Kelch und Kreuz: Ist mit dem Kreuz im Nachfolge-Rat schon das Kreuz von Golgatha gemeint? Muß, wer das Kreuz auf sich nimmt, den Kelch trinken?
Die Unbelehrbarkeit (Produkt aus Schuld und Verstockung) ist eine Konsequenz aus der Sünde wider den Heiligen Geist. Sie kann weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden.
Jungfrauengeburt und die sogenannte „Enttäuschung der Parusieerwartung“: In beiden spielen die Mechanismen eine Rolle, die man in dem Konzept von Objektivierung und Instrumentalisierung zusammenfassen kann.
Alle Kosmogonien haben mit dem Urknall gemeinsam, daß sie sich um die Idee der Schöpfung herummogeln, den Naturbegriff als Totalitätsbegriff festhalten wollen.
Zu den Confessiones des Augustinus:
– Für ihn war das Bekenntnis als Symbolum in erster Linie etwas, das sich in seiner Beziehung zu Gott abspielte; es war esoterisch, der Gottesfurcht oder der Scham unterworfen.
– Vor den Menschen war es vorab ein Schuldbekenntnis, ein Sich-wehrlos-Machen, ein „Akt der Demut“, und zugleich ein Bekenntnis der Befreiung, mit dem Anreiz für andere, es nachzumachen. Hierin ist der ursprüngliche Sinn des Bekenntnisses noch sichtbar, aber hier ist genau der Punkt bezeichnet, an dem es umkippt in ein konfessionelles Bindemittel.
– Das zweite große Bekenntnis in der europäischen Geschichte, das des Rousseau, ist eigentlich nur noch exkulpatorisches Bekenntnis, Bekenntnis einer schuldlosen Schuld, das glaubt, im „Zurück zur Natur“ einen Fluchtweg aus dem Schuldbewußtsein, aus der Gottesfurcht gefunden zu haben, und das dann zwangsläufig in den christologisch instrumentierten Naturbegriff führt. Es kein Zufall, daß Rousseau, die Etablierung des modernen Naturbegriffs, diese zugleich ungeheure und subkutane Wirkung gehabt hat, in der gesamten Geschichte von Spinoza über den deutschen Idealismus bis hin zu Derrida.
– Welche Sünden bekennt Augustinus:
. die Gier und die Eifersucht des Säuglings,
. den Diebstahl des Heranwachsenden und
. die Sexualität des jungen Mannes, wobei er das moralische Problem nicht in der Trennung von der Frau, mit der er zusammengelebt hat, sieht, sondern nur in der sexuellen Beziehung, die er vor der Trennung gehabt hat. Diese Kälte ist die Kirche seitdem nicht mehr losgeworden. Indiz des Zusammenhangs der kirchlichen Unsterblichkeitslehre mit dem bürgerlichen Prinzip der Selbsterhaltung, das über diese Unsterblichkeitslehre (und durch die Aufnahme des Tauschprinzips in die bürgerliche Moral) gleichsam seine theologische Weihe erhält.
– Beim Augustinus ist der Kontext des ungeheuerlichen Wortes vom Binden und Lösen noch mit Händen zu greifen. Hat nicht dieses Binden und Lösen nicht sehr viel mit dem gordischen Knoten zu tun: den Alexander, Schüler des Aristoteles und erster Welteroberer, nur durchschlagen und nicht gelöst hat? Alexander ist geradezu die historische Verkörperung jener Beziehung von Philosophie und Herrschaft, die dann durch die Rezeption der Philosophie und durch die Übernahme des Erbes Roms in der Konstantinischen Ära von der Kirche übernommen und verinnerlicht worden ist, mit all den Folgen, die das gehabt hat.
– Im Anfang (im Zusammenhang mit dem Satz „inquietum es cor nostrum …“) kommt die Differenz zwischen dem Anrufen Gottes und der Kenntnis Gottes zur Sprache, ohne daß sie wirklich entfaltet wird. Ist nicht das „inquietum …“ ein Fluchtversuch aus dem Bereich der Gottesfurcht?
– Ist nicht der augustinische Gott – wie der philosophische -stumm, und wird er nicht gerade durch die dogmatische Logos-Spekulation zum Verstummen gebracht? Was ist das für ein Gott, in dem ich ruhen könnte?
Zur euklidischen Geometrie: Ein Dreieck in einer Ebene enthält sechs Bestimmungselemente: drei Längen und drei Winkel. Von diesen sechs Elementen müssen drei gegeben sein, um ein Dreieck eindeutig zu bestimmen, mit der einen Ausnahme: Durch drei Winkel werden nur ähnliche, nicht gleiche Dreiecke bestimmt (Grund ist u.a., daß aufgrund der mathematisch bestimmten Winkelsumme der dritte Winkel keine unabhängige Größe darstellt, sondern durch die Festlegung der beiden anderen mitbestimmt ist).
Hat das Rosenzweigsche Konstrukt Gott Welt Mensch etwas mit dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang zu tun, oder auch mit dem Verhältnis von Raum und Umkehr: Oben/Unten, Rechts/ Links und Vorne/Hinten (und zwar genau in dieser Reihenfolge)? Und gründet die Ebenbildlichkeit des Menschen in der Abbildlichkeit, in der abbildlichen Beziehung des Vorne und Hinten zum Oben und Unten? Für Gott gibt es kein Hinten, für den Menschen kein für ihn gegenständliches Unten (aus diesem Satz läßt sich die gesamte Moral ableiten).
Die Subjektivität der kantischen Formen der Anschauung wird bei Kant selber nachgewiesen durch die Antinomien der reinen Vernunft.
Israel ist der Augapfel Gottes; deshalb entspringt mit dem Versuch, der Gottesfurcht zu entgegehen, gleichsam hinter den Rücken Gottes zu gelangen, der Antisemitismus.
Es ist wahr: Mit dem Ursprung des Protestantismus war die häresienbildende Kraft in der Kirche erschöpft. Aber ist die Frage nicht interessanter: Wo und unter welchen Bedingungen ist die häresienbildende Kraft in der Kirche entstanden, wo ist sie entsprungen? Die Lösung dieser Frage würde die Lösung des Rätsels des Christentums mit einschließen.
Die apologetische Bemerkung in der Einleitung zu den Minima Moralia über die Bedeutung der individuellen Erfahrung für die Philosophie wäre ihres apologetischen Charakters zu entkleiden und als schlichter sachlicher Quellpunkt einer neuen Selbstbegründung der Philosophie zu bestimmen.
Naturwissenschaft
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07.05.92
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04.05.92
Die Welt ist alles, was der Fall ist: Der Fall ist das Subjektlose, Dingliche, Anorganische (z.B. das verpflanzte Herz, das Organ für den chirurgischen Eingriff oder das Objekt der Chemotherapie). Dagegen steht der Begriff der Verklärung (die Idee der Auferstehung), das Durchdringen der Todesgrenze nach innen und nach außen, die sapientia, die als „Schmecken“ den Verklärungspunkt der Erkenntnis kenntlich macht.
Wein: Trunkenheit als Verdrängungshilfe (und Zivilisationsstütze). Alkoholismus Konsequenz der Zivilisationsdroge (Vgl. Noah und den Zusammenhang des Nahrungsgebots, dem Fleischessen, mit der Erfindung des Weins, der Trunkenheit, der Aufdeckung der Blöße des Vaters durch Ham; Lots Töchter; Eucharistie und Hierarchie). Trunkenheit und Faschismus: Narkotisierung des Gewissens.
Der Unterschied zwischen Armut und Reichtum ist kein bloß quantitativer (kein Unterschied des Mehr oder Weniger), sondern ein qualitativer: Die Armut als Not, die zu arbeiten zwingt, ist die Quelle des Reichtums; und durch Arbeit wird niemand reich. Sie wirkt nur als Quelle des Reichtums, sie ist als „Energiequelle“ nutzbar, solange sie als Armut erhalten bleibt, nicht durch Arbeit aufgehoben werden kann. Das Verhältnis von Mehr oder Weniger ist dagegen bloßer Schein, der dem Maß, an dem Armut und Reichtum gemessen werden, dem Geld, sich verdankt. Gibt es hierzu ein physikalisches Pendant im Verhältnis von Schwere und Licht und deren Beziehung zum Raum; und bezieht sich hierauf die gleichnamig machende Kraft des Inertialsystems und des Gravitationsgesetzes (das das Inertialsystem gegen seine sinnliche Anfechtung, gegen die Anfechtung durch die Erfahrung der sinnlichen Natur, abgesichert hat)? Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit stellt das Recht der sinnlichen Erfahrung und – durch seine Beziehung zum Inertialsystem und durch seinen Beitrag zur Kritik der transzendentalen Logik hindurch – die erkennende Kraft der Sprache wieder her. -
29.04.92
Was bedeutet der Satz, daß Gott die Menschen liebt?
Wie hängt der Wertbegriff mit der Bekenntnislogik zusammen? Die Unterscheidung von Wert und Gegenstand ist Ausdruck des Zusammenhangs von Gegenständlichkeit und Instrumentalisierung; so verdankt sich die Bekenntnislogik der Objektivierung und Instrumentalisierung des Wahrheitsbegriffs, er wird verfügbar. Und deshalb sind Bekenntnisse Bekenntnisse zu Werten. Die Werte werden in der Reklame (ähnlich wie die Wahrheit als Dogma in der Apologetik) „auf den Punkt gebracht“.
Der Hegelsche Begriff der Aufhebung ist eine Parodie (und zugleich die Umkehrung) der Idee der Auferstehung. Die Aufhebung verhält sich zur Auferstehung wie der Begriff zum Namen.
In welcher Beziehung steht die Taube zum Heiligen Geist, wo kommt sie vor (von der Arche Noahs bis zu den Evangelien)?
Gibt es einen geschichtsphilosophischen Unterschied zwischen Silber- und Goldwährung? Beginnt die alte Geschichte mit der Silber-, die neue mit der Goldwährung?
Die Geschichte der Beziehung von Gold und Geld ist die Kehrseite der Geschichte von Schulden und Geld. (Ist Gold die Einheit von Licht und Schwere?)
Inflationen sind Ausdruck von Schuldenkrisen, die durch Sozialisierung der Schulden gelöst werden.
Hängt der Ausdruck Schulden mit Schultern zusammen (die Schuld auf sich nehmen)?
Läßt sich das Rätsel des biblischen Schöpfungsberichts auflösen, wenn die Geschichte der Geldwirtschaft durchsichtig wird? Und verweist nicht der zweite Schöpfungstag auf die Entstehung des Geldes (ist das Geld das Wasser – auch bei Thales)?
Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt?
Privateigentum, Geldwirtschaft, Patriarchat gehören zusammen. Reflex und Indikator dieses Zusammenhangs ist der Begriff der Materie; dagegen steht die theologische Idee der Verklärung (Zusammenhang mit dem Satz „Richtet nicht …“ und mit der Kritik des moralischen Urteils: „Der Ankläger hat immer unrecht“). Hier ist es mit Händen zu greifen – und zwar anders, als es die traditionelle, herrschaftsgeschichtlich determinierte Interpretation gern möchte -, wie Materialismus und Empörung zusammenhängen: Empörung ist nicht Empörung gegen Herrschaft, sondern Herrschaft selber ist Empörung. Vor diesem Hintergrund gewinnen die kantischen Antinomien der reinen Vernunft und die „Vorstellung“ des unendlichen Raumes und das Problem der Sexualmoral eine ungeheure Bedeutung (Naturbegriff, Trinitätslehre und Inzest).
Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde; und am sechsten Tag die Menschen (nach seinem Bilde, als Mann und Weib). Und der Kirche ist verheißen, daß, was sie auf Erden binden wird, auch im Himmel gebunden sein wird, und was sie auf Erden lösen wird, auch im Himmel gelöst sein wird.
Judith war auch eine Hebräerin?
Die Kirche hat am Ende des Mittelalters ihre häresienbildende Kraft verloren, weil sie sie in Gestalt der naturwissenschaftlichen Aufklärung in einer Form vor Augen hatte, gegen die sie hilflos war. Man kann gegen die Mathematik nicht vorgehen wie gegen Ketzer und Hexen: man kann sie nicht auf den Scheiterhaufen bringen (weil sie in der Tradition der Scheiterhaufen steht, aus deren Verinnerlichung hervorgegangen ist).
Die Hegelsche Philosophie ist eine Philosophie, die sich im Urteil der anderen versteht und begreift. Deshalb ist der Weltbegriff zentral für die Hegelsche Philosophie.
„Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört!“ (Jon 33f)
Es kommt nicht nur die Philosophie in der Prophetie vor, sondern auch die Prophetie in der Philosophie, und zwar im Begriff der Barbaren (oder der Materie).
Ein Zyniker ist ein Fundamentalist, der kein Terrorist werden möchte.
Gibt es eine Beziehung zwischen Münze und Symbolum (Prägung, Avers und Revers); drückt sich in der Prägung der Bruch aus, und welche Bedeutung haben die eingeprägten Köpfe (Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung des Königtums und des Geldes im Opfer)?
Zur Konstruktion des israelischen Königtums gehört es, daß nicht der Priester, sondern der Prophet den König erwählt und salbt.
Die Kritik des Bekenntnisbegriffs (und der Bekenntnislogik) wird in der Gestalt der Maria Magdalena verkörpert (Befreiung von den sieben unreinen Geistern).
Gibt es eine Beziehung zwischen der Bindung Isaaks, dem Sieg Abrahams über die Könige von Sodom etc. und der Melchisedek-Geschichte. zwischen Moloch, Melek und Melchisedek? Und stellt sich nicht über Melchisedek eine Beziehung her zwischen dem Hebräer Abraham und dem biblischen Hebräerbrief? Bei Abraham und Isaak erscheint die Geschichte mit Abimelech, dem Philisterkönig, während die Ägypter-Geschichte auf Jakob (Israel) und Josef vorausweist? Wie verhält sich Abimelech zu Melchisedek?
Barock als Geschichte der Privatisierung (und Vegrgesellschaftung) von Herrschaft, als Teil der Geschichte der Säkularisation (Absolutismus, Gegenreformation, Barocktheologie, Ursprung der Gnadenlehre, kasuistische – pornographische – Moraltheologie). Erst die Barocktheologie hat sich in dem Netz der Verdinglichung verfangen, aus dem die katholische Theologie sich seitdem nicht mehr hat befreien können. Der barocke Pomp, die barocke Kunst (die Kunst des Rahmens), ist die Ersatzbildung für den privatisierten und verdinglichten Wahrheitsbegriff.
Putten: Diese Form der Verniedlichung der himmlischen Heerscharen, Vermischung mit den mythischen Allegorien (Amor und Eroten): Vorläufer des Kuschel-Behemoth.
Im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft wird immer deutlicher und kenntlicher, was mit dem Begriff der Übernahme der Sünde der Welt allein gemeint sein kann.
Das Bekenntnis als verinnerlichte Exkulpationsmagie.
Ist der Heideggersche Titel „Vom Wesen des Grundes“ nicht der genaueste Ausdruck der Abschaffung des begründenden, argumentativen Denkens? Und entspricht dem nicht genau die Hypostasierung der Frage, die Konstruktion der objektlosen Angst und des Daseins als In-der-Welt-Seins? Ist das Wesen des Grundes nicht der Inbegriff dessen, was theologisch „Abgrund“ heißt. Die Heideggersche Fundamentalontologie ratifiziert den Einsturz der Hegelschen Logik, die Trunkenheit des Begriffs am Ende nüchtern, rational beschrieben hat.
Heidegger hat den Ursprung der Angst unerkennbar gemacht, indem er die Angst zu einem objektlosen Affekt gemacht hat (oder machen mußte, weil seine Philosophie vom Objektparadigma sich nicht lösen konnte). Es gibt keine Angst ohne Beziehung zur Schuld; die Unfähigkeit zur Schuldreflexion macht die Angst objektlos. Diese Schuldbeziehung gilt auch für die Todesangst. Wenn das Christentum die Todesangst „überwindet“, dann nur im Kontext der Übernahme der Sünde der Welt. Heute jedoch nimmt das Christentum nur noch die Schuldangst hinweg, indem es die Todesangst verdrängt; wer wagt denn noch, an die Unsterblichkeit der Seele oder an die Auferstehung der Toten zu glauben: gemeinsamer Ursprung des pathologisch guten Gewissens und der Gemeinheitsautomatik. Es gibt Schlimmeres als den Tod. Umgekehrt: Der Adornosche Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil niemand mehr zu lieben fähig ist“ ist die Kehrseite des biblischen Satzes, daß die Liebe stärker ist als der Tod.
Der Objektivationsprozeß ist der Stauberzeugungs- und -verwertungsprozeß.
Stichwort „Wüste“.
Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt? -
16.04.92
Ist die Erde eine Kugel? Oder ist der Vergleich von Mond und Apfel zulässig? Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: Kann von der Größendifferenz von Körpern abgesehen werden: Wenn nicht bei Maus und Elefant, weshalb dann bei Erde und Sonne, bei Apfel und Mond (Differenzen ergeben sich schon aus der unterschiedlichen Relation von Masse und Oberfläche; welche anderen Probleme sind vergleichbar; Grenzbereiche Gravitation und Licht: warum ist es nachts dunkel)? Warum können Bäume nicht in den Himmel wachsen? Wie begründet ist die Rückrechnung aus dem Gravitationsgesetz auf das „Gewicht“ der Sonne und der Planeten? Kann man die Sterne auf die Waage legen? Ist das Problem des Planetensystems und der Sternenwelt das Korrelat des Quantenproblems in der Mikrophysik (der Korpuskel-Welle-Dualismus)?
Ist der Raum als „Form der Gleichzeitigkeit“ (und nicht nur als Form der Anschauung) zu halten? Ist der Blick in die Sternenwelt ein Blick in die Vergangenheit? Kann angesichts des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die Vorstellung eines nach allen Seiten unendlich ausgedehnten Raumes, seine gegenständliche Stabilität, noch gehalten werden? Ist hierauf nicht die theologische Tradition, wonach die Erbschuld sich über die sexuelle Lust fortpflanzt, anzuwenden: Ist nicht die Vorstellung des unendlichen Raumes (deren Entstehung mit der Hexenverfolgung zusammenfällt) Produkt dieser „Fortpflanzungslust“? Und erweist sich nicht damit:
– diese Fortpflanzungslust als Grund der Urteilslust, und
– und die „kopernikanische Wende“ als die entscheidende Wende im Prozeß der Verinnerlichung des Patriarchats, des Sexismus, der Vergewaltigung als System?
(Der Raum und das Lachen, der Raum und das Gericht; Fortpflanzung: Zusammenhang von Zeugung und Zeugnis; Stellenwert und Bedeutung der Sexualmoral im Christentum: Zusammenhang mit dem Weltbegriff; gegenseitige Stabilisierung von Ökonomie und Natur; das Problem der Größe reflektiert sich in der Ökonomie im Schuldenproblem: vgl. Hegels Satz über den Zusammenhang des bürgerlichen Reichtums mit der Armut).
Hängt diese Bedeutung des Raumes mit dem trinitarischen Zeugungsbegriff (der Vergeistigung der Genealogie) zusammen?
Der Raum ist das Gattungswesen von Welt und Menschheit. Und die subjektiven Formen der Anschauung sind die anonymisierten Repräsentanten der Gesellschaft im eigenen Innern.
If the future will be like the past: Die Frage, ob Erkenntnisse, die anhand der Vergangenheit gewonnen werden, sich auf die Zukunft übertragen lassen, hat im Konzept des Inertialsystems ihre instrumentalisierte Antwort („Lösung“) gefunden. D.h. die Zukunft, die wir so begreifen, ist die Zukunft des Futur II, die zukünftige Vergangenheit. Und dieses Futur II ist die Grundlage des hypostasierenden Denkens, der transzendentalen Logik und der synthetischen Urteile apriori: der Urteilsform. Es verstrickt sich ins Herrendenken, schließt den Schöpfungsgedanken aus (der dann im Rahmen der domestizierten Theologie als creatio ex nihilo dem kapitalistischen Bewußtsein sich einverleiben und zugleich unschädlich machen läßt; er setzt dann die Grenze zwischen Barbaren und Wilden, als Reflexionsgestalten der Zivilisation).
Zusammenhang mit der Selbstverblendung des Kapitalismus, an der alle partizipieren: Rekonstruktion des blinden Flecks im Zentrum dieses Systems? (Apokalyptische Vorstellungen Reagans, Bushs „Neue Weltordnung“; Grenada, Irak, Lybien; Problem Israel)
Erst wenn wir das Problem des Gravitationsgesetzes lösen, stürzt Babylon.
Christentum heißt auch: Unsere Zukunft liegt in der Vergangenheit. Und das etablierte Christentum hat alles getan, um die Vergangenheit des Vergangenen zu stabilisieren (sich der Auferstehung in den Weg zu stellen). Darauf bezieht sich die Geschichte von den drei Verleugnungen (Warten auf den Hahnenschrei).
Derrida ist der Drewermann der Philosophie. -
13.04.92
„Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in seiner Bewegung, welche, – da in ihm nichts stät und, was fest ist, versteinert ist, – nach außen geht, ein elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und Ermattung.“ (Hegel, Rechtsphilosophie, S. 355) Hier, im Entstehungsprozß der „Welt“, ist der Staat noch (nach innen und nach außen) ein Natur- und Gewaltverhältnis, welches die Griechen dann im projektiven Begriff der Barbaren nach außen projizieren, indem sie das Gewaltverhältnis selber als Vernunft verinnerlichen, sich zu Herren dieses Gewaltverhältnisses machen. Das Gelingen drückt sich im Begriff der Welt aus. Heute, da die Verhältnisse des „äußeren Staatsrechts“, die Hegel zufolge Natur- und Gewaltverhältnisse geblieben sind, über die nicht mehr zu domestizierende Ökonomie im Innern der Staates sich reproduzieren (der Weltbegriff zu Protest geht, Außengewalt und Innenrecht trübe sich vermischen, der Begriff an der dezisionistisch-autoritären Gestalt der Souveränität zerbricht, der „Rechtsstaat“ als Ausnahmezustand sich etabliert – vgl. Carl Schmitt), sind wir zu Akteuren des gleichen Weltuntergangs geworden, gegen den wir zugleich (als bloße Zuschauer) uns selbst verblenden. Rückfall in den orientalischen Staat: in die „inner-liche Ruhe“ der Idiotie des Privatlebens, „Versinken in Schwäche und Ermattung“.
Auch das ist Erbe der Hegelschen Philosophie (oder ihr prophetischer Gehalt): daß im Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die Nationalismen aufbrechen mit z.T. barbarischer Gewalt. Der Zusammenhang von Marktwirtschaft und Nationalismus läßt sich erkennen an dem Zusammenhang von Geldwertstabilität und Außenhandelsbilanz, an dem gleichen Zusammenhang, der die westliche (insbesondere aber die deutsche) Wirtschaftspolitik bestimmt, und der Hegels Satz, „daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, … dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“ (Rechtsphilosophie, S. 245), auf die fatalste Weise bewahrheitet: Die Wirtschaftspolitik des Westens begreift deshalb in erster Linie die Steuerung der Armut als ihren Export nach außen (ähnlich wie zur gleichen Zeit der Antisemitismus als Israel- / Palästinenserproblem in den vorderen Orient exportiert wurde).
Hat die Schöpfung etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb des Firmaments zu tun? – Vgl. die biblischen Brunnengeschichten (Rebekka, Rahel, die Samariterin und das „lebendige Wasser“).
Die Christologie hat etwas mit dem Versuch, den Logos zum Verstummen zu bringen, zu tun, ihn in einen Heros umzumünzen (der dem Stern der Erlösung zufolge stumm ist).
Die Eucharistie und das falsche Gedächtnis, oder genauer: als Verhinderung des Gedächtnisses und damit als Gericht. Das ist der Sinn des Satzes „Wer es unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht“.
Zur Sexualmoral: Verworfen ist nicht die sexuelle Lust an sich, sondern die Lust an der Gewalt in der sexuellen Lust, der Sexismus. Die christliche Sexualmoral züchtet den Vergewaltiger. Daran hat sich entzündet, was Nietzsche den Willen zur Macht genannt hat: das stumme Genießen.
Das Angesicht ist immer das Angesicht des Andern, das eigene sieht man nur im Spiegel, und da seitenverkehrt (und d.h.: nicht ohne die Vertauschung von Rechts und Links). Hinter dem Rücken und im Spiegel: das sind die beiden Vertauschungen von Vorn und Hinten und von Rechts und Links. Gibt es in der Schrift einen Hinweis auf den Spiegel (Narziß ist einer der Ursprünge der Philosophie)? Vgl. 1 Kor 1312: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“, und insbesondere Jak 123: „Wer das Wort nur hört, aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet“.
Der Spiegel (oder die Reflexion) gehorcht dem Gesetz des Raumes, er macht alles seitenverkehrt (vgl. die „verandernde Kraft des Seins“). Die Physik sieht alles von hinten und zugleich spiegelverkehrt (Zusammenhang von Stoß und Reflexion).
Wer sich selbst im Angesicht der Andern sieht, d.h. wer sich der Welt anpaßt, sieht sich selbst nicht mehr.
Das Wahrnehmen des Angesichts des Andern ist die Umkehr; insofern ist die Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele.
Die Schule als Recyclings-, als Abfallproduktions- und -verwertungsanlage (zum geschichtsphilosophischen Stand des Wissens).
Die Begriffe Natur und Welt enthalten als Totalitätsbegriffe einen terroristischen Anteil.
Es gibt weder eine Geschichtstheologie, noch eine Heilsgeschichte. Wenn die Philosophie innerhalb der Theologie ihren Platz finden soll, dann weder unter dem Begriff der analogia entis, noch als ancilla theologiae, sondern allein unter dem Begriff des Millenariums, der Bindung des Satans. Mit der Kraft zu lösen (mit ihrer Umkehr) könnte die Kirche endlich auch den noch unverbrauchten Gnadenschatz freisetzen.
Die Hauptresultate der Einsteinschen Theorien liegen in ihren Ansätzen, nicht ihren Ergebnissen: im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und dessen Beziehung zum Inertialsystem und im Konzept der Identität von träger und schwerer Masse (Bindung des Trägheitsprinzips an die Gravitation, vergleichbar dem Zusammenhang von Tauschprinzip und Schuldknechtschaft).
Die Bindung des Tauschprinzips an die Schuldknechtschaft ist der Grund, weshalb man die Geschichte des Militärs und der Rüstung an der Geschichte der Banken wird messen können.
Die Israel-Theologie der Marquardt u.a., aber auch die Antizionismus-Darstellung Heinsohns, übersieht, daß wir das Problem produziert haben: Haben wir da nicht auch ein Stück Mitverantwortung für jene, denen wir es aufgeladen haben, für die Palästinenser? -
11.04.92
Das Bild ist Modell und Ursprung des Objekts; Ursprung und Modell des Bildes ist das Opfer, das Bild das Gedächtnis oder Ersatz des Opfers. Das Bild ist aber ebensosehr der Quellpunkt der Schrift, des prädikativen Denkens, des Logos und der Welt. Und der Gott und das Opfer sind Modell der Beziehung von Welt und Natur.
Das Opfer und das Ding hängen über die Exkulpationsautomatik zusammen (gegenüber einem Ding kann ich nicht schuldig werden: Verdinglichung als Schutz vor dem schlechten Gewissen, Schutz vor der Gottesfurcht).
Der Untergang der Welt und die Erneuerung des Antlitzes der Erde: das ist ein Vorgang.
Hat nicht die Fortpflanzung des Lichts (Modell der Selbstausbreitung des homogenen, isotropen Raumes) tatsächlich etwas mit der Fortpflanzung, der Zeugung (und diese Zeugung etwas mit dem Zeugnis, den Bedingungen der Anerkennung der Zeugenschaft (Geschlecht und Anzahl der Zeugen): der Raum ist der Zeuge der Naturwissenschaft, aber das perfekte falsche Zeugnis wider den Nächsten), zu tun? Und ist der Frühling so etwas wie ein Orgasmus der Natur? Was bedeuten dann die Insekten und die Vögel? Sind die Vögel nicht akustische Blüten (und die Insekten Bastarde aus Raum und Licht (vgl. Belzebul, den Herrn der Fliegen)?
Das organische Leben unterliegt der Dialektik von Innen und Außen und der Prävalenz des Außen. Durch die Geldwirtschaft wurde diese Dialektik auf die Evolution des Kapitalismus übertragen. Der Darwinismus verdankt sich der projektiven Übertragung dieser gesellschaftlichen Evolution auf die Natur. Frage: Welche Stellung haben die Blumen, die Insekten, die Bäume, die Vögel, die Säugetiere und die großen Seeungeheuer (Behemot und Leviatan) in der Evolutionsgeschichte des Kapitalismus?
Bei den Tieren drückt sich das Verhältnis von Im Angesicht und Hinter dem Rücken im Angriffs- und Fluchtverhalten aus, in der organischen Selbstinstrumentalisierung der Arten und Gattungen (in den Hörnern, dem Gebiß, den Klauen und Pfoten, den galoppierenden Hufen). Und wie sieht es aus mit dem Charakter von Behemot und Leviatan? Und mit der Schlange: als reine Selbstinstrumentalisierung der „Klugheit“? Hier ist – wie bei den Tieren überhaupt – die Instrumentalisierung durch Gattung und Art vorgegeben (von der organischen Ausstattung bis hin zum Verhalten: wie hängen beide zusammen?). Das einzelne Tier ist für seinen Charakter (seine organische und Verhaltens-Ausstattung) nicht verantwortlich, reiner Ausdruck des Schuldzusammenhangs der Welt. Der Mensch hingegen ist für seinen Charakter und für sein Gesicht verantwortlich. Er muß die Selbstinstrumentalisierung selbst arrangieren, wobei ihm die Gesellschaft (in der Gesamtheit ihrer Institutionen) die Mittel an die Hand gibt, die diese Selbstinstrumentalisierung zumindest erleichtern, in der Regel bewußtlos durchsetzen.
Die Musik mißt die Distanz zwischen der nominalistisch depotenzierten Sprache und dem Schuldgrund, auf den sie zurückzubeziehen ist. Die Kunst federt die Brutalität des Aufklärungsprozesses ab und ermißt sie zugleich, sie verleiht dem Leiden die Sprache vor der Sprache. Die Konstellation von Technik, Material und Ausdruck in Musik und Malerei ist das Medium dieser seismographischen Wahrnehmung.
Das Osterlachen scheint mir (in Publik-Forum) völlig falsch interpretiert zu sein. Das exhibitionistische Element als Anlaß des Lachens verweist auf die Soziologie des Witzes, nur daß hier – wie beim Clown – Erzähler und Objekt des Witzes eins sind. Das Osterlachen ist tieftraurig und blasphemisch zugleich, die umgekippte Osterfreude.
Die gesamte Geschichte der europäischen Aufklärung steht unter dem Zeichen des Gerichts.
Wittfogel, Franz Borkenau und Alfred Sohn-Rethel: An den Rändern der Frankfurter Schule scheinen die Versuche mißlungen zu sein, an das offene Problem der Frankfurter Schule sich heranzutasten. Die realen Ursachen dieser Probleme werden vielleicht am ehesten sichtbar an dem konspirativen Element im Ursprung der Theorie Sohn-Rethels. Lösbar ist das Problem erst geworden durch Einstein.
„Das Christentum als Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“
Die Gebote des Dekalogs sind strikte Gebote, keine durch Sanktionen abzusichernde Gesetze. Das unterscheidet sie von Rechtsgründungen der Hamurabi, Solon u.a.
Aufschlußreich (für das Verhältnis von Wirtschaftsmacht und Recht) ein Fall, der heute in der Rundschau geschildert wird: Ein Großunternehmen verklagt einen öffentlichen Kritiker (Leserbriefschreiber) und setzt die Schadensersatzforderung und den Streitwert so hoch, daß die Rechtsschutzversicherungen andere Beteiligte (u.a. das Publikationsorgan, das den Leserbrief veröffentlicht hatte) zwingen, die Klage zurückzuziehen. (Der Kritiker selbst hält durch und gewinnt den Rechtsstreit.) Wie lange gibt es angesichts der jedem Vergleich spottenden Unterschiede der ökonomischen Potenz für einen privaten Beteiligten überhaupt noch eine Möglichkeit, gegen einen potenten Kläger sein Recht zu bekommen? Es ist offensichtlich ein Leichtes, einen etwa bestehenden Rechtsschutz auf legale Weise auszuhebeln. Ist es nicht längst so, daß „Rechtspersonen“ Vorrechte vor realen Personen haben (und die Gleichheit vor dem Gesetz längst zur Makulatur geworden ist: Rückkehr des Naturzustandes, Undomestizierbarkeit der in Privathand angewachsenen ökonomischen Gewalt)? -
09.04.92
Wasser: das flüssige, unbestimmbare, objektlose Element (oder das reine Objekt), ein Objekt aus reiner, dingloser Eigenschaft.
Das Benennen gibt es nur zusammen mit dem Scheiden, wobei das eine Mal das Getrennte, das Geschiedene benannt wird: Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht, während das andere Mal das Instrument der Scheidung benannt: Gott machte eine Feste zur Scheidung der Wasser oberhalb der Feste von dem Wasser unterhalb der Feste, und Gott nannte die Feste Himmel. Das Wasser ist demnach das Nicht-Benannte, vielleicht Unbenennbare, das Element, in dem das Ungleichnamige gleichnamig gemacht werden kann, nur unterschieden nach oben und unten.
Das Wasser ist das reine Schwere, das Maß des Gewichtes.
Naturgrund von Herrschaft: Kann es sein, daß es gesellschaftliche Prozesse (gesellschaftliche Gesteinsverschiebungen) gibt, die an den Grund der Natur rühren?
Wo ist die Stelle: Wenn sie schweigen würden, würden die Steine schreien?
Ist nicht die Israel-Theologie (Marquardt u.a.) selber in Gefahr, zu einem Teil des Schuldverschubsystems zu werden? Und zwar durch den Versuch, am Privileg des Opfers teilzuhaben? Denn genau das ist uns als Deutschen und als Christen (als Tätern) untersagt. Wird nicht die Israel-Theologie so zu einem Teil der gleichen Exkulpations-Magie, die in die Katastrophe geführt hat? Oder ist die Israel-Theologie ein unmöglicher Versuch, der Wiedergutmachungspolitik gleichsam theologischen Rang zu verleihen, der ihr nicht zusteht (ohne daß dadurch ihre Notwendigkeit berührt würde). Das reale Votum für Israel ist sehr viel pragmatischer zu begründen (durch unsere Verstrickung in den Schuldzusammenhang, aus dem diese Situation entstanden ist). Nach dem, was wir getan haben, haben wir keine andere Möglichkeit.
Das pragmatische Votum für Israel ist das Eine, das Andere aber wäre das, was Franz Rosenzweig einmal mit seiner Übersetzung der Schriftstelle „Zeit ist’s …“ ausgedrückt hat. Die Existenz Israels und die Gefahr der „Zernichtung der Lehre“ hängen möglicherweise zusammen, aber das kann nicht Gegenstand theologischer Spekulation sein.
Man kann den Vorgang, dessen Zeitgenossen wir heute sind, als einen der Entgründung der Erde beschreiben: Eines seiner auffälligen Produkte ist der Zerfall des argumentativen Denkens, der Kraft der Begründung. Das rührt ans Antlitz der Erde, die Gott „gegründet“ hat (als er den Himmel „aufspannte“). Von dieser „gründenden“ Kraft ist, wie es scheint, nur der Abgrund übriggeblieben, als der die Welt sich manifestiert. Der Zerfall des argumentativen Denkens ist selber begründet in der Gewalt des logischen Zerfalls des Weltbegriffs. Diese entgründende Gewalt des Weltbegriffs produziert die Bekenntnissucht, den Grund der Exkulpationsmagie. Nicht Rechtfertigung, sondern Gerechtmachung; und wenn das heute aussichtslos ist, so drückt sich in diesem Sachverhalt präzise der Grund dessen aus, was in der Schrift Gottesfurcht heißt.
Rationalität selber gründet heute in einer Beziehung zur Schuld, die auf den Komfort der Rechtfertigung verzichtet. Hoffnung drückt sich nur noch in den beiden Petrus-Stellen aus: in dem „er weinte bitterlich“ nach der dritten Leugnung und in der Übertragung der Vollmacht zu binden und zu lösen.
Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern Befreite, ist die einzige, die die Grenze überschritten hat.
Wie hängt der Bekenntnisbegriff mit der Verfälschung des achten Gebots zusammen? Ist nicht das formalisierte Bekenntnis, die Confessio, die tiefste Verletzung des achten Gebots?
Die Unmöglichkeit der Hexen, gegenüber der Inquisition ihre Unschuld zu beweisen, entspricht der Etablierung des Trägheitsbegriffs in den Naturwissenschaften.
Theologie heute ist vergleichbar der Archäologie: Unter den Trümmern der Geschichte die Hoffnungen der Toten wiedererwecken.
Es hilft kein Hinausreden auf die Natur mehr: Wir selbst sind für unsern Charakter und für unser Gesicht verantwortlich. Ob wir dieser Verantwortung gerecht werden können, ist eine andere Frage.
Zum Naturbegriff: Er enthält ein Stück säkularisierte Christologie. Die Natur nimmt die „Sünde der Welt“ auf sich, sie ist das vergöttlichte Opfer, sie spricht uns frei von Schuld, nimmt uns die Verantwortung ab. Eben damit aber hängt es zusammen, daß der Naturbegriff der christologischen Logik unterliegt, den dogmatischen Christus ersetzt. Ähnlich ist auch der Weltbegriff Produkt der Säkularisation einer theologischen Kategorie (so erscheint er dann auch bei Hegel), nämlich der des Gerichts. Durch Anpassung an die Welt werden wir zu Richtern über andere, das ist ihr „zivilisatorischer“ Effekt: die verworfenste Gestalt der Säkularisation. Hier ist der Punkt, an dem sich aufs genaueste zeigen läßt, was es mit dem Wort des Täufers „Sehet das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“ auf sich hat. Und es ist gerade jener exkulpationsmagische Teil der theologischen Tradition des Christentums (jener Teil, aus dem der Bewußtseinskomfort sich herleitet, den wir nicht mehr missen möchten, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht), der in diese Verworfenheit hineinführt. Die Heideggersche Philosophie ist der genaueste Ausdruck dieser Verworfenheit.
Jedes Urteil hat durch die Kopula Anteil an der „verandernden Kraft des Seins“ (Rosenzweig).
Schelers Rangordnung der Werte ist gleichsam Produkt einer fleischfressenden Philosophie, einer Philosophie, die am Opfer festhält und es zugleich verdrängt. Daher rührte die Nähe Schelers zum Katholizismus. Auch bei Heidegger sind die katholischen Ursprünge unverkennbar. Nur daß bei ihm der Grund der Verworfenheit als bewußtlose Selbstverfluchung dann erscheint. Es ist die Selbstverfluchung, die von der dritten Leugnung nicht zu trennen ist. Und darin liegt die besondere Bedeutung der französischen Heidegger-Rezeption: es ist die des gallischen Hahns (vgl. hierzu das geradzu prophetische Wort Heines).
Wertphilosophie und Fundamentalontologie sind die Indizes der beiden Weltkriege, der Phasen der Selbstzerstörung der Welt. Wir leben in dem Trümmerfeld, das sie hinterlassen haben.
Man wird davor warnen müssen, den Antisemitismus als eine Gesinnungsfrage zu behandeln. Es ist eine Strukturfrage, provozierend ausgedrückt: eine Frage der Logik. Kriterium ist die Fähigkeit der Reflexion der „Schuld der Welt“.
Sind nicht in der Tat die Farben die Widerlegung der Vorstellung des unendlichen Raumes (und die letzte Erinnerung an die Lehre von der Auferstehung der Toten)? Farben als Taten und Leiden des Lichts: Es gibt morgendliche und abendliche Farben (Licht über Finsternis, Finsternis über Licht: Gelb und Blau). Und es gibt die Mischung dieser Farben (Grün) und die Konträrfarbe dazu (Rot, die Farbe des Gerichts, der Linken; das Blut, das zum Himmel schreit).
Man muß einmal bemerkt haben, welche Katastrophen es auslösen kann, wenn Kinder erfahren, daß hinter ihrem Rücken über sie gerdet worden ist.
Kephas, Petrus: Was ist hebräisch, griechisch oder Latein? – Haben Kephas und Kaiphas etwas miteinander zu tun? -
03.04.92
Es hat Zeiten gegeben, in denen Eltern ihre Kinder und Könige ihre Untertanen in der dritten Person Singular anredeten. Umgekehrt durften die Untertanen den König nur in der dritten Person Plural ansprechen (ähnlich die Kinder ihre Eltern). Diese Anrede in der dritten Person Plural ist im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft mit vergesellschaftet worden. Steckt in dieser Kollektiv-Anrede nicht die (durch die Institution des Königs vermittelte, dann im Christentum institutionalisierte) Anerkennung der Welt (als Kollektivsubjekt aller objektiven Urteile).
Im Englischen ist es das wechselseitige „you“, die zweite Person, die sowohl im Singular wie im Plural verwandt wird. Hängt das Kollektiv-Du mit dem englischen Empirismus zusammen?
Was ist der Unterschied zwischen Kollege, Kamerad und Genosse?
Das katholische pokerface, diese harten, verschlagenen Gesichter, Produkt eines Religionsverständnisses, das nicht mehr die Schuld auflöst, sondern nur noch das Schuldbewußtsein wegnimmt und deshalb der Reue, der Umkehr nicht mehr bedarf, sie – mehr noch – diskriminiert. Wer büßt, der muß es schlimm getrieben haben. Und Umkehr wird nur noch als Eingeständnis der Schuld verstanden (anders hätte es der Umkehr nicht bedurft), das aber darf um keinen Preis laut werden (Ursprung der Apologetik, mit deren Hilfe immer schon die schlimmsten Untaten gerechtfertigt, und d.h. im Nachhinein begründet wurden).
Die subjektive Form der Anschauung ist
– der Angelpunkt, um den sich die Welt dreht,
– das firmamentum, das die Wasser über und unter dem Firmament scheidet,
– der Balken, durch dessen Optik hindurch die Splitterforschung betrieben wird.
Das Poe’sche Bild vom Maelstrom, das Adorno in seinem Kierkegaard-Buch zitiert, realisiert sich im Hegelschen Absoluten (Inbegriff und Modell der Isolationshaft des Denkens).
Philosophie in Erfahrung übersetzen bedeutet heute insbesondere: endlich den Geburtsfehler der Philosophie begreifen. Die Philosophie ist der Balken im eigenen Auge.
Vom Splitter und vom Balken: Der Balken, ist das der Baum der Erkenntnis?
Die Person ist als Objekt, was die Persönlichkeit als Subjekt ist.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt von der anderen Seite her an den Begriff der Materie. Es bezeichnet gleichsam dessen Innenseite und macht damit die Naturwissenschaft zur Schale, die zu knacken ist, wenn man an den Kern herankommen will.
Ist der (christologisch bestimmte) Naturbegriff der (gordische) Knoten, den Alexander bloß durchschlagen hat, und den es jetzt endlich zu lösen gilt?
Ist der Hahn in der Geschichte der drei Leugnungen eine Metamorphose des über den Wassern brütenden Geistes, der auch vor der Morgendämmerung des ersten Tages erscheint?
Haben die Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments etwas mit der Gravitation zu tun? Und hat die Feste, die die Wasser scheidet, etwas mit den kantischen subjektiven Formen der Anschauung oder mit dem Inertialsystem zu tun? Steckt nicht in dem kantischen Wort von dem erhabenen Sternenhimmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir ein Hinweis auf diese Feste?
Haben die Wolken des Himmels etwas mit den Wassern oberhalb des Firmaments zu tun?
Der Balken im eigenen Auge wächst mit der Anpassung an die Welt: Die Welt ist alles, was der Fall ist; d.h. die Welt ist der Abgrund, der die Menschen voneinander trennt, und dem sie in dem Maße verfallen, in dem sie selber der Welt sich anpassen.
Der descensus ad inferos hat mit der Lösung des Drachens am Ende des Millenariums zu tun (Signatur dieser Epoche).
Der Unterschied zwischen Genitiv und Dativ ist bei „trotz“ und „wegen“ der Unterschied ums Ganze. (Nach der Duden-Grammatik, Nr. 641, ist der Dativ in der Regel veraltet, regional oder umgangsprachlich: Es wäre nun doch wohl an der Zeit, endlich einmal den Geist der Duden-Grammatik zu bestimmen.)
Babylon, genauer Ur in Chaldäa (die Schuldknechtschaft), ist der Ursprung der Hebräer, Ägypten (das Sklavenhaus) ihr natürliches (unerlöstes) Telos. -
01.04.92
Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: Grund des Selbstmitleids (Symbol des Kelches, Getsemane, unbekehrtes Christentum); der verandernden Kraft des Seins: das Eine ist das Andere des Anderen. Unvermeidbarkeit unter den Bedingungen des Nominalismus (der Vorstellung des unendlichen Raumes). Erste reale Anwendung: das newtonsche Gravitationsgesetz. Verhexung Gottes, der Natur und der Menschen. Anwendung auf die Naturphilosophie: erstes Opfer das Licht, das einzige direkt durchs Wort Geschaffene?
Erkennbar ist die Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen im Kontext von Schuld, Verdacht und Empörung (und hier liegt zugleich der Grund der Mathematik). Indiz für den Stand der Dinge sind die Erkenntnisse von Marx und Freud, die als Wissenschaften des Verdachts seit je Empörung provoziert und auf sich gezogen haben (Beweis des flüssigen Charakters der Schuld).
Modell der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: die Abtreibungsdebatte (Beispiel für das Verfahren der Verschiebung und Projektion: Zusammenhang mit der Raumvorstellung).
Die praktische Bedeutung der Marxschen und Freudschen Theorien (proletarische Revolution und Psychoanalyse als Therapie) ist sicherlich zu Recht umstritten, nicht aber die theoretische Bedeutung, ihre originäre Beziehung zur „Sünde der Welt „; und praktische Bedeutung hat weiterhin der Umgang mit diesen Theorien: ihre Abwehr führt genau in jenen Bereich (der Schuld) herein, der von ihrer Kritik getroffen wird.
Biblische Elementenlehre: Hier sind die „Elemente“ die Buchstaben der Schrift; aber welche Bedeutung haben Erde (und Himmel), Wasser (unter und über dem Firmament), Luft (pneuma, ruach) und Feuer (fire next time)?
Der Begriff des Volkes bezeichnet die Schicksalsgemeinschaft, der der Nation die Sprach-Gemeinschaft (unterm Gesetz des Inertialsystems die „Rasse“-Gemeinschaft: Grund in der Trinitätslehre nach der Verknüpfung von Logos und Zeugung?), oder die Rechtsgemeinschaft (Bund, Vertrag, Verfassung)?
Num 2420: Amalek war das erste unter den Völkern, doch es endet im Untergang.
Zum Begriff der Welt vgl. Deut 2849f: Der Herr trägt zum Kampf gegen dich ein Volk aus der Ferne herbei, von den Enden der Erde, das wie ein Adler herabstößt, ein Volk, dessen Sprache du noch nie gehört hast, ein Volk mit unbeweglichem Gesicht, das sich dem Greis nicht zuwendet und für das Kind kein Mitleid zeigt.
Das Bekenntnis ist die genaue Umkehrung des anklagenden, richtenden Denkens. Beide beziehen sich auf die gleiche Schuld, nur mit dem Unterschied, daß das (objektivierende) anklagende, richtende Denken diese Schuld nach außen projiziert und so sich selber in den Schuldzusammenhang verstrickt, während das Bekenntnis (als Bekenntnis zum messianischen Namen) seinen Anteil an der Auflösung des Schuldzusammenhangs durch die (messianische, parakletische) Übernahme der Sünde der Welt wahrnimmt. Dieses Bekenntnis ist dem anderen genau entgegensetzt: die entfremdete Bekenntnislogik hat das objektivierende, anklagende und richtende Denken zur Voraussetzung. Es ist mit ihm wesensgleich und verhärtet, stabiliert es zugleich. Das wirkliche Bekenntnis konstituiert sich in der Umkehr des entfremdeten als Gottesfurcht. -
31.03.92
Nicht die Person und nicht die Seele, sondern das Angesicht: weil nur das Angesicht die Realidee des richtigen und befreiten Handelns in sich enthält. Das aufgedeckte Antlitz ist der Inbegriff der Freiheit der Kinder Gottes, auf die die ganze Schöpfung harrt.
Man kann die Wahrheit bewahren, d.h. seßhaft verwalten, und man kann sie bewähren, d.h. sie auf dem eigenen Rücken weiter befördern. Nur die Bewährung ist der Idee der Wahrheit angemessen.
Gibt es etwas der Umkehr (ihrem sprachlichen, nicht geometrischen Sinn) Vergleichbares auch im Hinblick auf das Inertialsystem? Und müßte diese Umkehr nicht so etwas wie eine Tendenz-Umkehr sein, die die Gewichtsverhältnisse umkehrt: im Gravitationsgesetz die Ungleichnamigkeit (die Heliozentrik als notwendigen Schein) und im Falle des Lichts die „Fortpflanzungs“-Bewegung als Umkehr der realen Intention des Sehens (des Gesichts) -die Lichtgeschwindigkeit als Maß der Vergängnis, gegen die das Lebendige (das Streben nach dem Licht) sich abarbeitet – begreifen. Das Inertialsystem selber ist der terminus ad quem des Falles.
Kreuz und Kelch: „Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ und „Vater, wenn es möglich ist, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehn“. In welcher Beziehung stehen diese beiden Sätze? Der Kelch ist (in Prophetie und Apokalypse) der Kelch des Zornes und der Taumelkelch. Beide sind auf Herrschaftszusammenhänge bezogen. Sind die, die aus dem Kelch trinken, andere als die, die das Kreuz auf sich nehmen? Sind es vielleicht die, die anderen das Kreuz aufbürden? Nochmal „Laß diesen Kelch an mir vorübergehen?“ Ist das nicht die Bitte: Erlasse denen, die mir nachfolgen, das Kreuz? Ist es überhaupt vorstellbar und denkbar, daß Jesus im Garten Getsemane nur für sich die Angst erlitten und gebeten hat? Und sind nicht ebenso die Worte am Kreuz bis hin zum „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ weniger auf die einsame Selbsterfahrung der Person Jesus als vielmehr auf die, die ihm nachfolgen und denen er die ganze Last des Scheiterns aufbürdet, zu beziehen, auf das, was er mit diesem Tod den andern antut, aufbürdet, zumutet? – Ist hier nicht die Schlüsselstelle für das Verständnis des Ganzen? Und ist nicht genau diese Stelle in der gesamten kirchlichen Tradition (in der Tradition des Schlafs der Petrus, Jakobus und Johannes und der Leidensmystik, die diesem Schlaf korrespondiert) auf den Kopf gestellt worden? Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. Das „Laß diesen Kelch an mir vorübergehen“ bezieht sich nicht auf sein privates Schicksal („Todes-angst“), sondern darauf, welche Folgen und Nebenwirkungen sein Schicksal haben wird.
Kreuz und Kelch: Hier liegt der Grund der Ambivalenz der Vergöttlichung des Opfers (von der christlichen Opfertheologie bis zum modernen Naturbegriff).
Mit dem Kreuz hat Jesus nicht unmittelbar befreit, sondern zunächst einmal die Last weitergegeben (und wenn, dann nur dadurch befreit).
Ist die Getsemane-Geschichte ohne die „Engel des Himmels“ beim Lukas zu halten?
Die falsche Leidensmystik, die sich auf der Getsemane-Geschichte herleitet, ist antisemitisch.
Zu Brot und Wein (zum vorangehenden Abendmahl und zum Kelch) vergleiche auch die Geschichte mit den Träumen der beiden Mitgefangenen des Josef, auch die Melchisedech-Geschichte. Zum Kelch vgl. auch die Noe- und Lotgeschichte (Aufdeckung der Scham durch Ham und Inzest der Töchter Lots; war Noe der Erfinder des Weinbaus?).
Ex 3728: Kelche in der Form von Mandelblüten (vgl. Jeremias).
Mk 1038: Wie hängen (Zornes-/Taumel-)Kelch und Taufe zusammen? -
30.03.92
Der Dativ bezeichnet den Adressaten der Gnade, der Barmherzigkeit, des Schenkens, der Akkusativ den des Gerichts, der Genitiv das Subjekt-Objekt der Herrschaft und des Eigentums. Abgedeckt wird in der Sprache das Verhältnis von Rechts und Links, Oben und Unten, während das Verhältnis von Im Angesicht und Hinter dem Rücken innersprachlich (außer an der Qualität eines Textes) nicht sich nachweisen läßt, dafür aber an den Grund der Sprache selbst rührt.
Ist nicht die Gründung des Staates Israel, zu der es keine Alternative gab, ein weiteres Indiz für den Rückfall in Naturgeschichte, für einen Zustand, der gleichzeitig dadurch bezeichnet ist, daß nach dem zweiten Weltkrieg ein Friedensvertrag in Europa nicht mehr möglich war. (Lassen sich die Bedeutung und die Folgen des Zusammenbruchs des „real existierenden Sozialismus“ auch im Hinblick auf die innere Entwicklung Israels ermessen? Wäre es denkbar, daß der Islam als gleichsam naturgeschichtlicher Erbe die Nachfolge des Ostblocks antritt?)
Ein Friedensvertrag, eine neue Grenzsetzung, war nach Auschwitz deshalb nicht mehr möglich, weil zum Verfahren der „Endlösung“, des Holocaust, auch die Instrumentalisierung der Grenzfrage gehörte: Bevor sie umgebracht wurden, wurden die Juden (durch einen Gesetzesautomatismus) staatenlos gemacht und dann jenseits der Grenzen des Reiches vernichtet (vgl. Hannah Arendt).
Das homousia ist nicht nur eine Manifestation des cäsarischen Gewaltmonopols, sondern seit seiner konstantinischen Dogmatisierung der Rechtfertigungsgrund des Gewaltmonopols des Staates (Grenz- und Wasserscheide der Zivilisation).
Daß „die Theologie heute klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen“ (Walter Benjamin), hängt mit der Geschichte des Zerfalls der staatlichen Strukturen (Faschismus, Holocaust, Unmöglichkeit eines Friedensvertrages nach den Weltkriegen), dem Rückfall in Naturgeschichte, der Unmöglichkeit, ökonomische Macht nochmal zu domestizieren, und dem damit (mit dem Zerfall des Staates) zusammenhängenden Zerfall der Logik, des argumentativen Denkens, zusammen. Adornos Bemerkung, daß die Studenten heute nur noch heraushören, wofür oder wogegen einer ist, sonst aber an sachlicher Argumentation nicht mehr interessiert sind, hat darin ihr fundamentum in re.
Die Menschen können den Gedanken an Gott, unabhängig von den damit begründeten gesellschaftlichen Institutionen, Normen und Abhängigkeiten, nicht mehr denken, weil sie ihn nicht mehr ertragen: Die darin (in der Gottesfurcht) liegende Autonomieforderung, die nicht mehr zuläßt, sich hinter der kollektiven Absicherung eines Bekenntnisses (zur Konfession, zum Staat) und d.h. hinter dem Weltbegriff, auf dessen Sanktionierung jedes Bekenntnis hinausläuft, zu verstecken, ist nicht mehr zu erfüllen.
Begriff und Schluß sind durchs Urteil vermittelt, beide drücken die Gewalt des Schuldzusammenhangs aus.
Ambivalenz des Bindens und Lösens: Auch das Millenarium ist eine Geschichte des Bindens und Lösens; es gründet im Binden des Drachens und endet mit seiner Lösung. Aber die Dialektik des „je schlimmer, umso besser“ (die Säkularisierung der Lehre vom Antichrist) dürfte nach dem Faschismus nicht mehr zu halten sein.
Das Heideggersche „In-der-Welt-Sein“ bezeichnet den Ursprungs-und den Wendepunkt der Bekenntnislogik, ihren irreversiblen Verfall an die Ambivalenz.
Hält nicht die Ilias und Odyssee, eigentlich das Epos überhaupt (wie das Gilgamesch-Epos, die Aeneas und auch das Nibelungenlied) die entscheidende Phase der Ursprungsgeschichte des Patriarchats (des Privateigentums, der Ehe, des Geldes und der Schrift) fest: die Geschichte der vaterlosen Söhne und ihrer Auseinandersetzung mit den Müttern? Und gibt es eine Beziehung zwischen Sodom und Gomorra und der Geschichte von Troja?
Zusammen mit der Entdeckung der Flächengeometrie (des Winkels) entsteht die menschliche Skulptur, zusammen mit der Geometrie des Raumes (der Entdeckung der Perspektive und des Inertialsystems) das Portrait. -
29.03.92
Der Raum (Inbegriff des „Hinter dem Rücken“) ist das Nichts, aus dem der Demiurg die „Welt“ (das System aller Prädikate) erschaffen hat, und zwar als dreifaches Nichts.
Die These scheint begründbar zu sein, daß der Weltbegriff erfunden wurde, um die Herrschenden gegen Kritik abzuschirmen. Der Weltbegriff lebt von der eingebauten Logik der Identifikation mit dem Aggressor. Und er ist die automatisierte (und unkenntlich gemachte) Verletzung des achten Gebots: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.
Ist die Simson-Geschichte ein Astralmärchen?
Die kantische Vorstellung vom Chaos des Gegebenen – eine Zwangsvorstellung, soweit sie dem Zwang der transzendentalen Logik gehorcht – bezeichnet präzise die chaotische Struktur des Dativ in einer vom Akkusativ beherrschten Vorstellungswelt: die Verwandlung von Gnade, Barmherzigkeit (der rechten Seite) in Chaos. Hiermit hängt es zusammen, wenn die Menschen das (aktive wie passive) Schenken verlernen, zwangshaft jedes Geschenk am Tauschprinzip messen.
Linken Autoren scheint generell der Gebrauch des Konjunktiv suspekt geworden zu sein. Ein Verdacht, der – wie auch immer er begründet erscheinen mag – im Indikativ ausgesprochen wird, kann nur als Unterstellung erfahren und „zurückgewiesen“ werden. -Sprache als Kriegssprache: Der Indikativ als Eroberungsversuch, als Versuch, ein dem Feind gehörendes Gelände zu besetzten. Aber nur wenn das Moment des Verdachts am Verdacht festgehalten und keine Gewißheit supponiert wird, wird auch die Schuldsolidarität festgehalten, verschwindet das Feinddenken.
Auch Robert Kurz scheint dem Tausch-Paradigma verfallen zu sein, seine Beziehung zum Schuldzusammenhang (Ursprung des Geldes in der Schuldknechtschaft) nicht zu durchschauen.
Name und Angesicht: die Grenzen des Raumes (des Inertialsystems) gegen das An sich. Gibt es einen Zusammenhang des Angesichts und der benennenden Sprache mit Licht und Schwerkraft?
Die Form der Raumes (der äußeren Anschauung) ist der Grund dafür, daß wir als Urteilende immer auch Objekte unserer eigenen Urteile sind. Als Urteilende sind nicht nur die Anderen Andere für uns, sondern wir sind auch Andere für Andere.
Der Titel Weltbild zeigt nur noch einen Kontenpunkt der paranoischen Struktur der Welt an.
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist die erste Gestalt der Unterscheidung von Innen und Außen, der Ursprung des Innen-Außen-Paradigmas.
Der Wiederaufbau und die Sanierung unserer Städte hatte u.a. auch diese Wirkungen: die Abschaffung der Vergangenheit und die Schaffung von Bedingungen, unter denen Arme nicht mehr leben können.
Der Staat gründet auf dem Opfer, und zwar konkret auf dem Menschenopfer; die letzte Erinnerung daran war die Todesstrafe. Und mit der Abschaffung der Todesstrafe wurde auch diese Erinnerung an den Ursprung des Staates beseitigt, und der Staat ist vollends böse geworden.
Gewalt bezeichnet die Fähigkeit zu töten. Deshalb drückte sich das Gewaltmonopol des Staates vorab in seiner Kompetenz, die Todesstrafe zu verhängen, aus. Der Todesstrafe aber bedarf es nicht mehr, wenn die andere Potenz, die die Macht zu töten, in sich enthält, nämlich das Eigentum, das schon von sich aus leistet.
Eigentum und Gemeinheit: Gewalt ist heute deshalb nicht mehr domestizierbar, weil sie in die Formen der Gemeinheit gerutscht ist. Gemeinheit ist nicht an sich, sondern nur dort, wo sie auch die Gestze verletzt, ein Straftatbestand; wäre sie es an sich, müßte das Eigentum abgeschafft werden. Und nicht mehr Kriminalität an sich, sondern nur noch Dummheit und Armut (Reichtum verbunden mit Dummheit, jedoch Armut, auch wenn sie schlau ist) stehen heute in der Gefahr, in die Hände des Rechtsstaats zu fallen.
Im Augenblick bricht mehr zusammen als nur der real existierende Sozialismus. An allen Ecken und Enden tauchen „Grenzfragen“ auf; und hierbei zeigt sich, daß Grenzfragen nicht mehr nur Grenzfragen sind, sondern mit aller Deutlichkeit auf den naturgeschichtlichen Aspekt des Eigentumsbegriffs hinweisen.
Heute schützt das Militär keine Grenzen mehr (dazu gab es in der BRD dann auch schon den „Grenzschutz“), sondern das Kapital (den Eigentumstitel) direkt. Das ist der Grund für die Existenz der Folter in der Welt.
Die gegenwärtige Verfassungsdiskussion hat etwas Hilfloses. Das Gefühl drängt sich immer mehr auf, daß auch eine neue Verfassung an den Grund der Dinge nicht mehr rührt, daß der vorentschieden ist insbesondere dadurch, daß wir in einer Welt leben, in der eine Versöhnung (eine Bestimung der Grenzen des Staates nach Außen und nach Innen) durch einen Friedensvertrag nicht mehr möglich ist, weil die Ökonomie nationalstaatlich nicht mehr zu domestizieren ist. Das war das realgeschichtliche Problem von Versailles, das nach dem zweiten Weltkrieg zusätzlich in der nicht wirklich gelösten Rechtsproblematik der Nürnberger Prozesse (dem Versuch, ein zwischenstaatliches Problem mit Hilfe des Strafrechts zu lösen) sich manifestierte.
Nicht die Identität sondern die Differenz der Genealogien des Kain und des Kenan ist entscheidend (ähnlich wie in den Fällen Jahwe und Elohim, Hebräer und Israeliten). Sie hat auch zu tun mit den Brüder-Problemen: Kain und Abel, Ismael und Isaak, Esau und Jakob. Lot hingegen war ein Neffe Abrahams. – An die Patriarchenzeit erinnern Moab und Ammon, Ismael und Edom.
Hat Ilias etwas mit El und Troja mit Jahwe zu tun? Und woher stammt die Verbindung von Edom und Rom (Heine)?
Der Raum ist die Brille, die die Schöpfung zur Natur verhext und die Barbaren produziert: Und die „subjektive Form der Anschauung“ ist nur zu verstehen als „Brille“, durch die hindurch wir die Welt sehen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten sich hier zum ersten Mal im Blick des Andern.
Wie hängt der Turmbau zu Babel mit dem Paradies zusammen: Beide bezeichnen Angelpunkte in der Urgeschichte der Sprache, und beidemale kommt Gott hernieder.
Die Orthogonalität des Raumes und die Trennung der drei Dimensionen im Raum (die Existenz der drei Freiheitsgrade des Raumes) hängen mit seiner Beziehung zur Zeit, zur Materie und zum Raume selbst im Inertialsystem zusammen.
In der Vorstellung des unendlichen Raumes war Auschwitz tendentiell mit angelegt.
Der biblische Charakter des Buchs der Richter scheint sich mir auch darin anzuzeigen, daß keine Pferde darin vorkommen (während Pferde auch religionsgeschichtlich mit dem Sonnenkult zusammenzuhängen scheinen).
Die Entfremdung ist die Verfeindung. Und das Gebot der Feindesliebe ist auch als Gebot, die Entfremdung aufzuheben, zu verstehen.
Der Kubismus war ein Angriff auf die Perspektive: So hing er mit der Russischen Revolution zusammen.
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