Naturwissenschaft

  • 15.09.92

    Ein Gerichtsurteil schafft öffentlich verwertbares Wissen, auch wenn es falsch ist. Beim Gerichtsurteil gibt es (wie beim Eigentum das Mein und Dein) Sieger und Besiegte, wobei Niederlage und strafrechtliche Schuld zwar zu unterscheiden, in der Sache aber nicht zu trennen sind. Der Sieger ist der Gerechtfertigte (der Rechtfertigungsbegriff hat das Christentum auch in dem Sinne verweltlicht, daß er den dem Weltbegriff immanenten Begriff des Sieges, des Sich-Durchsetzenden, endgültig ins Christentum mit aufgenommen hat: mit der Diskriminierung des Unterlegenen den Sieg der Kreuzestheologie über das Kreuz).
    Naturwissenschaftliche Erkenntnis gleicht dem Ergebnis eines Indizienprozesses.
    Das Wichtigste an der Geschichte der drei Leugnungen Petri liegt darin, daß die Leugnung kein simpler, ein für allemal definierter Tatbestand ist, sondern in den geschichtlichen Prozeß verflochten ist.
    Die Rekonstruktion der benennenden Kraft der Sprache ist nur auf dem Wege einer negativen Kosmologie (einer negativen Naturphilosophie) möglich.
    Sind aus dem liberum arbitrium (der Wahlfreiheit in der von Angebot und Nachfrage bestimmten Geldwirtschaft) die drei Freiheitsgrade des Raumes geworden? Fällt auch die Umkehr unter das liberum arbitrium?

  • 13.09.92

    Wenn die Schlange „auf dem Bauche kriecht“, drückt sich darin nicht auch ein Verhältnis zu den Herrschenden, zu den Vornehmen, aus? Steckt darin nicht die Anerkennung hierarchischer Ordnungen? Stehen nicht aller Tiere unter Herrschaftsnarkose? Und ist die Schlange deshalb „das klügste aller Tiere“, weil sie die vollständige Unterwerfung repräsentiert?
    Der biblische Begriff der Umkehr ist nur verständlich im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten. In diesem Zusammenhang nochmal nachlesen, in welchem Kontext die Umkehr von Mensch Welt Gott im „Stern“ sich begreift.
    Natur- und Weltbegriff sind Totalitätsbegriffe, die unsere Erfahrung organisieren. Der Naturbegriff usurpiert den Schöpfungsbegriff und leugnet die Idee der Auferstehung der Toten; der Weltbegriff usurpiert das Jüngste Gericht und leugnet die Idee der Schöpfung. Die ungeheure Bedeutung des paulinischen „Kauft die Zeit aus“. Durch den unreflektierten Gebrauch der Begriffe Welt und Natur werden die Schöpfung und die Idee der Auferstehung aus dem Bereich des Denkbaren ausgeschlossen. Aber ohne die Idee der Auferstehung der Toten ist auch die der Wahrheit nicht mehr denkbar.
    Starke und schwache Verben: Gesonnen und gesinnt. Hängt die Unterscheidung mit der von Name und Begriff zusammen, drückt darin ein Unterschied der Beziehung zum Objekt sich aus? (Der Duden ebnet die Differenz ein, indem er schwache Verben, nur weil auch ein Vokal sich ändert, mit zu den starken (= „unregelmäßigen“) Verben rechnet; vgl. insbesondere die sogenannten Modalverben, die „Präteritopräsentia“:
    – dürfen: es ist mir erlaubt,
    – können: die Kräfte, die Mittel reichen aus,
    – mögen: es kommt meiner Neigung entgegen,
    – müssen: ich bin gezwungen,
    – sollen: es wird von mir erwartet,
    – wollen: ich verspreche zu tun,
    – wissen: ich unterwerfe meine Erfahrung den Kriterien der Beweisbarkeit, oder: ich unterwerfe mich der Kontrolle der Anderen (die mich zum Anderen für Andere macht; Katalysator ist der Begriff des Seins, die „verandernde Kraft des Seins“);
    sie binden den transzendentalen Apparat an seinen Naturgrund im Subjekt zurück, geben ihn selber als ein Stück gegenständlicher Natur vor und repräsentieren die Formen der Bedienung, des Gebrauchs dieses Apparats, (den subjektiven Grund der „Tatsachen“); sh. Duden, Ziffer 216: sind das nicht Entfremdungs- oder Vergesellschaftungsverben, Verben, die die Subjektlosigkeit des Subjekts bezeichnen, gleichsam Repräsentanten der Welt oder der Natur, einer Autorität, des Schicksals, des Triebs, des Verstandes oder des Willens im Subjekt: Produkt des begrifflichen Banns, der Zerstörung des Angesichts, und Schuldgrenze zur Welt?).
    Die Präteritopräsentia: Setzt sich mit ihnen das Subjekt (anstelle der Tat) als vergangen, daher ihre grammatische Konstruktion? Sind sie die subjektiven Reflexionskategorien des Weltgeistes, gemeinsam mit dem Weltbegriff entspringende Reflexionsbestimmungen?
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die unmittelbare Präsenz des gesehenen Objekt rekonstruiert; durch die Projektion ins Inertialsystem hingegen wird so etwas wie eine Präteritopräsenz hergestellt. Entsprechen dem in der Sprache die Modalverben?
    Transzendentallogischer Zusammenhang von Welt, Wissen und Natur mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung (dem Raum und seiner Dreidimensionalität)?
    Ist der Konjunktiv (der heute ausgetrieben wird) die letzte Zufluchtsstätte des Subjekts in der Sprache?
    Wie hängt das Nomen „Würde“ mit dem Konjunktiv des Verbs „Werden“ zusammen (ähnlich wie der Infinitiv Sein mit dem gleichnamigen Possessivpronomen 3. Person Singular masculinum)?
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Dieser Satz ist eine Tautologie und als solche schlicht nichtssagend: sie fällt nicht unter den Begriff der antastbaren Objekte, oder: auch die schlimmsten Verhältnisse (z.B. die Isolationshaft) lassen die Würde des Menschen unberührt. Der Satz soll aber offensichtlich den Eindruck erwecken, als solle damit die Maxime definiert werden, wonach die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dann jedoch dürfte es bestimte Urteile und auch Formen des Strafvollzugs, die zu oft den Satz bestätigen, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, nicht geben.
    Gemeinheit als Erziehungsmedium: Heißt nicht für unsere Justiz Resozialisierung die Austreibung des Mitleids, die Fixierung ans Eigeninteresse? Das aber ist der Grund der Rückfallmechanik. So gerät unser Rechtswesen immer mehr in eine Verfassung, in der sie nur noch ihre eigene Existenzgrundlage: das Verbrechen, reproduziert.
    Wenn ich einen Imperativ durch einen Indikativ ersetze, dann verwandle ich ein Sollen in ein Sein, eine moralische Handlung in ein schicksalhaft ablaufendes Geschehen: ich verrate die Moral, um die Philosophie zu retten.
    Der Grundstein des babylonischen Turms ist das Sein, die Ontologie das dynamische Zentrum der Sprachverwirrung. Mit dem Namen des Seins zitiere ich Gewalt, den Ursprung des Gewaltmonopols des Staates. Aber insoweit ist auch die raf eine ontologische Sekte.
    Es ist eine Verharmlosung, den Nationalsozialismus nur als Rassismus zu verurteilen; so reduziert man ihn auf ein Bekenntnissystem, auf eine Konfession, und verbleibt im Bann der Logik, der er entspringt. Im Banne dieser Logik sind der Antisemitismus und die Trinitätslehre als Bekenntnisse gleichwertig und austauschbar. Zu verstehen ist er nur als Generalprobe des Antichrist.
    Die Frage, ob zwar nicht Jesus, wohl aber das Christentum den Teufel mit Beelzebub austreibt (vgl. die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern), ist vielleicht doch sehr ernst zu nehmen. Und ebenso die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, m.a.W. die, die Johannes „die Juden“ nennt, werden vom Grunde her mißverstanden, wenn man sie nur als historische Exemplare einer vergangenen und überwundenen Epoche ansieht: Gemeint ist die Kirche (mit ihren real existierenden Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern).
    Wäre der Islam nicht verständlicher, wenn es stimmt, daß die Sprache des Koran, das Arabische, kein Futur kennt? Das islamische Schöpfungskonzept, wonach Allah in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, schließt jede Zukunftsgarantie aus, setzt das Geschaffene der vollen Schöpfungsmacht eines Gottes aus, dessen Pläne undurchschaubar sind, und begründet ein Lebensgefühl, in dem der Zufall zentral ist (wie es dann auch im Namen des „Islam“ sich ausdrückt: Im Christentum ist der Zufall eine zu enträtselnde Chiffre der göttlichen Vorsehung, im Islam eine nur durch Unterwerfung zu ertragende Manifestation der göttlichen Schöpfungsmacht).
    Die Materie ist das Für-andere-Sein der Dinge; insofern hängt der Begriff der Materie mit der Geschichte der Sexualmoral und mit der ihres Objekts zusammen.
    In der Kirchengeschichte hat es zwei pornographische Epochen gegeben: die pornokratische Phase der Papstgeschichte und die kasuistische Phase der Moraltheologie. Beide Phasen sind Phasen der Herrschaftsgeschichte (die erste unmittelbar, die zweite als Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft). Beide sind Ausdruck der Verzweiflung an der Theologie. Die befreite Sexualmoral wird eine sein, die als Herrschaftsmittel gänzlich unbrauchbar geworden ist, weil sie sich im Hinblick auf die Idee der Auferstehung begreift. „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
    Adornos Satz: „Die Deutung von Geist als Gesellschaft erscheint demnach als metabasis eis allo genos, unvereinbar mit dem Sinn der Hegelschen Philosophie allein schon darum, weil sie sich gegen die Maxime immanenter Kritik verfehle …“ (Drei Studien zu Hegel, S. 31) wäre zu berichtigen: Die Deutung von Geist als Gesellschaft läßt sich aus der Hegelschen Logik entwickeln, aus dem Satz: „Das Eine ist das Andere des Anderen.“ Dieses Für-andere-Sein steckt im Innern des Geistes als dessen gesellschaftliches Wesen drin und ist der materialistische Analyse und Interpretation fähig.
    Benjamins Satz: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ enthält die Konsequenz, daß die Idee des Glücks die -nicht durch Rechtfertigungszwänge blockierte – volle Erinnerung der Vergangenheit (oder die Übernahme der Sünde der Welt) und die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt. (Vgl. hierzu das Bild der Lokomotive: diese Lokomotive kann nicht gestoppt, sondern nur aufgelöst werden; sie ist ein Phantom, aber ein reales.)
    Wenn Maria als Mittlerin aller Gnaden angesprochen wird, dann kann das eigentlich nur im Sinne des Liedes „Christi Mutter stand mit Schmerzen …“ verstanden werden. Gefährlich wird die Marienverehrung nur im Kontext der Mutterideologie, der schon in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana die Grundlage entzogen wurde, als Jesus sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, worauf Maria nicht ihm antwortete, sondern (in einer Form, die den Eindruck erweckt, sie habe ihn verstanden) die Diener der Gastgeber anweist: „Tut alles, was er euch sagt“.
    Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Das wäre aufzuarbeiten anhand der Geschichte des Naturbegriffs.
    Heidegger hat die Moral verraten, um die Philosophie zu retten.
    Es gibt Gerüche, die Erinnerungen wachrufen; es gibt aber auch Gerüche, die Verdrängungshilfe leisten.

  • 08.09.92

    Witz und Empörung sind Instrumente zur Verhinderung der Geistesgegenwart, zur Einübung des Vergessens. Jeder Witz und jede Empörung macht uns ein Stück dümmer.
    Das kollektive Lachen (das Gelächter), die Verinnerlichung des Opfers und die Selbstauslöschung des Subjekts (oder: die falsche Versöhnung). Durch Einübung des Herrendenkens versöhnt der Witz die Menschen mit ihrem Objektsein.
    Wenn Gunnar Heinsohn die Schuldknechtschaft und das Tauschprinzip alternativ behandelt, das Tauschparadigma perhorresziert und abwehrt, so möchte er das Tauschprinzip nicht mit der Schuld der Schuldknechtschaft befleckt sehen: die Ökonomie soll (wie die Physik) schuldlos bleiben. Wie sie das bleiben kann, wenn nicht nur ihre Ursprünge, sondern auch ihr Bestehen seit ihrem Ursprung auf dieses gräßliche Institut der Schuldknechtschaft zurückweisen, ist nicht zu erkennen; das Konzept ist (wie im Kontext des christlichen Dogmas) nur zu halten durch Individualisierung (Personalisierung) der Schuld, durch Verdrängung des Schuldzusammenhangs. Die Lösung gleicht (antipodisch, aber nicht zufällig) der, die auch seinem Hexenbuch zugrundeliegt. Und es ist die gleiche Logik, die auch die Venustheorie beherrscht.
    Habermas verharmlost das Materialismusproblem, indem er das gesellschaftliche zu einem Kommunikationsproblem macht, mit der Vorstellung, daß Vernunft als Möglichkeit zum Konsens sich definieren lasse, und Konsens prinzipiell möglich sein müsse. Er verdrängt den Bruch, den die Heinsohnsche Schuldknechtschaft aufs deutlichste benennt, so wie die Physik seit je den Bruch zwischen schwerer und träger Masse verdrängt hat.
    Ohne die Schrift, und d.h. ohne diese Enteignung, Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Sprache, ohne ihre Entfremdung in der Schrift, hätte es keine Großreiche gegeben.
    Ist das Produkt des Bindens der Naturbegriff, und war es dieser Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat, den es aber heute endlich zu lösen gilt?
    Das Christentum hat mit der Rezeption der Philosophie im Dogma das Ungleichnamige gleichnamig gemacht; die letzte Folge dieses Geburtsfehlers der christlichen Theologie ist die Vorstellung des dreidimensionalen Raumes (in dem man Links und Rechts nicht mehr unterscheiden kann und der die benennende Kraft der Sprache endgültig kassiert). Heute erstickt das Christentum an dieser Folge.
    Die Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: das ist der Ursprung der Opfertheologie, die Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Opfers, das Unterbinden der Nachfolge, der Verzicht auf die Umkehr, die Verdrängung der Gottesfurcht. So wurde die Kirche zum Scheffel über dem Licht.
    Kafkas Wort, wonach es unendlich viel Hoffnung gibt, nur nicht für uns, sollte Anlaß sein, die Hoffnung, die es gibt, endlich auszuschöpfen.
    Hegels Bemerkung, die Natur könne den Begriff nicht halten, ist zunächst ein Einwand gegen den Begriff, dann aber auch einer gegen die Natur.
    Seit dem Universalienstreit ist Natur ein Totalitätsbegriff, aber zugleich ist der Begriff zum flatus vocis geworden.
    Das Haupt – und dann auch das Oberhaupt (der Häuptling, Sich oder Etwas Behaupten, auch die Enthauptung): eine Ersatzbildung für das Angesicht?
    Hängt Simon der Kananäer (der Eiferer, Zelot) mit Kana (Hochzeit von Kana, Verwandlung von Wasser in Wein; erneuter Besuch in Kana, Heilung des Sohns eines königlichen Beamten in Kafarnaum, die beiden „ersten Zeichen“ Jesu nach Johannes; Nathanael aus Kana, ein „echter Israelit“, den Jesus unterm Feigenbaum sah) zusammen?

  • 07.09.92

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: Das Urteil wird gefällt, und das Objekt fällt unter den Begriff.
    Gibt es einen etymologischen Zusammenhang zwischen dem Possessivpronomen 3. Person Singular und dem „Sein“ (wie zwischen dem „Mein“, der Meinung, der Gemeinheit und dem Allgemeinen)? Ist das nicht Hintergrund der Begriffe Welt und Wissen (in beiden ist das Mein der Anderen: das Sein, als Seins- und Begriffsgrund mit enthalten) sowie Grundlage des Naturbegriffs?
    Ist der deutsche Artikel gebildet aus den Personalpronomina 3. Person Singular in Verbindung dem der 2. Person: Der = Du-er, Die = Du-sie, Das = Du-es?
    Das Symbolum enthielt noch die Erinnerung an die Trennung der Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments. Im Bekenntnis wird diese Trennung verdrängt und vergessen, setzt sich die Subjektivität durch, die so überhaupt erst sich bildet, indem sie versucht, Herr über ihren Teil des Symbolums zu werden (Änderung des Sakramentsbegriffs). Im Bekenntnis wird das Subjekt Herr und Nutznießer des Opfers, verdrängt es die Gottesfurcht.
    Wenn sich im Wort vom Binden und Lösen das Lösen auf das „er weinte bitterlich“ bezieht, bezieht sich dann nicht das Binden auf die Geschichte der drei Leugnungen? Ist das Verfahren des Hahns (sein Krähen) in der Regel der correctio fraterna beschrieben (und sein Versagen vorausgesagt)?
    Hängt die Feste des Himmels, die die Wasser oberhalb von denen unterhalb trennt, mit dem Ich zusammen? Sind die subjektiven Formen der Anschauung gleichsam der subjektive Rest dieses Zusammenhangs, seine Spur im Ich? Und ist der Regenbogen nach der Sintflut der gegenständliche Repräsentant eines Ich, das sich durchs Fleischfressen (durch den Schrecken der Tiere) und durch Einbindung in hierarchische und durch Gewalt geprägte Gesellschaftsstrukturen bestimmt?
    Durch den Objektbegriff wurde die Vernunft in Isolationshaft gesetzt (transzendentale Ästhetik und Logik). Die Hegelsche Philosophie (Konsequenz hieraus) beschreibt aufs genaueste dieses Gefängnis, zu dem die Welt das Urteil spricht. Hierbei ist jedoch daran zu erinnern, daß ein Häftling die genaueste Kenntnis seines Gefängnisses beim Ausbruchsversuch erwirbt.
    Liegt nicht die Ambivalenz des messianischen Anspruchs Jesu in dem Wort „Ich bin’s“?
    Wenn die Feste des Himmels mit dem Ich zusammenhängt, haben dann die paulinischen Archonten etwas mit den sieben unreinen Geistern zu tun?
    Gehört die Trennung von Turm und König zu den Bedingungen des Ursprungs der Schrift und insofern zu den Ursachen der Verwirrung der Sprache?
    Die Sünde der Welt auf sich nehmen heißt begreifen, daß ich Anteil an der Auferstehung nur gewinnen kann durch die Hoffnung, die ich nur für andere hegen darf, hindurch. Und nur für andere, das heißt auch: für die Toten.
    Das Faktum des Todes hängt mit dem Faktum des Weltbegriffs, d.h. mit der Entfremdung des Denkens und des Dings, mit dem Begriff, der die Dinge von allen hinter ihrem Rücken begreift: mit der Vollendung der verinnerlichten Schicksalsidee im Prozeß der Aufklärung selber, zusammen. Wer die Partei der Welt ergreift, sich dem Gebot der Übernahme der Sünde der Welt entzieht, ergreift die Partei des Todes (vgl. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“).
    Ist das Sumerische die Wasserscheide, die die indogermanischen Sprachen von den semitischen trennt (Turmbau zu Babel)?
    Problem des Sanskrit: Mit welchen gesellschaftlichen und religiösen Institutionen hängt diese Sprache zusammen? (Vgl. Rosenzweigs Konstruktion der indischen Abstraktionsgestalt des Mythos.)
    Das Produkt der Universalisierung der Welt ist die transzendentale Logik, die als Sprengung jeglicher Gestalt auch die griechische Kosmosidee sprengt (und zugleich das Außen-Innen-Paradigma begründet). Die Spenglersche Idee, daß die Stelle, die im griechischen Bereich die Götter- (und Heroen-)Statue einnimmt, in der modernen Welt durch die Musik besetzt ist, verweist genau auf diesen Zusammenhang.
    Drei Konsequenzen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit:
    – die objektive Präsenz des sinnlichen Objekts im Licht,
    – die Richtungsabhängigkeit des Zeitmaßes und vor allem:
    – die Einheit der Zeit, die Konzeption des Raumes als Form der Gleichzeitigkeit, erweist sich als der Schock, der den Dingen erteilt wird und sie zu physikalischen Objekten überhaupt erst macht. Dieser Schock gründet in der mathematisch bedingten Trennung von Raum und Zeit, in der Konstituierung der Vorstellung einer homogenen Zeit.
    Wer den Witz erzählt, darf selbst nicht lachen (das gehört mit zur Technik des Unterlaufens der Geistesgegenwart, das die Wirkung des Witzes überhaupt erst ermöglicht); aber alle, die dann lachen, machen sich mit dem Witzeerzähler gegen das Objekt des Witzes gemein. Es sei denn, man lacht nicht mit und versucht (geistesgegenwärtig), den Trick zu durchschauen (der in der Verletzung des Gebots der Übernahme der Sünde der Welt liegt). Aber heißt das nicht auch, daß bisher die Christen mit der Konstruktion der Opfertheologie nur mitgelacht haben über das Opfer, anstatt Gethsemane zu begreifen? Das Christentum heute ist das zwangshaft schallende Gelächter, das das Wort Gottes übertönt. (Unterscheidet sich der jüdische Witz vom christlichen nicht durch das verzweifelte Bemühen, den Christen endlich die Technik des Witzes, den Trick, klarzumachen, indem es die Partei der Opfer ergreift? Hier ist der Erzähler selber zugleich das Objekt.)
    Im Witz ersetzt die Pointe den Beweis. Wo liegt die Pointe der Naturwissenschaften? Wer sie findet, kennt den Grund aller Pointen.

  • 02.09.92

    Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Oder gibt es einen Zusammenhang des Ursprungs der Architektur mit dem der Schrift? Und ist Heideggers „Haus des Seins“ ein später Abkömmling des Turms von Babel? Und ist das Sein, dessen „verandernde Kraft“ Franz Rosenzweig bemerkt hat, ein Synonym der Verwirrung, die der biblische Name Babel bezeichnet? Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung und der Struktur der heute so genannten „sumerischen“ Sprache zu tun?
    Im Verhältnis von Architektur und Sprache reflektiert sich erstmals das Verhältnis von Raum und Sprache: Das Außen-Innen-Paradigma hat hier seinen Ursprung; und der Turmbau zu Babel ist die erste Gestalt dessen, was Kant später die subjektive Form der Anschauung genannt hat. Erinnert nicht jeder Turm seitdem an den von Babel?
    Das Außen-Innen-Paradigma ist ein politisches und ein architektonisches Paradigma.
    Zur Geschichte des Turmes gehört auch die Erfindung der Turmuhr und der Glocken, sowie die Domuhren, die nicht nur die Zeit, sondern auch den Stand der Sterne, des Mondes und der Sonne anzeigten. Aber auf der Kirchturmspitze sitzt der Hahn.
    Die Ziegel, aus denen der Turm zu Babel erbaut wurde: sind das nicht die Keilschrift-Ziegel? (Zusammenhang des babylonischen Turms mit dem Ursprung der Schrift, des Geldes, der Tempelwirtschaft, der Astronomie: schließlich der Idee des „Universums“, der „in eins gewendeten“ Welt: der Universitäten und des Wissenschaftsbegriffs.)
    Die biblischen Witwen und Waisen, sind das die gottlosen Staaten und ihre Bürger (Ninive und die 120000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können)? Vgl. hierzu auch Jesaia (10. Kap.?). – Muß man zum Buch Jona nicht auch die übrigen Ninive-Stellen hinzunehmen (von Nimrod bis zur realen Zerstörung Ninives)?
    Zum Rousseauschen Begriff der Natur gehört die Vorstellung eines Bereichs der Freiheit von Schuld, eines Bereichs, in dem man dem zivilisatorischen (gesellschaftlichen) Schuldzusammenhang entronnen ist. Die Vorstellung einer natürlichen Unschuld und einer unschuldigen Natur stammt hierher; und der Schöpfungsbegriff in der Parole von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist durch diese Vorstellung gefärbt.
    Natur als Abfalleimer (oder zum Ursprung des Begriffs der Materie): Die Funktion des Naturbegriffs war es, das Subjekt von der „Sünde der Welt“ zu entlasten. Die Natur wurde (im Ansatz bereits seit dem philosophischen Ursprung ihres Begriffs, explizit jedoch seit Rousseau) als ein Bereich der Unschuld, der Freiheit von den Belastungen und Pflichten des Lebens in der vom Geld beherrschten Gesellschaft (im Staat, dem Demiurgen, dem „Schöpfer“ der „Welt“), vorgestellt, als Folie für die Beschwernisse des urbanen Lebens; Aufgabe dieses Naturbegriffs war es, die „Sünde der Welt“ auf sich zu nehmen und die Sichtbarkeit dieser „Schuld“ gegen ihre realen Urheber abzuschirmen, diese so zu exkulpieren (ähnlich nehmen das Opfer, der Herrscher und am Ende der „Führer“ die Schuld aller auf sich: und exkulpieren sie damit – Zusammenhang mit dem Bekenntnisbegriff?). Und wenn im Naturbegriff (bis heute unbemerkt) auf diesem Wege die christologische Logik wiederkehrte und zugleich verdrängt wurde, so widerfuhr ihm das gleiche Schicksal, das er einmal seinem Erzeuger, dem Mythos, der Idolatrie, dem Sternen- und Opferdienst bereitet hat. Merwürdige Stellung des christlichen Dogmas in diesem Prozeß!
    Wie hängen rein und unrein (in der Bibel und in der Waschmittelreklame) mit Schuld und Unschuld zusammen; und weshalb ist die Materie dunkel?
    Eine Kritik der Naturwissenschaften ist ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht mehr möglich; aber auf diese Idee der Auferstehung der Toten können sich die Täter von Auschwitz nicht mehr berufen.
    Der Begriff der Erschaffung der Welt, der aus der Philosophie stammt, aus der aristotelischen Tradition, bezieht sich eher auf das zweite bara im Schöpfungsbericht, nicht auf das erste (die Erschaffung des Himmels und der Erde): auf die Erschaffung der großen Seeungeheuer am vierten Tag. Zu diesen „großen Seeungeheuern“ gehören sicher u.a. die großen Fische im Buch Jona und im Buch Tobit, wahrscheinlich auch die „153 großen Fische“ am Ende des Johannes-Evangeliums; dazu wäre noch hinzuweisen auf die Stelle in der Geheimen Offenbarung, in der die Wasser, an der die Hure Babylon sitzt, dechiffriert werden als „Völker, Sprachen, Stämme und Nationen“: sind nicht eben diese gemeint als die „großen Seeungeheuer“? Hier stellt sich die Beziehung zum Weltbegriff her, der das Erbe der Idolatrie, des Sternen- und des Opferdienstes angetreten hat und durch sie in die Geschichte der Völker, Stämme, Sprachen und Nationen verflochten ist.
    Völker, Stämme Sprachen und Nationen: sind das die Nachkommen Abrahams, die Söhne Jakobs, die Hebräer und die Israeliten?
    Wie hängt der Begriff der Nation mit dem der Natur zusammen?
    Die dritte Phase der Verleugnung ist die des „von allen Seiten hinter dem Rücken“: die der Geschichte der Naturwissenschaften (der unendlichen Welt) und des Kapitalismus. Beide werden beherrscht durch den ihnen einwohnenden Systemcharakter (Inertialsystem und Gravitationsgesetz, Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, Organisation politischer System: Ursprung der „Polizeywissenschaft“ – Subsumtion unter die Vergangenheit).
    „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ (Franz Rosenzweig: Stern der Erlösung): Die Idee Gottes schließt jede Vergangenheit, und damit jedes Wissen, von sich aus. Nur wer Gott sucht, erträgt das Nichtwissen, hält sich offen für eine Erkenntnis, die nicht im Wissen sich erfüllt. Wer in allem die Sicherheit des Wissens sucht (die Unsicherheit des Nichtwissens nicht erträgt) sucht eine Position hinter den Dingen (in ihrem Rücken) zu gewinnen und verrät mit Gott auch die Dinge (der Atheismus der Naturwissenschaft und des Kapitalismus).

  • 01.09.92

    Im Futur II verletzt die Sprache das Bilderverbot (oder sie transzendiert es, wie im Christentum).
    Haben Natur und Welt etwas mit dem Ja und Nein bei Rosenzweig, in der Konstruktion des „Stern der Erlösung“, zu tun? Dann wäre das Nein die Welt?
    Der Naturbegriff ist nach dem Verfahren der Rosenzweigschen Konstruktion nur durch die Umkehr hindurch auf die Theologie zu beziehen. Und die Rezeption des Naturbegriffs in der dogmatischen Theologie war der Sündenfall, oder zumindest ein Indiz des Sündenfalls der Theologie.
    Rousseau, der dem modernen Naturbegriff die Bahn freigemacht hat, hat zugleich seine Funktion kenntlich gemacht: Die Parole „Zurück zur Natur“ war motiviert und begründet im Zusammenhang der Flucht vor den Zwängen und Pflichten der Welt, dem Versinken in den Schuldzusammenhang. Genau darin lag die Verführungskraft der Rousseauschen Parole (und des Naturbegriffs seitdem).
    Merkwürdige Parallele zwischen den drei Verleugnungen und den drei Stufen der correctio fraternae, der „brüderlichen Zurechtweisung“. Relativiert oder widerlegt nicht gar die Geschichte der drei Verleugnungen die Regel der correctio fraternae?
    Die drei Verleugnungen (ihre objektive Strukturfolge) in der Geschichte der Schrift nachweisen (Kanon, Reflexion, „Sekundärliteratur“ als Ersatz der Kritik). Die Sekundärliteratur zerstört die Literatur (die Schrift) von innen; und diese Selbstzerstörung hat auch noch ihr Referenzfeld (in der Geschichte der Naturwissenschaften) und ihre Geschichte (und diese hat – im deutschen Idealismus – die kanonische Gestalt ihrer Selbstreflexion).
    Die zweite Stufe der Verleugnungen, das ist die des Zuschauers, der die Dinge von der Seite (oder von hinten) betrachtet (die Stufe der moralischen Neutralisierung des Subjekts durch die „Theorie“). Die dritte Stufe ist die des barbarischen Umschlags des Zuschauens von außen nach innen, Ursprung des barbarischen Innen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Hier lernten sie es, sich in den Augen der Anderen (der Zuschauer) zu sehen, und das ist wohl immer noch der schwierigste Punkt im „Sozialisationsprozeß“ (Ursprung des Weltbegriffs und der Scham, deren Geschichte in die des Weltbegriffs verflochten ist). Hegels Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ ist ein spätes Echo des biblischen Satzes „Und sie erkannten, daß sie nackt waren“.
    Die Konstituierung des Bewußtseins einer (quasiräumlichen) homogenen Zeit, die grundsätzlich mit dem Erwachen des historischen Bewußtseins, endgültig aber erst mit der Konstituierung des Inertialsystems sich durchsetzt, verdankt sich dieser „Seitenansicht“ der Dinge; historisch fällt sie zusammen mit den kosmologischen (astronomischen) Konzepten der Antike und der Moderne.
    Der Begriff der trägen Masse konstituiert sich in der gleichen Bewegung, in der auch die Fallgesetze und die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts entdeckt werden.
    Der Begriff der Materie konstituiert sich im Kontext der „Seitenansicht“ der Zeit.
    Die Ableitung der Mikrostruktur der Materie aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit müßte bis zu dem Punkt möglich sein, an dem der Nachweis sich führen läßt, ob die mathematische Ableitung der mikrophysikalischen Naturkonstanten (Plancksches Wirkungsquantum, Elementarladung, Masse des Protons und Elektrons) möglich ist.
    Der Weltbegriff verdankt sich der Verinnerlichung des Opfers (oder auch: der Verinnerlichung des Schicksals). Und genau hier ist der Punkt, an dem sich die Beziehung zum Wort von Übernahme der Sünde der Welt durchsichtig machen läßt. Die Differenz zwischen der Hinwegnahme und der Übernahme der Sünde der Welt ist der Unterschied ums Ganze (Ursprung und Funktion der Opfertheologie, Zusammenhang der Opfertheologie mit der Konstituierung des Weltbegriffs; Naturbegriff als Inbegriff der nichtübernommenen Schuld). Die „Hinwegnahme“ ist der Grund der Ideologie, die das Christentum bis heute daran gehindert hat, sich selbst zu begreifen. Und die Geschichte dieser (bewußt- und hilflosen) Selbstbehinderung ist die Geschichte des Kampfes zwischen Orthodoxie und Häresie, die es ohne die Opfertheologie so nicht gegeben hätte.
    Mit dem Bischofsamt, im Amt des „Aufsehers“, wurde die Seitenansicht der Dinge in die Struktur der Kirche, in ihre hierarchische Struktur, mit installiert. Zusammenhang der Ämter in der frühen Kirche: Apostel, Diakon, Priester (Älteste) und Bischöfe (Aufseher).
    Ist die Hiob-Stelle, die in der Kabbala auf die dreifache Seelenwanderung bezogen wird, vielleicht auf die dreifache Leugnung zu beziehen?
    Die Konstruktion des Dualis im Hebräischen (mizraim, überhaupt die Endung im, z.B. in majim, schamajim, elohim u.ä.)?

  • 29.08.92

    Ist nicht die aus der Zeit des Hexenwahns stammende Vorstellung vom Verkehr der Hexen mit dem Teufel ein Abkömmling, ein spätes innerchristliches Echo des hieros gamos? Darin das projektive, auf die Dämonisierung der Theologie selber zurückweisende Moment erkennen, würde den Bann wirklich lösen.
    Das Quantenprinzip und die daraus ableitbare Mikrostruktur der Materie ist eine unmittelbare Folge aus dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem (Spur der Differenz zwischen dem Raum des Inertialsystems und dem Anschauungsraum).
    Heinsohn wagt es nicht, dem Hexenwahn ins Antlitz zu schauen. Statt dessen zeichnet er eine Karikatur des Wahns (das Bild des Wahns, wie es aus der Sicht der Opfer sich darbietet, als Karikatur), um so das Problem zu neutralisieren. Ähnlich – und in der gleichen Richtung verhängnisvoll – verhält es sich, wie mir scheint, mit seiner Antisemitismustheorie. Beides scheint zusammenzuhängen mit dem sektiererischen Grundzug, gleichsam der Ketzer-Logik, die seine Darstellungsweise und sein Beweisverfahren beherrscht. Die Ketzer-Logik ist ein abgespaltener Teil der Bekenntnis-Logik; sie versucht, den Status der Orthodoxie im Kampf gegen die Orthodoxie zu gewinnen (die Orthodoxie bei dem von ihr selbst erzeugten falschen Namen zu nehmen): hier ist die zentrale Kategorie die des Scharfsinns (nicht zufällig eine der Kriminalistik, dem Detektivischen, dem Bereich Verbrechensverfolgung angehörige Kategorie).
    Der König war seit dem Ursprung dieser Institution Erbe des Opfers. Ihm wurde die Schuld aufgelastet, die die ersten Bürger noch nicht zu tragen vermochten; und dafür wurde er geehrt. Aus dieser magischen Tradition, scheint mir, stammt der rationale Kern des Satzes von der Übernahme der Sünde der Welt (ausgesprochen vom gleichen Johannes, der den Herodes wegen seiner Beziehung zur Frau seines Bruders angreift und deshalb auf Verlangen der Frau hingerichtet wird – vgl. auch das Jesus-Wort über Johannes: „Was seid ihr gekommen zu sehen …?“). Heute, angesichts der vollendeten Vergesellschaftung von Herrschaft, wäre endlich diese Königstradition mit zu vergesellschaften (als Antwort auf die „Verinnerlichung des Opfers“, die die DdA als Teil des bürgerlichen Subjektbegriffs erkannt hat). Das christologische Dogma, die Vergöttlichung des Opfers, und sein das Bewußtsein insgesamt verhexender Abkömmling: der moderne Naturbegriff, liegen in dieser unaufgeklärten Königstradition, genauer: in der mythologischen, der heidnischen, nicht in der jüdischen Königstradition.
    Ist das Geld die Eucharistie des mythischen Königs (und deshalb der Kapitalismus reiner Kult ohne Dogma)? Gleicht nicht die Logik der Eucharistie der des Geldes? Und was hat Pilatus in der Messe zu suchen?
    Materie ist eine Kategorie der Geld-Mystik (die Substanz des corpus mammonis mysticum).
    Den biblischen Schöpfungsbericht als ein Stück politischer Theologie lesen: das dürfte auch dem „kosmologischen“ Gehalt des Schöpfungsberichts näherkommen als jeder Versuch einer naturwissenschaftlichen Interpretation.
    Ist das Licht, das am ersten Tag allein durchs Wort geschaffen wurde, das gleiche, das auch dem Visionsbegriff zugrundeliegt: eher ein sprachlicher als ein optischer Sachverhalt, Grund der benennenden Kraft der Sprache, ihres „Objektbezugs“? Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ ist ein Beispiel für dieses innersprachliche „Sehen“, von dem die erkennende Kraft der Begriffe sich herleitet (woran erkennt ein Kind, daß Bernardiner und Dackel Hunde sind?), und das in der metaphorischen Sprache fortlebt (Zusammenhang der Metaphorik mit dem Angesicht: in der Metaphorik werden nicht nur die Dinge von uns, sondern auch wir von den Dingen erkannt).
    Der Weltbegriff steht in der kainitischen Tradition.
    Die formalisierte Logik zerstört die Grundlagen der Argumentation (der logischen Grund-Folge-Beziehung): das rührt daher, daß in der Argumentation etwas von der benennenden Kraft der Sprache noch sich manifestiert, die dann durch die Einbeziehung in die Zwangslogik der Beweisführung und deren „verandernde“ Kraft neutralisiert wird.

  • 28.08.92

    Die eigentliche Botschaft, die die Naturwissenschaften nach draußen vermitteln, liegt nicht in dem, was in populärwissenschaftlichen Büchern steht, sondern in der Grunderfahrung, daß die Welt aus Material und den Mitteln seiner Bearbeitung besteht und die Natur das natürliche Objekt der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist.
    Heinsohn spricht zentrale Probleme der Menschheitsentwicklung (Ursprung des Geldes und der Sexualmoral) an, löst sie aber auf eine Weise, die den Autor und den Leser entlastet, indem sie ihn aus dem Schuldzusammenhang herausnimmt und Sündenböcke (vorge-schichtliche Naturkatastrophe, kirchliches Interesse an Menschenproduktion) zur Abdeckung der Lücken im System, des Defizits anbietet (ausgeklammert wird generell der patriarchalisch-frauenfeindliche Aspekt). Nicht zufällig erinnert sein Verfahren an das der Aufklärung, die immer schon mit Hinweisen auf Natur und Priestertrug Rationalitätsdefizite begründete. Hier scheint auch der Grund der Notwendigkeit und der Qualität seines polemischen Talents zu liegen. In dem bevölkerungstheoretischen Ansatz seiner Erklärung der Hevenverfolgung liefert er durchschlagendes Material für das Verständnis der Funktion der Sexualmoral insgesamt, wehrt aber dann im Hinblick auf Reich dessen „funktionalisierenden Ansatz“ ab (und behält damit von Reich nur den Slogan einer Zigarettenreklame übrig: Genuß ohne Reue). Und die unbesehene Gleichsetzung der präurbanen Methoden der Verhütung mit den technisch-industriellen, die heute sich durchsetzen, verweist auf die Schwächen seines Ansatzes. Das Vorurteilsmoment im Hexenwahn, das sehr früh seine eigene trieb- und realökonomische Schubkraft gewann, bleibt außerhalb seines Gesichtskreises und wird auch bewußt dort gehalten. Damit aber bleibt auch der Grund und der Stellenwert des Sexualtabus (sein Rationalitätskern im patriarchalischen Herrendenken) unbearbeitet. Seine Polemik zehrt vom Gestus des Jüngsten Gerichts (einer verkürzten Version des Hegelschen Weltgerichts), mit einer durchgebildeten Sündenbock-Dämonologie (in der der verdrängte Rationalitätskern der kirchlichen Sexualmoral wiederkehrt).
    Muß Heinsohn das Vorurteilsmoment im Hexenwahn leugnen, weil dessen Erkenntnis an die eigenen Verdrängungen rührt? Und geht es nicht in der Naturkatastrophen-Theorie und im bevölkerungspolitischen Ansatz seines Hexenverfolgungs-Konzepts um die Neutralisierung des gleichen Problems (des Problems der Gemeinheit und ihres Ursprungs im Kontext des Patriarchats, der Entstehung des Privateigentums, des Weltbegriffs)?
    Die biblischen Genealogien sind wohl auch aus ihrer Verknüpfung mit dem chronologisch-biologischen (Zeugungs-)Kontext herauszulösen:
    – Abraham entstammt der Linie Arpachschad (und nicht Aram), aber seine Verwandten sind Aramäer (er selbst ein Hebräer).
    – Die Stammbäume des Kain und des Seth sind teilidentisch, unterscheiden sich u.a. durch die Reihenfolge (vgl. insbesondere Henoch und Enosch, auch Lamech!).
    Gilt der Satz „Niemand kennt die Zeit und die Stunde außer dem Vater, der im Himmel ist“ außer für die Zukunft auch für die Vergangenheit (Verhältnis von vergangener Zukunft und zukünftiger Vergangenheit)? Und sind unter diesem Vorbehalt nicht auch die Genealogien (die toledoth, einschließlich des Sechstagewerks) zu lesen?
    Haben die sieben unreinen Geister etwas mit den sieben Engeln der Gemeinden (die Adressaten, nicht Boten der apokalyptischen Botschaft sind: aber wessen Boten sind sie?) in der Apokalypse zu tun? Und gibt es eine gemeinsame Beziehung beider zu den sieben Diakonen (die ersten Märtyrer: ein Apostel und ein Diakon, Jakobus und Stephanus)?
    Das hypostasierende, verdinglichende Denken, das die Erneuerung der Theologie heute verhindert, wird durchs Dogma und durchs Bekenntnis und ihre gemeinsame Logik abgesegnet und stabilisiert.

  • 26.08.92

    Heinsohns Bemerkung, Norbert Elias habe den Prozeß der Zivilisation „evolutionistisch verrätselt“, drückt nur seine eigenen Verdrängungsmechanismen aus. Wenn er, was er „Verrätselung“ nennt, als Begriff eines realen Prozesses akzeptieren würde, ließe sich sein konkretistisches Konzept („Naturkatastrophe“) so nicht mehr halten. (Merkwürdig, daß Heinsohns Verdrängungsansätze insbesondere im Feld der Bevölkerungstheorie sich manifestieren.)
    Die Idee des stellvertretenden Leidens ist sinnvoll nur im Kontext des Nachfolgegebots. Der Gedanke, daß ein anderer durch oder für meine Schuld leidet, ist ohne die Idee der Gottesfurcht unerträglich. Auf keinen Fall ist mir das Produkt dieses Leidens gleichsam zum Konsum (zum Genuß: hier, nicht in der Sexuallust, liegt das Substrat der Erbschuld) gegeben. Mit der Konsumtheorie des stellvertretenden Leidens (der Opfertheologie) schaffen wir uns die Armen und die Fremden aus den Augen: bereiten wir ihren Mord vor.
    Das trinitarische Dogma und seine begriffliche Ausgestaltung ist wahr und blasphemisch zugleich (ebenso wie die modernen Naturwissenschaften).
    Die Seele und die Person sind amputierte Gestalten des Antlitzes. Als Person macht sich auch die Seele noch unsichtbar (versteckt sie sich hinter der Maske).
    Der Personausweis ist ein Verwandter des Fahndungsplakats, Ausdruck davon, daß der Staat apriori seine Bürger unter Anklage stellt, aus der er nur durch sein Bekenntnis zum Staat, durch nationalistische Identifikation mit dem Aggressor Staat herauskommt.
    Ist die Dornenkrone nicht ein anderes Symbol für den gleichen Sachverhalt, auf den auch der Kelch verweist?
    Das Gravitationsgesetz ist ein Ersatz für die Waage (die es real nicht gibt), um das „Gewicht“ der Erde, des Mondes, der Sonne und der Planeten zu bestimmen (Ursprung des verdinglichenden Denkens).
    Die letzte Zeit wird das Gesicht eines Hundes tragen: Hängt das mit jener Erfahrung zusammen, die man mit Hunden (und mit Skinheads) macht, die aggressiv werden, wenn man sie anblickt? Babylon hatte den Hund als Symbol.
    Die Fortpflanzungsentscheidung war seit je Teil eines ökonomischen Kalküls (Heinsohn, S. 200). Sie ist heute völlig irrational geworden. Werden Kinder nur noch aus Selbstmitleid gezeugt? Es wächst das Gefühl davon, welche Schuldenlast wir den Kindern aufbürden, welches Schuldenerbe wir ihnen hinterlassen.
    Der Gläubiger ist einer, der im Vertrauen auf die „Ehrlichkeit“ (sprich Bonität) des Kreditnehmers diesem einen Kredit gegeben hat.

  • 23.08.92

    Zur Kritik der Ontologie: Das Sein als Kopula im Urteil ist das Konstituens der Welt.
    Ist die Kirche nicht genau in die Tradition derer eingestiegen, die im Johannes-Evangelium „die Juden“ genannt werden? Und welche Rolle spielt hierbei der Hebräer-Brief (die Hohepriester-Passage)? – Was hat es mit dem Hebräer-Evangelium auf sich?
    Die beiden Formen der Einsteinschen Relativitätstheorie berühren genau den Punkt im naturwissenschaftlichen Konzept, an dem es dem apokalyptischen Begriff dessen, der „war, nicht ist und wieder sein wird“, entspricht. Durch die Identität von träger und schwerer Masse wird auch das Inertialsystem ins Fallgesetz mit einbezogen. Aber die Schwerkraft ist ortsabhängig, die Lorentz-Transformationen und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sind richtungsabhängig; beide beziehen sich demnach getrennt auf die beiden Konstruktions- bzw. Reflexionselemente des Raumes: die Orthogonalität und die Linearität (die die metrische Struktur des Raumes bestimmende Beziehung von Winkel-und Längenmaß, der Grund der Beziehung von Raum, Zeit und Materie, der Trennung von Begriff und Objekt und zugleich der elementaren mathematischen Strukturen und Operationen). Hier ist der Realgrund dafür, daß es im Bereich des Schicksals keine mögliche Beziehung zur Unschuld oder zum Glück gibt.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes, die die Dinge für uns zum Objekt macht, indem sie den Abgrund hinter den Dingen eröffnet, leugnet (und sprengt, vernichtet) mit den sinnlichen Qualitäten der Dinge (mit ihrer Beziehung zum Licht) das Angesicht.
    Wie ist das Wort von den „vielen Wohnungen im Hause meines Vaters“ (Joh 142) zu verstehen?

  • 22.08.92

    Das Staunen Gunnar Heinsohns darüber, daß die gleiche israelitische Geschichte, die einmal Maßstab war für die altorientalische Chronologie, dann daraus gestrichen wurde, während die so entstandene Chronologie im übrigen unverändert beibehalten und dann antisemitisch genutzt wurde, paßt sehr genau zusammen mit jener merkwürdigen Geschichte, in der die christliche Theologie (die dogmatisch verstandene Orthodoxie) objektiv zu den Entstehungsbedingungen der modernen Naturwissenschaften gehört – wobei der moderne Naturbegriff ohne die christologische Logik (die den Täter exkulpierende Logik der Vergöttlichung des Opfers) nicht zu denken ist -, nicht den Naturbegriff in Frage stellt, sondern durch ihn hindurch die Theologie so verhext, daß sie, zur Unkenntlichkeit entstellt, ohne Gefahr des Einspruchs bestritten werden kann.
    Die Astronomie gehört seit je zu den staatsbegründenden Wissenschaften (Kopernikus, Bodin, Kolumbus und die Hexenprozesse).
    Wo liegt die Differenz zwischen einer gesellschaftlichen und einer realen Naturkatastrophe? In ihren Auswirkungen auf die Opfer kann sie nicht liegen. Worin lag die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon für die Geschichte der europäischen Aufklärung? Lag sie nicht darin, daß es sich hier um eine Katastrophe handelte, die keinen Schuldigen brauchte?
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die subjektiven Formen der Anschauung der anderen; in ihnen bezieht sich das Denken auf das Denken der anderen; sie sind die Statthalter der anderen im Subjekt (Medium der Vergesellschaftung des Subjekts). Darin liegt ihre große Bedeutung für die philosophische Begründung des Wissenschaftscharakters der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Hier lernt das Subjekt sich selbst von außen (in den Augen der anderen) sehen. Das gehört in die Geschichte vom Sündenfall: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
    Das, was im Objektivationsprozeß nach innen verdrängt wird, wird verdrängt vor der Gewalt des Äußeren, vor der das Subjekt schon kapituliert hat. Diese Kapitulation ratifiziert das Ende des Prozesses: das Barbarisch-Werden und schließlich das Verschwinden dessen, was unterm Begriff des Inneren falsch begriffen wird. Die Idolatrie und der Ursprung des Weltbegriffs bezeichnen den Anfang dieses Prozesses.
    In der Diskussion der transzendentalen Logik gab es die Frage nach der transzendentalen Ableitung dieser Schreibfeder, die Aufforderung an den transzendentalen Idealismus, ihre Existenz aus den Voraussetzungen der reinen Vernunft zu konstruieren. Mit diesem Beispiel wurde auf den auch durch den transzendentalen Idealismus nicht aufgehobenen Wert der Empirie hingewiesen. Aber dahinter steckt ja doch auch noch ein anderes: Ist die „Ableitung“, die „apriorische Konstruktion“ einer Schreibfeder so denkunmöglich? Wäre sie nicht doch zu leisten durch eine Erinnerungsarbeit, die mit der Schreibfeder die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Stellung im Lebensprozeß der Gesellschaft (Zusammenhang der Schrift und ihrer Techniken mit der Urgeschichte des Staates und der Zivilisation, des Geldes, der Sprache, des Mythos, der Philosophie, der Prophetie) und den Stand dieser Geschichte in der Gegenwart, in der die Schreibfeder (dann der Füllfederhalter, die Schreibmaschine, die elektronische Textverarbeitung) ein wichtiges Indiz für die Stellung des Bewußtseins zur Objektivität und für die geistigen Produktions- (und Erinnerungs-)Bedingungen ist.
    Die Ezechielstelle über Jerusalem (Vater ein Amoriter, Mutter eine Hetiterin) mit Abraham-Melchisedek, mit Davids Eroberung Jerusalems und dem Hebräer-Brief vergleichen?
    Die Frage, ob das Tausch-Paradigma oder das Schuldknechtschafts-Paradigma wichtiger sei für die Gesellschaftserkenntnis, scheint mir der anderen Frage vergleichbar zu sein, ob der begriffliche Zusammenhang der Mechanik besser durchs Relativitätsprinzip oder durchs Gravitationsgesetz zu bestimmen sei. Beide Aspekte gehören zum Begründungszusammenhang ihres Objektbereichs und zum Konstitutionszusammenhangs ihres objektbegründenden Referenzsystems. – Bedeutung der Relativitätstheorien Einsteins, die zwar nicht die Lösung bieten, aber die bis heute genaueste Darstellung des Problems.
    Zur Kritik der Naturphilosophie: Bezeichnet nicht der Naturbegriff seit je den Mülleimer der Philosophie: Mit dem Naturbegriff wurde der Widerspruch zugedeckt, der von der Arbeit des Begriffs nicht abzulösen ist. Wer diesen Mülleimer öffnet, muß damit rechnen, daß, was er darin sieht, nicht mehr mit der Philosophie zusammen sich anschauen läßt. Mit der Auflösung des Rätsels des Naturbegriffs löst sich die Philosophie selber auf. Seit ihrem Ursprung hat die Philosophie den Naturbegriff als Mittel ihrer Selbstkonstituierung benutzt; sie hat ihn damit der Reflexion entzogen und ihm zugleich eine Last aufgebürdet, die er zu tragen nicht imstande ist.
    Wenn man die hegelsche Philosophie – das Autodafe der bisherigen Philosophie, wie Franz von Baader sie genannt hat – als die Selbstverständigung der Geschichte des Herrendenkens begreift, und wenn man das Herrendenken als die Außenseite der Theologie begreift, dann ist Adornos negative Dialektik Theologie.
    Der Nationalsozialismus, die Rassenideologie, enthält wie jede Ideologie (oder auch wie jeder Wahn) einen rationalen Kern. Diesen rationalen Kern mit aufzuarbeiten, ihn mit zu reflektieren, heißt auch: ihn dadurch, daß man ihn reflektiert, ihn ins Bewußtsein hebt, zu neutralisieren, ihm seinen wahnhaften Charakter zu nehmen.
    Die Tatsache, daß die hebräische Sprache kein Futur kennt, hängt mit dem Bilderverbot zusammen. Umgekehrt hängt die Existenz der futurischen Formen in den sogenannten indogermanischen Sprachen mit der Ausbildung des mythischen Denkens, mit der Geschichte der Säkularisation des mythischen Denkens durch Verinnerlichung des Schicksals, des Ursprungs und der Entfaltung des begrifflichen Denkens zusammen, bis hin zum Ursprung des Weltbegriffs, des Inertialsystems und der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Der Schritt über die vorgriechische Geschichte hinaus wird präzise bezeichnet durch die Bildung des Weltbegriffs, mit dem Naturbegriff gleichsam als Abfalleimer.
    Die Wiedergewinnung des messianischen Element ist ohne die Kritik der Christologie und ihres Zusammenhangs mit dem philosophischen Naturbegriffs nicht zu leisten.
    Die Entdeckung des Blutkreislaufs und die Entdeckung des kopernikanischen Systems sind gleichzeitig; sie stehen in einem Schuld-und Systemzusammenhang mit dem anatomischen Ursprung der modernen Medizin und der gleichzeitigen Geschichte der Hexenverfolgung.
    Kann es sein, daß der Begriff der Arier kein stammesgeschichtlicher, sondern ein herrschafts- und sprachgeschichtlicher (Ursprung der staatenbegründenden Sprache) und damit primär ein soziologischer ist?
    Ist das Wasser, dieses flüssige Element, ein Symbol der Zeit, genauer: der Zeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Futur II und dem Inertialsystem sich darstellt (der Fähigkeit, die Zukunft als vergangen zu denken)? Und wird dieses „flüssige Element“ im Relativitätsprinzip (in dem der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie gemeinsamen Prinzip) benannt? Das würde die Einsteinsche Theorie erst in den Zusammenhang ihrer realen Bedeutung stellen: So wäre sie unmittelbar auf Thales („Alles ist Wasser“) und auf den biblischen Schöpfungsbericht (Geist Gottes über den Wassern, Scheidung der Wasser durch die Feste). – Die Festkörperphysik und die Gastheorien sind Objekttheorien, während die Flüssigkeitsphysik eine Systemtheorie sein müßte. Der speditionelle Begriff des Massengutes rührt ebenso wie der damit verwandte Begriff der flüssigen (nicht festen) Materie an den Grund des philosphisch-naturwissenschaftlichen Massenbegriffs.
    Der Arzt als magischer Helfer: diese Vorstellung ist ein Produkt der exkulpatorischen Delegation der eigenen Verantwortung für die eigenen Physis und die Gesundheit an einen Sündenbock; auch ein Versuch, schuldlos zu erscheinen (exkulpatorisches Element in der Krankheitslust).
    Das unbekehrte Christenum ist verinnerlichte Idolatrie, die so zum Ferment des Bösen wird: daher die Bedeutung der Teufel, Dämonen, unreinen Geister und die Höllenvorstellung im Christentum.
    Der Weltbegriff ist ein Begriff der Herrschaftsgeschichte, nach der Vergesellschaftung von Herrschaft, nach der Implantierung der subjektiven Formen der Anschauung im Subjekt, fast nicht mehr kritisierbar.
    Die Marxsche These (aus den Thesen über Feuerbach):
    Bisher haben die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern,
    genauer bestimmen:
    Bis jetzt steht die Philosophie unter dem logischen Gesetz des Weltbegriffs, es käme aber darauf an, sie aus dieser Verstrickung zu lösen.
    Mit der Reformation hat die Kirche ihre „häresienbildende Kraft“ verloren. Seitdem schmort sie in ihrem eigenen Saft.
    In dem in traditionellen Darstellungen der Logik beliebten Beispiel eines logischen Schlusses:
    Alle Menschen sind sterblich.
    Sokrates ist ein Mensch.
    Also ist Sokrates sterblich.
    wird unterschlagen, daß Sokrates sich dem Verfahren eines amtlich verordneten Selbstmords unterworfen hat. Er hat die Todesstrafe, die die polis über ihn verhängt hat, selber vollstreckt und den ihm nach seiner Verurteilung überreichten Schierlingsbecher getrunken. Das, so scheint mir, ist das Modell für das Heideggersche „Vorlaufen in den Tod“, die durch den Tod vollzogene Identifikation mit dem Kollektiv (Hegels „Substanz als Subjekt“); dieser Tod ist die Grundlage des Herrendenkens. Und die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist die Schrumpfform des philosophischen Unsterblichkeitsgedankens. Aber in dieser Konstruktion steckt zugleich das Echo aus der Geschichte vom Sündenfall: Wenn ihr von diesem Baume eßt, müßt ihr sterben, sterben. Hier wird der Tod als eine Konsequenz an eine Gestalt der Erkenntnis geknüpft, die seitdem der Grund ist für die Instrumentalisierung der Welt: die Erkenntnis des Guten und Bösen. Es ist der gleiche Prozeß, in dem über die Gestalt des sokratischen daimon und durch die Verinnerlichung der mythischen Schicksalsidee das Subjekt glaubt, aus dem mythischen Schuldzusammenhang heraustreten zu können und sich als „philosophisches Subjekt“ und als Teil der („zivilisierten“) Welt konstituiert. Die verinnerlichte Struktur des Schicksal ist zum Wesen des Begriffs geworden, unter dessen Herrschaft die Welt als Welt sich konstituiert.

  • 19.08.92

    Es ist schon eine merkwürdige Sache, daß das Passiv und das Futur mit dem selben Hilfszeitwort, nämlich „werden“, gebildet werden. Auch das zukünftige Handeln, insofern es vorausgesagt werden kann, ist ein passives Handeln (ein durch die Voraussage bereits bestimmtes Handeln, kein Handeln aus Freiheit). Aber diese „Voraussage“ ist nicht die der Prophetie.
    Im Deutschen wird das Futur II auch als Ausdruck einer bloßen Vermutung (in einem Satz, der sich auf ein vergangenes Ereignis bezieht, von dem ich keine sichere Kenntnis, kein Wissen, habe) gebraucht: „Er wird um diese Zeit in der Stadt gewesen sein.“ D.h. der Satz: „Er war um diese Zeit in der Stadt“ drückt nicht nur ein vergangenes Ereignis, sondern auch mein Wissen darum aus.
    Die Innenwelt ist die Außenwelt der Außenwelt.
    Nach Gen 1413 war Abram (nicht Abraham) ein Hebräer. Und „er nahm die Verfolgung auf bis nach Dan“ (1414), d.h. nach einer Region, die von seinem Urenkel den Namen hatte.
    Die Lehre von der Auferstehung der Toten eröffnet eine Beziehung zur Vergangenheit, die Theologie überhaupt erst möglich macht. Die Vorstellung, daß die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, gehört zu den Grundvorstellungen der Theologie. Aber die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten ist eine Hoffnung, die wir nicht für uns, sondern für andere hegen.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Existenz von … sind zwei Seiten ein und desselben Sachverhalts.
    Das Bekenntnis des Namens Jesu ist identisch mit der Übernahme der Sünde der Welt . Wer dem sich entzieht, leugnet ihn: Und die Geschichte dieser Leugnung ist in der Petrus-Geschichte festgehalten.
    Der Verzicht auf das moralische Außenurteil, auf das Urteil über andere, die Übernahme der Sünde der Welt und die benennende Kraft der Sprache.
    Für die vier Wesen, die nach allen Seiten Augen und Flügel haben, ist gleichsam nach allen Seiten vorn und oben, gibt es kein hinten und kein unten.
    Die Idee der Ewigkeit schließt die Vergangenheit von sich aus. D.h. zum Ewigen gehören auch die unabgegoltenen vergangenen Hoffnungen: Die Idee der Ewigkeit ist demnach ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht zu halten.
    Die Derridasche Dekonstruktion beruht auf einem Konstrukt, das den Sündenfall vor die Schöpfung setzt (vgl. Die Schrift und die Differenz, S. 311).
    Zum Unterschied zwischen Präfixen und Suffixen: Präfixe machen das Objekt zum Material einer Bearbeitung (Gegenstand einer Tätigkeit), Suffixe zum Instrument (unterschiedliche Beziehung zur Zeit: Imperfekt und Perfekt; im Perfekt gründet die Trennung von Objekt und Begriff)?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie