Naturwissenschaft

  • 23.7.1995

    Was hat das Feuer im Namen des Himmels mit dem „Wer?“ (und mit der Heiligung des Gottesnamens) zu tun?
    Inertialsystem: Wer den Naturschutz an die Verwaltung delegiert, macht die erste Natur zur zweiten.

  • 22.7.1995

    Gewalt verhält sich zur Schuld wie die Natur zur Welt (wie „Dynamisches“ zu „Mathematischem“ bei Kant). So gründet das Gewaltmonopol des Staates im Schuldzusammenhang des Staates, und genau das ist es, was die Nationalisten an den Staat bindet. Der Staat erweckt den Eindruck, er nähme „die Sünde der Welt“ hinweg.
    Das Lamm nimmt die Sünde der Welt auf sich, nur der Wolf erweckt des Eindruck, er nähme sie hinweg.
    Zu Joh 129: Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt; es ist nicht wieder gut zu machen.
    Die Physik ist die Grammatik des Inertialsystems.
    Das Herrendenken ist die real existierende Blasphemie.
    Die Idee der Auferstehung schließt die Vorstellung mit ein, daß alle Toten als unsere Ankläger auferstehen werden.
    War nicht die wesentliche Botschaft der kopernikanischen Wende (die auch in der Natur Vergangenheit und Zukunft getrennt, damit den gordischen Knoten endgültig durchschlagen hat): Da ist kein Himmel, da ist kein Buch, in dem alles aufgezeichnet ist: Gott sieht nicht mehr, was wir tun; es gibt kein Eingedenken einer vergangenen Zukunft (nur „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen“)?
    Der Roman, die Säkularisation der „Spannung“, ist die ästhetische Konsequenz der kopernikanischen Wende, der Film, und dann das Fernsehen, die Erfüllung dieses Säkularisationsprozesses: Die Figur des Zuschauers, die darin sich vollendet, der Schleudersitz, der das Subjekt aus dem moralischen Zusammenhang mit der Realität herauskatapultiert und die Realität insgesamt ästhetisiert, hat die Religion endgültig zerstört.
    Das Hebräische kennt kein Neutrum, dafür aber eine (durch ihre Grammatik determinierte) Logik, die die gesamte Erfahrung unter das Gericht der Barmherzigkeit stellte.

  • 20.7.1995

    Allmachtsphantasien und Bekenntnislogik. Die Allmachtsphantasien sind ein Instrument der Verblendung, sie machen den Kopf leer. Sie gründen in dem sich auf sich selbst beziehenden Rechtfertigungszwang: Sie rühren an den Grund der Beziehungen der Dimensionen im Raum. Die Geschichte der Kirchen- und der Dogmenbildung gehören zur Ursprungsgeschichte der Verwaltung, die frühgeschichtliche Tempelwirtschaft zu ihrer Vorgeschichte.
    Der theologische Gebrauch der Begriffe Allmacht und Allwissenheit ist blasphemisch; die Begriffe Macht und Wissen sind endliche Totalitätsbegriffe (idolatrische Begriffe) und auf Gott nicht anwendbar, im Gegensatz zu den Begriffen der Gewalt und der Einsicht. Die Macht verhält sich zur Gewalt und das Wissen zur Einsicht wie die Wut zum Zorn.
    Die Finanzhoheit des Staates ist der paradoxe Grund seiner demokratischen Verfassung: Durch ihr geldwertes Eigentum und durch ihr Einkommen, ihr durch Arbeit erworbenes Geld, partizipieren die Bürger an der Gewalt-(sprich Finanz-)quelle des Staates. Deshalb erwartet der Staat, daß die Bürger in Wahrnehmung ihrer demokratischen Rechte nicht ihre eigenen Interessen, sondern die ihres Eigentums wahrnehmen: Nur dann gibt es eine „funktionierende Demokratie“.
    Mit den Struktur-(sprich Schuld-)verschiebungen in der „inneren Zusammensetzung des Kapitals“ verschieben sich auch die Einkommens- und Gewaltquellen des Staates. Nachdem Wirtschaft und Staat in zunehmendem Maße sich kurzschließen, kommt es auf die Löhne und Gehälter der abhängig Arbeitenden fast schon nicht mehr an. Deshalb entartet die Wirtschaft immer mehr zu einer spekulativen Gewinnmaschine, deren Mechanik spiegelbildlich im Bankengeschäft sich abbildet (wenn Banken Kredite gewähren, produzieren sie Schulden, die zur Quelle aller Gewinne geworden sind).
    Die creatio mundi ex nihilo, auf die sich der Allmachtsbegriff bezieht, bezeichnet eigentlich die Konstituierung des Weltbegriffs, die in der Tat in einer „Tathandlung“ des Subjekts gründet, die mit den Allmachtsphantasien zusammenhängen, die dem Herrendenken zugrunde liegen: im Ursprung des Objektivationsprozesses. Die Welt als Inbegriff des Objektivierungsprozesses ist eine „Schöpfung“ des Subjekts, das mit der Welt zugleich sich selbst (als Subjekt) erzeugt. Gott aber hat Himmel und Erde, und kein Universum und nicht die Welt, erschaffen.
    Naturschutz: Die Vorstellung einer Natur, in der die Menschen nicht mehr vorkommen, ist eine menschliche Vorstellung, genauer: sie ist eine Zwangsvorstellung, die ihren Grund hat in dem Bilde einer kapitalistisch durchorganisierten Ökonomie, in der die Menschen ebenfalls nicht mehr vorkommen.
    Totalisierung oder Sein und Bewußtsein: Wie hängt die Transformation von Regierungs- in Verwaltungsfunktionen und die Privatisierung staatlicher Aufgaben mit der Einschränkung der sozialen Leistungen und der Erweiterung und Steigerung seiner Ordnungs-Aufgaben (Rüstung, Militär, Polizei, Strafrecht und Knast) zusammen? Ist das nicht insgesamt ein Prozeß, der sich zugleich in der „Realität“ und in der Sphäre des Begriffs vollzieht? Und liegt nicht die crux der Linken darin, daß sie glaubt, von der Seite dieses Prozesses, die allein der Erkenntniskritik zugänglich ist, abstrahieren und auf die Kritik seines objektiven, realen Anteils sich beschränken zu können? Verfällt sie nicht damit dem gleichen Herrendenken, das sie bekämpfen glaubt, dem Konkretismus und der Personalisierung? Die Gesteinsverschiebungen in der Struktur der politisch-ökonomischen Realität sind ebensosehr Transformationen in der Sphäre des Begriffs, des Bewußtseins, und diese sind mit zu reflektieren, wenn man jene erreichen will.
    Nicht zufällig war die Schwachstelle des real existierenden Sozialismus die Verwaltung, die, indem sie glaubte, sich als Verwaltung von Sachen zu begreifen, den Mangel und das Elend, das sie verwaltete, nicht mehr wahrzunehmen brauchte.
    Das Substantiv ist nicht nur der Greuel am heiligen Ort (am Ort des Namens), sondern zugleich die Selbstverfluchung Petri und die dritte Leugnung.
    Zur Logik der Schrift: Das tode ti, das hic et nunc, Hier und Jetzt, kann ich eigentlich nur sagen, nicht schreiben. Wenn ich es niederschreibe, ist es, wie Hegel nachgewiesen hat, gelogen. Erst im Kontext der Schrift wird das tode ti zum Präsens oder zum Objekt, und hierauf bezieht sich der Indikativ, der – wie die indoeuropäischen Sprachen insgesamt – der Schriftsprache entstammt und angehört.
    Die Idee der Wahrheit schließt die Idee der Versöhnung und die Fähigkeit zur Schuldreflexion mit ein. Die Unwahrheit des indikativischen Wahrheitsbegriffs liegt in einem Erkenntnisbegriff, der glaubt, von der Beziehung der Erkenntnis zur Schuld <und der Wahrheit zur Idee der Versöhnung> abstrahieren, m.e.W.: die Sünde Adams leugnen zu können. Diese Abstraktion oder diese Leugnung wird gleichsam automatisiert durch die Beziehung des Erkenntnisbegriffs auf die subjektiven Formen der Anschauung: durch die transzendentale Ästhetik. Die Unfähigkeit zur Schuldreflexion gründet in der Unfähigkeit zur Reflexion der subjektiven Formen der Anschauung.
    Worauf bezieht sich das „Gott sah, daß es gut war“ <nur am ersten Tag wird das Objekt benannt: das Licht>? Wenn Gott das Licht sah, was war dann das Medium des Sehens: das Wort, die Sprache, der Name? Und wie verhält sich dieses Licht zu den durch die subjektiven Formen der Anschauung vermittelten Objektivationen des Lichts, deren Geschichte die der Naturwissenschaften begleitet?
    Die List der Vernunft ist die List der Schuldverschiebung (die dem Indikativ zugrunde liegt).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind nicht „falsch“, falsch ist nur, daß sie durch ihre Formalisierung, die durch ihre Erkenntnisfunktion erzwungen wird, der Reflexion entzogen werden.

  • 16.7.1995

    Dieser mit Verbotsschildern durchsetzte Wald paßt zu den Joggern, die in ihm den verbissenen Kampf gegen die eigene Wahrnehmungsfähigkeit führen. Wenn der Wald von den „zuständigen“ Naturschutzbehörden in Schutzhaft genommen wird, werden nur noch Besucher zugelassen, die sich selbst freiwillig die Bedingungen der Isolationshaft (im Wald nichts hören, nichts sehen) auferlegen.
    Woher kommt der Name Gutachten, und welche Funktion haben Gutachten in der verwalteten Welt?
    Kritik der Bekenntnislogik: Die Theologie aus dem Bann der Urteilsform, des Indikativs, der Vergegenständlichung und des Begriffs: aus dem Kontext ihrer nationalistischen Verfügbarkeit befreien. Die Bekenntnislogik ist das Inertialsystem der Theologie.
    Die Entdeckung der Winkelgeometrie und der Orthogonalität, des Gesetzes der Beziehungen der Dimensionen Raum, gehört zu den Voraussetzungen des Ursprungs der Philosophie, des philosophischen Beweisverfahrens und des philosophischen Begriffs der Objektivität und des Wissens. Über die Theologie, als Orthodoxie, ist sie dann in den kosmos noetikos eingedrungen, über die Theologie ist sie dann verinnerlicht worden. Die Orthogonalität, Prinzip der Erstarrung der Form des Raumes, ist das Modell des logischen Zangs, Grund eines Beweisverfahrens, das durch Verinnerlichung der Beziehung zu den anderen (der Herrschaftsbeziehung) des Zeugen zur Ermittlung der Wahrheit und der Erlangung des Wissens nicht mehr bedarf.
    Das Problem des Zeugen (und der Orthogonalität) kehrt in der Theologie im Begriff des Opfers und im Namen des Märtyrers wieder (im theologischen Beweisverfahren nimmt der Märtyrer die Stelle des Zeugen im juristischen Beweisverfahren ein). Hier liegt der Grund der kirchlichen Opfertheologie, über die (wie im juristischen Verfahren über das Urteil und seine Beziehung zur Strafe) die Gemeinheit in den theologischen Wahrheitsbegriff eindringt. Das Bekenntnis und die Bekenntnislogik gründet in der Verinnerlichung des Opfers (der Altar wurde über den Reliquien der Märtyrer errichtet, vgl. Off 69).
    Der Begriff der Materie bezeichnet die Narbe an der Stelle der Wunde, die mit der Vergegenständlichung des Opfers geschlagen worden ist.
    Die Bekenntnislogik ist das Inertialsystem der Theologie, das Instrument ihrer Verdinglichung, das Instrument ihrer Übersetzung in den Indikativ (Grund des Dogmas).
    Graffiti: Gezählt, gewogen und zu leicht befunden: Das Menetekel an der Wand ist das Symbol der Logik der Schrift, des Abstraktionsprozesses, der in den Naturwissenschaften sich vollendet: In der Abstraktion von der Schwere. Wie das Tauschprinzip von der Schuldknechtschaft abstrahiert, so das Trägheitsprinzip von der Schwere. Beide Abstraktionen gründen in der Verwechslung von Joch und Last (das theologische Äquivalent dieser Abstraktion ist die Opfertheologie, die opfetheologische Vergegenständlichung des Kreuzestodes). In den Naturwissenschaften wurde dieser Abstraktionsprozeß von Newton, mit der Formulierung des Gravitationsgesetzes und der dynamischen Begründung des kopernikanischen Systems, vollendet. Erst Einstein, und darin liegt die entscheidende Einsicht der Allgemeinen Relativitätstheorie, hat in der Trägheit das Moment der Schwere wiedererkannt. Die Anwendung des Doppler-Prinzips auf die Rotverschiebung in den Spektren der Sterne und deren Abhängigkeit von der Entfernung und die kosmologischen Folgetheorien (vom Urknall bis zu den Schwarzen Löchern) dienen allesamt der Legitimierung der Trennung von Trägheit und Schwere, der Stabilisierung des Inertialsystems.
    Die Gotteserkenntnis unterscheidet sich vom Bekenntnis wie der Imperativ vom Indikativ, oder wie das Im Angesicht vom Hinter dem Rücken, der Name vom Begriff (die Schwere von der Trägheit?).

  • 15.7.1995

    Es gibt eine Art von Naturschutz, die von den Allmachtsphantasien der Verwaltung durchsetzt, und die, indem sie Natur zum Verwaltungsobjekt macht, die letzte Erinnerung an Freiheit, für die Natur als Gegenpol des Gesellschaftlichen auch einsteht, aus der Natur austreibt.
    Hängt nicht die Sexualmoral mit dem Herrendenken über das Unschuldssyndrom zusammen. Im Ideal der Jungfräulichkeit (und in der Institution des Zölibats) wird ein Bild der Unschuld vor Augen gestellt, das dem Schein der Unschuld, auf den Politiker angewiesen sind, aufs genaueste korrespondiert. Zum Ideal der Jungfräulichkeit gehört ein vom Anthropomorphismus gereinigter Gott, ein Gott, den nichts reut. Das Jungfräulichkeitsideal ist ein Implikat des Herrendenkens. Das Unschuldssyndrom ist wie die theologische Beziehung von Natur und Übernatur, die den Bann des Naturbegriffs auf die Theologie überträgt, gnadenlos.
    In einer Welt, in der es Unschuld nicht mehr gibt – und eigentlich schließt der Weltbegriff Unschuld apriori aus -, gibt es nur noch den Schein der Unschuld: die Heuchelei. Heuchelei aber schließt das Tabu auf der Schuldreflexion mit ein. Das Dogma ist die spekulativ durchorganisierte Heuchelei, die in der Bekenntnislogik das Instrument ihrer redundanten Selbstbegründung gefunden hat (Zusammenhang des Logozentrismus mit dem Bann des Indikativs). Das Säkularisat dieses Heucheleikonstrukts sind die Naturwissenschaften. Der Naturbegriff begründet und stabilisiert den projektiven Erkenntnisbegriff, er begründet damit die Xenophobie (oder ist selber eine Folge und ein Mittel der Absicherung der Xenophobie). Für die Forstverwaltung sind Spaziergänger die Ausländer des Waldes.
    Woher stammt der Ausdruck „Behörde“, und was bedeutet das Suffix -de (vgl. auch Freude, Gemeinde oder Allmende; -de lt. Kluge ein Suffix zur Bildung von Adjektiv-Abstrakta, sekundär auch Verbalabstrakta, „heute nicht mehr produktiv“)?
    Gehört nicht zu dem alten Arbeitstitel „Religion als Blasphemie“ als Ergänzung der andere „Blasphemie als Gebet“? Wird nicht, wenn Religion zur Blasphemie geworden ist, das, was in dieser Religion als Blasphemie empfunden wird, zum Gebet?

  • 10.7.1995

    Die Bekenntnislogik
    – ist ein Produkt der Vergesellschaftung von Herrschaft,
    – sie instrumentalisiert die Religion, macht sie zur Religion für andere,
    – sie verhindert damit apriori die Gotteserkenntnis.
    Die Bekenntnislogik und der Weltbegriff begründen sich wechselseitig, zu ihren Ursprungsbedingungen gehören die Unfähigkeit zur Herrschaftskritik und eine rigide Sexualmoral, die die Stelle einnimmt, die die Herrschaftskritik zuvor geräumt hat (Produkt der Umkehrung des Schuldbekenntnisses). Die Bekenntnislogik ist der Kern eines jeden Fundamentalismus.
    Die Bekenntnislogik entspringt in der Umkehrung des Schuldbekenntnisses (im Rechtfertigungszwang, in der Apologetik), einem Verfahren der Instrumentalisierung, sie begründet, indem sie das Schuldbekenntnis instrumentalisiert, es reversibel und so technisch beherrschbar macht, das Schuldverschubsystem: An die Stelle des wirklichen Adressaten der Barmherzigkeit oder der Versöhnung: des Armen, des Fremden, des Geschädigten, des Opfers, des „Schuldigers“, tritt eine kollektive Instanz, die Kirche, die Nation, eine Partei, ein Verein.
    Die Bekenntnislogik erzeugt (durch Umkehrung der Logik des Schuldbekenntnisses) ihren eigenen Inhalt: Das christliche Dogma (die Opfertheologie, die Christologie und die durch beide definierte Trinitätslehre) ist ihr konsequentester Ausdruck, gleichsam der apriorische Inhalt ihrer transzendentalen Logik.
    Das Christentum hat die Bekenntnislogik weder erfunden, noch hervorgebracht; es war ihr erstes, allerdings zugleich auch paradigmatisches Opfer.
    Das Substantiv (Grab des gekreuzigten, gestorbenen und begrabenen „Wortes“, Repräsentant der Geschichte des Opfers und Realsymbol der Schuldknechtschaft in der Sprache) oder die Schrift als Spiegel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (vgl. Grammatologie, S. 208).
    Wenn der Name der heilige Ort ist, dann ist das Substantiv der Greuel am heiligen Ort. (Haben männlich und weiblich etwas mit Begriff und Namen zu tun?)
    Hat der „hebräische Sklave“ im Dt und bei Jer etwas mit der „hebräischen Schrift“ zu tun?
    Die Dornen und Disteln symbolisieren zusammen mit dem „Gesetz der Profangeschichte“ die Logik der indoeuropäischen Sprachen, der Herrschaftssprache. (Haben nicht auch die Nahrungsgebote einen sprachlogischen Sinn?)
    Sprachlogisch begründet die creatio mundi ex nihilo das Gewaltmonopol des Staates, seine „Allmacht“ (die jüdische Religion ist nicht „monotheistisch“, der Monotheismus ist der Erbe der Idolatrie mit universalem Anspruch).
    Das Zugrundeliegende ist das Unterworfene (das Objekt der heideggerschen Geworfenheit), es ist reines Substrat von Herrschaft (der Gekreuzigte).
    Bieten, beten, bitten: Verbot und Gebot leiten sich her vom Verbieten und Gebieten. Drückt nicht in den Präfixen ein Gestus sich auch?
    – Das Präfix ge- bezeichnet den Gestus des Gewährens, des Schenkens;
    – be- drückt das Handeln der Welt am Objekt aus: seine Veranderung, seine Verweltlichung;
    – ver- ist der Gestus der Vernichtung, der Annihilierung (der „Reinigung“ im Sinne der chemischen Reinigung, der Herstellung von Laborbedingungen, oder auch ihrer gesellschaftlichen Entsprechung: der Subsumtion unter die Verwaltung);
    – er-, wie in Erscheinung, Erzeugung, der Gestus des Hervorrufens;
    – zer- annihiliert nicht nur, sondern zerstört, zernichtet, zerlegt: es beschreibt das Töten als Produktion von Materie (paradigmatisch ist die Ersetzung des Geistes durchs Gehirn in der herrschenden Sprache, Verkörperungen des zer- sind Institutionen wie Anatomie, Schlachthaus, Konzentrationslager).
    Hat nicht die kopernikanische Wende das „prasselnde Feuer“ entzündet, in dem nach dem 2. Petrus-Brief (310) am Ende die Himmel vergehen werden (ist die kantische Philosophie der brennende, die Hegelsche der ausgebrannte Dornbusch)?
    Zum Begriff der Blasphemie: Mit den Scheiterhaufen hat das Christentum (als Agent der Welt) den brennenden Dornbusch in eigene Regie übernommen.

  • 2.7.1995

    Die Selbsterzeugung des Objekts im Schuldverschubsystem ist ein Produkt des Rechtfertigungszwangs, unter dem heute alles steht. Ihr erstes Produkt war die Opfertheologie. Die Gewalt der Bindung der Theologie an Trinitätslehre und Opfertheologie gründet in deren exkulpativem Effekt (Zusammenhalt durch den Außendruck der verdrängten Schuld). Hier gründet der Stellenwert und die Funktion des Begriffs des Scheins in der Hegelschen Logik (List der Vernunft).
    Das grammatische Präsens der indogermanischen Sprachen bezeichnet genau das gegenständliche Korrelat des projektiven Denkens.
    Wie haben die alten Völker sich selbst genannt, wie wurden sie von andern genannt (vgl. Israeliten/Hebräer)?
    Die Ontologie ist das Instrument der Zerstörung der Sprache, die Ethik die Basis ihrer Rekonstruktion.
    Zum Kelchsymbol: Der göttliche Zorn ist die Außenseite des Leuchtens Seines Angesichts (die Schrift die Außenseite Seiner Stimme).
    Die Schrift verhält sich zur Sprache wie das Inertialsystem zur Natur; die Schrift veräumlicht die Zeit, sie verwandelt das Nacheinander in ein Nebeneinander, das Inertialsystem verzeitlicht den Raum, es verwandelt das Nebeneinander in ein Nacheinander. Die Schrift begründet die Welt, das Inertialsystem die Natur. (Die hebräische Schrift entwindet sich dieser ihrer eigenen Logik, deshalb heißt sie die „hebräische“.)
    Der Nachweis, daß die angeblich friedliche Nutzung der Atomenergie seit je in das vorrangige Konzept der militärische Nutzung mit eingebunden war, an ihm sich orientierte, ist leicht zu führen. Ohne diesen Hintergrund wären die Nebenfolgen und die Risiken der atomaren Energieerzeugung (die schon im Anfang auch für Laien erkennbar waren) nie tolerabel gewesen. Der politische Druck unter dem Eindruck des faschistischen Kriegs und dann des kalten Krieges hat das näher liegende Ziel der theoretischen Rekonstruktion der Gründe der Mikrophysik durch Reflexion des Inertialsystems nach Entdeckung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ausgeblendet und verstellt: Ausgeblendet wurde insbesondere die Reflexion auf den Zusammenhang des Inertialsystems mit dem Kontinuum und der Logik der Instrumentalisierung der Natur. Die „Kopenhagener Schule“, die dann gegen die Einsteinsche Intention sich durchgesetzt hat, hat der Reflexion auf den Zusammenhang von Naturerkenntnis und Naturbeherrschung in der Physik selber, die die Einsteinsche Erkenntnis eröffnet hatte, den Weg versperrt. Sie hat den Erkenntnisprozeß erneut unters Joch der Naturbeherrschung gebeugt, jede Erinnerung an eine Alternative wütend abgewehrt. Sie hat die Physik vor die Wand gejagt, an der sie sich heute den Kopf einrennt. Es ist die gleiche Wand, die mit dem Verzicht auf die Reflexion des Inertialsystems vor dem durchs Inertialsystem präformierten (und präjudizierten) Naturverständnis sich aufrichtet.
    Das Inertialsystem aber ist das Äquivalent der Bekenntnislogik. Die Reflexion des einen ist ohne die Reflexion der anderen nicht möglich. Beide gehören zum System der Herrschaftslogik, die nicht für sich, sondern nur im Kontext der wechselseitigen Reflexion der Elemente, aus denen sie hervorgeht, sich bestimmen läßt.

  • 1.7.1995

    Positivismus: Die Form des Raumes und der Objektbegriff, die Mathematik und die Ökonomie, der Begriff des Wissens und am Ende die Dialektik gründen in der Formel, daß Minus mal Minus Plus ergibt. Diese Formel konstituiert den Begriff des Wissens. Aber: Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren. Gilt die Formel nur in dem durch das „Recht des Kaisers“: durch Herrschaft definierten Bereich, setzt sie den Staat voraus? Aufgrund der Abstraktion von der Politik, die zu seinem Selbstverständnis gehört, ist der Positivismus eine politische Theorie.
    Die Prophetie gehört zur Geschichte des Königtums in Israel, die Apokalypse entspringt mit dem Einbruch der Großreiche.
    Der Name des Herrn (das Tetragrammaton) ist der Name der Barmherzigkeit, und der Tag des Herrn ist der Tag des Gerichts der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht. Sh. den Hinweis zu S. 340 (Randnr. 325) im Stern der Erlösung (Ausgabe Suhrkamp ’88, S. 481).
    Enthält nicht das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist einen Hinweis auf die Bedeutung des Wortes vom Binden und Lösen?
    Der Pharao, „der Joseph nicht mehr kannte“, ist ein Paradigma für weltliche Herrschaft überhaupt, die ihre eigene Ursprungsgeschichte verdrängen muß, um als Herrschaft sich zu erhalten.
    Alexander, Caesar und Augustus sind fortschreitende Versuche, die getrennten Herrschaftsformen von Pharao und Nebukadnezar (Ägypten und Babylon, Sklavenhaus und Weltmacht) zu vereinigen. (Ägypten hat die eigene Bevölkerung versklavt, Babylon die unterworfenen Völker, seine Kriegsgefangenen. Aus der babylonischen Praxis ist der Sklavenhandel entstanden, Grundlage des griechischen und römischen „Bürgerrechts“, der Privatisierung der Sklavenhaltung.)
    Auch ein Beitrag zum Naturbegriff: Hat die Einschränkung der freien Spazierwege etwas mit der Erweiterung der Verwaltungswege zu tun? – Liegt nicht eine Gefahr für die Grünen in ihrer Naivität gegenüber der Macht und der Logik der Verwaltung, in der Unfähigkeit, das Technologieproblem, das der ökologischen Krise zugrundeliegt, in den Verwaltungsstrukturen (im steinernen Herzen des Staates) wiederzuerkennen? Der Grund liegt im Konkretismus des ökologischen Denkens, auch eine Folge der Rechtfertigungszwänge, die der Faschismus in Deutschland hinterlassen hat. Die „Umweltschäden“, die die auswuchernde Verwaltung verursacht, sind nicht so direkt wahrzunehmen wie die der auswuchernden Technik, insbesondere wenn man selber der Logik des Verwaltungshandelns und den damit verbundenen Allmachtsphantasien verfallen ist.
    Gott sah (daß es gut war):
    – am ersten Tag: das Licht (vor der Scheidung zwischen Licht und Finsternis, Tag und Nacht),
    – am dritten Tag:
    . das Land und das Meer,
    . das Kraut und die Fruchtbäume,
    – am vierten Tag: Sonne, Mond und Sterne,
    – am fünften Tag: die großen Seetiere, die Fische und die Vögel,
    – am sechsten Tag:
    . die Tiere,
    . alles, was er gemacht hatte (und siehe, es war sehr gut).
    Gott sah (und bewertete) nur inklusive in dem „alles“ des sechsten Tages, nicht aber für sich:
    – am zweiten Tag: die Feste des Himmels, die Trennung der unteren von den oberen Wassern,
    – am sechsten Tag: den Menschen, den er im Bilde Gottes, nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf.
    Die Schrift verhält sich zur Sprache wie das Inertialsystem zur Natur (oder das Dogma und die Bekenntnislogik zur Wahrheit): Sie konstituiert und verfälscht sie zugleich. Die Schrift trennt die Sprache von der Sache (sie ist der Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert). Die Ontologie gründet in der Schrift, nicht in der Sprache.
    Cherub:
    – Realsymbol der Schrift?
    – Beziehung zur Palme (Konstellation Cherub/Palme)?
    – Die vier Gesichter der „lebenden Wesen“ bei Ezechiel: Mensch (vorn), Löwe (rechts), Stier (links) und Adler (innen) (110) oder Cherub (das erste), Mensch (das zweite), Löwe (das dritte) und Adler (das vierte) (1014)?

  • 30.6.1995

    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Grundlagen der Logik der Schrift (der Vergesellschaftung der Logik der Sprache durch die Schrift) im Subjekt. Ihre formale Entfaltung: die Rekonstruktion der Dreidimensionalität des Raumes und der Linearität und Irreversibilität der Zeit, verdankt sich einem Abstraktionsprozeß, der auf die Herrschaftsgeschichte zurückweist, und in der Geschichte der Sprache(n), ihrer grammatischen Durchorganisation, sich manifestiert. Der Ursprung und die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen (die Bildung des Neutrum und die Subsumtion der Konjugationsformen unters Zeitkontinuum) …
    Die unter christlichen Ökologen beliebte Parole „Erhaltung der Schöpfung“ drückt das Gegenteil dessen aus, was gemeint ist.
    „Gottesbeweis“: Wenn die Namen Sache der gesellschaftlichen Vereinbarung sind, dann gibt es zur Anpassung an die Welt keine Alternative.
    Corpus Christi mysticum: Wenn Theologie in der Sprache gründet (und nicht im Denken), dann gibt es zum Anthropomorphismus keine Alternative. Und dann ist in der Tat der Himmel Sein Thron und die Erde der Schemel Seiner Füße.
    Der naturwissenschaftlichen Medizin geht es nicht mehr um Heilung, sondern um deren Nachweisbarkeit. Das gehört zu den logischen Zwängen des medizinischen Wissenschaftsbegriffs, von denen insbesondere Chirurgie und Chemotherapie profitieren. Medizin wird zur Einselsymptom-Therapie, verbunden mit einer spezifischen Art der Verdummung: Ausgeblendet wird die Erkenntnis von Zusammenhängen, die nicht klinisch-technisch, gleichsam unter Laborbedingungen, sich rekonstruieren lassen. Liegt hier nicht das medizinische Äquivalent des juristischen Sachverhalts, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, die der gleichen Logik sich verdankt: Nur das Beweisbare ist wirklich; im Rahmen des durch die Kriterien der Beweisbarkeit definierten Kontinuums ist alles erlaubt, man darf sich nur nicht erwischen lassen.
    Himmel und Erde: Der Baum des Lebens gründet in der Kraft des Namens, der Baum der Erkenntnis in der Logik der Schrift.

  • 25.6.1995

    Anschauungen sind die Anschauungen anderer, die ich mir durchs Bekenntnis zueigen machen kann.
    Beruht die Schwierigkeit der Texte Adornos nicht darin, daß sie nicht in die Flaschen der Anschauung sich abfüllen lassen? Ihr Begreifen hängt davon ab, ob der Funke überspringt oder nicht.
    Anschauungen und Bekenntnisse sind Transformatoren, die das Feuer des Zorns in sein Anderssein: in Wut umwandeln. Die subjektiven Formen der Anschauung haben die Geschichte der Scheiterhaufen, die ein Teil der Bekenntnisgeschichte war, durch Verinnerlichung beendet.
    Alle Anschauungen haben die subjektiven Formen der Anschauung zur Voraussetzung, sie gründen in der Unfähigkeit, sie zu reflektieren. Wenn die subjektiven Formen der Anschauung mit dem biblischen Symbol des Kelchs zusammenhängen, dann verweist der Begriff der Weltanschauung auf den Unzuchtsbecher.
    Die spezielle Realitivitätstheorie rührt an die erkenntniskritische Seite der Naturwissenschaft, die allgemeine Relativitätstheorie rührt an den Grund ihrer Objektivität: an ihre theologische Seite.
    Nur der Geist hat die Kraft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen und, wenn er alle ergreift, den Sumpf trockenzulegen.
    Die Geschichte des Dogmas und ihr Produkt, der katholische Mythos, ist die Geschichte der Umformung des Glaubens in die Form des Wissens; die Beziehung zur Zukunft wird gelöscht, der Glaube unter die Vergangenheitsform subsumiert, sein Inhalt als Himmel, Hölle und Fegfeuer in den Raum projiziert. Diese Geschichte ist die der drei Leugnungen.
    Wie hängt die Angewohnheit Kohls, in angespannten Situationen die Zunge zwischen die Lippen zu klemmen, mit den zusammengepreßten Lippen bei Politikern sonst zusammen? Die Geste erinnert die von Kindern, wenn sie zu Beginn ihr Schullaufbahn das Schreiben üben.
    In einem Brief an seine Frau (Wie Efeu an der Mauer, S. 345) beschreibt Huidobro, wie er zum erstenmal nach über zehn Jahren mit einem anderen, auch eine „Geisel“, zusammen in einer Zelle ist. Er beschreibt es, indem er von den zwei Paar zerschlissenen Schuhen erzählt, die er beim Erwachen morgens vor seinem Bett vorfindet. Das Ergreifende dieser Situation ist, daß die Dinge anfangen zu erzählen, weil sich die Menschen – nach so langer Einsamkeit – noch zu fern sind, um anderen von sich schon erzählen zu können (oder das eigene Leiden noch zu nahe ist; deshalb erbarmen sich die Schuhe und beginnen zu erzählen). Ist der Gedanke so abwegig, daß heute ein ganzes Land, seine Städte und die Wohnungen in diesen Städten nach Kriterien eingerichtet werden, deren Zweck es zu sein scheint zu verhindern, daß die Dinge sich erbarmen und anfangen zu erzählen? Tot ist, wer sich nicht mehr erbarmt.
    Die moderne Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand macht die Beweisbarkeit zum Kriterium der Wahrheit.
    Der „prinzipielle Ideologieverdacht“ gegen die Autorität des Leidens ist ein Instrument zur Absicherung des modernen Wahrheitsbegriffs. Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand abstrahiert von der Gewalt, genauer: Gewalt ist der blinde Fleck dieser Definition.
    Wenn – ihren Aussagen vor den Ermittlungsbehörden zufolge – keiner der GSG-9-Beamten in Bad Kleinen gesehen hat, daß Wolfgang Grams sich erschossen hat, so ist das fast schon der Beweis, daß es sich nicht um Selbstmord handeln kann: Die Beamten kennen die Folgen einer Falschaussage, deren Widerlegung sie offensichtlich für möglich, wenn nicht für wahrscheinlich halten; deshalb berufen sie sich aufs Nichtgesehenhaben.
    Ist nicht der Jesaias-Satz
    „Ich, der Herr, und keiner sonst, der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin’s, der Herr, der dies alles wirkt“ (457)
    eine Erläuterung des Schöpfungsberichts, seines Rhythmus von Katastrophe und Rettung (die hier vor der Katastrophe genannt wird, wenngleich die Schöpfungsfolge genau umgekehrt ist)? Wirft dieser Satz nicht ein Licht auf die geschaffenen Dinge (Himmel und Erde, die großen Seetiere und schließlich die Menschen), die zunächst als Katastrophen sich erweisen? Verweist das bara generell auf katastrophische Vorgänge (auf etwas zu Rettendes)?
    Kann es sein, daß in dem „wüst und leer“, „Finsternis über dem Abgrund“ und dem „Geist Gottes über den Wassern“ die dreifache Schöpfung des Menschen (als Ebenbild Gottes, als Sein Bild, als Mann und Weib) sich anzeigt, daß in dieser jene sich spiegeln? Und heißt es deshalb, daß der Mensch aus Erde gemacht ist (aus dem Staub, den die Schlange frißt)?
    Die Totalitätsbegriffe (Wissen, Natur und Welt) sind die Reste des durchschlagenen Knotens, den es zu lösen gilt. Die Zeit der Harmonisierung ist vorbei. Gilt nicht das gleiche auch für die Trinitätslehre, ist nicht auch sie der zerschlagene Knoten, den es zu lösen gilt (wurde nicht der Knoten durch Übersetzung des Imperativs in den Indikativ, durch Übersetzung der Offenbarung vom Hebräischen ins Griechische, zerschlagen)?
    Theologie wird zur Theologie im Angesicht Gottes, wenn man begreift, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen. Und Gott suchen heißt: diesen Imperativ endlich hören zu lernen (Heute, wenn ihr Seine Stimme hört).
    Die Theodizee fällt unter das erkenntnistheoretische Problem der kontrafaktischen Urteile, das Problem, das in Vergegenständlichung des Vergangenen und in der Konstituierung der Geschichte steckt. (Zweck der modernen Wahrheitsdefinition ist es u.a., das Vergangene in die Vergangenheit einzusperren.)
    Die Kritik der Verdinglichung affiziert sowohl den Begriff der Vergangenheit als auch den der Natur.
    Wenn das Wahre der bacchantische Taumel ist, in dem kein Glied nicht trunken ist, dann ist diese Trunkenheit ein logischer Ausfluß der subjektiven Formen der Anschauung (des Kelches).
    Die Theologie hinter dem Rücken Gottes hat die Religion zur Religion für andere, zum Herrschaftsinstrument gemacht. In dieser Konstellation gründet die tiefe Zweideutigkeit der Trinitätslehre, gegen die der Satz von der Sünde wider den Heiligen Geist gerichtet ist.
    Die Übersetzung des Indikativs in den Imperativ führt direkt in das Levinassche Konstrukt (mein Verhältnis zum Angesicht des Andern und die Beziehung beider zum „Dritten“), während der Indikativ auf die durch Herrschaft vermittelte Distanz zum Objekt sich bezieht: auf den historischen Objektivationsprozeß.
    War nicht die Lichtmetaphysik einmal der Versuch, den Baum des Lebens zu rekonstruieren, der seine Wurzeln im Himmel hat und dessen Krone den Trieb in sich hat, auf der Erde sich auszubreiten?
    Die Übersetzung des Begriffs der omnipotentia mit Allmacht ist nicht korrekt, genauer wäre der Begriff des Allesvermögenden. Darauf verweist der Satz, wonach bei Gott kein Ding unmöglich ist. Erst unsere Allmacht hat die potentia von ihrem Sprachgrund getrennt. Erst dadurch ist sie böse geworden (islamisch-christlicher Ursprung des modernen Machtbegriffs). Allesvermögend ist der Retter, der Erlöser, allmächtig, aber das auch nur seinem eigenen verblendeten Bewußtsein nach, ist der faschistische Diktator. Der Preis der Allmacht ist die Paranoia.
    Haben das apokalyptische Tier aus dem Meere etwas mit den großen Seetieren (den Symbolen der Macht) und das Tier vom Lande etwas mit der Schlange in der Paradieses- und Sündenfallgeschichte (Modell des falschen Propheten) zu tun?
    Die memoria passionis, die das unabgegoltene Leiden der Geschichte nicht vergessen kann, sprengt den Bann des Vergangenen, sie verweigert sich der „Versöhnung über den Gräbern“.
    Der Kreuzestod war die Katastrophe, zu der die Rettung noch aussteht; und die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der descensio ad inferos.
    Religion für andere, das ist das genaue Gegenteil einer Utopie, in der keiner mehr den andern belehren wird, weil alle Gott erkennen (vgl. Jer 3134).
    Ist nicht die Kirche unfähig geworden, in der Prophetie auch das Gericht über sich selbst zu begreifen?
    Erinnert nicht das Brumliksche „Ausdrucksgeschehen im Gesicht eines anderen“ an eine Videoaufnahme, die Objektivation eines nicht Objektivierbaren, die Übersetzung eines Imperativs in den Indikativ, das Gegenteil des Levinasschen Angesichts?

  • 23.6.1995

    Während die Logik des Weltbegriffs das Bewußtsein ans Vergangene heftet (das Präsens, die wiederhergestellte Unmittelbarkeit, ist durch die Vergangeheitsform, durch Natur und Geschichte vermittelt), findet die prophetische Vision ihren Gegenstand in der vergangenen Zukunft: durch die Kritik von Natur und Geschichte hindurch; deren Medium aber ist der Name, die benennende Kraft der Sprache. Instrument der Bindung des Bewußtsein ans Vergangene sind die subjektiven Formen der Anschauung, ist das Inertialsystem, dessen „Umkehr“ (in der Gestalt des prophetischen, messianischen, parakletischen Denken) Voraussetzung der Rekonstruktion der Sprache ist.
    Das Inertialsystem (der Kelch) ist der Greuel der Verwüstung am heiligen Ort.
    Die Dinge beim Namen nennen: Das heißt, sie im Angesicht Gottes erkennen.
    Der Begriff der Vermittlung bezeichnet selbst im Bereich der Natur einen gesellschaftlichen, keinen natürlichen Tatbestand.
    Das Eine ist das Andere des Anderen. Gegen das Anderssein, das als Sein für Andere sich konstituiert, richtet sich das Wort: Laßt die Toten ihre Toten begraben, ein Wort, dessen herrschaftskritische Brisanz noch zu entdecken ist.
    Die Beziehung der Geschichte der Hexenverfolgung zur Ursprungsgeschichte der Aufklärung gründet darin, daß die Herstellung des Totenreichs nur möglich war bei gleichzeitiger projektiver Verarbeitung und Verschiebung, wie sie der Hexenwahn dann leistete. Der Hexenwahn hat die Basis geschaffen für die Verdrängungsleistung, die dem Erkenntnisbegriff der Aufklärung zugrunde liegt. Als Otto Gericke mit seinem Magdeburger Experiment den horror vacui zu einem physikalischen Phänomen gemacht hat, hat er das darin verborgene logische Problem endgültig verdrängt.
    Hat die naturwissenschaftliche Aufklärung nicht etwas mit dem Duftmarkensetzen des Hundes zu tun?
    Das Eine ist das Andere des Andern: Es geht nicht um das Andere/den Anderen, sondern es geht um das Eine, das hinter dem Anderssein des Andern sich verbirgt. Der Name dieses Einen ist das Fremde.
    Kann es sein, daß in der Vorstellung, im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung seien die Voraussetzungen geschaffen worden für eine Gesellschaft, die der Herrschaft nicht mehr bedarf, die Prämisse falsch ist? Wird hier nicht der Schein, der einer Abstraktion sich verdankt, mit der Nichtexistenz dessen, wovon abstrahiert worden ist, verwechselt? Das Bild vom Absägen des Astes, auf dem man sitzt, trifft den Sachverhalt recht genau.
    Sind nicht Natur- und Umweltschutz Weiterentwicklungen der Schädlingsbekämpfung, nur daß sie an die Stelle der Raupen, Insekten und sonstigen Schädlinge die Menschen setzen, vor denen „die Natur“ jetzt zu schützen sei? Gehört die Logik, die dem zugrundeliegt, und die in Teilen des Feminismus wiederkehrt, nicht zu den Folgen von Auschwitz, zur Logik der vergeblichen Mühen, diese Schuld noch einmal durch Schuldverschiebung und Projektion, durch die man dem Täter-Opfer-Syndrom zu entrinnen versucht, abzuwerfen? Vergessen wird, daß die zu schützende Natur selber bereits dem Schuldverschubsystem sich verdankt: eine Kopfgeburt der Menschheit ist. Fällt nicht auch der Naturbegriff unter die prophetische Kritik des Götzendienstes?
    Die Anbetung des Marktes, der Natur, der Nation, des Rechtsstaats: Sind das nicht alles Emanationen der gleichen Logik der Exkulpation, des Abwerfens der Last der Verantwortung? Vor allem: Auch dieser Kult fordert seine Opfer.
    Mein ist die Rache, spricht der Herr, aber der Rechtsstaat nimmt ihm diese Last ab. Nur: Wie kommt es, daß die DDR-Vergangenheit einen stärkeren Rachetrieb erzeugt hat als die Nazi-Vergangenheit? Und eine Richterschaft, die angesichts der eigenen Beteiligung am Nazi-Terror gegen sich selbst ausnahmslos das „in dubio pro reo“ gelten ließ, kommt von diesem Fluch nicht mehr los und holt heute das Versäumte in der anderen Richtung nach.
    Person und Sache: Jedes Persönliche ist von Sachlichem durchdrungen, und jede Sache ist in Persönliches verstrickt. Die Trennung von Person und Sache ist in letzter Instanz eine grammatische; eine reale ist sie nur auf der Grundlage der subjektiven Formen der Anschauung, im Reich der Erscheinungen. Das läßt sich deutlich machen am Stichwort „Personalkosten“, wie die Trennung von Person und Sache endgültig erst mit der Lohnarbeit, der differentia specifica des Kapitalismus, die in die Ursprungsgeschichte des Staates zurückreicht, sich durchgesetzt hat. Engels‘ Begriff der Utopie, als er glaubte, das Reich der Freiheit auf der Verwaltung von Sachen gründen zu können, wird widerlegt durch die Existenz von Personalabteilungen, ohne die es eine Verwaltung von Sachen nicht gibt. Die 82er Wende war der Sieg einer gesellschaftlichen Logik, der die Einsicht zugrundelag, daß Personalfragen Sachfragen sind.
    Heute, da es scheint, daß das Proletariat seine revolutionäre Kraft endgültig verloren hat, greifen linke Bewegungen immer häufiger auf das Leninsche Avantgarde-Prinzip zurück und suchen in den nationalen Befreiungsbewegungen, die mit der Revolution des Proletariats wenig zu tun haben, ihre Verbündeten. Die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, die das Proletariat ersetzen sollen, stehen nicht zufällig in Gefahr, Vorläufer von Militärdiktaturen zu werden. Ähnlich scheint die Gefahr zu sein, in der die Nachfolgestaaten des real existierenden Sozialismus stehen, Folge des parvus error in principio, der seit der Oktoberrevolution ungelösten Frage, ob ein Sozialismus in einem Lande möglich sei.
    Der Weltgeist stand seit je auf der Seite der Instrumentalisierung.
    Heute geht es nicht mehr darum, auf welcher Seite einer steht; die Front ist nicht mehr draußen; und das Scheiden der Schafe und Böcke ist Sache des Jüngsten Gerichts.

  • 22.6.1995

    Zur Geschichte des Bilderverbots: Die Entwicklung von der Judenkarikatur und von der Denunziation zur Sympathisantenhetze entspricht der vom Rundfunk zum Fernsehen. Das fotografierte Bild ist aus seinem eigenen logischen Grunde das Fahndungsbild; das gilt auch für die mediale Präsentation des Gesichts im Fernsehen. Deshalb ist das Angesicht zu unterscheiden vom „Ausdrucksgeschehen der Gesichter anderer Menschen“ (Zitat Brumlik?, vgl. die Rezension Brumliks in der FR von heute). Es geht nicht um „Wege aus dem Bilderverbot“, sondern darum, daß im Angesicht das Bilderverbot sich erfüllt (auch die Logik der Schrift, die in der genetischen Beziehung der Schrift zum Bild gründet, fällt unters Bilderverbot). Das Angesicht und der „Anthropomorphismus“ der Schrift verweisen auf den Sprachgrund der Schrift. Zur Logik der Schrift (und zu den Konstituentien des Weltbegriffs) gehören der Tempel und das Opfer; die Logik der prophetischen Vision hingegen, die im „Leuchten des Angesichts“ sich vollendet, gründet in einem sprachlichen, nicht in einem visuellen Sachverhalt (Ulrich Sonnemann hat einmal gegen die optische, aufs Anschauen verweisende Tradition der philosophischen Tradition auf die Notwendigkeit, mit den Ohren zu denken, hingewiesen): Sie sprengt den Weltbegriff.
    Bemerkung zum Bilderverbot: Das Fahndungs- und das Paßfoto, die mehr miteinander zu tun haben, als uns lieb sein dürfte, leugnen nicht nur das Angesicht, sie machen es unkenntlich.
    Die Autonomie des Subjekts ist allein noch durch die Idee der Barmherzigkeit zu retten, durch die Kraft, die „Autorität der Leidenden“, den Imperativ, der vom realen Leiden ausgeht, nicht mehr verdrängen zu müssen.
    Der Autismus ist die Krankheit des Objekts, das aus dem Bann des Begriffs keinen Ausweg mehr findet.
    Kritik der Unendlichkeit, oder die drei Grenzen des Weltbegriffs: Das Angesicht, der Name und das Feuer.
    Hat die Autorität der Leidenden nicht etwas mit den Attributen Gottes, die Levinas zufolge im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, zu tun?
    Die Beziehung von Kant und Hegel läßt sich an ihrem Verhältnis zur Astronomie demonstrieren: Während Kant die kopernikanische Wendung, die Säkularisation des Planetensystems nicht nur akzeptiert hat, sondern zum Kern seines Konzepts gemacht hat, zugleich aber an der Erhabenheit des Sternenhimmels festgehalten hat, hat Hegel diese Erhabenheit des Sternenhimmels neutralisiert und verdrängt, ist jedoch durch seine Kepler-Rezeption in die Nähe des astrologischen Mythos geraten.
    Kann es sein, daß die drei Leugnungen Petri als spiegelbildliche Reflexionen der drei Versuchungen Jesu sich begreifen lassen?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie