Naturwissenschaft

  • 21.11.90

    Frage bei jedem „Geschöpf“: Wer hat, wodurch und wozu wurden die Dinge geschaffen (die Frage woraus wurde mit Nichts beantwortet). Nach Augustinus Hinweis auf die Trinität (Gottesstaat, XI, 21-24).

    – Instrumentalisierung des theologischen Denkens.

    – Schöpfung wird in Analogie zur materiellen Produktion verstanden, mit der Konsequenz, daß das „Woraus“ (gegen Aristoteles) als Nichts und das Geschaffene als Teil der Welt gefaßt werden muß: Die creatio ex nihilo ist notwendige Folge der Instrumentalisierung und Teil des Säkularisationsprozesses; sie ist verständlich nur im Zusammenhang mit der Opfertheologie (Verschiebung des Leidens).

    Bei Hegel ist das objektive Korrelat des augustinischen Konstrukts (An-sich, Für-sich und An-und-für-sich) Grundlage der trinitarischen Struktur des Absoluten (Vergleich? – Beziehung zum Weltbegriff?).

    Die Lichtgeschwindigkeit bezeichnet sowohl die innere Grenze der Naturwissenschaften (die Todesgrenze, die Grenze zwischen toter Materie und sinnlicher Erscheinung, die Grenze der Mechanik zu den sinnlichen Qualitäten) als auch den Prozeß der Vergängnis (die Grenze, an der sich der Objektbereich der Mikrophysik und der Chemie konstituiert). D.h. die sinnlichen Qualitäten sind selber Ausdruck der Vergängnis, die Grenze ist prozeßhaft (gleichsam absolut urteilend). Und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Grund der Sterblichkeit alles Lebendigen (und dessen organische Struktur Ausdruck der Anpassung an und des Widerstands gegen den Tod).

  • 18.11.90

    Die Geschichte der Naturwissenschaften durch die Geschichte der Klinik, der Gefängnisse und des Militärs erklären.

    Es gibt kein Subjekt der Natur; was so zu benennen wäre, ließe sich vielleicht als Subjekt im Exil fassen: als Himmel, der mit der Erde erschaffen ist (das kantische Ding an sich ist die Utopie).

    Hoffnung ist in der Tat kein Prinzip; das Prinzip Hoffnung ist vielmehr nur eine Ersatzbildung für den „Geist der Utopie“, den Bloch zu früh verworfen hat: für den Parakleten, das verteidigende Denken.

    Die „von Descartes ihren Ausgang nehmende krude Subjekt-Objekt-Trennung“ (TM-TN, S. 35) bezeichnet den error in principio an der falschen Stelle: Die Vergegenständlichung, der historische Objektivationsprozeß (das Herrendenken) beginnt nach der DdA mit dem Mythos und setzt sich fort in der Aufklärung. Entscheidend scheint zu sein, daß der Geburtsfehler der Philosophie (den Heidegger zu ihrem einzigen Inhalt macht) mit der Instrumentalisierung (und damit Remythisierung) der Theologie: mit der Ausbildung der Orthodoxie und der Definition des Dogmas, des Symbolums, des „Bekenntnisses“ sich fest im Gesellschafts- und Naturkörper installiert. Indizien sind die Begriffe „Welt“ und „Natur“, die den blinden Fleck als Konstruktionselement in die naturbeherrschende Vernunft mit hereinnehmen und bewußtlos anzeigen.

    „… einen Sinn beziehungsweise eine ihr selbst zugehörende Zweckmäßigkeit in dem zu entdecken, was sie (die Natur, H.H.) ohne den eingreifenden Verstand aus sich heraus produziert“ (ebd.): Es gibt kein Natursubjekt und keine Naturteleologie; jedenfalls keine, die auf welchem Wege auch immer theoretisch zu ermitteln wäre. Die Vorsehung hat keinen Naturgrund. Der Schuld-und Passionszusammenhang der Natur, die reines Opfer ist, zieht den selber bloß passiv Zuschauenden ausweglos in diesen Schuldzusammenhang herein. Freiheit ist nach Kant das „Wunder in der Erscheinungswelt“, im Naturzusammenhang nicht darstellbar. Ihn, den Naturzusammenhang als Schuldzusammenhang, – und keine der Natur selber immanente Alternative der Befreiung – gilt es aufs genaueste zu studieren (das ist übrigens eine der Konsequenzen aus Auschwitz). Jede Konstruktion eines Natursubjekts entlastet die realen Subjekte von ihrer Verantwortung (von dem, was einmal „Gottesfurcht“ hieß), deren „Geisel“ das ethische Subjekt nach Levinas ist; sie verrät die Idee der Erlösung (indem sie den menschlichen Anteil an ihr unterschlägt).

    Levinas‘ Philosophie ist die reinste Selbstdarstellung der Gottesfurcht.

    Außer im Mythos gibt es keine natura dei/deorum.

    Den Kasselern die Naivität austreiben: Es gibt keine naturphilosophische Lösung der gesellschaftlichen Probleme, eher umgekehrt. In der Natur liegt das gegenständliche Korrelat des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs vor Augen. Und die Auflösung dieser Probleme löst auch den Naturzusammenhang – nicht die Natur – auf. Die dann „rein hervortretende Natur“ (wenn es denn so etwas gibt, aber unter diesem Niveau gibt es nichts) ist weder antizipierbar noch theoretisch darzustellen („Die ganze Schöpfung seufzt in der Erwartung der Freiheit der Kinder Gottes“).

    Trotzdem gibt es einen Einstieg in eine Naturphilosophie: die gegenseitige Erhellung und Aufklärung von Natur und Geschichte. Die naturwissenschaftliche Aufklärung, der historische Objektivationsprozeß, arbeitet einem Zustand entgegen, in dem beide -Natur und Gesellschaft – im verdrängungsfrei sich selbst begreifenden Subjekt gemeinsam durchsichtig werden. Im naturwissenschaftlichen Fortschritt spiegeln sich die gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen; am Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung läßt sich der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ablesen. Ebenso verstärken sich die ideologisierenden Wirkungen der Naturwissenschaften und der Ökonomie, die sich beide über die Köpfe der Menschen hinweg vollziehen, gegenseitig. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“: Folge des Gebots: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden“. Durch die Subjekt-Objekt-Spaltung (durch die Gestalt des richtenden Urteils) hindurch verschränken sich die Wirkungen des Objektivationsprozesses auf Objekt und Subjekt. Daß nach der DdA die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden zu den Beherrschten vermittelt ist, daß Naturbeherrschung und Herrschaft in der Gesellschaft sich nicht trennen lassen, drückt genau den gleichen Sachverhalt aus. Einsteins spezielle Relativitätstheorie hat in diesem Zusammenhang die ungeheure Bedeutung, den Anspruch des Begriffskerns der Naturwissenschaften (des Inertialsystems, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe und alle mathematischen Konstrukte sich beziehen), er sei unvermittelt gegeben, nicht hinterfragbar, widerlegt: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet gleichsam die innere Grenze der Geltung der Naturwissenschaften, ihre Distanz zum Objekt. Dagegen hat die Quantenphysik den Erkenntnisprozeß wieder in die Linie der Instrumentalisierung zurückgebogen (diesen Zusammenhang habe ich erstmals bei der Lektüre von Adornos „Philosophie der neuen Musik“ im Grundsatz begriffen).

  • 24.10.90

    Natur (als erste und zweite Natur) ist ein antitheologischer Begriff (securus adversum deos), Welt ein negativer Begriff der Theologie. Der Begriff der Natur besetzt die Stelle des Schöpfungsbegriffs, der der Welt (als Weltgericht) die des Erlösungsbegriffs.

    – Die Natur ist nicht erschaffen, sie besetzt die Stelle des Ursprungs (Natur als Inbegriff eines subjektlosen Subjekts der Schöpfung);

    – die Welt ist nicht erlösungsfähig, vielmehr ist ihr Untergang Teil der Erlösung;

    – warum gibt es „Welt-/Mensch-/Gottesbilder“ aber kein Naturbild?

    – Natur bezeichnet das Werden der Vergangenheit („Ursprung“, das Subjekt des Falls), Welt das Geworden-Sein (das Resultat des Falls, das Urteil, das Gericht); in beiden drückt sich die Herrschaft und der Bann der Vergangenheit aus; im Bannkreis von Natur und Welt gibt es keine Zukunft außer der endlichen, von Menschen gemachten: außer der Prolongation der Vergangenheit.

    – Natur als Subjekt (Naturteleologie) ist der gegenständliche Reflex des Subjekts, der Naturbeherrschung (der Inbegriff des Objekts der Naturbeherrschung): das ist der Grund für das (scheinhafte) Gelingen des Idealismus (Subjekt als Ursprung).

    – Den Naturbegriff gibt es nur im Kontext der Naturbeherrschung (Vorhandenheit und Zuhandenheit, Natur als Subjekt).

    – Natur hat das Erbe des antiken Schicksals angetreten (setzt die Verinnerlichung und Instrumentalisierung des Schicksals: das Herrendenken, voraus; Zwang, unter den Bedingungen von Herrschaft dem Naturgeschehen ein handelndes, zwecksetzendes und zugleich blindes Subjekt zu unterlegen – Natur handelt gleichsam instinktiv wie ein Tier); oder das Schicksal ist der Naturgrund des ästhetischen Objekts.

    – Dämonischer Charakter der Natur nicht mehr erkennbar, seit er ins Subjekt eingewandert ist (als blinder Fleck der Selbst-und Objekterkenntnis: bloße Entlastung vom Bewußtsein der Schuld, während der Schuldzusammenhang, als welcher Natur zu definieren wäre, bestehen bleibt, in dieser Entlastung gründet; falsche Befreiung).

    – Natur, Herrschaft und Bekenntnis (Instrumentalisierung des Bekenntnisses unter der Herrschaft des Naturbegriffs, Instrumentalisierung der Natur unter der Herrschaft des Bekenntniszwangs; Aufnahme von Naturkategorien in die Theologie <Opfer, Tod und Auferstehung>; dagegen Paulus: die ganze Schöpfung sehnt sich nach der Freiheit der Kinder Gottes)?

    – Theologische Kritik der Natur gelingt nur, wenn sie die Erkenntniskraft des Namens wieder erschließt; setzt Kritik des Begriffs und strikte Einhaltung des Bilderverbots (oder eine genetische Theorie der Mathematik) voraus.

    – Gibt es eine Befreiung der „Natur“ (die dann allerdings keine mehr wäre) oder nur eine Befreiung vom Schuldzusammenhang der Natur durch Reflexion der Natur?

    – Natur und Welt als differierende Strukturen der Gegenständlichkeit und des Gerichts (Welt als Subjekt und Natur als reines Objekt des richtenden Urteils? – Natur als apriorisches Objekt des Weltgerichts und als Produkt der Verdrängung des Erbarmens? Materie als objektiver Reflex des Selbstmitleids? -Zusammenhang von Selbstmitleid und Rigorismus? – Arme Seele und Teufel?).

    – Selbstmitleid und Rigorismus (Perversion des Rechts) = Umkehrung von Gerechtigkeit und Erbarmen (= Natur). Statt Mitleid nach innen und Strenge nach außen: Strenge nach innen und Mitleid nach außen.

    – Natur und Welt gibt es nur im Kontext der Autonomie (der Selbstbegründung des Wissens): die Leugnung der Offenbarung verstellt den Blick auf Schöpfung und Erlösung.

    Theologie konstituiert sich in der Kritik der Konstellation von Natur, Welt und Subjekt.

  • 11.10.90

    Ein Situation beenden, in der die Menschen nur Zuschauer oder Opfer der Welt und ihrer eigenen Geschichte sind (die Opfer sind das Gericht über die Zuschauenden).

    Die Forderung, daß Denken, Handeln und Fühlen mit einander übereinstimmen müssen, daß glaubwürdig nur ist, wer selbst so handelt, wie er es als allgemeinverbindlich in Diskussionen und Gesprächen vertritt, ist nicht zu halten.

    Das Argument Max Schelers, daß auch der Wegweiser den Weg nicht geht, den er weist, greift sicher zu kurz und ist zynisch. Umgekehrt ist’s richtig: Die absolute Forderung ist zumindest im Bewußtsein zu halten. Wenn man sie nicht erfüllt und sogar in wesentlichen Punkten nicht erfüllen kann, so ist das selbstverständlich Grund des schlechten Gewissens, und das darf man nicht verdrängen; mit diesem schlechten Gewissen, mit dieser Schuld muß man leben; das Unvermögen, das Nicht-Können ist keine Entschuldigung: Das ist der Realgrund dessen, was in der Bibel Gottesfurcht heißt.

    Die andere Möglichkeit, die absolute Forderung zu ermäßigen, da man sie doch nicht erfüllen und mit dem daraus folgenden schlechten Gewissen nicht leben kann, führt mit Sicherheit in die Katastrophe. Sie ist keine. Wer das Bewußtsein von Schuld nicht erträgt, dem bleibt nur das des pathologisch gute Gewissen.

    Kosmologie, Angelologie und Eschatologie (Apokalyptik) sind Teile eines Ganzen, aus dem man kein Stück herausbrechen kann, ohne das Ganze zu zerstören; nach der kopernikanischen Wende wäre schon aus diesem Grunde eine Überarbeitung und Revision der christlichen Theologie notwendig gewesen. So tun, als ob man alles übrige beibehalten könnte, wenn die Elemente des eschatologisch-apokalyptischen Konstrukts nicht mehr zu halten sind, verrät nur, wie wenig ernst man die eigene Tradition, von der man zu leben vorgibt, nimmt. Die Kirchen verdanken ihr Überleben nur der von den Oberen geschickt genutzten Massenträgheit ihrer Anhänger, deren Bremsweg länger ist als die Bremskraft der Kritik, der Gewissensprüfung, der theologischen Selbstverständigung.

    Das Bekenntnis der andern fordert der, der den Bekenntnisinhalt selbst nicht glaubt, aber zur eigenen Absicherung (um es selbst glauben zu können) die Zustimmung möglichst aller fordert. Der Nichtzustimmende gilt als Ketzer, ihn trifft die volle Wut, die eigentlich dem eigenen Verrat an der Wahrheit, der Selbstvergewaltigung dessen gilt, der zur Absicherung des eigenen Unglaubens das Bekenntnis fordert.

    Der Rosenkranz als Bekenntnis-Gebet; nur in rein katholischen Gegenden (nur hier funktioniert der kollektive Zwang); Wiederholung notwendig; Meditation als kollektiver Kitt, politischer Rosenkranz; Rosenkranz und Ontologie (Om Om, Gebetsmühle: Hegels Logik!); Fundamentalontologie und die Rosenkranz-Geheimnisse; Rosenkranz als Medium des Tauschs (Gelübde, Wallfahrten, Wunder). Rückführung auf Dominikus (Ketzer-Abgrenzung, Inquisition, Hexenverfolgung, Marienverehrung), realer Ursprung im 14. Jhdt., Zusammenhang mit Monstranz und Fronleichnam (Ursprung der Demonstration).

  • 10.10.90

    In seiner Predigt vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda vermißte Karl Lehmann die „dankbare Freude“, statt dessen werde „Trübsinn, Vergangenheitsbeschwörung und gottferne Skepsis gepflegt“ (FR vom 26.09.90). Karl Lehmann auf J. Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib hinweisen? Der Begriff „Vergangenheitsbeschwörung“ zusammen mit dem Hinweis auf „Trübsinn“ und „gottesferne Skepsis“ macht die Verwirrung, die den deutschen Katholizismus heute beherrscht, (den Verdrängungsprozeß und die Verblendung, unter denen die Kirche heute leidet) mit einem Schlage sichtbar.

    Die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbeschwörung“ läßt sich nur durch einen vollständigen Mangel an Gottesfurcht erklären.

    Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als die Menschen nicht mehr an die Hölle glaubten. Dafür wurde dann die lebenslängliche Haftstrafe eingeführt und entsprechend ausgestaltet. Die Abschaffung der Todesstrafe war außerdem überdeterminiert, da nach Auschwitz zu viele das Risiko zu fürchten hatten.

    Das Gefängnis ist heute der Ort, an dem Menschen zu qualitätsloser Materie fertiggemacht werden. Es mußte einfach in der Industriegesellschaft einen Ort geben, der noch schlimmer war als die Fabrik. Das wirft ein Licht auf die Argumente der allgemeinen Niedertracht: „Denen geht’s ja viel zu gut“.

    Zu dem Prinzip „man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen“: Das Prinzip ist erweiterungsfähig: Jede Gemeinheit ist zulässig, solange sie nicht ausdrücklich rechtlich untersagt ist; und Gemeinheit ist nicht justiziabel. Nach diesem Prinzip verfährt heute ein nicht unerheblicher Teil sowohl der Medien (von BILD bis FAZ) als auch unserer Justiz (von den Ermittlungsbehörden über unsere Gerichte bis zu den Aufsichtsorganen in den Strafanstalten).

    Das Gewaltmonopol des Staates drückt sich mittlerweile in den Folgen der Komplizenschaft einer Gemeinheit aus, die bewirkt, daß fast alles erlaubt ist, weil nichts mehr nachweisbar ist. Darin überlebt auf eine perfektionierte und gewitzte Weise Auschwitz.

    Im übrigen wurde Auschwitz vorbereitet in den kirchlichen Höllenpredigten (der Schule der Gemeinheit).

    Zum Problem des Selbstmitleids: Nach Walter Benjamin ist der Kleinbürger Teufel und arme Seele zugleich, arme Seele für sich und Teufel für die andern. Heute gibt es hierzu keine Ausnahme mehr, heute sind alle Kleinbürger. Genau darin liegt die ungeheure Gefahr und die Gewalt des Selbstmitleids. Vgl. hierzu Edgar Morins Antwort auf die Frage, warum die Menschen im Kino weinen.

    Im Übrigen ließe sich die Hölle sehr gut als Kino vorstellen, nur daß in der Hölle die Verdrängung entfällt, das reale Bewußtsein der Situation hinzukommt. Diese Situation ist heute durch das Fernsehen individualisiert und privatisiert worden.

    Naturkonstanten wie z.B. Masse und Ladung des Elektrons verweisen allesamt auf strukturelle Gegebenheiten, nicht auf Dingeigenschaften. Wer das verwechselt, ist potentieller Antisemit.

    Mir scheint, in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Frankreich wird die mißlungene Auseinandersetzung mit dem Positivismus wie unter einem Wiederholungszwang nochmals mißlingend wiederholt. Die Leute wollen sich einfach die „Dinge“ nicht aus dem Kopf und aus der Hand schlagen lassen, weil sie fürchten, dabei sich selbst zu verlieren.

    Wären Menschen, die vor zweieinhalb Tausend Jahren Propheten wurden, heute vielleicht schizophren? Und säße Ezechiel heute in der Anstalt eines Landeswohlfahrtsverbandes?

    Zum Problem „Insektenforscher“: Der Begriff erweckt den Eindruck, als sollten Probleme der Kirche und der Hierarchie ohne Emotionen untersucht werden. Das ist nicht ganz korrekt: Affekte sind sehr wohl angemessen und notwendig; ich würde sagen: wenn es sein muß mit Zorn, aber ohne Empörung (beide unterscheiden sich durch ihre Richtung: der Zorn geht zur Sache, die Empörung gegen Personen).

    Zum Bruch zwischen der Vätertheologie und der Scholastik: Vätertheologie und Dogmenentwicklung als Anpassung der Theologie an die Welt, als der Versuch, sich als Kirche in der Welt einzurichten; war möglich, weil ihm ein philosophischer Weltbegriff (Begriff des Kosmos) entgegenkam. Dieser Weltbegriff, den Spengler mit dem Begriff der arabischen Kultur zu fassen versucht hat, mußte untergehen, ehe die dann weitergehenden Konsequenzen daraus gezogen werden konnten. Theologie mußte mit einem neuen Weltbegriff verbunden werden, der aus der Theologie zu entwickeln war: Das ist die Leistung der wissenschaftlichen Diskussion seit den Anfängen der Scholastik (Entwicklung des instrumentalisierten Begriffs).

    Theologie als Geschichte der Auseinandersetzung mit der Philosophie (mit dem Herrendenken, dem die Theologie mit der Rezeption der Philosophie dann selbst verfallen ist).

    Karl Thieme hat einmal die Geschichte des Schiffsbruchs vor Malta eschatologisch interpretiert: als Typos der Rettung der Völkerwelt (mit Ausnahme des einen Volkes, dessen Rettung nicht Sache der Kirche ist) bei gleichzeitigem Untergang des Schiffes (der Kirche). Er hat einen Punkt dabei übersehen: das Schiff ist infolge eines Sturms untergegangen (durch den Geist). – Vgl. auch die Geschichte mit der Natter (Paulus wird von der Natter gebissen, stirbt aber nicht, sondern überlebt, nachdem er sie ins Feuer geworfen hat: verniedlichter Höllensturz des Drachen).

    Heidegger war der Sache ganz nahe: Sein „Gestell“ ist in Wirklichkeit das Gericht.

    Die „Summa contra gentiles“ war der Weg, über den der Islam in das Christentum eingedrungen ist. Nach der Hellenisierung und Islamisierung wäre heute die Judaisierung des Christentums an der Reihe.

    Drückt in der kirchlichen Kampagne gegen die Abtreibung vielleicht doch ein Stück Projektion sich aus. Wird hier nicht etwas angegriffen, dessen man sich selbst schuldig fühlt: der Abtreibung der Wahrheit (durch deren Instrumentalisierung im Interesse des Herrendenkens).

    Eine Philosophie des Namens müßte die ganze Spannbreite des Sprachgebrauchs abdecken: vom „das ist in unserem Namen geschehen“ bis zum „die Dinge beim Namen nennen“.

    – Im Bereich des Namens gibt es keine Subsumtionsbeziehungen.

    – Im Namen ist die Trennung von Begriff und Objekt aufgehoben.

    – Das Sein ist der Annihilationspunkt des Namens, der Punkt, an dem der Name in den Begriff umschlägt, die Subsumtionslogik, das Herrendenken beginnt (Quellpunkt des Begriffs).

    – Rührt das emphatische, das gleichsam theologische Verständnis der Ontologie her vom ontologischen Gottesbeweis?

    – Nicht das Eine oder die Einheit, sondern der Eine ist ein Gottesname.

    Adams Namengebung der Tiere verweist auf den Zusammenhang von Benennung, gegenständlicher Erkenntnis, die „katastrophische“ Genesis der Tiere (DdA) und den Zusammenhang mit den apokalyptischen Tieren (den singulären Chaosmächten: den falschen Umschlag des „Begriffs“ als absoluter Begriff in den Namen). – Hiob nochmal lesen: Behemoth und Leviathan; welche Bedeutung der Hinweis auf diese Tiere an dieser Stelle hat: Begründung der Gottesfurcht? – Zusammenhang mit der Erschaffung Evas (Namengebung der Tiere vorher), der Geschlechtertrennung und dem Auftrag zur Naturbeherrschung, sowie mit dem Baum der Erkenntnis (Erkenntnis des Guten und Bösen).

    Merkwürdige grammatische Beziehung: Die Erhebung in die Allgemeinheit verwandelt ein Maskulinum in ein Femininum. Jede -heit und -keit ist feminin, jeder -ismus ist maskulin. Oder auch: der Logos, aber die Ontologie, Theologie, Geologie etc. – Gattung und Art sind feminin (im Deutschen, aber genus und species?), das Individuum ist neutrum.

    Die Raumkontraktion und die Zeitdilatation beschreiben genau den Punkt, an dem die die sinnliche Welt in die physikalische umkippt: die Grenze zum Objekt. Man muß den prozessualen Vorgang nur rückwärts lesen.

    Das Ätherproblem ist mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gelöst worden: Es ist das Problem der inneren Grenze des Inertialsystems.

    Die Tatsachenwelt ist in der Tat eine: Die Welt ist ein Produkt des Tuns; in der Konstruktion der Welt steckt das Tun der Menschen, der Gesellschaft: der Staat. Durch dieses Tun sind die Menschen, ist die Gesellschaft mit in den Schuldzusammenhang verflochten. Und auf dieses Tun müßte sich heute die Gewissenserforschung richten, deren Resultat eine neu begründete Theologie wäre. Der Inbegriff dieses Gewissens ist die jüdisch-christliche Tradition, die der Antisemitismus (im Auftrag der Welt) aus der Welt schaffen wollte. Wenn die Beichte heute den wirklichen Problemen in Deutschland (nach Auschwitz) überhaupt nicht mehr angemessen ist, dann hängt das damit zusammen. Der eigentliche Gegenstand der Beichte wäre das Erbe der Philosophie.

    Ist der (kultische) Opferbegriff dem Kreuzestod Jesu angemessen? Wo und von wem wurde zum erstenmal der Opferbegriff hierauf angewandt? Und wie war hier der Opferbegriff gemeint, real oder symbolisch (als Teil der Aufhebung des Opfers)?

    Was bedeutet die „Erhöhung des Herrn“, und zusammen damit das „Sitzen zur Rechten Gottes“: Die Rechte ist die Seite der Gnade, des Erbarmens (aber von hinten ist sie die Linke, die Seite der Strenge, des Gerichts – Bedeutung der Umkehr!). Wie verhält es sich mit dem Wort: „…, der ißt und trinkt sich das Gericht“? Hat nicht die Mysterientheologie durch den Zusammenhang, in den sie die sakramentale, mystische Teilhabe der Gläubigen an der Erhöhung des Herrn rückt, diese Erhöhung zur Hypostase des Gerichts gemacht?

    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dieses Wort Jesu verweist darauf, daß die Wahrheit nicht nur gegenständlich ist, sondern auch subjekthaft (wer das Subjekt in der Wahrheit durchstreicht, streicht die Wahrheit durch.)

    Vielleicht stimmt es, daß die Beziehung der Juden zu Gott unmittelbar ist (F. Rosenzweig), die der Christen ist es nicht. Hier bedarf es – auch im Sinne der Mysterientheologie – des Durchgangs durch den Tod. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hält davon die letzte und allerabstrakteste Erinnerung fest, oder auch die letzte Erinnerung des islamischen Verständnisses des Martyriums als Tod im Heiligen Krieg. Auch bei Heidegger ist ja das „Vorlaufen in den Tod“ Teil des heroischen Gestus seiner Philosophie. (Anzumerken ist: Der Islam hat den Heiligen Krieg gepredigt, das Abendland hat ihn – zuletzt im sogenannten „Weltanschauungskrieg“, der ein Vernichtungskrieg war – aufs fürchterlichste praktiziert.)

    Der Zusanmmenhang von Objektivation und Instrumentalisierung (Vorhandenheit und Zuhandenheit bei Heidegger) verweist auf einen absoluten Vorrang des dreidimensionalen Raumes.

    Hegels Offenbarungsbegriff bezieht sich auf die Konstantinische Wende (das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses: das Christentum als Staatsreligion), nicht auf das Leben und die Taten und Leiden Jesu. Nicht zuletzt deshalb erscheinen auch bei Hegel die antijüdischen Vorurteile, die zu den Voraussetzungen und Folgen der Konstantinischen Wende gehören.

    Die Wirkung des Bekenntnissyndroms auf den Bekenntnisinhalt kann man daran erkennen, daß das Symbolum das Leben und die Lehre Jesu nicht erwähnt. Jesus ist nur geboren, gestorben und auferstanden; was dazwischen liegt, wird verschwiegen und ist auch im Rahmen des Bekenntnisses wohl nicht faßbar. Die Hegelsche Philosophie hingegen bezieht ihre ganze Stringenz aus diesem Bekenntnissystem; das Bekenntnis ist sozusagen die nicht mehr reflektierte Grundlage der Hegelschen Philosophie. Und die Bekenntnis-Theologie ist zum Inbegriff eines verworfenen, hoffnungslosen Glaubens geworden.

    Zu Dezisionismus und Bekenntnis: Die Ontologie ist nicht nur dezisionistisch, sondern auch Bekenntnis-Ontologie. Durch das Bekenntnis ist mit der Philosophie das dezisionistische Moment in die Theologie hereingekommen, und das war die Grundlage der Trinitätslehre und der Lehre von der Göttlichkeit Jesu im Sinne einer (nicht ewigen, sondern) überzeitlichen Göttlichkeit. Dieser Dezisionismus oder das Bekenntnis haben die Verwechslung des Ewigen mit dem Überzeitlichen ermöglicht. (Zum Begriff des Ewigen vgl. auch Rosenzweigs Aufsatz.) Überzeitlich ist der Staat (der Begriff), ewig ist der Gegenstand der Theologie (der Name).

    Wer sich mit dem Staat befaßt, wird den Staatsanwalt nicht vermeiden können.

    Jede Architektur ist ontologische und Bekenntnisarchitektur.

    Die Terroristen sind der Nachfolge Christi näher als die elitären Mysterientheologen.

    Zum Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: Heute geht es nicht mehr nur um den Eckstein; sondern die Materialien, aus denen die Theologie zu erbauen wäre, bestehen nur noch aus den verworfenen Materialien, aus Ruinen. Zuerst ist die Betondecke zu zertrümmern, die die Ruinen der Geschichte zudeckt.

    Zu den Ursprungsbedingungen des pathologisch guten Gewissens gehören auch die historischen Verdrängungsprozesse, insbesondere jene die mit der Ursprungsgeschichte der modernen Aufklärung, vor allem der modernen Naturwissenschaften zusammenhängen. Erst wenn es gelingt, die Tathandlung, die die Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, und deren Folgen in der Welt selbst zu begreifen, erst dann gelingt es auch, jene Verdrängungsblockade aufzuheben.

    Modell für die Neutralisierung durch Erkenntnis ist das „pecunia non olet“. Deshalb wird man nicht umhin können, in der Vergangenheit „herumzuschnüffeln“.

    Es gibt zwei Formen der Entstehung von Vergangenheit. Die eine ist die historische: Mit jedem Tag vermehrt sich die Vergangenheit (die dann hinter uns liegt). Die zweite ist die natürliche (die auf uns lastet): sie ist gegenläufig zur historischen.

    Gefühl des Schwindels, wenn der Boden des Herrendenkens unter den Füßen weggezogen wird (Adorno): Die Kritik des Dings trifft auch das Subjekt zentral (in seinem blinden Fleck).

    Die Wahrheit ist antisystematisch, systemkritisch. Wenn sie trotzdem selbst systematische Züge trägt, rührt das her aus der Kritik des Herrschaftssystems, dessen Strukturen sich verkehrt in der Wahrheit abbilden. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung der Hegelschen Philosophie.

  • 07.09.90

    Bekenntnisse fordert, wer selbst verdrängen muß (und Liebesbekenntnisse, wer an seiner eigenen Liebe zweifelt): Das Zwangsbekenntnis (als säkularisierte Form des Bekenntnisses) ist Ausdruck der (selbstverschuldeten) objektiven Verzweiflung an der Erlösung. Cohen: Hat denn jemals jemand wirklich daran geglaubt?

    Welt-Kritik und Bekenntnis sind nicht äquivalent, wohl aber deckungsgleich; das säkularisierte Bekenntnis (das Bekenntnis, das den Bedingungen der Welt gehorcht) ist eine contradictio in adjecto. Liebes- und Schuldbekenntnis sprengen den (Schuld-)Zusammenhang der Welt und eröffnen die Sphäre, in der Theologie allein möglich ist.

    Die Öffnung im System die Physik, die Einstein in der speziellen Relativitätstheorie entdeckt hat, (die innere Grenze des Objektivationsprozesses) ist durch die nachfolgende zweite Instrumentalisierung (durch die Quantenphysik) wieder zugeschüttet (verstellt) worden. Mit dieser Konstellation hängt es zusammen, wenn in diesem Bereich die Naturbeherrschung nicht ganz gelingen will, wenn einerseits der gegenständlichen Interpretation (der dinglich-modellhaften Anschauung der Prozesse) objektive, unüberwindliche Grenzen gesetzt sind und andererseits der Objektbereich mit nicht mehr beherrschbaren Nebenwirkungen behaftet ist (Strahlungsprozesse, exzessive Lebensfeindlichkeit neuer chemischer Verbindungen: Entstehung hochgiftiger und krebsverursachender Substanzen). Der Schlüssel zum Verständnis dieses Bereichs liegt in der Bestimmung der objektiven Bedeutung der Lichtgeschwindigkeit (erklärbar durch ein nur in den „Phänomenen“, zu deren Konstituentien die Lichtgeschwindigkeit gehört, wirksames Moment, das als eine Art Zeitspiegelung sich beschreiben läßt; angegriffen und instrumentalisiert wird gleichsam das der Materie inhärente Zukunftsmoment; hier löst sich auch das Rätsel des Korpuskel-Welle-Dualismus, dessen Konstruktionselemente sich wie natürlich hieraus ergeben). – Hier löst die Physik ein, was in der Theologie bewußtlos begonnen wurde: die Instrumentalisierung (und damit die Neutralisierung, schließlich die Vergiftung) der Utopie.

  • 03.09.90

    Auswirkung des Bekenntnissyndroms auf die Sprache; Zusammenhang mit der subjektiven Etablierung des Staats, seiner Verankerung im Subjekt, und dem Ursprung des Tausch- und des Trägheitsprinzips (mit der Geschichte der Naturbeherrschung).

    Der Islam, die Lichtmetaphysik, die Erfindung der 0, die Lokalisierung der aktiven Vernunft in der Mondsphäre und die Furcht vor der Emanzipation (Furcht vor der Aufklärung – Bedeutung der Entdeckung des Infinitesimalprinzips: Ursprung des Ursprungsbegriffs).

    Konstruktion des Staates; Aufbau auf dem Gewaltmonopol, dem Verbot der Selbstjustiz; Auswirkung auf die Struktur des Subjekts, Zwang zur Verarbeitung der Ohnmachts- und Angsterfahrung; Zusammenhang mit dem Bekenntnissyndrom.

  • 27.08.90

    Der Rechtfertigungszwang (Bekenntniszwang) verändert auch das Gerechtfertigte (den Inhalt des Bekenntnisses): den Glauben, den man verteidigt (bekennt). Das wird deutlich an den Äußerungen jenes Anhängers Lefebvres, der die Wiedereinführung der Inquisition forderte und im Zusammenhang damit auch die Todesstrafe rechtfertigte. Zum apologetische Grundzug der Orthodoxie heute gehört offensichtlich auch die Erfahrung, daß eine Verteidigung der Lehre ohne die Hilfe äußerster Rechtsmittel wie Inquisition und Todesstrafe nicht mehr möglich ist. Zugrunde liegt eine Ohnmachtserfahrunmg, die sich anders nicht mehr zu helfen weiß. – Aber ist diese Ohnmachtserfahrung nicht doch real begründet? Und sind nicht die Anpassungstendenzen der modernen Theologie weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Flucht vor dieser Ohnmacht?

    Das „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ ist die schärfste Kritik am Bekenntnis-Christentum. Das christliche Bekenntnis bedurfte seit je des Pharisäers als Verdrängungshilfe und Projektionsfigur, um die damit verbundenen Schuldgefühle loszuwerden.

    Wie hängen die Begriffe Bekenntnis und Symbolum zusammen? War das Bekenntnis der Vollzug einer Identifikation mit dem Aggressor, und der Formel-Inhalt das Zeichen (Symbol) dieser Identifikation?

    Der theologisch-soziale Doppelsinn des Opfer-Begriffs ist ein Hinweis darauf, daß das eigentliche Opfer das soziale und nicht das kultische ist. Das kultische ist nur die zugleich verdrängte Deckerinnerung ans soziale Opfer. Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will Ich, nicht Opfer“ drückt genau das aus.

    Sind die Christen (die Katholiken) Gottesfresser? – Durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie steigern wir die Last anstatt sie mitzutragen (Umkehr des Nachfolgegebots). Die Projektion auf die Juden im christlichen Antisemitismus (in der christlichen Judenfeindschaft) ist die genaue Folge davon, ist die projektive Verarbeitung, die nicht zufällig in Auschwitz endet.

    Gläubige Theologie wäre Theologie im Antlitz Gottes, hieße Theologie so betreiben, als wäre ER anwesend. Gläubige Theologie wäre Theologie als Gebet, Theologie, die Gott als Adressaten hat und jeden Satz vor IHM verantworten muß.

    Die Theologie spricht über Gott hinter seinem Rücken, d.h. sie glaubt nicht an seine Anwesenheit und muß sich deshalb ihrer Wahrheit durch kollektive Zustimmung versichern. (Zusammenhang mit dem Bekenntnis-Begriff!)

    Rosenzweigs Satz: „Von der Welt wissen wir nichts, und dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von der Welt“ ist so abzuändern, zu ergänzen und zu verschärfen: „Die Welt ist der Grund unseres Nichtwissens“; es sind die (weltlichen) Bedingungen unseres Wissens, die unser Nichtwissen von Gott und Mensch zur Folge haben. – Das jedoch ändert Struktur und Zusammenhang des Rosenzweigschen Systemkonzepts. – Wäre diese Änderung in einem dann allerdings sehr weitreichenden Sinne christlich zu begründen?

    Liegt das Problem in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ in der Ambivalenz seines Weltbegriffs? Anstelle Gott/Mensch/Welt: Gott/Himmel und Mensch/Erde? Müßte nicht die Summa contra gentiles neu geschrieben werden?

    Adornos Philosophie – vor allem seine Hegel-Kritik – ist der Versuch, den brennenden Dornbusch von innen zu beschreiben (vgl. Franz von Baaders Vergleich der Hegelschen Philosophie mit einem Autodafe).

    Titel-Vorschlag: Verwaltete Theologie oder Bemerkungen zum Begriff der Konfession.

    Ist der Taumelkelch, von dem die Propheten gelegentlich reden, die Philosophie (an der nach Hegel „kein Glied nicht trunken ist“).

    Ist jedes Bekenntnis die Antwort auf eine Anklage (und insoweit Schuldbekenntnis, jedoch ohne wirkliches Schuldbekenntnis): das Zwangsbekenntnis unterstellt, daß jeder (selbst der noch ungetaufte Säugling) zunächst einmal ein Ketzer ist?

    Die autoritäre Forderung des Bekenntnisses ist der Mißbrauch des Bekenntnisses. Sie unterstellt, daß der, dem das Bekenntnis abgefordert wird, grundsätzlich schuldig ist und davon durch das Bekenntnis sich freisprechen kann (vgl. hierzu auch Kant!). Ihr Ziel ist die Identifikation mit dem Aggressor, die absolute Heuchelei.

    Zwei Dinge, die die Neubegründung der Theologie notwendig machen:

    – Ihr Verhältnis zu den modernen Naturwissenschaften (Ausgangspunkt: die spezielle Relativitätstheorie Einsteins), und

    – ihr Verhältnis zu Auschwitz: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. – Der Knecht Gottes ist Israel, aber wir können es nicht wieder instrumentalisieren wie beim Kreuzestod Jesu.

    Theologie war in ihrer ganzen christlichen Geschichte der Versuch, hinter dem Rücken des lieben Gottes über ihn zu reden. Die Folgen liegen heute offen zutage. Theologie ist heute die offene Wunde, und nur wer das realisiert, ist befugt, Theologie zu betreiben. So wie Einstein die offene Wunde der Physik ist, während die gesamte pseudometaphysische Mikrophysik und Quantentheorie einschließlich der pseudomystischen Konsequenzen, die einige glaubten, daraus ziehen zu können, nichts anderes ist als die Instrumentalisierung dieser Wunde (Salz für die Wunde). Insofern ist allerdings die Quantenphysik in der Tat die Erbin und Nachfolgerin der europäischen Theologie.

    Den Begriff der Umkehr auf die Dogmatik anwenden. Hilfe wäre das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, das parakletische Denken; Frage, ob die gesamte Dogmatik zu retten ist.

    Die Aufspaltung der Eschatologie, die Trennung des Himmels oben von der zukünftigen Welt, ist historisch erledigt; ihr ist die Grundlage entzogen seit Kopernikus, seit Newton, seit dem Fall Galilei.

    Bekennen darf man nur, wo man geliebt wird; das Zwangsbekenntnis ist in einem letztlich auch kosmologischen Sinne der Grund des Übels.

    Verteidigendes Denken: Heute sind wir schon soweit, daß die Verteidigung eingeschränkt, teilweise ganz ausgeschlossen wird (u.a. bereits durch das Rechtsdogma von der Verteidigung als einem „Organ der Rechtspflege“, d.h. der Staatsräson, die es auch erforderlich machen kann, einem Vorurteil Rechtskraft zu verschaffen).

    Adornos Idee des Nichtidentischen, die Grundlage der Negativen Dialektik, steht in der prophetischen Tradition des Eintretens für den Armen und den Fremden. Diese Tradition wird übrigens unmittelbar aufgenommen und zitiert in der Analyse des autoritären Charakters, unter dem Titel „no pity for the poor“.

    Das Phänomen der aggresiven Sanftheit (Drewermann) wäre doch etwas genauer zu beschreiben: Grund ist das verdrängte, nicht aufgearbeitete Selbstmitleid.

    Die letzte moralische Barriere ist die Sprache; wenn die zerbricht, brechen alle Schranken; wie es scheint, ist es kein Zufall, daß die, die sich deutsch fühlen, des Deutschen in der Regel nicht mächtig sind (vgl. das in KuS zitierte antisemitische Flugblatt aus der Zeit des Vormärz).

    Gibt es eine Geschichte der Aufführungsform, der musikalischen Bearbeitung und Darbietung des Deutschland-Liedes. Kann es sein, daß die Form, in der es heute öffentlich dargeboten wird, die von den Nazis zusammen mit dem unsäglichen „Horst-Wessel-Lied“ für die öffentliche Darbietung eingerichtet wurde? Daß es sich sozusagen um die vom Horst-Wessel-Lied infizierte und vergiftete Version handelt?

    Läßt sich das historische Bekenntnis-Problem auch in der Musikgeschichte nachweisen (Entsinnlichung, Vergeistigung der Musik unter christlichem Einfluß, vgl. Kurt Blaukopf oder Wiora)?

    Die Übertragung der Schlüsselgewalt an Petrus (Mt 16,19, worauf übrigens die „strenge Weisung“ folgt: „niemand zu sagen, daß er der Messias sei“) begründet keinen Rechtstitel, sondern eine bis heute nicht wahrgenommene Pflicht.

    Wurden Marcion und die Gnosis nur deshalb so wütend abgewehrt, weil sie den Christen das Bild ihres verdrängten Selbstverständnisses vorhielten?

    Zum Problem des Islam: Gibt es im Islam die Idee eines moralischen Subjekts, des Gewissens? Hat der Islam das (aristotelische) Erbe der objektiven Vernunft angetreten und zugleich seine Widersprüche rein herausgearbeitet? Ist der erfolgs-, nicht moral-orientierte Politik-Begriff des Islam systembedingt? Ist der Islam im genauesten Sinne die Weltreligion?

    Zur Dornen und Distel-Tradition: Sündenfall, brennender Dornbusch, Jotam-Fabel, Gleichnis vom Weizen unter Dornen (Unkraut), Dornenkrone.

    – Der brennende Dornbusch: die brennende Innenerfahrung der Profangeschichte (Auschwitz); die genaue Beschreibung der Grundlage der Gotteserfahrung;

    – Dornenkrone: dieser König der Juden ist der König eines Reichs, das unter der und gegen die profangeschichtliche Herrschaft der Welt heranwächst;

    – Dornen und Disteln als Inbegriff der Welt (des katastrophischen Aspekts der Geschichte).

    Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ als der Anfang der utopischen Kraft des Heiligen Geistes, des parakletischen Denkens.

    Hat Kant das Geheimnis der Trinitätslehre durch seine Entdeckung der Form der äußeren Anschauung prinzipiell bereits gelöst? Und hat dazu Einstein die notwendige Ergänzung und Korrektur geliefert? Ist die spezielle Relativitätstheorie eine Teilaspekt der objektiven Bedeutung des brennenden Dornbuschs?

    Der vielleicht entscheidende Satz zu Auschwitz stammt von Thomas von Aquin: „Parvus error in principio magnus est in fine“ (De ente et essentia).

    Der Haß auf das Alte Testament ist begründet im (projektiven) Herrenneid. (Grundlage ist – gegen den Sinn des Textes – ein autoritärer Gottesbegriff: Gott als der Herr der Geschichte, der man selber sein möchte). Das AT verträgt sich nicht mit einem kolonialistischen Geschichtsverständnis (wie klug sind wir doch heute, und wie dumm waren die vergangenen Geschlechter).

    Die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Naherwartung der Parusie. Die Orthodoxie stand seit je unter dem Zwang, überlebensfähig zu bleiben in der Welt; sie stand damit immer in der Gefahr der Verweltlichung, der Identifikation mit dem Aggressor. Das Unkraut dessen Vernichtung Jesus dem Jüngsten Gericht vorbehalten hat, sind die Dornen und Disteln aus der Geschichte der Sündenfalls (es sind diese Dornen, unter die nach dem Gleichnis die Weizenkörner gefallen sind, die dann ersticken).

  • 07.08.90

    Die Materie ist nicht nur tot, sondern Ursprung, Telos und Inbegriff der Vergängnis, der Sterblichkeit; der genaue innerphysikalische Ausdruck davon ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (hier bewegt sich nicht ein Objekt im Raum, sondern der Raum in sich selber). Hängen die Menschheitsgefahren, die heute von der Atomphysik und von der Chemie ausgehen, damit zusammen? (Physikalisch wie ökonomisch?) – Rührt Erich Fromms Begriff der Nekrophilie an diese Bedeutung des Materiebegriffs?

    „Das lyrische Gedicht ist das Bekenntnis, welches die Seele selbst von ihrem innersten und innigsten Erlebnis ausspricht“ (H.Cohen, S. 433): Bei der Analyse des Bekenntnisbegriffs das Liebesbekenntnis nicht vergessen: dies ist der erhabene rationale Kern jedes Bekenntnisses: es nährt sich aus dem Licht der Versöhnung. – Aber das Symbolum ist weder ein lyrisches Gedicht, noch ein Liebesbekenntnis. Und das Zangsbekenntnis ist obszön; es erfüllt genau den biblischen Begriff der Unzucht (des Götzendienstes): es ist die Einbruchstelle des Heidnischen ins Christentum, der nicht bekehrte Quellpunkt des Schuld- und Verblendungszusammenhangs (dessen Wirkung ins Zentrum der christlichen Erlösungslehre hineinwirkt: in die Lehre vom Opfertod als einem stellvertretetenden Sühneleiden).

    Das Dogma: das an der Kälte der Welt und des Herrendenkens erstarrte Bekenntnis.

  • 17.07.90

    Ebenso wie das durch die Ohrenbeichte definierte Schuldbekenntnis ist auch das Glaubensbekenntnis geschichtlich nicht mehr möglich.

    Verzweigungen:

    – Bekenntnis setzt Selbstmitleid voraus, ist Ausdruck des Geliebt-werden-Wollens (Verdrängung des Bewußtseins, schuldig zu sein; Ursprung des pathologisch guten Gewissens);

    – Bekenntnis und Wissenschaft (der Professor als Bekenner): Ontologie als kleinster gemeinsamer Bekenntnisnenner (Bekenntnis als uneigentliche Eigentlichkeit – oder eigentliche Uneigentlichkeit);

    – Bekenntnis als Leidensvermeidung (Verdrängung), Vermeidung der Nachfolge (Selbstdementi des Christentums), als Komfort des Bewußtseins, der Innerlichkeit (Religion als Innerlichkeits-Schmuck): als Sünde wider den Heiligen Geist;

    – Bekenntnis als Wut: antisemitisch (fremden- und frauenfeindlich); abzusichern nur durch Empörung, die Quelle und Prototyp des Bekenntnisses ist (Empörung Ursprung des Bekenntnissyndroms); Bekenntnis/Empörung/Herrendenken/Geschwätz;

    – Bekenntnis = Erbe von Totem und Tabu; magisches Relikt (Vorstellung einer individuellen oder kollektiven religiösen Wirkung des Bekenntnisses magisch; begleitende Gottesvorstellung blasphemisch).

    – Begründung der Naturphilosophie durch Selbstreflektion des Bekenntnisses?

  • 12.07.90

    Die „Rationalität“ des römischen Imperialismus ist eine rücksichtslose Rationalität; und das wirft ein Licht auf die Rezeption des Christentums durch Konstantin, auf die Übernahme des Christentums als Staatsreligion, mit der diese Rücksichtslosigkeit in das Christentum implantiert wird. Diese Rücksichtslosigkeit ist die Kehrseite des Imperialismus; sie ist der Grund für den Ursprung und die Entfaltung der Zweckrationalität, der Instrumentalisierung und damit zugleich der Begründung des Weltbegriffs, der mit dem römischen Imperium erstmals hervortritt.

    War die Tat des Arminius nicht die Tat eines römischen Bürgers, eines Weltbürgers; sind die List, die Rücksichts- und Bedenkenlosigkeit in der Wahl der Mittel nicht hierin begründet (vgl. dazu auch die römische Bürgerschaft des Saulus/Paulus)?

    Das Inertialsystem ist (wie die Geldwirtschaft) eine ansteckende Krankheit, ein Konzept, das sich selber reproduziert und fortpflanzt: der systematische Quellpunkt der Säkularisation, der Verweltlichung.

  • 25.06.90

    Die Längenkontraktion und die Zeitdilatation beziehen sich nicht unmittelbar auf Entfernungen und Zeiten, sondern nur vermittelt: ihr direktes gegenständliches Korrelat sind Farben und die Wärme, die Elektro- und Thermodynamik sowie Mikrophysik und Chemie insgesamt.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie