Naturwissenschaft

  • 21.6.1995

    Ist nicht die Instrumentalisierung des Leidens – nach der Dialektik der Aufklärung die Verinnerlichung des Opfers – eine der Grundlagen der Zivilisation; liegt sie nicht der Logik des Welt- und Naturbegriffs, der Logik der Trennung dieser Begriffe, zugrunde? Die Geschichte des Opfers (und seiner Objekte: Rind und Esel, Lamm und Taube) rührt an diesen Sachverhalt. Aus diesem Grunde ist Habermas‘ Umformulierung des Adornoschen Konzepts des „Eingedenkens der Natur im Subjekt“ in ein „Eingedenken der gequälten Natur im Subjekt“ Ausdruck einer logischen Verwirrung des Problems, keine Verständnishilfe. Hier liegt der Sprengsatz, den Habermas unter Verschluß halten möchte, um sein Diskurskonzept, die Kommunikationstheorie und insbesondere einen ihrer zentralen Begriffe, den der Intersubjektivität, zu retten. Beide, das „Eingedenken der Natur im Subjekt“ und der Begriff der Intersubjektivität, können nicht zusammen bestehen. Und hier wird die Metzsche Unterscheidung zwischen dem eigenen und fremden Leid wichtig: die Unterscheidung zwischen Selbstmitleid und Barmherzigkeit, die der Begriff der Intersubjektivität verwischt und, da das nicht gelingen kann, zugunsten des Selbstmitleids (als dessen kollektive Verkörperung z.B. der Nationalismus sich begreifen läßt) vorentscheidet. Adornos Konzept (das der negativen Dialektik insgesamt) setzt diese Unterscheidung voaus, auch wenn es sie nicht thematisiert. Ihre Thematisierung hätte eine Kritik des Naturbegriffs nach sich gezogen, die Habermas geahnt haben mag, als er von der spekulativen Idee, daß die richtige Gesellschaft auch die Natur mit ergreift, unter Verweis auf den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis sich distanzierte. Auch die Objektivität der Natur ist (und ebenso der Begriff der Intersubjektivität, der die These der Objektivität der Natur zur Voraussetzung hat, an sie gebunden ist) nicht unmittelbar gegeben, sie steht unter einem Apriori, dessen Reflexion übrigens vom Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selber erzwungen wird. Von dieser Reflexion muß Habermas abstrahieren, um sein Konzept zu retten. Das Adjektiv (im Begriff der gequälten Natur), mit dem er Adornos Konzept verfälschte, ist eine Konsequenz aus dieser Abstraktion.
    – Dadurch unterscheidet sich übrigens die Autorität der Leidenden von der naturwissenschaftlichen Objektivität, die in sich selber vermittelt ist, daß sie sehr wohl unmittelbar gegeben ist: Nur weil der Anblick von Leid den spontanen Trieb zu helfen auslöst, ist das Leiden über seine mediale Reproduktion und Vermittlung instrumentalisierbar. Erklärungsbedürftig und in der Tat in sich selber vermittelt ist nicht der Trieb zu helfen, sondern seine Verdrängung, das Wegsehen („Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“).
    Das „Verständigungsapriori“ (in dem Leserbrief in der FR vom 19.6.95) ist die Mauer um ein selbsterrichtetes Ghetto. Es schließt alle, mit denen man nicht kommuniziert, aus. Dazu gehören Rituale, die diesen Ausschluß vollstrecken. Am Leserbrief lassen diese Rituale sich studieren.
    Metz‘ Idee einer Autorität der Leidenden rührt an einen Punkt, der die traditionelle theologische Beziehung von Natur und Übernatur nicht nur präzisiert, sondern im Kern verändert: Sie sprengt den Bann des Naturbegriffs, unter dem nicht nur der „prinzipielle Ideologieverdacht“ des Leserbriefschreibers noch steht, sondern eigentlich die gesamte theologische Tradition, übrigens nicht nur die christliche.
    Die Natur und ihr Begriff stehen unterm Bann des Prinzips der Selbsterhaltung: Darauf bezieht sich das Adornosche Konzept des Eingedenkens, das Habermas zu früh verworfen hat. Der Begriff einer „gequälten Natur“, den Habermas Adorno unterstellt, wäre eine contradictio in adjecto, er bezeichnete in der Tat ein magisches Relikt. Es gibt keine gequälte Natur, weil der Begriff der Natur die Erinnerung ans allein leidensfähige Subjekt apriori ausschließt, aber die Realität des Leidens rührt an den Grund der Natur (wie umgekehrt der Begriff der Natur an den Grund des Leidens).
    „Schiffsbrüchige machen es genau so“ (Rosencof/Huidobro: Wie Efeu an der Mauer, S. 244): Der Satz bezieht sich auf die Geschichte der Menschheit, die in der Katastrophe, als die die „Schöpfung“ sich erweist, ums Überleben kämpft. Nicht die Frage nach den Urhebern der Katastrophe ist wichtig, sondern nur noch die, ob und wie sie sich wenden läßt, ob und wie es möglich ist, ihr zu entrinnen.

  • 20.6.1995

    Der Herr Prof. Dr. Thomas Feuerstein hätte die Fragen in seinem Leserbrief in der FR vom 19.06.95, bevor er sie stellte, nur einmal kurz auf Auschwitz anwenden sollen; vielleicht hätte er dann die Infamie bemerkt, die in Fragen, wie: „Wer leidet zu Recht, wer zu Unrecht? Wer erinnert mit welcher Absicht?“ steckt. Gibt es nicht eine Realität des Leidens, in deren Anblick das „Verständigungsapriori“ zynisch wird?
    Prinzipieller Ideologieverdacht: Ist das nicht eine Definition des Zynismus (und ist nicht der Zynismus die Sensibilität des Paranoikers)? Dazu gehört die aus der Logik des Marktes abgeleitete Vorstellung, von Betrügern umgeben zu sein: der Bettler mit dem Mercedes, die Arbeitslosen, die bloß nicht arbeiten wollen, die Asylanten, die nur an unserem schwer erarbeiteten Wohlstand teilhaben wollen, während Organisationen wie amnesty international, pro asyl, medico internationational nur darauf aus sind, die „Autorität der Leidenden“ zu vermarkten. Der prinzipielle Ideologieverdacht gehorcht einer Logik, die ihrer eigenen Schwerkraft nach dahin tendiert, die Realität des Leidens überhaupt zu leugnen, damit aber – und insofern gehört die memoria passionis zu den Grundlagen der Theologie – die Objektivität der Wahrheit.
    Mit dem bundesanwaltschaftlichen Konstrukt „anschlagsrelevanter Themen“ gewinnen Zynismus und Paranoia Rechtsqualität: Hier wird die Wahrnehmung des Leidens und der öffentliche Hinweis darauf unter strafrechtliche Normen subsumiert, der Ideologieverdacht zum Kriminalitätsverdacht erweitert, die „Autorität des Leidens“ unter Terrorismusverdacht gestellt. (Es gehört zu den „Leistungen“ der raf, diese Logik gefördert zu haben.)
    In welcher Beziehung stehen die drei Versuchungen Jesu zur Verführung durch die Bekenntnislogik (Feindbild, Verrätersyndrom, Frauenfeindschaft)?
    Licht, Schatten und Finsternis gibt es nur fürs Auge. Die Qualität von Licht, Schatten oder Finsternis ist physikalisch nicht einsichtig zu machen, die Physik befaßt sich nur mit den Techniken ihrer Erzeugung.

  • 13.6.1995

    Die Wahrheit des Dezisionismus ist das Bewußtsein des ungeheuren Gewaltpotentials, das der Zivilisationsprozeß erzeugt hat.
    Mit dem Begriff der Intersubjektivität ist schon eine apriorische Vorentscheidung getroffen, die innerhalb der Philosophie nicht sich rückgängig machen läßt.
    Intersubjektivität entscheidet den Hegelschen Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zugunsten des Anderen, bringt das Eine zum Verschwinden. Ins Deutsche übersetzt heißt Intersubjektivität: Anpassung an die Welt, wie sie nun einmal ist. Das eröffnet dann den Spielraum fürs „Experimentieren“, tastet aber die Maschine nicht mehr an.
    Der Begriff der intersubjektiven Vernunft verletzt das Verbot, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen.
    Philosophie und Projektion: Es stimmt, daß wir nur das erkennen, was wir in die Dinge hineinprojizieren (und der Begriff der Intersubjektivität sanktioniert diese Projektion, die eine kollektive ist). Nur daß wir im Prozeß dieser Projektion den eigenen blinden Fleck herausarbeiten, dessen Reflexion dann die Philosophie wäre. Die Hegelsche Philosophie (Hegels Logik) ist dieser gleichsam entfaltete und durchorganisierte blinde Fleck.
    Zu Metz: Die „Verweltlichung der Welt“, das ist die Entfaltung des blinden Flecks.
    Kann es sein, daß die memoria passionis mit dem Gebot der Feindesliebe konvergiert? Oder umgekehrt: Ist nicht das Gebot der Feindesliebe der Hebel, mit dessen Hilfe Moderne und Religion gemeinsam auszuhebeln wären, damit beide sich erfüllen? Was in der Verweltlichung der Welt sich herausarbeitet, ist der „Feind“, in dem wir uns selbst (unser eigenes Angesicht) erkennen. In diesen Zusammenhang gehört das Wort vom Greuel der Verwüstung am heiligen Ort. – Ist nicht die Aufklärung der Feind, in dem die Kirche sich selbst erkennen würde, wenn sie aus dem eigenen blinden Fleck heraustritt? Und ist nicht Religion selber heute der Greuel der Verwüstung am heiligen Ort?
    Die memoria passionis gewinnt konkrete Gestalt erst im Kontext des parakletischen Denkens. Und der Universalimus kommt zu sich selber in dem Satz, daß am Ende Gotteserkenntnis die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Meeresboden bedecken (zusammen mit dem Jeremias-Wort, daß keiner den Andern mehr belehren wird, weil alle Gott erkennen).
    Hat Hegel nicht, als er die Antinomien der reinen Vernunft aus der transzendentalen Ästhetik in die Logik transponierte, die transzendentale Ästhetik erst recht unangreifbar und undurchschaubar gemacht?
    Warum gibt es in der ganzen Adorno-Schule niemand, der einen Kommentar zu Hegels Logik schreibt? Das Potential, das den Bann hätte lösen können, war da.
    Der Titel des Werks von Hermann Cohen „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ ist bis heute uneingelöst. – Vgl. insbesondere die Bemerkung Cohens, daß die Attribute Gottes Attribute des Handelns, nicht des Seins sind, die Emmanuel Levinas dann so verschärft hat: Die Attribute Gottes stehen im Imperativ, nicht im Indikativ. Hierin liegt das Programm der Gotteserkenntnis, der Grund der Unterscheidung von Gebot und Gesetz und die Dekonstruktion des Begriffs der Intersubjektivität (die das Subjekt zum Objekt seiner eigenen Formen der Anschauung macht).
    Das Angesicht ist eine logische Konstruktion: die Grenze, an der die Logik sinnlich wird.
    Der Begriff ist ein Totengedenken und Hegels Philosophie ein Heldenfriedhof (und Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ein Versuch, selber noch einen Platz auf diesem Heldenfriedhof zu erhalten). Aber wäre nicht dieses Totengedenken aufzusprengen, in ihm die Kraft des Namens wiederzuerwecken, denn Gott ist kein Gott der Toten (und: Laßt die Toten ihre Toten begraben).
    Der Mörfelder Wald ist durchsetzt von Erinnerungen an die Startbahn-Auseinandersetzungen, in denen kommunikatives Handeln durch Schlagstock und Wasserwerfer erfahren werden konnte.
    Die Habermassche Theorie des kommunikativen Handelns hat das hilflose Postulat des gewaltfreien Diskurses an die Stelle der Reflexion der Gewalt gesetzt: Sie hat der eingreifenden Argumentation entsagt und, ohne es noch zu bemerken, ihr Vertrauen in die Kräfte des sich selbst regulierenden Marktes, die selber eine der Quellen der Gewalt ist, gesetzt.
    Als der Studentenprotest aus der Öffentlichkeit herausgeprügelt worden ist, ist die raf in die Studentenbewegung hineingeprügelt worden.
    Es gehört zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, wenn es nicht gelungen ist, Derrida’s unverschämte Benjamin-Kritik öffentlichkeitswirksam zu destruieren.
    Wäre nicht die Frage von Maimonides, ob nicht der Messias, wenn er am Ende erscheinen wird, das Antlitz dessen tragen wird, der schon einmal da gewesen ist, auch in die christliche Theologie mit aufzunehmen: Muß Christus, wenn er wiederkommen wird, notwendig das Antlitz dessen tragen, der im Stall geboren wurde und am Kreuze starb?
    Theologie im Angesicht Gottes wäre nicht mehr religiös, sondern politisch.
    Der Name der Theologie wäre zu retten, wenn der Logos die Erinnerung an den Begriff in sich tilgen und die Kraft des Namens in sich wachrufen würde. Schwieriger wäre es mit dem Namen der Philosophie: Hier wäre aus der Sophia das Abgeklärte zu entfernen.
    Die Fähigkeit zur Reflexion der Gewalt hängt auf eine sehr merkwürdige Weise mit der Fähigkeit zur Reflexion der subjektiven Formen der Anschauung zusammen: Die subjektiven Formen der Anschauung erbringen (gemeinsam mit dem Weltbegriff) eine Vorleistung, deren Reflexion die der Gewalt überhaupt erst ermöglicht.
    In dem Augenblick, als man den Raum durch das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen in ihm definierte, als man ihn gegen die Zeit verselbständigte, zusammen mit der Geometrisierung des Raumes, wurde die Idee der Umkehr destruiert. Über diese Logik hängen Orthogonalität und Orthodoxie mit einander zusammen.
    Zur Geschichte der Scham (zu ihrer Ursprungsgeschichte im Sündenfall) gehören auch die Benennung der Tiere durch Adam und die Erschaffung der Eva. Gehört nicht der Tierkreis zur Benennung der Tiere durch Adam, das Planetensystem zur Vertreibung aus dem Paradies und zum Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert?

  • 12.6.1995

    Zur memoria passionis gehört auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Leidensseite des Handelns, die Fähigkeit zur Empathie, zur Barmherzigkeit, die Einübung der Sensibilität, der Identifikation mit dem Anderen: die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen.
    Die Schrift verwirrt die Unmittelbarkeit, das Geld die Barmherzigkeit und das Bekenntnis das Angesicht.
    Die Trinitätslehre ist eine Schutzimpfung gegen das biblische Symbol.
    Die Apologetik verrät, was sie verteidigt.
    Der der Personalisierung zugrunde liegende Rachetrieb verharmlost, was er anprangert, und verhindert die Erkenntnis, daß die Strukturen überleben.
    Verwaltung: Die wohldotierte Verantwortungslosigkeit.
    Wie es scheint, geht es dem BAW nicht mehr um Erkenntnis, sondern nur noch um Diskriminierung. Er hat sich längst selber politisch instrumentalisiert.
    Die altkirchliche Basilika (der Name gründet in einem Adjektiv basilikä = königlich: die königliche <Halle>) ist hervorgegangen aus der römischen Basilika, einem kommunalen Mehrzweckbau mit repräsentativem Charakter, der als Markthalle, Bankgebäude und Börse, als Gerichtssaal und allgemeiner Treffpunkt diente (dtv-Atlas zur Baukunst I, S. 231). Vor den Christen hatten bereits jüdische Gemeinden den Typ der Basilika für ihre Synagogen übernommen (S. 259). Im Gegensatz zum Tempel, der in erster Linie Haus des Gottes (des göttlichen Namens bzw. der Statue des Gottes) war, war die Basilika ein Versammlungsraum, der Ort der Gemeinde, der ekklesia. Zum Namen: War die Basilika nicht in der Tat die königliche Halle, der Ort, der den gesamten Bereich königlicher Kompetenzen, den Bereich, für den dann der Name der Welt sich durchsetzte, repräsentierte, vom Kommerz über das Geldwesen bis zum Gericht. Die Basilika war gleichsam der Mikrokosmos, die embryonale Welt, der Quellpunkt des Objektivationsprozesses. Und genau dieser Ort wurde zum Ort der Kirche. In welcher Beziehung steht dieser Zusammenhang zur Geschichte der Architektur, die – unter christlichem Vorzeichen – in erster Linie eine Geschichte der krichlichen Architektur war: Läßt sich daran nicht die Herrschaftsgeschichte ablesen (Herrschaftsgeschichte als Vorgeschichte der der naturwissenschaftlichen Aufklärung, die selber als Geschichte der Verinnerlichung der Architektur sich begreifen läßt)?

  • 10.6.1995

    Der christliche Fundamentalismus nimmt das Dogma wörtlich, der islamische den Koran. Beide sind unfähig zur Reflexion (zur Sprachreflexion).
    Der Ursprung des Bewußtseins (seine Trennung von der Wirklichkeit) hängt mit dem Ursprung der List und der Verstellung zusammen. Der Begriff der Welt bezeichnet ein System aus List und Verstellung.
    Leitfaden der Erinnerungsarbeit ist der Name.
    Geschichte ist Weltgeschichte, und die Geschichte vor der Geschichte ist Vorgeschichte. Die altorientalische Geschichte ist die Ursprungsgeschichte der Weltgeschichte (die Wasserscheide ist die Schrift).
    Die Trennung des Dings von der Sache bezeichnet einen qualitativen Sprung in der Geschichte des Urteils. Die Beziehung von Ding und Sache wird in der Hegelschen Philosophie durch die Beziehung der Logik zur Geschichtsphilosophie repräsentiert.
    Hegels List der Vernunft bezeichnet einen objektiven Sachverhalt, eigentlich das objektive Korrelat der Philosophie. (Was drückt darin sich aus, wenn nach aristotelischer Tradition der intellectus agens jenseits der Mondsphäre angesiedelt war?)
    Der Reni’sche Blick ist der Pfaffenblick, die geheuchelte Gottesfurcht (die Gottesfurcht für andere), wie sie in jüngster Zeit an Höffner und am Papst zu sehen war.
    Daß zuerst das Licht und erst danach die Leuchten am Firmament erschaffen wurden, verweist auf die Priorität des Worts vor den sprechenden Wesen. Hängt damit das Versprechen an Abraham, seine Nachkommenschaft werde zahlreich sein wie die Sterne des Himmels, zusammen?
    Die Theologie hat die Logik der Welt in sich aufgesogen; dadurch ist sie zum steinernen Herzen der Welt geworden. Das Einfallstor der Welt, oder auch die Nabelschnur zur Welt, war der Bekenntnisbegriff.
    Warum ist es mir als Kind nie zum Bewußtsein gekommen, was es für die Familie Maashänser bedeuten mußte, daß Gerhard in Dachau war? War nicht die KZ-Haft von Gerhard für mich nur ein Abstraktum, etwas nicht Vorstellbares: Verfolgt wurde, und im KZ war für mich die Kirche (und Gerhard nur als Repräsentant der Kirche). – Hängt das nicht mit dem Paulinismus zusammen (auch Paulus hat – seinem eigenen Bewußtsein nach – nicht Stephanus, sondern die Gemeinde verfolgt und gesteinigt)? – Wäre ich in der Lage gewesen, die Sache auf Gerhard Maashänser zu beziehen, dann hätte ich auch den Antisemitismus damals anders erfahren. Der Katholizismus war eine Verkörperung des Begriffsrealismus, und der Thomismus nur eine Kompromißbildung, die es der Kirche erlaubt hat, den Nominalimus zu überwintern. Dieser Begriffsrealismus hat Auschwitz nicht überlebt. (Ist nicht die memoria passionis von Metz, wenn er sie wirklich begreift, der Ausbruch aus dem Begriffsrealismus?)
    Auschwitz ist auch ein Vorgang in der Geschichte der Philosophie. Die Dialektik der Aufklärung ist der Anfang des Bewußtseins davon.
    Hängt es nicht damit, daß die Kirche als Verkörperung des Begriffsrealismus sich begreifen läßt, zusammen, wenn die Beziehung der Theologie zu den Naturwissenschaften zentral geworden ist?

  • 8.6.1995

    Hermes oder Idealisierung als Schuldverschiebung: Die Waage (Symbol des Gerichts) macht Gewichte (Schuld) vergleichbar, indem sie auf sich selbst ableitet (die Schuld auf sich nimmt, scheinbar hinwegnimmt, und die Objekte zu Objekten idealisiert). – Haben die Schalen der Waage etwas mit dem Kelchsymbol (und mit der Logik der subjektiven Formen der Anschauung) zu tun?
    Ist die Anwendung des Gravitationsgesetzes auf das Sonnensystem nicht vergleichbar mit der Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Probleme (und ist sie nicht ähnlich problematisch)? – Kann man die Massen von Sonne, Mond, Erde und Planeten, ihre „Gewichte“, (auch nur in Gedanken) mit Hilfe einer Waage vergleichen und bestimmen? Oder ist nicht das Gravitationsgesetz diese Waage (der logische Grund der Vergleichbarkeit der „Massen“ von Sonne, Mond, Erde und Planeten, und damit der Grund der Anwendbarkeit dieses Begriffs in dieser Sphäre); auf welchem Boden steht diese Waage: welche Waage und welcher Boden würde dem gemeinsamen Gewicht von Sonne, Mond, Erde und Planeten standhalten? – Das Inertialsystem und das Gravitationsgesetz sind beide Waage und Boden zugleich: Darin ist die Identität von träger und schwerer Masse begründet, oder genauer: Das Inertialsystem und das Gravitationsgesetz begründen sich wechselseitig.
    Sch’ma Jisrael (mit den Ohren lesen): Der Islam nimmt den Koran „wörtlich“, das Christentum das Dogma, das „orthodoxe“ Verständnis der Schrift (nur der Theologe weiß, was der biblische Autor gemeint hat). Beide stehen unter dem Bann der Logik der Schrift (der Bekenntnislogik), beide sind unfähig zur Sprachreflexion: Beide haben verlernt zu hören, sind taub.
    Peter Brown: Macht und Rhetorik in der Spätantike. In der machtorientierten Welt der Spätantike (des römischen Reiches) ist die Sprache zur Rhetorik geworden: zu einem Instrument der Demonstration, der Verschleierung und der Ausschmückung von Macht. In welcher Beziehung stehen hierzu die Vätertheologie, das Selbstverständnis der Kirche und die Ausformulierung des Dogmas, die Orthodoxie (der Begriff und die Sache)?
    Die Trennung von Macht und Rhetorik ist ein Teil der Geschichte der Trennung von Wirklichkeit und Sprache (die von der Entmächtigung der Sprache, die nur noch äußerlich auf die Sache sich bezieht, ausgeht).
    Der Name gründet in Gott, der Begriff im Staat.
    Das Neutrum entspringt gemeinsam mit der Vorstellung der Reversibilität aller Richtungen im Raum, die mit der anderen Vorstellung verbunden ist, daß jede Zukunft einmal vergangen sein wird. Das Neutrum antizipiert die Vergangenheit der Zukunft, es kennt das Leben ebenso wie das Licht nur als vergangenes.

  • 26.5.1995

    Der Gegensatz von Sehen und Hören drückt in der Sprache in der Beziehung von Schrift und Wort sich aus. Worauf bezieht sich das Wort von den „sichtbaren und unsichtbaren Dingen“ im Credo? Ist nicht das Dogma der Versuch, das Unsichbare in Sichtbares: den Glauben in Wissen zu transformieren? Und war nicht genau das der parvus error in principio? Wer das Unsichtbare in Sichtbares zu transformieren versucht, setzt an die Stelle des Hörens den Gehorsam.
    Das Dogma und die Logik der Schrift: Quod non est in actis, non est in mundo.
    Das Dogma hat die Ohren verstopft.
    Die Prophetie hat in der Tat in der Geschichte Jesu sich erfüllt; aber erfüllt heißt nicht abgeschlossen, heißt nicht, daß das Erfüllte damit zu etwas Vergangenem geworden ist: Es ist vielmehr auf eine neue Weise gegenwärtig geworden. Hat nicht erst die Kirche, durch ihre Art der Verarbeitung (durch theologische Objektivierung), es zu etwas Vergangenem, Erledigten, gemacht?
    Stephanus sah den Himmel offen. Hat nicht Paulus, der in den dritten Himmel entrückt war, die Feste des Himmels wieder verschlossen und durch die Archonten versiegelt? Und hat nicht Paulus (ein „V-Mann“ der Sadduzäer, nicht der Pharisäer) das sadduzäische Prinzip, das er vertrat, ins Christentum mit herübergenommen und so dazu beigetragen, daß die jüdische Tradition aus dieser Fessel sich befreien konnte?
    Der Gottesname „Vater“ gewinnt Sinn nur, wenn ich ihn auf andere beziehe: Nur dann werden die Sätze verständlich „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“ oder „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ oder auch „Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.
    War die Kopenhagener Schule nicht der Vorläufer der Postmoderne in der Physik? Beide haben die Logik des Sehens bis an die Grenze vorgetrieben, an der sie hätte ins Hören umschlagen müssen, aber dann wieder ins Sehen zurückgebogen.
    In einen Prozeß hineingezogen werden kann ich auf dreifache Weise: als Ankläger, als Angeklagter oder als Verteidiger.
    Sind Perfekt und Imperfekt die konjunktivischen Verkörperungen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit? Die indoeuropäischen Sprachen haben aus dem Imperfekt das Praeteritum gemacht: Sie ist die Welt zu einer durch die Vergangenheitsform (durchs Perfekt) abgeschlossenen Welt geworden (zum Präsens), die seitdem instrumental verfügbar ist. Das Wort, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden, revoziert das Praeteritum (und die Gewalt des Perfekt). Das Perfekt, das für uns zur abgeschlossenen Vergangenheit geworden ist, war in der Bibel inhaltlich erfüllt: Er starb alt und lebenssatt. Das indoeuropäische Perfekt ist der Sprachgrund der Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt.
    Auschwitz ist die reinste Verkörperung des vom Perfekt vergewaltigten Imperfekt.
    Theodor Haeckers Bemerkung über den „echten Hebräer“ gehorcht der Logik der bloß erbaulichen Bibellektüre, die seit je projektiv und antisemitisch war.
    War der Himmelfahrtstag nicht seit je ein Männertag („Ihr Männer von Galiläa …“)? Waren nicht hier und beim letzten Abendmahl die Frauen ausgeschlossen?
    Die Trinitätslehre hat die Attribute Gottes durch Objektivierung aus dem Imperativ in den Indikativ zurückübersetzt, sie für Herrschaftszwecke brauchbar gemacht. Hat sie damit nicht das Wort Jesu zu Petrus „Weiche von mir Satan! Du bist mir ein Fallstrick, denn du sinnst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“ (Mt 1623) als Imperativ genommen?
    Das Allgemeine ist, bezogen auf das Einzelne, das Gemeine.
    Die Postmoderne vollstreckt den Bann des begrifflichen Denkens: den Verzicht auf Ziele und Resultate. Die Dekonstruktion ist die Entfaltung des Widerspruchs, der mit ihrer Objektivierung auch die Ziele und Resultate ergreift.
    Mit dem Satz „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ ist die Offenbarung fähig geworden, in die Völkerwelt hinauszugehen.
    Der Vertrauens-Slogan der Deutschen Bank bezieht sich auf das Vertrauen, daß die Kunden in die Deutsche Bank setzen sollen, nicht auf das Vertrauen, das die Deutsche Bank in die Kunden setzt. Es ist ein durchaus einseitiges Vertrauen und meint eigentlich: Ihr könnt uns vertrauen, wir werden euch die Drecksarbeit abnehmen. Geldwäsche ist eine der wichtigsten Aufgaben der Banken: Man sieht dem Geld auf dem Konto nicht mehr an, auf welche Weise es gewonnen, erhalten und vermehrt wurde.
    Wie wäre es mit der These, daß der Antisemitismus heute nicht aufgehoben, sondern nur neutralisiert, gleichsam in eine Latenzphase gebracht wurde?
    Gibt es zu der Unterscheidung von gegen und wider (Gegner und Feind, Gegenstand und Widerstand) eine Entsprechung im Lateinischen oder Griechischen? Gehört diese Unterscheidung (zusammen mit dem naturwissenschaftlichen Begriff der Trägheit) zu den Ursprungsbedingungen des Dingbegriffs? Und hat diese Unterscheidung etwas mit der des Andern vom Fremden zu tun (ist der Andere der neutralisierte Fremde, der Gegner der neutralisierte Feind)?
    Nach einem Hinweis von Jürgen Ebach bezieht sich das biblische „im Angesicht“ sowohl auf Gott wie auch auf den Feind. So hängt das Leuchten des Angesichts mit der Feindesliebe zusammen. Im Feind hasse ich die eigene Verblendung (das nach draußen projizierte verdrängte Innere, das ich in mir selbst nicht wahrhaben will, die projektiv ins Objekt verschobene Manifestation des Verdrängten, die die Welt verdunkelt).

  • 23.5.1995

    Prozeß gegen Birgit Hogefeld: Auf die Frage der Verteidigerin nach dem Grund der erneuten Festnahme einer Prozeßbesucherin, erklärt der Vorsitzende Richter (Dr. Schieferstein) erkennbar wütend und mit aggressiver Lautstärke: „Damit habe ich nichts zu tun“. Die Art seiner Reaktion weist darauf hin, daß er den Vorgang sehr wohl kennt und offensichtlich doch etwas damit zu tun hat (die Anfrage der Verteidigerin hat ihn nicht überrascht, nur verärgert; deshalb seine gereizte Reaktion). Bei der Festnahme (am vergangenen Donnerstag, an ihrem Geburtstag!) hatten sich die Polizeibeamten auf eine „Anordnung des Vorsitzenden Richters“ berufen.
    Synthetisches Urteil apriori: Wieder einmal erweist sich, daß nur die Verteidigung und die Angeklagte in diesem Prozeß souverän agieren (aber was bleibt ihnen auch anders übrig), während Bundesanwälte und Richter nur noch gereizt reagieren. Man hat das Gefühl einer Verhandlung beizuwohnen, in der die Beziehung des Gerichts zur Angeklagten auf den Kopf gestellt ist: Das Gericht verhält sich, als sei es selbst angeklagt, als müsse es sich fortwährend gegen Beschuldigungen wehren, die es nicht entkräften, sondern nur noch durch repressive Maßnahmen unterdrücken kann: Jede Erörterung der Fakten wird verweigert, ihr bloßes Lautwerden diskriminiert. So sieht sich das Gericht immer wieder gezwungen, den Grundsatz „In dubio pro reo“ für sich selbst geltend zu machen (aber in keinem Fall und um keinen Preis für die wirklich Angeklagte, die ohnehin, schon durch die Inszenierung des Verfahrens, vorverurteilt ist). – Das jedoch ist die zwangsläufige Folge davon, daß der Prozeß mit all seinen Begleiterscheinungen (zu denen auch die Nichtwahrnehmung durch die Medien gehört) objektiv als politischer Prozeß geführt wird: Die Angeklagte ist nicht nur Angeklagte, sie ist Feind; und die Besucher sind Parteigänger des Feindes, „Sympathisanten“, sie werden ausnahmslos wie potentielle Terroristen angesehen und behandelt (Empfang durch maschinenpistolenbewehrte Polizeibeamte und Hundeführer, im Eingang dann schikanöse, entwürdigende und diskriminierende Kontrollen, die demonstrieren, daß die Würde des Menschen im wörtlichen Sinne antastbar ist). Durch rigoros gehandhabte Sprachregelung jedoch soll um jeden Preis der Schein eines rechtsstaatlichen Verfahrens aufrechterhalten werden.
    Wie es scheint, ist inzwischen zumindest ein Teil der Prozeßbesucher dem Gericht und der Polizei mit Namen bekannt (so wurde ein regelmäßiger Prozeßbesucher, der bisher weder mit dem Gericht noch mit der Polizei persönliche Berührung gehabt hat, von einem Polizeibeamten mit seinem Namen angesprochen; die Frage, woher er ihn kenne, wurde von dem Beamten nicht beantwortet). Einige Besucher wurden, nachdem sie vor dem Gerichtsaal festgenommen worden waren, erkennungsdienstlich behandelt; der Polizei im Gerichtsgebäude liegen Fotos dieser Prozeßbesucher vor (ob auch von anderen Prozeßbesuchern, war nicht erkennbar; aber die Größe des Packens ließ darauf schließen, daß weitere Fotos vorliegen).
    Gründet nicht die merkwürdige, redundante Selbstbezeugung der subjektiven Formen der Anschauung („Ich und der Vater sind eins“) in ihrem Grundprinzip: in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangeheit: so bezeugt sich Zukunft als vergangen?
    Die Form des Raumes ist der gelungene (und zugleich neutralisierte) hieros gamos.
    Werden die Zitate aus dem „Alten Testament“ in der Johannes-Apokalypse unverändert wiedergegeben, oder in der Formulierung oder durch den Zusammenhang verändert oder ergänzt (vgl. die vier apokalyptischen Reiter; das Buch, das der Seher ißt; der Himmel, der wie eine Buchrolle sich aufrollt; der Unzuchtsbecher; das Tier aus dem Meer und das Tier vom Lande u.ä.)?
    Max Webers Unterscheidung von Verantwortungs- und Gesinnungsethik greift zu kurz: Selbstverständlich kann man mit Gesinnungen keine Sachzwänge aushebeln. Aber das heißt nicht, daß man Sachzwänge unreflektiert hinnehmen muß. Die Anerkennung von Sachzwängen schließt ihre Reflexion (und damit ihre Konfrontation mit anderen Notwendigkeiten, ihre Variabilität) nicht aus.
    Nicht nur die Außenbeziehunger der Staaten erweisen sich als Naturverhältnisse. Über die Armut dringt die rohe Natur der Außenwelt ins Innere der Gesellschaft ein.
    Die explosive Entwicklung des Militär- und Rüstungsbereichs, die in Wechselbeziehungen zu den sich ändernden Strukturen im Innern der Staaten steht, wird unterstützt und stabilisiert durch den irren Griff nach den Sternen und durch den ebenso irren Griff ins vorgebliche Innere der Materie.
    Merkwürdige Beziehung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zu den kantischen Antinomien: Hier wird das Problem, ob die Ausdehnung des Raumes endlich oder unendlich ist, in der Längenkontraktion handgreiflich und auf neue Weise bestimmbar. Paradox die Konsequenzen hinsichtlich der Zeit: Die Zeitdilatation verlegt das Ende der Zeit in ihren Anfang.

  • 18.5.1995

    Steht nicht der Strukturwandel der Öffentlichkeit in Abhängigkeit von der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung?
    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein: Hat das Brot etwas mit der Schrift, mit der Alphabetisierung, zu tun? Was würde das für das Verständnis der Versuchungen Jesu, der „wunderbaren Brotvermehrungen“ oder auch des Brotbrechens (an dem die Jünger ihn erkannten) bedeuten?
    Der Raum ist das sich auf sich selbst beziehende Anderssein.
    Hängen nicht der Ursprung der Hilfsverben und die Verselbständigung der Personalpronomina mit der Geschichte des Ursprungs des Inertialsystems zusammen (und gibt es nicht erst eine Öffentlichkeit seit der Trennung von Sprache und Objekt)? Drückt nicht in dem Ursprung der Hilfsverben (des Seins, des Habens und des Werdens) die Gewalt der Hypostasierung des Raumes (die Gewalt des sich etablierenden Staates) sich aus?
    Gottesfurcht ist etwas anderes als Angst. Alle Angst ist Todesangst (Verlassenheitsangst), und Herrenfurcht ist instrumentalisierte Angst.
    Das kontrafaktische Urteil war immer schon auch ein Instrument der Verdunkelung, ein Teil des Schattens, den der Faschismus in seine eigene Vorgeschichte wirft. Kontrafaktische Urteile sind Ausdruck eines Rechtfertigungszwangs.
    Heute gerät die Herrschaftsgeschichte in eine Engführung, die an der Logik der speziellen Relativitätstheorie sich demonstrieren läßt.

  • 16.5.96

    Liegt nicht der Ursprung der Verhärtung des Herzens in der Unsterblichkeitslehre, in der Vorstellung, daß es ein seliges Leben allein für mich, unter Abstraktion von der Barmherzigkeit: vom Leiden am Zustand der Welt, von der Erinnerung an die Opfer der Geschichte und vom Mitleiden mit dem Leiden der Benachteiligten gebe? Ist nicht das, was heute Gemeinde heißt, die Gemeinschaft dieser verworfenen Hoffnung, und ist es nicht die Bekenntnislogik, die diese Hoffnung von der Wahrheit trennt?
    Wer Gott erkennen will, ohne sich in der Fähigkeit, sich in den Andern hineinzuversetzen, in der Kraft der Identifikation mit dem Andern, geübt zu haben, m.e.W. ohne Barmherzigkeit zu üben, betrügt sich selbst.
    Zum Brüllen, zum Donnern Gottes: Kann es sein, daß die Antwort, die Gott Hiob aus dem Gewitter erteilt, auch unter der Prämisse zu verstehen ist, daß Gott dem Hiob bedeutet: Hättest du anders handeln können, wenn du an meiner Stelle gewesen wärest, hättest du eine Alternative gesehen?
    Wenn Gott lernt, lernt er dann nicht gemeinsam mit uns? Und käme es nicht darauf an, daß er, indem er mit uns Barmherzigkeit lernt, wird was er ist: der Barmherzige (daß er im Lernen mit uns gereut – vgl. Abraham, Moses, auch Jesus in Gethsemane)?
    Rechtfertigungszwänge – und die subjektiven Formen der Anschauung wie auch der Weltbegriff sind Instrumente der Rechtfertigung – verwirren und destruieren die Erinnerungsfähigkeit.
    Die Kritik der Naturwissenschaften gehört zu den Vorbereitungen des „Hodie, sie vocem eius audieritis …“.
    Schließt der Name der Gemeinde heute schon das Gebet um das Kommen des Reichs aus? Die gemeinsame Erwartung (das adveniat regnum tuum) ist nur möglich als tätige Erwartung, sie setzt die Lösung des Banns, der auf der Vergangenheit liegt: die kritische Reflexion der Orthodoxie, der dogmatischen Tradition, des Glaubensbekenntnisses voraus.
    Es gibt Wörter, die sind reine Konstruktionen aus Affixen, wie etwa das Wort „Ungetüm“, dessen Stamm identisch zu sein scheint mit dem Suffix -tum (in Irrtum, Reichtum, Deutschtum, Christentum). Kann es sein, daß das „Gebet“ das Präfix be- (das englische to be) in sich enthält (kommt das englische prayer vom Preisen)? Die Anbetung scheint sich herzuleiten vom lateinischen adorare (das wiederum von der griechischen Proskynese sich unterscheidet).
    Der bayerische Katholizismus unterscheidet sich vom westfälischen schon durch den Gottesnamen: Dem bayerischen „Herrgott“ entspricht der westfälische „liebe Gott“. Ist der „Herrgott“ nicht ein Staatsgott, der „liebe Gott“ hingegen ein Familiengott, die bayerische Religion eine politische, die westfälische eine private Religion?
    Was hat der Pfingstochse mit Pfingsten zu tun? Gehört der Pfingstochse nicht zum Bereich der Herrgotts-Religion, hat er etwas mit Bölls „Sakrament des Büffels“ zu tun? Hier ist daran zu erinnern, daß aus dem Umkreis der jüdischen Opfertiere im Christentum das Lamm (mit dem die Erstgeburt des Esels ausgelöst wird), der Esel, die Taube (das Opfer der Armen), nicht aber das Rind, der Ochse, der Stier vorkommt. Ist der Pfingstochse eine Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist, ein Symbol des kirchlichen Antijudaismus?
    Die fortschreitende Privatisierung staatlicher Dienste und Aufgaben ist die Kapitulation des Staates vor der gleichen Wirtschaft, die die Weltherrschaftsphantasien der Nazis, die damals schon als Weltvernichtungsträume sich entpuppten, heute zu erfüllen verspricht. Der neue Imperialismus ist einer, der nicht mehr nur die Dritte Welt, sondern endgültig die Staaten insgesamt in Kolonien des globalen Marktes verwandelt, der in den transnationalen Institutionen sich seine eigenen Verwaltungen schafft. Die Idee der Vernunft, die einmal an der Politik, der Idee des richtigen Staates, sich ausbildete und schulte, gerät unter das Diktat der instrumentellen Vernunft und der entfesselten Selbsterhaltung.

  • 9.5.1995

    Steckt nicht in dem Satz aus der Dialektik der Aufklärung: „Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, gründet in der Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“ (Neupublikation 1969, S. 19), die ganze Kritik des Inertialsystems und der Raumvorstellung? Die Distanz zum Objekt und die Beziehung des Herrn zum Beherrschten gründen in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Ist nicht, was bei Kant Erinnerung heißt, eine in die Vergangenheit zurückprojizierte Planung?
    Sind die Planeten Instrumente zur Austarierung des Zeitkontinuums (und damit auch des Inertialsystems: des dreidimensionalen Raumes)?
    Das Menetekel: Gezählt, gewogen und zu leicht befunden, ist ein frühes Symbol des Inertialsystems (und jeder Ästhetik): der Abstraktion von der Schwerkraft.
    Was haben Rind und Esel mit der Gravitation zu tun? Gibt es nicht auch eine astronomische Anwendung des Satzes vom Rind und Esel (auch ihrer Beziehung zum Opfer, zur Auslösung der Erstgeburt)? Sind nicht Sünde und Schuld die moralischen Äquivalente der Gravitation (und Objekt und Begriff Reflexe der Abstraktion von der Gravitation)?
    Ist die Technik der Esel und die Ökonomie das Rind? Und ist nicht die Beziehung von Technik und Ökonomie (von äußerer und innergesellschaftlicher Naturbeherrschung) ein Schlüssel zur Lösung des Rätsels der Beziehung von Astronomie und Banken? Verweist nicht die Unterscheidung der Zentralbanken von den Geschäftsbanken und innerhalb der Geschäftsbanken die Unterscheidung von Depositen- und Kreditbanken auf den Grund der Dreidimensionalität des Raumes?
    Was bedeutet eigentlich der Spruch „quod licet Jovi non licet bovi“?
    War nicht die Astrologie so etwas wie das frühe Modell einer Regierung: mit Jupiter (Baal?) als Regierungschef, Mars (Nebu?) als Verteidigungsminister, Venus (Ischtar?) als Familienminister und Merkur als Handels- und Wirtschaftsminister; Saturn wäre dann der Finanzminister? Von den klassischen Ressorts fehlen (aus rekonstruierbaren Gründen) insbesondere der Außen- und der Justizminister.
    Und ist nicht die Musik das Echo des Seufzens der Kreatur, das am Ende seinen Wiederhall in den Posaunen des Gerichts und den sieben Donnern finden wird? (Haben die sieben Donner etwas mit dem Brüllen JHWHs zu tun, oder auch damit, daß der Himmel am Ende wie eine Buchrolle sich aufrollen wird, und hängt es damit zusammen, daß ihre Botschaft nicht niedergeschrieben werden durfte?)
    Der übermächtige Rachetrieb im Nachkriegsdeutschland, der die Politik, das Recht, aber auch die privaten Verhältnisse durchsetzt, gründet in den Racheängsten nach Auschwitz. Die Kollektivscham hat die Kollektivschuld nicht aufgelöst, sondern stabilisiert und zugleich verdrängt. Durch Transformation in die Kollektivscham ist die Kollektivschuld unauflösbar geworden.
    Läßt sich nicht an dem Thalesschen „Alles ist Wasser“ die Beziehung von Selbstreflektion und Vergegenständlichung sich demonstrieren. Was bei Aristoteles aus diesem Satz geworden ist, ist bereits ein Produkt der Veranderung der Thalesschen Intention.
    Den Positivismus aus dem Gesetz der doppelten Negation ableiten.
    Im Begriff des Notwendigen bezeichnet die Not eher das Subjekt als das Objekt des Wendens.
    Drückt nicht das Moment der Abwehr in der Habermasschen Philosophie aufs deutlichste in der Irrationalisierung der Mimesis (im Nachwort zur Neupublikation der Dialektik der Aufklärung) sich aus (hier prallt der Habermassche Gedanke von der Härte des unreflektierbar gewordenen Raumes ab)?
    Newtons Theorie des absoluten Raumes war darin begründet, daß die Drehung des Raumes um eine seiner Achsen zwar die Form des Raumes, nicht aber die Bewegungen in ihm, unberührt läßt. Das Relativitätsprinzip gilt nur für Translationsbewegungen (für geradlinig gleichförmige Bewegungen), nicht für Rotationen. Ein ruhender Körper in einem um eine seiner Achse rotierenden Raum läßt sich von der Kreisbewegung eines Objekts in einem ruhenden Raum durch das Auftreten von Zentrifugalkräften (in denen die Inertialkräfte sich manifestieren) unterscheiden. Reale kreisförmige Bewegung (wie die Planetenbewegungen im kopernikanischen System) sind in einem Inertialsystem nur möglich, wenn die Zentrifugalkräfte durch Gegenkräfte aufgehoben werden, die nicht auf Inertialkräfte sich zurückführen lassen (wie z.B. die Gravitationskräfte). Noch verwickelter werden die Probleme im Falle der Anwendung des Inertialsystems auf das Licht: Die Erscheinung der Fortpflanzung des Lichts im Raume zieht zwangsläufig (und keineswegs nur empirisch) den ganzen Formalismus der Elektrodynamik und der Mikrophysik (einschließlich des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Paradoxien der Mikrophysik) nach sich: Das Inertialsystem verwandelt die Welt in die Totalität dessen, was der Fall ist.

  • 8.5.1995

    Die Grenzen zwischen Information, Unterhaltung und Reklame sind durchs Fernsehen fließend geworden.
    Auch die Ontologie ist eine Ethik, allerdings im Banne des Selbsterhaltungsprinzips und der zum Schicksal hypostasierten Sachzwänge. Für den Zuschauer ist das Schicksal zur Unterhaltung geworden.
    Sind nicht die Pflanzen aufs Licht und die Tiere auf den Sternenhimmel bezogen? So hängen der erste und der dritte, der vierte und der sechste Schöpfungstag zusammen. Aber wie verhält es sich dann mit dem zweiten und dem fünften Schöpfungstag, der Erschaffung der Feste des Himmels (und der Scheidung der oberen von den unteren Wassern) und der Erschaffung der großen Seetiere, der Fische und der Vögel des Himmels (U-Boot und Hai, Stuka und Adler)?
    Heiligung des Gottesnamens: Kritik ist das Feuer, durch das der Begriff hindurch muß, um zum Namen geläutert zu werden. Kritik ist das sprachliche Äquivalent des Feuers.
    Zu Hegels Dialektik von Herr und Knecht vgl.
    – Ulrich Sonnemanns Hölderlin-Rezeption in seinem Essay über das „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ und
    – die biblische Konstellation von aufgedeckter Blöße und Knechtschaft in der Gestalt des Ham.
    Die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht bezieht sich auf den Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft, nicht auf die Auflösung ihres Banns.
    Zum Brechen des Brotes (an dem die Jünger Ihn in Emmaus erkannten) vgl.
    – die symbolische Beziehung des Brotes zur Barmherzigkeit,
    – die „wunderbaren Brotvermehrungen“ und
    – das Eucharistiesymbol, das heute, in der vollends verdinglichten Welt, zu Protest geht.
    Ist nicht die spezielle Relativitätstheorie (das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) ein Beitrag zur Lösung des Rätsels der Physik, die allgemeine Relativitätstheorie hingegen ein Hinweis auf die Unmöglichkeit der Lösung: der realsymbolische Ausdruck der Unmöglichkeit der Lösung ist das Objekt dieser Theorie selber: die Schwere.
    Gehören zu dieser „Unmöglichkeit“ nicht die Worte: „Weiche von mir Satan, deine Gedanken sind Menschen-, nicht Gottesgedanken“ (Mt 1622); „bei den Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich“ (1926)? Ist das Objekt der Theologie heute nicht generell das Unmögliche eher als das, was Georg Lukacs einmal mit der Kategorie des objektiv Möglichen zu fassen versuchte: Nur wer die Last auf sich nimmt, befreit sich von ihr; aber ist nicht genau das das Unmögliche, auf das sich das Schriftwort bezieht?
    Wie hängt der Schatten, über den niemand springen kann, mit der Schwere zusammen, die niemand aufheben kann? Vgl. Jes 457: „der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin’s, der Herr, der dies alles wirkt“.
    Posaunen des jüngsten Gerichts: Edgar Morins Hinweis, daß die Musik im Film die bewegten Bildern aus ihrer flächenhaften Abstraktheit befreit, ihnen Leben, Tiefe und Gewicht verleiht, findet seine Ergänzung in einer Bemerkung Spenglers, wonach in der modernen („faustischen“) Kultur Musik die Stelle einnimmt, die in der antiken („apollinischen“) Welt die Statue einnahm. Wie der antike Tempel für die Statue, das Götterbild, gebaut wurde, so die moderne Kirche für die Musik, die sie erfüllen sollte. Hat nicht die Musik die Aufgabe übernommen, als Schutz vor dem horror vacui den leeren Raum (die Labor- und Experimentierwelt des newtonschen Kosmos) mit der Erinnerung an das aus ihm ausgeschlossene Leben zu erfüllen? – Welches Bedürfnis drückt in der allgegenwärtigen Musik heute sich aus, und vor allem: wie drückt dieses Bedürfnis in dieser Musik selber sich aus? Handelt es sich nicht erstmals um eine Musik, die nicht nur mehr den räumlichen, sondern auch den zeitlichen horror vacui vertreiben soll? (Seit wann gibt es den „Zeitvertreib“, das Wort und die Sache?) Welche Löcher müssen heute durch das allgegenwärtige Angebot an Unterhaltung gestopft werden?
    Menetekel: Nimmt die Kunst wirklich dem Leben die Schwere? Gilt das „gezählt, gewogen und zu leicht befunden“ nicht für die der Ästhetik in jeder ihrer Manifestationen zugrunde liegenden Abstraktion von der Schwere (die die genetische Beziehung der Kunst zum Mythos begründet)?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie