Naturwissenschaft

  • 21.04.93

    Nach Günther Anders haben Nacktheit und „das Gesicht verlieren“ etwas gemeinsam: Wenn Gesichter nackt werden, verwandeln sie sich in einen bloßen „Körperteil …, dessen nacktes und unkontrolliertes Aussehen das von Schulter oder Gesäß an Ebenbildlichkeit um nichts mehr übertrifft“ (S. 86).
    Sind Fälschungen (z.B. im Mittelalter) nicht Begleitphänomene der Instrumentalisierung: Hier kommt es nicht mehr darauf an, ob es stimmt, was behauptet wird, sondern primär darauf, welchen Zwecken es dient. Der Nominalismus sanktioniert die Bindung der Wahrheit an Zwecke. Das Tabu, auch Produkt einer „Fälschung“, ist eine gesellschaftlich instrumentalisierte Schamgrenze: Wie hängen die Fälschungen im Mittelalter mit den „religiösen Bewegungen“ des Mittelalters zusammen? M.a.W. handelt es sich überhaupt um „Fälschungen“, können es nicht auch Begleitphänomene kollektiver, herrschaftsgeschichtlicher Verdrängungen, wie die nachfolgende Geschichte der Hexenverfolgungen und des Antisemitismus, sein? Waren in der Ursprungsgeschichte des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ die Legitimationsbedürfnisse anders zu befriedigen? Welche Legitimationsbedürfnisse werden heute z.B. durch das Konzept der „Tiefenzeit“ befriedigt? Muß man nicht den moralischen Ton aus dem Begriff der Fälschung herausnehmen?
    Die Verwandlung der Anschauungs- in die analytische Geometrie ist der Beginn der Totalisierung und Vergesellschaftung von Herrschaft.
    Zur Geschichte des Ursprungs der Raumvorstellung, Raum und Scham: Die Raumvorstellung entspringt mit dem „und da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, m.a.W. sie ist ohne Scham nicht zu haben. Jeglicher Mythos beruht auf der Unfähigkeit zur Reflexion der Scham, auf der Verdrängung der Scham.
    Die kausale Verknüpfung von Sünde und Schuld ist auch ein Mittel der Exkulpierung durch Verdrängung, insbesondere wenn in die Definition der Sünde die Vorstellung mit hereingenommen wird, man könne sich durch Nichthandeln von der Sünde freihalten.
    Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae: Dieser Geist konstituiert sich in der Kritik des kopernikanischen Systems. Denn erst das kopernikanische System hat das Antlitz der Erde zerstört und jede Erinnerung daran verdrängt. Das Angesicht und die Umkehr haben nicht nur subjektive, sondern auch objektive Bedeutung; die Richtungen im Raum (vorn und hinten, rechts und links, oben und unten) sind nicht nur auf den menschlichen Leib bezogen, sondern haben mit den Himmelsrichtungen, dem Himmel und der Scheol zu tun.
    Das Licht ist das erste durchs Wort Erschaffene: Die Finsternis über dem Abgrund bezieht sich auf den Abgrund der Sprache, in dem die Sprache sich nicht wiederfindet, und die Finsternis drückt genau diese Ohnmacht der Sprache aus, die erst mit der Erschaffung des Lichts aufgehoben wird: Auch die Finsternis bestimmt sich aus ihrem Verhältnis zum Licht.
    Die subjektiven Anschauungen bei Kant sind Produkt der Abstraktion vom Gesehenwerden, etwas, wohinter das Subjekt sich vor den Dingen versteckt. Und es ist genau diese Abstraktion, die als Begriff der Welt dann sich konstituiert. In der Welt darf man alles, sich nur nicht erwischen lassen.
    Franz Rosenzweig spricht einmal von der verandernden Kraft des Seins: das Produkt dieser verandernden Kraft des Seins ist die Welt.
    Das Objekt verhält sich zu den Formen der Anschauung wie das Subjekt zum Prädikat im Urteil. Über die Formen der Anschauung wird das Prädikat zum Begriff subjektiviert, wird die Subjektivität in die Objektivität so tief eingesenkt, daß sie fast nicht mehr davon zu unterscheiden ist.
    Ist nicht die Vereinigungsmystik der Unzuchtsaspekt dieser Vermischung von Subjektivität und Objektivität, mit verschiedenen Phasen und Aspekten dieser Unzuchtsgeschichte (Ursprung des Patriarchats: Materiebegriff, griechische Päderastie: noesis noeseos, Rousseaus Inzest: Zurück zur Natur, faschistische Homosexualität: Judenmord, postmoderne Abstreibungsdebatte: Ende der Theologie – Entschlüsselung des evangelischen Rates der Keuschheit)? Die Raumschlinge wird immer enger (die ungeheure metaphorische Bedeutung der Stammheimer Selbstmorddiskussion und der Isolationshaft im Kontext des Problems der Instrumentalisierung des Opfers).
    Ist nicht die Schrift nur verständlich, wenn die Ontologie als prima philosophia ersetzt wird durch die Ethik? Wenn Emanuel Levinas die Ethik als prima philosophia gleichsam als kantische verdammte Pflicht und Schuldigkeit faßt, als Geiselhaft im Angesicht des andern, so steht er noch unterm Bann des postmodernen Primats des Andern. Die Unterscheidung zwischen dem Andern und dem Fremden läßt in der „Geiselhaft“ das Moment der Befreiung aufleuchten. Die französische Postmoderne erinnert nicht zufällig (schon seit Sartre) an Fichte: Das/der Andere ist das Fichtesche Nicht-Ich, es bleibt im System; erst der Name des Fremden sprengt das System.
    Sodom, Jericho und Gibea genau vergleichen: Wer sind die Fremden, wer die Aufnehmenden (wer wird gerettet?), wer die Gewalttätigen (nur in Jericho ist es der König?); welche Rolle spielen die Frauen in diesen Geschichten? Wie enden die Geschichten? Beziehungen zum Stammbaum Jesu (Rahab und Ruth, auch Bethlehem)?
    Hat das Relativitätsprinzip genetisch etwas mit der Entdeckung der Perspektive in der Malerei zu tun, auch mit der Entdeckung des Porträts (nach dem Modell der Totenmaske)? Hinterm Porträt tauchte dann schon bald der Totenkopf auf, eine Entdeckung des Barock, aber seine Vorgeschichte liegt im Reliquienkult. Das Porträt war ein Symbol des aufsteigenden Bürgertums, der Totenkopf das des Absolutismus.
    Bemerkungen zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Zusammenhang der Struktur des Inertialsystems mit der der indogermanischen Sprachen. Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird ein empirisches Moment zu einem Strukturelement des Systems. Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man das strukturelle Moment in der Sache festhalten könnte, aber das empirische Moment daran, der Wert der Lichtgeschwindigkeit, variabel wäre? Wäre es nicht denkbar, daß dieser Wert gekoppelt ist mit der Gravitationskonstanten (oder der Gravitationsbeschleunigung)?
    Erinnern nicht die metaphorischen Elemente der Sprache an die „Sprache als Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung“? Ist nicht das Licht (auch die Schwere, das Spitze, das Stumpfe) ein sprachlicher Sachverhalt, bevor er ein empirischer ist?
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt (Kritik des Dogmas und Metaphorik).
    Wie kann man gegen die Abtreibung, aber gleichzeitig für die Genforschung sein?

  • 15.04.93

    Der interessanteste und der entscheidende Teil der kantischen Kategorientafel ist der dritte. Der erste und zweite Teil definieren die Brille, durch die hindurch der dritte gesehen wird, während der vierte dieser Brille die objektive Realität verschafft. Das Entscheidende ist das Moment der Gefangenschaft im System (der Isolationshaft), das dadurch zustande kommt, daß, wohin man sich auch wendet, man keinen Ausweg findet; der Ausweg ist versperrt durch das Prinzip der Reversibilität der Richtungen im Raum. Diesem Prinzip der Reversibilität verdankt sich die Struktur der homogenen Zeit: Die Reversibilität ist der Ausdruck der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Die Geschichte vom Hasen und Igel drückt das aufs genaueste aus.
    Was ist das Neue beim Noe:
    – die Sintflut mit der Verheißung, daß sie nicht noch einmal kommen wird und mit dem Bogen als Bestätigung;
    – das neue Essensgebot: mit der Erlaubnis des Fleischessens (das das Töten von Tieren mit einschließt);
    – der Weinanbau: Noe ist der Erfinder des Weinanbaus und der erste Trunkene;
    – Sem, Ham und Jafet, das Aufdecken der Blöße und der Ursprung der Knechtschaft.
    Haben Sem und Jafet etwas mit der Unterscheidung der semitischen und indogermanischen Sprache zu tun? Ham (zu dessen Söhnen Kanaan gehört) ist der Vater des Knechts beider. Was bedeuten die Namen Sem, Ham und Jafet?
    Luther hat „dem Volk aufs Maul geschaut“: Hat seine Bibel-Übersetzung die Schrift dem Volk nur mundgerecht gemacht? Liegt nicht die Erinnerung an die Doppelbedeutung des Gerichts nahe?
    Hängen die Prä- und Suffixe mit dem Nominalisierungsprozeß der Verben zusammen? Während die Suffixe in der Regel den Nominalisierungsprozeß abschließen, besiegeln, nehmen die Präfixe die Präpositionen in das Verb mit herein, ordnen damit die Verben den Deklinationen (dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang der casus) zu.
    Kommt dem Präfix be- nicht insofern eine Sonderstellung zu, als es den Mechanismus selber ausdrückt: die Identität von Empörung und Unterwerfung und die Identifikation mit dem Aggressor (das genaue Äquivalent des Raumes in der Sprache). Wenn ich ein Haus bewohne, beherrsche ich es durch meine eigene Unterwerfung unter seine Gesetze (Zusammenhang mit dem englischen to be?).
    Anwendung auf den Begriff des Bekenntnisses (Prinzip der Instrumentalisierung der Religion: es macht sie „bewohnbar“). Ist das Schuldbekenntnis die Umkehrung des Zwangsbekenntnisses?
    Wie verhält sich die Bekehrung zur Umkehr? Auch das reflexive Sich-Bekehren ist nicht identisch mit der Umkehr: Hier tut man sich nur selber an, was einem sonst von außen angetan wird. Sind nicht die Naturwissenschaften die Bekehrung der Natur (hier liegt der Grund des christologischen Naturbegriffs)?
    War nicht Alexander, der Schüler des Aristoteles, auch der erste große „Bekehrer“ (der den Barbaren die Zivilisation gebracht hat)? Als er den gordischen Knoten durchschlug und Asien unterwarf, war das nicht die prophylaktische Verwandlung der Umkehr in die Bekehrung?
    Man muß die Gewalt der Sprache von der Sprache der Gewalt unterscheiden. Was heißt Sprachgewalt?
    Walter Benjamins Erörterungen zum Begriff der Gewalt, seine Unterscheidung zwischen der rechtsetzenden und rechterhaltenden Gewalt (und der göttlichen, befreienden Gewalt), ist weder deduktiv abzuleiten, noch unterliegt sie der empirischen Überprüfung, sondern sie hat eine Schlüsselfunktion: sie erschließt neue Erfahrungsbereiche. Aber wenn einer nicht bereit ist, diesen Schlüssel auf seine Erkenntnisse anzuwenden, kann er ihn nur noch als unbrauchbar verwerfen; aber das ist dann sein Problem und keins des Textes von Walter Benjamin. Walter Benjamin hat als erster das transzendentallogische Problem des Rechts begriffen: daß auch das Recht (im Kontext von Begriffen wie Welt, Natur und Materie) ein Instrument zur Organisation von Erfahrung ist, dessen Begründung ohne Rekurs auf Gewalt (die ohnehin in den Fundamenten der transzendentalen Logik mit drin steckt) nicht möglich ist. Derrida ist ein Rutengänger der Philosophie, aber er vermag die Goldadern, auf die er stößt, nicht selber auszubeuten.

  • 14.04.93

    Die Vorstellung von den Privilegien der Opfer ist ein christliches Erbe: Darin steckt die christologische Logik der Vergöttlichung Jesu, die spätestens seit Rousseau zur Logik des Naturbegriffs geworden ist und mit dem Naturbegriff in der Gesellschaft sich reproduziert.
    Werden nicht die Antinomien der reinen Vernunft dadurch relativiert, daß sie (im Raum) jeweils nur auf eine Dimension sich beziehen?
    Die ersten beiden Antinomien beziehen sich auf die Welt, die dritte auf die Natur, und die vierte?
    Kann man eine logische Folge der Formen des subjektiven Apriori bestimmen derart, daß die Konstruktion des Bekenntnisses das Geld voraussetzt und die Entfaltung der Raumvorstellung das Bekenntnis?
    Die Schöpfungsgeschichte der Genesis unterscheidet sich von den Kosmologien insgesamt (den mythologischen wie den naturwissenschaftlichen) dadurch, daß sie eine Beziehung zur Erfahrung herstellt, die ästhetische Distanz zum Kosmos nicht akzeptiert. Sie ist m.a.W. kein Vorläufer der Naturwissenschaft, sondern einer der Mystik; sie ist Teil der Prophetie.
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird in die Struktur des Raumes ein Widerstandsmoment eingebunden, daß als Grund des physikalischen Materiebegriffs (als Grund des Begriffs der trägen und schweren Masse) sich begreifen läßt. Hier wird ein Äquivalenzsystem zu den mechanischen Vorstellungen, zu den Stoßprozessen eingeführt, dessen realer Ausdruck die Konstanten der Mikrophysik sind.
    In einer Sprache, in der es neben dem Maskulinum und Femininum auch ein Neutrum gibt, wird das vierte Gebot unverständlich, wird es ins Herrendenken transponiert und unter den Satz subsumiert „de mortuis nihil nisi bene“: Hier liegt zwischen den Generationen die ihre Beziehungen neutralisierende Grenze des Todes. Im gleichen Zusammenhang ist schon das Du, das seine Geschlechtsbezogenheit verliert, Produkt einer Neutralisierung: der die Geschlechtsdifferenz aufhebenden Personalisierung. Der Geschlechtsunterschied findet sich erst in der dritten Person wieder, in einer anders objektivierten und neutralisierten Gestalt (Begriff der Scham).
    Läßt sich anhand der Neutralisierung und Personalisierung des Du in den indogermanischen Sprachen der Zusammenhang von Neutrumsbildung, Futur II, Fortfall des Dualis u.ä. mit dem Ursprung des hypostasierenden Denkens (Begriffbildung und Philosophie) nachweisen? Und steckt nicht in den Fundamenten der Neutralisierung und Personalisierung des Du der Ödipuskomplex (und die Geschichte von Kain und Abel), und hängt diese Sprachkonstruktion nicht auch mit der materiellen Geschichte der Sexualität (und damit mit der Geschichte der Rezeption des evangelischen Rates der Keuschheit) zusammen? Und ist nicht die islamische Sexualmoral auch ein Sprachproblem (ein Problem das mit der Einschränkung der Fähigkeit zur Reflexion zusammenhängt)? Und liegt hier nicht auch der Sprachgrund des islamischen Konzepts der Schöpfung (in dem Schöpfung und Vorsehung nicht auseinandergehalten werden)? Hat in der islamischen Theologie nicht die Philosophie die Offenbarung ersetzt, substituiert? Ist nicht der Islam in ganz anderem Sinne eine Weltreligion?
    Sind nicht die griechische Knabenliebe und der Rousseausche Inzest Indikatoren der wichtigsten Wendepunkte der Weltgeschichte (Ursprung und Erfüllung des Naturbegriffs)? Und läßt sich nicht an ihnen überhaupt erst ermitteln, was mit dem evangelischen Rat der Keuschheit gemeint ist? Sind es nicht die Begriffe der Barbaren, der Materie und der Natur, die das Keuschheitsgebot verletzen (und auf die sich der prophetische Begriff der Hurerei bezieht)? Erst die Kirche hat das Keuschheitsgebot zur Sexualmoral neutralisiert. Auch nach dem hebräischen Zusammenhang von Sexualität und Erkenntnis ist die Sexualmoral ein Teil der Erkenntnismoral: ein gnoseologisches Begriff. Wer heute die Last nur loswerden will, anstatt sie zu begreifen, verfällt ihr erneut. In der Gnosis wurde bloß die Erkenntnislust verurteilt, und das war der Ursprung der Diskriminierung der Sexuallust; versäumt wurde, das Problem der Gnosis selber zu begreifen.
    Wie hängen Lust, lustig, Verlust (verlieren) zusammen? Ist nicht der Verlustbegriff ein Produkt der Verurteilung der Lust?
    Der Pornokratie folgte in der Kirchengeschichte die Pornographie; und ein Teil der Theologie seit der Scholastik ist Pornographie, aber eine, auf die auch der Satz anzuwenden wäre: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Auch das Sündenvergeben, das „dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“, ist ein Moment in der Erkenntnis (ein Teil der Fähigkeit, hören zu können, sich in einen anderen hineinzuversetzen, der Barmherzigkeit). Hierauf bezieht sich das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Der heilige Geist: die durchs Feuer der Schuldreflexion gereinigte Zunge.
    Der Mund ist das Organ des Essens und des Sprechens: Beide sind durch den Begriff des Gerichts verbunden.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt ist die Revozierung Rousseaus und ein Vorbegriff der Erinnerungsarbeit.
    Gibt es eigentlich eine Untersuchung über die weiblichen Namen im Hebräischen (von Ischa, Eva, Lilit über Sara, Rebekka, Leah und Rahel bis Mirjam, Deborah, Judith, Esther, Rut, Batseba, Susanna, auch Rahab, Tamar etc.)? Ist das theophore Element nur bei männlichen Namen zu finden?
    Ist nicht die Physik das Netz, in dem wir glaubten, die ganze Welt einfangen zu können, in Wahrheit sind wir selber darin gefangen. (Gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach dem Geschlechtsakt frißt?)
    Ist nicht der Raum der Inbegriff des Hämischen: Wohin ich mich auch wende, ich bleibe in dem System gefangen, aus dem auch die Umkehr nicht heraus-, sondern jede wieder ins System zurückführt: Inbegriff des Schrecken um und um. In diesem System wird die Umkehr zwangsläufig zur Buße, aber auch die verliert ihren Adressaten mit dem Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft: Hier gibt es nur noch welche, die Buße fordern, aber niemanden mehr, der Buße tut.
    Wie war das eigentlich mit der Buße in Ninive: Auch die Tiere haben dort Buße getan, und der König hatte dazu aufgerufen.
    War der philistäische Dagan ein Mars, und waren die altorientalischen Könige nicht in erster Linie Kriegsherren?
    Die Vergangenheit ist nicht nur vergangen: Das hat die Nazizeit gelehrt. Das war der Kern der Ohnmachtserfahrung. Man kann die Vergangenheit nicht abwerfen, ohne ihr gerade dadurch zu verfallen.
    Jesus ist eine Gestalt der Erinnerung: deshalb ist er (zusammen mit der Tora und der Prophetie) das Wort, das im Anfang bei Gott war. Und er ist es auch für uns nur, wenn wir diese Erinnerung mit aufnehmen (während die Kirche gerade die reale Erinnerung durchs Dogma verdrängt hat).
    Nichts Vergangenes ist nur vergangen: Das ist die Idee, die das Inertialsystem sprengt. Sie schließt auf eine noch zu bestimmende Weise die Idee der Auferstehung der Toten mit ein.
    Mit dem ersten Satz der Genesis wird im Namen des Himmels die Erlösung zitiert. Der Himmel des zweiten Schöpfungstages ist dagegen bereits die von der Vergangenheit eingefangene Zukunft: das, was zu lösen wäre. Das drückt sich aus in der Beziehung des Himmels zu den Wassern, in der Trennung der oberen von den unteren Wassern (der Trennung von Schuld und Segen, von Mythos und Offenbarung).
    Der Fürst dieser Welt lebt vom Vergessen. Ein sich selbst begreifendes Christentum, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, hingegen lebt von der sich selbst begreifenden Erinnerung.

  • 13.04.93

    Hat mlk, König, (im Hebräischen) mit mlhmh, Krieg, und mlakh, Arbeit, Auftrag, zu tun (die Arbeit mit Krieg und Herrschaft)?
    Gehört die Existenzphilosophie zu den Paralogismen der reinen Vernunft (Kr.d.r.V., S. 306, Anm.)?
    Jene Fassung des kategorischen Imperativs, derzufolge man einen Menschen nicht nur als Mittel gebrauchen darf, ist eine logische Konsequenz aus der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung, insbesondere aus der Kritik der Hypostasierung des Raumes. Der Begriff der Dinge an sich und der kantische Begriff der Freiheit verdanken sich der gleichen Logik. Beide, der Begriff der Dinge an sich und die Idee der Freiheit, sprengen die Instrumentalisierungslogik des Raumes.
    Der kantische Begriff der Freiheit unterscheidet sich von dem traditionellen Freiheitsbegriff (dem des liberum arbitrium) dadurch, daß er nicht auf die Entscheidungsfreiheit (die die Freiheitsgrade des Raumes reflektiert) abzielt, sondern auf die Freiheit vom Wiederholungszwang, und d.h. auf die Freiheit vom Zwang des Räumlichen. Das liberum arbitrium und die personale Freiheit (Grundlage der individuellen Zurechenbarkeit von Schuld) führen in die Bekenntnislogik, einer Vorform der transzendentalen Logik. Die kantische Idee der Freiheit führt aus dieser Bekenntnislogik (die in der Kritik der reinen Vernunft als Naturzwang begriffen wird) erstmals heraus: Seitdem ist das Konzept einer Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums denkbar.
    Die Kritik der reinen Vernunft ist der Beweis dafür, daß die Sprache fähig ist, das Gesetz ihrer eigenen Zerstörung zu begreifen und beim Namen zu nennen.
    Das Verhältnis von Sünde und Schuld ist kein kausallogisches, sondern eines der unendlichen Vermittlung. Das Prinzip der kausallogischen Verknüpfung, der individuellen Zurechenbarkeit von Schuld, das Prinzip der Personalität, war einmal ein Hebel im Kampf gegen den Mythos, aber ein Hebel, der dem Mythos selber entnommen worden ist und der ihn am Ende verschärft, nicht aufgelöst hat.
    Der erste Satz der Genesis unterscheidet sich von der Lehre von der Erschaffung der Welt dadurch, daß er im Namen des Himmels die Idee des seligen Lebens, die Möglichkeit der Auflösung des Schuldzusammenhangs, mit einschließt. (Hängt hiermit die apokalyptische Vorstellung des Kristallmeeres zusammen? Und hat sich in diesem Kontext der Geist aus dem Pneuma in das Feuer zusammengezogen, in die „Feuerzungen“? Ist das Kristallmeer der zur kristallinen Struktur erstarrte Mythos: die Opfertheologie und die naturwissenschaftliche Aufklärung? Und ist das Feuer die Einheit von Licht und Pneuma?)
    Nach der Lehre von der Erschaffung der Welt, in der der Himmel nicht mehr vorkommt, ist das Wort vom Lösen gegenstandslos geworden, konnte es zum Bußsakrament neutralisiert werden (mit der einzigen Gegenerinnerung in der Heiligengestalt der Maria Magdalena, der von den sieben unreinen Geistern Befreiten). Aber wäre das Lösen nicht genau auf diesen Neutralisierungsprozeß zu beziehen? Und gibt es nicht vergleichbare Lösungsansätze für alle sieben Sakramente (das Lösen der sieben Siegel als Lösen der sieben Sakramente aus ihrer „Neutralisierung“)? War die faschistische „Endlösung“ nicht eine entsetzliche Parodie dieses Lösens: der Greuel am heiligen Ort?
    Der Konfessionalismus gründet in der Opfertheologie (in der den Weltbegriff begründenden projektiven Gestalt der Erkenntnis), er endet im Kältetod der Religion, die zum steinernen Herzen der Welt geworden ist.
    Hängt das Verschwinden der Idee des Angesichts mit dem Verschwinden des Dualis zusammen?
    Haben die Sterne des Himmels und der Sand am Meer (ähnlich wie die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres) etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb zu tun?
    Die Naturwissenschaften: das sind die Umstehenden, auf deren Frage hin Petrus, die Kirche, zum drittenmal leugnet: sich selbst verflucht und schwört „Ich kenne diesen Menschen nicht“.
    Die Unterscheidung von Wesen und Erscheinung reicht nicht mehr hin. Vom Wesen, das nur in apologetischem Zusammenhang noch vorkommt, ist das Verwesen nicht mehr zu trennen, und in der Tat: es riecht schon.
    Theologie und Kirche kommen in eine Phase hinein, in der jegliche Apologetik unters Bilderverbot fällt.
    Am Anfang der Geschichte der drei Leugnungen kommt die Magd des Hohepriesters, nach Joh die Pförtnerin. Verweist das nicht darauf, daß die Kirche schon innerhalb der Pforten der Hölle sich befindet, während gleichwohl gilt, daß diese Pforten sie nicht überwältigen werden? Aber das liegt am Hahn und nicht an Petrus.
    Zum Wort Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen …“: Sind nicht die „richtenden Gewalten“ das Dogma und seine Erben?
    Wodurch unterscheidet sich das Messias-Bekenntnis des Petrus („du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ Mt 1616) von dem der Marta bei der Auferweckung des Lazarus („Ja Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“ Joh 1127)?

  • 11.04.93

    Ist die Venus (Ischtar, Astarte, die Himmelskönigin, wie auch Ischscha im Gegensatz zu Chawwa) die aus seiner Seite erschaffene Frau als Projektion des Mannes (als Objekt der Begierde, nach ihrer Subsumtion unters Tauschprinzip, nach Hermes, Merkur)? Liegt hier der Grund fürs Verständnis der gesamten Astrologie, der antiken Planetentheorie (und für die Benennung der Wochentage)?
    In der Venus-Geschichte, in ihrer Beziehung zum Ursprung des Staates, des Weltbegriffs, der Zivilisation, (die in der katholischen Marien-Verehrung ihre Fortsetzung gefunden hat) liegt der Ursprung der christlichen Sexualmoral.
    Die Substanz des Materiebegriffs ist polymorph-pervers (Grund und Inbegriff des prophetischen Begriffs der Unzucht: der allgemeinen Vermischung).
    Der Gehorsam oder das Mit-den-Ohren-Denken: Ist das nicht die Vorbereitung der Erfüllung des Worts „Heute, wenn ihr seine Stimme hört“?
    Zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Nur das Licht ist rein durchs Wort geschaffen („Gott sprach, und es ward“). Und die Blinden wieder sehend machen, heißt das nicht, die Fähigkeit entwickeln, mit den Augen hören und in den Dingen lesen zu lernen?
    Was ist die genaue Übersetzung (die etymologische Bedeutung) von Teschuba (Umkehr)? – Wende, Rückkehr, Kreislauf, Antwort (nach der Hebr. Gramm.). Merkwürdige Ähnlichkeit mit den hebräischen Bezeichnungen für Hilfe, Verlangen/Begierde und für die Zahl neun (tschw-bh, tschw-ah, tschw-ph, tschw-jaj).
    Weshalb ist in der Verheißung an Abraham vom Sand am Meer, und nicht vom Sand in der Wüste, die Rede? Den Sternen am Himmel entspricht der Sand am Meer (ähnlich wie die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres zusammengehören).
    Bei Markus heißt es: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (1430) und „Gleich darauf krähte der Hahn zum zweitenmal“ (1472). Wann krähte er zum erstenmal?
    „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, dieses in den Evangelien erneuerte Prophetenwort trifft den Weltbegriff im Kern: Opfer („Sündenböcke“, wie im nationalsozialistischen Antisemitismus und Judenmord, jetzt wieder in der Ausländerfeindschaft) sind notwendig, wo ein Projektionsbedarf besteht; die Grüße der Opfer ist abhängig von der Intensität dieses Bedarfs, des darin latent vorhandenen Gewaltpotentials; sie sind Mittel der Schuldbearbeitung zu Lasten eben der „Opfer“. Der Weltbegriff (zusammen mit dem Natur- und Materiebegriff) ist ein Mittel der projektiven Schuldbearbeitung, des Schuldverschubsystems (Exkulpierung durch Schuldentlastung, Projektion auf andere). Unter seiner Herrschaft verschwindet die Differenz von Tabu (Schutz des „Intimbereichs“ der Herrschenden: des Schuldzentrums von Herrschaft) und Moral (Schutz des Lebens der Schwachen): Moral als Richtschnur des Handelns ist nur noch theologisch begründbar, im Kontext des Selbsterhaltungsprinzips wird sie auf die Urteilsebene verschoben: durch Tabus (durch Tratsch und die Herrschaft des Geschwätzes) ersetzt, die dann wieder Opfer fordern.

  • 10.04.93

    Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist identisch mit der Unterwerfung des Oberen unter das Untere. Hinsichtlich der Natur wird das begründet und stabilisiert durch die Vorstellung des unendlichen Raumes, Grundlage und Folge der kopernikanischen Theorie und seiner dynamischen Begründung durch Newtons Gravitationsgesetz. Gleichzeitig wurde das Gesamtproblem in das der Identität von träger und schwerer Masse verlagert.
    Im Kern der jüdisch-christlichen Tradition steht mit der Idee der Umkehr ein Begriff mit durchaus räumlicher Metaphorik, mit räumlichen Konnotationen.
    Ist Jesus in Jerusalem oder in Galiläa in den Himmel aufgefahren?
    Sind die Blätter und ist das Gras hinter meinem Rücken auch grün?
    Woher haben die Tierkreiszeichen ihre Namen?
    Wenn man bei der Lorentz-Transformation die Bewegungsrichtung von der Gegenrichtugnng unterscheiden muß, so berührt das auch die Reversibilität der Richtungen im Raum, ihre Beziehung zu den anderen Richtungen und zur Zeit. Verdeckt die Vorstellung einer homogenen Zeit nicht die differenzierte Beziehung des Raumes zur Zeit, mit der auch die Dreidimensionalität des Raumes zusammenzuhängen scheint?
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes begründet auch das Prinzip der Lohnarbeit, den transzendentallogischen Grund des Kapitalismus.
    Steckt nicht in den Wahnsinns-Experimenten der Atomphysik, der Elementarteilchen-Forschung und der Weltraumforschung auch ein Legitimationsbedürfnis des Staates, ein Beweiszwang, dessen Gewalt daher rührt, weil anders, ohne die ideologische Funktion der Naturwissenschaften, auch der Staat nicht mehr zu begründen ist. Dieses Legitimationsbedürfnis galt für den „real existierenden Sozialismus“ ebenso wie er weiterhin für den Marktwirtschafts-Staat gilt.
    „Da gingen ihnen die Augen auf.“ – Dieser Satz erscheint zweimal, in der Geschichte vom Sündenfall und in der Geschichte von der ersten Begegnung des Auferstandenen mit zweien seiner Jünger (in der Emmaus-Geschichte). Ist das nicht die ungeheure Leistung der Augen, daß sie die Dinge restlos auf den Kopf stellen: Sind nicht die Spuren dieses Verfahrens die sinnlichen Qualitäten?
    Daß mit der Reformation die häresienbildende Kraft verschwindet, scheint damit zusammenzuhängen, daß die Geschichte von Orthodoxie und Häresie in sich selber dialektisch ist: Mit der Verdrängung (und Verinnerlichung) der Probleme, auf die die Häresien objektiv verweisen, ist der Orthodoxie selber eine anwachsende häretische Masse zugewachsen, deren dogmatische Identität nicht mehr sicherzustellen ist außer durch Dekret, und die den Keim der Spaltung (in zwei selber häretische Gestalten der Orthodoxie) in sich trägt: ein perfektes System projektiver Selbstbestätigung, mit der Kraft des Weltbegriffs im Zentrum. Der Konfessionsstreit ist auf der Ebene, auf der er ausgetragen wird, nicht mehr lösbar; er ist nur noch ein Mittel der außer Kontrolle geratenen Selbstghettoisiserung (Folgen für die Geschichte des kirchlichen Antijudaismus?). – Aber vollzieht sich dieser Prozeß nicht in Phasen:
    – von der Zeit der Kirchenväter und der Dogmenbildung bis zur Entstehung des Islam und der Trennung der orthodoxen von der katholischen Kirche,
    – von der Scholastik (und der Reorganisation der westlichen Kirche) bis zur Reformation und
    – von der Konfessionsbildung (Verinnerlichung des häretischen Prinzips in den Neo-Orthodoxien) bis zum Faschismus.
    Ist das Moment der Trunkenheit in der Philosophie (und in den Grundlagen der Zivilisation) nicht in der Selbstreferenz begründet, die aus dem projektiven Moment im Natur- und Materie-Begriff stammt?
    Wenn Christen die Juden Hebräer nennen, begeben sie sich dann nicht in eine Front mit den Ägyptern und Philistern?
    Der dogmatische Umgang mit der Schrift wird seit je als Alibi mißbraucht, per Dekret in die Schrift hineinzuregieren. Dieser Gefahr ist, wie mir scheint, J.B.Metz nicht ganz entgangen. Hier käme es darauf an, wieder hören zu lernen. Das ist gemeint im evangelischen Rat des „Gehorsams“.

  • 08.04.93

    Die Erfindung der Null ist die Voraussetzung des Konzepts negativer Zahlen und die Grundlage für die Trennung der Dimensionen im Raum (Grundlage des Koordinatensystems, das die negativen Richtungen wie die positiven behandeln muß, ihnen die gleiche Realität verleiht). Gehört zur Genese dieses Konzepts nicht die Opfertheologie, die Vorstellungen von Hölle und Fegfeuer, die nach Etablierung der Vorstellung des unendlichen Raumes gemeinsam ins Unsichtbare verschoben, irrationalisiert werden.
    Weshalb erzeugt die Kritik des verdinglichenden Denkens das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren?
    An der Fallbeschleunigung ist nicht das Moment der Beschleunigung das Wesentliche, sondern das retardierende Moment: weshalb diese Beschleunigung nicht unendlich ist (was sie für ein Punkt-Objekt sein müßte).
    Theologie im Angesicht Gottes: das wäre eine Theologie des Paradieses.
    Ist das Planetensystem der Baum des Lebens, gesehen aus der Sicht des Baumes der Erkenntnis?
    Zum Futur II, „Es wird gewesen sein“: darin klingt auch die Bedeutung mit an „Es wird schon so gewesen sein, wie du sagst“. Das aber heißt, daß es eine Beziehung gibt zwischen Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit und der Zeugenschaft. Im Futur II zitiert sich das Subjekt selbst gleichsam als zuküftigen Zeugen, „verandert“ so seine eigene Erfahrung, gleicht sei strukturell der Erfahrung des Andern an. Das beschreibt zugleich die Grundstruktur des Inertialsystems, das Moment der Vergesellschaftung in ihr. Die Entwicklung der Mathematik und der Raumvorstellung ist ein Indikator des Standes der Vergesellschaftung des Subjekts.
    Die Mathematik begründet das Wissen und mit ihm die Begriffe der Natur und der Welt. Beide Begriffe, Natur und Welt, sind durch die Idee des Wissens und seine mathematische Begründung vermittelt.
    Nur die Sprachreflexion befreit uns von dem Wiederholungszwang, den wir Kultur nennen.
    Hängt es nicht mit der Beziehung von Mathematik und Vergesellschaftung zusammen, wenn schon seit den altorientalischen Ursprüngen die Astronomie ein Reflex und ein Grundlage der Staatenbildung gewesen ist? In diese Geschichte gehören die Megalit-Denkmäler hinein.
    Objektivierung und Scham: Ist nicht die Scham der Reflex des Objektivierungsprozesses in der Sensibilität (in der sinnlichen Erfahrung, die so an den Geschichtsprozeß gebunden ist).
    Grundprinzip des Christentums: Niemand darf die eigenen Untaten mit dem Hinweis auf die der andern rechtfertigen.

  • 06.04.93

    Zu den Gleichungen der Lorentz-Transformation: Entspricht der Längenkontraktion und der Zeitdilatation in der Bewegungsrichtung nicht eine Längendilatation und Zeitkontraktion in der Gegenrichtung? Und sind nicht alle dynamischen Verhältnisse auch in dem Sinne apriori, daß sie die Paritätsverhältnisse, die Gleichgewichtsverhältnisse, voraussetzen? Die Gleichungen der Lorentz-Transformation lassen sich als Drehungen in einem metrischen Kontinuum auffassen: Ist das dynamische Maß dieser Drehungen das Plancksche Wirkungsquantum (aus der Planckschen Strahlungsformel abzuleiten)?
    Sind nicht die Tiere, die den aufrechten Gang verlernt haben, Opfer der Deklination, der Beugung (Zusammenhang von Deklination und Konjugation mit der Struktur des Raumes: mit Linearität und Orthogonalität)? Und ist nicht der Kreis das mathematische Modell des logischen Schlusses (Identitätsprinzip des Begriffs)? Insoweit ist das kopernikanische Weltbild die Grundlage der Hegelschen Idee des Absoluten, und die Vorstellung des unendlichen Raumes ein Reflex des Gewaltmonopols des Staates.
    Zur Theorie des Geschwätzes: Geschwätz, Urteil und Öffentlichkeit; im Geschwätz entfaltet sich die Gemeinheit, die vom Prinzip der Öffentlichkeit nicht zu trennen ist (das Eine ist das Andere des Anderen). Die Hegelsche Logik reflektiert die Gesetze des Geschwätzes, dem sie in der Idee des Absoluten zugleich auch verfällt. Der unendliche Raum ist die verinnerlichte Gestalt des ägyptischen Sklavenhauses.
    Sodom und Gomorrha (sowie Jericho und Gibea) als Konflikt zwischen Stadt und Haus (Babel und Mizrajim): Babel (Stadt und Turm), Ninive (die große Stadt, von Nimrod gegründet, der der erste Held war auf der Erde und ein großer Jäger vor dem Herrn), Pharao (das große Haus). Notwendigkeit der Kritik der politischen Ökonomie.
    Melchisedek hat Brot und Wein geopfert; in der Josefs-Geschichte sitzen der Mundschenk und der Bäcker des Pharao im Gefängnis, und nur der Mundschenk kommt frei, während der Bäcker hingerichtet wird (ein Teil der Geschichte des Zusammenhangs von Trunkenheit und Herrschaft, die das Brot nur im Sklavenhaus sichern kann).
    Sind nicht Stadt und Haus: das Offene und das Geschlossene (Reflexion und Begriff, Deklination und Konjugation), die beiden Aspekte des Raumes? Heideggers Haus des Seins ist anti-urban (wie Heidegger überhaupt das Urbane in den Gestalten des Man, der Uneigentlichkeit, der Neugier, perhorresziert).
    Gefährlich ist die falsche Klarheit, die im Rahmen der Bekenntnislogik nur auf der Grundlage des Feindbilds sich herstellt.

  • 04.04.93

    Wirft nicht der Gebrauch des Begriffs des Staats in der folgenden Formulierung: „… so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein irgend eines Dinges erraten oder erforschen zu wollen“ (Kr.d.r.V., S. 219), ein neues Licht auf die Widmung des Werkes?
    Kants Kritik des Idealismus läuft in letzter Konsequenz auf die Ethik als prima philosophia und den Vorrang des Angesichts hinaus (durch die Widerlegung der Innerlichkeit). Seitdem ist eine Vorstellung des seligen Lebens, die nicht die Erlösung der Welt mit einschließt, nicht mehr zu halten.
    Rousseau, dessen ungeheure Bedeutung für die Geschichte der europäischen Aufklärung Derrida wieder in Erinnerung gerufen hat, hat durch seinen Naturbegriff das Rätsel des Ursprungs der Schrift unlösbar gemacht und die Unlösbarkeit in seinem Versuch über den Ursprung der Schrift selber demonstriert. War nicht der deutsche Idealismus überhaupt erst möglich, nachdem durch Rousseau das Schriftproblem zu einem Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis geworden ist (und damit für die Philosophie neutralisiert worden ist).
    Ist es ein Zufall, daß die einzige Stelle, an der die Hegelsche Philosophie ein in der Philosophie sonst unbekanntes satirisches Niveau erreicht, die über die physiognomischen Theorien Lavaters ist? War dieser Aufwand für die Hegelsche Philosophie deshalb erforderlich, weil nur so das andringende Problem des Angesichts abgewehrt werden konnte? Verweist das nicht auf das affirmative Moment in jeder Form des politischen Kabaretts, das die Erinnerungsbereitschaft verhindert, indem es sie im Lachen explodieren läßt? Das wirklich befreite Lachen wäre ein vom Bann der Entfremdung (vom Bann des Raumes) befreites Lachen. Wird in Büchners „Lenz“, als Lenz begreift, daß der Mond nur eine leere Steinwüste ist, das (den Atheismus begründende) Lachen nicht zum Bellen (die Hunde, die den Mond und den Spaziergänger anbellen: sie wachen nur, aber sie beten nicht)? Ist nicht das Lachen des Lenz ein selbstreferentielles Sich-selbst-Auslachen, ein Lachen nach Innen? Daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt, verweist auf die Physik, die zum Kloß im Hals der Theologie geworden ist.
    Nochmal bei Böll (Und sagte kein einziges Wort) die Beschreibung der Physiognomie der Prälaten nachlesen: die Unterscheidung des fanatischen Asketen vom hinterhältigen Genießer (beide Physiognomien tauchen bei den Nazis wieder auf: als SS-Offizier und Reichsleiter)?
    Ist scheol, das biblische Modell der christlichen Hölle, nicht in der Tat das Grab?
    Es ist wahr: Über Geschmack läßt sich nicht streiten, aber gleichwohl ist der Geschmack kritisch zu reflektieren (zum Bruch zwischen Theorie und Praxis). Ist nicht sapientia reflektierter Geschmack? Wie hängen sapientia, Geschmack und Gericht mit einander zusammen?
    Wenn die Musik aus dem Bauch kommt, besteht dann nicht die Gefahr, daß das Herz in die Hose rutscht?
    Wie paßt der Grundsatz „in mundo non datur casus“ (Kr.d.r.V., S. 232) zu Wittgensteins „Die Welt ist alles, was der Fall ist“? Auf der gleichen Seite beweist Kant, daß Selbsterkenntnis „ohne Beihülfe äußerer empirischer Anschauungen“, und d.h. ohne Weltreflexion, nicht möglich ist.

  • 02.04.93

    Zum Begriff der Weltanschauung: Zur Weltanschauung gehört der Weltanschauungskrieg, der ein Vernichtungskrieg ist. Läßt sich dieser Begriff aus der kantischen Philosophie ableiten? Aber ist nicht nur eine selbstreferentielle Verstärkung des Weltbegriffs, eigentlich ein Pleonasmus? Die drei Modi der Zeit (Dauer, Folge und Zugleichsein, S. 182 Kr.d.r.V.) sind eigentlich Reflektionen der Form des Raumes in der Zeit. Dort (S. 183f) auch eine weitere Bemerkung zu den Begriffen des Mathematischen und Dynamischen: Nur das Mathematische begründet konstitutive Grundsätze des Verstandes, das Dynamische hingegen nur regulative Prinzipien.

  • 31.03.93

    Das Geld zerrinnt im Gravitationsfeld der Bedürfnisse wie die Zeit in der Sanduhr.
    Die JVA Weiterstadt sollte die Möglichkeit eines „humanen Strafvollzugs“ – was immer das sein mag – bieten. Frage: Wessen Vorstellung von einem humanen Strafvollzug und wessen Phantasie, liegen dem zugrunde? Wer ist in der Planungs- und Entwicklungsphase hinzugezogen und gehört worden? Sind ehemalige und noch einsitzende Strafgefangene hinzugezogen worden, Verteidiger (Strafverteidiger), Gefängnisseelsorger? Kann ein Strafvollzug human sein, der nicht von den Erfahrungen der Betroffenen ausgeht (aber gehört es nicht zum Wesen des Strafvollzugs, daß es die Erfahrungen der Betroffenen verdrängt)? Wird hier nicht Humanität mit dem Pflegeleichten verwechselt: Es soll der Verwaltung und den politisch Verantwortlichen möglichst wenig Probleme bereiten (deshalb das sterile Design, die Lage weitab von Wohngebieten, ohne unmittelbare Verkehrsanbindung, Cluster-Bau mit Kleingruppenstrukturen, die zwar von außen überschaubar und beherrschbar sind, im Innern jedoch die Kommunikationsschranken verstärken, die Kontakte im Innern und nach Außen erheblich einschränken: insbesondere für Angehörige und Verteidiger wäre die Anstalt nur noch schwer erreichbar). Aber nachdem das Ganze schon so teuer war, und jetzt zusätzlich unter dem durch den Anschlag der raf verstärkten Öffentlichkeitsdruck, sind diese Probleme, um die sich ohnehin niemand mehr kümmert, für die Öffentlichkeit endgültig tabu.
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Ohne diesen Grundsatz (der sich aus der deutschen Staatsmetaphysik herleiten läßt) könnte es keine Knäste, keine Polizei, keine Staatsschutz-Gerichte und keine Staatsanwaltschaft geben. Gemeinheit gehört zu den (Ab-)Gründen des Strafrechts und des Rechtsstaats.
    „Wenn die Welt euch haßt …“ Diese Erfahrung, in der die Erinnerung daran nachklingt, daß im Weltbegriff, in der Gestalt der Verknüpfung von Allgemeinheit und Öffentlichkeit, die er repräsentiert, das Urteil aller sich ausdrückt, wird durch den gleichen Weltbegriff, durch seine eigene Logik, unterdrückt, verdrängt, als erfahrungsfremde Natur, als Außenwelt abgespalten und neutralisiert. Das ändert am Sachverhalt nichts, hinterläßt nur ein Bewußtsein der Ohnmacht gegen die Welt, das dann an einer Theologie sich tröstet, die der Verantwortung für die Welt entsagt hat und sich damit begnügt, in Anlehnung an das allherrschende Prinzip der Selbsterhaltung in der Gestalt der Unsterblichkeit der Seele einen privaten Ausweg aus der Welt vor Augen zu stellen.
    Stadt und Haus, der König von Babel und der Pharao:
    – Ist die Stadt der Ort des Anschauens (Astronomie), das Haus der Ort des Denkens, des Begriffs (Pyramide)?
    – Und hat das „gedacht“ etwas mit dem Dach des Hauses, oder umgekehrt: hat das Dach, das den Blick zum Himmel versperrt, etwas mit dem Denken zu tun, mit dem Begriff, unter den eine Sache gebracht wird?
    „Es sind aber zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch dasselbe, aber nur als Erscheinung gegeben wird; zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand gedacht wird wird, der dieser Anschauung entspricht.“ (Kant, Kr.d.r.V., S. 119) Liegt die Unterscheidung von Anschauung und Begriff nicht der des Mathematischen und Dynamischen (Welt und Natur) zugrunde (und macht die Formulierung „dadurch ein Gegenstand gedacht wird, der der Anschauung entspricht“ nicht das projektive Element im Denken sichtbar)? Die Unterscheidung des Mathematischen und des Dynamischen ist keine Unterscheidung zwischen getrennten Objekten, von denen die einen mathematischer und die anderen dynamischer Natur wären, sondern die gleichen Objekten werden durch die Urteilsform in einen mathematischen und einen dynamischen Anteil aufgespalten, sie sind fürs Anschauen mathematisch (Teil der Welt), fürs Denken dynamisch (Teil der Natur). Entsprechen dem nicht die auch sprachlich unterschiedenen Erkenntnisbegriffe Kants, der feminine, natur- und objektbezogene (die Erkennnis) und der neutrale, welt- und begriffbezogene (das Erkenntnis)?
    Mit den subjektiven Formen der Anschauung hat Kant zwar das Wissen begründet, aber der Erkenntnis (durch Neutralisierung der Umkehr) den Weg verstellt.
    Sind nicht die Namen der Planeten Stationen einen genetischen Konzepts? Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag: Sonne, Mond, Merkur, Jupiter, Mars, Venus, Saturn. Die Reihe stimmt mit der nach Abständen von der Sonne geordneten Reihe nicht überein (1,(2, Mond),3,6,5,4,7). Ist nicht Venus der altorientalische, Saturn der jüdische Planet? Und wäre die Velikovskysche Hypothese nicht noch deutlicher zu machen, wenn man zur Venus-Katastrophe die Saturn-Katastrophe hinzunimmt?
    „Nimrod … wurde der erste Held auf der Erde. Er war ein tüchtiger Jäger vor dem Herrn.“ (Gen 109) Worauf verweist die Unterscheidung „auf der Erde“/“vor dem Herrn“? Hat Nimrod etwas mit dem Orion, und dieser etwas mit dem Ursprung des Heros, zu tun?
    Zur Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Ist das nicht der Versuch, der kopernikanischen Theorie von den Umläufen im Raum ein Konzept von ewigen Umläufen in der Zeit entgegenzusetzen, und zwar aus der immanenten Logik des Systems selber? Nietzsches Version der Lehre schließt jedenfalls an naturwissenschaftliche Spekulationen sich an?
    Hat nicht die Geschichte von den drei Leugnungen Petri auch einen kosmologiekritischen Hintergrund?
    Hängt nicht die Tatsache, daß Jesus in Gleichnissen redet (und handelt), mit Verschiebungen im prophetischen Erkenntnisbegriff nach dem Ursprung des Weltbegriffs zusammen? Die Kritik des Weltbegriffs ist die Voraussetzung (das Medium) der Rekonstruktion prophetischer Erkenntnis.
    Die komfortable Zweiteilung der Prophetie in Heils- und Unheilsprophetie ist ein Produkt ihrer christologischen Vergegenständlichung. Sie hat den Vorteil, daß sie die Vergangenheit stillstellt, indem sie die Heilsprophetie auf Christus, die Unheilsprophetie auf die Juden abstellt. Der Preis ist der kirchliche Antijudaismus; die Juden haben ihn zahlen müssen, weil die Christen glaubten, sich die Nachfolge ersparen zu können.
    Es gibt zwei Gestalten der christlichen Theologie. Die eine ist die paulinische; sie ist ein Theologie ex post. Die andere ist die johanneische (die Täufer-)Theologie, und das ist eine Theologie ex ante. Diese zweite ist verdrängt und unterdrückt worden, sie ist so interpretiert worden, daß sie präzise auf den Kopf gestellt worden ist. Das hat auch das Verständnis der paulinischen Theologie tangiert, sie entstellt. Die Täufertheologie besteht eigentlich nur aus zwei Sätzen:
    Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe.
    Und:
    Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt auf sich nimmt.
    Auf den Kopf gestellt wurde die Täufertheologie durch ein doppeltes Mißverständnis (oder durch zwei falsche Übersetzungen):
    – Im ersten Satz wurde die freie Umkehr durch ein autoritäres Buße-Tun ersetzt;
    – im zweiten Satz wurde das Auf-sich-Nehmen (der Sünden der Welt) als Hinweg-Nehmen (als Entsühnung der Welt) verstanden. Dieses Verständnis widerspricht zwar jeder Erfahrung der Welt (und den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium); der Widerspruch zur Erfahrung wurde dann jedoch durch einen Begriff des Glaubens überbrückt, der seitdem die ganze Theologie verhext.
    Was hier passiert ist, läßt sich wieder mit zwei Sätzen verdeutlichen:
    – Die Umkehr und das Auf-sich-Nehmen der Sünden der Welt fallen unters Nachfolgegebot;
    – das Buße-Tun und das Hinweg-Nehmen der Sünden der Welt (die „Entsühnung der Welt“ durchs „Opfer“ Jesu) leugnet die Nachfolge, ersetzt sie durchs Bekenntnis.
    Bedeutet das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht auch, daß das Licht dem Zeitablauf entzogen ist. Soweit das Licht dem Zeitablauf doch unterworfen ist, ist das Effekt, der dem Inertialsystem zuzurechnen ist, dieses System auf eine ganz neue Weise verzeitlicht (sic, B.H.). Den Schein des Überzeitlichen haben der Raum und das Inertialsystem allein vom Licht.
    Hängt die Geschichte mit dem tohu wa bohu, der Finsternis über dem Abgrund und dem Geist Gottes über den Wassern mit den sechs Richtungen im Raum zusammen? Wären Goethes „Leiden und Taten des Lichts“ nicht über die Farben hinaus auf die Kosmologie und den Evolutionsprozeß zu beziehen? Gehören zu den Leiden und Taten des Lichts nicht auch die Sterne, die Umläufe der Planeten, das Leben der Pflanzen, der Tiere und am Ende auch der Menschen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Evolutionsgeschichte und der Geschichte des Sonnensystems?
    Woher kommen die griechischen, lateinischen und deutschen Namen für Himmel und Erde (hängt Erde mit Er zusammen)?

  • 29.03.93

    Fernsehen und Exkulpation: Unterhaltung hat u.a. die Funktion, Exkulpationsmodelle zu liefern, die eine Schuldabfuhr über Projektionsobjekte ermöglichen (erkennbar am Empörungsmechanismus).
    Der Begriff des Reiches erscheint im AT nur im Buche Esra und bei Daniel (in der Apokalypse!). Im NT spricht Mt vom „Reich der Himmel“ (basileia ton ouranon), Mk, Lk (und gelegentlich Joh und Apg) vom „Reich Gottes“ (basileia tou theou). Bei Paulus ist das Reich Gottes Gegenstand der „Erbschaft“, er kennt außerdem das „Reich Christi“ und das „Reich des Sohnes“: Am Ende wird der Sohn das Reich dem Vater übergeben. Das Wort Reich hängt mit reg- König zusammen, auch in der adjektivischen Verwendung (reich im Gegensatz zu arm). Änderung der Bedeutung des Reichsbegriffs in der paulinischen Theologie (Zusammenhang mit dem apokalyptischen Millenarium?)
    Der Antritt des Erbes setzt den Tod des Erblassers voraus. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die paulinische Theologie (für die das Reich Gottes – als „Reich Christi“, „Reich des Sohnes“? – Gegenstand einer Erbschaft ist)? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Martyrium des Stephanus?
    Der Name Imperium hängt mit parare, rüsten, sich zu etwas bereiten, zusammen: In ihm drückt sich das Moment der Verinnerlichung von Herrschaft aus.
    Die subjektiven Formen der Anschauung tasten die Selbständigkeit der Dinge an: Sie verwandeln sie in ein „Gegebenes“, rücken sie in ein Herrschafts- und Besitzverhältnis. Die Bildung der Vorstellung des Raumes ist ein Begleitprozeß des Prozesses der „ursprünglichen Akkumulation“: Untersuche unter diesem Aspekt den Josefs-Roman, die Exodus-Geschichte und den Namen des Pharao (Haus und oikos). Beziehen sich nicht Sodom und die anderen Xenophobie-Geschichten auf Konflikte zwischen Haus und Stadt, und ist nicht der Tempel (das Haus Gottes) ein Symbol dieses Konfliktes?
    Die ersten Städte in der Schrift (Vorgeschichte der Sprachverwirrung):
    – die Von Kain gegründete und nach seinem Sohn Henoch benannte Stadt (Gen 417),
    – Nimrod … wurde ein großer Held auf der Erde. Er war ein tüchtiger Jäger vor dem Herrn. … Kerngebiet seines Reiches war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Land Schinar. Von diesem Land zog er nach Assur aus und erbaute Ninive, Rehobot-Ir, Kelach sowie Resen, zwischen Ninive und Kelach, die große Stadt (1012), und
    – die Stadt Babel, in der die Menschen einen Turm bauen wollten, der bis an den Himmel reicht (114).
    Und die ersten Häuser (Vorgeschichte des Tempels und des Gottesreichs):
    – Noah und sein ganzes Haus (71),
    – an Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters … (121),
    – das Haus des Pharao (1215),
    – die 318 Hausgeborenen des Abram (1414),
    – Abram: Erbe meines Hauses (wird Elieser von Damaskus) (152).
    Sind die toledot (des Schöpfungsberichts und der Genealogien) Haus-Geschichten?

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