Naturwissenschaft

  • 04.02.90

    Einer der wichtigsten Gründe für Vorurteil und Ideologie ist das Bewußtsein, im Anblick der Wahrheit und mit dem massiven Schuldgefühl, das damit verbunden ist, nicht leben zu können. Die Folgen sind jedesmal selbstzerstörerisch, gleichgültig, ob sie über den Zynismus oder das pathologisch gute Gewissen vermittelt sind.

    Die Gewalt, die Geld über andere (die die Leistungen erbringen müssen, die man dann für Geld „kaufen“ kann) verleiht, das Gewaltpotential, das im Geld drinsteckt, bedarf des äußeren Daseins: Die Rüstung der Staaten war immer auch ein Maßstab für die Gewalt und die Macht, die das vom Staat herausgegebene und garantierte Geld repräsentiert, die wirtschaftliche Ordnung und der Wert und die Konvertierbarkeit der jeweiligen Währung. Auf diesem Felde werden heute die Kriege ausgefochten und die Siege errungen, hat jetzt „der Kapitalismus über den Kommunismus gesiegt“. Die Verlierer sind immer auch die Verurteilten (das System ist selbst der kurze Prozeß, d.h. Ankläger und Richter in einem); ein Einspruch, eine Revision, ist nicht mehr zugelassen. In dem traditionellen theologischen Sinne ist dieses System obszön, „unzüchtig“ und pornographisch.

    Aber die „Natur“ vor oder nach der gesellschaftlichen Naturbeherrschung (außerhalb des Kontextes der Naturbeherrschung gibt es keine Natur) ist keine heile Schöpfung, sie ist nicht das Werk des siebten Tages. Und es gibt keinen positiven Sinn für irgend eine Form einer „Rückkehr zu Natur“.

    Ist es ein Zufall, daß blütentragende Pflanzen im naturhistorischen Entwicklungsprozeß zusammen mit den Säugetieren (und Vögeln) auftreten, und die Laubbäume zusammen mit den Prähominiden?

    „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“?

  • 27.01.90

    Natur ist per definitionem subjektlos: reines Substrat von Herrschaft; sie hat so das Subjekt (allerdings als notwendige Bedingung ihrer Möglichkeit) außer sich; sie ist wesentlich dieses Außer-sich-Sein (wenn „sich“ nur auf ein Subjekt sich beziehen kann – der Begriff der Natur sprengt die Regeln der Grammatik). Die Subsumtion unter die Vergangenheitsform und die Herrschaft des Kausalitätsprinzips (der Ausschluß der Teleologie) sind notwendige Momente ihres Begriffs.

    Die Vorstellung eines Natursubjekts ist ebenso wie die Idee einer Naturphilosophie eine contradictio in adjecto (der Geburtsfehler der Philosophie in Schellings objektivem Idealismus).

  • 09.01.90

    Das Problem der kontrafaktischen Urteile stellt sich in der Geschichte ebenso wie in der individuellen Biographie: Kontrafaktische Urteile drücken im Verhältnis zur eigenen Vergangenheit zwar eine Kritik der Gegenwart aus, lenken aber zugleich ab vom Prinzip Verantwortung, von der an sich notwendigen Erforschung der Änderungsmöglichkeiten hic et nunc; sie bleiben in die Haltung des Zuschauers gebannt, dessen Unschuld sie erhalten sollen durch Verschiebung der Schuld in die Vergangenheit, die jedoch eben dadurch unaufhebbar wird; sie sind Funktionen der eingebildeten Ohnmacht, des Selbstmitleids (Heideggers „Seinsvergessenheit“ ist ein kontrafaktisches Urteil, dem er sich nur zum Schein selbst unterwirft; die „Seinsfrage“ ist das endgültige Verdammungsurteil). Kontrafaktische Urteile werden bösartig und gemein, wenn sie (im allgemeinen im Interesse der Selbstrechtfertigung, der Entlastung von Schuldgefühlen: im Kontext des pathologisch guten Gewissens) auf andere bezogen, auf die Vergangenheit anderer angewandt werden.

    Der Begriff des dreidimensionalen Raums ist eine Funktion der Verräumlichung der Zeit (der Subsumtion der Zeit unter die Vergangenheitsform). Rätsel der Lichtgeschwindigkeit. Ist der Blick zum „Sternenhimmel“ ein Blick in die Vergangenheit? Ist alles Gesehene ein Vergangenes, nicht mehr Erreichbares? Ist die Physik insgesamt ein kontrafaktisches Urteil (Zusammenhang mit Projektion und Paranoia?), und dessen kritische Auflösung die heute notwendige Gestalt einer parakletischen Naturphilosophie?

    Was bedeutet es, wenn (auch christliche) Politiker Ereignisse und Taten dem „Urteil der Geschichte“ anstatt dem göttlichen Urteil unterstellen? – Der faschistische Schicksalsglaube ist noch lebendig.

    Spenglers Begriff der Sorge (Madonna als Muttersorge; der Staat die Sorge des Mannes, UdA, S. 178): Hat Heidegger Spengler gekannt?

    Weltanschauung als Droge.

    Wie begründet Heidegger seine Behauptung über die besondere Affinität der deutschen (wie früher der griechischen) Sprache zur Philosophie, und welche Schlüsse lassen sich aus dieser Begründung ziehen (Vgl. Ulrich Sonnemanns Hinweis hierzu)?

  • 05.01.90

    Modell der Herrschaft das Planetensystem? (Eine Sonne, ein Gott, ein König?): Hierarchische Ordnung fortgesetzt in Verwaltung; sub- und translunearer Bereich entspricht Klassentrennung; Galileis Entdeckung, daß astronomische Erscheinungen der gleichen Vergänglichkeit unterliegen wie die irdischen; Konstruktion der planetarischen Kreisläufe aus irdischen Kräfteverhältnissen; Universalisierung der Gravitation.

    Das Tauschprinzip und das Trägheitsgesetz ebnen Widersprüche ein, subsumieren Unvereinbares unter einheitliche Begriffe (Lohnarbeit, Arbeit als Ware; Geld als Einheit von Herrschaft und Unterdrückung, Materie als Substrat von Arbeit), sind aktive Agentien der Verblendung, des Banns. Es gibt keinen Weltbegriff ohne den Begriff der Materie; es gibt umgekehrt keinen Schöpfungsbegriff, der den Materiebegriff mit einschließt (die Vorstellung, daß die Menschen Waren herstellen, Gott die dazu notwendige Materie liefert, ist absurd: die Menschen verwandeln im Prozeß ihrer Auseinandersetzung mit der „Natur“ diese in Materie; die Schöpfung bezeichnet einen Bereich, der „vor“ diesem Prozeß liegt).

  • 01.01.90

    Die Welt unterliegt den Formen der Anschauung und den Kategorien. Eine Theorie der Schöpfung müßte deren Ursprung (insbesondere den Ursprung von Raum und Zeit) mit erklären. Die Schöpfung geschah nicht „in“ Raum und Zeit, so als hätten diese vorher schon bestanden; sie hat kein Vorher und kein Außerhalb. Himmel und Erde (die Gegenstände der Schöpfung) sind nicht in Raum und Zeit, und sie unterscheiden sich insofern von der „Welt“; Raum und Zeit sind Akzidenzien, keine Substanzen: Adornos „Vorrang des Objekts“ bezieht sich auf dieses Verhältnis. Substantiell werden Raum und Zeit erst im Kontext des Trägheitsgesetzes (und des Tauschprinzips), im futurum perfectum (der zukünftigen Vergangenheit) des naturwissenschaftlichen Objektbegriffs oder des zugrunde liegenden Weltbegriffs.

  • 31.12.89

    Das futurum perfectum, die zukünftige Vergangenheit, ist die Zeitform der Naturwissenschaften. „If the future will be like the past“: Diese Frage beantworten die Naturwissenschaften für ihren definitorisch abgegrenzten Bereich mit einem schlichten Ja. Unerforscht (trotz Kant) ist aber die Konstitutionsfrage: Unter welchen Prämissen, aus welchen Ursprüngen funktioniert diese Zeitform? Welchen komplizierten Weg mußte die menschliche Vernunft (von der politisch-ökonomischen Vorausplanung im Rahmen der staatlich-gesellschaftlichen Daseinsvorsorge bis zu den erkenntnistheoretischen Konstitutionsfragen) gehen, um tragfähige Begriffe zu gewinnen, die den „Abgrund der Gegenwart“ zu überbrücken in der Lage sind und Vergangenheit und Zukunft in der Weise mit einander verbinden, daß aus vergangenen Erfahrungen (Erinnerungen) Schlüsse auf zukünftige Abläufe und Ereignisse gezogen werden können. Das prädestinierte Material und Medium dieser „Brücke“ war seit je die Mathematik, deren erkenntnistheoretische Bedeutung genau in ihrer Eignung für diesen Zweck liegt; zugleich aber liegt hier auch ihre erkenntnissystematische Grenze, eine Grenze, die näher sich bestimmen läßt anhand ihrer Beziehung zur Sprache: Eine Sprachphilosophie, die nicht auch eine genetische Theorie der Mathematik mit enthält (zusammen mit einem differenzierten Zeitbegriff), verfehlt ihren Gegenstand. Unterscheidung des „Immergeltenden“ vom Begriff des „Ewigen“ (der eher dem der Gegenwart als dem des Überzeitlichen gleicht, und Zeit, soweit sie auch die Vergangenheit mit umfaßt, von sich ausschließt; das Vergangene ist im Lichte des Ewigen nur noch Objekt der Befreiung, Erlösung).

    Die Genesis des futurum perfectum fällt in die Herrschaftsgeschichte (Nomadentum/Astronomie, Staatenbildung/Organisation der Arbeit, Kapitalismus/Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip). Abspiegelung der Schöpfungsgeschichte?

  • 15.11.89

    Das Verhältnis von Natur und Gesellschaft ist bisher nur unter dem Aspekt des Darwinismus gesehen worden (Kampf aller gegen alle unter dem Gesetz der Selbsterhaltung). Das Trägheitsgesetz und das Tauschprinzip bezeichnen aber nur das Formgesetz, das zwar mit seinem „Inhalt“ (dem Leben in Natur und Gesellschaft) unlösbar verbunden, nicht aber damit identisch und nicht daraus abzuleiten ist (die Hegelsche Form-Inhalt-Dialektik geht nicht ganz auf, außer im ästhetischen Bereich; es bleibt ein unauflösbarer Rest). Das Trägheitsgesetz reicht ebensoweit wie die Gravitation, nämlich bis in die Elektrodynamik und deren Derivate; ausgenommen bleibt das Licht und mit ihm die ganze sinnliche Welt.

  • 11.11.89

    Zur Unsterblichkeit der Seele:
    – Rosenstock-Huessy macht darauf aufmerksam, daß Zeit und Raum sich dadurch unterscheiden, daß, während beim Raum zuerst das Ganze wahrgenommen werde, bei der Zeit nur der jeweils einzelne Moment; es gibt keine Anschauung der Zeit im ganzen.
    – Das Ganze des Raums ist aber zeitlich affiziert (durch den Zusammenhang mit dem Trägheitsgesetz an die Vergangenheitsform gebunden); d.h. soweit der Raum als Form der sinnlichen Anschauung verstanden werden muß, versetzt er die ganze sinnliche Welt ins Vergangene, abstrahiert er von der sinnlichen Welt. Der Raum als Grund und Medium der Vergegenständlichung, Entfremdung (die in ihm selbst im Verhältnis der Dimensionen sich ausdrückt) ist vom Ursprung her bereits jene hegemoniale Gewalt, die auch die eigenen Konstituentien nicht unberührt läßt: sie verändert und entfremdet. Der Raum entspringt in der Trennung von Raum und Zeit, die selbst nur möglich ist durch Verräumlichung der Zeit.
    – Das Subjekt (für das die Vergangenheit Vergangenheit ist), steht gleichsam über der Vergangenheit; auch die Erinnerung hebt die Vergangenheit nicht auf.
    – Aber wenn es eine Unsterblichkeit der Seele gibt (und das wäre mehr als nur eine Unsterblichkeit der Seele), ist ihr Subjekt nicht das transzendentale, die Wissenschaft begründende Subjekt, sondern umgekehrt: das Subjekt des Wissens ist – wie das Wissen selbst – endlich und sterblich. Erst einer Erkenntnis, die die ganze Last der Schuld (die heute unendlich scheint wie der unendliche Raum) auf sich nimmt, sie umzuwälzen vermag (Nachfolge), gilt das Versprechen der Unsterblichkeit.
    – Alles Wissen ist kraft seiner Beziehung zu Vergangenem von jenem Bereich grundsätzlich getrennt, in dem Unsterblichkeit überhaupt sich denken läßt. Erst die Umkehrung dieser Beziehung (erst Versöhnung, der die Erinnerung nur vorarbeitet) rührt an den Grund der Unsterblichkeit. („Richtet nicht …“, „Was ihr dem Geringsten …“)
    – Es gibt keine Erbsünde (diese Vorstellung gehört zu den Gründen des Rassismus und ist im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz aufzuarbeiten), wohl eine Erbschuld (die sich dann allerdings jeder einzelne als Erbsünde zurechnen lassen muß); und deren Last, die auf den Schultern aller ruht, wird immer größer; sie wächst im historischen Prozeß, in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur (das Telos des „Sündenfalls“ ist heute absehbar, es liegt greifbar vor Augen). Heute gibt es nichts mehr, für das uns nicht die Verantwortung zugewachsen wäre. Und jedes Bewußtsein, das dieser Verantwortung sich nicht stellt (oder sich ihr entzieht), ist Ideologie, vergrößert die Last der Schuld. – Das – und nicht die Opfertheologie, nicht die Lehre vom stellvertretenden Leiden, die eine blasphemische Gottesvorstellung als Grundlage und zur Folge hat – ist die Wahrheit der Idee einer Nachfolge Christi. Von hier aus wäre die ganze Sakramentenlehre (die genau das einmal ausdrückte) zu überprüfen.
    Wer die Lehre von der Nachfolge für unerträglich hält, braucht einen Sündenbock.

  • 29.10.89

    „Umkehr“ ist ein Grundbegriff der (jüdisch-)christlichen Tradition. Ein Grundbegriff nicht nur mit moralisch-praktischer Bedeutung, sondern auch (ja, heute in wachsendem Maße) mit theoretisch-erkenntnistheoretischer Bedeutung. Umkehr ist – das hat Franz Rosenzweig als erster begriffen und dargestellt – der Grundbegriff einer erneuerten Theologie. Die christliche Theologie – vor allem in ihrer dogmatischen (ketzerfeindlichen, inquisitorischen) Tradition – war und ist für Herrschaftszwecke nur deshalb tauglich, weil sie mit der Umkehr ein für jede theologische Erkenntnis konstitutives (und jedes theologische „Wissen“, den theologischen Physikalismus und Objektivismus auflösendes) Moment im theologischen Erkenntnisprozeß unterschlägt, tabuisiert. So wurde Theologie selbst zu einer Verhinderung der Gotteserkenntnis, mehr noch: zu einer in letzter Instanz blasphemischen Institution.
    Heute wird es deutlich: Das Gravitationszentrum, dem eine Theologie zustrebt, die glaubt, von der Umkehr absehen, davon abstrahieren zu können, ist, wie jeder Fundamentalismus beweist, der Faschismus als instrumentalisierte Religion. Übrig bleibt, da Umkehr aus dem Religionsbegriff nicht herausgenommen werden kann, die Umkehr für andere (Produkt der Anwendung der Hegelschen Reflexionsbegriffe auf die Religion, ihrer Selbstentfremdung; Verwandlung von Religion in Geschwätz), d.h. Religion als Unterdrückungsmaschine (die Analyse dieser Unterdrückungsmaschine, gewissermaßen ihrer physikalisch-technischen Grundlagen und Elemente, wäre ein Teil der heute notwendigen theologischen Selbstverständigung).
    Wissen (Wissenschaft) ist Erkenntnis für andere, seine (ihre) Grundlage jene Kategorien und Begriffe, die Kant in der transzendentalen Logik und Hegel unter dem Titel Reflexionsbegriffe beschreibt. Die gesamte Geschichte der Erkenntnis steht unter dem Gesetz des Widerspruchs von Erkenntnis und Wissen, der nach Hegel den Erkenntnis“prozeß“ auslöst und vorantreibt; dieser Widerspruch (als Widerspruch zwischen An sich und Für uns) ist im Bereich der Reflexionsbegriffe notwendig und unvermeidbar. (Vgl. Walter Benjamins Hinweise zum Begriff des Wissens.)
    Das immanente Telos der Wissenschaft, ihr Gravitationszentrum, ist die Naturwissenschaft. Das hier produzierte Wissen ist nur noch Wissen für andere, dem Erkenntnis im ursprünglichen Sinne nicht mehr entspricht. Der Positivismus ist Konsequenz und Ausdruck dieses Sachverhalts. Begründet ist dieser Sachverhalt in der Funktion der von Kant erstmals ins Bewußtsein gehobenen (aber dann bis heute unaufgearbeiteten) Formen der Anschauung. (Interessant ist die auf Kant folgende Raumdiskussion, die offensichtlich die Irritation der Kantischen Transzendentalphilosophie verdrängen sollte; wobei jedoch die sogenannten nichteuklidischen Geometrien nur mit Verallgemeinerungen von Grundstrukturen, die nur innerhalb der euklidischen Geometrie sich definieren lassen, arbeiten, während die zentrale Irritation – die Dreidimensionalität des Raumes und ihr Zusammenhang mit der irreversiblen Zeit – unerörtert geblieben ist. Genau hier aber, im Kontext des mathematischen Korrelats der Formen der Anschauung, des Inertialsystems, liegt der Konstitutionsgrund für das Ordnungsprinzip und den besonderen Wissenschaftscharakter der Naturwissenschaften: das Wissen für andere und seine Identität mit dem Herrschaftswissen, den Zusammenhang von Objektivation und Instrumentalisierung sowie seine Zeitform: die Einheit der Vergangenheitsform, die dem Wissen den Charakter der Unveränderlichkeit verleiht, es im strengen Sinne aus dem gleichen Grunde überhaupt erst zum Wissen macht, aus dem eine Anwendung des Wissensbegriffs auf die Theologie als blasphemisch zu verwerfen ist: Gott läßt sich in keinem Sinne als vergangen denken, und theologisch ist alle Geschichte nur Vorgeschichte.)
    Das Anwachsen der Verwaltung und deren zunehmend kontraproduktive Tätigkeit hängt mit der Struktur der Verwaltung (hierarchische Organisation, Kompetenzverteilung, Zuständigkeitsregelung, Mitzeichnungsverfahren) zusammen. Hier entsteht und stabilisiert sich eine Mentalität, ein Weltbegriff, deren Endzweck die Selbstentlastung, die präjudizierende Selbstrechtfertigung, letztlich eine Art institutionalisierter Ideologie zu sein scheint. Ob die Entscheidung das Problem löst, ist zweitrangig, vor allem muß sie unangreifbar sein (so unangreifbar wie das methodisch abgesicherte Wissen der Wissenschaft). Hinzu kommt, daß die Probleme selbst, die durch Verwaltung gelöst werden sollen (z.B. im Agrarbereich), aus objektiven Gründen fast nur noch exkulpatorische Maßnahmen zulassen. Zusammenhang von Verwaltung und Wissenschaft? – Auswirkungen der zunehmenden Rationalisierung, Anwendung elektronischer Informations- und Kommunikationstechniken.
    Woher kommt es, daß EDV-Spezialisten so große Probleme mit der Sprache, mit der Fähigkeit, die eigenen Produkte verständlich zu erklären, haben (vgl. die Hard- und Software-Handbücher). Das Problem gleicht dem, das Physiker auch zu haben scheinen bei dem Versuch, ihr Objekt anderen verständlich zu machen.
    Das Recht und die Verwaltung, oder allgemeiner die Institutionen begründen das Inertialsystem, in dem gesellschaftliches Handeln sich definiert.

  • 28.10.89

    Das Maß theologischer Erkenntnis ist ihre Kraft zur Versöhnung, und die wiederum hat ihr objektives (geschichtsphilosophisches und menschliches) Maß an der Schuld. Es ist die Last der Schuld, die in der Neutralisierung der Natur, ihrer Vergegenständlichung und Entfremdung sich ausdrückt. Der kopernikanische (newtonsche) Kosmos ist keiner; er hat seine nicht mehr abschließbare Grenze nicht im Objekt, sondern in der Erkenntnistheorie (erst die spezielle Relativitätstheorie hat sie wieder ins Objekt verlegt); zu seinen Konstituentien gehören subjektive, ins Objekt hineinprojizierte, nicht vom Objekt abstrahierte Prämissen; und diese Prämissen haben ihr fundamentum in re in der Gesellschaft, im Herrschaftsprozeß, in der Geschichte der Naturbeherrschung, nicht in der Natur; durch sie ist Natur in den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (der hier identisch wird mit dem Naturzusammenhang, der immer schon einer der zweiten, schuldbeladenen Natur war) verflochten, nicht mehr daraus abzulösen. Durch den Objektivationsprozeß wird Natur in einen nicht mehr aufzuhebenden Anklagezustand versetzt; die Naturerkenntnis ist das Gericht über die Natur, und dieses Gericht kennt keine Verteidigung und keine Gnade (unmögliche Aufgabe einer Naturphilosophie?). Hier ist der Ursprung der unauflösbaren Verbindung von Herrschaft und Schuld: Beherrschbar ist jedes Objekt nur durch Schuld, durch die es in das Inertialsystem der Herrschaft hereingezogen, ihrem Gesetz unterworfen wird; nur das Schuldmoment bietet den Ansatzpunkt, den Widerstand, an dem das Objekt greifbar, begreifbar wird; an diesem Widerstand arbeitet Herrschaft sich ab, entwickelt sie sich selbst zum Duplikat ihres Objekts (wie die Sonne zum Duplikat der Erde im newtonschen System). Trägheit, Masse, Materie (als Inbegriffe der Subjektlosigkeit) sind Begriffe, in denen in der Natur dieses Schuldmoment sich anzeigt. (Levinas hat den Zusammenhang des Materiebegriffs mit dem theologischen Schuldbegriff anhand seiner erkenntnistheoretischen Konstituentien aufgezeigt: Dieser Materiebegriff gründet in der Isolation des Einsamen. Ähnlich schon Ferdinand Ebner.)

  • 08.10.89

    Die Umkehr ist eine Bewegung, die sich im Bereich der Sprache vollzieht. Sie wird zweideutig, seit – unter der Herrschaft des Identitätsprinzips – die Welterkenntnis der Sprache entrissen und der Mathematik zugeordnet wurde. Die Instrumentalisierung der Religion (Dogmenbildung und Scholastik: Präparierung für die Nutzung als Herrschaftsmittel) hat der Instrumentalisierung und damit der Verweltlichung der Welt vorgearbeitet, sie hat ihr den Weg bereitet.

    Rom war einmal das apokalyptische Objekt, der benannte Ursprung und das Zentrum der eschatologischen Weltereignisse. Die „Bekehrung“ Konstantins: Identifikation mit dem Aggressor als Grundlage und Formgesetz des Römischen Katholizismus (Caesarismus, Imperialismus).

    Das Sein ist (in seiner Funktion als Kopula) der Ursprung und das Agens der Trennung von Begriff und Gegenstand, Subjekt und Objekt. Als Bindung des Prädikats ans Satzsubjekt bindet es die Identität ans Anderssein. A = B: Das Subjekt (A) ist „eigentlich“ etwas Anderes (B), nämlich das durchs Prädikat, den Begriff Bezeichnete; dessen Ursprung ist freilich das „erkenntnistheoretische“, „transzendentale“ Subjekt (B = A), das im Idealismus nicht zufällig das Satzsubjekt: das Objekt usurpiert, es ins Nicht-Ich auflöst, durch Verdinglichung zum Verschwinden bringt. Das Objekt (unter dessen Begriff alle Objekte von Herrschaft fallen) ist im ausgeführten, vollendeten objektiven Idealismus Nichts. Darin vollendet sich die Ontologie.

  • 03.10.88

    Verdrängung ist die Ursache (der Grund) für den Wiederholungszwang, für einen Begriff der Zukunft, der nur als Wiederholung der Vergangenheit sich versteht. – Schlüssel zur Auflösung des Rätsels der Physik?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie