Die Dinge beim Namen nennen, das heißt: einen Stuhl einen Stuhl, ein Elektron ein Elektron, einen Mörder einen Mörder, einen Nazi einen Nazi, einen Juden einen Juden und eine Terroristin eine Terroristin nennen; es heißt, mit dem Namen ein System von Konnotationen zitieren. Die Dinge beim Namen nennen heißt heute, eine gemeinsame Sprache mit anderen sprechen, ein Einverständnis voraussetzen, das in der Klassengesellschaft in den entscheidenden Fragen nicht mehr gegeben ist. Diese Gemeinschaft, dieses Einverständnis oder auch nur eine gemeinsame „Überzeugung“ ist am leichtesten herzustellen durch die Beziehung zu einem gemeinsamen Feind (dem Repräsentanten des Objekts), welche Beziehung übrigens im Begriff der „verschworenen Gemeinschaft“ aufs deutlichste sich ausdrückt. Und die Aufforderung, die Dinge beim Namen zu nennen, heißt dann, sich zu der Gemeinschaft zu bekennen, die die Dinge bei diesem Namen nennt und sich am gemeinsamen Gebrauch dieses Namens erkennt.
Orthodoxie ist ein Produkt der Anwendung der Orthogonalität auf die Metaphysik. Kern der Metaphysik war die noesis noeseos, das Denken des Denkens, Produkt einer Anwendung des Genitivs (der grammatischen Form der Herrschafts- und Eigentumsbeziehung) auf die Beziehung des Denkens zu sich selbst. Die spekulative Entfaltung der noesis noeseos war die Trinitätslehre, die nicht sowohl in den christlichen Ursprüngen, auf die sie sich berief, gründete, als diese vielmehr als Stichwortgeber für die Konstrukte ihrer eigenen spekulativen Zwangslogik nutzte und verwertete.
Ähnlich wie an den Begriffen physis und natura, an kosmos und mundus, läßt sich die Beziehung der griechischen zur lateinischen, der prä- zur postdogmatischen Sprache, am Verhältnis von pneuma und spiritus, prosopon und persona demonstrieren. Bei den letzteren ist der Hinweis auf die grammatische Geschlechtsverschiebung nicht unwichtig (beim Geist vom Femininum ins Maskulinum, bei der Person vom Neutrum ins Femininum).
Prosopon ist das neutralisierte Angesicht, persona dessen Instrumentalisierung zur Maske (durch die hindurch die Stimme tönt): Vorläufer und geschichtslogischer Grund der subjektiven Formen der Anschauung. Sind nicht alle Anschauungen „persönliche Anschauungen“, Konstrukte aus vermittelter Unmittelbarkeit und Subjektivität? Läßt sich aus dem prosopon ein dem des Persönlichen vergleichbares Adjektiv bilden, mit vergleichbaren Konnotationen, und gibt es ein Äquivalent zur Hypostasierung dieses Adjektivs, zur Persönlichkeit?
Ist der logische Bildungsprozeß, dem der Name der Persönlichkeit sich verdankt, nicht ein Reflex und eine Rekapitulation der Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs? Ist die Persönlichkeit nicht ein Produkt der dreifachen Leugnung (mit der Selbstverfluchung am Ende): Produkt der Hypostasierung des neutralisierten und instrumentalisierten Angesichts? Im Kern dieses Bildungsprozesses steckt die Logik der Gemeinheit, die Hegel List der Vernunft genannt hat.
Auf dem Boden des Herrendenkens, zu dem es heute keine Alternative mehr zu geben scheint, ist die andere Seite die stärkere.
Die Orthogonalität ist das geometrische Äquivalent der algebraischen Multiplikation. Die Formel 3 x 5 läßt sich durch eine dreifache Fünfergruppe oder durch eine fünffache Dreiergruppe abbilden. Diese Gruppenbildung, deren Elemente gleichnamig sein müssen, aber ist das Äquivalent der Begriffsbildung, Abbild der Subsumtionsbeziehung von Begriff und Objekt. Begriffsmerkmale sind Dimensionen in einem durch Orthogonalität definierten Kontinuum.
Um Verständnis bitten ist nicht dasselbe wie um Mitleid bitten (ebensowenig wie alles verstehen alles verzeihen heißt).
Dekonstruktion des Praesens als Voraussetzung der Rekonstruktion der Gegenwart.
Naturwissenschaft
-
11.10.1995
-
10.10.1995
Jörg Huffschmid weist in einem Beitrag für den Informationsdienst Weltwirtschaft und Entwicklung (Sonderdienst Nr. 8/95) darauf hin, daß der Handel mit Waren und Dienstleistungen nur etwa 1 – 5 % der Devisenmarktumsätze (Termin-, Zins- und Währungsspekulationen) ausmacht. Der Umfang des Devisenmarktgeschäfts steigt relativ und absolut ständig. Das Geschäft ist zentriert in den Banken und den Börsen, greift aber inzwischen über auf Großunternehmen, die ihre eigenen Devisengeschäftabteilungen eingerichtet haben (AEG: Bank mit Elektroabteilung; Genossenschaften: Bank und Warengeschäft; Spezialfall Getreidehandel: Becher, Bremen). Hat die Beziehung von Geld- und Warenbewegung etwas mit der speziellen Relativitätstheorie Einsteins zu tun, mit der dem Relativitätsprinzip zugrundeliegenden Vorstellung der Äquivalenz von Objekt- und Systembewegung (Definition des Trägheitsbegriffs)? Ist die Vorstellung, man könne das („unmoralische“) Devisengeschäft zugunsten des („moralischen“) realen Geschäfts (der verwendungs-, nicht gewinnorientierten Ausrichtung des Kapitalverkehrs am Güter- und Arbeitsmarkt) durch fiskalische Maßnahmen („Tobin-Tax“) eindämmen, nicht insoweit naiv, als das „moralische“ Problem des Kapitalismus nicht im Gewinn, sondern in der unvermeidlichen Verknüpfung des Reichtums mit der Erzeugung von Armut liegt? Liefert nicht erst dieser Zusammenhang einen Hinweis auf die Logik dieser Verknüpfung, die nicht technisch, nur politisch auflösbar ist?
Jörg H. vermutet den Hauptwiderstand gegen eine Regulierung der Finanzmärkte mit Hilfe von Steuern in den „Gewinninteressen des Bankensektors“. Das ist nur die halbe Wahrheit. Ist nicht viel wichtiger ein wirtschaftliches Interesse der Nation, für das das Schlagwort „Standort Deutschland“ steht; gehen die Kosten des liberalisierten Devisenmarktes nicht zu Lasten der währungsschwachen Länder; und sind nicht die währungsstarken Länder (G 7!) existentiell daran interessiert, auf diesem Wege ihre Außenhandelsbilanz (und damit ihre Währung) zu stabilisieren? Nur: die Stabilisierung der Außenhandelsbilanz auf diesem Wege stürzt die Außenwelt in die Schuldenabhängigkeit, sie bereitet draußen das Terrain für Billigproduktionsbedingungen, und sie eröffnet damit die Wege für den Reimport der Armut (für Massenarbeitslosigkeit, Lohndruck, Kürzung der Sozialleistungen): für einen Armutskrise, die die ganze Welt ergreift.
Hat die Bank (deren Name sowohl den Ort des Geldgeschäfts als auch ein zum Sitzen geeignetes Möbelstück bezeichnet) etwas mit dem Himmel zu tun: „Der Himmel ist Sein Thron, die Erde der Schemel Seiner Füße“? Die Bank ist der Thron des Mammon, der die Kinder seiner Diener frißt.
Modell der Projektion: Wie gehen Banken, die doch selber die Schuldner ihrer Einleger sind, mit ihren Schuldnern um?
Ist nicht die Beziehung des Rechts zu den Sanktionen, die ihm Realität verleihen (zur Strafe), das gesellschaftliche Äquivalent der Orthogonalität, die die Keimform der naturwissenschaftlichen Gesetze ist? In welcher Beziehung steht das Opfer zur Strafe?
Der Beschluß des 5. Senats des OLG Frankfurt zum Antrag Hubertus Janssens (zu seiner Bitte um Genehmigung eines von Birgit Hogefeld gewünschten seelsorglichen Gesprächs) behandelt den Antragsteller nur noch als Objekt: Der Beschluß ist nicht an ihn, sondern über ihn ergangen. Nur so vermag sich das mit diesem Beschluß auch dem ganzen Prozeß zugrundeliegende Freund-Feind-Denken selbst zu begründen. Aber auch nur so ließ sich die argumentative Kraft des Antrags außer Kraft setzen (das macht die „Gründe“ des Beschlusses zugleich so hilflos). -
9.10.1995
In der Öffnung des Himmels kündet sich die der Gräber an: das Wunder der Auferstehung (Ez 1 und 37). Die „Versöhnung über den Gräbern“ dagegen, in der das Herrendenken mit sich selbst sich versöhnt, verschließt den Himmel, zu ihren Voraussetzungen gehört die kopernikanische Wende, der als wahr unterstellte Verdacht des unendlichen Raumes, die kosmologische Verkörperung der Infamie.
Die Antinomien der reinen Vernunft und die Beantwortung der Frage, weshalb die subjektiven Formen der Anschauung gleichwohl objektive Bedeutung haben, gehören zusammen. Ihre Erörterung ist Teil des ersten Versuchs einer Kritik der Logik der Infamie.
Konstituiert sich das Planetensystem mit dem Gravitationsgesetz, der Fixsternhimmel mit der Objektivation des Lichts (mit der Konstruktion der Erscheinung der Fortpflanzung des Lichts im Raum)? Kann es sein, daß sich die Hubble-Konstante und deren Erklärung durch den Doppler-Effekt gleichsam invers auf das Gravitationsgesetz beziehen?
Erde, Acker, Land, Welt: In welcher Beziehung stehen diese Namen zu den Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen? Die Erde wurde (mit dem Himmel) erschaffen, der Acker, aus dem Adam genommen wurde, wurde durch ihn verflucht; das Land bezeichnet den Herrschaftsbereich des Königs, der Name des Fremden gehört zu dem des Landes; die Welt ist das Werk und das Korrelat des Imperialismus.
Wie hängt der Fluch mit dem Begriff des Heiligen, der theologischen Grenze des Eigentumsbegriffs (des Staates, des Weltbegriffs), zusammen? Verflucht sind die Schlange, der Acker und Kain. Korreliert die Geschichte des Fluchs mit der des Eigentums und der Herrschaft? Hegel hat sich als „verdammt, ein Philosoph zu sein“ erfahren.
Benennen: Benannt wird das Tier. Hervorgebracht wurden die Tiere durch die Erde, benannt durch Adam. War diese Benennung das urzeitliche Unglück, an das die Tiere nach der Dialektik der Aufklärung immer noch erinnern? Wie hängt die Unterscheidung des Tiers aus dem Meere von dem Tier vom Lande (die Unterscheidung von Natur und Welt?) mit der Benennung der Tiere durch Adam zusammen?
Der Satz „Ihr seid das Licht der Welt“ verweist auf das Werk des ersten Schöpfungstags, des gleichen Tags, der dann als achter Tag zur dies dominica geworden ist. Vgl. Licht und Finsternis bei Jes (457 zusammen mit 520, 2918, 427, 475, 499, 5810, 602). Beziehen sich Licht und Finsternis auf das Verhältnis von strengem Gericht und Barmherzigkeit? Die Finsternis ist das Korrelat der objektlos gemachten Barmherzigkeit. Das Licht ist sinnlich und übersinnlich zugleich.
Gegen die naturwissenschaftliche Logik ist daran festzuhalten, daß das Licht vor der Sonne, dem Mond und den Sternen erschaffen wurde. -
8.10.1995
Die Wendung, daß eine Sache gegenstandslos (geworden) sei, ist aufschlußreich: Entsteht das steinerne Herz nicht genau dort, wo die Barmherzigkeit gegenstandslos wird? Die Logik, die die Barmherzigkeit gegenstandslos macht, ist erstmals in der Kritik der reinen Vernunft zum Gegenstand der Untersuchung geworden.
Der Begriff der Erkenntnis ist heute auf einem Felde angesiedelt, auf dem die Theologie nur verlieren kann. Da hilft keine Apologetik mehr. Nicht auf die Verteidigung der Theologie kommt es an, sondern auf verteidigendes (parakletisches) Denken als Organ der Theologie.
Die Hoffnung, daß das Problem des Faschismus auf biologischem Wege, durch Aussterben der Nazis, sich löst, trügt nicht nur, sondern ist selbst ein faschistisches Konstrukt. Es gibt keine Gnade der späten Geburt. Und das Grauen, das der Faschismus benennt, ist eins, das erst in zweiter Linie von Personen ausgeht. Der Faschismus pflanzt sich über Strukturen fort.
Der alte deutsche Rechtsgrundsatz „mitgefangen, mitgehangen“ lebt in den Terrorismusprozessen wieder auf. Es erübrigt sich, Birgit Hogefeld auch nur eine der Taten, deretwegen sie angeklagt ist, nachzuweisen, sie ist schon durch ihr Bekenntnis zur raf überführt. Die Kritik des Begriffs der Kollektivschuld und seine Ersetzung durch den der Kollektivscham hat das zugrundeliegende Problem nur verdrängt, nicht gelöst. Die verdrängte Kollektivschuld kehrt hier in veränderter Konstellation (in instrumentalisierter Gestalt) wieder (und wie wirkt sich diese veränderte Konstellation auf die Kollektivscham, die Zwillingsschwester der Kollektivschuld, aus?).
Hitler als Generalprobe: zum historischen Faschismus gehört das Radio, mit dem Fernsehen hat er sich nicht in der Substanz, wohl aber in seinen Erscheinungsformen verändert; Hinweis auf eine Geschichtsphilosophie des Hörens und Sehens?
Drei Formen der transzendentalen Ästhetik:
– Raum und Zeit: die Naturwissenschaften subsumieren das Vorn unter das Hinten,
– das Geld: der Kapitalismus subsumiert die rechte unter die linke Seite, und
– die Bekenntnislogik: das Dogma und die Opfertheologie subsumieren die obere unter die untere Welt.
In jedem Falle wird die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert.
Die Vorstellung des unendlichen Raumes lebt davon, daß es Unterstellungen und Formen des Verdachts gibt, die sich nicht widerlegen lassen. Das heißt nicht, daß sie wahr sind. Die Materie ist der apriorische Gegenstand des Verdachts, der Raum die hypostasierte Form der Unterstellung.
Das Dogma hat die Idee der Ewigkeit in den Begriff des Überzeitlichen transformiert. Zu den Rahmenbedingungen dieser Transformation gehören das Urschisma, die Bekenntnisform der Orthodoxie und die Verurteilung der Häresien. So ist es zur Ursprungsgestalt des Inertialsystems geworden. Das Inertialsystem ist eine Metamorphose des Dogmas. Die innere Beziehung des Dogmas zur Zeit ist ein Teil seiner weltkonstituierenden Funktion.
Gutachten: Die Wahrnehmung, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, reicht weit über den Bereich des Strafrechts hinaus; sie bindet den Wahrheitsbegriff an die Prinzipien der Beweislogik und an die Urteilsform, sie ist die Grundlage der indikativischen Fassung des Wahrheitsbegriffs und gehört so zu den gemeinsamen Prämissen sowohl der dogmatischen Theologie, des Begriffs der Orthodoxie, als auch des Begriffs wissenschaftlicher Erkenntnis und Objektivität. Gemeinheit aber ist allein in theologischem Kontext bestimmbar, im Bereich der Gotteserkenntnis: sie trennt das strenge Gericht von der Barmherzigkeit. Wer die Gemeinheit ins Unerkennbare verschiebt – und das ist die Existenzbedingung des Staates -, macht die Barmherzigkeit gegenstandslos („Beweis“: die Verhältnisse in den Knästen, aber auch vor Gericht, insbesondere im Staatsschutzbereich). Der logische Kern des Dogmas ist nicht zufällig die Opfertheologie. Aber auch gegen das Dogma gilt der prophetische (und prophetische Erkenntnis begründende) Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
Was heißt und woher kommt der Begriff „infam“? Nach Kluge stammt es aus der gleichen Wurzel wie „diffamieren“ (verunglimpfen; von fama, ‚Gerede, Gerücht‘). Das Präfix in- bezeichnet (bei Adjektiven) sowohl die Negation (indiskret) als auch das ‚hinein‘ (instituieren). Infam ist der als wahr unterstellte Verdacht (der das Angesicht Gottes gegenstandslos macht: es gibt kein Herz, in das nur Gott sieht, kein An-sich der Dinge). -
1.10.1995
Liberum arbitrium und die Freiheitsgrade des Raumes: Das Konstruktionsprinzip der Form des Raumes ist das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen im Raum. Die Logik dieses Prinzips verbindet die Form des Raumes mit der Logik des Tauschprinzips (mit der prinzipiellen Reversibilität des Tauschs und der darin gründenden Wahlfreiheit). Die Logik des Tauschprinzips gilt jedoch nur für die Besitzenden, die Armen haben keine Wahl.
O Haupt voll Blut und Wunden: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Orgelmusik und dem Kruzifix? Ist nicht die Orgelmusik Raummusik, schafft sie nicht erst den Raum, in dem dann das Kruzifix seinen Platz findet? Die Orgel erfüllt den Raum, den sie definiert: Ist sie nicht die Antizipation (und nach Bach die Parodie?) des Geistes, der am Ende „die Erde erfüllt, wie die Wasser den Meeresboden bedecken“? Apriorischer Gegenstand der Orgel ist die Passion (während die Messe, und mit ihr die Opfertheologie, erst mit dem Orchester und als Konzert ihre angemessene musikalische Form gefunden hat).
Hanspeter Maurer hat durch die Missa Solemnis (durchs Credo) seinen Zugang zur Trinitätslehre (deren Kern die Opfertheologie, nicht die Passion ist) gefunden. -
28.9.1995
Liegt das Problem der Theologie heute nicht darin, daß in einer Gesellschaft, in der man keine Fehler mehr machen darf, Mitleid als Diskriminierung (als Hinweis auf einen unentschuldbaren Mangel) erfahren wird? Das unterscheidet Gott von der Idee des Absoluten: daß ihn eigene Handlungen „gereuen“. Gott ist lernfähig und nicht „allwissend“. Daß Gott etwas gereut, gehört zu den Attributen, die im Imperativ stehen.
Abraham argumentiert im Falle Sodom mit Blick auf die göttliche Gerechtigkeit, Moses, beim Exodus, im Hinblick auf das Ansehen: Was werden die Ägypter sagen?
Die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft ist die Geschichte der Sünde der Welt. Deshalb ist die Theologie, die Joh 129 aus dem Nachfolgegebot herausnimmt (mit der Vergöttlichung Jesu und der Entsühnung der Welt), Herrschaftstheologie.
Auch in der Theologie hat Griechenland Rom (die Orthodoxie dem Katholizismus) vorgearbeitet: Die griechische Sprache ist vordogmatisch (vorimperialistisch), die lateinische nachdogmatisch (imperialistisch); die griechische Sprache ist die Sprache des Ursprungs und der Entfaltung des Dogmas, die lateinische die seiner Instrumentalisierung. Nur in diesem Kontext werden die Differenzen zwischen natura und physis, mundus und kosmos, und zusammen damit die grammatischen Neukonstruktionen des Lateinischen (paradigmatisch: Plusquamperfekt und Futur II) durchsichtig. Besiegelt wird die Differenz, die ihr Zentrum in der Trinitätslehre hat, durch die Übersetzung von homousia mit consubstantialis. Umgekehrt: Erst die genaue Bestimmung der grammatischen Differenzen (zu denen der Natur- und Weltbegriff als Schlüsselbegriffe dazugehören) macht die lateinische Trinitätslehre (mit dem filioque) durchsichtig.
Die dies dominica ist der achte Tag (der „Tag des Herrn“), der noch nicht eingetreten ist, im Sonntag nur antizipiert wird. Was bedeutet es, wenn es heißt, daß der Menschensohn auch Herr des Sabbats ist?
„Tatsache“, „in der Tat“: Wodurch unterscheidet sich die Tat vom Handeln? Ist die Tat das Plusquamperfekt des Handelns? Wie verhält sich der Begriff der Tat zum Begriff der Welt. Eine „gute Tat“ ist eine Tat vor aller Welt. Es gibt die weltbegründenden Taten des Herakles (das Buch der Richter ist eine Parodie darauf). Das Handeln setzt die Welt voraus, die Tat begründet eine Welt. Taten sind geschichtsbegründend (deshalb gibt es Heldentaten), sie konstituieren und reflektieren den Blick des Historikers, des Nachgeborenen. Tatsachen entspringen dort, wo der Blick des Historikers die Gegenwart mit einbegreift (und durchdringt: ihren Begriff konstituiert). Die Vorform des Empirischen war das Historische. Tatsachen sind zusammen mit den Dingen entsprungen; beide sind Abkömmlinge der Sachen, die in Taten gründen.
Tatsachen (das gegenständliche Korrelat des Indikativs) werden in der Schrift durch „Dornen und Disteln“ symbolisiert; sie gehören zu einem Begriff der Welt, der durch Gewalt und durch Herrschaft von Menschen über Menschen sich definiert, der unser Bewußtsein und unsere Erfahrung determiniert, durchdringt und beherrscht. Tatsachen bilden sich in einem Raum, zu dessen Konstituentien auch das kontrafaktische Urteil gehört, in dem auch alles hätte anders gewesen sein können und Taten die Ursache sind, daß die Dinge so gewesen sind wie sie waren. Tatsachen gehören zum Begriff der instrumentalisierten Welt, die für alle subjektiven Ziele offen ist, soweit ihnen keine „Tatsachen“, Verkörperungen der Macht und der Ziele anderer, entgegenstehen; sie gehören zu einer Welt, die der Phantasie keine Grenzen zu setzen scheint, in der man sich alles auch ganz anders vorstellen kann. Am Widerstand der Tatsachen entzündet sich das Reich der Phantasie: die Kunst, die diesen Widerstand allerdings bloß spiegelt, nicht bricht. Gebrochen wird dieser Widerstand durchs Wunder, die Erfüllung des Worts.
Tatsachen entspringen gemeinsam mit dem Bewußtsein (mit der Konstituierung des Unbewußten und seiner Trennung von ihm) und mit dem Staat. Sie sind nicht naturgegeben, sondern das gemeinsame Resultat eines langen und schmerzhaften, eines katastrophischen Prozesses.
Die natürlichen Objekte des kontrafaktischen Urteils sind neben der politischen Geschichte die Objekte des Geschwätzes (des moralischen Urteils; die Urteilsmoral, deren verdinglichte Gestalt die bei Politikern so beliebte Wertethik ist, ist der private Anwendungsbereich des kontrafaktischen Urteils).
Der Indikativ (die transzendentale Logik) definiert den Inhalt des Kelches (der subjektiven Formen der Anschauung), der Kelch konstituiert den Indikativ. Ist der Kelch der Reflex des Himmelsgewölbes im Subjekt? Worauf bezieht sich dann das Bild des offenen Himmels?
Das kontrafaktische Urteil ist das Pendant des Raumes, in dem die kopernikanische Theorie sich bilden konnte. Die Logik der mathematischen Naturwissenschaften, die in den subjektiven Formen der Anschauung und in der Form des Inertialsystems sich entfaltet ist die Kehrseite der Logik des kontrafaktischen Urteils. -
26.9.1995
Wie die subjektiven Formen der Anschauung, die persönliche Meinung, insbesondere aber wie die Gemeinheit konstituiert sich das Vorurteil im Kontext einer Logik, die die Kriterien der Beweisbarkeit durch die der Unwiderlegbarkeit ersetzt. Wer dieser Logik mächtig ist, gilt als schlau (oder auch als intelligent).
Die subjektiven Formen der Anschauung haben sich hinter dem Rücken des Anschauens, als Referenzsystem der intentio recta, gebildet: Sie sind die Bewußtseinsspuren des Abstraktionsverfahrens, in dem der Begriff der Natur und der Objektbegriff sich bildeten. Das Abstraktionsverfahren selber ist ein gesellschaftliches: Sein Ursprung und sein Motor ist die Herrschaftsgeschichte, deren Beziehung zur Vergangenheit in ihm sich spiegelt. Die Distanz zum Objekt aber gründet in der Beziehung des Herrn zum Beherrschten; der Objektbegriff entspringt mit dem Für-anderes-Sein, in dem die Beziehung des Herrn zum Beherrschten als universale Reflexionsbeziehung sich entfaltet. Die Allgemeinheit dieser Reflexionsbeziehung wird im Weltbegriff zusammengefaßt.
Die Differenz und die Beziehungen zwischen Mechanik, Gravitation und Elektrodynamik reflektieren das Verhältnis und die Beziehungen der drei Dimensionen des Raumes.
Zum Bereich der Elektrodynamik gehört der Generator und die Fortpflanzung.
Unser Verhältnis zur Krankheit ist wie das zur Armut von Elementen des Neids und der Schuldverschiebung durchsetzt. Keiner erträgt mehr, daß hier jemand Mitleid von uns fordert. Wir sind vom Selbstmitleid so besessen, daß wir kein anderes Mitleidsverlangen daneben mehr ertragen.
Die Frage: Wo waren die Schutzengel der Kinder in Auschwitz, läßt sich mit dem Hinweis auf die Racheengel beantworten, von denen die Welt heute besessen ist. Wie anders wäre der unendliche Rachetrieb zu erklären, dem die Menschen heute sich ausliefern?
Ist der Widersacher im Hofstaat Gottes der Engel der Geopferten?
Als umgekehrtes Schuldbekenntnis ist das Glaubensbekenntnis die säkularisierte Sündenvergebung; nur so ist die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben zu begründen. Aber sind damit der Glaube und sein (durchaus apriorischer, aus seinen eigenen Prämissen ableitbarer) Inhalt nicht erst wirklich böse geworden? Die Logik dieser Lehre ist nur aufzubrechen durch die Aufnahme von Joh 129 ins Nachfolgegebot, zu der es keine Alternative mehr gibt.
War nicht die katholische Eucharistielehre eine Gestalt der projektiven Verarbeitung dieses Nachfolgegebots? Die erste Gestalt dieser Verarbeitung war das Dogma, die Bekenntnislogik.
Nicht den Zölibat „abschaffen“, sondern das Problem, das ihm zugrundeliegt reflektieren, es auflösen ins Weltproblem.
Die Bemerkung, daß man sich zur Prophetie nur auf zwei Weisen verhalten kann: Entweder man ist selber Prophet, oder man ist ihr Objekt, gilt auch für die Historisierung der Prophetie, ihre Vergegenständlichung: Durch sie wird die Theologie, ohne es selbst wahrzunehmen, selber zum Objekt des prophetischen Urteils. Zur Aufforderung, selber Prophet zu werden, gibt es keine Alternative.
Die benennende Kraft der Sprache ist von der Erkenntnis des Namens zu unterscheiden. Erst in der Erkenntnis des Namens löst der Name sich aus dem Schuldzusammenhang, in den das Benennen sich verstrickt. Das Benennen der Tiere durch Adam war durchaus ambivalent: „Aber für den Menschen fand er keine Hilfe, gegen ihn“ (Gen 220).
Hat das Benennen der Tiere etwas mit dem Tierkreis zu tun, und das kreisende Flammenschwert des Kerubs mit dem Planetensystem? Liegt zwischen Tierkreis und Planetensystem die Vertreibung aus dem Paradies?
Ist das Planetensystem das Prisma, das das Bild des Tierkreises erzeugt?
Der astrologische Zusammenhang der Zeichen des Tierkreises mit den Namen der Planeten war das erste weltkonstituierende Kategoriensystem, das im ersten weltkonstituierenden Großreich, in Babylon, sich gebildet hat.
Hat das Schwert des Alexander, mit dem er den gordischen Knoten durchschlagen hat, etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs zu tun?
Babylon hat das Exil der Schechina begründet, und die Geschichte dieses Exils ist noch nicht zu Ende. Babylon lebt fort in Rom, in jeder Form des Caesarismus, im Dogma, in der Kirche.
Welchen Stellenwert haben die exterritorialen Geschichten der Bibel: Das Buch Hiob ist nicht zu lokalisieren (es spielt irgendwo im Eroberungsbereich der Chaldäer), zu Jona gehört Ninive, zu Daniel Babylon (und Susa), zu Ester Susa?
Abraham, der aus Ur in Chaldäa kommt, ist auf eine Weise mit Babylon verbunden, die sich invers auf das Verhältnis Josephs zu Ägypten bezieht. Hängt das Rätselwort Jesu: „Bevor Abraham ward, bin ich“, hiermit zusammen?
Waigel: Wie hängt das Kruzifix mit der Währungsstabilität (mit der positiven Außenhandelsbilanz: dem Export der Armut in die Dritte Welt) zusammen?
Apokalyptische Mittelstandspolitik: Der Staat füttert die Kuh, die er melken will, er schlachtet sie nicht. (Gibt es einen Zusammenhang mit dem hebräischen Opfer, liegt hier der Schlüssel fürs Verständnis der Opfertiere: Rind, Widder, Lamm, Taube?)
Der Indikativ ist das Instrument der Verinnerlichung des Opfers und der Vergesellschaftung von Herrschaft. Das Opfer war seit je herrschafts- und somit weltbegründend. -
24.9.1995
Wer die Nazizeit post festum nur verurteilt, aber sich weigert, seine Entstehungsbedingungen wirklich zu reflektieren, hat nichts begriffen.
Trauerarbeit, wie Alexander und Margarete Mitscherlich sie forderten, sollte helfen, die beim Ende des Faschismus zerbrochenen symbiotischen Beziehungen, die nur verdrängt worden sind, aufzuarbeiten. Die andere, sehr viel wichtigere Form der Trauerarbeit, die auf die Gemeinheitserfahrung im Faschismus und auf das darin gründende Verschwinden des Christentums sich bezieht, wäre noch zu leisten.
Die medienlogische Unterscheidung von Meinung und Information ist ebenso notwendig wie verhängnisvoll. Wenn alles, was nicht Information ist, zur Meinung wird, dann braucht’s auch die Meinung nicht mehr. Aber im Bann des Indikativs, in dem die Information gründet, wird alles, was nicht Information ist, zur Meinung.
Das Kelch-Symbol ist Ausdruck der Prävalenz der Vergangenheit über die Zukunft (genau das drückt sich in Getsemane aus). Dem entsprechen im Erkenntnisapparat die subjektiven Formen der Anschauung, die genau diese Funktion erfüllen. Insoweit steht das Kelch-Symbol in genauer Opposition zur Idee des Ewigen. Heideggers Begriff des In-der-Welt-Seins bezeichnet eine Kurzfassung oder eine Engführung der Funktion der subjektiven Formen der Anschauung, von denen im Begriff des Daseins nur das ins Passive, ins Objekthafte gewendete deiktische Moment erhalten bleibt (der Mensch ist etwas, worauf man zeigt). Ist nicht der Weltbegriff das Äquivalent des Kelchs (und dessen Inhalt der Inbegriff all dessen, was die Herrschenden konsumieren)?
Unzuchtsbecher: Das happy end des Kriminalromans ist die Überführung des Verbrechers. Ist nicht der Unzuchtsbecher die Erfolgslogik?
Der systematische Grund autoritärer Systeme liegt in einer Welt, in der niemand mehr weiß, was er tut, in der jeder einen Herrn braucht, der ihm sagt, was er zu tun hat.
Ist nicht die Physik heute weithin kontrafaktisch? Hinter den Erscheinungen sind die Erscheinungen selbst (Definition der Erscheinung). Die Weltraumforschung und die Großforschungsanlagen der Mikrophysik haben keinen anderen Zweck als den, das zu beweisen (zu beweisen, daß es hinter den Erscheinungen nichts gibt).
Schon die erste Gestalt der Physik, die Mechanik, war Metaphysik, ein Reich jenseits, hinter den sinnlichen Erscheinungen. Die Mechanik, Inbegriff der dritten Leugnung, hat das Opfer der Vernunft in der Objektivität, im Begriff der Realität selber, installiert. So hängt sie mit der Geschichte des Dogmas und mit der Opfertheologie zusammen. Zu Reflexion der Mechanik gehört aber die Reflexion auf die beiden Vorstufen des Objektivationsprozesses, auf die beiden ersten Leugnungen: auf die Geschichte der Hellenisierung und dann der Islamisierung der Theologie.
Sind das nicht die drei in die Theologie eingebauten Feindbilder:
– der Hellenismus leugnet den Vater,
– die Islamisierung den Sohn und
– die Aufklärung den Geist.
Die Trinitätslehre hat die Offenbarung in dieses Feindbild-Konstrukt mit aufgenommen. Der Objektivierungsprozeß, der in der Theologie entspringt, wiederholt zwangshaft die Verurteilung, die dem Kreuzestod zugrundeliegt.
Die Geschichte der drei Leugnungen beschreibt den Prozeß, in dem die Religion zur „Religion für andere“, in dem sie blasphemisch geworden ist.
War nicht der „jüdische Selbsthaß“, selber ein Produkt der Assimilation, ein Reflex des viel tiefer reichenden Selbsthasses, der die Geschichte des Christentums beherrscht? Dieser Selbsthaß definiert die Grenze zwischen den beiden Gestalten des Christentums, auf die Max Horkheimer einmal hingewiesen hat: Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum, aber es gibt auch keine Religion, in deren Namen solche Untaten begangen worden sind.
Theologie im Angesicht Gottes ist der Versuch, in der Erkenntnis Gottes den Bann des Selbsthasses zu brechen, unter dessen Herrschaft die Theologie hinter dem Rücken Gottes steht. -
21.9.1995
Die griechische verhält sich zur hebräischen Sprache wie die Logik der Schrift zum Wort (oder wie das Überzeitliche zum Ewigen: wie der Begriff zum Namen).
Banken und Kredite (das Medium des spekulativen Geldgeschäfts) sind das ökonomische Korrelat des Relativitätsprinzips. Die Mechanik ist eine durch den Kapitalismus (durchs Wertgesetz) vermittelte Gestalt der Naturerkenntnis.
Ist die elektromagnetische Masse kreditierte Masse?
Das Bewußtsein der Konsumenten (der von der aktiven Teilnahme an der Produktion Ausgeschlossenen) verharrt auf dem Stand der Mechanik. Durch den Kauf beweist sich der Konsument seine Bewegungsfreiheit in dem durchs Tauschprinzip definierten Raum (die Bewegungsfreiheit des Autos im Straßenverkehr).
Öffentlichkeit ist ein Reflex des Außen im Innern des Staates; deshalb hätte der Staat gern eine domestizierte Presse. (Wenn der Staat das Tier aus dem Meere ist, dann ist die „Öffentlichkeit“ das Tier vom Lande: der falsche Prophet. Verweist nicht das Genitiv/Dativ-Problem auf den Ursprung dieses Tieres? Und sind nicht Philosophie und Wissenschaften Teil der Vor- und Ursprungsgeschichte der Öffentlichkeit, des Tieres vom Lande? Und ist nicht die Kritik der reinen Vernunft eine der ersten Gestalten der Selbstreflektion dieses Tieres?)
Ist nicht das Wort Jesu gegen das Schwören (Mt 534ff) auch gegen die Kirche gerichtet? Der Zusatz „… vielmehr sei eure Rede: Ja, ja – nein, nein, und was darüber ist, ist vom Bösen“ wäre genauer zu prüfen. Nicht gemeint sein kann das positivistische Verständnis des Satzes, seine Anwendung in den Fangfragen, mit denen die Differenzierung abgewehrt und diskriminiert werden soll. Beachte, daß es nicht heißt: Eure Rede sei Ja oder Nein; die Verdoppelung (Ja, ja – nein, nein) und das fehlende „oder“ sind ein Hinweis.
Die Orthogonalität ist das Resultat des Durchschlagens des gordischen Knotens; aber genau dieser Knoten wäre zu lösen.
Zum Problem des Ursprungs des Objektbegriffs gehört der Hinweis, daß der Handel (und mit ihm der Begriff der Ware, der zu den Modellen des Objektbegriffs gehört) seinen Ursprung im (zunächst auch räuberischen) Außenhandel hat. Und zur Ursprungsgeschichte des Handels gehört mit einer ersten Waren, dem Sklaven, auch der Krieg, die Beute, der Tribut und, als deren Reflex im Innern, die Schuldknechtschaft und das Geld (das nicht im Tausch entspringt, sondern ihn begründet). Hängen nicht auch das Inzestverbot und die Exogamie mit dieser Ursprungsgeschichte des Objektbegriffs zusammen?
Die Bekenntnislogik gründet in dem Schein, man könne durch die Verurteilung einer Sache (einer Häresie wie auch einer unmoralischen Handlung) sich selbst freisprechen.
Ist nicht das Licht der Erlösung, von dem Adorno am Ende der Minima Moralia spricht, das Licht der Welt, das man nicht unter den Scheffel stellen soll? Der Scheffel über dem Licht aber hat den Vorteil, daß er erlaubt, ihn als Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Licht und Finsternis, zu nutzen (das Licht zu instrumentalisieren). Dann ist alles, was drinnen ist, Licht, und alles, was draußen ist, Finsternis. Ist nicht die Kirche („extra ecclesiam nulla salus“) durch die Bekenntnislogik zum Scheffel über dem Licht geworden? -
14.9.1995
Lichtgeschwindigkeit, Plancksches Wirkungsquantum und elektrische Elementarladung verhalten sich wie Raum, Zeit und Materie (oder wie Mechanik, Elektrodynamik und Gravitation), sie stehen in der gleichen logischen Beziehung. Auflösung anhand der Logik des Raumes: der wechselseitigen Begründung von Linearität (intentio recta), Orthogonalität (Asymmetrie) und Reversibilität (Spiegelung)?
„Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“: Die Lehre von der Auferstehung der Toten ist die Antwort auf die Transformation des Perfekts ins Vergangene.
Wenn Mord nicht nur ein Tat-, sondern als Täterdelikt zugleich ein Gesinnungsdelikt ist (zu den Tatbestandsmerkmalen gehören „niedrige Beweggründe“), und wenn kein Verbrechen in vergleichbarem Maß den Rachetrieb (und in ihm die Logik der Personalisierung) weckt (vgl. den vorstaatlichen [und vorweltlichen] Zusammenhang der Blutrache mit der Ursprungsgeschichte des Opfers), so läßt sich daran der Schuldzusammenhang ablesen, der der Konstruktion des Staates zugrunde liegt, dessen Instrumentalisierung der Staat ist (im Kern des Weltbegriffs, der ersten „Schöpfung“ des Staates, steckt ein verdrängter Mord: Deshalb gehört die Geschichte der Kosmogonien und Kosmologien zur Ursprungsgeschichte des Staates).
Rechtfertigung als Selbstzerstörung: Der Objektivationsprozeß als Instrument der Selbstrechtfertigung des Bestehenden, oder der Urknall, die Hohlraumstrahlung (der schwarze Körper), das schwarze Loch.
Heinsohns Ableitung des Holocaust ist noch zu harmlos: Der Antisemitismus als genereller (apriorischer) Freispuch des Tötens brauchte von Hitler nicht erfunden werden, er gehört zu den Grundlagen des Staates, und das jüdische Tötungsverbot ist ein Angriff auf den Staat. -
12.9.1995
Sehen und Hören: Der Kelch symbolisiert das ins Sehen übersetzte Hören (die „subjektiven Formen der Anschauung“), im Hinblick auf einen Text die Logik der Schrift, politisch-ökonomisch wie auch zivilisations- und wissenschaftsgeschichtlich das Herrendenken (Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften als Teil der Herrschaftsgeschichte: „die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, Dialektik der Aufklärung); mit dem Kelch-Symbol hängt es zusammen, wenn die Idee der Erfüllung der Schrift auf die Passion und den Kreuzestod Jesu sich bezieht (vgl. Getsemane und Emmaus), die der Erfüllung des Wortes hingegen auf die Parusie. Das Christentum hat nach Eingliederung in die Herrschaftsgeschichte mit der Opfertheologie und dem darin gründenen Erlösungsbegriff die Passion mit der Parusie gleichgesetzt: Ursprung der Bekenntnislogik und des Dogmas (Petrus und die Geschichte von den drei Leugnungen; Bekenntnislogik als Äquivalent der subjektiven Formen der Anschauung in der Theologie, Kirche als Kelch). Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Erweiterung des Kelch-Symbols – des Taumelkelchs und des Kelch des göttlichen Zorns – zum Unzuchtsbecher in der Johannes-Apokalypse?
Genitiv und Dativ unterscheiden sich wie Indikativ und Imperativ bei Levinas. Auch der dem Genitiv korrespondierende Indikativ ist ein Imperativ, aber einer, der nicht mehr durch die Sprache, durchs Hören, vermittelt ist, sondern zum puren Vollzug des Gehorsams (zum mechanischen Kadaver-Gehorsam) regrediert: er ist ein instrumentalisierter Imperativ. Der auf Präsens und Zukunft (auf nicht Vergangenes) bezogene Indikativ ist ein Vollstreckungsurteil, er verwandelt das Handeln in ein subjektloses, naturhaftes Geschehen. Die Ontologie hypostasiert diesen Indikativ (und entlastet das Subjekt – ähnlich wie das Gesetz die Verwaltung – von der Last der Verantwortung und des Handelns).
Wie hängt das symbiotische „wir“ (das ärztliche „wie geht es uns denn heute“, „haben wir gut geschlafen“) hiermit zusammen, in welcher Beziehung steht es zum „naturwissenschaftlichen“ Apriori der Medizin, zur Symptom-Medizin, zur konstitutiven Funktion des Fall-Begriffs in der Medizin?
Gehört nicht auch dieses symbiotische „wir“ zu den Metastasen (oder auch zu den Ursprungsformen) der Bekenntnislogik, deren „gemeinschafts“-konstituierende Kraft in einer symbiotischen Konstellation gründet (die Bekenntnislogik instrumentalisiert – wie das Plancksche Wirkungsquantum? – den symbiotischen Grund, aus dem sie hervorgeht). Gemeinschaftsbegründend aber wird diese Beziehung von Bekenntnislogik und Symbiose nur in der Gestalt hierarchischer Strukturen (Hegels Philosophie kennt keine hierarchischen Strukturen, weil sie den Begriff hypostasiert; deshalb kann die Natur den Begriff nicht halten: Hat nicht die kopernikanische Wende mit dem astrologischen Verständnis der planetarischen Welt auch den kosmologischen Grund und die kosmologische Legitimation der Hierarchie: die frühmittelalterliche Engellehre, zerstört?).
Doppelt asymmetrische Reflexion: Wie verhält sich das objektivierende Beobachten zum Begriff des Angesichts? Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang zwischen dem geschichtlichen Ursprung des Beobachtens und ihrer Vorgeschichte im Namen und Amt des episkopos?
Drückt nicht in dem Psalm-Wort „Dixit Dominus ad Dominum meum: hodie genui te“ auch eine Kritik des Zeugungsbegriffs sich aus? Die beiden Herren sind weder gleichnamig noch gleichen Wesens. Im hebräischen Text stehen an dieser Stelle zwei Namen: JHWH und Adonai, die nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die homousia, die in der Gleichsetzung beider Namen gründet, ist ein Produkt der LXX, des griechischen (und dann des lateinischen, deutschen, englischen etc.) Bibeltextes. Das homousios und die Vergöttlichung Jesu haben den Vater zum Objekt gemacht (und das ist in die Gesamtstruktur des christlichen Dogmas und in die kirchliche Erlösunglehre als eine ihrer verschwiegenen Voraussetzungen mit eingegangen).
In der Geschichte von den drei Leugnungen Petri fällt das Krähen des Hahns mit der Überlieferung Jesu an den weltlichen Richter zusammen (die Verspottung durch die „Diener“ und das Verhör durch den „Hohen Rat“ liegt nur bei Lukas zwischen den Leugnungen und der Überlieferung an Pilatus, bei Johannes zwischen der ersten und zweiten Leugnung). -
10.9.1995
Was hat die Spinne mit dem Inertialsystem zu tun, und wen repräsentiert das Inertialsystem?
Wenn die Spinne etwas mit der Sexualität zu tun hat, dann als Instrument und Produkt ihrer Verdrängung (merkwürdige symbiotische Beziehung der Insekten zur Sexualität: Spinnenweibchen, die nach der Begattung die Männchen töten, Symbiose von Blumen und Insekten <Beziehung zum Licht, zur „Fortpflanzung“>, staatsähnliche Organisation der <materiellen und sexuellen> Reproduktion bei Ameisen, Bienen u.ä.).
Verdrängung ist nicht nur ein psychologischer Sachverhalt, sondern ein Moment im Begriff der Objektivität selber. Mit dem Konstrukt der „sekundären Sinnesqualitäten“, mit der Subjektivierung der Empfindungen, ist der Sensibilität der Boden entzogen, die Wahrnehmung des Leidens, des Schmerzes verdrängt worden.
Ist nicht die Mikrophysik der vollendetste Ausdruck von Verdrängung, und läßt sich nicht der Punkt, an dem diese Verdrängung sich vollendet, ihre objektivitätsbegründende Kraft beweist, benennen: im Planckschen Wirkungsquantum, der Verkörperung der Redundanz (die nicht zufällig zum Schlüssel der ganzen Mirkophysik geworden ist)?
Spinnen: Während Fische, Vögel und Säugetiere als Verkörperungen von Instrumenten sich begreifen lassen, als Objekte im Inertialsystem, verkörpern Insekten das symbiotische Prinzip der Instrumentalisierung, das Inertialsystem.
Wer ist Beelzebul (Baal Sebub, „Herr der Fliegen“, der Gott von Ekron, 2 Kön 12,3,6,16)? Nach den Evangelien war er der „Oberste der Dämonen“ (Mt 1025, 1224ff, Mk 322, Lk 1115ff)?
Während die Zürcher Bibel Baal Sebub (den „Fliegengott“) für das Original hält und den Beelzebul (mit der unmöglichen Begründung: „weil man sich scheute, den Namen dieses heidnischen Gottes auszusprechen“!) als eine veränderte Fassung ansieht, ist nach Reclams Bibellexikon (S. 67, ähnlich Ton Veerkamp, Die Vernichtung des Baal, S. 144ff) der Baal Sebub (der Fliegenmeister) eine ironisierende Entstellung des Baal Zebul („Baal, der Erhabene“, des Gottes von Ekron), der so korrekt in den Evangelien zitiert wird (als „Oberster der Dämonen“). Liegt nicht die größte Gefahr der christlichen Theologie darin, den Indikativ für die grammatische Grundform der Theologie zu halten; so ist sie unfähig geworden, ironische Stellen in der Schrift überhaupt noch wahrzunehmen (vgl. auch das Buch der Richter und die Arbeit von Lillian Klein dazu: The Triumph of Irony in the Book of Judges).
Wenn der Baal Sebul eigentlich der Baal Zebub ist, wer ist dann Sebul (der Statthalter Abimelechs in Sichem, Ri 928ff)?
Bei Mt (1231) und Mk (329) schließen sich die Stellen über die Sünde wider den Heiligen Geist an, bei Lk (1124ff) die Stelle über die sieben unreinen Geister (vgl. auch Mt 1243 und 2 Pt 220).
Der Herr der Fliegen und der Oberste der Dämonen: Ist nicht die Spinne der Herr der Fliegen? Was haben die Dämonen mit dem Inertialsystem zu tun (die Elektrodynamik ist die Physik des Inertialsystems, die Mechanik die der Objekte im Inertialsystem)?
Sind Säugetiere mechanische, Insekten hingegen elektrodynamische Tiere (sind nicht Insekten resistent gegen radioaktive und atomare Strahlung)? Hängt die Fähigkeit der Insekten zur Staatenbildung, zur „organischen“ Funktionsverteilung in einer durchorganisierten Gemeinschaft, ihre gleichsam planetarische Gemeinschaftstruktur, damit zusammen? Gibt es einen Zusammenhang des Baal Sebub mit der Astrologie? War nicht die Baals-Religion, der Prototyp des „Götzendiensts“, als Herren-Religion eine Sternen-Religion?
Genitiv (und der zugehörige Akkusativ) ist die dem Indikativ zugehörige Deklinationsform, der Dativ (und der Nominativ) korrespondiert dem Konjunktiv und dem Imperativ. Das Inertialsystem vollendet das Neutrum (es bringt Dativ und Nominativ als Repräsentanten des Adressaten in der Sprache zum Verschwinden). Der Indikativ verabsolutiert die Herrschafts- und Eigentumsordnung, in der Philosophie die Ontologie (und begründet so die dämonische Ordnung und ihr Korrelat: die Besessenheit), er destruiert die Idee des Heiligen (die Idee eines der Herrschafts- und Eigentumsordnung, der Objektwelt und dem Gesetz der Instrumentalisierung enthobenen Bereichs).
Wird der Genitiv (der Sprachgrund der Herrschaft und des Eigentums) nicht vom Rachetrieb beherrscht?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie