Naturwissenschaft

  • 12.09.93

    Ursprung der Nerven: Im Kontext der Verinnerlichung des Opfers? Nerven bezeichnen die Stellen, an denen es schmerzt, Koinzidenzpunkte von Wahrnehmung und Schmerz (Lokalisierung der Empfindungen). Sind die Nerven nicht erst mit der Entdeckung der Elektrizität (der elektrischen Leitungen) endgültig materialisiert und objektiviert worden? Die Nerven sind ein Reflex und ein Produkt des historischen Objektivationsprozesses.
    Hat nicht das Inertialsystem die Welt in ein System von Logik und Empfindungen verwandelt, liegt hier nicht der Ursprung der Nerven? Sind die Nerven nicht der Inbegriff der Natur (des subjektlosen Subjekts) im Subjekt: Inbegriff des Verdrängten? Die Identifikation mit dem Aggressor, mit der Welt, generiert die Natur im Subjekt: ein Produkt der Geschichte der Veranderung.
    Ist nicht die Sünde der Welt die Sünde der (projektiven) Veranderung, die in der Philosophie an den Begriffen der Barbaren, der Natur und der Materie sich festmachen läßt.
    Projektion und Erkenntnis: Das Modell ihres Zusammenhangs ist der Film (der einen Projektor braucht und eine Projektionsfläche), das ihrer gesellschaftlichen Organisation und Beherrschung das Fernsehen (Kulturindustrie). Ist es eigentlich ein zufälliger Zusammenhang, daß, wenn die Eltern sich das Sehen durchs Fernsehen abnehmen lassen, die Kinder das Hören durchs Dröhnen dessen, was sie für Musik halten, verlernen?
    Liegt Schopenhauers Konzept der „Welt als Wille und Vorstellung“ nicht in der Nähe der christologischen „Sünde der Welt“?
    Ist die Simson-Geschichte nicht eine Kosmogonie mit abschließender Apokalypse?
    Merkwürdig die Astralmythen, zu denen neben der Simson-Geschichte u.a. auch die Gestalt des Henoch (der nach 365 Jahren zu Gott entrückt wurde) und die Esther-Geschichte gehört. Gehört auch die Debora (die „Biene“: die Richterin, die unter Mithilfe der Sterne den Sisera besiegt, auch die Amme Rebekkas und die Ahnfrau des Tobit und des Tobias) dazu?
    Tierkreis und Planetensystem: 12 = 3 * 4, 7 = 3 + 4. Wo taucht die Kombination 12/7 (Jahr/Woche) sonst noch auf? Bei der Brotvermehrung, beim Verhältnis der Apostel zu den Diakonen (der „Hebräer“ zu den „Hellenen“). Wie steht es mit den sieben unreinen Geistern, den sieben Siegeln der Apokalypse u.ä.?
    Den Tierkreis noch einmal genauer ansehen: Welche Zeichen (Waage, Widder, Löwe, Zwillinge, Fische, Jungfrau etc.) und in welcher Reihenfolge, welche Beziehung zu den „Sternbildern“ (z.B. Orion und Plejaden).
    Stehen die Sterne am Himmel und der Sand am Meer nur als Bilder einer nicht mehr zählbaren Menge in Wechselbeziehung? (Und gibt es eine Beziehung dieser Unzählbarkeit zum griechisch-deutschen „eu“?)
    Haben nicht die räumlichen Umkehrmetaphern (wie die Richtungsbeziehungen im Raum generell) etwas mit der Beziehung von Vergangenheit und Zukunft zu tun: im Angesicht und hinter dem Rücken, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Herrschaft und Knechtschaft (der Himmel und die Unterwelt)?
    Zur „erhöhten Schlange“: Im Fluch über die Schlange heißt es, sie solle „auf dem Bauche kriechen“ und „Staub fressen“. Die Schlange ist das Gegenteil zum aufrechten Gang. Und wird man nicht durch Staubfressen zur Schlange?
    Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde. Dann wird die Erde näher bestimmt (tohu wa bohu), während anschließend zwei Objekte genannt werden (der Abgrund, über ihm die Finsternis, und das Wasser, darüber der Geist), deren Ursprung offen bleibt.
    – Ist der Abgrund die unbestimmte, das Wasser die bestimmbare Vergangenheit?
    – Der Himmel, den Gott im Anfang erschuf, wird dann als Name (der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt) genutzt, während
    – die Erde die Pflanzen und dann die Tiere (außer den Fischen und den Vögeln des Himmels, die von Gott geschaffen werden) hervorbringt.
    – Unmittelbar sprachlichen Wesens ist nur das Licht (Er sprach und es ward), während jeweils im Kontext einer Trennung Licht und Finsternis (als Tag und Nacht), die Feste (als Himmel) und dann das Trockene und die sich sammelnden Wasser (als Land und Meer) benannt werden.
    – Die Finsternis, die nach ihrer Scheidung vom Licht Nacht genannt wird, war vorher die Finsternis über dem Abgrund (und wird nicht dieser Abgrund in der vom Mond und den Sternen erhellten Nacht sichtbar?).
    Ist nicht der Abgrund das Grundlose, das in die Vorstellung der homogenen Zeit (und des Inertialsystems) hineinreicht, der Ausschluß der begründenden Kraft der Sprache und der Grund jeglicher Form von Gewalt? Sind nicht Zeit und Raum, die kantischen subjektiven Formen der Anschauung (und ihr orthogonales Beziehungssystem: der Turm und der Phallus), Grund und Generator der Subjektivität insgesamt, Quellpunkte der Begriffe Natur und Welt? Sind nicht beide, Natur und Welt, Emanationen des Abgrunds (die apokalyptischen Tiere aus dem Abgrund: das Tier aus dem Meer und das vom Land)?
    Der Turm (die Verwirrung der Sprache), die Hure (die Unzucht) und der Drache (die Trunkenheit der Herrschaft) sind die Symbole Babels.
    Müßten nicht die Theologen wieder zu Himmelsforschern werden? Wie verhalten sich das Himmelreich und das Gottesreich, die basileia tou ouranou und die basileia tou theou zueinander (vgl. hierzu den divergierenden Sprachgebrauch der Evangelien)? Ist das Himmelreich nicht Besonderheit des Matthäus und das Gottesreich ein Teil der Täufertheologie beim Johannes? Gibt es zum Himmelreich oder zum Gottesreich (abgesehen vom messianischen Reich, von der zukünftigen Welt, vom Tag JHWHs) Belege im AT? Es gibt wohl die Bilder
    – von der Gotteserkenntnis, die die Erde bedecken wird wie die Wasser den Meeresboden,
    – vom Frieden, der die Umwandlung der Waffen (der Schwerter) und den Tierfrieden mit einschließt,
    und vor allem die Negativbilder
    – von Nimrod und der großen Stadt,
    – vom Turm von Babel,
    – vom Sklavenhaus Ägypten,
    – von Amalek (dem ewigen Widersacher JHWHs, zu dem auch der Agagiter Haman gehört).
    Der Turm, das Herabsteigen Gottes und die Verwirrung der Sprache: Hat das etwas mit der Jakobsleiter, mit Jakobs Kampf mit dem Engel und mit dem Namen Israel zu tun?

  • 10.09.93

    Was bedeutet das urchristliche Symbol des ichthys (Jesous Christos Theou Hyios Soter), des Fisches? Ist die Kirche (als Corpus Christi mysticus) der Fisch (der den Jonas verschlungen hat)?
    Ebach: Weltentstehung, S. 157: „Innerhalb der Genealogie der Kulturheroen ist für eine euhemeristisch erklärte Göttin kein Platz. Erfindungen und zivilisatorische Errungenschaften werden in diesem Abschnitt ausschließlich Männern zugeschrieben.“ – Was bedeuten dann die Frauen in der kainitischen Genealogie (die Frauen des Lamech) und die Frauen im Stammbaum Jesu? In der hebräischen Genealogie „nehmen sich“ Abraham und Nahor erstmals Frauen.
    In der Sintflut sind es vor allem die „oberen Wasser“, die die Erde überschwemmen. Hängt das mit dem Ursprung der Astronomie zusammen (vgl. auch Thales und den Ursprung der Philosophie: Alles ist Wasser)?
    Steckt in dem griechisch-deutschen „eu“ (=oi) der griechische bestimmte Artikel pluralis (hoi und der Ursprung des Materiebegriffs, des Welt- und Naturbegriffs)?
    Die Verinnerlichung des Opfers hat ihr gegenständliches Korrelat in der Brutalität, die die reale Außenseite jeder „heilen Welt“ (auch der „Entsühnung der Welt“ durch das opfertheologische Verständnis des Kreuzestodes) ist. Die Verinnerlichung und die Vergöttlichung des Opfers gehören zusammen: Durch die Vergöttlichung des Opfers werden die Opfer des Opfers verdrängt, der Wahrnehmung entzogen. So wird das Opfer selber tabuisiert, es ist nicht mehr kritisierbar. Ist nicht die Trinitätslehre (auch) ein Gottesfurcht-Vermeidungs-Instrument, und wenn sie einmal etwas anderes war, ist sie nicht heute dazu geworden?
    Der Weltbegriff als Haß-Generator.
    Jesus hat nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben: Rührt nicht die Dämonenaustreibung an den Grund der Welt?
    Rückt nicht heute die altorientalische Welt in eine ebenso beängstigende und erschreckende wie auch befreiende Korrespondenz zur Gegenwart?
    Hat nicht die Verdrängung des Chronologie-Problems, die Etablierung der „Tiefenzeit“ in Geologie und Geschichte, u.a. auch die Funktion, sich die ungeheure Engführung des historischen Prozesses in der Vergangenheit und damit das Bewußtsein der korrespondierenden Engführung (in Ökonomie und Physik und in der Theologie) in der Gegenwart vom Leibe zu halten (Desiderat einer Geschichte der Banken)?
    Die „neue Unübersichtlichkeit“, die Habermas beklagt, ist kein bloß theoretisches Problem, sie ist ebensosehr Produkt einer Selbstverblendung, deren Ursprung bei Habermas sich benennen läßt. Und diese Selbstverblendung gehört mit zu jenen Mechanismen, die den gegenwärtigen Problemen in Politik und Gesellschaft (Xenophobie und Rechtsradikalismus) zugrundeliegen: Das geht soweit, daß heute die Mittel, die man zur Lösung der Probleme bereit hält, die Probleme zu verstärken und anzuheizen scheinen (Zusammenhang der dritten Leugnung mit der Selbstverfluchung: hier schürzt sich der logische Knoten des Weltbegriffs).
    Die Zweideutigkeit der Heideggerschen Frage nach dem Sinn von Sein ist nur aufzulösen über die Kritik des Theodizeeproblems (das in der deutschen Heidegger-Rezeption zentral ist). Das Theodizee-Problem ist selber ein Prophetie-Verhinderungs-Problem, das in der Frage nach dem Sinn von Sein seine ganze larmoyante Suggestivkraft entfaltet: Die Zweideutigkeit ist m.a.W. nur aufzulösen im Kontext der Kritik des Weltbegriffs, der Schuldreflexion.
    Die Sinnfrage rührt an den Kernpunkt der Prophetie: an das Problem der Erfüllung des Worts (und der benennenden Kraft der Sprache).
    Ist nicht die Philosophie Heideggers – wie der Faschismus, zu dem sie gehört – ein Versuch der Widerlegung des Satzes, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (ein Versuch, diese Pforten von außen zu schließen, der sich dann zangsläufig im Innern wiederfindet)?
    Im Agnus Dei hat die Kirche das tän hamartian tou kosmou (Joh 129) pluralisiert: notwendige Folge der falschen Übersetzung: der Ersetzung der Auf-sich-Nahme durch die Hinwegnahme?
    Ist das Possessivpronomen 3. Pers. pl. gleich dem Personalpronomen der 2. Per. pl. (sie/ihr)? Und hat das nicht seinen logischen Grund in der Identität des Infinitivs Sein mit dem Possessivpronomen 3. Pers. sing., während es zugleich die Grundlage des deutschen Volskbegriffs ist: der Rückverwandlung des wechselseitigen Herrschaftsverhältnisses in ein reines Schicksalsverhältnis: sprachlicher Grund der Hegelschen Logik?

  • 08.09.93

    Dialektik der Aufklärung: Die Aufklärung (die die Dinge in den blendenden Schein des Lichts der Subjektivität gerückt, nicht die Welt hell gemacht hat) hat unterm Zwang der subjektiven Formen der Anschauung in der Tat einen neuen Mythos produziert.
    Kritik des Schuldverschubsystems (oder Erinnerung an die Idee der Gottesfurcht): Die Unerträglichkeit von Schuldgefühlen kann nicht das Maß für den Gebrauch und die Anwendung des Schuldbegriffs sein.
    Dämonenaustreibung und Sündenvergebung gehören zusammen (Sün-denvergebung ohne Austreibung der Dämonen ist selber dämonisch).
    Physik, Reklame, die Banken und der Tod:
    – Die Reklame verschweigt den Tod. (Adorno/Sonnemann?)
    – Die tote Materie der Physik ist kein empirischer, sondern ein apriorischer Tatbestand.
    – Die Banken reduzieren das Leben auf das des Kapitals (und seine Zeugungskraft). Wer daran nicht teil hat, fällt aus der Welt heraus.
    War der babylonische Turm nicht eine Tempelbank (und sind die Bankentürme heute nicht babylonische Tempel)?
    Hat der moderne Begriff des Lebens (im Leben des Kapitals, seiner organischen Zusammensetzung) etwas mit dem apokalyptischen Tier zu tun? Und ist das nicht aufs genaueste beschrieben in der Staub-Metapher nach dem Sündenfall (wo die Schlange von dem Staub sich nährt, den Adam produziert)?
    Ist nicht der Lebensprozeß der Gesellschaft, dessen Blut durch die Adern der Banken fließt (und der durch die Geld-Souveränität des Staates apriori nationalistisch sich definiert), das Substrat des Marxschen Naturbegriffs, der „Naturgeschichte“ im Gegensatz zur Hegelschen „Weltgeschichte“ (und das Geld das Blut-Korrelat des Hegelschen Weltgeistes)? Der Marxsche Versuch, die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen, mußte mißlingen, nachdem Oben und Unten (wie Rechts und Links) sich nicht mehr unterscheiden ließen. War die Marxsche Theorie nicht ebenso, wie sie als Kapitalismus-Kritik sich verstand, objektiv ein Moment im Modernisierungsprozeß (Instrumentalisierung der Umkehr)?
    Analyse der drei Schuldverschubsysteme: der Theologie, der Physik und der Ökonomie.
    Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen (die Wahrheit der speziellen Relativitätstheorie): Aber der Schatten kann begriffen werden.

  • 07.09.93

    Petrus/Kephas, das ist der unveränderliche, den klimatischen und geologischen Eingriffen trotzende Fels. Aber hängt diese Felsbildung nicht mit der Geschichte der drei Leugnungen (und ihrer Beziehung zur Entstehung des steinernen Herzens der Welt) zusammen?
    Zwei Beziehungen zum Wasser:
    – das Brüten des Geistes über den Wassern,
    – die Trennung des Trockenen vom Feuchten (der Fels).
    Ist nicht die Geschichte der Kirche die Geschichte der gefesselten Schlange?
    Die kurzatmige Kirche: sie hechelt dem Zeitgeist hinterher und hält den Zeitgeist von gestern für die Verkörperung der Tradition.
    Walter Benjamin: Einbahnstraße:
    – Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit mehr in der Gewalt von Fakten als von Überzeugungen. (Tankstelle, S. 7)
    – Überzeugen ist unfruchtbar. (Für Männer, S. 12)
    – Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen. (Kurzwaren, S. 108)
    Was bezeichnen und wodurch unterscheiden sich die Adjektive
    – satanisch,
    – teuflisch und
    – dämonisch?
    Sind sie nicht unterschiedene Kristallisationskerne eines Bedeutungszusammenhangs, konkret der Schatten der Trinitätslehre:
    – teuflisch: die Rückseite oder der Schatten des Vaters (Wut als Schatten des Zorns),
    – satanisch: die Rückseite oder der Schatten des Sohnes (Haß als Schatten der Liebe) und
    – dämonisch: die Rückseite oder der Schatten des Geistes (das Schuldverschubsystem, die Natur)?
    Teuflische Wut und satanischer Haß haben Subjektqualität, während dämonische (verschuldete) Natur als Produkt der Instrumentalisierung beider subjektlos ist. Kommen nicht im NT, das sich vom AT u.a. durch die Dämonenaustreibungen unterscheidet, alle drei vor (von der Versuchung durch den Teufel über das „Weiche von mir Satan“ bis zu den Besessenen)?
    Sind der Weltbegriff und die Bekenntnislogik der Transformator?
    – Teufel: der Verwirrer als Versucher; aber der Versuchung kann man entgehen;
    – Satan: der Ankläger (und der Richter im kurzen Prozeß); Rechtfertigung und Problem der Selbstverteidigung;
    – Dämon: die List, der Zuschauer, die Verblendung (Schuldzusammenhang).
    Dämonisch (Verschuldung durch Instrumentalisierung) ist der Anfang, satanisch (der explodierende Haß) ist die Endstufe des Bösen.
    Instrumentalisierung (Schuld), Wut und Haß: Natur (als Keim und Endprodukt der „säkularisierten“ Theologie), Mensch und Welt („Wenn die Welt euch haßt“). – Der Haß vermehrt sich mit seiner Ausbeutung, und die Schuld vermindert sich mit ihrer Übernahme.
    Zur dämonischen Natur: Gehört dazu nicht das Wort „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, und das Zeichen des Jona (die 120 000, die rechts und links nicht unterscheiden können)?
    Die Hegelsche Philosophie, die sich als ihre Zeit in Gedanken gefaßt versteht, unterscheidet sich von der Prophetie allein durch das Dazwischentreten des Naturbegriffs (die Ablenkung von der Gegenwart). Darin steht sie in der Tradition der Philosophie seit ihrem griechischen Ursprung.
    Noch heute erfüllt die Naturwissenschaft das Legitimationsbedürfnis jeder Wissenschaft.
    Die verschuldete Welt ist das Produkt der „Entsühnung der Welt“: des Mißbrauchs des Kreuzestodes in der christlichen Tradition.
    Der Weltbegriff legitimiert die Instrumentalisierung der Dinge und der christologische Naturbegriff liefert die Verblendung dazu.

  • 06.09.93

    Was wird es dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sein Leben aber einbüßt. (Mt 1626) Ist das nicht ein zentraler Einwand gegen die Theologie? – Man versuche einmal, den Begriff Theologie ins Hebräische zu übersetzen.
    Bei dem Versuch einer Übersetzung ins Deutsche kommt etwas so Entsetzliches heraus wie „Rede von Gott“. Wer genauer in den Begriff der Rede hineinhört, dem müßte das Wort im Halse stecken bleiben: Wissen wir von Gott nur noch vom Hörensagen, war nicht irgendwann einmal die Rede von Gott?
    Atheismus heute: Ist nicht Gott zu einem apriorischen Begriff geworden, zu dem es keinen Gegenstand mehr gibt?
    Zur Geschichte vom Sündenfall: War das Feigenblatt der Mythos, und ist der Rock aus Fellen die Schrift?
    Ist nicht der Baum der Erkenntnis heute endgültig zum fruchtlosen Feigenbaum geworden?
    Die Philosophie hat das Schuldverschubsystem zu einem Instrument der Erkenntnis gemacht. Seine Verankerungspunkte in der Objektivität sind die Begriffe Natur, Materie und Barbaren. Über die Theologie, die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie, wurde das Schuldverschubsystem zugespitzt zum Objektbegriff (dem Korrelat der kantischen subjektiven Formen der Anschauung).
    Der mathematische Raum (die Neutralisierung der Richtungsunterschiede) ist das Instrument der Desorientierung im wörtlichsten Sinne: Unter der Herrschaft des Kausalitätsprinzips (unter den Bedingungen der Instrumentalisierung) ist jegliche teleologische Sicht der Dinge obsolet geworden: Die Welt ist endgültig freigesetzt für subjektive Zwecke, fürs Privateigentum. Außer in der Gestalt der Erinnerung gibt es keine objektiven Ziele mehr: Es gibt keine Hoffnung, außer für die Toten. Objektive Vernunft gibt es nur noch im Kontext der Lehre von der Auferstehung. Ist nicht das Wort von den Pforten der Hölle darauf zu beziehen, daß die Natur nicht siegen wird?
    Die Welt ist der Inbegriff dessen, was seit je gesiegt hat: der Vergangenheit. Grund zur Hoffnung liegt allein noch in der Differenz von Welt und Natur, darin, daß der Bruch im System sich immanent nicht schließen läßt. An diese Hoffnung erinnert das Wort von dem über den Wassern brütenden Geist.
    Das Wasser ist Gegenstand der Festkörperphysik, im Gegensatz zum Gas (zur Luft) ist es nicht durch Komprimierung, sondern nur von außen zu erwärmen. Welcher Druck bringt ein Gas zum Glühen, und welcher Druck entsteht, wenn Wasser verdampft? Wie hängen Erde, Wasser, Luft und Feuer (die sogenannten Aggregatzustände) mit der Struktur des Inertialsystems, mit dem Verhältnis der drei Dimensionen im Raum und ihrer Beziehung zur Zeit, zusammen?
    Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird. (Walter Benjamin: Einbahnstraße) Ist dieser Schrecken nicht das objektive Korrelat des Weltbegriffs?
    Im zweiten Makkabäerbuch kommt (mit dem Begriff Barbaren, 219) auch der Name der Hebräer vor (731, 1113, 1537), in welchem Kontext und mit welcher Bedeutung (vgl. auch den Begriff einer creatio ex nihilo, 728, und die Lehre von der Auferstehung, 1243f)? Handelt es sich hier um eine Zwischenstufe zum Hebräerbrief?
    Ist nicht die Beziehung der Erinnerungsarbeit zur Vergangenheit auch eine des Lichts: Wenn die Objektdecke der Vergangenheit (die mit dem Fortschritt wachsende Herrschaft der Vergangenheit Über die Zukunft: die Logik des Weltbegriffs) durchstoßen wird, antwortet die Vergangenheit, gewinnt sie eine die Gegenwart erleuchtende Aktualität. Liegt hier nicht der Ansatz für eine (prophetische) Neubestimmung des Sechstagewerks, mit den Ausgangspunkten
    – der Finsternis über dem Abgrund und
    – des über den Wassern der Vergangenheit brütenden Geistes?
    Spruch zu einem Graffiti in Walldorf: One day a master race, called graffity artists, made crime to art. – Was ist mit der „master race“ gemeint? (Hoffentlich nicht die alte „Herrenrasse“? Aber würde nicht das „making crime to art“ dazu passen?) An der Stelle des neuen Graffiti stand übrigens vor kurzem noch der xenophobe Spruch: „Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein“.

  • 01.09.93

    Arbeit und Bewahren (Ebach, S. 92ff): Gehören nicht
    – die Arbeit, der Mensch als Diener des Ackers, das Sklavenhaus (Ägypten) und der Gottesknecht und
    – das Bewahren des Paradieses, der Kerub und das kreisende Flammenschwert (Hüter des Eingangs des Paradieses) und die Kerubim, auf denen die Herrlichkeit Gottes thront, Abel (Hüter der Herde) und Kains Frage (bin ich denn der Hüter meines Bruders?), der Sabbat und der Exodus (der Auszug aus dem Sklavenhaus)
    zusammen?
    Der Naturbegriff hat den Trägheitsbegriff als Grund. Deshalb gibt es im Bannkreis der Natur keinen Sabbat.
    Die neutralisierte Welt ist der geronnene, verdinglichte Hass, Produkt der Verdrängung der Seite, die sie den Opfern zuwendet.
    Die Schlange frißt den Staub, den Adam produziert; Nebukadnezar frißt Gras wie die Tiere; aber der Pharao geht unter in den Fluten des Roten Meeres.
    Ägypten und Babylon: das Sklavenhaus, der Turm und die Hure.
    Das Bekenntnis ist die säkularisierte Umkehr.
    Institut des Beaux Arts: Läßt sich das nicht auf doppelte Weise übersetzen: Als Institut der schönen Künste und Institut für die schönen Künste? Das Besitzverhältnis wird mit dem Bestimmungs- und Verfügungsrecht kurzgeschlossen.
    Das Institut des Beaux Arts ist ein Teil des Institut de France: Steht hier das de auch für den Genitivus, den Genitivus subjektivus, während das des für den Genitivus objektivus stehts? Das Institut de France ist das Institut der Nation (oder das Französische Institut, vergleichbar den Deutschen Instituten: und ins Deutsche eigentlich nur adjektivisch übersetzbar). Es gibt nur das (nicht ein) Institut de France. Ist nicht l’etat nur dieser (französische) Staat, ebenso le nation, le grand nation, diese eine Nation?
    Le France ist nicht (wie Great Britain) steigerungsfähig, es gibt nur le grand nation. Sind der Nationbegriff und das Königsinstitut in Frankreich und in England nicht doch sehr genau zu unterscheiden (ebenso wie die Artikulation und die Logik der französischen und englischen Sprache)?
    Das Objekt als Produkt der Inkarnationslehre? Ist nicht die Inkarnationslehre, dieser zentrale Teil der Christologie (und der Trinitätslehre), der historische und logische Grund des Objektbegriffs, die Grundlage für die Verselbständigung des Objektbegriffs und Voraussetzung für den aus der Theologie entsprungenen modernen Subjektbegriff?
    Das Niederknien während der Wandlung (der Transsubstantiation) und die Anbetung der Eucharistie sind das Knien vor dem Objekt und seine Anbetung: Die Objektvorstellung ist Produkt der Verinnerlichung des Opfers. Das vergöttlichte Objekt ist das vergöttlichte Opfer (Ursprung des christologischen Naturbegriffs). Deshalb ist heute die Objektvorstellung selber tabu, sie darf nicht angetastet werden. Der Preis ist das Vorurteil, die Xenophobie und der Antisemitismus.
    Das Inertialsystem ist die Identität des Kreuzes mit den Dornen und Disteln.
    Die Eucharistie, das Fleischessen und die Hierarchie sind die andere Seite des Kelchsymbols. Bezieht sich nicht darauf das Wort: „Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen“ und das andere: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Ihr werdet den Kelch trinken, aber …“
    Vergleiche auch die einschlägigen Stellen (über das Opfer, das Selbst und die zwangshafte Wiederholung des Kreuzesopfers, an dessen Wirkung niemand mehr glaubt) in den „Elementen des Antisemitismus“ in der Dialektik der Aufklärung.
    Ist nicht das kreisende oder das zuckende Flammenschwert sowohl der Blitz als auch das Planetensystem? Und gehören nicht Blitz und Planetensystem zusammen?
    (War ich nicht immer der Philosophie nur hilflos ausgeliefert, sogar wenn ich so unsägliche Darstellungen der Geschichte der Philosophie gelesen habe wie die von Stückl oder von Messner?)
    Die Trennung von Welt und Natur, oder die Urteilslogik und das Herrendenken: der Klassenkampf in unserm Kopf.

  • 25.08.93

    Steckt nicht in der Vorstellung einer „von der Sintflut gereinigten Erde“ (Zenger, S. 169?) das christliche Modell einer entsühnten Welt? Ist dieses Konzept nicht doch in einem verhängnisvollen Sinne opfertheologisch, dem dann der – die Menschen zu bloßen Zuschauern objektivierende und entlastende – „Geschehens“- (und Kosmos-) Begriff entspricht.
    S. 172, Anm. 20: Das Keel-Zitat, wonach die „Vorstellung vom himmlischen Plan für einen irdischen Tempel … warscheinlich aus Mesopotamien ins AT eingedrungen“ sei, stammt aus einer geisteswissenschaftlichen Tradition, nach der sich in der Geschichte Vorstellungsmassen von einem Ort zum andern bewegen, wie feindliche Truppen in eine fremde Stadt in einen Text „eindringen“, blendet das Erfahrungsmoment in solchen Vorstellungen aus und verdrängt es.
    Philosophie als Instrument der Sprachverwirrung: Gilt die Beziehung des Tempelbaus zur Schöpfung (S. 173) nicht generell für die Geschichte der Architektur (die damit eine Beziehung zur Geschichte der Philosophie gerückt wird, die in Heideggers „Haus des Seins“ nachklingt und auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel zurückweist).
    Zum Turmbau von Babel vgl. das Zitat aus dem Emuna-Mythos in der Anm. 26 auf S. 174.
    In welcher Beziehung stehen eigentlich Tempel und Schrift: Steckt nicht in der Geschichte von der Auffindung der Schrift im Tempel (durch Hilkija – 1 Kön 228) mehr als ein nur zufälliger Vorgang? Drückt in dem Auffinden nicht auch etwas von der Beziehung des Autors zum Text sich aus, etwas, was es unmöglich macht, vom Willen oder von der Absicht des Autors zu sprechen? Beschreibt nicht das Auffinden auch einen wesentlichen Aspekt der Produktion des biblischen Textes?
    S 174: „Nach dem Sieg im Götterkampf über die Götter Ägyptens tritt der Schöpfergott Jahwe definitiv seine Weltherrschaft an.“ Wird hier nicht Jahwe mit Zeus, mit dem Reflex des Ursprungs des Patriarchats am mythischen Götterhimmel, verwechselt?
    Ist die Idee von einem „Heiligtum der Weltherrschaft“ bezogen auf den Tempel nicht antisemitisch?
    Das Ganze ist das Unwahre: Die Pforten der Hölle (Mt 1618), die die Kirche nicht überwältigen werden, sind die Pforten des hades, des scheol: der Unterwelt, des Totenreichs, d.h. der Natur.
    Der ungeheure Satz in Num 1333: von dem Land (Kanaan vor der Landnahme), das seine Bewohner frißt („wir sahen dort auch die Riesen“). Sh. hierzu Zenger, S. 176f.
    Haben die Säugetiere (die, anders als die Fische und die Vögel, keine Eier mehr legen) nicht das Meer und den Himmel im eigenen Innern? Und stehen die Wehen nicht in Zusammenhang mit dem Aufruhr der Meere und der Winde?
    Hat nicht Tilman Moser schon in seiner „Gottesvergiftung“ das Selbstbewußtsein eines Skins beschrieben: die Aggresson, die die Vorstellung, angeblickt zu werden, auslöst? Gehört das nicht in den Kontext einer verzweifelt abgewehrten und zugleich festgehaltenen symbiotischen Beziehung, deren Modell das Gerücht über Hitlers Blick aufs deutlichste vor Augen stellt? Hier sitzt das Gefühl, nicht geliebt zu werden, so tief, daß alles, was an die Aufforderung selber zu lieben, erinnert, Aggressionen, Mordlust auslöst: Deshalb der Haß auf die Armen und die Fremden.
    Steckt nicht in jeder Abwehr der Psychoanalyse die Abwehr der Autonomieforderung, die von ihr ausgeht?
    Wer sich ungeliebt fühlt, kennt zur Macht keine Alternative. Deshalb reizt ihn jede Erscheinung von Ohnmacht zur Wut, weil sie ihn an seine eigene erinnert. Jeder andere Ohnmächtige ist ein Konkurrent seines eigenen Liebesverlangens. (Beschreibt dieser Mechanismus nicht aufs genaueste die historische Entfaltung der Raumvorstellung?)
    Ralph Giordanos Vergleich eines Statsanwalts mit einem Ochsenfrosch trifft genau das Aufgeblasene unserer Justiz. Krankt nicht der Rechtsstaat in Deutschland auch noch in ganz anderer Weise daran, daß ihm die eigene Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gelungen ist: Er ist zutiefst pathologisch (empfindlich) geworden, und das im Kontext einer offensichtlich irreversiblen symbiotischen Beziehung zum Staat; er ist zum Verwalter der Staatsgewalt geworden. Daß unser Recht auf dem rechten Auge blind ist, ist kein Gesinnungs-, sondern ein fast nicht mehr zu behebender Systemfehler.
    Nicht die Fähigkeit zur Schuldreflexion, sondern die zur Schamreflexion, die durch den Begriff der Kollektivscham unterbunden worden ist, ist die Grundlage der Herrschaftskritik: der Weltkritik. (Ist nicht das Schicksal der Schamzusammenhang, und nicht der Schuldzusammenhang, des Lebendigen?)
    Krankt Erich Zengers „Gottes Bogen in den Wolken“ nicht daran, daß er an der Trennung der Quellen (J, E, P, Dtr) festhält, anstatt sich auf die Konstellationen einzulassen, die mit dieser Trennung erst sichtbar wird? Beeinträchtigt nicht z.B. die Ausscheidung der Sündenfall-Geschichte, die Verdrängung des Schammotivs, des Baums der Erkenntnis, der Schlange, des Fluchs über die Schlange, Adam und Eva (mit dem Staubmotiv, den Dornen und Disteln, den Wehen) das Verständnis der Sintflut-Geschichte (vgl. z.B. die deutliche Beziehung des Spruchs Noachs über seine Söhne zum Fluch über die Schlange, Adam und Eva)? Wie verhält sich z.B. das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zum Bogen in den Wolken? Welche Stellen scheidet Erich Zenger aus dem Priester-Text aus (z.B. den über den Wassern brütenden Geist Gottes), aus welchen Gründen und mit welchen Folgen?
    Was fehlt:
    – eine Geschichte der Banken,
    – eine Geschichte der Architektur,
    – eine Geschichte der Sprachen,
    – eine politische Geschichte der Liturgie.
    Hat der Satz, daß es zur Prophetie die Haltung des Zuschauers nicht gibt, sondern nur die Alternative: entweder man ist selbst Porphet, oder man ist Objekt der Prophetie (und am Ende wird beides eins), nicht auch die Tendenz, die prophetische Vision, das prophetische Wort endlich wahrzumachen: daß am Ende Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie die Wasser den Meeresboden?
    Daß das Wort sich erfüllt, heißt das nicht auch, daß es endlich die Kraft des Namens (und das homologein sein Objekt) wiedergewinnt.
    Das in Jesus die Schrift sich erfüllt, ist ein prophetisches, kein historisches Wort. Als historisches wäre es ein blasphemisches Wort.
    Der Dekalog ist nicht harmlos: Das vierte Gebot ersetzt die Psychoanalyse, das achte Gebot die kritische Theorie.
    Mit der Philosophie müssen wir auch ihren Mangel begreifen, und hier liegt die ungeheure Bedeutung Heideggers: Er hat den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt (und damit kenntlich) gemacht.
    Wäre nicht die Trias Schöpfung, Offenbarung, Erlösung heute weiterzutreiben in die Trias Schöpfung, Prophetie, Apokalyptik? Das ändert die dynamischen Beziehungen in der Trias, stellt sie auf eine neue Basis. Im Hinblick auf den „Stern der Erlösung“ wäre das daran zu demonstrieren, daß im Falle einer christlichen Rezeption, die noch aussteht, ein affirmativer Gebrauch des Weltbegriffs nicht mehr möglich ist. Die Welt ist in jene apokalyptische Bewegung hereingerissen, die Rosenzweig um jeden Preis draußen vor halten möchte. Aber hier ist zugleich der Verdrängungspunkt der bisherigen christlichen Theologie. Im letzten Teil des Stern der Erlösung würden sich Judentum und Islam als vorapokalyptisch erweisen (und ein Christentum, das zwangshaft versucht, sich auch als vorapokalyptisch zu verstehen, hat damit zwangsläufig beide als „Erbfeinde“).
    Für das vorapokalyptische Christentum, das am affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs erkannt wird, ist die Schöpfungslehre Teil des Herrschaftszusammenhangs, die Offenbarung (als bloße Erkenntnisquelle) Teil des Verblendungszusammenhangs, und die Erlösung (als privater Exkulpationsmechanismus) das Siegel des Schuldzusammenhangs. Zu den Folgen dieses Zusammenhangs gehört es, daß das Subjekt (der Gläubige) in diesem System in einen Trägheits- und Objektstatus gebannt bleibt. Das vorapokalyptische Christentum steht unterm Bann des von ihm selbst hervorgerufenen Inertialsystems.
    Hat das Feuer, das Jesus vom Himmel bringen wollte (und er wollte, es brennte schon), etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zu tun?

  • 24.08.93

    Zu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken: Paßt nicht der Kriegsbogen zum kreisenden Flammenschwert?
    Ein prophetischer Begriff der Erkenntnis kann die Trennung von Natur und Welt nicht akzeptieren, er schließt die Kritik der Geschichte im Sinne einer praeparatio resurrectionis mit ein. Gründet nicht die Trennung von Prophetie und Schöpfungsgeschichte in der durch die Philosophie (und den Staat) vermittelten Trennung von Welt und Natur? Diese Trennung von Welt und Natur oder die Herrschaft des Begriffs und des Rechts ist nur zu kritisieren im Kontext einer Theorie des Namens, des Angesichts und des Feuers. Nicht nur die Prophetie, auch die Schöpfungslehre hat einen Aktualitätskern, der nur durch die Kritik der Trennung von Welt und Geschichte und der zugrundeliegenden Trennung von Natur und Welt wiederzugewinnen ist (Geschichte konstituiert sich durch den Naturbegriff: durch die Leugnung der Auferstehung hindurch); und das Medium dieser Wiedergewinnung ist Erinnerungsarbeit.
    In der Geschichte der drei Leugnungen ist die Magd des Hohepriesters (bei Johannes 1815ff u. 25ff) zugleich die Türhüterin, an der Petrus nur mit Hilfe des „anderen Jüngers“, der „mit dem Hohepriester bekannt war“ vorbei in den Hof hereingekommen ist. Bei Johannes fehlt der Satz von der Selbstverfluchung des Petrus und dem bitterlichen Weinen.
    Zenger, S. 109: Die Flutgeschichte erzählt gerade nicht, „daß und wie der Schöpfergott diesen „Gewaltbazillus“, der die Erde vergiftet hat, durch die Flut aus der Erde herausspült“, sondern dieser „Gewaltbazillus“ ist ein Systemteil der Flut, und seitdem ist die Erde damit vergiftet (hier ist alles Fleisch erst zu Fleisch geworden, auch im paulinischen Sinne: erst hier ändern sich auch die Tiere).
    Daß „die Wassertiere … in 721 verständlicherweise (fehlen)“ (S. 110), hat nicht nur den empirischen Grund, daß sie halt im Wasser leben, sondern verweist auch auf die „großen Meerestiere“ des fünften Tages, die, wie Himmel und Erde und wie der Mensch, unmittelbar von Gott erschaffen sind, und nicht nur die Sinflut überleben, sondern diese Katastrophe gleichsam antizipieren (vgl. die merkwürdige Beziehung der großen Meerestiere zur Philosophie und zum Staat: als Weltsymbole?).
    S. 111: „am Neujahrstag sind die Wasser von der Erde verschwunden“. Hat das (und die Sintflut insgesamt) etwas mit dem Wechsel vom Mond- zum Sonnenjahr zu tun? – Vgl. hierzu die Anm. 27.
    S. 117: Bezieht sich der Schrecken auf den Tieren in Gen 92 außer auf den Gottesschrecken bei der Landnahme (Josue) nicht auch auf den Schrecken Isaaks, und gehört nicht auch der „Schrecken um und um“ in diese Reihe? Und steht das Ganze nicht im Zusammenhang mit der Geschichte des Opfers als Vorgeschichte des Weltbegriffs? Ist nicht die Welt das subjektlose Subjekt dieses Schreckens (das subjektlose Subjekt einer Erkenntnis, deren Subjekt-Objekt der tiefste Grund dieses Schreckens, nämlich das Anderssein ist)?
    Verführung und Weltbegriff (et ne nos inducas in tantationem, sed libera nos a malo): Subjekt des Weltbegriffs sind die Menschen, aber davon werden sie durch den Weltbegriff zugleich entlastet: das ist die Sünde der Welt.
    Verstellt nicht auch in der Sintflutgeschichte das Chronologie-Problem den Blick auf ihre reale (und aktuelle) Bedeutung?
    Verweist nicht die Vorgeschichte (mit den Göttersöhnen und den Menschentöchtern und den Riesen der Vorzeit) aufs deutlichste auf die Zeus- und Heroen-Geschichten des griechischen Mythos?
    Ist nicht die Taufe (durch ihre Beziehung zur Sintflut) ein Symbol der Erinnerungsarbeit?
    Ist nicht „die Seite“ in der Schrift immer die linke Seite (von der Erschaffung Evas bis zum Lanzenstich am Kreuz)?
    Wie hängen die beiden – nach meinem Eindruck sehr katholischen -Wendungen im Verhältnis insbesondere zum Alten Testament zusammen:
    – das „Heute wissen wir, daß …“, mit dem störende Konnotationen beiseite geschafft, verdrängt werden, aber auch wenn eine Stelle dem Stand der naturwissenschaftlichen oder der historisch-kritischen Erkenntnis nicht mehr entspricht, und
    – die projektiv dem biblischen Autor unterstellte Absicht, die Behauptung zu wissen, was der biblische Autor an einer Stelle gemeint hat (insbesondere, wenn diese „Meinung des Autors“ mit dem Wortlaut des Textes nicht übereinstimmt)? Wäre hier nicht zu prüfen, ob die Vorstellung von der biblischen Autorschaft nicht in der Tat sehr projektive Züge trägt, und bestimmt ist vom eigenen Verfahren: vom Abschreiben aus Büchern in Zettelkästen und aus Zettelkästen in neue Bücher. Verkennt diese Vorstellung nicht doch zentral den realen Prozeß der literarischen Produktion in einer Welt, in der es noch keine Sekundärliteratur (die alle Quellentheorien gerne in die Texte hineinschmuggeln möchten) gibt?
    War nicht in der alten Welt das Verhältnis zur Sprache (bis hin zum Logos-Begriff des Johannes-Evangeliums) ein wesentlich anderes als unser heutiges, durch Rechtfertigungszwänge sowie durch Mathematik und Ökonomie zerstörtes und verwirrtes Verhältnis? Und ist nicht ein zentrales Moment der „Schrift“ Sprachreflexion?
    So wie zwischen dem „Stern der Erlösung“ und uns Auschwitz steht, so steht zwischen der Schrift und uns die zweitausendjährige Geschichte des Christentums, die in Auschwitz endet. Hier gründet die erschreckende und beklemmende Aktualität der Schrift.
    Nochmal zur Stelle: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, die Jesus dann selbst, so als sei es nur eine rhetorische Frage gewesen, beantwortet: Ihr werdet den Kelch trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten oder Linken habe nicht ich zu vergeben, sondern der Vater. – Nirgend kommt die Mittler-Rolle dramatischer zum Ausdruck als hier.
    Ist nicht die Geschichte der Dogmatisierung eine Geschichte der Subjektivierung (als welche sie zur Vorgeschichte der subjektiven Formen der Anschauung, ihrer Trennung vom Licht, gehört)? Und ist sie nicht (wie die subjektiven Formen der Anschauung) über den Weltbegriff herrschaftsgeschichtlich strukturiert (Verdrängung und Verachtung der Armen und der Fremden)? Bezeichnen nicht Gott, die Armen und die Fremden die andere Seite der Geschichte der Subjektivierung?
    Ist nicht das Feuer die Vermittlung zwischen dem Inertialsystem und dem Licht, und das Plancksche Strahlungsgesetz (zusammen mit der speziellen Relativitätstheorie Einsteins) der innerphysikalische Ausdruck dieser Vermittlung?

  • 22.08.93

    Ist der Personbegriff nicht ein Reflexionsbegriff der neutralisierten Welt (er bezeichnet den Schauspieler im Drama und das rechtlich schuldfähige Subjekt).
    Die sieben Siegel: Taufe, Firmung, Buße, Eucharistie, Priesterweihe, Ehe und Salbung.
    Wer den Faschismus nur unter dem Aspekt der Schuldfrage reflektiert, verfehlt ihn. Zu Auschwitz gibt es kein objektives Verhältnis mehr; das Besondere an Auschwitz ist die nicht mehr abweisbare Einsicht, daß man auch durch Nichthandeln (auch durch die Distanz des „historischen Betrachters“) schuldig wird. Mit Auschwitz enthüllt sich Objektivität insgesamt als Schuldzusammenhang.
    Grund des Weltbegriffs: Der Raum ist ein sich-selbst-tragendes Konstrukt (das reine Sich-Fortzeugen); er scheint nur hingenommen werden zu können und jeder Begründung und Reflexion sich zu entziehen. Die Konsequenzen allerdings sind unabsehbar.
    Die scheinbar so einfache und klare Struktur des Raumes ist in Wahrheit ein Produkt der Zerwirbelung der raummetaphorischen Elemente der Sprache:
    – im Angesicht und hinter dem Rücken,
    – rechts und links (Gerechtigkeit und Barmherzigkeit),
    – oben und unten (Herr und Knecht).
    Dies ist der Knoten, den Alexander als Erbe der Philosophie und Begründer des Cäsarismus, nur durchschlagen hat, während es darauf ankäme, ihn zu lösen.
    Hat nicht die Entdeckung des Winkels, der Orthogonalität, jene Seitenansicht der Dinge erst eröffnet und begründet, die dann die Begründung der Philosophie und die Konstituierung des Weltbegriffs (die Trennung des Natur- und Weltbegriffs) ermöglichte? Die ganze nachfolgende Geschichte, einschließlich des Ursprungs und der Ausbildung des Dogmas im Christentum, steht unter diesem Vorzeichen und war so die Voraussetzung für den europäischen Objektivations- und Säkularisationsprozeß. In diesem Prozeß ist die Seitenansicht dann zur Totalen geworden: zum Inertialsystem (der Verkörperung des Jeremias-Wortes vom „Grauen um und um“).
    Vgl. die schöne Stelle in Büchners „Lenz“: Sehen Sie, Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten.
    Die Verführung des Feminismus: Wenn der Faschismus eine aus der Logik des Patriarchats erwachsene Erscheinung ist, dann ist der Feminismus gleichsam apriori exkulpiert. – Die große Bedeutung des Feminismus liegt darin, daß sie die politische Dimension des Sexismus wiederentdeckt hat.
    Gibt es eigentlich zum Schuldzusammenhang (und zum Rechtfertigungs- und Exkulpierungszwang) keine Alternative mehr?
    Die Unfähigkeit zur Schuldreflexion, die einhergeht mit der Unfähigkeit zur Sprachreflexion, reproduziert den Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, in dem sie gründet.
    Die technische Adaption der kritischen Theorie subsumiert sie unter Rechtfertigungs- und Alibizwänge.
    Die Kritik der Postmoderne, die Kritik Drewermanns und auch die Kritik Edith Steins trifft zwar den Sachverhalt, verdrängt aber zugleich das Problem und verfällt deshalb der Bekenntnislogik, der Vorstellung, das Bekenntnis zur richtigen Anschauung würde schon etwas ändern.
    Man muß sich klarmachen, daß das Inertialsystem das Referenzsystem aller physikalischen Erscheinungen, Begriffe und Gesetze ist, mit zwei Grenzfällen:
    – der speziellen Relativitätstheorie und
    – den Statistik-Gesetzen, insbesondere dem Planckschen Strahlungsgesetz.
    In beiden wird die Selbstreferenz und das Problem der Vermittlung im System als Gesetzeszusammenhang zu einem Teil des Systems. Die „empirischen“ Konstanten (der Wert der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Wirkungsquantum) sind selber auch Knotenpunkte des Systems. Hier liegt der objektive, in der Physik selber verankerte Grund einer Theorie des Feuers.
    (Sind nicht die Banken die black boxes der Ökonomie?)
    Sind die drei großen und die zwölf kleinen Propheten Reflexgestalten der Patriarchen und der zwölf Söhne Israels?

  • 19.08.93

    Es läßt sich stringent aus der Logik des Weltbegriffs (der verandernden Gewalt dieser Logik) herleiten, wenn die Deutschen sich als Opfer des gleichen Schicksals begreifen, dessen Urheber sie doch zugleich sind.
    Hat die Geschichte mit Noe und seinen Söhnen, die in der Verfluchung Kanaans endet, etwas mit der Geschichte vom Sündenfall zu tun? Und zu Japhet heißt es:
    Raum schaffe Gott dem Japhet, daß er wohne in den Zelten Sems, Kanaan aber sei ihm Knecht! (Gen 927)
    Übrigens: Paulus war ein Zeltmacher!
    Ist nicht Mizrajim ein Sohn Hams, und Heth ein Sohn Japhets?
    Ist nicht das Licht ein Einspruch gegen die Vergangenheit (gegen die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit)?
    Wie wird das Himmelblau erklärt? Und wäre die Frage, warum es nachts dunkel ist, nicht zu ergänzen durch die andere: Warum das Himmelblau am Tage die Grenze des Sichtbaren anzeigt (und wo liegt diese Grenze)?
    Sind nicht das Feuer und das Angesicht die Antipoden des Lichts?
    Die Entfaltung einer philosophischen Sprachlogik ist ohne eine Theorie des Feuers nicht mehr möglich.
    Zu der Vorstellung, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels wiederkehren wird: Führt nicht auch hier das naturwissenschaftliche bestimmte Bild der Wolken in die Irre? Und ist dahinter nicht die metaphorische Bedeutung der Wolken (die in der „Wolke der Zeugen“ – Hebr 121 – anklingt) verdrängt und untergegangen?
    Daß der Menschensohn bei seiner Wiederkunft in den Wolken erscheinen wird, verweist das nicht, ebenso die Wolke der Zeugen im Hebräerbrief, zurück auf den Noe-Bund (auf den Bogen in den Wolken, vgl. Erich Zenger)?
    Als Athalya Brenner auf die diffamatorische Nebenwirkung des prophetischen Gebrauchs der Worte Hure, Unzucht u.ä., auf die Nutzung der Frauen als Projektionsfolie für Verfehlungen des Volkes Israel, aufmerksam machte, hat sie zugleich auf eine logische Beziehung zur durchaus vergleichbaren Gebrauch des Namens der Juden im Neuen Testament und dann im christlichen Antijudaismus hingewiesen. Liegt hier nicht der Nachweis für den strukturellen Zusammenhang von Antisemitismus und Frauenfeindschaft (sowie Antisemitismus und Sexualmoral)? Gehört zur Entschärfung des Vorurteils nicht auch die Erkenntnis des Zusammenhangs der Form des Symbols mit seinem projektiven Inhalt? Wird nicht beidemale, mit der Unzucht bei den Propheten und mit den Juden im Johannes-Evangelium, eindeutig Herrschaftskritik gemeint, die projektive Züge erst dann annimmt, wenn die Worte aus ihrem wirklichen Kontext herausgelöst und (im augustinischen Sinne) „ad litteram“ gebraucht werden?
    Liegt hier nicht die Lösung des Problems der Beziehung von Symbol, Name, Instrumentalisierung, Begriff, Schuld, Herrschaft, Verdinglichung: nämlich im Zusammenhang einer Theorie des Feuers? Bezeichnet nicht das Feuer die Grenze zwischen Reflexion und Verdrängung: zwischen Begriff und Name? Indem ich das Verdrängte durch Reflexion verbrenne, lösche ich die Fluten der Sintflut? Hängen Wasser und Feuer nicht so im Namen des Himmels zusammen?
    Wasser und Feuer, Schwert und Kelch: Verweist nicht die Verwandlung von Wasser in Wein beim ersten Wudner in Kana auf diesen Zusammenhang (vgl. hierzu das johanneische Komma: Drei nämlich sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist und das Wasser und das Blut, und diese drei gehen auf eins. – 1 Joh 57)?
    Der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, ist als empirischer Satz, der die mythische Ära beendet und das philosophische Zeitalter eröffnet, zugleich ein prophetischer Satz: Hilft er nicht zum Verständnis des Wunders von Kana? Zum Satz Jesu: Ich werde von jetzt an von diesem Gewächs des Weinstocks nicht trinken bis zu jenem Tage, wo ich es mit euch neu trinken werde im Reiche meines Vaters (Mt 2629): Ist nicht der Taumelbecher und der Kelch des Zorns Produkt der Instrumentalisierung („der trinkt sich das Gericht“)? Beschwert sich nicht der Küchenmeister in Kana, daß andere Gastgeber den guten Wein am Anfang bringen, warum hier am Ende (sh. auch das „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, und den Hinweis Marias an die Diener: „Was er euch sagt, das tut“; und es waren die Reinigungskrüge, die sie dann mit Wasser füllen sollten)?
    Zu Jutta Voß: In ihrer Geschichte vom heiligen Franziskus würde ich auch die Partei des Lammes ergreifen.
    Theologie nach Auschwitz kann sich nicht darauf berufen, daß auch in Auschwitz gebetet wurde: Zwischen diesen Gebeten und uns steht Auschwitz. Und es wurde sicherlich auch geflucht. Theologie nach Auschwitz ist notwendig, weil anders die Opfer von Auschwitz nochmal verraten werden (eine andere Frage ist es, ob sie noch möglich ist). Aus dieser Formulierung ergeben sich Konsequenzen, wie diese Theologie beschaffen sein müßte.
    Die Corpus-Christi-mysticum-Lehre scheint irgendwann nach dem Kriege aus dem Bewußtsein der Kirche (und der Theologie) entschwunden zu sein, möglicherweise im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil? Kann es sein, daß sie genau zu dem Zeitpunkt „vergessen“ wurde, als man sie von der Erinnerung an Auschwitz nicht mehr trennen konnte (Auschwitz als Folge des durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes initiierten Wiederholungszwangs)? Steht die Theologie nicht heute unter dem Symbol: Abgestiegen zur Unterwelt (zur Hölle)?
    Die Wahrheit hat einen Zeitkern, und kann es nicht sein, daß dieser Zeitkern die Positionen des Glaubensbekenntnisses durchwandert?
    Kritik der reinen Vernunft, S. 508: Ein Hinweis auf die Unterscheidung der dynamischen von den mathematischen Grundsätzen des reinen Verstandes (auf Genesis und Bedeutung des Welt- und Naturbegriffs).

  • 18.08.93

    Nur Gott blickt ins Herz der Menschen: Nur so (nicht unmittelbar: Gott ist kein Historiker) nimmt er Welt und Geschichte und den Stand der Dinge wahr, die Distanz zur Erlösung. Das göttliche Urteil über einen jeden (und dessen Aufzeichnung im „Buch des Lebens“) ist nicht ein Urteil, das Gott über uns fällt, sondern die uns zugewandte Seite des göttlichen Blicks (sein Angesicht), die sich uns allein in dem Versuch, die Gegenwart zu begreifen und zu bestehen, zuwendet: Heute, wenn ihr seine Stimme hört.
    Der Name des Logos verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn man Joh 129 mit „hinwegnehmen“ (anstatt „auf sich nehmen“) übersetzt. Das Hinwegnehmen sanktioniert das Herrendenken und vermehrt die Last, während allein das Auf-sich-Nehmen von der Last befreit.
    Mt 1128ff: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
    Wer die sogenannten Rache-Psalmen Rache-Psalmen nennt, fühlt sich getroffen.
    Wer die Geschichte der Naturwissenschaften nur als eine Geschichte des Erkenntnisfortschritts in einer Welt, die durch die Naturwissenschaften nur erkannt wird, versteht, entzieht der Kritik der politischen Ökonomie den Boden. In diesem Kontext gäbe es zu dem als gesellschaftliche Natur- und Herrschaftswissenschaft verstandenen Marxismus keine Alternative.
    Hat nicht der faschistische Modernisierungsschub insbesondere dem Bekenntnis-Nationalismus, dem Bekenntnisstreit generell, den Boden entzogen mit der Folge, daß es ihn in Deutschland eigentlich nicht mehr gibt. Gewalt ist nicht mehr rechtfertigungsfähig (und Begründungen nehmen immer mehr den Charakter der bloßen Rechtfertigung an), sie ist so nackt, brutal und obszön geworden, wie sie im Kontext der Xenophobie heute dann auch tatsächlich sich darstellt. Die weitere Folge ist, daß die Konfessionen in Deutschland immer deutlicher als konkurrierende Religions-Kartelle begriffen werden, und daß niemand mehr von ihnen erwartet, sie könnten noch einmal die Erfahrung der Welt aufschlüsseln, sie auf die Idee des seligen Lebens hin durchsichtig machen. Die Religionen sind zu einem Teil des Systems der freien Marktwirtschaft geworden, zu dem es keine Alternative mehr gibt. Karl-Heinz Haag hat es einmal in einer Vorlesung zur Religionsphilosophie auf den Punkt gebracht: Nachdem die harten wirtschaftlichen Fakten die Realität bestimmen, hat die Religion ihre raison d’etre verloren.
    Mit der Auflösung und endgültigen Neutralisierung des Bekenntnisprinzips haben die Religionen ihre identitätsstiftende Funktion verloren. Das ist zuerst in der Existenzphilosophie bewußtlos wahrgenommen worden. Nur in der Provinz: In Nordirland, in Jugoslawien, im Baskenland, in Bayern und im Münsterland gibt es noch verwesende und vergiftete Reste der Bekenntnisidentität.
    Liegt nicht das Problem des Weltbegriffs in dem Unvermögen, auch die Vergangenheit ins Reine zu bringen?
    „Wenn du nun deine Opfergabe zum Altar bringst und dort eingedenk wirst, daß dein Bruder etwas wider dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bringe deine Gabe dar.“ (Mt 523f) Entspricht das nicht dem „Nimm die Sünde auf dich und dann opfere sie“?
    Im Inertialsystem ist das Hören und Sehen vergangen: Es ist die nicht mehr aufzulösende (gegen jede Versöhnung sich sperrende) Erinnerung, „daß dein Bruder etwas gegen dich hat“.
    Der Weltbegriff ist das Ergebnis des nur durchschlagenen, nicht gelösten Knotens. Er begründet und exkulpiert das Herrendenken (die Leugnung der Schöpfung), während gleichzeitig der ihm korrespondierende Naturbegriff die Knechtschaft verewigt (und die Auferstehung leugnet).

  • 15.08.93

    Eine Theologie, die die Schöpfung der Welt zusammen mit der Entsühnung der Welt enthält, lastet apriori die Politik Gott an und exkulpiert sie zugleich.
    „Die deuteronomistische Geschichtsschreibung … entstellt für unsere Begriffe den Gang der Geschehnisse, indem sie die politischen oder militärischen Fähigkeiten und Erfolge der einzelnen Herrscher verschweigt oder ungebührlich in den Hintergrund treten läßt. … Über solchen zeitbedingten Einseitigkeiten sollte man aber das Verdienst dieses Werkes nicht übersehen.“ (Klaus Koch, S. 72f) Ich glaube, deutlicher kann man das (tendentiell antisemitische) Mißverständnis der Schrift nicht beschreiben.
    Philosophie, Naturwissenschaft und Gedankenflucht: Drückt nicht der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, schon eine erste Angstfigur als Ursprung der Gedankenflucht aus, die dann erst (über die Astronomie) an der Mathematik, am Begriff und an der Logik (schließlich am Denken des Denkens) als Philosophie einen ersten Halt gefunden hat. Mit dem Weltbegriff hat diese Gedankenflucht dann Eingang in die Theologie gefunden. Im Kern der Naturwissenschaften: im Inertialsystem, ist die Gedankenflucht, deren Geschichte die der Philosophie ist, auf ihren Ursprung gestoßen: auf den neutralisierten Inbegriff des Schreckens, der seitdem die ganze Welt überzieht (ist nicht die Vorstellung des leeren Raumes und die einer unendlichen Zeit das unmittelbare Resultat dieser Gedankenflucht?). Sind nicht alle Gedanken Produkt von Gedankenflucht, deren Ursache erst behoben sein wird, wenn „die Schrift erfüllt ist“: wenn Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie das Wasser den Meeresboden. Nur die Umkehr begründet die Geistesgegenwart: nur sie vermag der Gedankenflucht, die wir Denken nennen, Einhalt zu gebieten, aber diese Umkehr wäre eine siebenfache.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie