Mythos und Aufklärung gehorchen beide der Logik der Schrift. Ist nicht das Relativitätsprinzip das Wasser, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit das Feuer (und die „spezielle Relativitätstheorie“ Einsteins haschamajim)? Die Welt ist alles, was der Fall ist: Ist das nicht gleichbedeutend mit dem Satz: Die Welt ist alles, was in synthetischen Urteilen apriori sich fassen läßt? Alles, was der Fall ist, das ist der Inbegriff aller intentionalen Erkenntnisse, aller der intentio recta gegebenen Erkenntnisse: der Inbegriff aller Erscheinungen. Die Herrschaftsgeschichte ist die Geschichte der fortschreitenden Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; so treibt sich die Herrschaftsgeschichte selber immer tiefer in die Vergangenheit hinein: bis zur Sünde Adams; so wird sie zur Geschichte der Erbsünde. Wird mit der Reflexion dieser Geschichte heute vielleicht zum erstenmal Joh 129 verständlich? Das Subjekt der Psalmen ist nicht das private Subjekt, sondern das messianische (David). Gilt das nicht auch für die Prophetie? Seit die Kirche durch das Erfüllungs-Konstrukt (durch das Theologumenon, die Prophetie habe sich in Jesus erfüllt) sich gegen die prophetische Erfahrung abgeschirmt, immunisiert hat, hat sie den Anspruch aufgegeben, Israel zu sein, hat sie durch ihren Antijudaismus die Juden an ihre eigene prophetische Tradition gefesselt. Die Bekenntnislogik ist (wie der Weltbegriff und auf der Grundlage seiner logischen Prämissen) ein Abkömmling der Logik der Schrift. Sind nicht Religionskriege (Bekenntniskriege) Stammeskriege unter den Bedingungen der Zivilisation (der Logik der Schrift)? Hat das Problem der Organtransplantationen nicht auch einen hochgradig symbolischen Aspekt? Zur Kritik der Gewalt: Die Kugel ist kein Argument. Paßt nicht das Gewaltmonopol des Staates zur Kollektivscham wie die Faust aufs Auge? Beide sind durch das auf der Schuldreflexion lastende Denkverbot mit einander verbunden.
Naturwissenschaft
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3.8.1994
Die hebräische Sprachlogik wäre zu rekonstruieren anhand – der Strukturen der Konjugationen (die von der indogermanischen Sprachlogik durch das Fehlen des Neutrum sich unterscheiden) und – des Gebrauchs der Prä- und Suffixe. Greuel am heiligen Ort: Der Modernisierungsschub des Faschismus hat die Kirche nicht unberührt gelassen. Hier, insbesondere in der Katholischen Kirche, waren seine Vollstrecker in Teilen der kirchlichen Jugendbewegung und der liturgischen Bewegung anzutreffen, in der Anti-Kitsch-Kampagne, in der Tendenz, die Frömmigkeit durch Ästhetisierung und Ritualisierung des Kults auszutreiben (das war die Voraussetzung für die Medienverwertbarkeit der Liturgie: für die Blasphemisierung der Religion im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit). Apokalyptische Theorie: Das Feuer entspricht in seinem aktiven Teil dem Lachen, in seinem passiven dem Weinen. Hiermit hängt es zusammen, daß Jesus nicht gelacht, wohl aber die Dämonen ausgetrieben hat (Anmerkung zum katholischen Mythos: Das Feuer wäre wie Lachen und Weinen anzusiedeln in dem Bereich zwischen Sprache und Mathematik, oder zwischen der Sprache und der Logik der Schrift; die Vorstellungen von Hölle und Fegefeuer sind Produkte der Verräumlichung dieses sprachlichen Sachverhalts; sie ermessen die Distanz zwischen dem Wort und seiner Erfüllung; die Musik ist ihr Erbe und der Beginn ihrer Entmythologisierung). Das Feuer der Hölle und das Fegefeuer ist das Feuer der brennenden Scham. Das Neutrum ist der Repräsentant der Logik der Schrift in der Sprache.
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2.8.1994
Hitler war nicht der Antichrist, vielleicht die Generalprobe, das aber nicht als Person, sondern als Repräsentant und Vollstrecker des Weltgeistes, denn der ist der Drache. Die Orthogonalität transponiert die Linearität der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Das Relativitätsprinzip stellt die Äquivalenz her zwischen Objektbewegungen und Bewegungen des Raumes in sich selber. Das Sein, die Kopula, ist der Repräsentant der Orthogonalität (des Andersseins) in der Sprache. Vergewaltigung: Ist das Inertialsystem nicht obszön, und ist es nicht zugleich ein Produkt neutralisierter und verdrängter Mordphantasien (das Inertialsystem ist in der gleichen Zeit „entdeckt“ worden wie die nackten Wilden, die „Kannibalen“: Projektion der Eucharistie-Verehrung)? Zum Moment der Frauenfeindschaft in der Bekenntnislogik: Hängt das nicht zusammen damit, daß die Umkehr von den Verheißungen getrennt und so zur Buße gemacht worden ist? Und war es nicht dieser Begriff der Buße, der die Barmherzigkeit zur Hysterie und die Umkehr zur Vergewaltigung gemacht hat? Kritik des Dogmas: Gilt das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ auch im Hinblick auf Auschwitz? Die Frage nach der (allgemeinen) Geltung dieses Satzes ist unsinnig, da nur die Opfer ihn sagen könnten, die Täter aber keinen Anspruch darauf, daß ihnen die Opfer vergeben, geltend machen können; sie scheitert an der Asymmetrie des ihm zugrunde liegenden Sachverhalts. Aber ist dieser logische Schnitzer nicht die Geschäftsgrundlage einer Theologie, die glaubt, die Wahrheit zum Gegenstand von Urteilen machen (sie in Dogmen fassen) zu können; ist er nicht die Geschäftsgrundlage einer Theologie hinter dem Rücken Gottes? Und ist nicht die Asymmetrie in der Sache der Grund dafür, daß heute jede Alternative zu einer Theologie im Angesicht Gottes versperrt ist?
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1.8.1994
Zu Maria Magdalena vgl. Mt 1245 (… nimmt sieben andere Geister mit sich … es wird nachher mit diesem Menschen schlimmer als vorher) und 2 Pt 220 (… Befleckungen der Welt … so ist für sie das letzte schlimmer geworden als das erste).
Ist die „Geburt des Fegefeuers“ nicht ein sprachgeschichtliches Phänomen, eine Gestalt der projektiven Verarbeitung des Universalienstreits (und der messianischen Wehen)?
Ohne diese projektive Verarbeitung hätte es die Scheiterhaufen nicht gegeben (hat die Kirche die Scheiterhaufen erfunden, weil sie die Schuldreflexion nicht an sich herankommen lassen wollte, und hatte sie in den Häresien nicht die eigene Sünde vor Augen?).
Hat das Feuer seinen religionsgeschichtlichen Ursprung im Iran (vom Holocaust zum Scheiterhaufen: ist das letzte ein „indoeuropäisches“ Konstrukt, eines das mit dem Ursprung des Neutrum – der Geschichte des Schuldverschubsystems – zusammenhängt)?
Im Fegefeuer ist auch das Jenseits unters Gesetz des Inertialsystems gebracht worden (wurde das Inertialsystem im Jenseits verwurzelt).
Nicht die Verstorbenen sind im Fegefeuer, sondern der Anspruch, den die Toten an uns haben, ist das Fegefeuer, in dem wir sind.
Hat nicht das ontologische Erbe (die Verdrängung der Erinnerung an die Toten) das Christentum wurzellos gemacht?
Gehört nicht zur Geschichte von den drei Leugnungen Petri auch die Situation „im Hof des Hohepriesters“, während gleichzeitig (im Haus des Hohepriesters) Jesus dem Verhör unterzogen wird?
Die Welt ist die Verkörperung des Schuldverschubsystems.
Ismael heißt „Gott hört“.
Das Christentum, nachdem es Joh 129 aus dem Nachfolgegebot herausgenommen hat, ist selber zur „Sünde der Welt“ geworden.
Die naturwissenschaftliche Erkenntnis läuft insgesamt über eine fundamentale Verletzung des Bilderverbots, aber so, daß die Funktion und die Bedeutung dieser Verletzung (dieser Wunde) erstmals erkennbar und analysierbar werden. Die Grundstruktur verdankt sich einem Prinzip, das in dem Satz sich ausdrückt: If the future will be like the past, einer Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft, einem in die Zeitvorstellung eingebauten idealisierenden Moment der Zeitumkehr. Diese Zeitumkehr liegt der Beziehung des tode ti zum prophetischen Aktualitätsbezug zugrunde.
Die Beziehung der drei Modi der Zeit: Dauer, Folge und Zugleichsein, zu den drei Dimensionen des Raumes (oben/unten, rechts/links, vorne/hinten) ist der Grund und das Modell ihrer Beziehung zur transzendentalen Logik (zu den kantischen Urteilskategorien Substanz, Kausalität und Wechselwirkung).
Unterscheidet sich die Beziehung des Ham zu Sem von der zu Japhet? -
26.7.1994
Hat Gerschom Scholem das Verhältnis von Sprache und Schrift nicht unter dem Titel „Offenbarung und Tradition“ abgehandelt (Judaica 4)? Die Hegelsche Logik ist die vollendete Selbstreflexion der Urteilsform: der Taumelbecher. Hegel hat in seiner Logik die Antinomien der reinen Vernunft durch Instrumentalisierung neutralisiert (und deshalb nur verworfen, nicht aufgelöst). Steht nicht schon die aristotelische Logik unter dem Gesetz der Urteilsform, und gehört nicht auch zu ihren Leistungen die Trennung der Sprache von der Realität: die Konstituierung der noesis noeseos? Ist nicht im Inertialsystem die Materie das Produkt der Verwechslung von hinten und vorn, der Raum das der Verwechslung von links und rechts und die Zeit das der Verwechslung von unten und oben? Das Inertialsystem ist atheistisch, weil es die Idee des Angesichts im Grunde zerstört (das anästhesierte „Grauen um und um“). Es trennt (als „Anschauung“) das Sehen vom Gesehenwerden. Die Mechanik und ihr Paradigma, der Stoßprozeß, gründet in der Logik der Konkurrenz; sie vollendet sich in der kinetischen Gastheorie (Kern der physikalischen Wärmetheorie), wurde hier aber (auf eine noch aufzuklärende Weise) über die Plancksche Strahlungstheorie in eine Beziehung zu elektromagnetische Prozessen gerückt, die ihren Schlüssel einmal im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit finden wird. Ist nicht schon die Opfertheologie eine Konsequenz aus der Logik des deutschen Sprichworts: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? (Aber Jesus hat das Feuer vom Himmel geholt, und er wollte, es brennte schon: Barmherzigkeit, nicht Opfer.) Die Opfertheologie ist die Verhinderung des Feuers. Durch die Opfertheologie wurde Barmherzigkeit in Liebe, Praxis in bloße Gesinnung verwandelt. Kann es sein, daß im Buch Jesira ein Hinweis sich findet, der die These stützt, daß es das karolingische Zeitalter (mit dem „Makkabäer“ Karl Martell) nicht gegeben hat? Sind nicht die Erfindungen dunkler Perioden in der Zivilisationsgeschichte ein Teil der Erfindung der Tiefenzeit, und begleiten diese „Erfindungen“ nicht die Geschichte der Aufklärung, die Geschichte des Rückfalls der Aufklärung in den Mythos, als projektive Vergegenständlichung des Dunklen im eigenen Innern der Aufklärung, als Absicherung ihrer Vorstellungen von der Welt? Steckt nicht in der Subjektivierung des „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ der Grund und das Prinzip der christlichen Rechtfertigungslehren? Diesen Satz kann nur das Opfer über die Täter sagen, während die Täter ihn nicht auf sich selbst anwenden können („Herr vergib mir, denn ich weiß nicht, was ich tu“). Das Bewußtsein, daß die wichtigsten Sätze nicht verallgemeinerungsfähig sind (aufgrund der Asymmetrie zwischen mir und den Andern), enthält den entscheidenden Einwand gegen theoretisierendes Denken, gegen die Logik des Begriffs. Zu Hegels Konzept der Ausbildung und Entfaltung der Philosophie als Wissenschaft gehört in letzter Konsequenz der wahrhaft ungeheuerliche Satz, daß das Wahre der bacchantische Taumel ist, in dem kein Glied nicht trunken ist (davon muß Habermas abstrahieren, wenn er eine Diskurs-Ethik begründen will, und dagegen richtet sich die Idee des Heiligen Geistes, des parakletischen Denkens, das in kirchlicher Anwendung zum Quellpunkt des Selbstmitleids geworden ist, dem theologischen Pendant des Inertialssystems). Die Theorie (das monologische Denken) leugnet die Asymmetrie zwischen mir und dem Andern (sie macht den Andern zum Objekt). Diese Leugnung endet, terminiert in der Prävalenz des Andersseins: sie hat ihr Korrelat im Weltbegriff. Die Philosophie hat die Logik der Schrift als Grundlage; die Prophetie ist der Versuch, die Logik der Sprache gegen die Logik der Schrift zu retten (der Blitz aus den Wolken der Logik der Schrift).
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25.7.1994
Wird der Kelch des göttlichen Zornes, der Taumelbecher, erst in der Apokalypse (im Kontext des Weltbegriffs, durch den das Christentum von der jüdischen Vorgeschichte sich unterscheidet) zum Becher der Unzucht?
Das Taumeln gehorcht der inneren Logik der intentio recta. Deshalb ist „das Wahre der bacchantische Taumel, bei dem kein Glied nicht trunken ist“. Die intentio recta ist der logische Kern der Urteilsform, sie begründet die Form der Beziehung von Objekt und Begriff (die Logik der Schrift und den Tod des Namens). Ist nicht die Raumvorstellung eine gigantische Veranstaltung zur Absicherung der intentio recta?
Ursprung des Neutrums: eine Folge der Logik der Schrift. Deshalb ist die hebräische Sprache und Schrift die hebräische (die Prophetie als Blitz aus den Wolken der Logik der Schrift).
Doppelter Aspekt von Joh 129: Ist das Auf-sich-Nehmen der Sünde der Welt die Geschichte des Christentums?
Die Kasuistik übersieht, daß es Situationen gibt, die dem moralischen Urteil der Menschen sich entziehen (weil sie allein dem Gericht Gottes unterliegen). Sie ist ein Produkt der Hybris des Absoluten (der Abstraktion von der Idee des göttlichen Angesichts).
Die raum-zeitliche Welt ist die gefallene Welt (der Fall ist ein Vorgang in der Sprache).
Die Vorstellung, daß die Sprache etwas Subjektives sei, und die Realität draußen sich äußerlich zur Sprache verhält, ist vermittelt durch die Urteilsform. Sie gilt nur im Bannkreis des Begriffs, der Herrschaft des Begriffs, während die erkennende Kraft der Sprache auch die Objektivität selber umgreift. Hier gründet das, was man den Sprachleib nennen könnte; auf ihn beziehen sich die symbolischen Elemente der Sprache, bezieht sich ihre erkennende und benennende Kraft (im Sprachleib bezeichnet die Gebärmutter die Barmherzigkeit und die Hysterie).
Historische Dinge sind nicht nur Dinge in Raum und Zeit, sondern auch Dinge in der Sprache.
Der Aktualitätsbezug (durch den die Prophetie von der Philosophie sich unterscheidet) ist ein Konstituens der erkennenden und benennenden Kraft der Sprache; ihr (sic, B.H.) Verhältnis zur Sprache, die nur auf Raum-Zeitliches sich bezieht, gründet in der Idee der Umkehr. Der Unterschied von Rechts und Links, Vorn und Hinten, Oben und Unten, ist ein sprachlicher, kein physikalischer Unterschied; er ist in der aufgeklärten Welt gegenstandslos geworden, mit ihm aber auch der Grund, aus dem die Sprache erwächst und sich nährt. Mit dieser Verdrängung des Sprachgrundes ist die Kraft des Eingedenkens, die Fähigkeit, die Vergangenheit zu reflektieren, verschwunden.
Nur die Fähigkeit zur Schuldreflexion (die Sündenvergebung) dringt durch die Grenze, die Begriff und Name, die raumzeitliche und die symbolische Erkenntnis, trennt.
Die verfaulenden Reste des Staates leben fort in der Bekenntnisreligion (seit die Menschen nicht mehr wissen, was sie tun, haben sie einen übermächtigen Rechtfertigungsbedarf: Grund der Bekenntnislogik).
Merkwürdig, daß der jeremianische Begriff der Welt (tewel: ein Weltbegriff vor der Trennung von Welt und Natur) in der Wendung der kabbalistischen Tradition zum Nihilismus wieder erscheint (vgl. Scholem, Judaica 4).
Hängt die Idee (das Symbol) der messianischen Wehen mit dem Ursprung des Weltbegriffs zusammen; ist sie in ihrer Substanz christlich?
Wenn ich ein Buch lese, betreibe ich Erinnerungsarbeit: Es ist ein Anlaß der Selbstverständigung, der Überprüfung der eigenen Erinnerung (Grund meiner Unfähigkeit zum vergegenständlichenden Lesen).
Wird die Sintflut nicht verständlicher im Kontext des symbolischen Verständnisses der Erde als Sprache und des Himmels als Logik der Schrift? Liegt hier nicht der Grund (oder zumindest ein Grund) des Christentums (hat das historische Christentum den Jesus nicht ins majim zurückgestaut, anstatt ihn als das esch zu begreifen)? Die Sintflut begründet (zusammen mit dem noachidischen Bund) „die Welt“, das Christentum beendet sie (Joh 129).
Die Sekten instrumentalisieren vorhandene apokalyptische Ängste und beuten sie aus; wirkliches apokalyptisches Denken wäre es, in den apokalyptischen Symbolen den Grund der Angst zu begreifen: ein Schritt in Richtung der Befreiung von Angst, ein Vesuch, den Kopf oben zu behalten: Immunisierung gegen die Opferrolle (in der auch die Kirchen ihre Gläubigen gefangen hält).
Bezeichnet das Kreuz im Nachfolgegebot das Joch des Jeremias?
Priesterreligion ist Religion für andere, deshalb gehorcht sie der Bekenntnislogik (und fällt in die Geschichte der drei Leugnungen).
Haben die Gottlosen, Sünder und Spötter in Psalm 1 etwas mit der Geschichte der drei Leugnungen (mit der Geschichte der Theologie hinter dem Rücken Gottes) zu tun?
Das Christentum hat seit je die Buße mit der Strafe verwechselt; das war die Folge der Trennung der Umkehr von den göttlichen Verheißungen, der Versuch, die Umkehr in autoritärem Kontext (im Kontext des Weltbegriffs) zu reformulieren (Ersetzung des Hörens durch den Gehorsam).
Zum Buch Daniel: Nebukadnezzar hatte einen Traum, aber er hat ihn vergessen.
War das Dogma nicht der erste Versuch einer „Endlösung“?
Erinnerungsarbeit ist reflektierte Prophetie. -
17.7.1994
Gehört nicht das Thema Habermas und die Natur unter das Motto der Operetten-Weisheit „Glücklich ist, wer vergißt, was nicht zu ändern ist“ (oder des deutschen Sprichworts: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“)? Heute, so scheint es, ist der Himmel (selbst für den „Welt-Katechismus“) kein Thema mehr: kann es sein daß er nur wiederzuentdecken ist über das Problem der Logik der Schrift? Das Inertialsystem als Totaloperation: Das Inertialsystem ist die abstrakte Grenze des Irdischen zur Vergangenheit, der Himmel die konkrete, die des Ewigen zur Vergangenheit; mit der Idee des Ewigen ist auch diese Grenze durchs Inertialsystem im wörtlichen Sinne gegenstandslos gemacht und verdrängt worden. Die Griechen haben vorn und hinten, rechts und links reversibel und austauschbar gemacht (Ursprung der Winkel-Mathematik, der Geometrie und des Begriffs der Orthogonalität); erst die modernen Naturwissenschaften haben oben und unten, Himmel und Erde, in diesen Reflexionszusammenhang mit hereingezogen, und das über zwei naturwissenschaftliche Theorien: das Gravitationsgesetz und die physikalische Optik. Das Gravitationsgesetz hat die Universalität des Inertialsystems „begründet“, die physikalische Optik ihre Folgen entfaltet und notiert. Der Himmel (die Schrift) ist sein Thron, die Erde (die Sprache) der Schemel seiner Füße; aber Gott ist auch der, der auf den Keruben thront. Gilt das Wort: Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, nicht vorab fürs Inertialsystem, und ist nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Beweis? Sind nicht alle kosmologischen Theorien heute nur Dokumente von Aporien: die Urknall-Theorie, die „Expansion des Universums“, die „Schwarzen Löcher“? Und gilt das nicht auch schon für ihre Vorläufer, von der Kant-Laplaceschen Planeten-Theorie bis zu den Konnotationen der Frage, warum es nachts dunkel ist? (17.-24.94: jüdisch-christliche Bibelwoche in Bendorf)
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9.7.1994
Rühren die Probleme des Konjunktiv und des Dativ daher, daß die Logik des Grundes und die der Modalität nicht mathematisierbar sind? Wie verhält sich das Urteil (die Kopula) zur mathematischen Gleichung?
Was hat die Hysterie mit dem Heiligen Geist zu tun? (Sie ist nicht die Sünde wider Heiligen Geist, wohl aber eine ihrer projektiven Folgen im Objekt.)
Die Kirche verdankt sich der blasphemischen Tathandlung der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes. (Hat nicht in der Tat Paulus „zwei Hörner wie ein Lamm, und redet wie ein Drache“?)
Sind Leviatan und Behemoth Symbole des Gerichts und der Barmherzigkeit?
Ethik als prima philosophia: sie wäre zu begründen mit Adornos Satz, wonach heute alle sich ungeliebt fühlen, weil keiner mehr zu lieben vermag. Das Tor für die Fähigkeit zu lieben ist in Joh 129 bezeichnet. Es ist gerade die „Sünde der Welt“, daß alle sich ungeliebt fühlen (die Welt wäre zu konstruieren als das projektive Korrelat des Sich-ungeliebt-Fühlens: welche Attribute wären Gott zuzuschreiben, wenn er „die Welt“ erschaffen hätte und nicht den Himmel und die Erde). Rechtfertigungsbedürftig (und Gegenstand der Apologetik) ist nur, wer nicht liebt; und der verdinglichte Glaube ist zum Inhalt der lieblos gewordenen Wahrheit geworden.
Die Negative Dialektik: Adornos Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenloses Weltgericht Hegels.
In seiner Antwort auf die Frage des Täufers, ob er es sei, der da kommen soll, hat Jesus nicht gesagt: Ich bin der Sohn Gottes, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch mich ist alles geschaffen, und nichts, was geschaffen ist, ist ohne mich geschaffen. Sondern: Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, … den Armen wird die frohe Botschaft verkündet.
Hat nicht Paulus die Kirche auf die linke Seite Gottes geführt, und Jesus an der Rechten allein gelassen? Hat nicht er das Christentum opfertheologisch reformuliert (Begründung des Begriffs der Bekehrung ohne Umkehr), und es so welt- und anpassungsfähig gemacht?
Stephanus sah den Himmel offen, aber Paulus war in den dritten Himmel entrückt (und wußte hierbei nicht, ob im Leibe oder außer dem Leib).
Gehört nicht der hakeldama, der Blutacker, (als deren Ende) in die Geschichte des Landkaufs (Abraham, Jakob, David), und ist er nicht eine Potenzierung des Fluchs über den Acker (im Blut wird der Fluch beim Namen genannt)? In diese Tradition gehört der faschistische Slogan von „Blut und Boden“ (das Blut, das vom Acker schreit: ist nicht der Grund und Boden der kapitalisierte Acker?).
Ist die Tenne des Arauna der Berg Moriah, die Stelle der Bindung Isaaks?
Ist der Staub, zu dem Adam wird und den die Schlange frißt, der dem Tauschprinzip (der unendlichen Teilbarkeit des Geldes) unterworfene Acker? Erinnert daran nicht das Realsymbol der Wüste (der Ort der Essener, der Eremiten und Mönche)? -
4.7.1994
„Und Gott sprach: es sollen Lichter werden an der Feste des Himmels, Tag und Nacht zu scheiden, und sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren, und sie seinen Lichter an der Feste des Himmels, daß sie auf die Erde leuchten. …“ (Gen 114f) In letzter Instanz liegen jeder Zeitmessung natürliche Zeitmaße zugrunde: natürliche periodische Bewegungen wie der Tag, das Jahr, die Mondphasen, die Sternbewegungen. Natürliche Zeitmaße: Das heißt jedoch, daß auch die konventionellen „bürgerlichen“ Zeitmaße, zuerst die Woche, dann aber auch die Stunden, Minuten und Sekunden, die dann gegen die natürliche Zeitmessung sich verselbständigen, letztlich auf diese sich zurückführen lassen müssen. Wie hat sich daraus die Vorstellung eines Zeitkontinuums gebildet, das als subjektive Form der Anschauung gegen die Erscheinungen sich verselbständigt und allen Erscheinungen sich zugrundelegt (im Zusammenhang mit der Vorstellung eines ins Unendliche sich ausdehnenden Raumes und einer Materie, die „von außen“ – und welches „Außen“ gibt es außerhalb von Raum und Zeit – in den an sich leeren Raum und die an sich leere Zeit hereinkommen)?
„Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Gibt es heute überhaupt noch jemanden, der weiß, was er tut? Ist nicht bereits ein Zustand erreicht, in dem erstmals niemand mehr wissen will, was er tut, weil niemand mehr dieses Wissen (das Bewußtsein seiner Handlungen und ihrer Folgen) ertragen würde? Und ist nicht die Religion zu einer Institution geworden, die, anstatt Licht in die Welt zu bringen, nur noch über diesen Zustand hinwegtrösten soll, die die Erkenntnis dieses Zustands verhindert, indem sie nur noch Rechtfertigungsangebote liefert und so diese Verhinderung zugleich legitimiert? Aber hat das nicht seine christlichen Wurzeln (im Konzept der „Entsühnung der Welt“, der Opfertheologie und der dogmatisch verdinglichten Trinitätslehre)? Kann man eigentlich noch wissen, was man tut, nachdem Joh 129 vom Nachfolgegebot getrennt, die Gottesfurcht zur Herrenfurcht neutralisiert und Jesus vergöttlicht worden ist?
Im Kontext des Schuldverschubsystems (dessen Logik eins ist mit der des Weltbegriffs) weiß niemand mehr, was er tut. Die darin gründenden Rechtfertigungszwänge verstärken die Blindheit gegenüber dem eigenen Tun.
Bilden nicht die Trunkenheit, die aufgedeckte Blöße und die Unzucht ein transzendentallogisches Kontinuum?
Entsühnung der Welt: Die Wendung, die die christliche Tradition dem Motiv der Sündenvergebung gegeben hat, ist heute in die Automatik des Weltbegriffs mit eingegangen: Mit dem „Glauben“, der bisher die „Rechtfertigung“ des Sünders begründete, wurde auch das Christentum überflüssig, aber die Welt zugleich zu einem Feld der Barbarei (zum Greuel der Verwüstung). Vexierfrage: Wo ist der Glaube geblieben (Zusatzfrage: wodurch fühlen die Menschen sich heute gerechfertigt)? In dem gleichen Maße, in dem der Zustand der Welt der Katastrophe sich nähert, wächst die exkulpierende Kraft der Welt, mit der sie die Wurzeln der Katastrophe und damit die Katastrophe selbst unsichtbar macht. Mit der Welt, mag sie auch zum Teufel gehen, werden alle, die der Welt sich anpassen, auf die Anmaßung des eigenen Denkens (auf die Anmaßung, wissen zu wollen, was sie tun) verzichten, entsühnt. Gleicht der gegenwärtige Bewußtseinsstand nicht der Euphorie unmittelbar vor Eintritt des Todes? Deshalb gucken alle nur noch dumm.
Beschreibt Hegel im Begriff des Scheins und der Reflexion nicht das projektive Moment in der Erkenntnis (und gab es für ihn nach dem Begriff des Für-sich-Seins dazu überhaupt eine Alternative)?
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30.6.1994
Durch ihr Verhältnis zur Philosophie war die christliche Theologie in die Geschichte des Weltbegriffs und in die Herrschaftsgeschichte verstrickt. Das Tabu auf der Herrschaftskritik (die Verteufelung der Herrschaftskritik), das mit dem Weltbegriff mitgesetzt war, hat zur Verdinglichung (Privatisierung und Biologisierung) der Sexualmoral geführt: es hat die Erinnerung an die messianischen Wehen verdrängt. Die Vergangenheit ist (ebenso wie die Physik) nicht wirklich stillgestellt und tot; stillgestellt und tot ist unser Blick auf die Vergangenheit (und auf die Natur). Die Logik dieser Stillstellung ist die Logik des Weltbegriffs (ihre Akteure sind die Urteilsform, die Bekenntnislogik und die Opfertheologie, das Inertialsystem). Der gordische Knoten: Ist nicht der Objektbegriff die Folge davon, daß er nur durchschlagen, nicht gelöst wurde? Durchschlagen hat den Knoten die Philosophie; Aufgabe der Theologie heute wäre es, ihn endlich zu lösen. Ein Hinweis dazu: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben. Oder: Verfallt nicht der Paranoia, zu der die Klugheit der Schlange verführt. Die Paranoia ist der Grund des Mythos: der Schicksalsidee wie auch des Begriffs. Die erste Aufklärung (der Ursprung der Philosophie) verdankt sich der Verinnerlichung des Schicksals: die Allgemeinheit des Begriffs gründet darin, daß hier jeder zur Quelle des Schicksals aller geworden ist. Die zweite Gestalt der Aufklärung, die aus der Theologie hervorgegangen ist, verdankt sich der Verinnerlichung der Scham. Hier gründet die veränderte Beziehung zur Vergangenheit, in der sie durch Entfernung nahe gerückt wird (und aufs neue in Bewegung gesetzt wird). Die Vergangenheit ist nicht das ruhende Tote, sondern der bacchantische Taumel, der Hexentanz der letzten Walpurgisnacht. Die Einheit von Teufel und armer Seele gründet in der Verinnerlichung der Scham, während der Name des Dämons, des unreinen Geistes, der Besessenheit, zurückweit auf die Verinnerlichung des Schicksals (den Ursprung des Weltbegriffs). Steckt nicht in der Beziehung des einen zu den sieben unreinen Geistern die Beziehung der Verinnerlichung des Schicksals zu der der Scham (der Philosophie zum Ursprung der modernen Naturwissenschaft)? Durch die Kollektivscham (die eher auf den „verlorenen Krieg“ paßt als auf das ungeheuerliche Verbrechen des Judenmords) ist Deutschland zum Objekt der Welt geworden (Ursprung der Xenophobie: die Angst vor dem Blick des andern). Liegen die sexuellen Phantasien im Kontext des Pflichtzölibats nicht in der Konsequenz der Schamlogik (der Unfähigkeit zur Reflexion ihres herrschaftsgeschichtlichen Grundes)? Wenn bei Hegel die Idee die Natur frei aus sich entläßt, diese Natur dann aber den Begriff nicht halten kann: ist das nicht das genaueste Bild der Katastrophe (und die Widerlegung der Idee und des Absoluten, die sie freilich nicht gegenstandslos macht)? Die homousia hat das homologein entmächtigt: zum Bekenntnis neutralisiert (wie heißen das Bekenntnis und der Bekenner, die Confessio und der Confessor, auf griechisch?). Ist nicht die Confessio das vergeistigte Martyrium (Produkt der Vergeistigung des Leidens im „Opfer“)? Steckt darin nicht der Schlüssel der ganzen Geschichte: im sprachlichen Übergang von der hyle zur materia, von der physis zur natura, vom kosmos zum mundus? Hat hier nicht eine ungeheure sprachlogische Verschiebung stattgefunden (die gleiche Verschiebung die auch der tertullianischen Begründung der lateinischen Fassung der Trinitätslehre zugrunde liegt, wenn er dem hypokeimenon den lateinischen Namen des prosopon beilegt)? In der tertullianischen Übersetzung berühren sich die Logik der Tragödie und die des Kosmos; war dieser Konnex nicht überhaupt erst innerhalb des Christentums möglich? Hier wurde der Kosmos in den hochdramatischen Geschichtsprozeß mit einbezogen. Die Geschichte von den drei Leugnungen sprengt den Autoritätsbann der Kirche, ohne die Kirche selbst zu verwerfen. Sie begründet im Symbol des Hahns ein neues Selbstbewußtsein, sie gibt dem Heiligen Geist Raum. Wer die Schrift insgesamt als Prophetie liest, verändert (berichtigt) damit nicht nur den Sinn der Schrift, sondern auch den der Prophetie. Wenn die Idee des Absoluten der Schatten ist, den das Subjekt auf Gott wirft, berührt sich das nicht mit jener Auslegung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, wonach niemand über seinen eigenen Schatten springen kann? Ist nicht das Verhältnis von Schuldknechtschaft (Lohnarbeit), Tauschprinzip und Privateigentum ein Reflex der Orthogonalität des Raumes und ebenso das Verhältnis von Opfertheologie, Bekenntnislogik und Dogma? Alle drei, das Tauschprinzip, die Form des Raumes und die Bekenntnislogik, sind dem selbst auferlegten Zwang der Instrumentalisierung unterworfen (sie gehören zu den Konnotationen der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“). Ist nicht die Mathematik (das Inertialsystem) die Finsternis über dem Abgrund? Hat nicht im Konflikt zwischen Peter Eicher und seiner Tochter diese „den besseren Teil erwählt“? Die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels: Sind nicht die Vögel akustische Blumen? Und ist nicht das Naturschöne Ausdruck von Wiederholungszwängen: Ausdruck des Seufzens und Harrens der Kreatur? Der Gehorsam ist ein Produkt der Verräumlichung des Hörens und die Sexualmoral ein Produkt der Verdinglichung der Keuschheit (die Zwischenstufe beider war die Logik der Schrift); beide sind Teil einer Beziehung von Theorie und Praxis, die im Verhältnis von Naturwissenschaft und Technik sich erfüllt (und Freiheit nicht kennt). Theologie im Angesicht Gottes erfüllt sich in einer Theologie von Angesicht zu Angesicht (als Reflexion der Scham, nicht als Unterwerfung unter ihr Gesetz: wie im Islam): Sie setzt die Freiheit der Kinder Gottes voraus.
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29.6.1994
Fußball ist als Siegerspiel ein Spiel für Verlierer; sein Haupteffekt scheint die Kompensation nationaler Demütigungen zu sein. Und wenn es in den USA bis heute nicht populär geworden ist, hängt das nicht damit zusammen, daß die USA das einzige Land der Welt sind, das weder ehemaliger Besitzer von Kolonien, noch Opfer der Kolonialherrschaft gewesen ist, noch zu den von der Okkupation oder auch nur der Vorherrschaft der Nazis betroffenen Ländern gehörte?
Daß die Substanz Subjekt ist, ist die genaueste Definition des Neutrum wie der Schlange. Die Substanz ist Subjekt, weil sie von dem Staub Adams sich nährt.
Der Name Adams kommt von adama, Acker. Ist die Sklaverei, die Herrschaft von Menschen über Menschen, nicht zusammen mit der Kapitalisierung von Grund und Boden entstanden, mit der Überführung von Grund und Boden in tauschbares Privateigentum (mit der Schuldknechtschaft)?
Woher kommt der Name der Materie, wer hat wann das griechische hyle so ins Lateinische übersetzt? Kann es sein, daß es sich bei der Übersetzung der griechischen Philosophie ins Lateinische schon um die Übersetzung aus dem philosophischen in einen staatlich und rechtlich definierten Kontext handelte (und gründet darin die sprachlogische Differenz der Begriffe physis/ natura und kosmos/ mundus)? Wer waren die ersten lateinischen Philosophen; war nicht die Stoa, deren systematische Struktur an die Sprachlogik des Römischen Imperiums erinnert, die erste Gestalt der lateinischen Rezeption der Philosophie? Ist der Begriff der Materie ein stoischer Begriff?
Hyle (Holz) ist physei: das Erzeugte; Materie ist auf die Geburt (nicht die Zeugung) bezogen: die Indifferenz der Gebärenden und des Geborenen (natura). Erst die lateinische Materie ist das Träge, das Zugrundeliegende, das rein passive Element.
Die memoria passionis (Metz) greift zu kurz, sie wird zum Grund und Motor des Selbstmitleids, sofern und weil sie
– die Ohnmacht und Passivität des Nachgeborenen nicht auflöst, daran verzweifelt, daß die Liebe auch die Vergangenheit zu erreichen vermag, und deshalb
– die Schulderinnerung ausklammern, verdrängen und projektiv verarbeiten muß.
Hier liegt der logische Grund der opfertheologischen Verarbeitung des Kreuzestodes, der parvus error in principio jeder Leidensmystik. Darauf verweist auf eine nachgerade providentielle Weise der Begriff des Bekenntnisses, der nur über die Reflexion des geschichtlich-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs auf das homologein zurückzuführen ist.
Ist die Umkehr nicht ohnmächtig gegen die Härte des Raumes, in dem jede Umkehr (als Drehung des Raumes in sich selber) in den gleichen Raum zurückführt? Die Form des Raumes ist das Instrument der Vernichtung der Umkehr.
Walter Benjamins Wort, daß im Kleinbürger Teufel und arme Seele nicht mehr sich unterscheiden lassen, wäre heute durch den Hinweis darauf zu ergänzen, daß die historischen Naturkatastrophen dieses Jahrhunderts (der Modernisierungschub des Faschismus) zum Kleinbürger keine Alternative mehr kennt. Teufel und arme Seele zugleich: das ist das immanente telos des transzendentalen Subjekts.
Zum Begriff der Fortpflanzung des Lichts im Raume und zum Begriff der Materie: Steckt nicht im evangelischen Rat der Keuschheit die ganze Kritik der Naturwissenschaften?
Sind nicht die Planeten in der Tat Irrsterne?
Paulus war der erste, der den Naturbegriff in die Schrift und in die Theologie eingeführt hat. Hier spricht er „wie ein Drache“ (Off 1311). -
28.6.1994
Die Erinnerung des Leidens (Metz) ist nur die eine, „objektive“ Seite der Sache (die für sich nur das Selbstmitleid, die fatale Tradition der christlichen Leidensmystik, begründet), das verteidigende, parakletische Denken die andere: ihr Symbol ist die Idee der Auferstehung der Toten (vgl. hierzu die grandiose Stelle in Büchners „Lenz“).
Die Erlösung kommt „wie ein Dieb in der Nacht“: Die Totalität der Nacht (die Finsternis über dem Abgrund) ist das Objekt.
Es genügt nicht zu sagen, daß der Schöpfungsbericht sich auf einen anderen Bereich bezieht als die Naturwissenschaften. Es käme vielmehr darauf an, die Beziehung beider zu bestimmen. Diese Beziehung ist bestimmbar über den Begriff der Umkehr.
Welche und wieviel Siebener-Gruppen gibt es in der Apokalypse, und in welcher Beziehung stehen sie zu einander?
Die Lösung der sieben Siegel: die Peripherie ist das Zentrum, und der Ursprung das Ziel. Die intentio recta ist das Medium des Sündenfalls (der Verstrickung ins richtende Denken).
Ist nicht der Name des Universums der deutlichste Name der Welt, gleichsam die logische Handlungsanweisung zur Konstituierung des Weltbegriffs? Die Logik des Universums, die schon den antiken Kosmologien zugrundeliegt, ist die Logik der Geldwirtschaft (ablesbar an der Geschichte der Banken: hier gründet das Sein, auf das die Hegelsche Logik als ihren Ursprung sich bezieht).
Wer die Substanz zum Subjekt (und die Menschen zu einem Teil der Welt) macht, leugnet die Freiheit der Kinder Gottes und damit den Heiligen Geist.
Ist nicht der Heilige Geist der „Gegenstand“, auf den das Wort vom Binden und Lösen sich bezieht; und gewinnt nicht in diesem Zusammenhang die These, daß die Kirche bis heute nur gebunden, nicht gelöst hat, ihren ungeheuren Sinn? Gehört nicht zum Wort vom Binden und Lösen das apokalyptische Wort vom Lamm, das allein würdig ist, die sieben Siegel des Buches zu lösen; das Wort, das Joh 129 in die Perspektive der Nachfolge rückt?
Die Vorstellung einer absoluten Vergangenheit leugnet Gott. Auch die Toten gehören als dessen Abbild zum Angesicht Gottes. Die Erfindung der Tiefenzeit gehört zu den Voraussetzungen der Vergesellschaftung von Herrschaft.
Sind nicht die sieben Siegel Totalitätsbegriffe, auf die unsere Sprache, unser Bewußtsein und unser Denken versiegelt ist? Dazu gehören die drei kantischen Totalitätsbegriffe: Wissen, Natur und Welt, aber auch schon die griechischen (die projektiven Urbegriffe der Philosophie): die Barbaren und die Materie, insbesondere aber das Sein.
Wie oft und an welchen Stellen kommt der Name der Barbaren in der Schrift vor (wie in 2 Makk und in der Apg, beim Schiffbruch vor Malta)?
Die Drehung des Raumes um jede seiner drei Achsen führt ihn in seine Ursprungsgestalt zurück: deshalb ist die Raumvorstellung der Generator der neutralisierten Dingvorstellung (des Objektbegriffs, der der Urteilsform zugrunde liegt).
Ist die Kritik der Orthogonalität (Kritik der Urteilsform) der Grund der Kritik der Naturbeherrschung? Die Dreidimensionalität des Raumes ist der Grund des Objektbegriffs: Der Objektbegriff ist der Grund, auf dem der babylonische Turm erbaut wurde, und zugleich der Wirbel, der die Sprache verwirrt.
Die Vorstellung, daß die Sprache auf eine außer ihr (und ohne sie) bestehende Wirklichkeit sich bezieht, ist wahr und unwahr zugleich: Sprache konstituiert ebensosehr die Wirklichkeit, wie diese Wirklichkeit zugleich als mächtiger als unsere Sprache sich erweist. Im Kontext dieser (durchs Inertialsystem definierten) Vorstellung ist die Welt alles, was der Fall ist. Die darin begründete Entmächtigung der Sprache ist die Selbstzerstörung ihrer benennenden Kraft.
Die Ablösung der Sprache von der Wirklichkeit ist eine Leistung des Weltbegriffs (der so Sprache und Welt zugleich verändert: der neue „Welt-Katechismus“ der Kirche verdient diesen Namen in der Tat).
Die hebräische Sprache ist keine Ursprache, sondern Ausdruck einer Beziehung zur Sprache (einer gegen die Logik der Schrift sich behauptenden Sprachlogik), die den Keim der Utopie in sich enthält. Sind nicht die sogenannten Quellen der biblischen Texte (J, E, Dt) Ausdruck differierender Sprachlogiken, die erst in ihren wechselseitigen Beziehungen, in ihren Reflexionsbeziehungen, Anteil an der Wahrheit gewinnen? Drückt nicht im Namen des Hebräischen diese gespannte und kritische Beziehung zur Logik der Schrift (der Zwang zur Symbollogik) sich aus?
Kann es sein, daß, was in den „Quellen“ des biblischen Textes nebeneinander sich präsentiert, in der Geschichte des Christentums in eine zeitliche Folge (in die Geschichte der drei Leugnungen) transformiert wurde?
Die Vätertheologie war eine monastische, ein Mönchs-Theologie, Resultat einer Flucht vor der Welt, aus der als einer heidnischen Welt die Christen in der Erwartung ihrer apokalyptischen Umgestaltung in die Glaubensgestalt der Utopie sich zurückgezogen hatten. Der Glaube blieb der Welt ebenso feindlich, wie er gegen sie hilflos war. Nur als Kirche war der Glaube gezwungen, sich in der Welt zu etablieren. Die Welt, in der sie sich vorfand, war die Welt des Römischen Imperiums, mit der sie nach der „Bekehrung“ Konstantins glaubte, sich aussöhnen zu können und zu müssen. Auf dieser Grundlage hat die Theologie in der Scholastik – und der Anstoß dazu kam vom Islam – als kirchen-imperialistische Weltphilosophie sich etabliert (mit dem mönchischen Hintergrund der Bettelorden und der Inquisition).
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