Naturwissenschaft

  • 23.05.90

    In jeder Feindschaft steckt ein Stück Projektion. Diesen Sachverhalt als Interpretationsmuster verwenden bei der Analyse von Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung. Was mich zur Empörung reizt, bin ich selber. So hat z.B. die Gesellschaft in den Hexen sich selbst erkannt: das Totenreich, das sie selbst zu errichten auf dem Sprunge war. Und das Erschrecken war ein Erschrecken über sich selbst. Als die Welt verhext wurde, wurden die Hexen verfolgt. Das Rätsel Swedenborg lösen hilft sicher mit, das Rätsel des Hexensabbat zu lösen.

    Ableitung der Gottesidee aus dem theologischen Erkenntnisbegriff? Wenn das Ich, das seinen Ursprung im Nein hat, der Inbegriff der Negativität ist, der Motor des Abstraktionsprozesses, und nur in diesem Zusammenhang als der Begleiter aller meiner Vorstellungen nach Kant zu begreifen ist, dann hinterläßt dieser Erkenntnisbegriff eine Lücke, die nicht zu schließen ist, die vielmehr als Lücke, als Wunde offengehalten werden muß. Die Ohnmacht des Ich, seine Hilfsbedürftigkeit, ist der Grund seines Geliebtwerden-Wollens (Freud/Drewermann). Sie reicht nicht aus zur Begründung der Gottesidee. Die Konstruktion des Ich gründet im historischen Prozeß, in der Geschichte der Welt, in der Geschichte der transzendentalen Logik, des Begriffsapparats, der die Erscheinungen so gliedert, daß sie dem Ich angemessen, kompatibel sind. Das Ich unterliegt zugleich selber der Logik, die es konstituiert (und wird sich selbst so zum blinden Fleck).

    Das Bewußtsein als offene Wunde ist konstruierbar nur vor dem Hintergrund der Idee des seligen Lebens. Vorausgegangen muß eine Idee, eine Erfahrung der Seligkeit und ein Seligkeitsversprechen sein. Der Anfang der aristotelischen Metaphysik: Alle Menschen streben nach dem Glück, ist durch ihr Ende, ihr Resultat (die Theoria, den transzendentalen Apparat in nuce) nicht abgegolten.

    Alle Wissenschaft ist Naturwissenschaft.

    Beschreibt die Elektrodynamik die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit? Beschreibt sie genauer den Vergängnisprozeß? Und sind die Quantenphysik und die Atomphysik gegenständliche Abbildungen der Logik des Zerfalls?

    Ziel ist nicht eine Ökumene, die vielleicht auf irgendeinem Kompromißwege tatsächlich zu erreichen wäre, sondern ein entkonfessionalisiertes Christentum, eine entkonfessionalisierte Kirche. Das läßt allerdings die Lehrtradition, an der alle Konfessionen wie unter einem Erkenntniszwang teilhaben, nicht unberührt.

    Gehört zu den Emblemen der Melancholia auch die Dornenkrone (nur bei Lochner?), haben die Theoretiker der Melancholie etwas gewußt? Woher kommt es, daß die Melancholie bevorzugt als Frau dargestellt wird – und dann u.a. auch als Frau mit Dornenkrone?

    Differenz zwischen Dürer und Lochner: Lochners Melancholie fällt bereits unters Vorurteil.

    Luthers Antisemitismus ist eine notwendige Folge des Friedens, den er mit der Welt geschlossen hat, ebenso wie sein Trübsinn. Der theologische Grund davon ist seine Rechtfertigungslehre. Nur die Lutherische Wendung hat dann Erfahrungen ermöglicht, hat Energien freigesetzt, die auf andere Weise nicht hätten freigesetzt werden können: insbesondere der wissenschaftliche Eros, der dann die Theologie ergriffen (und auf den Kopf gestellt) hat, war nur unter den Prämissen des Protestantismus möglich.

    „Experimentaltheologie – Elemente einer theologischen Erkenntnistheorie“

    Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter auf die Rücknahme der Schuld, die wir selber in die Realität hineinprojiziert haben, beziehen! Die einzig sinnvolle Interpretation des Gleichnisses?

    Wer es nicht mehr nötig hat, seine Ohnmachtsgefühle zu kultivieren, der bedarf auch der Selbstbestätigung durch Empörung nicht mehr.

    Die Trinitätslehre beruht auf Voraussetzungen, die heute (nach Auschwitz) nicht mehr ungebrochen übernommen werden können. Diese Voraussetzungen sind ein Teil der Verflechtung des Christentums, seiner Konfessionen, in die Welt- und Herrschaftsgeschichte. Die drei göttlichen „Personen“ sind es nicht an sich, sondern für uns. Die Aufspaltung ist begründet in den Erfahrungsbedingungen der endlichen, geschichtlichen, menschlichen Welt (kann ausgeschlossen werden, daß die trinitarische Konstruktion sich am Ende in die Wahrheit der Einheit Gottes auflöst?). Wahr ist, daß die Trinitätslehre die Einheit Gottes unangetastet läßt. Die Begriffe „Hypostase“, „persona“ sind genauer zu untersuchen (auf ihren Ursprung und Kontext). Was bedeutet es, wenn Jesus Sohn Gottes genannt wird, erzeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater? Was bedeutet es, wenn der Geist ex patre filioque procedit? Hat sich das Dogma in seiner lateinischen Rezeption gegenüber der vorhergehenden griechischen Fassung verändert? Und was bedeutet es, wenn z.B. bei Alexander von Hales die Begriffe, in denen das Dogma gefaßt ist, zu Namen Gottes werden, in vollständiger Differenz zu der Namen-Gottes-Lehre der jüdischen Tradition (und zur dritten Vater-Unser-Bitte)? Ist die Heiligung des Substanz- oder Person-Begriffs auch nur im Ansatz denkbar (ist diese Heiligung – und mit ihr die gemeinsame Genesis der Ontologie und des pathologisch guten Gewissens – aber nicht umgekehrt die notwendige Folge des Dogmas; sind nicht beide notwendige Folgen der Instrumentalisierung der Lehre, ihrer Umwandlung in ein Herrschaftsinstrument)? Anstatt die geologischen Strukturen des von den Christen dann so genannten „Alten Testamentes“ zu untersuchen, wurde das Alte Testament seit je nur als Steinbruch benutzt, als Material für apologetische oder erbauliche Traktate.

    Wird das Verständnis der Trinitätslehre nicht bestätigt durch den Paulinischen Satz, wonach am Ende „Gott alles in allem“ sein wird (vgl. hierzu den Hinweis und die Kritik Franz Rosenzweigs).

    Hat die Geschichte mit der Sonne bei Gideon (Josua) nicht doch mehr mit der Geschichte des Patriarchats als mit der der Naturwissenschaften zu tun?

    Hegels Urteil über die Natur als Äußerlichkeit der Idee, die den Begriff nicht halten kann, verweist darauf, daß die Natur als vollständig verurteilte und gerichtete nicht nur das ist (dann müßte sie dem Begriff entsprechen), sondern etwas darüber hinaus; daß sie im Begriff nicht restlos aufgeht.

    Das christliche Dogma und die Dialektik der Aufklärung oder Präliminarien einer theologischen Erkenntnistheorie.

    Wenn heute die Religion selber blasphemische Züge annimmt, wenn sie insbesondere gefährdet ist durch den fundamentalistischen Terrorismus, so hängt das mit der unaufgeklärten eigenen Geschichte zusammen.

    Liefert der Vergleich von „Totem und Tabu“ mit dem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ – beide sind sich im Aufbau sehr ähnlich – einen Hinweis, unter welchen Prämissen die christliche Theologie aufzuarbeiten wäre? (Ist der Ursprung des deutschen Trauerspiels eine Interlinearversion von Totem und Tabu, ist er aus der gleichen Konstellation der Ideen – mit dem Königtum (Christentum?) im Zentrum – erwachsen? Etwas Vergleichbares scheint Walter Benjamin gemeint zu haben in seinem „Programm einer neuen Philosophie“ im Hinblick auf die Verwendung der Kantischen Kritik)

    Die Hoffnung von Karl Thieme in seinem „Am Ende der Zeiten“, daß das Christentum jetzt endlich ins Mannesalter eintritt, scheint sich bisher noch nicht erfüllt zu haben.

    Wenn es stimmt, daß die Geschichte der Aufklärung von den Mythen über die Religion bis hin zu den Naturwissenschaften ein Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur ist, und selbst insoweit in den historischen Naturprozeß mit hereinfällt, ist die Naturphilosophie ein Haupterfordernis einer Philosophie, die den Anschluß an die Theologie wiedergewinnen will. Die Frage hierbei ist, ob der Begriff der Natur selbst nicht ein Teil dieser Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur ist, in diesem Prozeß sich konstituiert und von ihm nicht sich ablösen läßt; und ob eine Naturphilosophie nicht mehr sein müßte als eine Philosophie der Natur. Sind nicht die Begriff Natur und Welt eigentlich identisch, und bezeichnen sie nicht zwei Aspekte der gleichen Sache (abhängig davon, ob sie auf das Subjekt als Subjekt oder als Objekt sich beziehen)? Und müßte nicht eine Naturphilosophie heute Kritik des Naturbegriffs mit einschließen?

    Hat das mittelalterliche Bild von Himmel, Fegefeuer und Hölle, dieses dreistufige Bild des Universums, das später reduziert wurde auf den einfachen Gegensatz von Himmel und Hölle, etwas mit der Hypostasierung der zeitlichen „Ekstasen“ zu tun: der Himmel als die absolute Zukunft (futurum perfectum), die Hölle, das Totenreich, als absolute Vergangenheit (plusquamperfectum), und das Fegefeuer das Zwischenreich, vielleicht so etwas ähnliches wie die Welt? Steckt nicht doch ein ernsthafter naturphilosophischer Gedanke dahinter, wenn dem Himmel das Licht assoziiert wurde und der Hölle das Feuer? – Aber die eigentlich theologischen Assoziationen knüpfen an an den akustischen Bereich: den Hauch, den Atem, den Geist, der weht wo er will, das Wort.

    Hat der „große Fisch“ im Jona-Buch etwas mit dem Tier aus dem Meer in der Geh. Offb. zu tun, und die Flucht des Jona etwas mit dem Exil des jüdischen Volkes (dem direkten, politischen, wie dem indirekten, religiösen: ins Christentum; ist das Tier aus dem Meer die Kirche)?

  • 17.05.90

    Sind die Planeten diachronisch, vielleicht sogar zeitlich gegenläufig (Saturn, Planetarisches System und Mythos. das kreisende Flammenschwert)? Auch die unterschiedlichen Erfahrungsstrukturen verschiedener Tierarten (Mäuse, Insekten, Fische), deren transzendentaler Apparat, scheint auf diachrone Strukturen hinzuweisen.

  • 06.05.90

    Raum und Begriff; die abstraktive Kraft des Raumes. Form der Äußerlichkeit, des Nebeneinander, der Verdoppelung (das Ding ist die Verdoppelung seiner selbst), der Abbildbarkeit (des Außergöttlichen), der Mathematik; Beziehung zur Zeit (Problem: Form der Gleichzeitigkeit?), zum Inertialsystem. Vermischung von Subjekt und Objekt (Wir Deutschen!), Herrendenken und Verzweiflung; Ausblendung und Konstituierung des Objekts: Jedes Objekt ist zugleich Subjekt des Inertialsystems und dessen Objekt (Vergleich mit der Funktion des Geldes, das zugleich Produkt von entfremdeter Arbeit und Herrschaft über entfremdete Arbeit ist). Zusammenhang mit der Form des Raumes, Bedeutung der Dimensionen des Raumes (Beziehung zur subsumtiven Kraft des Begriffs, Grund der Trennung von Begriff und Objekt, des apodiktischen (richtenden) Urteils, der Urteilsform). Raum als richtende und gerichtete Instanz: Gegenstand des Imperativs: „Richtet nicht …“

  • 02.05.90

    Grundlagen einer theologischen Erkenntnistheorie:

    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“

    – Richtendes und verteidigendes (parakletisches) Denken. Zum Begriff des Heiligen Geistes. Sünde wider den Heiligen Geist.

    – R. und v. Denken nicht getrennt; v. hat r. (=Weltgeschichte) zur Voraussetzung.

    – Parakletisches Denken nicht apologetisch: nicht auf die Lehre bezogen, sondern aufs Objekt.

    – Richtendes Denken = Herrendenken

    – Begriff der Welt als Produkt der Objektivation des richtenden Denkens, Ablösung vom Subjekt (transzendentaler Apparat), Intersubjektivität, Vergesellschaftung

    – Naturwissenschaft und Ökonomie als Fermente der Säkularisation; Welt als Weltgericht

    – Kritik der Ontologie: Hypostasierung des Seins = Hypostasierung des richtenden Urteils (Subjektivität); Ausblendung der Objektivität

    – „Richtet nicht“ bezeichnet heute nicht mehr nur einen moralischen Appell, sondern heißt: Akzeptiert nicht die richtende Gewalt der Welt, das Weltgericht (dessen Urheber ihr selber seid).

  • 01.05.90

    „Indem also die äußere Wirklichkeit im Mythos nach der Art der inneren (psychischen) Wirklichkeit angeschaut wird, bietet die mythische Erzählung nicht nur eine Beschreibung der äußeren Naturvorgänge, sondern figuriert zugleich als Darstellung der psychischen Wirklichkeit.“ (E.D. SdB II, S. 88f) Diese unvermittelte Antithese von „äußerer“ und „psychischer“ Wirklichkeit setzt die Naturwissenschaft unkritisiert voraus und ist der Grund für den Rückfall in den Mythos. – Vgl. auch S. 92: „… der Phallus des Gottes selbst … coitus sempiternus …“ – Hat der Urknall der modernen Physik nicht doch etwas mit dem hieros gamos (oder die subjektiven Anschauungsformen Raum und Zeit im Sinne einer Begründungszusammenhangs mit Fruchtbarkeit, Fortpflanzung, Sexualität) zu tun?

    Der Begriff des Bösen im Titel des Drewermannschen Werkes scheint bewußt unklar, mehrdeutig gehalten zu sein. Eindeutig und bestimmt wäre er nur durch die Vorgabe der zeitgenössischen Manifestation des Bösen geworden.

    Insbesondere bleibt offen, ob das Böse

    – selbst als Person oder

    – als Eigenschaft (oder Wesen) einer Person oder

    – als Charakterisierung von Handlungen oder handlungsdeterminierenden Institutionen

    gemeint ist. Der Begriff des Bösen (wenn man das Problem seiner Personifikation – das Problem des Teufels – einmal offenläßt: aber war nicht gerade die Personifikation des Bösen auch einmal ein Schutz vor der personenbezogenen Anwendung des Begriffs?) scheint theologisch nur in handlungsbezogenem Kontext sinnvoll verwendet werden zu dürfen. Begründen läßt sich dieser Satz im Rahmen einer parakletischen Erkenntnistheorie, durch die Notwendigkeit des Verzichts auf richtendes Denken. Umgekehrt lassen sich alle Fehler des Drewermannschen Konstrukts genau hieraus ableiten (zu fragen wäre, ob die Personifikation des Bösen nicht auch ein Zugeständnis an die gleiche Zwangslogik des Richtens gewesen ist, die dann auch vor der Gottesidee nicht halt gemacht hat).

  • 29.04.90

    Das Telos des theoretischen Kontrukts Drewermanns ist die Regression: die Einheit mit Gott hat ihr Modell an der symbiotischen Einheit mit der Mutter. Deshalb kann er eine politische Theologie nicht anerkennen. Er kennt keine geschichtliche Entwicklung, nur einen Abfall von der ursprünglichen Einheit. Seine Theologie bleibt vergangenheitsbezogen, kennt eigentlich keine Utopie; die Idee des seligen Lebens ist ihr fremd, ebenso die zentrale theologische Kategorie des Ewigen (die sie mit dem „männlichen, geistigen Element mit dem Willen zum Ewigen und Unvergänglichen“ verwechselt und d.h. vom sexistischen Erklärungsschema nicht lösen kann, SdB II, S. 87, vgl. auch S. 81). Was bleibt, ist ein religiöser Einheitsbrei, die identitätsstiftende Instanz nicht die Wahrheit, sondern der Mythos, und zwar eine Gestalt des Mythos, dem die Abgrenzung zur Magie nur über die Gewalt gelingt (Affinität zum Antisemitismus!).

    Ursprung der Reflexionsbegriffe ist das Gravitationsgesetz, das zusammen mit der Reflexivität der Gravitations-Anziehungskräfte und mit der Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde erstmals die absolute Bedeutung der Beziehung von oben und unten (den Kern der Herrschaftsmetaphorik) aufgehoben und damit einer traditionellen Grunderfahrung der Theologie den Boden entzogen hat.

  • 21.04.90

    Der Kosmos und das pathologisch gute Gewissen: Die Instrumentalisierung der Vernunft, die das Gewissen neutralisiert, hat sich endgültig mit der kopernikanischen Wende, mit der Vorstellung eines unendlichen Raumes, in der Realität verankert.

    Hängt das Bilderverbot damit zusammen, daß die Menschen nach Gottes Bild erschaffen wurden?

  • 15.04.90

    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Beginnt hier die Welterkenntnis, ist das erste Gebot „Ihr sollt euch kein Bildnis machen“ nicht ein spätes und genaues Echo darauf; hängt das „Richtet nicht …“ nicht mit dem Bilderverbot zusammen; und ist theologisches (parakletisches) Denken nicht aus eben diesem Grunde Sprachdenken und Kritik der Anschauung (des Bilderdenkens, der transzendentalen Logik und des apodiktischen Urteils)? (Zusammenhang mit Nacktheit, Scham; Ursprung von Schuld und Materialität; Ökonomie, Politik und Sexualität; zum Begriff des Sexismus und des Obszönen vgl. Rosemary Radford Ruether)

    Die Materie hat etwas zu verbergen; sie ist das gegenständliche Pendant der Scham, diese der Grund jeglicher Projektion und der Ursprung der Mathematik (der Verdoppelung). Am meisten zu verbergen hat der Pomp (vom Dogma bis zu den Ritualen und Uniformen/Gewändern aller hierarchischen Organisationen).

    Vgl. auch Walter Benjamins Sprachphilosophie: Erkenntnis des Guten und Bösen als Geschwätz, sowie seine Theologie des Wissens im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.

    Zum Bekenntnis: Jedes wirkliche Bekenntnis ist Schuldbekenntnis; der Erlöste, wäre er es wirklich, bedürfte des Bekenntnisses nicht mehr; jedes falsche Bekenntnis (als Rechtfertigung) ist Ideologie, verstrickt in den Schuldzusammenhang. Und Konfession ist Schuldgemeinschaft. Das Bekenntnis, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Schuldgemeinschaft, löst die Schuld nicht auf, sondern macht sie unsichtbar für die Betroffenen und verstärkt sie zugleich durch Komplizenschaft (Aufnahme in die Gemeinschaft: Genesis des pathologisch guten Gewissens – das Confiteor/Confiteri kennt nur die passivische Konstruktion).

    Zur j Urgeschichte (E.D.): Liegt die Schuld, das Böse, denn wirklich nur im Ungehorsam, in der Übertretung des Gebots: Von diesem Baum dürft ihr nicht essen? Gibt es keine inhaltliche Begründung für das Verbot, nur die autoritäre Drohung mit der Todesstrafe? Besteht die Sünde nur in der Trennung von Gott? Müßte Gott diese Trennung nicht eigentlich sogar wollen? Kommt diese Interpretation nicht letztlich doch dem konfessionellen Schuldzusammenhang und der falschen kirchlichen Bindung der Gläubigen zugute?

    Wichtiger als die Entstehung der Strukturen des Bösen in der j Urgeschichte wäre deren Geschichte selbst, die Geschichte des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs, die dann vielleicht am Ende ein völlig neues Licht auf seine Genesis werfen könnte. Denn nur so läßt sich die Distanz ermessen, die uns heute von dieser Urgeschichte trennt, und deren Kenntnis zum Verständnis der j Urgeschichte essentiell dazugehört. So bleibt die Darstellung in einem entsetzlichen Sinne nur erbaulich.

    Kann es sein, daß das „kreisende Feuerschwert“, das das Paradies nach dem Sündenfall gegen die Rückkehr des Menschen schützt, etwas mit dem Planetensystem zu tun hat und die „Flucht gen Osten“ der aus dem Paradies Vertriebenen mit dem Tag-/Nacht-Wechsel und mit der Erddrehung? Die Erklärung der Cherube mit alten Tiergöttern (die die Tradition der Engellehre völlig außer acht läßt) greift mit Sicherheit zu kurz (Abwehr der Naturphilosophie?).

  • 13.04.90

    Am Ende kommt es heraus: Das Christentum war seit Beginn seiner Instrumentalisierung auch eine blasphemische Bild-Religion (der Bildersturm – und in anderer Beziehung auch der Islam – ein ohnmächtiges, weil den Ursprung und den Kontext nicht begreifendes Aufbegehren dagegen). Bild und Dogma sind zwei Seiten der gleichen Sache: ihr Zusammenhang rührt her von der Verdrängung der gleichen Schuld, deren Reflexion die eigentliche Quelle theologischer Inspiration wäre (das Dogma verstößt gegen das Bilderverbot).
    Aus dem gleichen Grunde ist die christliche Sexualmoral erwachsen: Ihr Ursprung ist zu begreifen aus dem Zusammenhang von Entfremdung, Lust und Macht. Die Verteufelung der Sexuallust meint bewußt-unbewußt (mit bewußter Ambivalenz jedenfalls) eigentlich die politische Macht, die Lustverführung der Macht, deren letzter Abkömmling das pathologisch gute Gewissen ehemaliger Nazis ist. Das technologisch (durch die neueren Verhütungstechniken, nicht im Kontext realer Befreiung) begründete Tabu auf der Lustkritik verstärkt den politischen Schuldzusammenhang durch Stabilisierung des Konsumzwangs als Phantasmagorie der Befreiung. Insbesondere: Die Reduzierung der Moral auf ein Anklage- und Urteils-System (unter Verletzung des Gebots: „Richtet nicht …“), verstellt mit dem Verlust der Bereitschaft und der Fähigkeit zur Empathie (dem Grund des parakletischen Denkens) den spekulativen Kern und die theologische Wahrheit der patristischen Sexualtheorie. Die Sexualmoral ist verinnerlichte und deshalb verhexte politische Philosophie.
    Vor diesem Hintergrund wäre das Verhältnis von Psychoanalyse, Religion und Politik zu überprüfen. Die falschen Harmonisierungen von Jung bis Drewermann unterschlagen und neutralisieren, was Freud in „Totem und Tabu“, „Die Zukunft einer Illusion“ und „Der Mann Moses“ hierzu mit großem Ernst erarbeitet hat; sie verfallen der (politisch und moralisch reaktionären) Lust am Urteil (im übrigen nach dem gleichen Schema, dem die Sexualmoral sich verdankt). Der entscheidende Punkt dürfte in der Einsicht liegen, daß Verdrängung nicht allein ein innerlicher, psychologischer Vorgang ist, sondern primär ein objektiver, gesellschaftlicher. Die Objektivität der Verdrängung ist der gesellschaftliche Schuldzusammenhang, im Kern der Sexismus: Hier hängen politische und Sexualmoral zusammen, mehr noch: sind sie eins.
    Hinzu kommt, daß die Verinnerlichung und Psychologisierung selber begründet sind in der Objektivierung der Subjektivität: in der Geschichte der Naturwissenschaft (die die Entstehung des Schuldzusammenhangs in der Gesellschaft ebensosehr voraussetzt und begleitet wie begründet).
    Die Theologie droht heute zu verschwinden, weil die Einsicht in diese Zusammenhänge zu nahe gerückt ist. Kann es sein, daß dieses Verschwinden der Theologie die einzige Möglichkeit ihrer Rettung wäre?

  • 30.03.90

    Die Naturwissenschaften gründen in einem Organisationsgesetz, zu dessen Nebeneffekten das Vergessen gehört. Das „auswendige Wissen“, dessen Modell die Naturwissenschaften sind, gehorcht einem Gesetz, dem dann auch andere Wissenschaften, die sich an den Naturwissenschaften orientieren, dessen Objektivitätskriterien übernehmen, unterworfen sind, z.B. die dogmatische Theologie. Kein Zufall, daß auch die Moden, denen die an naturwissenschaftliche Theoreme (z.B. den Kältetod, heute überboten durch das Modell des „schwarzen Lochs“) anschließenden Weltanschauungen unterworfen sind, dem Gesetz der Veralterung unterliegen; sie verdienen nichts anderes, als vergessen zu werden (Zusammenhang von Mode und Vergessen!: Mode als organisiertes Vergessen, als Hilfe bei überlebensnotwendigen Verdrängungsprozessen; Mode als Schmerzmittel, als Narkotikum, als Droge; Mode und Auswendigkeit: wer der Mode gehorcht, gehorcht dem Prinzip des Sich-in-den-Augen-der-Anderen-Sehens, will um keinen Preis mißverstanden, falsch zugeordnet werden; Mode befreit von Schuldgefühlen, unterstützt und promoviert das pathologisch gute Gewissen; Mode resultiert aus der Verweigerung der Empathie; Mode repräsentiert das Grundgesetz der Wertphilosophie).

  • 04.03.90

    Es fehlt immer noch eine objektive Interpretation der speziellen Relativitätstheorie Einsteins und des Prinzips der Konstanz der Geschwindigkeit:

    – Inertialsystem als Medium der physikalischen Begriffe,

    . Inertialsystem als Todesgrenze (Begriff des Wissens);

    . Inertialsystem als Medium der Instrumentalisierung;

    . Inertialsystem als System der „Fälle“ (Wittgenstein).

    – Bedeutung der Lichtgeschwindigkeit

    . Beziehung auf den geradlinigen Weg nur Reflex ihrer Beziehung zum ganzen Raum (Korpuskel-Welle-Dualismus);

    . keine „Geschwindigkeit“ einer Bewegung, sondern Maß der Vergängnis;

    . Abweichung vom Gesetz der Objektivität, Projektion;

    . Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit für den Begriff des Lichts;

    . Einsatzpunkt für eine qualitative Interpretation der mathematischen Naturerkenntnis;

  • 26.02.90

    Die Probleme der alten Äthertheorien haben sich in der modernen Atomphysik präzise reproduziert; nur hat es noch niemand bemerkt. Beide sind Ausdruck und Konsequenz der projektiven Struktur der gesamten Physik, des Verdinglichungszwangs (der an das apriori der Kantischen Anschauungsformen bzw. – gegenständlich und selber verdinglicht formuliert – des Inertialsystems gebunden ist: Ableitung des Verdinglichungszwangs, des Objektbegriffs aus der Struktur des dreidimensionalen Raumes, der Form der Äußerlichkeit, die im Ding – wie im Ich – sich auf sich selbst bezieht).

    Das Inertialsystem als selber verdinglichte Gestalt der Kantischen Anschauungsformen: Ohne diese Verdinglichung wäre das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht formulierbar gewesen.

    Die Objektivität der physikalischen Erkenntnis und Theorie ist jedoch ebenso auch nur Schein: Der verdrängte Herrschaftstrieb kehrt notwendig als aggressiver Nationalismus wieder. Modell des pathologisch guten Gewissens: Die Harmonie und Ästhetik der mathematischen Theorie wird gerne beschworen, nachdem man im Konkurrenzkampf die Siegerposition, die Zugehörigkeit zur herrschenden Meinung erobert hat. Wer oben ist, hat das Sagen, erläßt die Sprachregelungen, die die eigene Position dann gegen lästige Newcomer abschirmt.

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