Ökonomie

  • 19.01.93

    Das Entscheidende an der Vorstellung des Atoms ist der leere Raum, in dem es vorgestellt wird.
    Genügt es noch, den „Glauben an“ durch die „Treue zu“ zu ersetzen?
    Überzeugen ist unfruchtbar: Und zwar deshalb, weil das Überzeugen des andern nur mit Hilfe von Beweisen möglich ist, und die Ambivalenz des Beweises aus dem Überzeugen nicht herauszubringen ist. Das Überzeugen appelliert an die Gemeinschaft der subjektiven Formen der Anschauung und des Bekennens, an die Gemeinschaft der Intersubjektivität. Weil alle darin sich geborgen fühlen möchten, kann keiner mehr mit sich alleine sein: das ist der Preis des Überzeugens. Modell des Überzeugens ist die logische Automatik der sich (in sich selbst, in den Objekten und in den Köpfen der Menschen) fortzeugenden Form des Raumes (die für Sokrates und den Sklaven die gleiche ist). In der Logik des Überzeugens gründet die Verführungskraft des Bekenntnisses, die von den Konfessionen bis hinunter zu den Hooligans und den Skins, in denen das Bekennen in die Gestalt der Erscheinung selber hereingenommen wird (als Maske, als persona in reinster Form), sich ausbreitet und – wie der Raum die Dinge – alles durchdringt (Erscheinung an sich).
    Jesus, der Freund der Zöllner und Dirnen: Sind nicht die Dirnen das Kirchenvolk, und beziehen sich nicht darauf die Sätze: Gehe hin und sündige fortan nicht mehr, und: Ihr wird viel vergeben werden, denn sie hat viel geliebt. Aber wer sind die Zöllner (Matthäus/Levi war ein Zöllner)?
    Der Streit um die Gesamtschule vor fünfzehn Jahren war ein Ersatzkrieg um die unaufgearbeitete Vergangenheit.
    Handelt es sich in dem „super hanc petram“ um ein räumliches oder um ein instrumentales „super“?
    Sind nicht die Prä- und Suffixe im Deutschen eine Folge der Weichheit, der Nachgiebigkeit dieser Sprache, ihrer Charakterlosigkeit, und das Produkt ihrer allerengsten Anpassung, ihrer Fähigkeit, sich an die vom Inertialsystem beherrschte Vorstellungskraft anzuschmiegen?
    Das Inertialsystem leugnet das Licht und mit ihm das Angesicht; es überzieht die sinnliche Welt mit einem Grauschleier, der nicht mehr abzuwaschen ist; das erzeugt den paranoiden (auch dem Antisemitismus und der Fremdenfeindschaft zugrunde liegenden) Reinheitstrieb.
    Sind die Prä- und Suffixe die Bazillen und Viren der vom Inertialsystem beherrschten (und ihrer benennenden Kraft beraubten) Sprache?
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem durch Prä- und Suffixe gebildeten Sprachleib der indogermanischen Sprachen und der sumerischen („agglutinierenden“) Sprache? Und unterscheiden sich die semitischen Sprachen u.a. dadurch von den indogermanischen, daß sie weitgehend auf die Nutzung von Prä- und Suffixen verzichten (dreikonsonantischer Wortstamm)? Sind die Prä- und Suffixe (und die damit zusammenhängende Durchorganisation der flektierenden Sprachen) Ausdruck der Herrschaft der Subjektivität in der Sprache, des Herrendenkens (Ursprung und Ausbreitung der Neutra und Rückwirkung der Neutra auf die Gesamtstruktur der Sprache)?
    Die subjektiven Formen der Anschauung als Medien der Intersubjektivität sind die entfremdeten, der Reflexion entzogenen und somit blind herrschenden Repräsentanten der Gesellschaft im Subjekt.
    Das „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ist die Aufforderung zur Reflexion der in den Formen der Anschauung neutralisierten und verdinglichten Generationsbeziehungen (zu den Topoi der Lehre vom Antichrist gehört auch der vom unlösbar gewordenen Generationenkonflikt, der u.a. in der Ökonomie, in den Naturwissenschaften, dann aber auch im Natur- und Weltbegriff sich neutralisiert, jedoch nicht gelöst wird).
    Der Familienmythos und die Familienbande konstituieren sich mit der Unterdrückung des Generationenkonflikts, der dann extern, als Arbeitswut oder als gesellschaftlicher Konflikt, ausgetragen werden muß. Der präziseste Ausdruck des Scheins der Unlösbarkeit dieses Konflikts in der Struktur des Subjekts sind die subjektiven Formen der Anschauung.
    Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären: Dieser Fluch gründet nicht in der bösen Tat, sondern im Rechtfertigungszwang, in den die böse Tat den Täter versetzt; und er gilt nicht nur fürs einzelne Subjekt, sondern auch für „Gesamtpersonen“ im Sinne Schelers (für Deutsche und für Christen).
    Die Lösung des siebten Siegels ist die Lösung des Knotens der Zeit: der Ambivalenz von Ruhe und Bewegung (Begriff und Verb). Der Kelch als Zornes- und Taumelkelch rührt an diese Kehrseite des Sabbats, der Kehrseite der Idee der ewigen Ruhe.
    Ist die Fundamentalontologie das siebte Siegel (vor dessen Lösung die sechs anderen Siegel zu lösen sind)?

  • 25.12.92

    Weihnachten: Der Geschenk-Wahn oder die Einstiegsdroge für den Ego-Trip.
    Wenn der Himmel aus der räumlich-präsenten in die zeitlich-zukünftige Dimension rutscht, dann gewinnt der Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“, eine ganz neue, aufs Bußsakrament nicht mehr anwendbare, ungeheure Bedeutung.
    Die creatio mundi ex nihilo stellt den ersten Satz der Genesis auf den Kopf. Das bereschit wird durch das ex nihilo schlicht falsch übersetzt. Das Heideggersche „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ ist eine Konsequenz aus dieser falschen Übersetzung und sein spätes, blasphemisches Echo (ähnlich schon das rousseausche „Zurück zur Natur“).
    Hängen die Dornen und Disteln vielleicht mit einer durch den Sündenfall verursachten Veränderung des Raumes: mit der Genesis seiner mathematischen Struktur, die in den Dornen ihre biologische Entsprechung findet, zusammen? Und haben die Hörner (nur Hörnertiere sind Opfertiere) etwas mit den Dornen und Disteln zu tun?
    Ist das Buch der Richter ein kosmologisches Buch (Kampf der Sterne bei Deborah, Simson und Dalilah, die linkshändigen Benjaminiten)?
    Die Geschichte der Verweltlichung der Welt ist ist erkauft mit der Vergesellschaftung von Herrschaft. Das „Von allen Seiten hinter dem Rücken“ ist die Einheit von Herrendenken, projektiver Nutzung des Schuldverschubsystems und universaler Verblendung.
    Was hat es mit den Witwen und Waisen auf sich (ist nicht Mitscherlichs vaterlose Gesellschaft eine Gesellschaft von Witwen und Waisen)?
    Das Ungleichnamige gleichnamig machen geht nur innerhalb eines Systems, in dem (wie in der Physik und in der Ökonomie) jeder Vorgang sich theoretisch auch in umgekehrter Richtung denken läßt, in einem System, das die Umkehr neutralisiert: darin liegt die ungeheuerliche Bedeutung des mathematischen Raumes und des Geldes.
    Der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Voraussetzung der Neutralisierung der Umkehr) antwortet die Rettung der vergangenen Hoffnung, die Idee der Auferstehung der Toten. So bestimmt sich das Verhältnis der Bibel zur Physik.
    Ist die Differenz zwischen dem Dynamischen und Mathematischen (zwischen Natur und Welt) die zwischen dem Tun und der daraus abgeleiteten (und das Tun nachträglich begründenden) Eigenschaft (Verb und Begriff)?

  • 12.11.92

    Wie hängt die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld mit dem Eigentumsbegriff zusammen (Sein als potentielles Eigentum)?
    Es gibt keine benennende Kraft des Begriffs. Zwischen Name und Begriff ist streng zu scheiden; insoweit ist die nominalistische Kritik am Realismus irreversibel. Damit hängt es zusammen, wenn es gegen jede Wahrheit eine dialektische Volte gibt, und ebenfalls, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (aus Gründen der Beweislogik).
    Die drei Freiheitsgrade des Raumes hängen auf eine höchst vertrackte Weise mit der Geschichte der Freiheit zusammen. Unter dem Titel des liberum arbitrium ist im Grunde immer schon das Inertialsystem diskutiert worden. Genauer: das Thema liberum arbitrium war der Beginn einer logischen Verstrickung, die im Inertialsystem und in der freien Marktwirtschaft endete – und heute (in der Marktideologie) fast unlösbar geworden ist. Die Geschichte von Buridans Esel war ein Exempel, an dem auch die Gleichwertigkeit aller Richtungen im Raum, seine Isotropie, demonstriert worden ist; sie war ein Vorläufer des Relativitätsprinzips. Sie war ein Orthogonalitäts-Exempel, und damit ein Hinweis auf den unendlich aufklärungsbedürftigen Zusammenhang von Orthodoxie und Orthogonalität.
    Zum Begriff der unreinen Geister: Es gab einmal den Titel „Genie und Wahnsinn“. Der Bedeutungswandel, den der Begriff Wahnsinn dann durchgemacht hat, und die Bedeutung, die er insbesondere in den letzten Jahren angenommen hat, ist ein geschichtsphilosophischer Index, an dem sich der Stellenwert der Psychose ablesen läßt, insbesondere, wie nahe er dem, was man geneigt ist, normal zu nennen, bereits gekommen ist.
    Die Welt ist längst zu jenem Schuldverschubsystem geworden, in dem das Spielchen „Wer ist unschuldig“ längst an den Dingen nichts mehr ändert, es sei denn, daß es nur noch zur Erhaltung des Schuldverschubsystems beiträgt und zu den Gründen gehört, aus denen das ganze Medien- und Informationswesen den Gesetzen der Unterhaltung sich anpaßt: zum Drachenfutter wird, dessen Wert sich am Sensatiosngehalt mißt. Auch hier hat es nach dem Ende des Faschismus einen Modernisierungsschub gegeben, dessen Schrittmacher die BILD-Zeitung war. Dem kann – so scheint es -heute keine Institution des Medienwesens sich mehr entziehen. Hier greift auch der Begriff Kulturindustrie bereits zu kurz, weil er inzwischen ins Affirmative gewendet werden konnte.
    Ist nicht die Abtreibungsdebatte die letzte Station in der Geschichte der christlichen Sexualmoral, die seit ihrem Beginn ein Mittel der Anpassung an die Welt und der Unterbindung von Herrschaftskritik war und von Anfang an projektive Züge trug. Die Sexualmoral ist ein Vexierbild, dessen Entschlüsselung genau ins Zentrum der politischen Aufklärung stößt. Es gibt in der Tat ein absolutes Abtreibungsverbot, aber das bezieht sich auf eine Abtreibung, die an ganz anderer Stelle stattfindet, nämlich genau an der Stelle, die in der Geschichte der drei Leugnungen Petri mit der Selbstverfluchung bezeichnet wird. Die Trennung von Begriff und Objekt ist ein Reflex der Trennung des Privaten vom Politischen; das Objekt ist der idiotes. Aber in dieser Trennung ist das Problem der Sexualmoral begründet: Was im prophetischen Ursprung allein in der politschen Anwendung Sinn ergibt, wird mit der christlichen Rezeption des Weltbegriffs, mit dem Ursprung des Objektivationsprozesses, entpolitisiert, privatisiert, idiotisiert. In der Lösung des Problems der Sexualmoral steckt die Lösung des Problems des Namens, seiner erkennenden Kraft.
    Bezeichnet nicht der Schluß in der Logik, den Hegel als den zu sich selbst gekommenen Begriff erkennt, den Knoten, den zu lösen der Kirche aufgegeben ist. Im Schluß vollendet sich die Verinnerlichung des Schicksals, die philosophische Kritik des Mythos, die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld. Der Schluß ist die instrumentalisierte Versöhnung, die Vergegenständlichung des Gerichts, Grund der Vergesellschaftung (Verinnerlichung und Vergegenständlichung) des Opfers im Objekt.
    Die apokalyptische Dimension des vierten Gebots wird begriffen, wenn es auf die Schuld der Väter und Sünden der Mutter in der Konstituierung des Objektbegriffs bezogen wird.

  • 11.11.92

    Zur Deklination: In der Physik werden Nominativ und Akkusativ (Subjekt und Objekt), in der Ökonomie Genitiv und Dativ (Herrschaft und Gnade, Erwerb und Geschenk) ununterscheidbar. Ist die Ökonomie (Welt als zweite Natur) feminin und die Physik (nicht als Inbegriff der Natur, sondern des Wissens) neutrum?
    Warum wird beim Genitiv und Dativ femininum im Deutschen der bestimmte Artikel des Nomintativ masculinum verwendet (im Lateinischen die Nominativ-Endung des Plural); und warum ist (im Deutschen) die Deklination der Artikel des Singular femininum identisch mit der des Plural?
    Im Englischen unterscheiden sich Genitiv und Dativ geschlechtsunabhängig durch die Präpositionen of und to (das gleiche to charakterisiert den Infinitiv). Hier ist die Differenz weder am Artikel noch an der Endung des Substantivs zu erkennen. Gibt es einen Zusammenhang mit der anderen Wurzel und Bedeutung des „Seins“, des (anders verdinglichenden) to be? Ist Heideggers Fundamentalontologie ins Englische übersetzbar?
    Sind Nominativ und Akkusativ vorn und hinten, Genitiv und Dativ rechts und links, und aktiv und passiv oben und unten? In welcher Beziehung stehen die Deklinationen zur Bildung des Futur II? Das Sein löst das „Aktiv“ in lauter Schicksal auf; darin gründet seine „verandernde“ Kraft. Die Ontologie ist der Staub, von dem im Fluch über die Schlange und über Adam die Rede ist.
    Die normative Kraft des Faktischen, oder der Indikativ als Imperativ.
    Die Fundamentalontologie ist in der Tat in ihrem Kern faschistisch, sie liefert zugleich das Feigenblatt mit. In seiner ernstesten Gestalt ist der Faschismus nicht an dem Grobraster von Symptomen zu erkennen, auf den er heute reduziert wird (wie z.B. Rassismus).
    Das Inertialsystem als Todesgrenze trennt auch die bewußt ablaufenden Prozesse von den automatisch sich selbst regulierenden Prozessen (die physiologischen Abläufe im Körper, die Bewegungen der Sternenwelt und die politisch-ökonomischen Prozesse). Es trennt das Bewußtsein vom Unbewußten; insbesondere versteinert es – als Reflex der Selbsterhaltung – das Herz. Der Geist hat in der Tat etwas mit dem pneuma, dem Atem, zu tun: An der Neutralisierung des Heiligen Geistes erstickt die Kirche, erstickt der Glaube, ersticken die Christen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt“: das ist die Luft, die die Menschen zum Atmen brauchen.
    Die christliche Sexualmoral ist der genaue (nur unaufgeklärte) Ausdruck des grammatischen Schicksals des femininum: die Nichtunterscheidbarkeit von Genitiv und Dativ im femininum macht jede Sexualität zur Vergewaltigung oder zur Prostitution. Hier gründet der prophetische Begriff der Unzucht, der Hurerei (das Objekt ist das Objekt der Begierde).
    Wenn das Neutrum der Staub ist, aus dem Adam ist und zu dem er wird, und den die Schlange frißt, ist dann die säkularisierte Welt (die durch den Weltbegriff verhexte Schöpfung) die Wüste (die Wüste beim vierzigjährigen Exodus, die Wüste vor der Versuchung Jesu, die Wüste der Eremiten, die der Welt entsagen)?
    Beziehung der casus zur Zeit: Alle stehen unter dem Primat der Vergangenheit:
    – der Genitiv unter dem der abgeschlossenen,
    – der Dativ unter dem der nicht abgeschlossenen,
    – der Akkusativ unter dem der zukünftigen Vergangenheit (Futur II als Grundlage des Objektbegriffs).
    Nur der Nominativ, das mit Namen benannte Subjekt des Urteils (an dessen Stelle in der transzendentalen Logik das Objekt tritt), ist präsentisch.
    Gegen die kantische Auflösung der Antinomie der reinen Vernunft, die – so Hegel – durch diese Auflösung (die Verlegung des Widerspruchs ins Subjekt) die Welt (in der Vorstellung der Dinge an sich) unangetastet läßt, sagt Hegel: „Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen, ihn dagegen in den Geist, in die Vernunft zu verlegen und darin unaufgelöst bestehen zu lassen.“ (Hegels Logik, Bd. I, S. 236) Aber dieses Argument ist ambivalent, es läßt den kantischen Hinweis auf den transzendentalen Charakter der Begriffe Welt und Natur (die beide Kant zufolge nur auf das Gesamt der Erscheinungen, nicht auf die Dinge an sich sich beziehen) unbeachtet, und es kehrt sich aufgrund des Festhaltens am vorkritischen Weltbegriff am Ende (im Begriff des Weltgerichts) gegen Hegel selber. Wie nahe Hegel dem gekommen ist, darauf verweist der übernächste Satz: „Die sogenannte Welt aber … entbehrt darum des Widerspruchs nicht und nirgends, vermag ihn aber nicht zu ertragen und ist darum dem Entstehen und Vergehen preisgegeben.“ (Ebd.) Gilt das nur für die Dinge in ihr, oder auch für die Welt selber?
    Ist das E = m.c2 der verkehrte Ausdruck jener Macht, die den Himmel aufspannt? Und ist es nicht die Physik, die den Himmel wie eine Buchrolle aufrollt?
    Die Schnittfläche des Knotens, die Begriff und Objekt trennt, ist die heute alles durchdringende Gewalt des Weltbegriffs. Und spüren wir nicht den Schmerz nur deshalb nicht, weil wir völlig desensibiliert sind? Und ist die Aufhebung dieser Desensibilisierung jenes Feuer, das in der christlich-theologischen Tradition Fegfeuer und Hölle heißt, in der biblischen Tradition mit dem apokalyptischen Weltenbrand gemeint ist? Sind nicht Einsteins Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Strahlungsgesetz ein erster Vorbegriff dieses (in die Struktur der Formen der Anschauung selber eingreifenden) Feuers? Und ist es dieses Feuer (das Autodafe des Objekts), das den Begriff von der benennenden Kraft der Sprache trennt?

  • 10.11.92

    Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Preis, das Opfer und die Strafe.
    Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Das Inertialsystem wird nicht siegen. Und ist hiernach die Rücknahme der Verurteilung Galileis, und zwar der Form, nicht der Sache nach, ein Teil der Selbstverfluchung?
    – Sollte der Papst wirklich gesagt haben: Galilei, ich verzeihe dir, so klingt das, als wenn auch die Deutschen eines sich bereit erklären würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen.
    – Und wenn der Papst die Männer der Inquisition mit dem Hinweis auf den „guten Glauben“, in dem sie gehandelt hätten, verteidigt, so wird man daran erinnern müssen, daß mit dem gleichen Argument („fehlendes Unrechtbewußtsein“) die ganze Nazijustiz freigesprochen wurde, ja daß mit diesem Argument die Täter selber (in Auschwitz und den anderen KZs), die auch glaubten, für eine gute Sache zu handeln, nicht hätten schuldig gesprochen werden dürfen. Auch der Fremdenhaß und der Antisemitismus sind bona fide geschehen.
    Das „Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann und darf niemand auf sich selbst anwenden (dieser Aspekt, der eine seiner Wurzeln in der paulinischen Gesetzeslehre hat, gehört zu den Gründen der Theologie).
    Das bona fide gehört zu den Wurzeln der Perfidie, die die Kirche seit je an den anderen (insbesondere an den Juden) verfolgt hat.
    Zur Anzeige der Frankfurter Sparkasse in der FR von heute: Dies ist der unverhohlene Aufruf dazu, Frankfurt endlich mieterfrei zu machen. Der Hinweis darauf, welche Gewinne z.Z. aus den Mietsteigerungen gezogen werden können, ist selber eine der Hauptursachen der Mietsteigerungen. Hier (an der Grenze, an der Politik, Ökonomie und Reklame in einander fließen) läßt sich verdeutlichen, wie Anschauungen, die vorgeben, ideologiefrei zu sein, fast naturgesetzlich und zwangsläufig Zustände begründen, die Haß auf die Fremden dann als Blitzableiter brauchen, d.h. zum Ideologie-Generator werden. Diese Reklame verschweigt nicht mehr nur den Tod, sondern sie gehört zu den Schreibtisch-Ursachen des Mords. Heute glaubt die Politik insgesamt, durch Perhorreszierung des Denkens ideologiefrei leben zu können.
    Der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit unter dem Titel Rassismus ist ohnmächtig und hilflos, weil nach dem Modernisierungsschub, den der Faschismus geleistet hat, die Brutalität die Rechtfertigung durch den Rassismus nicht mehr braucht, sondern schlicht und einfach nur noch auf Fremdheit reagiert. Und die, die heute als Nazis sich gerieren, haben das entweder noch nicht gemerkt (und sind noch dümmer, als die Nazis es schon waren), oder sie verkleiden sich bloß aus Reklamegründen, nutzen das Nazibild als Wirkungsverstärker.
    War die Gnosis nicht ein Stück offener Projektion, steckte der Demiurg nicht in der logischen Fluchtlinie jener Gestalt der Theologie, die durch Zuhilfenahme der Philosophie von ihrem jüdischen Ursprung glaubte sich emanzipieren zu müssen? Der christliche Gott trägt seit den Anfängen der hellenisierten Theologie demiurgische Züge; so war der Zwang, sie auf den eigenen Ursprung zu projizieren, fast unwiderstehlich. In der Gnosis hat die Kirche erstmals ein Stück ihrer selbst verdammt, ohne sich real davon befreien zu können. Und hat die Kirche nicht seitdem in ihren Feindbildern das Unerlöste in sich selber gehütet und gepflegt?
    Seid arglos wie die Tauben: Steckt nicht in jedem Wohnen ein Stück „Argwohn“?
    Rankes Satz, es sei Aufgabe des Historikers zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, unterschlägt das Was. Er vernebelt damit, daß für den Historiker dieses Was vorgegeben ist durch sein (damals vor allem nationales) Interesse. Nur wer das nicht mehr zu reflektieren bereit ist, für den bleibt nur das Erkenntnisziel, wie es den eigentlich gewesen sei. Das Was erscheint als Objekt der freien Wahl.
    Randbemerkung hierzu: Spielt hier nicht auch die merkwürdige Beziehung der Fragewörter zu den bestimmten Artikeln mit herein, die Beziehung von wer wie was zu der die das?
    – Hier steht das Wie in einer noch unaufgeklärten Beziehung zum femininen Artikel. Hängt das Wie mit der Instrumentalisierung des Weiblichen zusammen, die die patriarchalische Sprache insgesamt charakterisiert? Und
    – hängt es nicht auch damit zusammen, daß in den indogermanischen Sprachen im Weiblichen Genitiv und Dativ (und im Weiblichen und im Neutrum Nominativ und Akkusativ) nicht zu unterscheiden sind. Das aber heißt, daß das Weibliche wie das Neutrum im strengen Sinne subjektlos sind (keinen Nominativ haben), nur als (aus dem Akkusativ abgeleitetes) Objekt vorkommen, und daß im Weiblichen darüber hinaus durch die Nichtunterscheidung von Genitiv und Dativ das Herrschafts- und Besitzverhältnis des Genitiv von der Geschenk- und Gnadenbeziehung des Dativ nicht sich trennen läßt: die Differenz von Hingabe und Vergewaltigung (ähnlich wie die Gemeinheit überhaupt) in der Sprachstruktur nicht bestimmbar ist.
    – Die Trennung von Masculinum und Neutrum, von Person und Sache, ist im Femininum gegenstandslos; das Neutrum ist ein abgespaltener Teil des Masculinum: deshalb gelten Frauen als unsachlich, als der Logik nicht fähig.
    – Frage: Wie hängt das zusammen mit der Bildung des Futur II (dessen Ursprung sich herleiten läßt aus dem Ursprung des Privateigentums, der neuen Bedeutung der Vaterschaft und seiner Beziehung zur Funktion der Erbschaft): liegt hier nicht der Grund der Trennung von Person und Sache, von der das Weibliche ausgenommen ist?
    – Wie hängt diese Sprachstruktur mit dem Ursprung des Objektbegriffs, mit dem Begriff des Schicksals und der Geschichte seiner Verinnerlichung in der Gestalt des bürgerlichen Subjekts und im Ursprung der Philosophie zusammen?
    – Ist dieser Zusammenhang des Masculinum, Femininum und Neutrum nicht im Sündenfall, im Verhältnis von Adam, Eva und der Schlange vorgebildet; verweist nicht insbesondere die Geschichte mit dem Staub (zu dem Adam wird, und von dem die Schlange sich nährt) auf den besonderen Charakter des Verhältnisses von Männlichem und Sachlichen? Das Neutrum ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt.
    Unter der Herrschaft des Weltbegriffs wurde das Antlitz der Erde entstellt und die ganze Schöpfung in der Naturhölle eingesperrt.
    Die andere Bedeutung des Futur II: Es wird (wohl so) gewesen sein, ist zu ergänzen durch das „Wenn du es sagst“. Hier wird die Autorität von der Sache in die Person zurückgenommen und zugleich relativiert. Hier reflektiert sich die Unterscheidung von Person und Sache, die im Männlichen gründet. Das Logozentrische des Indogermanischen ist der Widerpart des Logos.
    Hängt die Logik jener „Tiefenzeit“ bei Stephen Jay Gould nicht mit jener Logik zusammen, die die Reklame heute zu einem Mordinstrument macht, und mit der gleichen Logik, die die Politik von den realen Erfahrungen der Menschen auf eine fast nicht mehr nachvollziehbare Weise entfernt? Das aber heißt, ist sie nicht ein Teil jener Logik, die heute die Welt insgesamt in sodomitische Zustände hineintreibt

  • 04.11.92

    Die „Schuld der Väter“ ist das Vaterland; die „Sünden der Mutter“ sind die Formen der „Hurerei“ mit fremden Göttern: im Schuldzusammenhang nationenübergreifender und weltbegründender Ökonomie: die „Sünden der Welt“ (zu Ps 109.14).
    Das Subjekt der Ökonomie ist der Privateigentümer und der Staat (als Gründer des Geldes), das der Physik das vergesellschaftete Subjekt und die Astronomie (als Grund des Inertialsystems).
    Wie hängen Patriarchat und „Hurerei“ zusammen mit dem Venus-Kult (Ischtar, Astarte), dem Sternendienst, der Ursprungsgestalt der Astronomie? Ist die Ischtar, Astarte (Esther) und schließlich die Himmelskönigin Maria die an den Himmel versetzte, und d.h. patriarchalisch instrumentalisierte Gaja, die Mutter Erde (Athene entspringt aus dem Kopf des Zeus)?
    Was haben die „Sünden der Mutter“ mit der Materie (materia, von mater abgeleitet) zu tun? Und in welchen kosmologischen Zusammenhängen entspringt der Begriff der Materie? Sind hier die Venus-Religionen ein notwendiges Bindeglied?
    Findet das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ am sechsten Tag sein Echo in dem „als Mann und Weib schuf er sie“?
    Ist der vergangene „real existierende Sozialismus“ das externalisierte Sühneopfer des Kapitalismus, durch das er sich sich zu exkulpieren sucht; das Opfer, das ihn von seiner Schuld befreit (letzte blasphemische Konsequenz aus der Marktreligion)? Hier wird ein Sündenbock dem Asasel in die Wüste gebracht und in den Abgrund gestürzt (vgl. auch Hebr 1311ff).
    Ist es ein Zufall, daß unter diesen Prämissen Sodom, Jericho und Gibea wiederkehren? Dieser neue Faschismus ist ein magisches Ritual, das Menschenopfer fordert, das aber nicht zu vermeiden ist, solange die Sozialismus-Diskussion dieser Sündenbock-Strategie folgt, anstatt das Schuldverschubsysten zu thematisieren, in es wiederum sich verstrickt.
    Da steht tagtäglich der Mob von Jericho, Sodom und Gibea vor den Türen der Häuser von Rahab, Lot und des alten Mannes, der als Fremder in Gibea lebte, und fordert die Boten Josues, die Engel Jahwes und den Levit aus dem entlegensten Teil des Gebirges Efraim heraus, um an ihnen ihre Mordlust zu befriedigen. Nur der Vorsitzende des Zentralverbands der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, hat darauf mit einer Genauigkeit und Geistesgegenwart reagiert, zu denen kein christlicher Theologe fähig zu sein scheint.
    Erschlägt der Antisemit mit dem Juden nicht den Zeugen der Tat, aufgrund deren er selber sich verdammt fühlt?
    Nur wer die Schuldreflexion in die Erkenntnis mit aufnimmt, ist vorm Wiederholungszwang gefeit. Die transzendentale Logik ist die projektive Selbstreflexion des Schuldzusammenhangs, des Schuldverschubsystems (deshalb verwechseln katholische Autoren so leicht transzendental mit transzendent).
    Wo liegt der Quellpunkt jener Erkenntnis, deren Preis die Materialisierung der Objekte ist?
    Der ungeheuerliche Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ hat auch einen astronomisch-kosmologischen Aspekt.
    Die Kausalverbindung, die Recht und verdinglichte Moral herstellen zwischen Sünde und Schuld, ist der Knotenpunkt des Schuldzusammenhangs, der nicht mit einem Schlage zu lösen ist.
    Nicht die Synagoge – das war eine Projektion -, sondern die Kirche hat seit dem Urschisma die Binde vor den Augen. Indem die Kirche das Zukünftige mit der vollendeten Tat, die Hoffnung mit einem Sein, verwechselte, hat sie die Zukunft in jenes Futur II, in die Gestalt einer zukünftigen Vergangenheit, verwandelt, die der Grund des Herrendenkens (sei dem Ursprung der indogermanischen Sprachen bis hin zum Inertialsystem) war – und bis heute die einzige reale Gestalt der Transsubstantiation. Hier liegt der Zusammenhang der Verweltlichung der Welt mit ihren christlichen Ursprüngen. Diese reale Transsubstantiation ist das Werk des Begriffs und das Erbe der Philosophie, die so die Prophetie erschlägt (Luther hat das geahnt, und deshalb mit der Transsubstantiation die Philosophie verworfen; den Bann hat er so nicht lösen können).
    Zur Definition der Blasphemie: Wer den Armen verspottet, verflucht seinen Schöpfer (Spr 175). Das verweist auf die Selbstverfluchung Petri bei der dritten Leugnung: Der Kapitalismus ist diese institutionalisierte Verspottung der Armen.
    Keiner kommt zum Vater, außer über den Sohn: das aber heißt: nur durch die Schuldreflexion hindurch.
    Die ganze Natur steht unter einem Bann, und wir mit ihr. Die Lösung ist nur als Lösung dieses gemeinsamen Banns möglich. Ps 10430: Emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae. Nur diese renovatio faciei terrae vermag das (unter dem Titel Natur nicht einlösbare) Versprechen der Naturphilosophie zu erfüllen.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Steckt darin nicht der Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung (da gingen ihnen die Augen auf) mit der Sexualmoral (sie erkannten, daß sie nackt waren) und der Notwendigkeit der Schuldreflexion (Erkenntnis der Nacktheit als Bewußtsein von Schuld: und sie schämten sich). Aber diese Schuldreflexion wird durch ihre sexualmoralische Verdinglichung, die das Christentum festgeschrieben hat, unterdrückt und verdrängt, während es gerade darauf ankäme, diese Schuldreflexion aufzunehmen: sie bezeichnet den einzigen Weg ins Freie. Hier liegt der Grund der Täufertheologie. Zusätzlicher Hinweis: Zur Geschichte der Nacktheit, der Beziehung von Schuld und Scham, gehören sowohl der Ursprung der Sexualmoral, als auch der der Privatsphäre und der des Geheimbereichs in Politik, Geschäft und Religion (auch die Macht hat ihre Privatsphäre und unterliegt somit der Sexualmoral).
    Zu diesem Nacktsein gibt die Geschichte mit Noah und Ham einen Hinweis: Das Aufdecken der Blöße (auf das heute die Medien sich spezialisiert haben) ist Voraussetzung und Teil der Einübung des Knechtseins, zu dem Ham dann verurteilt wurde. Kommt nicht Nimrod aus dem Geschlecht Hams (aber Nimrod war ein großer Jäger vor dem Herrn)?
    Im Begriff der Masse, in der das Individuelle gleichsam von dem Allgemeinen, Kollektiven überschwemmt wird, das zu Recht Gemeinheit heißt, und darin untergeht, reflektiert sich sowohl die Vorstellung der homogenen Zeit als auch die Beziehung zum Possessivpronomen, der Charakter des potentiellen Gebrauchwerts, des potentiellen Eigentums. Sie ist aufzulösen nur im Kontext dessen, was Adorno das mikrologische Verfahren genannt hat, und das schließt die konkrete Schuldreflexion mit ein.
    Den Schlüssel zum Begriff der Masse liefert der Satz aus der Hegelschen Logik: Das Eine ist das Andere des Anderen. Franz Rosenzweig hat einmal den Begriff einer „verandernden Kraft des Seins“ geprägt, und damit die Funktion jeglicher Ontologie auf den Begriff gebracht: Die Abschirmung der Welt gegen die konkrete Schuldreflexion (oder auch die Abschirmung der Theologie gegen ihren Ursprung in der Täufertheologie, gegen das „Tut Buße“ und gegen das „Ecce agnus dei“).
    Die Kirche ist zum steinernen Herzen der Welt geworden dadurch, daß sie nur noch Techniken anbietet, die die Menschen von den Schuldgefühlen befreien, in die sie notwendig sich verstricken, wenn sie in dieser Welt leben, nicht mehr die „Schuldgefühle“ aufklären sollen: das nämlich würde die kritische Reflexion des kirchlichen Autoritätsbegriffs, der Orthodoxie und des Dogmas voraussetzen. Die Techniken, die die Kirche heute anbietet, sind nur noch Techniken der Desensibilisierung, die helfen sollen, heile Privatwelten in einer bösen Welt zu errichten, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Aber das können Propaganda, Reklame und Fernsehen besser: So machen sich die Religionen selber überflüssig.
    Physik und Ökonomie begründen und verstärken das Bewußtsein, daß die Sprache über ihre technische Funktion hinaus keine Realität mehr hat. Mit der benennenden Kraft verliert die Sprache auch ihre eingreifende, praktische Potenz. Nur durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion, die durch die Übermacht der Rechtfertigungs- und Exkulpierungstechniken zu verkümmern, zu verschwinden droht, läßt der Bann sich sprengen, der sich heute in der Xenophobie, in sodomitischen Zuständen entlädt. Grund ist das, was die Antichrist-Tradition das Antlitz des Hundes nennt: Die Unfähigkeit, dem Anblick des andern standzuhalten, ohne aggressiv zu werden.
    Das Angesicht und der Blick haben eher sprachliche als optische Qualität und Beschaffenheit. Wer auf Bildern von Schulklassen aus der Zeit der Jahrhundertwende den hündischen: nämlich den zugleich aggressiven und unfreien, verängstigten, mißtrauischen Blick der Kinder sieht (den gleichen Blick, dem Heideggers Fundamentalontologie philosophischen Ausdruck verliehen hat), weiß, woher die Katastrophen dieses Jahrhunderts gekommen sind. – Es gibt Bilder der Schulklassen, zu denen Hitler und Stalin gehörten: In beiden Klassen stehen die Protagonisten der größten politschen Katastrophen des Jahrhunderts in der obersten (letzten) Reihe in der Mitte, beide haben eine Position über dem Lehrer inne, beide (und nur sie als einzige auf dem ganzen Bild) mit der gleichen herausfordernden Haltung: den Kopf in den Nacken geworfen, eine Demonstration des provokativen Herabschauens auf alle anderen. Nur durch eins unterscheiden sich beide: Während Hitler der größte in seiner Reihe ist, ist Stalin der kleinste.
    Aber dringen nicht heute die Herrschaftsstrukturen sehr viel früher, sehr viel tiefer und sehr viel verletzender ins Bewußtsein der Kinder ein?
    Der Raum, die Zerstörung des Angesichts und der benennenden Kraft der Sprache. Der Raum macht das Ungleichnamige gleichnamig durch seine universalisierende Kraft, durch die Gewalt der Selbstausbreitung aus der Kraft seiner eigenen mathematischen Struktur, durch die Neutralisierung der Gegenwart durch das Prinzip der Gleichzeitigkeit (Leugnung der Erinnerung).

  • 03.11.92

    Konstruktionsfehler der Welt, oder die Welt als Inbegriff der Selbstzerstörung:
    – Die Ökonomie kann die Armut,
    – das Recht die Gemeinheit und die Gewalttat,
    – die Theologie den Atheismus,
    – die Medien können die Lüge,
    – die Naturwissenschaften den Tod der Sinnlichkeit (Physik) und die Zerstörung des Lebens (Chemie)
    nicht nur nicht mehr ausschließen: sie produzieren sie. Die Welt ist die Institutionaliserung des Hinter dem Rücken und der Inbegriff der Leugnung des Antlitzes, die Sünde wider den Heiligen Geist. Gibt es überhaupt noch eine Alternative zur Übernahme der Sünden der Welt?
    Die Welt: das ist die Trennung des Sehens vom Gesehenwerden, und damit die Zerstörung des Angesichts. Die nur noch der mathematischen Logik gehorchende Vorstellung des Raumes ist das Zentrum und das Einheitsprinzip der zerstörenden Gewalt der Welt (Ersetzung der Gegenwart durchs Gesetz der Gleichzeitigkeit). Aber hier wird dann die Frage interessant: Welche Richtung gehört zur Lichtgeschwindigkeit? Ich vermute, es ist die, die vom Objekt des Sehens ausgeht: die Provokation des Täters durch das Opfer (der „Lichtreiz“ im Auge des Sehenden, auch wenn sich daraus das Sehen überhaupt nicht mehr herleiten läßt). Oder: die Lichtgeschwindigkeit gehört zu einem System, in dem das Opfer (das Objekt) schuldig ist, und nicht der Schuldige bestraft wird, sondern die Strafe den Schuldigen provoziert.
    Im Recht ist die Sünde vor der Schuld, theologisch die Schuld vor der Sünde (vgl. die paulinische Theologie, die hier immer antisemitisch mißverstanden wurde, und das „Antlitz des Hundes“: Was schaust du mich so an: Du kriegst gleich einen in die Fresse).
    Der Begriff der Persönlichkeit drückt die individuelle (der der Person die allgemeine) Anerkennung durch die Welt aus, der Begriff des Antlitzes die Anerkennung durch Gott.
    Der Begriff der Natur faßt die Schöpfung an ihrer schwächsten Stelle.
    Wenn die Kirche zum steinernen Herzen der Welt wird, dann wird es Zeit, auf das Schreien der Steine zu hören.
    Zu Benjamins Wort über die Opfer der Vergangenheit in den geschichtsphilosophischen Thesen: Erst wenn wir aufhören, die Auferstehung nur für uns zu erhoffen und verdrängen, daß sie alle Opfer der Vergangenheit betrifft; erst wenn wir diese Verdrängung aufheben, wird die Vergangenheit für uns durchsichtig und mit ihr der Schuldzusammenhang, der das Böse dem Wiederholungszwang unterwirft. Erst wenn wir das Entsetzen, die Qualen und die Schmerzen der vergangenen Opfer in unsere Gebete mit aufnehmen.
    Wenn die Kirche Maria Magdalena die Büßerin nennt und bei der Befreiung von den sieben unreinen Geistern mit fasziniertem Entsetzen nur daran denkt, wie schlimm sie es wohl getrieben haben muß, so sagt das mehr über die Kirche als über Maria Magdalena.
    Die Übersetzung des ho airon mit „Hinwegnehmen“ kann nur auf die Zukunft sich beziehen; für die Vergangenheit kann es nur als „Auf-sich-Nehmen“ verstanden werden, und dieses Auf-sich-Nehmen fällt unters Nachfolgegebot. Dazu gibt es keine Alternative mehr. Das ho airon im Sinne von Hinwegnehmen als eine vollendete Tat auffassen: das ist die Sünde wider den Heiligen Geist.
    Ist die Trinitätslehre vielleicht auch ein Versuch, die Genealogien vom Wiederholungszwang zu befreien?
    Nach den ersten Anschlägen der raf (z.B. nach dem Kaufhaus-Brand in Frankfurt) sahen die Politiker keinen Anlaß, über die Probleme des Vietnam-Krieges und das Verhältnis der Industrie-Nationen zur Dritten Welt zu diskutieren, während nach den Pogromen der letzten Monate alle Welt nur noch über das Asylantenproblem spricht. Das unterscheidet das Verhältnis der Politik zum rechten von dem zum linken Extremismus: Diesmal sitzen die Sympathisanten und die Mescaleros in der Regierung. Wenn die Taten der Rechten von der Linken kämen, wir hätten längst wieder Krisensitzungen der Regierung und Sympathisantenhetze in den Medien.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Ist nicht das Nacktsein ein anderer Ausdruck fürs Schuldigsein? Nur das begründet die Scham. Heißt das aber nicht, daß sie schon vorher schuldig waren, und die Sünde diese Schuld nur aufgedeckt, sie bewußt gemacht hat? Diese Umkehrung der Beziehung von Sünde und Schuld wird durch das felix culpa ein wenig verstellt, das hiernach in der Tat felix peccatum heißen müßte. Die das Recht und die Urteilsmoral (Sexualmoral) begründende Kausalverknüpfung von Sünde und Schuld ist ein Ingrediens der Exkulpierungsstrategien und des Schuldverschubsystems, die durch den Weltbegriff sich konstituieren und stabilisieren. Es ist nicht ohne Bedeutung, wenn im Psalm 109 zuerst die Schuld der Väter und dann die Sünden der Mütter genannt werden. Vgl. hierzu den Gesamtzusammenhang, von Morgenstern, Venus, Jesus und Luzifer.
    Franz von Baader hat einmal – in den Fermenta cognitionis – die Hegelsche Philosophie „das Auto da Fe der bisherigen Philosophie“ genannt (Schriften Franz von Baaders, ausgewählt und herausgegeben von Max Pulver, Leipzig 1921, S. 84). Hat Hegel nicht in der Tat das Feuer vom Himmel geholt, aber es brennt noch nicht. Die Erfahrung dieses Brennens, für die das Bild vom brennenden Dornbusch steht (vgl. hierzu das von Gerschom Scholem zitierte Wort des Eleasar von Worms), ist der Kern der theologischen Erfahrung. Kritik der Welt als Fähigkeit zur Schuldreflexion ist der Anfang der Erfahrung dieses Brennens. Und die zur Zeit in Deutschland grassierende Xenophobie, dieses entsetzliche faschistische Potential, das hier hochkommt: man sollte es einmal vor dem Hintergrund von Sodom, Jericho und Gibea sehen.
    Lot: involutus, colligatus (ins Dunkel gehüllt; zusammengelesen, aufgesammelt),
    Moab (Sohn der älteren Tochter Lots): de patre (vom Vater),
    Ben-Ammi/Ammon (Sohn der jüngeren Tochter Lots): Sohn meines Verwandten/populus ejus (sein Volk).
    Lots Weib und Lots Töchter sind namenlos.
    In der Hexenverfolgung rächen sich die Väter für die ebenso unerträglich wie undurchsichtig gewordene eigenen Schuld an den Sünden der Mutter. Lassen sich nicht in den Projektionen der Verfolger die verdrängten Probleme in der Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften erkennen? Die Schreie der Opfer müssen als Schrei der Steine endlich ins Ohr dringen. Nur so läßt sich das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen.

  • 31.10.92

    Ähnlich wie die mathematische Naturwissenschaft zum Sternendienst und der Weltbegriff zur Idolatrie verhält sich das Opfer zur kapitalismusbegründenden Institution der Lohnarbeit, der Subsumtion der Arbeitskraft unters Tauschprinzip. Hier liegt der Grund für Benjamins Wort vom Kapitalismus als Opfer ohne Dogma. Der Begriff der Verweltlichung der Welt bezieht sich auf die fortschreitende Durchsetzung der Systemprinzipien: des Trägheits- und des Tauschprinzips, die aufs genaueste das fundamentum in re des Hegelschen Postulats bezeichnen, daß „das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken“ sei (Phänomenologie des Geistes, stw, S. 23).
    Im Begriff der Welt konstituiert sich das Anderssein als Substanz, überlebt der Tod das Leben.
    Es wäre wichtig, Affirmation und Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers in der Konstruktion des Hegelschen Systems aufzuzeigen.
    Die gegenwärtige Weltphase ist eine Phase der Beschleunigung des Vergessens.
    Physik und Ökonomie (Inertialsystem und Geld, Trägheitsprinzip und Tauschprinzip): Was ist (beim Gordischen Knoten) Joch und was ist Deichsel? Was am Gordischen Knoten durchschlagen wird, ist erkennbar an seinem Produkt: die endgültige Definition der Grenze der Zivilisierten zu den Barbaren; hier entspringen der Weltbegriff und der Säkularisationsprozeß, und hier stabilisiert sich ein Bewußtsein, das dann ohne den Materiebegriff nicht mehr auskommt. Die Grenze zu den Barbaren, zum Begriff der Materie oder des Objekts, bezeichnet präzise die Schnittstelle, an der der Knoten durchschlagen wurde.
    Von den drei Totalitätsbegriffen der transzendentalen Logik: Wissen, Natur und Welt, die dann in der Abfolge der Systeme des deutschen Idealismus abgearbeitet wurden, erscheinen zwei im Stern der Erlösung unter anderem Namen, nämlich das Wissen als Mensch und die Natur als Gott. Nach der Umkehr, in der sie wechselseitig aufeinander sich beziehen, werden aus den drei Totalitätsbegriffen die theologischen Begriffe Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Aber gleichzeitig erscheinen Wissen, Natur und Welt auch in systematischer Funktion: als Nichtwissen, aus dem die Naturen von Mensch Welt Gott hervorgehen, die dann unterm Bann des Weltbegriffs zunächst jedes in isolierter Verschlossenheit, ohne Reflexion im anderen, in Erscheinung treten.
    Zu Gog und Magog: Die Gargarenser (Gogarener), die nach Ranke-Graves mit dem Volk Gog bei Ezechiel identisch sind, sind der den Amazonen zugeordnete Männerstamm: Sind das nicht die freien Männerhorden, die nach Heinsohn die Privateigentumsgesellschaft: den Staat, begründen?
    Wenn Haman ein Agagiter (Amalekiter) ist und gleichzeitig der erste Antisemit und der Erfinder der Endlösung, welche Bedeutung haben dann Ahasveros, Esther und Mordechai?
    Mit der Implantierung des Unschuldstriebs (hervorgegangen aus der falschen Übersetzung des Joh 129) ist das Christentum vollends böse geworden. Der Unschuldstrieb ist nämlich nur zu halten über die Dynamik von Exkulpation, Rechtfertigung und Projektion: den Fremdenhaß (Sodom vor der Zerstörung). Das Schuldverschubsystem kommt ohne Sündenböcke nicht aus.
    Zur Geschichte und Kritik des Nominalismus: Es gibt keinen Begriff der Wahrheit ohne die Fähigkeit zur Schuldreflexion. Wer das leugnet, verfällt zwangsläufig der Eigendynamik des Schuldverschubsystems, die in Xenophobie und Antisemitismus endet.
    Der Weltbegriff definiert und stabilisiert die dem jeweiligen Stand der Entwicklung angemessene Gestalt des Schuldverschubsystems und macht sie zugleich unsichtbar.
    Zur Korrektur der Metzschen politischen Theologie: Das Votum für die Armen bezeichnet nur eine Seite der Prophetie; dazu gehört die andere: das Votum für die Fremden, das anhand der für das gegenwärtige Weltverständnis zentralen Geschichten Jerichos und Sodoms zu bestimmen wäre.
    Daß die unreinen Geister in Jesus den Sohn Gottes erkennen, findet sein spätes Echo in den Grab- und Friedhofsschändungen der Rechten: Sie sind die letzten, die an die Auferstehung der Toten glauben und daran (gegen diesen Glauben) ihren Mut beweisen wollen.
    Im Angesicht Gottes und nicht hinter seinem Rücken, das heißt auch: Sich unter das Wort stellen, und nicht sich darüber erheben: d.h. die Prophetie bloß zu apologetischen Zwecken, als Steinbruch fürs Dogma, benutzen.
    Die Moral als Maßstab des Urteils fällt unter das Gesetz des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen, es gehört zur Geschichte des Sündenfalls, der Verweltlichung der Moral. Zu explizieren an der Sexualmoral, deren politische (prophetische) Bedeutung neutralisiert wird durch die Urteilsbeziehung im Kontext einer kasuistischen Moral. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ verweist auf den Bereich, in dem Moral allein sich begründen läßt: nämlich als Richtschnur des (eigenen) Handelns, während das Urteilen (das Richten) Gott vorbehalten ist. Politisch aber wird die Sexualmoral in seiner Beziehung zu der anderen Seite des Sündenfalls, zum „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“, in seiner Beziehung zu dieser Scham, die den gleichen geschichtlichen Index hat wie die Politik. Verletzt wird diese Scham durchs Obszöne, dessen Begriff eher auf Kriege, auf Knäste, auf die Existenz der Armut, auf Fremdenfeindschaft und Antisemitismus (bezeichnend, daß das sodomitische Modell der Fremdenfeindschaft in der Geschichte Sexualmoral auf den Verkehr mit Tieren bezogen worden ist: war das „Sexualobjekt“ der Leviathan?), aber auch auf staatliche Institutionen wie den Staatsanwalt und die Polizei sich beziehen läßt, als auf den unmittelbaren sexuellen Bereich.
    Bezieht sich das Jesuswort: „ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, auf das „kreisende Flammenschwert“, dessen Erkenntnis in der Geschichte der Astronomie, zuletzt im kopernikanischen System, sich vorbereitet? Und hängt das, was im zweiten Schöpfungsbericht als „kreisendes Flammenschwert“ benannt wird, mit dem, was dem Produkt des zweiten Tages im ersten Schöpfungsbericht: der Feste zwischen den Wassern, die Gott dann Himmel, schamajim, nennt, zusammen?
    Von der Nachkommenschaft Abrahams heißt es, sie werde zahlreich sein wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer. Hängen diese Sterne und dieser Sand zusammen wie der Himmel und das Meer? Sind nicht die Sterne und der Sand (der „Staub“ des Fluches über die Schlange und über Adam nach dem Sündenfall, aber auch die „Wüste“) die ersten Objekte des historischen Objektivationsprozesses (kopernikanisches System und Relativitätsprinzip, Inertialsystem und die newtonsche dynamische Begründung des kopernikanischen Systems, Ursprung des Materiebegriffs)? Und sind diese Sterne und dieser Sand nicht auch ein anderer Name für die „Enden der Welt“: die Grenzen des „Missions-“ und Taufauftrags? Aber am Ende wird das Meer nicht mehr sein, und der Himmel wird sich aufrollen wie eine Buchrolle.
    In Hegels Philosophie kommt wohl der Begriff des Anderen, nicht aber der des Fremden vor.
    Hängt auch das mit dem Verhältnis von Sünde und Schuld (Ps 10914) zusammen, daß die Propheten vom Mutterleibe an berufen sind, Jesus aber vom Vater gezeugt ist, er zugleich die „Sünden der Welt auf sich nimmt“ und den Willen des Vaters tut?

  • 26.10.92

    Metz, S. 138f, vgl. auch S. 77ff: Hier ist leicht zu bestimmen, wo der Fehler liegt, wo M. nicht zu Ende gedacht hat.
    S. 140: Wie verhält sich Gemeinde zu Kirche? Beziehung des Begriffs Gemeinde zu Allgemeinheit, Meinung, Gemeinheit: zum Possessivpronomen 1. Pers. Sing.
    Heidegger benennt das Gefängnis, in das das Dasein geworfen ist, den Ort der Isolationshaft, aufs präziseste: das In-der-Welt-Sein.
    Die Verinnerlichung des Schicksals (und der Ursprung des Begriffs und des Weltbegriffs) ist der Keim der Geschichte der Entfaltung, und am Ende auch wieder der Verinnerlichung von Herrschaft. Beide sind im Weltbegriff auf einander bezogen und nur durch ihre gemeinsame Beziehung zum Weltbegriff hindurch zu begreifen. Das Herrendenken hat seinen Ursprung in den Anfängen der Philosophie.
    Zu Brot und Wein vgl. Spr 417: Sie (die Frevler) essen das Brot des Unrechts und trinken den Wein der Gewalttat.
    Was solche Lieder bewirken wie „Der Glaube ist nun fest verbürgt, … das Leben hat den Tod erwürgt“, ist kaum abzuschätzen; ähnlich „… hilf uns hier kämpfen, die Feinde dämpfen, Sankt Michael“.
    Woher kommt der Name der Griechen? Nachdem die „Hebräer“ sich als Israeliten erweisen, die „Griechen“ im NT überall Hellenen sind, wäre es vielleicht doch sinnvoll, mit den Namen etwas weniger leichtfertig umzugehen. Kann es sein, daß hier ein (mittelbar ebenfalls leicht antisemitisch getönter) Sprachgebrauch der deutschen Klassik, die sich auf die „Griechen“, nicht auf die Hellenen bezogen hat, nachwirkt?
    Kristallisert sich die wechselseitige Vertauschung von Rechts und Links mit Vorn und Hinten in den differierenden erkenntnisleitenden Blöcken der Naturwissenschaften und der politischen Ökonomie aus (aber beides unter dem Gesetz der trüben Vermischung von Religion und Herrschaft in der oberen Welt)?
    Der abgespaltene Bereich des Sakralen (des Numinosen) konstituiert in der trüben Vermischung von Religion und Herrschaft in der oberen Welt. Die Verweltlichung der Welt, Reflex der Verinnerlichung von Herrschaft, hat dieser Vermischung die Grundlage entzogen, sie erzwingt die (fast unmögliche) reine Darstellung der Religion, die damit aufhört, bloß Religion zu sein: Theologie im Angesicht Gottes, nicht hinter seinem Rücken. Insoweit ist die Entzauberung der Welt, ihre Verweltlichung oder die Vollendung des Falls, die Grundlage einer Erneuerung der Theologie. Die Mischung von Religion und Herrschaft ist nicht mehr zu halten (im Namen des Himmels das Wasser vom Feuer zu trennen). In der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft hat die Herrschaft ihre religiösen Symbole verloren; das hat die Kirche, die fast keine anderen mehr kennt, als Zerfall der Religion angesehen, während sie in Wahrheit eine Voraussetzung ihrer Läuterung war; verlorengegangen ist nur die falsche Verständlichkeit der Religion in der Gestalt der Herrschaftsmetaphorik. (Schleiermacher und vor allem Rudolf Otto wären unter diesem Gesichtspunkt einmal genauer zu lesen.)
    In der Heideggerschen Interpretation der aletheia trifft der blinde Fleck des bürgerlichen Bewußtseins im Sein auf seinen eigenen Ursprung, auf sein gegenständliches Korrelat (die falsche Trennung und Verbindung).
    Die Philosophie lebt vom Schein der Äquivalenz des Einen und des Allgemeinen, Produkt und Widerschein der Subjektivität. Auszugehen wäre von den Unterscheidungen im Allgemeinen selber (wie bei Rosenzweig: von den Unterscheidungen im Naturbegriff, die daher rühren, daß nicht mit sich identisch bleibt, wenn er auf Gott, Welt, Mensch bezogen wird).
    Wenn Jesus das Ja und Amen zur Welt wäre, dann gäbe es keine Auferstehung der Toten.
    Weltkritik als Herrschaftskritik, oder gegen den Mißbrauch des Schreckens: der Schrecken ist ein Moment und ein Produkt der Verblendung durch Herrschaft, hervorgerufen durch durch die Schuldwahrnehmung im Stande der Unfähigkeit zur Schuldreflexion. Die verdrängte Gottesfurcht kehrt als Schrecken von außen zurück.
    Das Wehe bei Jesus ist keine Drohung in dem Sinne, in dem die verdrängte Gottesfurcht es erfährt.
    Ein erschütterndes Wort: „Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich wiederkomme, was geht’s dich an.“
    Der Antisemitismus spielt sich nicht auf der Seite des Bekenntnisinhalts, sondern auf der der Bekenntnisform, seiner Logik, ab. Anders formuliert: Im Kontext eines Weltbegriffs, der die Religion zum Bekenntnis entmächtigt, wird diese Religion, und werden nach ihm alle konfessionellen Inhaltsderivate, zwangsläufig antisemitisch.
    Die vom Weltbegriff nicht abzulösende Vorstellung einer homogenen Zeit und ihre Anwendung auf den theologischen Bereich (insbesondere in der Schöpfungslehre und in der Christologie) ist die Ursünde der Theologie. Was an sich jeden Gedanken an eine Vergangenheit von sich ausschließt, kann für uns sehr wohl als vergangen erscheinen, und zwar aufgrund jener das endliche Bewußtsein konstituierenden Brechungsschicht, die am zweiten Schöpfungstag, als Feste zwischen den Wassern, geschaffen ist und von Gott Himmel (schamajim) genannt wurde. Die Wirkung dieser Brechungsschicht ist nur aufzuheben durch Trennung der Wasser vom Feuer, durch Auflösung der Wasser, aus denen bei Thales die Philosophie entsprungen ist.
    Thermodynamik, Elektrodynamik und Mikrophysik sind Aspekte jener differenzierten Beziehung von Raum, Zeit und Materie, die ins Inertialsytem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hereingekommen ist.
    Nietzsches Wort von dem Gedächtnis, das nachgibt, ist noch zu harmlos. Aufgrund der Ausstattung unseres psychischen Haushalts, die wir in der Geschichte unserer Sozialisation übernommen haben, gibt es Bereiche, an die das Gedächtnis, bevor es überhaupt nachgeben könnte, schon gar nicht mehr heranreicht. Das „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ läßt sich nicht auf den Bereich des (von uns selbst) Verdrängten einschränken; es gibt Bereiche des gesellschaftlich Verdrängten (und die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist eine Geschichte des forschreitenden gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses), an denen wir bloß passiv partizipieren, die uns gleichsam „hinter unserem Rücken“ bestimmen. Diese Bereiche erschließen sich erst im Kontext der „Übernahme der Sünde der Welt“ (ich bin als Christ auch für meinen Charakter, ja, auch für mein Gesicht verantwortlich).
    Zum Fundamentalismus: Auch hier reicht nicht die Verurteilung, sondern es gilt (wie zuvor schon in der ganzen Geschichte der Häresien, deren letzter Erbe er ist), das Problem, für das er steht, zu lösen, um ihm nicht selber zu verfallen (Verhältnis von Religion und Herrschaft; Ursprung und Kritik des Sakralen).
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Urschisma und dem Ursprung der Gnosis (Antijudaismus und Rezeption des Weltbegriffs)?

  • 10.10.92

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den drei Versuchungen Jesu und den drei Verleugnungen Petri?
    Kann es sein, daß die Zahl der nach dem Schiffbruch bei Malta Geretteten (nach der Apostelgeschichte „etwa 276“, d.i. die Summe aller Zahlen von 1 bis 23) etwas mit dem Alphabet zu tun hat? Hat das Bilderverbot etwas mit dem Ursprung und der Rettung der Schrift zu tun? Sind die Buchstaben Projektionen (von was?) auf die Bildebene des Blattes, die Fläche? Hat die Schrift etwas mit dem Antlitz der Erde zu tun (für das wir ebenso verantwortlich gehalten werden wie für das eigene Antlitz), und die Erneuerung des Antlitzes der Erde mit dem Aufrollen des Himmels („wie eine Buchrolle“): das dann eins wäre mit der Aussendung des Geistes?
    Nur die Trauer könnte Anteil gewinnen an der Kraft, die einmal die Toten erwecken wird.
    Ist die Grunderfahrung dessen, der einmal wünschte, „wieder Boden unter die Füße zu bekommen“, die des Schwimmens? Und hat sie etwas mit Jonas zu tun und mit dem fünften Schöpfungstag?
    Die Schlange soll auf dem Bauche kriechen: sie hat den Boden nicht unter den Füßen, sondern unter dem Bauch. Ist die Käfer-Erfahrung Kafkas eine Vorerfahrung dieses Auf-dem-Bauche-Kriechens, eine Erfahrung, die zweifellos auch mit dem derzeitigen Zustand der Naturwissenschaften zusammenhängt: wer auf dem Bauche kriecht, sieht nur „das Nächstliegende“ und verliert den Überblick? Es ist dieser positivistische Objektbezug, an den die desorientierte Forschung sich heute überall anklammert, unfähig zur Reflexion, die die positivistische Verblendung allein auflösen könnte. Sind die subjektiven Formen der Anschauung das Element, aus und in dem die Schlange, die großen Meeresungeheuer und der Drache sich bilden? Vgl. dazu in der Apokalypse die Geschichte von den Tieren: vom Lande, aus dem Wasser und dem dritten Tier, bei dem es Weisheit und Verstand braucht (das Tier vom Lande: die Physik, das Tier aus dem Wasser: die Ökonomie und die Herrschaftsgeschichte, das dritte Tier: der Antichrist).
    Der Satz: „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“, bezieht sich auf den Weltbegriff. Hier liegt der Knoten, den Alexander, der Aristoteles-Schüler, (und alles Herrendenken seitdem, bis in die Theologie hinein) nur durchschlagen hat.

  • 08.09.92

    Witz und Empörung sind Instrumente zur Verhinderung der Geistesgegenwart, zur Einübung des Vergessens. Jeder Witz und jede Empörung macht uns ein Stück dümmer.
    Das kollektive Lachen (das Gelächter), die Verinnerlichung des Opfers und die Selbstauslöschung des Subjekts (oder: die falsche Versöhnung). Durch Einübung des Herrendenkens versöhnt der Witz die Menschen mit ihrem Objektsein.
    Wenn Gunnar Heinsohn die Schuldknechtschaft und das Tauschprinzip alternativ behandelt, das Tauschparadigma perhorresziert und abwehrt, so möchte er das Tauschprinzip nicht mit der Schuld der Schuldknechtschaft befleckt sehen: die Ökonomie soll (wie die Physik) schuldlos bleiben. Wie sie das bleiben kann, wenn nicht nur ihre Ursprünge, sondern auch ihr Bestehen seit ihrem Ursprung auf dieses gräßliche Institut der Schuldknechtschaft zurückweisen, ist nicht zu erkennen; das Konzept ist (wie im Kontext des christlichen Dogmas) nur zu halten durch Individualisierung (Personalisierung) der Schuld, durch Verdrängung des Schuldzusammenhangs. Die Lösung gleicht (antipodisch, aber nicht zufällig) der, die auch seinem Hexenbuch zugrundeliegt. Und es ist die gleiche Logik, die auch die Venustheorie beherrscht.
    Habermas verharmlost das Materialismusproblem, indem er das gesellschaftliche zu einem Kommunikationsproblem macht, mit der Vorstellung, daß Vernunft als Möglichkeit zum Konsens sich definieren lasse, und Konsens prinzipiell möglich sein müsse. Er verdrängt den Bruch, den die Heinsohnsche Schuldknechtschaft aufs deutlichste benennt, so wie die Physik seit je den Bruch zwischen schwerer und träger Masse verdrängt hat.
    Ohne die Schrift, und d.h. ohne diese Enteignung, Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Sprache, ohne ihre Entfremdung in der Schrift, hätte es keine Großreiche gegeben.
    Ist das Produkt des Bindens der Naturbegriff, und war es dieser Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat, den es aber heute endlich zu lösen gilt?
    Das Christentum hat mit der Rezeption der Philosophie im Dogma das Ungleichnamige gleichnamig gemacht; die letzte Folge dieses Geburtsfehlers der christlichen Theologie ist die Vorstellung des dreidimensionalen Raumes (in dem man Links und Rechts nicht mehr unterscheiden kann und der die benennende Kraft der Sprache endgültig kassiert). Heute erstickt das Christentum an dieser Folge.
    Die Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: das ist der Ursprung der Opfertheologie, die Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Opfers, das Unterbinden der Nachfolge, der Verzicht auf die Umkehr, die Verdrängung der Gottesfurcht. So wurde die Kirche zum Scheffel über dem Licht.
    Kafkas Wort, wonach es unendlich viel Hoffnung gibt, nur nicht für uns, sollte Anlaß sein, die Hoffnung, die es gibt, endlich auszuschöpfen.
    Hegels Bemerkung, die Natur könne den Begriff nicht halten, ist zunächst ein Einwand gegen den Begriff, dann aber auch einer gegen die Natur.
    Seit dem Universalienstreit ist Natur ein Totalitätsbegriff, aber zugleich ist der Begriff zum flatus vocis geworden.
    Das Haupt – und dann auch das Oberhaupt (der Häuptling, Sich oder Etwas Behaupten, auch die Enthauptung): eine Ersatzbildung für das Angesicht?
    Hängt Simon der Kananäer (der Eiferer, Zelot) mit Kana (Hochzeit von Kana, Verwandlung von Wasser in Wein; erneuter Besuch in Kana, Heilung des Sohns eines königlichen Beamten in Kafarnaum, die beiden „ersten Zeichen“ Jesu nach Johannes; Nathanael aus Kana, ein „echter Israelit“, den Jesus unterm Feigenbaum sah) zusammen?

  • 30.07.92

    Das Ganze ist das Unwahre. Dann schließt allerdings die Idee der Wahrheit die Unabgeschlossenheit der Vergangenheit: die Idee der Auferstehung der Toten, mit ein. Und die Toten werden unsere Richter sein.
    Die Pharisäer und die Sadduzäer unterschieden sich u.a. durch ihr Verhältnis zur Lehre von der Auferstehung der Toten. Droht nicht heute der Kirche die Gefahr, sadduzäisch zu werden (die Griechen leugneten die Idee der Schöpfung, der vollendete Kapitalismus die der Auferstehung von den Toten; das Judentum gründet in der Schöpfungsidee, das Christentum in der Auferstehungsbotschaft)? Und welche Bedeutung hat dann die Magd des Hohepriesters in der Geschichte der drei Leugnungen? Ist die erste Leugnung die opfertheologische Interpretation des Kreuzestodes und der Auferstehung?
    Hängt die Lehre von der Auferstehung der Toten mit der Geschichte von den sieben unreinen Geistern zusammen (Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung)?
    Ist das nicht ein ungeheures Bild: die Frauen, die zum Grabe eilen, um den Leichnam des Gekreuzigten zu salben, ihm als Opfer die messianische Würde zu geben; und sie finden das Grab leer.
    Gibt es einen Unterschied zwischen dem johanneischen Passionsbericht (ohne Abendmahl) und den Passionsberichten der Synoptiker, insbesondere im Hinblick auf Frauen (die am Abendmahl nicht teilnehmen)?
    Hängt der Dualis, überhaupt die Vorstellung des Paares, mit einer Geschichtsphase zusammen, in der die Unterscheidung von Rechts und Links noch erheblich war? Und verweist das Ende des Buches Jonas (… die Rechts und Links nicht mehr unterscheiden können) nicht auf das Verschwinden des Dualis? Diese 120000 sind die, die glauben, sich selbst im Spiegel zu sehen, und nicht begreifen, daß sie sich spiegel-, d.h. seitenverkehrt sehen. Und ist das nicht der Inhalt des Reflexionsgesetzes, das der Hegelschen Logik zugrundeliegt: das Eine ist das Andere des Anderen? Aber ich sehe mich im Spiegel eben nicht so, wie die anderen mich sehen. Es ist das gleiche Reflexionsgesetz, das die Philosophie an die Ontologie bindet. Aus dem gleichen Grunde verfängt sich die Husserlsche Intentionalität in ihren eigenen Verstrickungen. Die Wahrheit ist niemals Gegenstand intentionaler Akte (vgl. 1 Kor 1312 und Jak 123). Die Folgen des Verschwinden des Dualis sind an der kantischen transzendentalen Logik ablesbar, es sind die Folgen, die aus der Hypostasierung des Raumes (die auch in der Gestalt der transzendentalen Ästhetik sich erhält) sich ergeben.
    Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, nicht über der Sache, sondern in der Sache zu sein; aber in der Sache unterliegt sie der Gewalt der Reflexionsbegriffe, wird sie gleichsam seitenverkehrt. Darum ist sie eine Weltphilosophie und eine Philosophie des Weltgerichts.
    Als „subjektive Form der äußeren Anschauung“ hat Kant den Raum zugleich kritisierbar und unkritisierbar gemacht.
    Bezeichnet die kantische Unterscheidung von Welt- und Schulphilosophie das Verhältnis von protestantisch-bürgerlichem zum katholisch-feudalen Wissenschafts- und Philosophie-Verständnis?
    Schließt der Dualis und die Unterscheidung von Rechts und Links auch die Unterscheidung von Zukunft und Vergangenheit (oder auch von Himmel und Erde) mit ein? Der Dualis wird verdrängt in der Geschichte der Universalisierung der Welt.
    Der „Stern der Erlösung“ ist ein archäologisches Werk; darauf verweist vor allem der Rosenzweigsche Begriff der Vorwelt (und der des Mythos). Es käme heute darauf an, das archäologische Element auch an der Psychoanalyse zu begreifen, sie von ihrem „psychologischen“ Bann (aus dem Bann des Privaten) zu befreien: zu begreifen, daß die Verdrängung und der Begriff des Unbewußten nicht nur auf das psychologische Innere sich beziehen, sondern einen realen objektiven Anteil haben.
    Verdankt sich der indische Frauenmord der Verschmelzung der Friedmanschen Ökonomie mit vorkapitalistischen Religionsresten (Zusammenhang mit dem Ursprung der Fundamentalismen)? Hier bestätigt sich die Benjaminsche These, der Kapitalismus sei ein reiner Kult ohne Dogma: der reinste Opferdienst, der wegen seiner „Ideologiefreiheit“ sich mit allen Religionsformen verbinden kann, allerdings um den Preis ihrer Wahrheit. Ich glaube, die Kapitalismuskritik beginnt erst, sie ist nicht zu Ende. Nur war sie untauglich als Ideologie.
    Der moderne Bekenntnisbegriff entspringt genau an der Stelle, die Walter Benjamin bezeichnet hat, wenn er den Kapitalismus einen reinen Kult ohne Dogma genannt hat: es ist eine Leerstelle. Hier wird jede Religion, die auf die Kapitalismus-Kritik verzichtet, fundamentalistisch.
    Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten: Der kalte Krieg wurde eingeleitet durch die MacCarthy-Ära, in der Bundesrepublik durch den Radikalen-Erlaß. Und die Bildzeitung hat es auf den Punkt gebracht, wenn sie die Frage, woran Eltern erkennen können, ob ein Kind in der Gefahr steht, Terrorist zu werden, damit beantwortet: Wenn es sich zu sehr um Gerechtigkeit kümmert. Die Terrorismus-Fahndung folgte immer schon der Methode: Haltet den Dieb. Sie selber ist der Terrorismus, den sie verfolgt, und dessen sie aus eben diesem Grunde nie habhaft wird.
    Die Blasphemie, die in der Bekenntnisforderung des Staates steckt, wird von den Kirchen deshalb nicht erkannt, weil sie selber die Erfinder, ersten Anwedner und ersten Nutznießer dieses blasphemischen Bekekenntnisbegriffs waren. Dieser Bekenntnisbegriff besetzt genau die Stelle, an der das wirkliche Bekenntnis real werden könnte: die benennende Kraft der Sprache. Es ist dieser Bekenntnisbegriff, der den Namen des Sohnes und mit ihm den Ursprung des Parakleten leugnet.
    Der liberale Ideologiebegriff entspricht genau der Benjaminschen Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma. Jede Gestalt der Lehre wird angesichts dieses Kults zur Ideologie.
    Was muß erst passieren, bis auch die Kirchen begreifen, daß der „Sieg über den Kommunismus“ die bestehenden Probleme nicht gelöst, sondern nur verschärft hat, und daß eine der Triebkräfte, die zur Brutalisierung der Versuche, die ungelöstem Probleme zu lösen, geführt haben, in der blinden Regression der Rückkehr zu den traditionellen Religionen liegt. Der Jugoslawien-Konflikt sollte eigentlich auch die beteiligten Kirchen (u.a. die katholische) an ihre Mitschuld erinnern.
    Sind die lutherische Rechtfertigungslehre und das hobbessche „homo homini lupus“ nicht zwei Seiten ein und derselben Sache? Und richtet sich dagegen nicht auch das Wort: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“
    Die kirchliche Lehre von den Schafen und der Weideauftrag an Petrus (Joh 2115ff) werden sinnvoll und verständlich nur vor dem Hintergrund des Deuterojesaias, der Gottesknechts-Kapitel, und von Joh 129.
    Zum Verständnis der Lehre vom corpus Christi mysticum: Wer wird im liturgischen „agnus dei, qui tollis peccata mundi“ angesprochen: Christus oder nicht doch jeder Christ?
    Zum messianisch-parakletischen Element in der Einsteinschen Relativitätstheorie:
    – sie verleiht dem Inertialsystem (dem logisch-mathematischen Zentrum der gesamten naturwissenschaftlichen Aufklärung) eine Exzentrizität, sie rückt es aus dem erkenntnistheoretischen Zentrum, in das es die kantische Erkenntniskritik (die Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung) gebracht hat, heraus.
    – Offen bleibt jedoch die Beziehung zu dem theoretischen Bereich, auf das die allgemeine Relativitätstheorie sich bezieht, die Gravitation. Ist hier nicht eine Lösung denkbar, die auch die zentralen Konstanten (die Lichtgeschwindigkeit und die Gravitationskonstante) in einen Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit rückt, ihnen den Charakter der Konstanten nimmt.
    Zum solaren Mythos: Ist nicht auch das Matriarchat eine männliche Erfindung?
    Zum Begriff der arche und zum Thales’schen Satz „Alles ist Wasser“: Bezeichnet nicht der Begriff der arche die bis heute unaufgelöste, aber aufzulösende Bindung von Ursprung und Herrschaft (Schuld und Schicksal, das Wasser als realmythische Symbol)? Und worauf beziehen sich dann die paulinischen Archonten (die Herrschaften und Mächte)?
    Hängt der Stich in die Seite beim Kreuzestod Jesu mit der Erschaffung Evas (aus der Seite Adams) zusammen?
    Ist die Maria Magdalena-Geschichte insgesamt prophetisch, und bezieht sich die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern auf die Kirche (als Korrelat zur Leugnungs-Geschichte)?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie