn verfallen ist, dieses Aufspannen ließe sich als Akt der Subjektivität reproduzieren.
    Die Utopie der Öffentlichkeit entspricht einer Welt, in der der Geist die Erde erfüllt, wie die Wasser den Meeresboden bedecken.
    Adornos Satz, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, scheint heute aus der Sphäre des Öffentlichen und Politischen in die Sphäre des Privaten einzudringen und auf die Strukturen der unmittelbaren persönlichen Beziehungen sich auszubreiten. Hier aber wird die Paranoia an sich selbst unerkennbar, weil alle unter ihrem Bann stehen: Bewußtsein selber wird zum blinden Fleck (ein schwarzes Loch, das durch Unterhaltungsindustrie, durch „virtual reality“, zu füllen ist). Diese Paranoia ist nur noch an ihren Folgen erfahrbar.
    Beginnt nicht der Satz „Leistung muß sich wieder lohnen“ in der letztmals gewendeten F.D.P. in Figuren wie Gerhard, Solms, Rexrodt und Kinkel sich mit entlarvender Deutlichkeit zu enthüllen, nackt sich zu manifestieren? Das Wort appelliert an den Selbsterhaltungsinstinkt in einer paranoisierten Welt. Was sie unter Leistung versteht, hat die Partei selber in einem Augenblick der Wahrheit, als sich selbst als „Partei der Besserverdienenden“ definierte, aufs deutlichste zum Ausdruck gebracht.
    Der Zusammenhang der Quantenmechanik und der Mikrophysik mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit läßt sich an der zeitlichen Struktur, die durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in die räumliche Ausdehnung hineingebracht wird, demonstrieren: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat das räumliche Nebeneinander mit einem zeitlichen Nacheinander verschmolzen. Resultiert die Mikrostruktur der Materie aus der Anwendung der mathematischen Strukturen des Inertialsystems auf Objekte, denen diese Strukturen in einem noch aufzuschlüsselnden Sinne „äußerlich“ sind?

  • 21.5.96

    Wenn die Zeit mit erschaffen ist, dann muß die Zeit die Spur der Schöpfung in sich enthalten, dann ist das Ewige der Zeit nicht äußerlich. Die Subsumtion der Schöpfung unter die Zeit (die den Anfang der Welt zu einem Anfang in der Zeit macht) konstituiert die Welt, indem sie den Widerspruch in ihrem Begriff verdrängt, auf den Staat verschiebt, den sie so zum Schöpfer der Welt macht (zugleich wird die Natur zum Schöpfer ihrer selbst, an welchem Schöpfertum das die Natur konstituierende Subjekt dann Anteil gewinnt: seitdem sind die Menschen beleidigungsfähig).
    Hegel hat die kantischen Antinomien, die in der transzendentalen Ästhetik gründen, nur verdrängt, als er glaubte, sie im Begriff aufgehoben zu haben. Die Hybris der Idee des Absoluten war das Deckbild der islamischen Kapitulation (der „Ergebung“) vor der Fatalität des Begriffs. In der kantischen Antinomie der reinen Vernunft steckt die ganze Apokalypse.
    Die Welt ist ein Produkt des Inertialsystems, der Weltbegriff besiegelt seine (ihn selbst legitimierende) Hypostasierung.
    Rom hat Zeus säkularisiert und durch den Caesar ersetzt (und die Zeugung durch die Adoption). Die Quellen der caesarischen Macht waren die Siege draußen (und die Niederlagen im Innern: Brutus hat die Institution des Caesars durch den Mord an Caesar geschaffen). Das Imperium ist zugrunde gegangen an der Institution, die es hervorgebracht und getragen hat: am Militär.
    Ecclesia triumphans: War nicht das Christentum, das unter Konstantin zur Staatsreligion geworden ist, eine Form der Rationalisierung des Pantheons, des instrumentalisierten Mythos? Und mußten nicht die Mysterienreligionen, die Militärreligionen waren, unterliegen, nachdem sie im Christentum ihre politisch wirksamere Form gefunden hatten?
    Ist mein Theorieverständnis nicht das des Kaninchens vor der Schlange? Und bleibt nicht die Frage: Wie wird das Kaninchen zum Hahn?
    Der Form des Rosenzweigschen B = B (eigentlich seinen „mathematischen“ Formeln insgesamt, auch dem A = A Gottes und dem B = A der Welt) liegen die subjektiven Formen der Anschauung zugrunde: Die beiden Elemente verhalten sich wie die beiden Vakuen, die des „leeren Raumes“ und der „leeren Zeit“, die an das Reale nur angrenzen, es nicht „in sich“ enthalten, in die „wir“ es vielmehr hineintun müssen (das leisten die kantischen synthetischen Urteile apriori). In diesen Formeln steckt die wichtigste Rosenzweigsche „Entdeckung“: die Kritik des Historismus (und, allerdings noch unentfaltet: der Naturwissenschaften). Sofern die „Formen der Anschauung“ auf einen Inhalt sich beziehen, haben sie die Funktion dessen, was die Propheten Kelch genannt haben.
    Natur und Geschichte (das „Reich der Erscheinungen“) spiegeln die Wirklichkeit gleichsam unter Vakuumbedingungen, unter die sie mit Hilfe der subjektiven Formen der Anschauung versetzt werden, wider (der „Inhalt“ der subjektiven Formen der Anschauung ist vakuumverpackt; das Resultat der Entziehung der Luft, in der sie allein zu leben fähig wären: Produkt der Abstraktion vom Geist). Die letzte Erinnerung an ihre eigene theologische Vergangenheit ist in den Naturwissenschaften mit der Verdrängung des horror vacui verdrängt worden.
    Abstrahiert wird in der subjektiven Form der äußeren Anschauung vom Blick des Andern, in der der inneren Anschauung von einer Zukunft, die nicht wie die Vergangenheit ist.
    Ist nicht die Angst ein Sprachproblem, und bezeichnet nicht der selige Sprachgeist der paradiesischen Sprache den utopischen Punkt der Freiheit von Angst in der Sprache selbst?
    Hängt die auffällige Beziehung der Juden in der Philosophie zu Kant nicht damit zusammen, daß die Kritik der reinen Vernunft die erste säkulare Selbstreflexion des Sternendienstes ist (der „kopernikanischen Wende“)?
    Die Lahmen und Blinden: das sind die durchs Trägheitsprinzip Verhexten.
    Nach kabbalistischer Tradition bezeichnet der Buchstabe Jod (das neutestamentliche Jota) die Beschneidung. Hat nicht Paulus das Jesus-Wort Mt 518 verletzt, und heißt er deshalb „Paulus“ (vgl. 519)?

  • 20.5.96

    Hat nicht das Christentum durch seinen Schöpfungsbegriff den Historismus legitimiert und zugleich sich selbst das Verständnis der Apokalypse verstellt? Wenn die Zeit etwas in der Schöpfung Entsprungenes, nicht unabhängig von ihr Bestehendes ist, kann die Schöpfung nicht selber unter die Zeit subsumiert, und d.h. als etwas nur Vergangenes angesehen werden: dann steckt im Namen der Schöpfung etwas Unabgegoltenes, das in jede Gegenwart hereinreicht. Diesem Gedanken kommt die jüdische Tradition, der zufolge Gott die Schöpfung jeden Tag erneuert, am nächsten. Zwischen der jüdischen und der christlichen Tradition liegt ein Konstrukt, das aus der christlichen theologischen Tradition hervorgegangen ist, und deren mit dem Dogma und mit der Form des Bekenntnisses ausgebildete Logik mit ihrer Abtrennung und Verselbständigung sich gegen sie gekehrt hat: Raum und Zeit als „subjektiven Formen der Anschauung“ (das Inertialsystem). Das Inertialsystem ist nicht nur das Referenzsystem aller naturwissenschaftlichen Begriffe, Erscheinungen und Gesetze, es ist zugleich das Sklavenhaus der Natur. Und der naturwissenschaftliche Erkenntnisbegriff ist ein pharaonischer Erkenntnisbegriff, zu dessen Vorgeschichte die Geschichte der Verhärtung des Herzens Pharaos gehört (Adornos Kritik der Verdinglichung war ein Kampf gegen die Verhärtung des Herzens). Waren Kain und Abel, wie später Esau und Jakob, Zwillinge; und welche anderen Zwillinge gibt es außerdem in der Schrift? Wenn Kain und Abel Zwillinge waren, dann waren die ersten Zwillinge ein Mörder und sein Opfer; Jakob (der „Listige“) hat seinem Bruder das Erstgeburtsrecht abgekauft (und Gott hat „Jakob … geliebt, Esau aber gehaßt“ – Mal 12f). Hängt das mit der Exodus-Geschichte und der jüdischen Opfertradition verknüpfte Problem der Erstgeburt hiermit zusammen? Und in welcher Beziehung steht die „List“ Jakobs zu der der Schlange, die das „listigste“ aller Tiere war? – Die Söhne Judas von der Thamar waren Zwillinge; waren auch die Söhne des Eber, Peleg und Joktan, Zwillinge? Ist nicht Kain (der Gründer der ersten Stadt, die er nach seinem Sohn benannte) die erste Erstgeburt überhaupt? Das Gute ist ein Objekt des Sehens („und Gott sah, es war gut“). Ist Elohim der Gott, der sieht (der Richtende), JHWH hingegen der, der hört (der Barmherzige), und liegt darin der Grund, daß der Name JHWHs nicht ausgesprochen werden darf? Und ist nicht Elohim der Gott, der mißbraucht werden kann, in der Idolatrie, im Götzen-, Opfer- und Sternendienst? Als den Menschen die Augen aufgingen, erkannten sie, daß sie nackt waren.

  • 18.5.96

    Der Positivismus ist der logische Kern des Verwaltungswissens, wobei in den Naturwissenschaften das Verwaltungsprinzip in den subjektiven Formen der Anschauung mit enthalten ist (der Positivismus ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und den Staub frißt, den Adam produziert).
    „Da gingen ihnen die Augen auf …“: In dem Augenblick, in dem die Menschen lernen, sich in den Augen der andern zu sehen, erkennen sie, daß sie nackt sind.
    Das Inertialsystem ist die Rückseite des Buches, in dem die Taten der Menschen verzeichnet sind, des Buches, dessen Siegel am Ende gelöst werden.
    Patriarchen und Erzengel gibt es im Bereich der Orthodoxie, Erzengel und Erzbischöfe (archiepiskopoi) gab es in der lateinischen Kirche, bis die Aufklärung der Angelologie den Boden entzogen hat. Seitdem gibt es nur noch Erzbischöfe (und anstelle der Patriarchen Kardinäle). Welche sprachlogische Bewandnis hat es und was drückt sich darin aus, daß das „arch“, das aus dem griechischen archä (Anfang, Prinzip, Herrschaft) sich herleitet, in dieser historischen und geographischen Konstellation sowohl als Suffix als auch (im Bereich der Orthodoxie) als Präfix erscheint?
    Sind die „Erzengel“ (deren Vorstellung mit der Siebenzahl sich verbindet) nicht astrologischen Ursprungs, hängen sie nicht zusammen mit der angelologischen Verarbeitung der astrologischen Tradition (gibt es Stellen in der Schrift, in der die Heiden Sternendiener heißen; sind die „Völker“ Sternendiener? – vgl. Eveline Goodman-Thau, Zeitbruch, S. 160, Anm. 378)?
    Urbild der Patriarchen sind Abraham, Isaak und Jakob, die „Väter“ der zwölf Stämme Israels.
    Patriarchen sind Ursprungsgestalten, Erzbischöfe Teil einer hierarchischen Organisation, einer Verwaltungsordnung (deren logisches und historisches Modell die astrologische Ordnung war).
    Sind nicht Marx, Freud und Einstein wirklich die Patriarchen der Selbstkritik der Aufklärung?
    Hängt die Differenz im Gebrauch der archä mit der sprachlogischen Beziehung der lateinischen zur griechischen Sprache zusammen. Einer Beziehung, die möglicherweise in der Bildung der Totalitätsbegriffe Natur und Welt vorgebildet ist: der Name der physis leitet von der Zeugung sich ab, der der Natur von der Geburt; und die Zeugung geht der Geburt voraus. Ist nicht die griechische Sprache vordogmatisch (gehört sie nicht zum Bildungsprozeß des Dogmas), während die lateinische Sprache als postdogmatisch sich begreifen läßt (sie setzt das Dogma als gegeben voraus)? Ist die Grenzscheide, die sprachlogische Schwelle, die die Patriarchen von den Erzbischöfen trennt, nicht die gleiche, die auch die physis von der natura trennt (und den kosmos vom mundus: ist nicht die lateinische Variante des Christentums eine „Reinigungs-„, eine Schuldbefreiungsreligion)?
    Ist diese Geschichte nicht ein Teil der Ursprungsgeschichte des modernen Naturbegriffs?
    Hat die Grenze zwischen der prä- und postdogmatischen Sprachlogik etwas mit zwischen der Herrlichkeits- und der Namensmystik (zwischen kabod und schem, Merkaba-Mystik und Kabbala) zu tun, und ist nicht in den zehn Sefirot beides enthalten: die Dreizahl der Patriarchen und die Siebenzahl der „Planeten“ (Kether <Krone>, Chochma <Weiheit>, Bina <Verstand> und Chessed/Gedulla <Liebe/Größe>, Gebura/Din <Macht/Strenge>, Rachamim/Tifereth <Barmherzigkeit/Herrlichkeit>, Nezach <beständige Dauer>, Hod <Schönheit>, Jessod <der Grund>, Malchut <das Reich>)?
    Hängt die Beziehung der „archä“ zu den kirchlichen Verwaltungsorganisationen mit der der Orthogonalität (und Dreidimensionalität) des Raumes zu seiner (durch die Orthogonalität erzeugten) unendlichen Ausdehnung (zur Unendlichkeit der sechs Richtungen im Raum und ihrer gemeinsamen Beziehung zur Vergangenheit) zusammen?
    In welcher logischen Beziehung steht die Form des Raumes zum logischen Begriff der Gattung? Ging Hegel, als er bemerkte, daß „die Natur den Begriff nicht halten kann“, und das mit der Diversifizierung der tierischen Gattungen begründete, nicht von der Objektivität des Raumes aus, hatte er hier nicht vergessen oder verdrängt, daß Kant die Subjektivität des Raumes (und damit seine die Erkenntnis organisierende und zugleich von der Wahrheit abspaltende Gewalt) begründet und nachgewiesen hatte? Gehört nicht die „Gattung“ (ein logischer und biologischer Begriff zugleich) der gleichen Ordnung an, in der auch der Raum sich konstituiert? Begründet nicht die Verabsolutierung des Raumes aus dem gleichen Grunde, aus dem sie mit dem Symbol des Tieres zusammenhängt, den logischen Zwang, der unweigerlich in den Rassismus führt? Ist nicht der Rassismus (der heute dazu führt, daß der Geist auf eine bisher unbekannte Weise geleugnet wird) eine notwendige Folge der Logik des Weltbegriffs, die mit der Form des Raumes mitgesetzt ist? Der Raum ist das Instrument der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, der Grund der falschen Einheit von Vergangenheit und Zukunft, die den „Zeitkern“, die Gegenwart, ausschließt (Kern des Schuldverschubsystems: der Pflug, vor den Rind und Esel zugleich gespannt sind). Die Rosenzweigsche Todesfurcht (die Fähigkeit, Angst nicht zu verdrängen, sondern als Erkenntnisorgan zu nutzen) ist das Wahrnehmungsorgan für diesen Zeitkern.

  • 17.5.96

    Die Beziehung von Richten und Gerichtet-Werden drückt in der Logik der Reversibilität aller Richtungen im Raum sich aus, sie drückt in einem Bewußtsein sich aus, das „Rechts und Links nicht unterscheiden“ kann.
    Dadurch unterscheidet sich die Sprache von der mathematischen Form des Raumes (von der subjektiven Form der äußeren Anschauung), daß in ihr vorn und hinten, rechts und links und oben und unten sehr deutlich unterschieden sind: Das Im Angesicht und hinter dem Rücken sind zwei verschiedene Sprachen, ebenso das richtende und das verteidigende Wort; und der, der „über“ jemanden redet, redet anders als der, der zuhört oder mit jemandem spricht. Der Begriff ist generell „über“ der Sache, das Objekt ist unten und stumm. In die Sprache selbst dringt der Raum über die Prä- und Suffixe ein, wobei die Präfixe ein System räumlicher (und zeitlicher) Beziehungen zu den Dingen, die Suffixe die Wirkungen des Raumes (und der Zeit) in den Dingen dokumentieren. Eine besondere sprachgeschichtliche Bedeutung und sprachlogische Funktion scheint hier den Sprachen zuzukommen, in denen auch der bestimmte Artikel in die Deklination mit hereingenommen wird. Erkennen läßt sich dieser Prozeß (dessen Radikalität erst in den modernen Sprachen sich manifestiert) an der Transformation des Nomen in das Substantiv, die die Transformation der erkennenden Sprache (die in der Sache sich bewegt, sie zur Sprache bringt, indem sie die Kraft des Namens in den Dingen weckt) in die nur noch mitteilende Sprache (die die Kraft des Namens leugnet und nur von außen auf die Sache sich bezieht) besiegelt.
    Die Beantwortung der Frage, ob und wie im Strafrecht synthetische Urteile apriori möglich sind, hängt davon ab, ob ein apriorisches Objekt sich konstruieren läßt: eine Gestalt des Angeklagten, die nur noch Objekt des Verfahrens und ebenso so stumm wie das Objekt ist: ein Angeklagter, der nicht mehr als Angeklagter, sondern als Feind fungiert. Dem kommt die strafrechtliche Definition des Mörders nahe (Mord ist das einzige Delikt im traditionellen Strafrecht, das ein Täterdelikt, kein Tatdelikt ist). Reale Bedeutung gewinnt die Konstruktion des Feindes allerdings erst im Staatsschutzverfahren, in dem dann auch Richter und Staatsanwalt nicht mehr sich unterscheiden lassen, in dem die Verteidiger zu Unterstützern des Feindes und die Besucher zu Sympathisanten werden. Das Staatsschutzverfahren ist kein Problem des Rechts, sondern eines der Logik.
    Kritik der Naturwissenschaften: Zu den synthetischen Urteilen apriori des Kapitalismus gehört die Subsumtion der Arbeit unter die anorganische Materie (Kostenfaktor).
    Das Dogma, die Orthodoxie, ist ein System synthetischer Urteile apriori der Bekenntnislogik: Die Opfertheologie steht an der Stelle, an der in der Transzendentalphilosophie Kants die subjektiven Formen der Anschauung stehen.
    Apokalyptisches Tier: Ausbildung (einschl. Studium) produziert heute dressierte Hunde.

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