Das Haus des Seins, oder der pharaonische Aspekt der Ontologie.
Hat das Tier aus dem Meer etwas mit der Entnationalisierung der Ökonomie (insbesondere auch des Banken- und Finanzwesens) zu tun?
Hinweis hierzu: Wenn das Eigentum zu den Organisationsgrundlagen des Staates gehört, d.h. wenn es nur national sich definieren läßt (deshalb sind die Fragen der Staatsbürgerschaft und der Währungshoheit so wichtig), und wenn außer- und zwischenstaatliche Verhältnisse nach Hegel Naturverhältnisse sind, was bedeutet das dann für die Logik der Entnationalisierung der Ökonomie: für die „vagabundierenden“ Verschuldungs- und Verarmungsprozesse, die den Realitätskern des „vagabundierenden Geldes“ ausmachen? Steckt hier nicht ein Hinweis auf den Ursprung der Nomaden (auf den Zusammenhang ihrer Entstehung mit gesellschaftlichen Naturkatastrophen)? Und liegt hier nicht der eigentliche Grund für die Notwendigkeit der Reflexion des Weltbegriffs (mit dem der Staat, der heute chaotisiert wird, immer schon mit gedacht wird)?
Ist nicht die Beziehung von Handel und Kredit in ihrem Ursprung durch den Fernhandel vermittelt (in dem Finanzierungssystem des antiken Seehandels), und liegt hier nicht der Ursprung des apokalyptischen Symbols vom Tier aus dem Meer (vgl. die Könige, die Kaufleute und die Schiffsführer in der Johannes-Apokalypse)?
Ding und Sache: Hat die begriffliche Trennung ihre Vorgeschichte in einer nationalen: in der sprachlogischen Differenz zwischen dem griechischen chräma (Ding, Geld) und der römischen res (Sache)?
Heute gewinnt Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, um der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, erstmals globale Bedeutung.
Ist nicht die in der Jona-Geschichte angedeutete innere Differenzierung der „Buße“ (der Umkehr), die in der Logik ihrer Durchführung sich anzeigt, wichtig: Sie beginnt mit der Buße des Volkes, von dem sie ausgeht; die Kunde davon dringt bis vor den König von Ninive, der sie dann zu seiner Sache macht, indem er selber Buße tut und zugleich das Volk und das Vieh zur Buße aufruft.
Hängt es nicht mit ihrem Ursprung in Rechtfertigungszwängen und in der Logik des Schuldverschubsystems zusammen, wenn Weltanschauungskriege seit dem „Krieg gegen den Bolschewismus“ Vernichtugnskriege sind?
Was hat es eigentlich mit dem Pharao, der nichts von Joseph wußte (in der Vorgeschichte der Versklavung der Hebräer), auf sich? Die Josephs-Geschichte läßt als Geschichte der ursprünglichen Akkumulation unter den Bedingungen des pharaonischen Staatskapitalismus, aus dem dann das Sklavenhaus Ägypten geworden ist, begreifen. Die hebräischen Sklaven aber wurden eingesetzt beim Bau der Vorratsstädte Pithom und Ramses.
Wurde nicht auch im stalinistischen Rußland der Archipel Gulag eingeläutet durch die Enteignung der Kulaken?
Daß Geschichte jeweils aus dem Gesichtswinkel des Siegers geschrieben wird, ist ebenso wie die Rechtsblindheit des Rechts keine Frage der Gesinnung, sondern eine der Logik. Aus beiden Verstrickungen und Zwängen kann man nur durch (Schuld-)Reflexion sich befreien, zu deren vorrangigen Objekten die Geschichte und das Recht gehören.
In den Fundamenten des Staats steckt der Mord, so wie in den Fundamenten des Christentums das Kreuzesopfer. Während der Staat die Erinnerung an den Mord unmittelbar verdrängt, verdrängt die Kirche die Erinnerung an den Kreuzestod durch seine instrumentalisierende Vergegenständlichung: durch Ritualisierung (so wappnet sie sich zugleich gegen den Vorwurf der Verdrängung). Die Verdrängungskräfte, die der Staat benötigt (so daß der Pharao an Joseph nicht mehr sich erinnert), liefert das Christentum mit der Opfertheologie (und deren theologischer Absicherung durchs Gesamtsystem des Dogmas).
Es war, wenn nicht der Trick, so doch der logische Effekt der Rezeption des Weltbegriffs, daß mit ihr die Herrschaftskritik aus der theologischen Reflexion ausgeblendet wurde. Mit dem Weltbegriff wurde die Herrschaftslogik rezipiert. Hierdurch ist der Herrschaftskelch (der Taumelbecher und der Kelch des göttlichen Zorns) zum Becher der Unzucht geworden.
Die Ablösung des Geldgeschäfts von seinem investiven Realgrund, seine Rückkoppelung an die abstrakten Formen der Geldvermehrung (vom Börsengeschäft bis zur Devisenspekulation), ist eine logische Folge der Transnationalisierung des Geldgeschäfts, der Überschreitung der nationalen Eigentumsgrenzen. Hat die Logik dieser Rückkoppelung etwas mit der Logik der Selbsterzeugung der subjektiven Form der äußeren Anschauung (der Form des Raumes, die so als grenzenlos sich entfaltet und allem, was in den Raum fällt, die Logik der Instrumentalisierung, die Herrschaftslogik einprägt) zu tun? Wird hier nicht dem Taumelbecher, dem Kelch des göttlichen Zorns, die Unzucht als zusätzlicher Inhalt hinzugefügt?
Nebukadnezar vergißt den Traum, der Pharao vergißt den Traumdeuter. Die anderen Könige haben Eigennamen, sie heißen Abimelech oder Nebukadnezar; nur der König Ägyptens hat einen zweiten Titel, Pharao, aber in der Regel keinen Eigennamen (z.B. in der Abraham-Geschichte und in der Vorgeschichte des Exodus; welche Ausnahmen gibt es, und bei welcher Gelegenheit werden sie genannt?). Kann dieser zweite Titel nicht bedeuten, daß des Pharaos nicht mehr gedacht werden soll?
Die Israeliten haben den Namen Pharaos verdrängt, die Christen den Namen Ägyptens (Mizrajim) und den Gottesnamen. Wird nicht in Apokalypse der Name Ägyptens mit Sodom und Gomorrha und mit dem Ort, an dem der Herr gekreuzigt wurde, zusammengebracht?
Im Christentum hat nicht Gott, sondern nur Jesus einen Namen.
Erinnert nicht der Gebrauch des hebräischen Gottesnamens in der Bibelwissenschaft an die Friedhof- und Gräberschändungen der Nazis? Soll nicht in beiden Fällen – nach dem Modell der in peer-groups üblichen Logik von „Mutproben“ – der Nachweis geführt werden, daß nichts passiert?
Ich kann mir Bücher nicht vom Leibe halten, ich wühle mich durch sie hindurch in der Hoffnung, mich irgendwann in ihnen wiederzufinden.
Einstein war der erste Physiker, der ein mimetisches Erkenntnismodell in die Physik hereingebracht hatte, das dann insbesondere durch die Kopenhagener Schule mit einem Tabu belegt worden ist (die metaphysischen Qualität, die der „Unbestimmtheitsrelation“ oder oder dem Komplementaritäts-Prinzip beigelegt wurden, gründet in diesem gleichsam exorzistischen Tabu. Das Paradigma „moderne“ gegen „klassische“ Physik, das auch gegen Einstein gerichtet war, ist nicht zufällig zum Modell modischer Religionskonzepte (und zu einer theologischen Traditions-Vernichtungs-Maschine) geworden.
Hat nicht die F.D.P. durch ihren neoliberalen Ideologiebegriff – ähnlich wie der Geldmarkt im gleichen Kontext den Produktivitätsbezug – die Bodenhaftung verloren?
Wie bezieht sich der Geldvermehrungs-Mechanismus, der die wirtschaftliche Rationalität (im Sinne Max Webers) begründet, auf die Logik der Selbsterzeugung des Raumes (Begründung des kopernikanischen Systems)?
Naturwissenschaft
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4.9.1994
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2.9.1994
Die Geschichte, der Raum und das Vergessen. Der Raum neutralisiert die Zeit, macht die Geschichte zum Steinbruch, in dem man sich beliebig bedienen kann. Geschichtliche Taten und Ereignisse werden einander äußerlich und austauschbar, vergleichbar den gegen Raum und Zeit neutralisierten „Erfahrungen“ in den Laboratorien der Naturwissenschaften.
Die Bekenntnislogik schließt eine eingebaute Exkulpationsautomatik mit ein; deren Kern ist das Schuldverschubsystem, durch das die Bekenntnislogik mit dem Schuldbekenntnis verbunden ist. Ist die Exkulpationsautomatik die transzendentale Ästhetik zur Bekenntnislogik?
Kein Bekenntnis ohne Feindbild: Das Gebot der Feindesliebe ist ein durchschlagender Einwand gegen Dogma und Bekenntnislogik.
Die moderne Praxis kirchlicher Architektur, Innenwände wie die Außenwand zu gestalten, drückt aufs genaueste die Beziehungen der Gläubigen zu ihrer Kirche aus: Sie sind zugleich drinnen und draußen, die Innenwelt hat der Außenwelt, und die Außenwelt der Innenwelt sich angeglichen. Die Differenz ist getilgt, beide sind ununterscheidbar geworden, damit aber ist die Außenwelt zur Norm der Innenwelt und die Innenwelt vollends barbarisch geworden. Ist das nicht die logische Folge und die fatale Erfüllung der inneren Säkularisationsgeschichte: der Geschichte der Verweltlichung, Produkt der verandernden Kraft, die als das bewegende Zentrum der Säkularisationsgeschichte sich erweist.
Mit dieser Beziehung von Innen und Außen hängt es zusammen, daß, was Karl Rahner einmal die absolute Zukunft genannt hat, nicht mehr in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit liegt. Quellpunkt der verandernden Kraft ist die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, die sie nur noch in den vergangenen Hoffnungen erfahrbar macht. Die Wiedererweckung der vergangenen Hoffnung ist der Beginn der Auferstehung.
Eine logische Studie: Hängt der demagogische Trick Kohls, die Gemeinheiten, die er von sich gibt, zugleich zu dementieren und seinem politischen Gegner anzuhängen, nicht mit der Logik seines Geschichtsbegriffs (und dieser mit Hitlers Begriff der Vorsehung) zusammen? Die gleiche Logik macht ihn unfähig, die Untaten von Rostock, Mölln, Solingen anders als durch den Blick des „Auslands“, und d.h. als „Schande“ wahrzunehmen. Es ist dieser Blick, der insgeheim die Zustimmung zu den Dingen, von denen er sich verbal distanziert, signalisiert.
Der Slogan „Bewahrung der Schöpfung“ bleibt falsch, solange er nur auf die äußere Natur sich bezieht (ist nicht die Ökologie-Diskussion u.a. auch ein Produkt des Schuldverschubsystems, dient sie nicht auch der Ablenkung von den heranreifenden gesellschaftlichen Naturkatastrophen, gehört sie nicht in den Bereich der Exkulpationsstrategien?).
Erinnert nicht das Wort „Gottesfrage“ (Duchrow/Veerkamp) fatalerweise an die Seins- oder die Judenfrage (generell an Heideggers Begriff der Frage)?
Joh 129 stellt den Aktualitätsbezug des Wortes (des Logos), seine Beziehung zur Prophetie, her: durch die Hereinnahme der Schuld-Reflexion.
Zu Jürgen Ebachs Hinweis auf das „es rächt sich“ ist an den Gebrauch dieser Wendung in der Nachkriegszeit, nach Bekanntwerden der organisierten Judenvernichtung durch die Nazis, zu erinnern: Fromme Katholiken waren überzeugt: „Das wird sich einmal rächen“. Aber das wurde schnell vergessen; statt dessen sollen die sogenannten „Rachepsalmen“ aus dem kirchlichen Brevier herausgenommen worden sein. War die Erinnerung an die Schuld so nahe gerückt, daß sie unerträglich wurde (wird man nicht daran zweifeln dürfen, ob der Abschaffung der Todesstrafe wirklich nur „humane“ Motive zugrundelagen)?
Über den nationalen Ursprung der Transzendentalphilosophie: Die Begriffe historisch und empirisch waren einmal gleichbedeutend; das Historische war das Empirische und umgekehrt. Dagegen enthält der deutsche Begriff der Geschichte eine Verschiebung, der mit der Wortbedeutung, die ans neutrale, subjektlose Geschehen (das ontologische Sein) erinnert, zusammenhängt. Die Geschichtsphilosophie ist eine Es-Philosophie; und Hegels Bemerkung, daß das Wort Geschichte sowohl die historischen Taten und Ereignisse als auch die Geschichtsschreibung (die sie zu historischen Taten und Ereignissen erst macht) bezeichnet, weist auf das Zentrum des Neutralisierungsprozesses (und auf die in ihm wirkenden Kräfte, auf seine sehr spezifisch deutsche Logik) hin.
In Spinozas Deus sive Natura steht dieser Deus fürs Absolute, für den Gott der Philosophen: für den Schatten, den das Subjekt auf Gott wirft.
Das reale Objekt der Sexualmoral wäre (wenn man sie auf ihre herrschaftskritischen Ursprünge zurückführt) die Mordlust, nicht die Sexuallust. Hier gründet das Wahrheitsmoment der Lustfeindschaft. -
29.8.1994
Die Logik der Schrift ist die Logik der verandernden Kraft des Seins; sie ist die Grundlage sowohl der drei kantischen Totalitätsbegriffe als auch der daraus entfalteten idealistischen Systeme.
Durch die Schrift verändert sich die Beziehung der Sprache zur Zeit und zum Objekt (zu dessen Konstituentien die Vergegenständlichung der Zeit gehört) sowie der Begriff des Subjekts.
Die Logik der Schrift neutralisiert das Geschlecht der zweiten Person: die Sprache wird zölibatär (in der hebräischen Sprache behauptet sich die Sprache gegen die Logik der Schrift, während im Griechischen die Logik der Schrift als Sprachlogik sich entfaltet: in der Grammatik).
Das subjektive Korrelat der Logik der Schrift ist die Bekenntnislogik (zu deren Vorgeschichte der Name der Barbaren gehört).
Mit dem „Seid klug wie die Schlangen“ rechtfertigt und relativiert Jesus den Gebrauch der griechischen Sprache.
Aus dem Bann der Urteilslogik heraustreten, heißt, als erstes begreifen, daß die Sprache der Welt nicht äußerlich ist, daß sie zu den Konstituentien des Weltbegriffs gehört, daß sie nicht nur Schriftsprache ist.
Die Logik der Schrift ist ein Produkt der Herrschaftsgeschichte und in sie verflochten (verstrickt).
Es ist die Logik der Schrift – und nicht erst die Philosophie -, die den Tod verdrängt, indem sie ihn in ihre Struktur mit aufnimmt und so neutralisiert (die Schrift – und hier gründet ihre Beziehung zum Inertialsystem – ist die Todesgrenze).
Die Logik der Schrift begründet die Idee der Wissenschaft und trennt Natur und Welt. Sie ist der Grund, aus dem das Reich der Erscheinungen hervorgeht.
Ist nicht Matthäus der apokalyptische Evangelist, während Johannes Evangelist und Apokalyptiker in getrennten Rollen ist?
Die Logik der Schrift rührt an den Himmel, aber nur an die Seite des Wassers; die Seite des Feuers ist nur durch die Kritik der Logik der Schrift hindurch zu erkennen. Die getrennte Konstituierung der Logik der Schrift gründet im Sündenfall. Symbol der Logik der Schrift ist die Schlange, die auf dem Bauche kriechen und Staub fressen soll (und am Ende der Drache: was bedeuten dann die sieben Köpfe und zehn Hörner?).
Die Logik der Schrift, das Opfer und die Idee der Stellvertretung: die Begründung der Hierarchie. Verantwortung wird durch Delegation zur Unkenntlichkeit neutralisiert. Im Bereich der delegierten Verantwortungen (der Kompetenzen- und Zuständigkeitsregelungen) weiß niemand mehr, was er tut. Die Gemeinheit hat delegierte Verantwortung, das Prinzip der Stellvertretung, als Existenzgrund.
Das Fernsehen, oder über den Zusammenhang von Erwählung und Delegation.
Wer das Transzendentale mit der Transzendenz verwechselt, macht Gott zur Exkulpationsmaschine und zum Garanten der Verdinglichung.
Dimitte nos debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris: Ist das nicht ein Erkenntnisprinzip, die Warnung vor dem projektiven Anteil in jeder urteilenden Erkenntnis?
Im Allerheiligsten wurde die Tafel mit den Geboten Gottes aufbewahrt: War darin nicht der Gottesname verschlüsselt gegenwärtig (und war deshalb der Tempel das Haus Seines Namens)?
War auch der zweite Tempel das Haus Seines Namens?
Adornos Texte unterscheiden sich von anderen philosophischen Texten, daß jeder Satz die Reflexion der Logik der Schrift in sich enthält.
Sind nicht die Confessiones, die des Augustinus wie auch die Rousseaus, Versuche, aus dem Versteck, der die Schrift auch ist, herauszutreten?
Die Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt u.a. darin, daß es im Zentrum der Physik den Punkt bezeichnet, der die Grenze der Logik der Schrift markiert.
Längenkontraktion und Zeitdilatation gründen in den Gleichungen der Lorentz-Transformation. Aber ist in der Struktur dieser Gleichungen – ähnlich wie in der Struktur der Exponentialfunktion im Planckschen Strahlungsgesetz – nicht ein Moment enthalten, das auf die Orthogonalitätsstruktur verweist, sie in die physikalische Dynamik mit einbezieht? Oder genauer: Ist nicht die Beziehung der elektrodynamischen zu den mechanischen Prozessen (der Strahlungsprozesse zu den kinetischen Vorgängen) eine orthogonale?
Woher kommt das Suffix -ment (Parlament, Dokument), und was bedeutet es? Sind nicht die Prä- und Suffixe und das Gesamtsystem der Flexionen die Repräsentanten des Inertialsystems in der Logik der Schrift? Die Objektivation insgesamt verdankt sich der Logik der Schrift: Diese begründet die gleiche Distanz, die als Distanz zum Objekt durch die Distanz vermittelt ist, die – nach der Dialektik der Aufklärung – der Herr durch den Beherrschten gewinnt. -
28.8.1994
Was bedeutet eigentlich Hegels Satz, daß „Geschichtserzählung mit eigentlich geschichtlichen Taten und Begebenheiten gleichzeitig erscheinen“, d.h. daß Geschichte erst durch die Geschichtsschreibung zur Geschichte wird (sh. Vernunft in der Geschichte, S. 164), mit dem Schluß: „.. die bei ihren vernünftigen Gesetzen und Sitten zugleich äußerliche Existenz des Staates ist eine unvollständige Gegenwart, deren Verstand zu ihrer Integrierung des Bewußtseins der Vergangenheit bedarf“? Rührt diese Konstellation nicht an den Kern des Problems der Logik der Schrift?
Vgl. hierzu Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 112-114, 206, 227, 243.
Erst die Taufe der Vergangenheit, die die Dinge durch die Logik der Schrift erfahren, macht sie zu Dingen. Grammatik und Mathematik sind durch die Logik der Schrift aufeinander bezogen. Ist nicht das Prinzip der Zahlen in der gleichen Struktur vorgebildet, die auch das Neutrum begründet, nämlich in der Subsumtion der Zukunft unter die (ideelle) Vergangenheit, die der (realen) Vergangenheit, indem sie sie von der Gegenwart ausschließt, überhaupt erst ihre verdinglichende Gewalt verleiht?
Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man Hegels Bemerkung über den Zusammenhang von Geschichte und Geschichtsschreibung auf den Golfkrieg oder auf den Jugoslawien-Konflikt (und auf die Rolle der Medien, der „Öffentlichkeit“, in beiden) anwendet: Gehört nicht die Vorbereitung und Begleitung dieser Konflikte in der Öffentlichkeit zu ihren Ursachen und zu den Bedingungen ihres Verlaufs: Produzieren hier nicht erstmals die Nachrichten die Ereignisse, von denen sie berichten? Beides sind in hohem Grade Medien-Ereignisse.
Die Kritik der politischen Ökonomie ist heute zu einer verzweifelten Wissenschaft geworden, aber das ist kein Grund, sie nicht weiter zu betreiben.
Fortschritt der Erkenntnis: Sind es nicht die Kräfte, die im Innern des historischen Prozesses walten, die der Erkenntnis ihre Objekte zuführen.
Der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen: war das nicht die griechische Sprache, in der das Christentum auf den Weg geschickt worden ist? Und gilt nicht auch hier: Nomen est omen; ist der Name des Paulus nicht ein Hinweis darauf, daß das von ihm begründete Christentum im Namen des Saulus auf den Weg geschickt worden ist, nicht im messianischen Namen Davids (vgl. die Saulus-/David-Geschichte)?
Steht nicht die historisch-kritische Bibelwissenschaft unter dem Gesetz der Logik der Schrift; wird nicht durch die Logik der Schrift genau das ausgeblendet, worauf es eigentlich ankäme? So, wie schon Augustinus in seinem Genesis-Kommentar durch das „ad litteram“ den prophetisch-symbolischen Teil des Textes ausgeblendet hat.
Im Bußsakrament hat die Kirche auch noch das Lösen zu einem Teil des Bindens gemacht (es steht in der Entwicklung der Theologie an der Stelle, an der in der Geschichte der Naturwissenschaften das Trägheitsprinzip steht und in der Geschichte des Kapitalismus die Lohnarbeit). Ein spätes Echo dieses Vorgangs ist die Wiedereinbindung der durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit geöffneten Naturerkenntnis in die Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung durch die Kopenhagener Schule (Wiedereinbindung der Kritik des Inertialsystems ins Inertialsystem). Das Bußsakrament ist eine Station auf dem Wege von der Erfindung des Begriffs zum Naturverständnis der Kopenhagener Schule.
Partizipieren die sieben Sakramente nicht an der Logik der Schrift, gehören sie nicht zur Urgeschichte des Weltbegriffs? Die sieben Siegel sind die sieben Siegel des Buches, das zu öffnen wäre: Daß der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt, heißt das, daß er zur Rolle sich zusammenrollt (zum Buch wird), oder daß er sich aufrollt (das Buch sich öffnet)?
Bei welchen der zehn Plagen Ägyptens nennt Moses Gott den Gott der Hebräer, und wann nennt er den Gottesnamen (JHWH)? -
23.8.1994
Ist die Logik der Schrift idealistisch und männlich: die Sünde der Welt?
Die Existenz der Kirche ist der Beweis dafür, daß die Sünde wider den Heiligen Geist in dieser Welt nicht vergeben wird.
Die Vorstellung einer homogenen Zeit ist ein Produkt des Seitenblicks; zu ihrer Ursprungsgeschichte gehört die Geschichte der Verinnerlichung des Schicksals und der Scham. Hiermit hängt es zusammen, wenn in der Johannes-Apokalypse die prophetische Verknüpfung des Taumelbechers mit dem Kelch des göttlichen Zorns ergänzt wird durch den Unzuchtbecher. Dokumentiert wird diese Geschichte in der Geschichte des Ursprungs der Raumvorstellung, in dem Prozeß, in dem der Raum zur subjektiven Form der äußeren Anschauung geworden ist (von der griechischen Winkelgeometrie, der Entdeckung der Orthogonalität, zum modernen Inertialsystem). Es sind die subjektiven Formen der Anschauung, die zur Bindung der Erkenntnis an die Urteilsform keine Alternative mehr zulassen, und die dann das Sprachverständnis bis in den Kern verhext haben (Trennung der Welt da draußen von der Sprache in meinem Kopf, die doch diese Welt da draußen zugleich fürs Bewußtsein organisiert: das Kelch-Symbol und sein Sprachgrund).
Liegt nicht das Problem der Blutsymbolik im Problem des Kelchs. Wenn das Blut in den Taumelkelch, in den Kelch des göttlichen Zorns mit hereingenommen wird (wenn es zu den subjektiven Formen der Anschauung und zum Reich der Erscheinungen keine Alternative mehr gibt), wird dieser Kelch zum Becher der Unzucht. Darauf bezieht sich das Paulus-Wort, daß, wer diesen Kelch unwürdig trinkt, sich das Gericht trinkt: Die Opfertheologie hat den Kelch des göttlichen Zorns zu einem Becher der Unzucht gemacht. Die Sünde der Welt reicht bis in den Kern der christlichen theologischen Tradition herein.
Daß der Menschensohn zur Rechten des Vaters sitzt, heißt das nicht, daß die Erfüllung des Wortes und die Befreiung der göttlichen Barmherzigkeit zusammenfallen?
Die Reflexion der Sexualmoral, die mit Adornos erstem Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht, beginnt, führt unmittelbar in die Herrschaftskritik: in die Heiligung des Gottesnamens.
Beim gegenwärtigen Stand der Aufklärung gibt es zu Jer 3134 keine Alternative mehr. Zielt nicht Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen“ auf dieses Ziel, auf die Erfüllung des Wortes; und enthält es nicht die einzig noch zulässige Version des Gebets?
Was die drei jüdischen Heroen der Wissenschaftskritik, Marx, Freud und Einstein, verbindet (und das „Scheitern“ in ihren Konstrukten vorprogrammiert), ist ein positivistisches Moment:
– bei Marx der Rekurs aufs Tauschprinzip, ohne das die Kapitalismuskritik nicht möglich gewesen wäre,
– bei Einstein der Rekurs aufs Relativitätsprinzip, ohne den das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht formulierbar gewesen wäre, und
– bei Freud die Verwerfung des Gedankens an die Realität der Erinnerung von Frauen und Kindern an sexuellen Mißbrauch; nur so war es möglich, das Hysterie- und damit das Neurose-Konzept der Psychoanalyse auf eine „solide“ begriffliche Grundlage zu stellen.
Bezeichnet nicht der Naturbegriff die sieben Plagen und der Weltbegriff die sieben Donner (die Johannes nicht aufschreiben durfte)?
Hätte Hegel den Übergang vom Sein zum Nichts anstatt als Werden als Vergehen begriffen, so wäre die Hegelsche Logik schon an ihrem Ende gewesen. Aber war das nicht die Situation, in der Heidegger sich vorfand, der versucht hat, diesem Vergehen dadurch zu entkommen, daß er es zur Zeit neutralisierte? Und ist nicht Heidegger, im Gegensatz zu Hegel, der ein sehr protestantischer Philosoph war, ein sehr katholischer Philosoph? Hegel war der Philosoph des Taumelbechers und des Bechers des göttlichen Zorns, Heidegger der des des Bechers der Unzucht.
Verhalten sich nicht Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit bei Heidegger wie das Vorhandene und das Zuhandene oder wie Unmittelbarkeit und Reflexion? Die Eigentlichkeit ist die starr festgehaltene Unmittelbarkeit, die Uneigentlichkeit die gleiche Eigentlichkeit als Gegenstand der Reflexion, und das Ganze nur ein taktisches Verfahren, das Objekt der Ontologie dadurch emphatisch aufzuheizen, daß es der Reflexion entzogen wird, und so die Ontologie gleichsam unangreifbar zu machen (Konstruktion des automatisierten Denkverbots).
Die christliche Idee der Liebe ist zu einem Attribut des Herrschafts- und Besitztrieb geworden, wie auch die Bekenntnislogik Gott selbst zum Gegenstand dieses Herrschafts- und Besitztriebs gemacht hat (Domestikation Gottes durchs Opfer: Religion als Religion für andere).
Wenn im neuen Weltkatechismus von der „Natur des Menschen“ gesprochen wird – und es wird sehr oft davon gesprochen -, dann folgt mit Sicherheit eine Gemeinheit, deren einziger Zweck darin besteht, das Vormundschaftsrecht der Kirche abzusichern.
Hegel hat den Bann des Weltbegriffs reflektiert, er hat ihn nicht gelöst.
Sind nicht die sogenannten Anziehungskräfte Produkte der Zeitdilatation, der Relativierung der Gleichzeitigkeit.
Reversibel sind die Richtungen des Raumes nur für die Reflexion, nicht real.
Die Finsternis über dem Abgrund ist der Gegenstand der Trauerarbeit (und die Trauerarbeit die Tätigkeit des über den Wassern brütenden Geistes).
In ihrer gegenwärtigen Phase produziert die Aufklärung das Chaos, aus dem die zuküntige Welt zu erschaffen wäre. Oder anders: Heute produziert die Lokomotive den Abgrund, auf den sie mit wachsender Geschwindigkeit zurast. Gilt hierfür das Wort, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden? -
22.8.1994
In Jesus hat die Schrift, nicht das Wort sich erfüllt. Die Erfüllung des Wortes wäre seine Wiederkunft. Zur Erfüllung der Schrift gehört das Kelch-Symbol (und der Weltbegriff), zur Erfüllung des Worts die Auferstehung.
Wie hängt der logos mit dem Bekenntnis des Namens zusammen?
Läßt das Buch Hiob sich nicht auch als eine Kritik der Logik der Schrift lesen, als eine Kritik, die sowohl in der Gestalt des Anklägers, des Widersachers, als auch in dem Gewitter am Ende sich verkörpert? Ist nicht der Ankläger ein Teil des göttlichen Hofstaats, der „Himmelsheere“?
Hegels „von Gott verdammt ein Philosoph zu sein“: Die Verkörperung dieser Verdammung ist das Weltgericht. Ist nicht Hegels Philosophie die grandiose Selbstbestätigung jener Vorstellung aus der christlichen Tradition, daß der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle zur Freude der Seligen im Himmel gehört: Ist nicht der Leichenberg der Geschichte die Versammlung dieser Verdammten?
Zur Definition des Wahren (der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, Ph.d.G., stw, S. 46) gehört das Ende der Phänomenologie des Geistes: Aus dem Kelche dieser Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit. (S. 591)
Haben die Weissager beim Joseph und beim Daniel und die falschen Propheten etwas mit der Bildung des Futur II zu tun?
Die Bedeutung von Joh 129 ist nur noch durch die Kritik der Naturwissenschaften hindurch zu fassen.
Ist der Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert vorm Eingang des Paradieses das Gegenbild zu Benjamins Engel der Geschichte? -
18.8.1994
Der Gegenstand, und mit ihm sein Korrelat, der Weltbegriff (oder die Substanz als Subjekt), ist ein Produkt der Logik der Schrift.
Der Gegenstandsbegriff ist ein projektiver Reflex der Nacktheit: Es geht nicht darum, Tatsachen zu bestreiten, sondern darum, ihre Konstitutionsbedingungen, und d.h. den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang, in dem der Objektbegriff sich konstituiert, zu reflektieren.
Die Scham macht stumm; deshalb sind Objekte namenlos (und Namen unfähig, ihr „Wesen“ zu bezeichnen).
Sind die Menhire und Masseben nicht Denkmäler aus der Vorgeschichte des Tempels und der Schrift? Oswald Spengler hat auf die Beziehung der Musik in der modernen Welt zu den Statuen und Skulpturen in der Alten Welt hingewiesen. Kann es sein, daß, was die Statuen und Skulpturen im Hinblick auf den Ursprung und die Begründung der Schrift einmal waren, die Musik im Hinblick auf die Erfüllung des Worts: die Auflösung der Logik der Schrift, sein wird?
Die prophetische Kritik der Götzenbilder und des Götzendienstes bezieht sich auf die „heidnischen“ Statuen und Skulpturen und den damit verbundenen Opferdienst. Sie haben eine Idee der Ewigkeit als Grundlage, die der Logik der Schrift, ihrer Fähigkeit, der Sprache Dauer zu verleihen, sich verdankt. Das Bilderverbot reißt die Schrift auf für den Blitz der Prophetie. (Gehört hierzu nicht das Ende des Hiobbuches: die Gottesreden aus dem Gewitter?)
Ist nicht die Schicksalsidee die Verkörperung der Logik der Schrift, und sind nicht das Inertialsystem und das Relativitätsprinzip ihr Produkt?
Ist das Tier aus dem Meer der Staat, das Tier vom Lande die Kirche?
Konstruktion des Himmels: Kann es sein, daß, was draußen Wasser ist, durch Verinnerlichung Feuer wird?
Ist nicht das kopernikanische System das Schwarze Loch, das die gesamte theologische Tradition in sich aufgesaugt hat?
Die Opfertheologie, das „Gezeugt, nicht geschaffen“ und die homousia, das consubstantialis, stehen in einem durch die Bekenntnislogik vermittelten Zusammenhang. (Das consubstantialis ist der Grund aus dem die Lehre von Transsubstantiation, der theologische Kern der Eucharistie-Verehrung, hervorgegangen ist.)
Heute bezieht die Theologie ihre Kraft allein noch aus der descensio ad inferos.
„Das Objekt hat daher nicht Eigenschaften noch Akzidenzen, denn solche sind vom Ding oder der Substanz trennbar; im Objekt ist aber die Besonderheit schlechthin in die Totalität reflektiert“ (Hegel, Logik II, S. 361), aber in eine dreifache: Das Objekt ist der Kristallisationskern der drei Totalitätsbegriffe, des Wissens, der Natur und der Welt. Die Prädikate (die ich ihm beilege), die Eigenschaften (die das Ding hat) und die Akzidenzen (in denen die Substanz sich manifestiert) sind zusammengeschrumpft auf die gegeneinander neutralisierten Bestimmungen des dreidimensionalen Raumes.
Ist die „Farbe rot“, die vor dem Hintergrund der Naturwissenschaften keine Eigenschaft des Dings mehr bezeichnet, sondern nur noch einen irrationalen psychologischen Tatbestand, nicht das logische Modell der Jungschen Archetypen (und sind diese nicht das Modell der kollektiven Bewußtseinssteuerung durchs Fernsehen)?
Beitrag zur Wissenschaftskritik: Der Objektivierungsprozeß instrumentalisiert nicht nur die Objektwelt, sondern ebensosehr das Bewußtsein. -
17.8.1994
Die Schrift entnimmt die Sprache dem flüchtigen Hauch der Stimme und konserviert sie. Aber was die Schrift konserviert, ist die vergangene Sprache.
Wenn Stephanus den Himmel offen sah, während Paulus in den dritten Himmel entrückt war, drückt sich darin nicht die Beziehung beider zur Schrift aus.
Wie würde das NT aussehen, wenn man es chronologisch ordnen würde (der Tod des Stephanus liegt vor den paulinischen Briefen, aber die Apostelgeschichte, die darüber berichtet, nach ihnen)?
Unterstellen die Bezeichnungen Altes und Neues Testament nicht einen doppelten Todes- und Erbschaftsfall, und liegt nicht der erste Fehler in der Bezeichnung Altes Testament (die den Bund Gottes mit Abraham und dem Volk Israel in die Vergangenheit rückt)?
Einsteins Raum: Die Naturwissenschaften insgesamt gründen im objektivierenden Seitenblick (ihre Gegenständlichkeit gründet in der Beziehung von Rechts und Links). Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die Beziehung zu der durch die intentio recta definierten Dimension (zur Unmittelbarkeit des realen Sehens) und durch die Allgemeine Relativitätstheorie zur Dimension oben/unten rekonstruiert. Das Von allen Seiten der Naturerkenntnis (das den Naturbegriff begründet) kontrahiert sich zum Hinter dem Rücken, während das Hinter dem Rücken der Grund ist, aus dem die Umkehrung, die Vertauschung von Oben und Unten hervorgeht. Ist das die Nacht, die den Hahnenschrei und das Erscheinen des Morgensterns erwartet?
Wer sein Leben retten will, wird es verlieren: Der schärfste Eiwand gegen das Christentum.
Die narrative Theologie, die Haggada, bedarf zu ihrer Ergänzung der Halacha.
Die Urteilsform grenzt die Barmherzigkeit aus, so wie die Form der Anschauung mit dem Gesehenwerden die Erinnerung ans Angesicht Gottes ausblendet.
Gezeugt nicht geschaffen: Erst das Dogma hat das phallische Moment am Vatergott hervorgehoben und die Erinnerung an das „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“ verdrängt. -
15.8.1994
Ohne das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, das ins Nebeneinander ein Nacheinander hineinbringt, würde es kein räumliches Maß geben.
Ist nicht die aristotelische Logik eine geometrische (flächenbezogene) Logik, die Hegelsche Logik hingegen eine Logik des Raums, des Inertialsystems?
Die indogermanischen Sprachen, das indogermanische System der Konjugationen, setzen die Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Zeit voraus.
Hat nicht das Rosenzweigsche Bild der Umkehr, die Aufschließung der verschlossenen Elemente des Mythos, etwas mit dem Versuch, das Zeitkontinuum zu sprengen, zu tun? Vor diesem Hintergrund erweist sich die Sprache als Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung.
Aus den Neuen Testament wird ein Neuer Bund, wenn wir die Vergangenheit nicht mehr als tot und uns als die Erben dieser toten Vergangenheiten begreifen. Fürs Neue Testament gilt das Wort: Laßt die Toten ihre Toten begraben (Lk 960). – Worauf bezieht sich das „Zurückblicken“ in Lk 962 („Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes“)?
Auch die Idee des Absoluten ist – wie die Begriffe des Ganzen und der Teile, der Kraft und ihrer Äußerungen, des Innen und des Außen – ein Reflexionsbegriff: er ist vom Begriff des Relativen nicht zu trennen. Es gibt keine absolute Wahrheit; das heißt aber nicht, daß es keine Wahrheit gibt, sondern nur, daß es in dem Bereich, in dem man von Absolutem sprechen kann, im Bereich des Urteils, keine Wahrheit gibt. Zur Idee der Wahrheit gehört die Reflexion der Urteilsform, die Reflexion des Schuldzusammenhangs dazu, aus dessen Verstrickung die Idee der Wahrheit, die die Idee der Versöhnung mit einschließt, zu befreien ist.
Das Absolute ist zwar nicht der Gordische Knoten, wohl aber das Resultat des Durchschlagens des Gordischen Knotens. Die erste objektive Gestalt des Absoluten war Newtons absoluter Raum.
Zu den drei evangelischen Räten:
– der Gehorsam, der eigentlich das Hören meint, ist die Befreiung vom Bann des Sehens, der Anschauung;
– die Keuschheit die Befreiung vom Bann der Herrschaft, der Bekenntnislogik;
– die Armut die Befreiung vom Bann des Geldes.
Die „Versöhnung über den Gräbern“ ist eine, die die Gräber endgültig schließen und zugleich die Gespenster bannen möchte.
Das tode ti ist die Sammlung der Stecknadeln, mit denen die Schmetterlinge aufgespießt werden (die Orthodoxie als Schmetterlingssammlung).
Für die Prophetie waren nur der Taumelbecher und der Kelch des göttlichen Zorns assoziierte Symbole; die Johannes-Apokalypse hat den Becher der Unzucht, der Hurerei hinzugefügt. Liegt hier die Ermächtigung zur materialistischen Bibel-Lektüre?
Fundamentalismus: Unfähigkeit zur Reflexion der Logik der Schrift. (Die Logik der Schrift transformiert das Verhältnis von vorn und hinten in das von links und rechts, die Unittelbarkeit in das der Reflexion.) Ist der Fundamentalismus das Tier vom Lande (es hat zwei Hörner wie das Lamm und redet wie der Drache)? -
10.8.1994
Zur Begründung der Lehre vom Fegefeuer gehört es, daß aus dem Satz über die Sünde wider den Heiligen Geist (daß diese Sünde weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werde) der Schluß gezogen wird: also gibt es eine „Vergebung in der künftigen Welt“. Ist dieser Schluß eigentlich zulässig? Und welche Rückwirkungen hat er auf das Verständnis des Satzes, aus dem er geschlossen wird? Kann es sein, daß der Nebeneffekt, das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist zu verwirren, gar nicht so unerwünscht war? Gehört nicht diese Verwirrung zu den Geschäftsgrundlagen der Kirchen?
Nach Auschwitz scheint der katholische Mythos, dessen Ausgestaltung (von der Ohrenbeichte über die Eucharistie-Verehrung bis hin zum Zölibat) zu den Bedingungen der Geburt des Fegefeuers gehörten, insgesamt obsolet geworden zu sein.
Im Krieg haben die Katholiken in dem Judenmord der Nazis nicht die eigene Verstrickung in diese Tat, sondern nur das empirische Modell dessen, was ihnen selbst nach dem Kriege drohte, wahrgenommen. Nicht das Entsetzen über die Tat, sondern die Angst vor einem vergleichbaren eigenen Schicksal und das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, bestimmte das katholische Nachkriegs-Bewußtsein in Deutschland.
Und Auschwitz wirkte nach: Die Unfähigkeit, die Toten von Auschwitz in das durch die Lehre vom Fegefeuer (und durch Allerseelen) definierte Verhältnis zu den Verstorbenen mit hereinzunehmen, hat der Lehre vom Fegefeuer den Garaus gemacht; sie hat damit zugleich den gesamten Mythos implodieren lassen: Er ist in einem schwarzen Loch verschwunden. Der verzweifelte Versuch, die letzten Bastionen (das Zölibat und die verfaulenden Reste der kirchlichen Sexualmoral) noch zu halten, scheint nur dann noch gelingen zu können, wenn das, woran der Mythos einmal erinnerte, der Grund, aus dem er hervorgegangen ist, endgültig preisgegeben wird.
Zu Hegels Logik: – In welcher Beziehung steht die Begriffspaare Form und Materie, Form und Inhalt, zum Symbol des Kelchs? Ist nicht die erste Form die kantische „subjektive Form der äußeren Anschauung“, die des Raumes, die alles andere zum „Inhalt“ macht (und für den Raum ist alles, was nicht Raum ist, das Andere des Raumes: sein Inhalt)? – Was ist der Inhalt des Kelches: die Trunkenheit (der Inhalt des Taumelbechers), der göttliche Zorn, der Wein und das Blut (die Todesangst in Getsemane), die Unzucht. – Und in welcher Beziehung stehen sie zur Logik der Schrift? Jedes Buch hat einen Inhalt, ähnlich dem Behälter, dem Krug, dem Kelch, dem Raum (dem Lager, Magazin, aber auch dem Tempel, der sowohl den Tempelschatz, die Vorräte, als auch in seinem Zentrum, im Allerheiligsten, den Namen Gottes oder sein Bild enthielt: im Tempel wurde die Schrift er-/gefunden). Die Logik der Schrift konstituiert sich in einer Konstellation von – Tempelreligion (Opferdienst und Vergegenständlichung Gottes, Ursprung des Geldes und der Schrift), – Ästhetisierung, – Vergegenständlichung (das Objekt gründet im Seitenblick, ebenso die Reversibilität der Richtungen im Raum, die Äquivalenz des Positiven und Negativen, die Vorstellung eines linearen Zeikontinuums, Konstituierung der Geschichte durch Vergegenständlichung des Vergangenen), – Abstraktion (die Unterscheidung von Nomen und Verb, Subjekt und Prädikat), – Neutralisierung der Dinge, Trennung von Natur und Welt (Ursprung des Weltbegriffs), – Privateigentum, Recht und Staat. Der Raum als die Form der Gleichzeitigkeit (der Synchronie) enthält in seinen Richtungen das Bild der Zeit, das (in der Reversibilität der Richtungen im Raum und in der Unendlichkeit ihrer Ausdehnung) die Totalität der Vergangenheit und der Zukunft mathematisch abbildet. Jeder Punkt im Raum ist das Denkmal einer unendlichen Vergangenheit und Zukunft.
Was ist der Unterschied zwischen Tafel, Rolle und Buch? -
7.8.1994
Die Gründung der Universitäten liegt in der welthistorischen Konsequenz der Logik der Schrift; aber welches reale Bedürfnis, welches objektive Problem liegt der Geschichte der Universitätsgründungen zugrunde? Das Hauptinteresse scheint (zunächst) bei den Kirchen zu liegen, die an der Erhaltung einer geschichtlichen Erinnerung, die ihre Existenzgrundlage ist, interessiert ist: Essentiell (auch für den Namen der Universität) ist eine damit vorgegebene Beziehung zur Vergangenheit; erst durch die Kirche war die universale Vergegenständlichung der Vergangenheit (deren logische Struktur im Dogma sich reflektiert) möglich. Hiermit hängt es zusammen, daß erst im Kontext der Universitätsgründungen die Kirche als Schrift- und Bekenntnisreligion sich begreifen und konstituieren konnte. Der Theologiebedarf der Kirche war ein wesentliches Teil ihres Selbstverständnisses. Zur Fortpflanzung des Lichts im Raum: Wird das Licht vom Objekt angezogen oder aus seiner Quelle herausgeschleudert? Gilt die Erscheinung der Fortpflanzung des Lichts im Raum nicht nur für die Seitenansicht des Lichts (in der Rechts-Links-Beziehung)? Rührt nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit an den Umkehrpunkt der Naturwissenschaften? Die Unterscheidung der vier Richtungen im Raum (vorn und hinten, rechts und links; Licht und Finsternis, Gericht und Barmherzigkeit) läßt sich präzise demonstrieren: im Kontext des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (im Kontext der Konstituierung des physikalischen Objekts).
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6.8.1994
Wichtig die Hinweise le Goffs auf den Zusammenhang der Fegefeuer-Theologie mit mit dem Ursprung der Buchführung, das Problem der „Verrechnung“ des „Gewichts“ der Sünden mit dem Zeitmaß der Sündenstrafen – mit deutlicher Erinnerung an das Marxsche Mehrwert-Problem (Geburt des Fegefeuers, S. 276ff). Hängt nicht überhaupt das Konzept des Gewichts der Sünde („schwere Sünden“) zusammen mit dem Ursprung der Mechanik, der Definition der schweren und trägen Masse? Ist das Fegefeuer das theologische Modell des Inertialsystems?
„Ohne Ansehen der Person“. Kann das nicht auch heißen: Ohne Personalisierung der Schuld? – Und läßt sich hieran nicht die Bedeutung der Geschichte von dem einem und den sieben unreinen Geistern demonstrieren?
Steckt nicht im Jogging etwas vom Orgasmus, ist das nicht ein Art von Unzucht? Die Vergewaltigung ist der Versuch der Befriedigung der Wutlust (Entladung der Wut). Und war nicht die Mechanik, symbolisiert im Stoßprozeß, der Beginn der Vergewaltigung (der Penetration) der Natur zur Natur (hat die intentio recta etwas mit der Erektion zu tun)? War nicht das Tabu über die Sexualität, daß dann ihre projektive Verarbeitung erzwungen hat, die Voraussetzung für den Ursprung und die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Aufklärung?
Gibt es eine Geschichte des Turms? Wie hängen Stadt, Turm und Schrift (die Logik der Schrift) zusammen?
Das Geschwätz ist die Hölle (nicht für die Objekte des Geschwätzes, sondern für seine Urheber), und die Zunge der Entzünder des Feuers der Hölle. Die Theologie ist durch die Bekenntnislogik zum Geschwätz geworden (zum Kelch des göttlichen Zorns). Das ist darin begründet, daß die Bekenntnislogik, die zu den Elementen des Weltbegriffs gehört, den Weltbegriff mit einer automatisierten Feindbeziehung versieht (die im Naturbegriff sich vergegenständlicht, verkörpert). Deshalb sind Weltanschauungen austauschbar (alle weltanschaulich Gebundenen sind potentielle Wendehälse) und mit einem untilgbaren Vernichtungstrieb versehen (alle Weltanschauungskriege sind Vernichtungskriege).
Durch die Übersetzung des ho airon mit qui tollit (mit Hinwegnehmen) ist das Christentum antisemitisch geworden. Die Hereinnahme von Joh 129 in das Nachfolgegebot gründet in der Beziehung des Auf-sich-Nehmens (der Sünde der Welt) zum Gebot der Feindesliebe.
Die Ontologie, die darin der Logik der Schrift gehorcht, hat den Trägheitskeim ins Denken eingepflanzt.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie