Naturwissenschaft

  • 29.1.1995

    Ist die Astrologie der Traum des Nebukadnezar, den Daniel erst rekonstruieren muß, ehe er ihn auslegen kann?
    Vater und Mutter ehren heißt, aus der Familienbande heraustreten.
    Als subjektive Formen der Anschauung sind Raum und Zeit auf das Verhältnis von Vorn und Hinten bezogen, als Inertialsystem auf das Verhältnis von Rechts und Links. Erst in diesem Abstraktionsschritt werden die Unterschiede von Vorn und Hinten, Rechts und Links und Oben und Unten irreal, neutralisiert. Innerhalb der Form des Raumes sind diese Unterschiede nicht mehr rekonstruierbar, sind sie ihm äußerlich geworden.
    Verhalten sich nicht Nebukadnezar und Alexander wie Konstantin und Karl der Große: Die ersten haben einen starken historischen Realitätsgehalt, die letzten verschwimmen in ihren Legenden. Die ersten begründen einen Staat, die letzten eine Zivilisation. War der Traum des Nebukadnezar ein Modell des konstantinischen Dogmas, der gordische Knoten ein Modell der Beziehung von Kirche und Staat?
    Hängen nicht Bezeugen und Erzeugen ähnlich zusammen wie Bescheinen und Erscheinen, Bekenntnis und Erkenntnis (Stern der Erlösung, S. 379)?
    Ist der Faschismus als Rassismus die mißlungene Versöhnung des Christentums mit seiner jüdischen Wurzel (S. 380).
    Man sollte den gelassenen Ton des Sterns der Erlösung nicht falsch verstehen: In dem gleichen Ton ließe sich auch der innere Zustand einer Atombombe beschreiben, kurz bevor die kritische Masse erreicht ist. Objektiv, seinem Sachgehalt nach, beschreibt der Stern der Erlösung die Situation vor Auschwitz.
    Der Universalismus der Theologie unterscheidet sich von dem der Philosophie dadurch, daß er nicht auf den Begriff der Welt sich bezieht, sondern auf die göttlichen Verheißungen.
    Zum Angesicht Gottes: Das biblische Motiv, daß niemand Gott von Angesicht zu Angesicht sieht und überlebt, steckt auch in der Todesangst von Gethsemane und in der theologischen Tradition des Kreuzestodes, überhaupt in der Beziehung der Theologie zum Tod (in der Todesfurcht im Anfang des Stern der Erlösung). Wie verhält sich das Inertialsystem zum Angesicht Gottes?
    Bezeichnet nicht die Beziehung des jüdischen zum christlichen Weg in der Geschichte nach Rosenzweig genau den Punkt, auf den die Apokalypse sich bezieht? Das Christentum, das Franz Rosenzweig beschreibt, ist eines, das die Apokalypse verdrängt hat. Aber ist nicht die Apokalypse die Gestalt der Offenbarung, die dem Christentum entspricht?
    Wenn die Schlange auch sprachsymbolisch zu verstehen ist: als Symbol des Neutrum, und wenn der Hinweis darauf, daß die Schlange das klügste aller Tiere ist, ernst genommen wird, haben dann nicht die Tiere insgesamt etwas mit dem Neutrum zu tun? Hängt damit nicht die Beziehung der Tiere zum Weltbegriff und die Bemerkung Teilhard de Chardins, daß alle Tiere als Verkörperungen instrumentalisierter Verhaltenweisen sich begreifen lassen, zusammen? (Vgl. das Neutrum als weltkonstituierendes Sprachelement, Tiere als Totem und als Staatssymbole, den Tierkreis und die apokalyptischen Tiere.) Sind die Tiere nicht überhaupt Neutra, subjektlose Subjekte, Verkörperungen synthetischer Urteile apriori? Subjekt des Weltbegriffs ist das Tier, dessen Gattungen Verkörperungen der inneren Pluralität des Weltbegriffs sind. Der Akt der Benennung der Tiere durch Adam bezeichnet die Beziehung des Menschen zum Weltbegriff.
    Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten, daß sie nackt waren. Sich selbst im Blick der andern sehen: Ist das nicht der Schritt über die Philosophie hinaus (Name der Hebräer)? Wird damit nicht genau das bezeichnet, was die die Philosophie verdrängt? Indem die Philosophie den Blick des Andern verdrängt, wird sie selbst zur Verkörperung des Blicks des Andern: begründet sie den Weltbegriff. In dieser Bewegung entfaltet sich die Form des Raumes als subjektive Form der Anschauung. Damit verdrängt die Philosophie die Erfahrung dessen, der selber Objekt dieses Blicks ist (Ursprung des Begriffs der Barbaren). Symbol dieser Verdrängung ist das Durchschlagen des gordischen Knotens (dessen Lösung auch die Lösung des im Himmel noch Gebundenen wäre).
    Das Verdrängte ist die Erinnerung ans Zukünftige: ans noch ausstehende Jüngste Gericht (ans Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht). Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Rosenzweig, S. 381).
    Die subjektiven Formen der Anschauung entspringen in der Abstraktion vom Gegenblick; aber genau dadurch werden sie zum Inbegriff des Gegenblicks (und zum Quellpunkt der transzendentalen Logik): zur Leugnung des göttlichen Angesichts.
    Der Zeitcharakter des Christentums, das „Zwischen“, ist kein spezisch christliches Motiv, sondern ein sprachliches: Sein Sprachgrund ist das indoeuropäische Präsens, der Kern der indoeuropäischen Form der Konjugation, der Subsumtion der Verben unters Zeitkontinuum. Kern der hebräischen (semitischen) Konjugationsformen ist die Unterscheidung von Perfekt und Imperfekt.
    Ist es nicht bedenkenswert, daß die Rosenzweigsche Phänomenologie des Christentums (unterm Stichwort des „ewigen Wegs“) als Beschreibung des Inertialsystems sich verstehen läßt?

  • 26.1.1995

    Theologie im Angesicht Gottes: Erst im Licht des göttlichen Antlitzes wird die Welt erleuchtet, wird sie im Licht der göttlichen Verheißungen durchsichtig.
    Sind nicht alle Formen des Glaubens heute durchsetzt von Verlassenheitsängsten, und hat die Flucht der Jünger angesichts der Kreuzigung Jesu sich nicht im dogmengeschichtlichen Prozeß fortgesetzt? Ist der Fluchtpunkt der Geschichte der drei Leugnungen darin nicht vorgezeichnet?
    Nach Franz Rosenzweig sind die Gebete der Einsamen immer in Gefahr, Gott zu versuchen, Aber ist es nicht die Geldwirtschaft, indem sie jeden auf das Gesetz der Selbsterhaltung fixiert, die die Menschen isoliert und in ihnen die Verlassenheitsängste induziert, und die die Gebete zu Gebeten der Einsamen macht? (Deshalb gibt es seit der „Liturgie-Reform“ der Kirche keine Liturgie und keine Gebete mehr.) Nicht die Verurteilung des „Egoismus“, sondern die Reflexion seiner Existenzbedingungen befreit von diesen Zwängen.
    Die Selbstlegitimation des Bestehenden durch die Naturwissenschaften gründet in den Beziehungen der Naturwissenschaften zum System der Selbsterhaltung.
    Identifikation mit dem Aggressor: War es nicht der Existenzbegriff, der die Philosophie aufs Prinzip der Selbsterhaltung vereidigt hat. Zu diesem Existenzbegriff gehört der Begriff der „Eigentlichkeit“.
    Reflex der Selbsterhaltung in der Theologie ist die Bekenntnislogik.
    Liegt die Bedeutung der Apokalypse nicht darin, daß die Kirche erst in dem Augenblick, in dem sie sich selbst im Bilde des Tiers erkennt, vom Bann der Bekenntnislogik sich befreit?
    Ist es nicht die apokalyptische Gestalt der Offenbarung, vor der Franz Rosenzweig zurückgeschreckt ist? Das war die Schwelle, die er nicht hat überschreiten können. Deshalb wird der Stern der Erlösung mit dem dritten Buch des zweiten Teils und dann mit dem dritten Teil so hilflos. Der dritte Teil beschreibt die Wahrheit in der Gestalt ihrer vergangenen Zukunft, den liturgischen Jahreslauf als mythische Wiederkehr des Gleichen. Rührt diese Remythisierung im Jahreskreislauf der Liturgie nicht an das Rätsel der Astrologie?
    Rührt der letzte Satz des zweiten Teils des Stern der Erlösung nicht an einen apokalyptischen Sachverhalt, und wird er nicht wahr, wenn er mit reflektiert wird? Diese Reflexion wird heute erzwungen durch die inzwischen eingetretene faschistische Katastrophe. Sind nicht zum Stern der Erlösung der Geist der Utopie und Lukacs‘ Geschichte und Klassenbewußtsein mit hinzuzunehmen?
    Skinheads und Hooligans: Wäre nicht (vor allem im Hinblick auf die Selbstverständigung der Theologie) endlich zu begreifen, daß der Faschismus nur den Fluchtlinien der Bekenntnislogik gefolgt ist und diese bis zum bitteren Ende ausgezogen hat? Der Rechtsextremismus heute ist nur die real existierende Erinnerung an die Versäumnisse der Theologie: ein Exzess der Bekenntnislogik ohne Gott.
    Zum Verständnis der Schrift als Komposition: Franz Rosenzweig nennt einmal Simson und Saul in einem Atemzug (S. 83). Hat nicht das Erblinden der Einwohner von Sodom im xenophoben Exzess außer mit dem Untergang Sodoms auch etwas mit rätselhaften Wort über die Blinden und Lahmen bei der Eroberung Jerusalems durch David sowie schließlich mit der Antwort Jesu auf die Frage des Täufers, ob er es sei, der da kommen soll, zu tun: mit dem Hinweis darauf, daß die Blinden sehen und die Lahmen gehen?
    Die Blinden sehen und die Lahmen gehen: Verweist das nicht auf den Zusammenhang des Trägheitsprinzips, des Inertialsystems, mit der Verwirrung der Optik bei Newton?
    Theologische Erkenntnis kommt zu sich selber, wenn sie zur eingreifenden Erkenntnis wird. Hängt die Rosenzweigsche Trennung der Erleuchtung von der Liebestat (die nach Rosenzweig blind ist) nicht damit zusammen, daß er die apokalyptische Schwelle der Erkenntnis nicht zu überschreiten wagt? Die Erleuchtung, die die Liebe sehend macht, ist die apokalyptische. Darin steckt der dreifache Bezug des Symbols der Schlange, ihre Beziehung
    – zum sprachgeschichtlichen Ursprung des Neutrum (die bei Rosenzweig anklingt, aber nicht im Zusammenhang begriffen wird),
    – zur Ursprungsgeschichte der Astronomie (und zu den Seraphim), und
    – zu Babylon, zur Ursprungsgeschichte der politischen Theologie.
    Die Geschichte der modernen Naturwissenschaften beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz. Als Referenzsystem der Aufklärung gehört die Naturwissenschaft zu den Konstituentien der Projektionsfolie, deren die Aufklärung bedurfte, um davor ihre Leuchtkraft zu begründen: dem Begriff der Wilden, der die der Barbaren und der Heiden ersetzt hat. Wenn der Begriff der Barbaren als eine Inversion des Namens der Hebräer sich begreifen läßt, und der der Heiden (der „Völker“) auf den Namen der Christen verweist, worauf bezieht sich dann der Begriff der Wilden?
    Die mythische Welt ist die verschlossene Welt, die erst durch Umkehr sich auftut: So entspringt – durch Umkehr
    – Gottes Schöpfermacht seiner Freiheit, die Offenbarung dem Schicksal,
    – des Menschen Demut seinem Trotz, seine Liebe dem Charakter.
    Was geschieht der Fülle und dem Logos der verschlossenen Welt, wie findet der Begriff der Umkehr hier einen Ansatz und ein Ziel?

  • 24.1.1995

    Die katholische Theologie sollte endlich Kant zur Kenntnis nehmen (und das, ohne ständig die Transzendenz mit dem Transzendentalen zu verwechseln). Das setzte voraus, daß sie den wissenschaftskritischen Impuls mit aufnimmt. Das experimentum crucis wäre die Naturwissenschaft. Damit würde sie sich allerdings der eigenen Geschichte als Legitimationswissenschaft begeben (sic, B.H.), die dazu ohnehin nicht mehr taugt.
    War nicht die kirchliche Sexualmoral seit je Ursprung und Transporteur des „islamischen“ Religionsverständnisses (zum Begriff des Islam vgl. Stern der Erlösung, S. 191). Eine rigide Sexualmoral und ein fundamentalistisches Schrift- (und Geschichts-) Verständnis haben sich seit je wechselseitig fundiert.
    Der Stern der Erlösung ist die erste konsequente Entfaltung der Idee, daß die theologische Idee der Wahrheit mit einer Änderung des Subjekts einhergeht, daß zur Theologie eine Idee der Wahrheit gehört, die ins Bestehende eingreift, weil sie die Umkehr mit einschließt. Aber: Ist die Umkehr bei Rosenzweig nicht schon eine sechsfache, und kommt sie nicht in die Nähe der Lösung der sieben Siegel?
    Hat Rosenzweig die Theologie nicht doch nur bis zur Schwelle, die sie jetzt überschreiten müßte, geführt? Vgl. hierzu den Satz über das Verhältnis von Barmherzigkeit und Liebe (S. 193) sowie die Aussparung der Apokalypse (die Nicht-Reflexion der Beziehung von Gericht und Gnade). Die Schwelle, die Rosenzweig nicht überschritten hat, ist die Schwelle von Gethsemane. Ist nicht der Rosenzweigsche Koffer (Stern, S. 124) in Wirklichkeit der Kelch, und hat nicht das Gott Mensch Welt mehr mit der Trinitätslehre zu tun, als Rosenzweig weiß?
    Hängt nicht die Verdrängung der Barmherzigkeit bei Rosenzweig, die er unterm Islam abhakt, mit der Verdrängung der apokalyptischen Dimension der Theologie zusammen: die Barmherzigkeit hängt über den Namen der Gebärmutter (und durch die projektive Beziehung der Hysterie zur Barmherzigkeit) mit den messianischen Wehen zusammen.
    Die Form des Raumes, das ist das gegenständliche Korrelat der List der Vernunft, die bewirkt, daß mit jeder Umkehr der alte Zustand sich wiederherstellt. Die Zusage, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, bezieht sich hierauf.
    Eine Erkenntnis, die nicht ins Bestehende eingreift, verdient diesen Namen nicht, aber mein Gefühl ist, daß Johann Baptist Metz sich seit einiger Zeit in die Ecke gedrängt fühlt und deshalb der Apologie verfallen ist. Bezieht sich nicht das Wort vom Binden und Lösen auf die Idee der eingreifenden Erkenntnis?
    Ist nicht das Christentum immer wieder von seinen Vergangenheiten eingeholt worden, und das gerade von jenen, die es glaubte überwunden zu haben?
    Die christliche Theologie hat eigentlich seit je alle Vorkehrungen getroffen, die es ihr ermöglichten, sich von der Schrift nicht angesprochen zu wissen. Das gilt für die ganze Breite von den Propheten bis Gethsemane.
    Nicht die Ökumene (kein Multi-Kirchen-Konzern), sondern die Entkonfessionalisierung der Kirchen wäre das Ziel.
    Ist nicht die in der Genesis vor dem ersten Schöpfungstag beschriebene Situation (wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund, der Geist Gottes über den Wassern) ein Bild des gegenwärtigen Weltzustandes?
    Wenn Auschwitz mit dem Kreuzestod zu tun hat, sind dann nicht auch wieder einmal die Jünger davon gelaufen (die dreifache Leugnung ließe sich hierauf beziehen)? Es ist vielleicht weniger wichtig, daran zu erinnern, daß in Auschwitz gebetet worden ist; wichtiger erscheint mir der Bezug zu dem Satz: Wer Euch anrührt, greift seinen Augapfel an.
    Die verandernde Gewalt des Objektivationsprozesses hat sich zuerst in der Geschichte der Dogmenbildung, der opfertheologischen Verarbeitung der Erinnerung an den Kreuzestod, manifestiert.
    Angst und Projektion: Sind es nicht generell unsere Ängste, die uns in die Projektion hineintreiben; ist nicht jede Projektion eine falsche Form der Angstverarbeitung? Gründen nicht alle Ängste in der Sünde der Welt. Die Aufarbeitung dieser Ängste, die Aufarbeitung des Empörungstriebs und seiner projektiven Wurzeln, sprengt die Herrschaft der Urteilsform über das Denken und begründet jene Sensibilität, die mit der Idee des Heiligen Geistes mehr zu tun hat, als das kirchliche Lehramt.

  • 23.1.1995

    Der Kelch, oder Theologie hinter dem Rücken Gottes: Die Logik der Schrift abstrahiert vom dialogischen Wesen der Sprache; die subjektiven Formen der Anschauung abstrahieren vom Blick des Anderen; die Bekenntnislogik abstrahiert vom Angesicht Gottes.
    Im Symbol des Weltbegriffs B=A hat Rosenzweig den systematischen Ort der transzendentalen Logik bestimmt. (Um Rosenzweig zu verstehen, wäre es wichtig, im tragischen Helden die Geburtswehen des Weltbegriffs und im mythischen Gott die Wasserscheide des Naturbegriffs zu erkennen.)
    Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Steht nicht das Werden im Hebräischen in beiden Fällen im Imperfekt (oder ist der Imperativ vom Imperfekt nicht zu unterscheiden)? Geben Imperativ und Praeteritum den sprachlichen Sachverhalt eigentlich richtig wieder, ist er im indoeuropäischen Sprachbereich überhaupt reformulierbar? Führt nicht die indoeuropäische Form der Konjugation andere zeitliche Konnotationen mit sich als die hebräische?
    Das indoeuropäische Präsens, zu dem es im Hebräischen keine Entsprechung gibt, ist ein Gegenwartsersatz (das grammatische Äquivalent des philosophischen tode ti). George Steiners „Von realer Gegenwart“ gibt sehr präzise die Intention des Kunstwerks (eigentlich jeder ästhetischen Repräsentation, auch der durch die subjektiven Formen der Anschauung) wieder, indem er aber diese Intention als erfüllt unterstellt, belastet er sie mit einem ästhetisch uneinlösbaren Anspruch (als dessen ironisch-blasphemische Realisierung das Fernsehen sich begreifen ließe). Er wäre einzulösen nur in theologischem Kontext.
    Mit der kopernikanischen Wende, die Newton in seiner Optik nur vollstreckt hat, wird das Werk des ersten Schöpfungstages revoziert, fällt der Naturbegriff in den Bereich der Finsternis über dem Abgrund zurück.
    Nicht unterschätzt werden sollte die chaotisierende Gewalt des Inertialsystems, die im übrigen erstmals drastisch sich anzeigt in der Unterscheidung der primären und sekundären Sinnesqualitäten und der Subjektivierung dieser sekundären Sinnesquelitäten. Das Inertialsystem produziert die chaotische Mannigfaltigkeit der „Empfindungen“, des „Gegebenen“, die sich in diesem Kontext überhaupt erst konstituiert. Daraus versucht die transzendentale Logik dann die Dingwelt wieder zu rekonstruieren. Dieser Rekonstruktionsversuch produziert, wie Kant in den Antinomien der reinen Vernunft festhält, eine Vorstellungstotalität, die in ihren Rändern merkwürdig ausfranst. (Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit werden die zerfransten Ränder gleichsam in den Kern des Systems zurückgenommen.)
    Ist es eigentlich wirklich das gleiche Inertialsystem, das die Mechanik, Newtons Gravitationsgesetz und die Mikrophysik mit einander verbindet? Gründet der Nominalismus nicht darin, daß hier über die Gewalt der Logik des Systems Ungleichnamiges gleichnamig gemacht wird? Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung, insbesondere nach ihrer Vergegenständlichung zum Inertialsystem, ein Realsymbol der Gewalt?
    Hat die Verdreifachung der altorientalischen Vorgeschichte (Heinsohn) etwas damit zu tun, daß die Linearität der Zeit, die zugrundeliegende Konstruktion der „Tiefenzeit“, ein Reflex der Dreidimensionalität des Raumes ist? Ist die Ungleichnamigmachung des Gleichnamigen nicht die Rache der Logik der Aufklärung an der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen? Die Vorstellung der linearen, homogenen Zeit verdankt sich der Neutralisierung des Raumes (dem Realitivitätsprinzip und dem Inertialsystem), der Abstraktion von den Differenzen, durch die sich die Richtungen im Raum (vorn und hinten, rechts und links, oben und unten) voneinander unterscheiden. Gestützt wird diese Abstraktion durch das, was man die exkulpierende Kraft der Objektivierung nennen darf. Es scheint der gleiche Effekt zu sein, den Peter L. Berger die Selbstlegitimation des Bestehenden genannt hat, die insbesondere über die Naturwissenschaften vermittelt ist.
    Zur Rosenzweig-Kritik: Im Kontext seines Begriffs der Offenbarung, wenn das verschlossene Selbst im Kontext der Liebe Gottes als Seele sich öffnet und dabei als sündig sich bekennt, gerät seine Konstruktion in die Nähe des Erbaulichen (und des Autoritären). Die Sünde, die die Seele bekennt, wäre genauer zu bestimmen: als Sünde der Welt?

  • 21.1.1995

    Zum projektiven Denken: Der Grund der Finsternis liegt in der Vergangenheit; die Verfinsterung der Dinge gründet in ihrer Subsumtion unter die Vergangenheit. Das Licht, das die Vergangenheit wirklich erhellen würde, wäre das im Buch des Lebens noch verschlossene Licht. Dieses Buch wird lesbar, wenn „der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt“.
    Zur Logik der Schrift: Das Buch ist das Grab des Autors. Gründet die Idee der Auferstehung nicht darin, daß auch die der Logik der Schrift unterworfene Sprache nicht endgültig tot ist, daß sie wieder zum Leben erweckt werden kann?
    Verweisen die Totenerweckungen in der Schrift nicht alle auf die Beziehung der Logik der Schrift zur Erfüllung des Wortes? (Welche Erweckungsgeschichten gibt es: die vom Jüngling zu Nain, von der Tochter des Jairus und vom Lazarus?) Kann es sein, daß die Schrift (oder das Dogma?) am Ende als das leere Grab sich erweist (es war das Grab des Joseph von Arimathaea, „der ein Jünger Jesu war – freilich im geheimen, aus Furcht vor den Juden“ – Joh 1938)? Wird nicht erst in diesem Zusammenhang deutlich, was es mit dem Logos auf sich hat?
    Wie verhalten sich Ereignis und Geschehen zueinander? Das eine ist reflexiv, das andere objektiv (es ereignete sich, es geschah). Gibt es eine sprachliche Beziehung des Ereignisses zum Eigenen, zum Eigentum, zur Eigentlichkeit?
    Adornos Bemerkung, daß das Selbst in theologischem Zusammenhang gründet, wäre zu korrigieren: Wie der Begriff des Absoluten, zu dem es gehört, fällt es in die Ursprungsgeschichte des Staates (zusammen mit dem Eigentumsbegriff). Es gründet im Kontext der Ästhetik (vgl. Rosenzweigs Bemerkung über die Beziehung des Selbst zum Kunstwerk). Das Selbst ist ein Reflex der subjektiven Formen der Anschauung; deshalb scheinen sich diese der Reflexion zu entziehen (und deshalb mußte Hegel die Antinomien der reinen Vernunft, die Kant auf die transzendentale Ästhetik bezogen hatte, aus dieser herausnehmen und in Logik transponieren, was nur mit Hilfe des Konzepts der List der Vernunft möglich war; so wurde das Gesetz der Erscheinungen zum Begriff des Scheins).
    Konstruktion der Ästhetik: Das Selbst ist der Reflex einer Erfahrung, in der einer sich als anderer für andere erfährt: Es gehört in den Kontext der Geschichte der Scham.
    In der Jotam-Fabel kommen neben dem Dornenstrauch, der zum König wird, der Feigenbaum, der Weinstock und der Ölbaum vor.
    Sind nicht die Bäume und Sträucher, unter denen Adam, als er erkannte, daß er nackt war, sich verbarg, die Ahnen der Bäume der Jotam-Fabel? – Nathanael stand unterm Feigenbaum, als Jesus ihn als „wahren Israeliten, ohne Falsch und Tadel“ erkannte.
    Ist nicht das Inertialsystem der Dornenstrauch, und das durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit korrigierte Inertialsystem der „brennende Dornbusch“?
    Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Löst dieser Satz nicht das Rätsel des Absoluten? Ist das Absolute (der Schatten, den das Selbst auf Gott wirft) nicht die Grube, die wir andern graben, und in die wir dann selber hineinfallen? Hier erweist es sich, daß das Absolute die Reflexionsgestalt des Raumes ist. Hat die Grube nicht etwas mit dem Kelch und mit dem Richten zu tun? Nur das Gebot der Feindesliebe schützt vor dieser „Grube“.
    Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Diesen Effekt der List der Vernunft hat Hegel nicht begriffen.
    Ist nicht die Natur die Grube, in die wir die Schöpfung gestürzt haben? Und ist der Satz von der Grube nicht auch auf die Kirche zu beziehen, wogegen allein das Wort steht, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (die Grube, die die Kirche den andern gegraben hat, war die Höllenvorstellung: das Äquivalent der Gottesfurcht im Schuldverschubsystem des Weltbegriffs, des Herrendenkens; sie ist ohne die Transformation der Sexualmoral in eine Urteilsmoral, durch die sie dann nur noch auf andere sich bezieht – und auf den Urteilenden selbst nur insoweit, als er selbst als anderer für andere sich erfährt -, nicht zu denken: Unzucht ist der apokalyptische Name für den richtenden Gebrauch der Sexualmoral).
    Die subjektiven Formen der Anschauung (die transzendentale Ästhetik) sind der Inbegriff der Grube, die wir andern graben, und in die wir selber hineinfallen.
    Die Logik der Schrift abstrahiert von der dialogischen Struktur der Sprache (vom Hören), das Inertialsystem (das in den subjektiven Formen der Anschauung gründet) vom Licht, vom Gesehenwerden, vom Angesicht. Zur Logik der Schrift gehört als Projektionsfolie der Begriff des Barbaren, zum Inertialsystem der des Wilden (das Antlitz des Hundes).

  • 16.1.1995

    Ist die Sprengung des All bei Rosenzweig nicht die Sprengung der Orthogonalität (ähnlich wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die Reversibilität der Richtungen im Raum sprengt)?
    Orthogonalität und Reversibilität gehören zusammen; sie destruieren gemeinsam die Gottesfurcht und die Umkehr. Wären Orthogonalität und Reversibilität die Wahrheit, so wären die Pforten der Hölle unüberwindbar: es gäbe keine Gottesfurcht und keine Umkehr.
    Wenn bei Rosenzweig das All in die drei Stücke Gott Mensch Welt zerspringt, zerspringt dann nicht die neutralisierende Gewalt des Raumes (sind die drei „Stücke“ nicht die mit der Sprengung der drei Dimensionen hervorstretenden Elemente Gott <oben/unten>, Mensch <vorn/hinten> Welt <rechts/links>)?
    Die restlos verweltlichte Welt: das wäre Ninive, die große Stadt und die 120000, die rechts und links nicht unterscheiden können, deren Gott am Ende sich erbarmt.
    Zu Hegels List der Vernunft und ihrer Beziehung zur Naturbeherrschung: Rächt sich nicht die Natur für die Überlistung, indem sie den Menschen ein Bild ihrer selbst vor Augen stellt, das sie überleben soll? Diese Überlebensgewalt der Natur ist ein Reflex (und die Selbstrechtfertigung) des Gewaltmonopols des Staates, sie begründet sich rückwärts in der Vorstellung der „Tiefenzeit“.
    Leugnung und Bekenntnis gehören zusammen wie Leugnung und Schuld. Erst wenn das Glaubensbekenntnis zum Bekenntnis des Namens sich umkehrt, wird die Wahrheit sich enthüllen.
    Zu den Volksnamen Israeliten und Hebräer vgl. die beide Patriarchen, von denen diese Namen sich herleiten: Jakob/Israel und Heber. (Hat der Hebräerbrief etwas mit Flavius Josephus, der den Namen Israel verschweigt und nur von „Hebräern“ spricht, zu tun?)
    Ist der Hebräerbrief nicht ein Brief „von außen“, ähnlich wie die Schriften des Flavius Josephus (der wie Paulus einen römischen Namen angenommen hat)? Beide sind aus der Solidarität Israels herausgetreten.

  • 14.1.1995

    Ethik und Sprache, oder die Neutralisierung der Ethik durchs Inertialsystem.
    Die Umkehr: Angesicht, Name und Feuer.

  • 10.1.1995

    Welche Folgen die Vertauschung von Subjekt und Prädikat hat, läßt sich demonstrieren an dem Satz „Alle Menschen werden Brüder“. Wäre es nicht besser, wenn endlich alle Brüder Menschen würden? Hat dieser Satz nicht etwas mit der Form des Raumes (und mit der Umkehr) zu tun?
    Das Präfix be- ist der letzte Abkömmling der Schicksalsidee, die über Begriffe wie Bekehrung und Bekenntnis in die Theologie eingewandert ist. Im Kontext dieser Begriffe ist die Barmherzigkeit zur Gnade geworden; die Probleme der Gnadenlehre rühren daher, daß ihre innere, sie begründende Beziehung zur Barmherzigkeit (Seid barmherzig wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist) in diesem Zusammenhang entstellt und verdunkelt worden ist.
    Hängt der Satz über die Barmherzigkeit des Vaters im Himmel mit dem andern, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht, zusammen?
    Die Ontologie ist der Kern und das Fundament des steinernen Herzens der Welt.
    Bezeichnet der neutestamentliche Begriff des Fleisches die Schrift? Würde das nicht die Bedeutung des Satzes „Und das Wort ist Fleisch geworden“ verändern? Und was heißt dann „et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine“?
    Was käme dabei heraus, wenn man davon ausgehen würde, daß nicht Sonne, Mond und Sterne am Himmel oder die Erde mit den Planeten um die Sonne sich bewegen, sondern beide Bewegungen als Scheinbewegungen sich enthüllen, die aus „relativistischen“ Bewegungen des Raumes in sich selber sich herleiten lassen?
    Läßt sich die grammatische Geschichte der Sprachen als ein Teil der Geschichte der Naturerkenntnis begreifen? Ein Schlüsselphänomen wäre die astrologische Rekonstruktion der Deklinationen.
    Dem Futur II, der zukünftigen Vergangenheit, antwortet die Theologie mit der Erinnerung der vergangenen Zukunft. (Der Satz, daß Gott aus seinen Werken erkannt wird, bezieht sich auf die göttlichen Verheißungen, nicht auf die Natur, auf die vergangene Zukunft, nicht auf die zukünftige Vergangenheit.)
    Was hat der Ibis mit der Eule (Ägypten mit Athen, Thot mit Minerva) zu tun?

  • 7.1.1994

    Die Logik der Schrift ist das Produkt der Subsumtion des Hörens unter das Sehen und der Grund der Logik der Anschauung; darauf verweisen die zwei entscheidenden Abstraktionsschritte:
    – der Erfindung der phonetischen (alphabetischen) Schrift (der Hereinnahme der fremden in die eigene Sprache, der Abstaktion vom dialogischen Prinzip der Sprache) und
    – der Entwicklung des Inertialsystems mit der Folge der Subjektivierung der Sinnlichkeit, der Auslöschung der sinnlichen Welt, ihre Auflösung in die chaotische Mannigfaltigkeit der Empfindungen (der Abstraktion vom Gesehenwerden, der Subsumtion der Erfahrung unter die Anschauung).
    Ist nicht die Kapitalismus die Zwangswiederkehr und Potenzierung Kanaans?
    „Wer hat Weisheit in den Ibis gelegt, oder wer hat dem Hahn Verstand (Buber: Merksamkeit) gegeben?“ (Hi 3836) Hat dieser Ibis etwas mit dem ägyptischen Thot, dem Erfinder der Schrift und Begründer der Wissenschaft, zu tun (und der Hahn mit dem Hahn in der Geschichte von den drei Leugnungen)?

  • 4.1.1995

    Gibt es nicht ein Präteritum, das eigentlich die Zukunft meint? Gehört dazu nicht das Präteritum im Anfang des Johannes-Evangeliums? Ist die archä, in der der Logos war, eine archä, die noch nicht ist (ein Stück vergangener Zukunft)?
    Die Plancksche Strahlungsformel ergibt sich aus der Beziehung der kinetischen zur Strahlungsenergie: Die Anzahl der Atome (oder auch der Freiheitsgrade) in einem Volumen bleibt vorgegeben und konstant, während die Anzahl der Oszillatoren der elektromagnetischen Strahlung abhängig ist von der Frequenz und Wellenlänge der Strahlung: mit der Energie gleichsam rückgekoppelt ist. Damit ändert sich die Grundlage der statistischen Beziehungen der beiden Energieformen.
    Zum philein (Benveniste): Es hat mehr mit dem Possessivverhältnis zu tun, als Benveniste zugeben will. Zum unmittelbaren Possessivverhältnis kommt ein reflexives hinzu. Der Besitzende ist selbst vom Besitz besessen. Das, was im Besitzverhältnis dem Objekt widerfährt, reflektiert sich im Subjekt: im Selbstmitleid, in der „affektiven Beziehung zum Selbst“, im Geliebt-werden-Wollen. Die gesamte Philosophie steht unter dem Bann dieses Gesetzes.
    „Wenn die Welt euch haßt, …“ Der Begriff der Welt in diesem Satz bezieht sich sowohl auf die Allgemeinheit „alle Menschen“ wie auch auf den unbestimmbaren Grund der Objektivität des Weltbegriffs (das Geld). In der vom Tauschprinzip bestimmten Gesellschaft ist das Geld der Inbegriff des Anderen, der Feind aller, den es durch eigene Anstrengung zu besiegen gilt. Der Sieger fühlt sich vom Geld geliebt, der Verlierer (und jeder ist ein potentieller Verlierer) fühlt sich gehaßt (schuldig, verurteilt). Und das Christentum als die Religion der Liebe, nachdem es als Siegesreligion im Selbstmitleid versunken ist, schließt die Armen aus.
    Die Sexualmoral hat der Liebe in ihrem eigenen Zentrum eine Haßquelle eröffnet (der Begriff der Unzucht bezeichnet eine Qualität des sexualmoralischen Urteils und nicht ihres Objekts).
    Sind nicht die drei evangelischen Räte: Gehorsam, Armut und Keuschheit auf die drei transzendentalen Ästhetiken bezogen: auf die subjektiven Formen der Anschauung, aufs Geld und auf die Bekenntnislogik (die Korrelate des theoretischen, des praktischen und des sexualmoralischen Urteils)?

  • 31.12.1994

    Wie verhält sich die narrative Theologie zu Benjamins Theorie des Erzählers?
    Ob es einen Gott gibt, ist eine offene Frage, aber die Wahrheit eines Textes ist an die Voraussetzung der Theologie gebunden.
    Zu analysieren wäre das Problem, das darin steckt, daß die Naturwissenschaften
    – ein Instrument der fortschreitenden Naturbeherrschung sind,
    – in der Geschichte der fortschreitenden Naturbeherrschung die Geschichte der Herrschaft in der Gesellschaft in sich abbilden und
    – indem sie das tun, sich als Instrument der Selbstlegitimation des Bestehenden erweisen.
    Daß aber heißt, daß diese Naturwissenschaften in der Tradition der Theologie stehen.
    Rousseau: der Augustinus der Aufklärung.
    Zur Geschichte des Naturbegriffs: Enthält nicht die lateinische Tradition, die physis mit natura übersetzt, in ihrem Ursprung die Sprengung der Vater-Imago (die Ersetzung der männlichen Zeugungslust durch die Wehen der Geburt)?
    Was hat es zu bedeuten, wenn die Lateiner die homousia mit consubstantialis übersetzen?
    Gehört nicht das „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ zusammen mit dem anderen Goethe-Satz „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges stets bewußt“, und bezieht sich nicht beides auf eine gleichsam embryonale, vorgeburtliche Erfahrung? (Ist Goethes „zu den Müttern“ ein Echo des Rousseauschen „zurück zur Natur“?)
    Ist nicht die parakletische Bedeutung des Wortes „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten, und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“ unermesslich?
    Drewermanns Problem der Angstbearbeitung verweist auf einen sehr wichtigen Sachverhalt, wäre aber aus seiner psychologischen Engführung herauszubringen und seiner objektiven, in der Apokalypse tradierten Wahrheit zuzuführen (Apokalypse: die Spiegelung der Erfüllung des Wortes im Medium der Schrift).

  • 30.12.1994

    In der Zivilisation (mit dem Ursprung der „Nation“, des Staates) wird der Gast zum Feind (vgl. Benveniste, S. 78). Damit hängt die Beziehung des Begriffs der Barbaren zum Namen der Hebräer zusammen.
    Die Sexualmoral appelliert an einen Trieb, der mit der Zivilisation (als Reflex des Ursprungs des Weltbegriffs und des Staates) im Innern der Menschen bildet: sie bezeichnet genau die „Unkeuschheit“, die sie zu bekämpfen vorgibt (Unzuchtsbecher).
    Die Analyse des Begriffs des Glaubens macht verständlich, wie sehr das etablierte Christentum in der indoeuropäischen Sprachlogik (Ursprung des Neutrum, Logik der flexierenden Grammatik, Inertialsystem und Bekenntnislogik) verwurzelt ist, durch sie zu einer Herrschafts-, Kampf- und Siegesreligion geworden ist (Benveniste, S. 135ff). Die Naturwissenschaft: der Kampf an der Naturfront.
    Liefert Benveniste mit seiner Analyse der indoeuropäischen Institutionen nicht den Schlüssel für die Erkenntnis des Zusammenhangs der christlichen Tradition und seiner Verwurzelung in der indoeuropäischen Sprachgeschichte mit dem Faschismus?
    Hat das Verhältnis der beiden apokalyptischen Tiere (aus dem Meere und vom Lande) etwas mit der Beziehung von Neutrum und Bekenntnislogik (Realität und Reklame) zu tun? Das „es war, ist nicht und wird wieder sein“ bezeichnet nicht eine historische Abfolge, sondern einen logischen, systemischen, strukturellen Sachverhalt.
    Die Vergangenheit ist die Hölle, deren Pforten die Kirche nicht überwältigen werden (ist die Natur die Hölle, und die Welt die Pforte dazu?).
    Ist nicht die Hysterie ein Teil der Geschichte der Beziehung der Philosophie zur Prophetie?
    Theologie kann erst dann wieder neu zum Leben erweckt werden, wenn es gelingt, die Erkenntnis aus dem Bann des Wissens zu lösen (vgl. die Differenz im kantischen Erkenntnisbegriff: die/das Erkenntnis). An die Stelle des Wissens wäre das Vertrauen in die erkennende Kraft der Sprache zu setzen.
    Ist die „Kultur der Empfindlichkeit“ nicht die Versuchung, der Eugen Drewermann erlegen ist, und für die er den Preis hat zahlen müssen: seine Konfliktunfähigkeit? Im Bannkreis der Empfindung kann man auf Konflikte nur mit Projektionen (nur mit dem Instrumentarium des Schuldverschubsystems) reagieren. Grundlage der Kultur der Empfindlichkeit ist die Unfähigkeit zur Schuldreflexion, die Logik des Rechtfertigungszwangs (die Bekenntnislogik). Der Begriff der Empfindung stammt aus dem Konstrukt der „sekundären Sinnesqualitäten“: er setzt die Unreflektierbarkeit der mathematischen Naturwissenschaften (und der Geldwirtschaft, des Kapitalismus, der politischen Ökonomie) voraus. Gegen die Überflutung durch die chaotische Mannigfaltigkeit der Empfindungen hat Kant den Wall seiner transzendentalen Logik errichtet, der aber auch nicht standgehalten hat.
    In dem Prophetenwort, daß am Ende die Gotteserkenntnis die Erde erfüllen wird, „wie die Wasser den Meeresboden bedecken“, bezeichnet das „wie“ nicht einen Vergleich, sondern das Objekt einer Substitution: Die Wasser werden durch die Gotteserkenntnis ersetzt. Dieses Ende beendet die Geschichte der Sintflut. Hierauf verweist das apokalyptische Bild von der Hure Babylon, die an den großen Wassern sitzt, wobei die Erklärung dieser Wasser, die in der Johannes-Apokalypse gegeben wird, in dieses Bild mit hereinzunehmen ist.
    Ist nicht die Ökonomie das Tier aus dem Meer; gehört dazu nicht der Seehandel (die Kaufleute und die Schiffsführer, die Spediteure)? Das Tier vom Lande (der falsche Prophet) würde dann den Weltbegriff, das Produkt der Selbstlegitimation des Bestehenden durch den Prozeß der Aufklärung, bezeichnen (die Philosophie, die Theologie und die Wissenschaften).
    Kopf und Hand (die Träger des Zeichens des ersten Tieres, des Tieres aus dem Meere), bezeichnen sie nicht die subjektiven Formen der Anschauung (mit der Bekenntnislogik) und den Begriff oder das Geld?
    Die Bekenntnislogik vertauscht Oben und Unten, das Geld (die politische Ökonomie) Rechts und Links und der Raum (die Naturwissenschaften) Vorn und Hinten.
    … Deshalb war der Confessor ein männlicher Heiligentyp und sein Pendant die Virgo (die im Kontext der Sexualmoral zur Imago der Frauenfeindschaft geworden ist).
    Edgar Morin hat einmal, in einer Untersuchung über das Kino, die Situation im Kino, das Eingesperrt- und Gefesseltsein in der Sitzreihe und an den „bequemen“ Kinostuhl (eine Situation, die das Fernsehen vergesellschaftet und privatisiert hat), mit der Situation des SS-Täters nach seiner Gefangennahme verglichen: abgesperrt vom Handeln, eingeschlossen in die „kontemplative“ Situation in der Gefängniszelle, zerfließt er in Selbstmitleid. Dieses Selbstmitleid ist der Boden, auf dem die Bilder des Films zu leben beginnen, die identifikatorischen Bedürfnisse des Zuschauers an sich binden (den Zuschauer „in ihren Bann ziehen“). Wäre die Erlösung nicht die Erlösung von der Erlösungsbedürftigkeit, die im Selbstmitleid gründet, und die der Ursprungsquell jener verhängnisvollen Religiosität ist, die heute um sich greift.
    Unterscheiden sich nicht Schrift und Wort wie Wasser und Feuer (die nur im Namen des Himmels eins sind)?
    Der Kreuzestod hat die Welt erschüttert, den Vorhang im Tempel (vor der Gegenwart des göttlichen Namens) zerrissen und den Himmel verdunkelt: Er hat die Welt in den Anklagezustand versetzt: in den Akkusativ. Das war der Anfang des Objektivationsprozesses.
    Nicht die Dummheit gilt es in der Vergangenheit zu begreifen, sondern den Erkenntnistrieb, der auch in dem befremdenden Erscheinungen sich manifestiert, und seine Behinderungen.

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