Naturwissenschaft

  • 2.12.95

    Wer andere nicht verraten will, muß bereit sein, deren Sünde mit auf sich zu nehmen. Ist das der Sinn von Joh 129: Nimmt das Lamm Gottes die Sünde der Welt auf sich, weil es die Menschen nicht verraten will?
    Entspricht nicht der Idee des Jüngsten Gerichts, wenn sie als Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht zu verstehen ist, ähnlich wie auch dem Hegelschen Weltgericht ein Erkenntnisbegriff?
    Der Aktualitätspunkt, auf den die Prophetie sich bezieht, ihr Wahrheits- und Zeitkern, ist das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“: der „Tag des Herrn“, die dies dominica, den die Christen zum Sonntag neutralisiert haben.
    Zoologischer Garten: Der Sündenfall hat nicht die Menschen aus dem Garten der Tiere befreit, sondern er hat das Paradies zum Garten der Tiere gemacht.
    Wie hängen Kanaan (die Händler), Kana in Galiläa (die Hochzeit und das erste Wunder sowie die Folgegeschichte in Kapharnaum), die kanaanäische Frau, Simon der Kananäer (der Zelot) und Nathanael, „der aus Kana in Galiläa kam“ mit einander zusammen?
    In der vollständig instrumentalisierten Welt verlieren die Sakramente, die auch ein Stück ritualisierter Technik sind, ihre raison d’etre.
    Die logische Asymmetrie, die die Ethik zur prima philosophia macht, die es verwehrt, aus Grundsätzen des Handelns Maßstäbe des Urteils zu machen, gründet in der Differenz zwischen der Wahrheit eines Satzes und seiner Instrumentalisierung.
    Es gibt eine geheime Kommunikation zwischen dem Fortschritt der Ökonomie und dem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis.
    Das Anschauen (von dem die subjektiven Formen der Anschauung abstrahiert sind) ist der mitleidslose Blick, der der Logik des „Richtet nicht, …“ unterliegt. Im Weltbegriff wird dieser mitleidslose Blick zur Grundlage eines Totalitätsbegriffs. Die Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs fällt mit der des Staates zusammen.
    Begreifen und Denken: Ist der Begriff (vgl. auch die Heideggersche Unterscheidung des Vorhandenen vom Zuhandenen) das apokalyptische Zeichen an Hand und Stirn?
    Rechtfertigung zielt auf Unschuld, nicht auf Gerechtigkeit; aber nur Gerechtigkeit ist ein theologischer Begriff, Unschuld dagegen ein Weltbegriff. Die Idee der Gerechtigkeit konstituiert sich im Angesicht Gottes, der Begriff der Unschuld im Anblick der Anderen (im Kontext der Scham). Nur das Recht, nicht Gott, spricht jemanden schuldig oder unschuldig.
    Teilhard de Chardin hat einmal auf den instrumentellen Charakter des Organischen hingewiesen, der soweit geht, daß z.B. „der Maulwurf … ein Grabwerkzeug und das Pferd ein Laufwerkzeug, der Tümmler ein Schwimmwerkzeug und der Vogel ein Fliegwerkzeug“ ist. „In diesen verschiedenen Fällen gibt es eine werkzeugliche Besonderheit für jede Gattung, jede Familie oder zoologische Ordnung. Anderswo, z.B. bei den sozialen Insekten, sind ausgewählte Individuen allein mehr oder weniger vollständig zu Kriegs- oder Fortpflanzungswerkzeugen umgebildet.“ (Auswahl aus dem Werk, Freiburg i.Br. 1964, S. 57) Läßt nicht das Leben der Tiere insgesamt (der Begriff des Instinkts verweist darauf) als ein Leben im Bann einer Selbstinstrumentalisierung sich begreifen, den das einzelne Tier durch Reflexion nicht aufzulösen vermag, in den es verstrickt ist, dem es nicht entrinnen kann.

  • 30.11.95

    Ist nicht das Märchen vom Swinegel un sin Fru eine Parabel fürs Inertialsystem? Der Hase ist die Zeit, der Swinegel un sin Fru sind der Raum; oder der Hase ist ein Bild der Zukunft, der Swinegel un sin Fru das gespaltene Bild der Vergangenheit: Immer wenn der Hase eintrifft, sagt der Swinegel oder seine von ihm nicht unterscheidbare Frau: Ick bün all do. Die Geschichte des Fortschritts der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist die Geschichte, in der der Swinegel un sin Fru immer weitere Bereiche besetzen und absichern, während der Hase immer nur den kürzeren zieht. Wird am Ende der tote Hase zum Swinegel?
    Der Objektbegriff ist eine Kreuzung aus Hase und Swinegel; oder biblisch: der Objektbegriff spannt Rind und Esel gemeinsam vor den Pflug. Nichts anderes bedeutet der Satz von der Identität der trägen und schweren Masse. Beide unterscheiden sich wie Rind und Esel durch ihre Beziehung zum Opfer.
    Der Kreuzestod war das letzte Opfer, das keines mehr war. Die Opfertheologie gründet in der Blindheit des Hasen, der den Swinegel un sin Fru nicht unterscheiden kann.
    Das Dogma ist das Korrelat der Verblendung des Hasen über den Swinegel und sin Fru, in deren Verstrickung er selbst mit einbezogen wird (vgl. das Hasenfenster im Paderborner Dom, in dem unterm Bann der Homousia auch der Swinegel un sin Fru zu Hasen geworden sind).
    Läßt das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen im Raum sich nicht durch den Hinweis widerlegen, daß die Erdbewegung irreversibel ist (könnte es sein, daß in der Umkehr dieser Bewegung der Himmel „wie eine Buchrolle“, in der die Taten und Leiden der menschen aufgezeichnet sind, sich aufrollt?).
    Ist nicht Trägheit die Spur des Widerstands gegen die Vertauschung von Vorn und Hinten, das Gravitationsgesetz die des Widerstands gegen die Vertauschung von Oben und Unten und die Elektrodynamik und die gesamte Mikrophysik die des Widerstands gegen die Vertauschung von Rechts und Links? (Wird nicht bei der Vertauschung von Rechts und Links im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der tote Hase sichtbar?)
    Sind die Archonten des Paulus die sieben unreinen Geister, von denen nur Maria Magdalena befreit war? Oder auch die sieben Siegel, die nur das Lamm, das die Erstgeburt des Esels auslöst, zu lösen vermag?
    Hat die Differenz zwischen Mt 1619 und 1818 (die Vertauschung von Singular und Plural: Petrus: en tois ouranois, in den Himmeln gebunden/gelöst – Kirche: en ourano, im Himmel gebunden/gelöst) etwas mit der Unterscheidung des Tieres aus dem Meer (als Verkörperung des Plurals) vom Tier vom Lande (als Verkörperung des principium individuationis) zu tun? Ist das Binden und Lösen der ekklesia ein anderes (hat es ein anderes telos) als das des Petrus? Und verweist diese Differenz nicht auf den Ablauf des Geschehens im Buch Jona, in dem zuerst das Volk Buße tut, danach erst, nachdem die Nachricht davon zu ihm durchgedrungen ist, der König, der dann die allgemeine Buße für das Volk und die Tiere ausruft?

  • 29.11.95

    Die BILD-Zeitung erzeugt selber die Sucht, die sie befriedigt. Ist sie nicht auch ein Organ der Linguistik: Instrument der Reduzierung der Sprache auf Sätze (ohne Komma und Semikolon)?
    In der FR heute ein Hinweis auf einen Bericht der BILD-Zeitung, wonach die deutschen Männer immer dicker werden. BILD empfiehlt fettarmes Essen. Ist das nicht ein exemplarischer Fall von Schuldverschiebung? Müßte der Rat nicht lauten: Aufhören, BILD zu lesen?
    Die 68er Bewegung war nicht das Erwachen aus einem Alptraum, sie war der Traum dieses Erwachens im Alptraum. Das erinnert mich an die Mitschüler in der Nazizeit, die damals HJ-Führer waren, die nach dem Krieg (nach einem Gesinnungswechsel, der sie der Last der Erinnerung enthob) ihren Führungstraum in ihren beruflichen Karrieren ungebrochen haben fortsetzen können. Die 68er nannten diesen Führungstraum ihren „Marsch durch die Institutionen“ (in dem allerdings nicht sie, sondern die Institutionen den Sieg davon getragen haben).
    In dem Maße, in dem wir die Vergangenheit verdrängen, sie für überwunden halten, gewinnt sie Macht über uns. Das ist eine der Bedeutungen des Satzes „Richtet nicht …“.
    Was ist der Unterschied zwischen pragma, res und Ding? Läßt nicht anhand dieser Begriffe die herrschaftsgeschichtliche Verstrickung der griechischen, lateinischen und deutschen Fassung der christlichen Tradition sich demonstrieren?
    Wer Gemeinheit glaubt mit Empörung beantworten zu können, ist schon in der Gemeinheitsfalle gefangen. Aus dieser Falle gibt es keinen Ausweg.
    Der Nominalismus hat, indem er das Ungleichnamige gleichnamig gemacht hat, die Sprache in ihrem Grund und ihrer Wurzel vergiftet. Er hat die Gemeinheit absolut und das Absolute gemein gemacht.
    Erst das indogermanische Perfekt hat die Vergangenheit aus einem Geschehen in einen Zustand verwandelt (durch ihre Objektivation die Natur zur Natur und die Geschichte zur Geschichte gemacht).
    Der Faschismus war die erste Form der Privatisierung des Staates (der Barock als die Epoche der Privatisierung der Herrschaft war sein Vorläufer).
    Ist nicht die Theorie der Schwarzen Löcher eine Weiterbildung, Radikalisierung und Widerlegung der Kant-Laplaceschen Theorie?
    In welcher Beziehung stehen die Schwarzen Löcher zum Urknall? Verhalten sie sich nicht invers zueinander? Sie unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Zeit: Während der Urknall in einer kurzen, explosiven Bewegung abläuft, bezeichnet das Schwarze Loch einen Dauerprozeß. Die Frage, was vor dem Urknall war, ist ebenso sinnlos wie die, was im Innern des Schwarzen Lochs sich abspielt. Wie verhalten sich Urknall und Schwarzes Loch zur Entropie?
    Schöpfung und Weltuntergang: Sind nicht die Banken für die Wirtschaft (als Kreditgeber) der Urknall, für die Länder der Dritten Welt (als Gläubiger) das Schwarze Loch?
    Der Urknall ist kein Anfang, er setzt das, was er hervorbringt, schon voraus, während das Schwarze Loch nur soweit besteht, wie es seine eigenen Voraussetzungen aufzehrt.

  • 28.11.95

    Confessor und virgo sind als Verkörperungen der reflektierten und der natürlichen Unschuld Spiegelungen der Begriffe Welt und Natur im Medium des Heiligen: Sie rücken das Bekenntnis und die weibliche Unschuld in den Bereich des Unberührbaren. Hängt die Zweideutigkeit des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre nicht hiermit zusammen: die Idee einer von der Berührung (und Befleckung) mit dem Weiblichen gereinigten Zeugung, die die natürliche männliche Zeugung in den Kern des „Schuldzusammenhangs des Lebendigen“ rückt, sie zum Quellpunkt der Schicksalsidee und ihrer subjektiven Reflexionform, des Begriffs (christlich gesprochen: der Erbsünde), macht?
    In jedem Feindbild steckt ein symbiotisches Element. Das gilt für den faschistischen Antisemitismus wie auch für den Bosnienkonflikt. Jede Empörung rechtfertigt mit den Untaten der anderen, über die sie sich empört, die eigenen.
    Hat die Trinitätslehre in der Vater-Sohn-Beziehung dieses symbiotische Element theologisiert, und ist die homousia, zusammen mit der Opfertheologie, dem Kern der Bekenntnislogik, der Ausdruck dieser Symbiose?
    Der Begriff des horror vacui war auch einmal eine Warnung davor, Erkenntnis auf der Vorstellung des leeren Raumes zu gründen (auf der Grundlage und im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung). Für den Schreibenden erzeugt schon das leere Blatt (die tabula rasa) den horror vacui: in diesem horror gründet die Geometrie. Der Historismus, zu dessen Konstituentien die subjektive Form der inneren Anschauung, das vergegenständlichte Zeitkontinuum gehört (der Seitenblick auf die Zeit, der die Ewigkeit unsichtbar macht, indem er es durch das Überzeitliche ersetzt), ist ein Produkt der Nekrophilie des Herrendenkens: der Betondeckel über dem Abgrund der Vergangenheit. Das Herrendenken weiß, daß für es die Hoffnung auf Auferstehung nicht gilt. Deshalb soll sie auch für seine Opfer nicht gelten. Die Ewigkeit, an die das Herrendenken glaubt, die es (u.a. in der philosophischen Unsterblichkeitslehre) sich erhofft, ist die Ewigkeit des Schweigens der Opfer: die Ewigkeit des Todes derer, in denen es seine Richter erkennt („Mächtige stürzt er vom Thron und erhebt die Niedrigen“).

  • 22.11.95

    Der Andere und der Fremde: Der Begriff des Anderen ist ein Systembegriff, der des Fremden ein systemsprengender Begriff. Der Weltbegriff macht alles Weltliche zu Anderem für Andere; das Eine, das das Andere für Andere ist, ist im Kontext des Weltbegriffs in diesem Anderssein aufgehoben und verschwunden. Der Satz: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, drückt diese Struktur aufs genaueste aus. Als ihnen die Augen aufgingen, lernten sie sich in den Augen der Anderen sehen: Da erkannten sie, daß sie nackt waren. Diese Nacktheit ist das biblische Äquivalent des philosophischen Andersseins. Das, was ich unter dem Zwang der Logik der Scham (unterm Rechtfertigungszwang) in mir verdrängen muß, ist damit nicht wirklich verschwunden: Es erscheint in der Gestalt des Fremden (zugespitzt in den Gestalten des Feindes, des Verräters und in der der Sexualität, der weiblichen Verführung), der, weil er der Systemlogik des Andersseins sich nicht einordnet, zur Projektionsfolie meiner Verdrängungen wird. In dieser Logik gründet die Xenophobie.
    Läßt die Beziehung des Andern zum Fremden nicht an der Beziehung des Inertialsystems zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sich ablesen? Bezeichnet nicht die Lichtgeschwindigkeit (zusammen mit der Gravitationskonstanten) genau den Fremdheitspunkt im System? Im Inertialsystem ist die Division durch 0 (das Äquivalent der Orthogonalität) nicht gleich Unendlich, sondern = c, gleich der Lichtgeschwindigkeit (vgl. hierzu die Erörterungen Derridas über die Beziehungen der Begriffe des Andern, des Fremden und des Unendlichen in seinem Essay über Levinas, in: Die Schrift und die Differenz, S. 121ff, insbes. S. 149ff, 159ff, 174).
    Die 0 (Null) ist der Statthalter der Orthogonalität in der Mathematik. Die Vorstellung der Unendlichkeit des Raumes ist durch ein dreifaches Nichts (durch drei Nullen, die erst durch ihre wechselseitige Reflexion mit einander identisch, zu Nullen, werden: durch eine dreifache Abstraktion) vermittelt. Vorläufer der Null, ihr Statthalter in der Sprache, war das Neutrum, in der Schrift symbolisiert durch die Schlange: „An jenem Tage wird der HERR mit seinem harten, großen und starken Schwerte heimsuchen den Leviathan, die flüchtige Schlange, und den Leviathan, die gewundene Schlange, und wird den Drachen töten, der im Meere haust“ (Jes 271).
    Die Null ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, sie ist dann zu einem Instrument im Klassenkampf geworden.
    Redundanz: Der Begriff des Rassismus erklärt die Xenophobie auf der Basis und im Rahmen der Logik der Xenophobie.
    Zur Geschichte des Objektbegriffs: Die Kopenhagener Schule hat die ungelösten Probleme der Äthertheorie in den mikrophysikalischen Objektbegriff mit hereingenommen, sie hat sie zu dinglichen Eigenschaften von Objekten (der „Elementarteilchen“) gemacht. Hierauf bezog sich meine These, daß die Strukturen der Mikrophysik (des gesamten Bereichs, den das Plancksche Wirkungsquantum eröffnet hat) aus der Form des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit neu definierten Inertialsystems sich müssen herleiten lassen.
    Hat der Faschismus nicht eine sehr christliche Tradition terroristisch zugespitzt, als er den Opfern auch nachträglich noch unauslöschliche Schuldgefühle mitgegeben hat? Der daraus sich herleitende Rechtfertigungszwang läßt sich nur im Kontext der Reflexion der Genesis dieser Schuldgefühle (die gegenstandslos, aber nicht grundlos sind) auflösen. Und nur auf die Auflösung dieses Rechtfertigungszwangs, nicht der Schuldgefühle, kommt es an. Was heute Religion heißt: der vergebliche Versuch, diese Schuldgefühle (unter Hinweis auf ihre Gegenstandslosigkeit) loszuwerden, bleibt in diese Rechtfertigungszwänge verstrickt. Diese Religion ontologisiert das Schuldverschubsystem: Sie macht sich selbst lahm und blind.
    Liegt das ungeheure symbolische Potential des Konflikts um die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie nicht in ihrer Beziehung zu diesem Schuldverschubsystem? Welch schreckliche symbolische Logik liegt nicht in der Geschichte, daß C. F. von Weizsäcker, der in die Entstehungsgeschichte der angeblich friedlichen Nutzung der Atomenergie involviert war, vor Jahren sich einen privaten Atombunker gebaut haben soll? Und ist die Wirksamkeit des Schuldverschubsystems nicht direkt an seiner Formel für die Energiebilanz der Sonne, die eigentlich auf die Technik der „Uranmaschine“ abzielte, abzulesen (an der kosmologischen Verschiebung eines technischen und erkenntnistheoretischen Problems)? Auch das ein Versuch der Verharmlosung (und Schuldentlastung): die Verschiebung des Problems aus einer ethisch relevanten in eine ethikfreie Zone: ins Kosmologische. War dieses Konstrukt nicht ein Vorläufer der „kosmologischen“ Theorien des Urknalls oder auch des Schwarzen Lochs (der „Kosmologisierung“ technischer Redundanz-Probleme)?
    Entsühnung der Welt: Ersetzen heute nicht Exkulpationsmechanismen, der Trieb, den Komfort des guten Gewissens sich zu erhalten, immer deutlicher und massiver die Arbeit an der Erkenntnis dessen, was hinter dem Vorhang sich abspielt? Heute wollen die Menschen nicht mehr wissen, was sie tun, sie wollen nur noch, was sie tun, ohne Schuldgefühle tun.
    Beim Tod Jesu „(zerriß) der Vorhang im Tempel … von oben bis unten in zwei Stücke, und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der Entschlafenen wurden auferweckt; und sie kamen nach seiner Auferweckung aus den Grüften hervor, gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen“ (Mt 2751f). Wird hier nicht beschrieben, was „hinter dem Vorhang“ ist?

  • 20.11.95

    Die Opfertheologie ist das Produkt der Spiritualisierung des Moloch.
    Schuldverschubsystem: Die Verführung des Wissens (die Dogmatisierung des Glaubens, seine Übersetzung in den Indikativ) kehrt den Imperativ (und mit ihm die Zeit) um, indem es den Hörenden zum Ankläger und Richter: das Schuld- zum Glaubensbekenntnis macht. Seitdem unterliegt der Glaube dem Rechtfertigungszwang (seitdem gibt es das vergebliche Bemühen der Gottesbeweise). Aus der Vergebung der Sünden wird unterm Rechtfertigungszwang die Entlastung von Schuldgefühlen durch Schuldverschiebung, die das Herrendenken kennzeichnet.
    Zur Kritik der Naturwissenschaften: Wer vom Gegenblick abstrahiert, verfällt ihm: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Joh 129 ist der Schlüssel zur Reflexion des Gegenblicks, sein telos ist die Heiligung des Gottesnamens (die Theologie im Angesicht Gottes).
    Nach der Dialektik der Aufklärung ist die Distanz zum Objekt, Voraussetzung aller Abstraktion, vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt. Verweist das nicht darauf, daß der Begriff des Objekts ein apriorisches Konstrukt bezeichnet, in dessen Identität die des Subjekts sich widerspiegelt? Beide, Subjekt und Objekt, aber bilden eine Konstellation, die in sich selber herrschaftsgeschichtlich vermittelt ist. Die „Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, wird verkörpert durch die subjektiven Formen der Anschauung (durch Raum und Zeit), durchs Geld und durch die Bekenntnislogik. Alle drei konstituieren und entfalten sich in einem gemeinsamen Abstraktionsprozeß, in dem sie sich wechselseitig determinieren, stützen und durchdringen. Das Geld stützt ebenso die Bekenntnislogik, wie in beiden die logischen Konstruktionselemente des Raumes sich reflektieren. Sie bilden einen gemeinsamen Verblendungs-, Herschafts- und Schuldzusammenhang. Im Stern der Erlösung sind Welt Gott Mensch die Repräsentanten der Elemente dieser Konstellation.

  • 16.11.95

    Die These, man müsse den Staat dazu bringen, sein faschistisches Gesicht zu zeigen, weiß nicht nur nicht, was Faschismus heißt, sie ist ebensosehr Ausdruck der Hilflosigkeit des militanten Antifaschismus. Es kommt nicht darauf ein, ein Urteil zu vollstrecken (auch nicht das Urteil des Geschichte, das selber unterm Bann des Faschismus steht), sondern die Erkenntnis wie das Handeln vom Bann des Urteils zu befreien.
    Es gibt zwei Formen der Beziehung der Vergangenheit zur Erkenntnis: Während die Naturwissenschaft die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert, ratifiziert der Historismus die Vergangenheit des Vergangenen. Beide gemeinsam rücken die Gegenwart in das Licht der Vergangenheit (Ursprung der subjektiven Formen der Anschauung, Grund der Ästhetisierung der Wirklichkeit).
    Nur bei Johannes steht die Geschichte mit der Aufschrift am Kreuz, auf die Pilatus schreiben ließ: Jesus der Nazoräer, der König der Juden (1919).
    Wer war der erste Confessor, und wer war die erste Virgo? Während das Martyrium noch auf die unmittelbar bevorstehende Parusie bezogen war, ist der neue Heiligentyp auch eine Konsequenz aus der Enttäuschung der Parusie-Erwartung (der Rezeption des Weltbegriffs). Confessor und Virgo waren gleichsam das erste aus dem Paradies der zukünftigen Welt vertriebene Menschenpaar, und der katholische Himmel eine Verkörperung der gefallenen zukünftigen Welt (zweiter Sündenfall, mit Alexander und seinen caesarischen Nachfolgern als Cherube mit dem Flammenschwert vor der verschlossenen Zukunft. Ist der Katholizismus die Erzeugungsmaschine der Wolken, auf denen der Menschensohn einst kommen wird?
    Verweist der Satz des Paulus, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet, nicht darauf, daß die ganze Schöpfung teilhat an der Passion und am Kreuzestod Jesu? Hat Kopernikus den Kosmos ans Kreuz geschlagen, und war Newton der Paulus dieser neuen Theologie?
    Die Geschichte ist das Produkt der Historisierung, wie die Welt das Produkt der Verweltlichung und die Natur das Produkt des Objektivationsprozesses ist.
    Die Astronomie, die Elektrodynamik und die Mikrophysik sind auch ein Beweis für die Sprengkraft des Inertialsystems, des Herrendenkens, das in diesem System sich verkörpert.
    Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung gehören zur Vorgeschichte der Konstituierung des Inertialsystems. Der Jude, das war der Feind, der Ketzer der zum Verräter gewordene Genosse und Frau war das, was unten ist.
    Nach welchen Prinzipien sind in den Nationalsprachen die Zahlen gebildet worden, und welche Konnationen stecken in diesen Bildungen (im Deutschen mit der Folge Hunderter, Einer, Zehner: Sechshundert sechs und sechzig, im Englischen in der logischeren Folge Hunderter, Zehner, Einer: sixhundred sixty six; was bedeutet die abweichende, auch auf Subtraktionen zurückgreifende Zahlenbildung im Französischen)? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Trennung der (arabischen) Zahlen von der Schrift, der Einführung der Null (aus Indien über die Araber), der Bildung der Dezimalzahlen und der modernen Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (die Null ist das Korrelat der unendlichen Ausdehnung des Raumes), dem Ursprung der analytischen Geometrie und der doppelten Buchführung? Die Null hat (als mathematischer Reflex der Unendlichkeit) die Mathematik von der Sprache getrennt, sie gleichsam auf ihre eigenen Füße gestellt. In der Geometrie repräsentiert die Null den Ursprungspunkt des Raumes: den Repräsentanten des Subjekts und des Objekts zugleich. Die Null hat den Raum zur subjektiven Form der Anschauung gemacht, sie war der Ich-Generator; sie hat die Schöpfungslehre verwandelt. Erst das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat die Null widerlegt (oder auch dynamisiert).
    In welcher Beziehung steht die Logik der durch die Null neu begründeten Mathematik zur Logik der symbolischen Zahlen (die ihre eigene Rationalität haben, die nicht widerlegt, nur verdrängt worden ist)?
    Habermas‘ Konzept eines herrschaftsfreien Diskurses wird durch schon durch den Hinweis auf die Deklination (insbesondere auf den Genitiv, das innersprachliche Äquivalent der Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen) widerlegt.
    Das Substantiv bindet den Nominativ ans Inertialsystem.

  • 13.11.95

    Ist die Bezeichnung der Urkirche als „Sekte“ nicht ebenso konsequent wie anachronistisch, wenn man – wie Wayne A. Meeks – die gesamte Eschatologie, das apokalyptische Element in der paulinischen Theologie, nur als ein Instrument der Gemeinschaftsbildung (der Bindung nach innen und der Abgrenzung nach außen) begreift? Der Begriff der Soziologie, der den Erörterungen Meeks‘ zugrundeliegt, projiziert die Gegenwart in die Vergangenheit, weil er von der politischen, herrschaftsgeschichtlichen Reflexion abstrahiert.
    An der Zeit wäre eine Kritik der Naturwissenschaft, die sie nicht „widerlegt“, wohl aber die Wunde, die sie geschlagen hat, erfahrbar macht.
    Das Inertialsystem hat die subjektiven Formen der Anschauung Kants nicht nur vergegenständlicht, sondern zugleich die Zeit unter die Form der äußeren Anschauung subsumiert. Das war der Preis für die Konstruktion des Inertialsystems. Aber ist nicht in der gleichen Bewegung der Raum zu einer Form der inneren Anschauung geworden: zur Grundlage und zum Medium der subjektiven „Vorstellungen“, zum Phantasieraum?
    Verletzt nicht der Rassebegriff, die Vorstellung von Erhaltung der Reinheit des Blutes, indem er der Exogamie den Weg verstellt, das Inzestverbot (Zusammenhang mit dem modernen Naturbegriff!)?
    Der „Mantel der Nächstenliebe“ übt Gnade für die Täter, aber er ist gnadenlos gegen die Opfer.
    Die Maschine, die Hegel in der Einleitung zur Phänomenologie des Geistes als das Reifen des sich bildenden Geistes mißversteht (Bd 3 der Theorie-Werkausgabe, S. 18), hat nach Hegel weitergearbeitet, sie hat sich durch die Idee des Absoluten nicht bremsen lassen.
    Im Rahmen einer Kritik der Beweislogik wäre nachzuweisen, daß es Beweise gibt, die das genaue Gegenteil dessen beweisen, was sie zu beweisen vorgeben. Darauf bezieht Benjamins Satz „Überzeugen ist unfruchtbar“. Die Kritik des ontologischen Gottesbeweises ist unter Berücksichtigung Hegels nach Kant über Kant hinauszutreiben.
    Im Lateinischen heißt Beweis demonstratio. Dr Begriff und die Methode des Beweises stammen aus der Geometrie (von Euklid bis Spinoza).
    Steckt nicht in jedem Beweis etwas vom Anspruch der Intersubjektivität, der dem andern bedeutet, dem eigenen Denken zu entsagen. Der Beweis fordert die Unterwerfung unter eine Logik, die – allerdings nicht grundlos – zu durchbrechen wäre. Es ist kein Zufall, daß die Formalisierung der Logik zu Lasten der Logik der Begründung geht. Die Argumentation appelliert auch an die Namenskraft der Sprache, in der der Satz „Wer A sagt, muß auch B sagen“, nicht unbedingt gilt.
    „Rede von Gott“: Die Rede ist per definitionem monologisch. Ihr Adressat ist nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft: ein Kollektiv. Wer einen einzelnen „zur Rede stellt“, will, daß er sich „unterordnet“, in eine ihm vorgeordnete Gemeinschaft wieder eingliedert. Reden erwarten keine Antwort, vielleicht Beifall, aber niemals Widerspruch. Die Rede ist die säkularisierte Predigt. Keine Rede ohne Selbsterhöhung, ohne die Hybris des Redenden. Es ist diese Hybris, die sich den Hörern mitteilt (und die von ihnen erwartet wird). Hitler war in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich, ein Redner. Seine politischen Handlungen waren Inszenierungen, die den Raum, den Resonanzboden, für seine Reden bereiten sollten (der Zusammenbruch des Faschismus war der Zusammenbruch dieses Raumes: danach, ohne diesen Raum, war Hitler ein Nichts, nur noch eine komische Figur: einer, der sich grundlos aufregt). Es gibt keine Rede ohne Ritual, ohne standardisierte Argumentation, auch ohne den spezifischen Ton der Rede. Die Rede lebt von dem Klima der Empörung, das sie erzeugt (darin gleicht sie dem Gerede, mit dem sie unter dem beiden gemeinsamen Bann von Rechtfertigungszwängen steht, auf deren Instrumentalisierung, die ausschließlich über die Mechanismen der Empörung läuft, sie abzielt). Ziel der Rede ist es, Emotionen zu wecken, „Hunde hinterm Ofen hervorzulocken“. Für die Hörer ist die Rede der Handlungsersatz (das moralische Alibi) der Ohnmächtigen. Das Grundmodell der Rede ist die antisemitische Rede. Reden sind ghettobildend: Sie „überzeugen“ nur die eigenen „Anhänger“, andere erreichen sie nicht mehr.
    Zum Begriff der Rede: Jemandem „ins Gewissen reden“ heißt, ihm das Gewissen ausreden.

  • 10.11.95

    Hegels Logik steht unterm Bann des Dingbegriffs, sie ist eine Dinglogik. Sie vermag den Knoten, der das Ich mit dem Ding verknüpft, nur zu reflektieren, nicht zu lösen.
    Der Weltbegriff ist das Produkt und die Organisationsform der Selbstreflexion des Andersseins der Dinge (ihrer Erscheinung). Hieran läßt sich erkennen, daß der Andere und das Fremde nicht nur nicht bedeutungsgleich sind: Der Fremde erscheint als Fremder im Kontext der Selbstreflexion des Andersseins. Der Fremde ist das Realsymbol der ausschließenden Gewalt des Weltbegriffs (an ihm läßt der nationale Grund des Weltbegriffs sich ablesen).
    Oben und unten: Welcher Logik ist es zu verdanken, wenn der Rassismus mit Rangordnungsstrukturen, mit Wertordnungen und hierarchischen Abstufungen verbunden ist, mit paranoiden Verschwörungskonstrukten und mit Reinheitszwängen: mit einem Hygienezwang, der bis zum Genozid fortschreitet? Ist nicht der Antisemitismus in der Tat die Wurzel des Rassismus (und nicht nur eine seiner Erscheinungesformen)? Welches objektiv destruktive Potential steckt nicht in der Verharmlosung des Rassismus zur Weltanschauung, die ihn der Bekenntnislogik unterwirft, die selber ein Ausfluß des Rassismus ist, nicht seine Grundlage.
    Ist der kyrios als messianischer Titel Jesu der über die LXX vermittelte Gottesname adonai, der Deckname des Tetragrammatons, das selber nicht ausgesprochen werden durfte? Was bedeutet es, wenn dieser Deckname dem Christus Jesus zuerkannt wird, gleichzeitig aber das Tetragrammaton ersatzlos verschwindet? Der Name des Vaters benennt ihn bloß, er ist kein Name, in dem sich Gott selbst zu erkennen gibt.
    Ist das Dogma der Tempel, mit dem Opfer als Grundlage: das Haus seines Namens? Läßt sich die Geschichte des Dogmas (die bruchlos in die naturwissenschaftliche Aufklärung übergeht) an der Geschichte der Architektur des Kirchenbaus ablesen? Hat Hegel nicht die Geschichte der Architektur als die Geschichte der Organisation der Schwere und des Lichts aufgefaßt und beschrieben? Ist hier nicht das Verbindungselement, das das Dogma mit der naturwissenschaftlichen Aufklärung verbindet?
    Hören und Sehen: Die Nacktheit (da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren) verweist auf die Entkleidung der Dinge, ihr Herausfallen aus dem (paradiesischen) seligen Sprachgeist. Nackte Tatsachen sind obszön, und die subjektiven Formen der Anschauung, in deren Kontext sie sich konstituieren, sind der Unzuchtsbecher der Apokalypse.

  • 7.11.95

    Der historische Objektivationsprozeß macht das Objektivierte eigentumsfähig, indem er es instrumentalisiert.
    Allgemeinbegriffe wie „Sein“ und „Mensch“ unterdrücken und verdrängen den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten. Die Ontologie ist eine Waffe der Herrschenden im Klassenkampf.
    Hat nicht „gewissenhaft“ etwas mit „Schutzhaft“ zu tun? Das Suffix „-haft“ begründet eine Subsumtionsbeziehung, eine Objektbeziehung, in der das durch das Suffix adjektivierte Substantiv zu einer Funktion wird, die das Objekt instrumentalisiert, es eigentumsfähig und für Herrschaftszwecke nutzbar macht (vgl. auch tugendhaft, schamhaft, zweifelhaft, zaghaft, mannhaft, „personhaft“ u.ä.).
    Hängt „heftig“ mit dem Suffix „-haft“ zusammen?
    Das Gravitationsfeld ist noch eine Erscheinung im Raum (im Inertialsystem), während das elektromagnetische Feld und alle elektrodynamisch vermittelten Erscheinungen durch die Form des Systems vermittelt, von dieser Form nicht abzulösen sind.
    Hat nicht die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Voraussetzung aller objektiven Erkenntnis) etwas mit der Beziehung von Rind und Esel zu tun, mit Joch und Last? Und drückt diese Beziehung nicht in der Beziehung, die Einstein einmal mit der Formel „Identität von träger und schwerer Masse“ bestimmt hat, sich aus?
    Zur Logik der Schrift: Steckt nicht in der Ursprungsgestalt jeder Erkenntnis ein Überschuß, der mit der Kanonisierung der Erkenntnis, mit ihrer Aufnahme in den Bestand des gesicherten Wissens, der Wissenschaft, unterdrückt und verdrängt wird? Und ist nicht die Urgeschichte des Christentums, die Beziehung des Dogmas zur Lehre Jesu: die Verinnerlichung des Opfers, das Modell dieses rätselhaften Vorgangs? (Verhält sich die Theologie des Paulus zur Lehre Jesu wie die Elektrodynamik zum Licht?)

  • 6.11.95

    Die Welt ist der Moloch, der die Kinder frißt. An der Gewalt des Tötens beweist sich die Realität der Welt.
    Macht wird verliehen, Gewalt wird ausgeübt, während Herrschaft wie die Natur „gegeben“ ist.
    Die Trägheit verhält sich zur Schwere wie das Tauschprinzip zur Schuldknechtschaft. Bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen nicht auch auf einen physikalisch-astronomischen Sachverhalt?
    Der „freie Fall“ ist die Wahrheit des Relativitätsprinzips. Die Gegenbewegung zum Fall ist das Feuer.
    Das Christentum hat das Feuer vom Himmel getrennt und als Feuer der Hölle (und des Fegfeuers) hypostasiert. In dieses Feuer wurden die geschickt, die es vom Himmel holen wollten (und wollten, es brenne schon).
    Die Scheiterhaufen haben die descensio ad inferos instrumentalisiert (wie die dogmatische Theologie insgesamt, mit der Opfertheologie im Kern, den Kreuzestod).
    Wodurch unterscheidet sich der Dekalog im Exodus von dem im Deuteronomium (außer durch die Begründung des Sabbat, der im Buch Exodus aus dem Sechstagewerk der Schöpfung und im Deuteronomium aus dem Exodus abgeleitet wird)?
    Die Ohrenbeichte hat das Bekenntnis, indem sie es von der Versöhnung getrennt hat, zu einem Instrument der Komplizenschaft gemacht: Zusammenhang mit Opfertheologie und Bekenntnislogik.

  • 3.11.95

    Aufklärung ist die letzte Chance, nachdem der Determinismus, der in der Entfremdungserfahrung des Proletariats den wirksamen Grund der Revolution zu erkennen glaubte, im Faschismus seine raison d’etre und im Stalinismus seine Unschuld verloren hat.
    Wie hängt die Vorstellung, daß Gott die Thora nicht nur selber geschrieben hat, sondern auch weiterhin studiert, mit der Vorstellung vom Buch des Lebens zusammen, in dem die Taten der Menschen aufgezeichnet sind, und in dem sie am Ende sich selbst erkennen?
    Der Kreuzestod hat die Welt nicht entsühnt, sondern ihren Zustand offengelegt.
    Binden und Lösen: Die Orthodoxie hat die Wahrheit einer Zwangslogik unterworfen. Das mathematische Äquivalent dieser Zwangslogik ist die Orthogonalität. Die Griechen haben die Winkelgeometrie erfunden/entdeckt: Der Satz des Thales, der pythagoreische Lehrsatz und schließlich die euklidische Geometrie sind Stufen der Entfaltung der Logik der Orthogonalität.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist ein Teil der physikalischen Lösung des Problems der Orthogonalität.
    Was drückt eigentlich in der Beziehung der Köpfe, Hörner und Kronen sich aus, durch die apokalyptischen Tiere sich unterscheiden? Hat die Beziehung von Köpfen, Hörnern und Kronen etwas mit dem Verhältnis von Herrschaft, Macht und Gewalt oder von Ökonomie, Staat und Religion zu tun? Der Drache unterscheidet sich vom Tier aus dem Wasser dadurch, daß er die Kronen auf seinen Köpfen hat, während das Tier aus dem Wasser sie auf seinen Hörnern hat. Ist der Drache die Ökonomie, das Tier aus dem Wasser der Staat und das Tier vom Lande die Religion?
    Zum Ursprung der Ohrenbeichte (der Priester wird Stellvertreter des Opfers, nimmt ihm die Kompetenz der Vergebung und Versöhnung ab) und zur Geschichte des neuen Sündenbegriffs (der das Bewußtsein und den Willen zu sündigen mit einschließt, die Formalisierung der ezechielischen Eigenverantwortung): Hat die Kirche nicht, als sie die Ohrenbeichte einführte, den Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was zu tun“ in den Indikativ übersetzt (die Bitte generalisiert und als erfüllt angesehen)? Sie hat damit alle, die nicht wissen, was sie tun, für unschuldig erklärt; seitdem aber bleiben alle dumm: die einen angepaßt und „fromm“, die andern rücksichtslos und schlau. Aber sind wirklich, wenn keiner mehr weiß, was er tut, alle unschuldig (ist keiner mehr Täter, verantwortlicher Urheber seiner Handlungen, sind alle nur noch Opfer: Selbstmitleidssyndrom)?
    Wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, sind alle nur noch Objekt dieses Gerichts, gibt es keinen Ausweg aus der Urteilsmaschine (sind die Pforten der Hölle geschlossen).

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