Ökonomie

  • 20.02.92

    Die verstummen machende, demütigende Macht des Raumes: Außen und Innen sind Reflexionsbegriffe, nur daß mit der Vorstellung des unendlichen Raumes das Außen eine unendliche (insbesondere die Sprache zerstörende) Übermacht gewinnt. Diese Übermacht des Außen entspricht der des Todes (das Objekt dieser Übermacht ist ebenso wenig mehr erreichbar wie ein Toter); deshalb ist Naturphilosophie heute nur noch als (die vor vierhundert Jahren versäumte) Trauerarbeit möglich.
    Stehen die sieben Tage (des Schöpfungswerks) eigentlich unbedingt in einer zeitlichen Folge? – Vgl. die sieben unreinen Geister.
    Was bedeuten das koph und resch im Namen der Rotte Korach (Vorfahren der Sängergilde im Tempel von Jerusalem)?
    Mit dem Hinweis auf die Schuldknechtschaft benennt Gunnar Heinsohn das Moment, das in der Tat geeignet ist, der Verwendung des Marxismus zu Herrschaftszwecken die Grundlage zu entziehen. Insoweit ist seine Kritik am Tauschprinzip-Paradigma begründet: Über das Tauschprinzip ist der Schein des technologischen Verständnisses des Marxismus begründet. Aber indem Heinsohn das Tausch-Paradigma ganz verwirft, bleibt er selbst in einem technologischen Verständnis der Schuldknechtschaft stecken und vermag den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Naturkatastrophen nicht zu erkennen (nach Auschwitz wiederum vollends unverständlich); deshalb muß er konkretistisch auf Naturkatastrophen rekurrieren, um sich die altorientalische Geschichte verständlich zu machen. Die Schuldknechtschaft gehört zum Tauschprinzip wie die Gravitation zum Trägheitsgesetz (Naturgrund von Herrschaft).
    Im Namen der Venus klingt heute noch der Grund nach für den prophetischen Zusammenhang von Sternendienst und Hurerei. Hier liegt auch der bis heute verborgene Grund der kirchlichen Sexualmoral.

  • 28.01.92

    Hängt die Unterscheidung von Rechts und Links nicht auch mit der von Plus und Minus (Erfindung der Null als Voraussetzung des Inertialsystems) und mit dem Schuldenproblem in der Geldwirtschaft zusammen (Schuldknechtschaft, doppelte Buchführung)? Erst mit der Vorstellung des unendlichen (homogenen und isotropen) Raumes setzt sich die Herrschaft des Tauschprinzips endgültig durch, wird der letzte Widerstand beseitigt. Im Inertialsystem werden die Dinge von allen Seiten von hinten betrachtet, und mit dem Gravitationsgesetz ist in jeder Richtung unten, gibt es kein Oben mehr, das die Gegenbewegung zum Fall anzeigen würde. Seitdem sind die Gottesfurcht und die Gnade (die Barmherzigkeit) grundlos geworden, und ist die Welt alles, was der Fall ist.
    Die Reversibilität der Richtungen im Raum ist die Grundlage der mathematischen Gleichung. Und die Gleichheit ist eigentlich die von Vergangenheit und Zukunft, die vermittelt ist durch die Vorstellung des unendlichen, homogenen und isotropen Raumes. Hierbei bedeutet die „Unendlichkeit“ des Raumes letztlich, daß die Endlichkeit der Dinge kein Ende hat, und daß alles, was ist, endlich ist.
    Muß nicht die Interpretation der Mikrophysik im Sinne der Kopenhagener Schule (oder zumindest ihrer deutschen Varianten) metaphysiziert, theologisiert werden, um den Widerspruch zu verdecken, der eigentlich einer des (physikalischen und gesellschaftlichen) Systems ist.
    Sind nicht die aristotelischen Topoi (seine Lehre vom natürlichen Ort der Dinge) notwendige Elemente seiner Metaphysik, d.h. einer Metaphysik, die den Begriffsrealismus zur Grundlage hat. Auch der Unbewegte Beweger ist ein topologischer Begriff, die Vergeistigung des Falles, Produkt jenes Kurzschlusses, der das Denken des Denkens vergöttlicht, indem er es zum Gegenstand der Theoria, des Schauens, macht (Ursprung der christologischen Logik).
    Was wir aufgrund einer schlechten Übersetzung die Schriftgelehrten nennen, sind in Wahrheit die Schreiber gewesen, die allerdings zugleich auch Schriftgelehrte waren. Die Trennung beider Funktionen, der Kopisten von den Scholaren, ist mittelalterlichen Ursprungs und setzt die Kanonisierung der Schrift (und der anderen Autoritäten) voraus. War nicht Esra ein „Schriftgelehrter“?
    Die Elemente der Selbstinstrumentalisierung im Tierreich: Der Mensch hat diese Mittel der Selbstinstrumentalisierung (die Hörner, Klauen, Zähne, aber auch die Fisch- oder Vogelgestalt) in seinem Verstand verinnerlicht und in der Hand universalisiert. Sind nicht die Fische und Vögel auf eine sehr viel mathematischere Weise lateral-symmetrisch als beispielsweise die Säugetiere und erst recht die Menschen?
    Bei den Pflanzen ist vorne, rechts und oben identisch: sie kennen eigentlich nur oben und unten (Blüte und Wurzel; sie wurzeln im Grunde und „streben zum Licht“). Bei den Tieren wird die Unterscheidung von vorne und hinten bzw. rechts und links erkauft durch die Unfreiheit noch oben, während für den Menschen oben, rechts und vorne getrennte Dimensionen sind.
    Die Subjektivierung der sekundären Sinnesqualitäten ist nur ein Aspekt der Sache: Die Subjektivierung der räumlichen Dimensionen ist der verdrängte Grund des gesamten Subjektivierungsprozesses. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Diese Scham ist der erste Ursprungsreflex des unendlichen Raumes; er hat zur Voraussetzung die Erkenntnis des Guten und Bösen, die Vorform der instrumentalisierenden, vergegenständlichenden Erkenntnis.
    Für die Fische ist das Wasser das Medium der vollendeten Öffentlichkeit: die Fische kennen keine Scham und keine Privatsphäre; die Vögel dagegen haben ihre Nester und ihr Federkleid. (In welcher Beziehung stand die Vogelschau zur Unterscheidung von Rechts und Links?)
    Die Fische und die Vögel bewegen sich in einem dreidimensionalen Medium: im Wasser und in der Luft.
    Weshalb werden bei der Sintflut die Tiere gerettet und dann zu Nahrung freigegeben?
    Im Angesicht, das ist etwas anderes als von Angesicht zu Angesicht. Der Satz „Laß dein Angesicht leuchten über uns“ drückt eher aus, was mit dem „Im Angesicht“ gemeint ist.
    Wer eine Sache hinter ihrem Rücken untersucht (wer „über“ eine Sache forscht), muß mit der Verdachts- und Beweislogik arbeiten und dann auch „hinter“ der Sache nach dem Grund suchen. Alle Hypostasierungskonzepte (imgrunde die ganze Philosophie, die Suche nach den archä) verdanken sich dieser Logik und treiben sie in die Dialektik hinein. Diese Hypostasierungslogik ist ein Motor der naturwissenschaftlichen Aufklärung, sie wirkt nach bis hinein in die Kopenhagener Schule: Die Hypostasierung der „Rätsel“ der Mikrophysik dient nur der Stabilisierung dieser Logik, die ihre letzte Stütze in der Vorstellung des unendlichen Raumes hat. Und diese Logik ist die Herrschaftslogik.
    Wer „eine Frage in den Raum stellt“, sucht keine Antwort, sondern eine „Lösung“: Grundlage des Verwaltungsdenkens (Zusammenhang mit dem Personbegriff).
    Was hat der Caesar, der wie der König (der Gesalbte) in der Heros- und Opfertradition steht, mit der Durchsetzung des Raumes und des Weltbegriffs zu tun, mit der Gewalt, die beide repräsentieren? Wo liegt der Unterschied zwischen der königlichen und der kaiserlichen Gewalt (Zusammenhang mit dem Fernhandel, der Stabilisierung des internationalen Marktes, mit dem Pantheon und der neuen Gestalt und Funktion der Religionen)?

  • 27.01.92

    Die kopernikanische Wendung hat das, was Adam Smith in der Ökonomie die „invisible hand“ genannt hat, in der Natur als eine Instanz etabliert, die sich dann bei Kant als das transzendentale Subjekt enthüllt.
    Die auftrumpfende Bescheidenheit des deutschen Idealismus.
    Ist ein „Kronzeuge“, der in den Händen eines vom Verfassungsschutz beauftragten Therapeuten war, überhaupt noch in der Lage, die Aufgabe eines Kronzeugen wahrzunehmen?
    Das Verhältnis von Idee und Begriff hat Teil an dem Verhältnis von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“. Nur durch seine Beziehung zu den Ideen gewinnt der Begriff seine benennende Kraft.
    Das „liberum arbitrium“ ist Indiz für eine Gesellschaft, die rechts und links nicht mehr unterscheiden kann. Die Wahlfreiheit setzt Verhältnisse voraus, in denen ich frei wählen kann, ob ich ein Auto, einen Fernseher oder eine Waschmaschine kaufe; und er setzt ein Weltverständnis voraus, in dem ich mich im Raum frei nach allen Seiten wenden (und bewegen) kann, in dem die Freiheitsgrade des Raumes für mich (unter den Prämissen der Geldwirtschaft, und sei es der Schuldknechtschaft) real geworden sind. Das „liberum arbitrium“ hat sowohl die Geldwirtschaft als auch das Inertialsystem zur Voraussetzung.
    Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele ist insoweit falsch, als sie die Vorstellung mit enthält, daß man für sich allein selig werden könne. Sie genetisch von der Hades-Vorstellung nicht zu trennen.
    Mit jeder Häresie hat die Kirche auch ein Stück ihrer selbst verurteilt. Und jede Häresie war ein Hinweis auf ein Unaufgelöstes in der Kirche selbst, das sich dann mit der Verurteilung der Häresie auch verhärtet hat, unkenntlich gemacht wurde. Sofern es doch wahrgenommen wurde, blieb diese Wahrnehmung punktuell, folgenlos.
    Gibt es außer im Buch Jona noch andere Schiffskatastrophen in der Schrift (außer bei Paulus auf dem Wege nach Rom).
    Ist die Gottesknecht-Vorstellung nicht auch ein Hinweis auf den Charakter und die Bedeutung der „hebräischen“ Schrift?
    „Das Heil kommt von den Juden“: das sagt Jesus zur Samariterin.
    Hängt die „Erschaffung“ der Seetiere damit zusammen. daß nur der Vater den Tag und die Stunde kennt?
    Die Mathematik und die Naturwissenschaften verhärten sich, bevor die Stimme das Ohr erreicht.
    Der Begriff der Materie enthält die Erinnerung an die Geschichte des Mordes und der Opfer.
    Nietzsches Lehre von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ ist die moderne (verinnerlichte) Variante des antiken Sternendienstes: Die Anbetung des sinnlosen Kreisens der Planeten. Es ist das Herrendenken, das zwangsläufig in den Götzen- und Sternendienst hineinführt, und in dessen Bannkreis kein Weg herausführt. Insofern gehören der Wille zur Macht und die Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen zusammen.
    Es ist der ungeheure Anspruch des Christentums, daß durch das Leben und den Tod Jesu die Sünde der Welt hinweggenommen ist. Und es ist dieses Exkulpationsversprechen, dieses Versprechen, schuldfrei leben zu können, das die Menschen immer noch ans Christentum bindet. Aber der Grund und die Bedeutung dieses Versprechens wird durch die Theologie nicht mehr eingelöst. Es hat keinen rationalen Hintergrund mehr. Und das ist die Situation, in der die Drewermänner ihr Geschäft machen können.
    Drewermanns Kirchenkritik ist nicht prophetisch, sondern wird durch die Struktur des Schuldverschubsystems bestimmt, das ohne Projektion nicht funktioniert.
    Die Kirche hat ihr Herrschaftssystem u.a. dadurch begründet und etabliert, daß sie das Mitleid von den real Armen und Bedrängten auf sich selbst umgeleitet hat. Das war nur möglich im Rahmen und auf der Grundlage des Schuldverschubsystems. Sie hat damit in sich selber und in den Gläubigen den Keim des Selbstmitleids eingepflanzt. Ein Opfer dieses Selbstmitleids ist Drewermann, der diese Mechanismen phantastisch beherrscht und das für Psychotherapie hält. Ist nicht Drewermann Ausdruck einer Gefahr, die ihre Wurzeln nicht in ihm, sondern in der Kirche hat, und deren erstes Opfer selber ist?
    Drewermann versucht die vermeintlich exkulpatorische Kraft des Bekenntnisses (die es erst durch die Annahme des Bekenntnisses seitens des Opfers wird) durch Privatisierung zu retten. Er hat etwas von einem Theologen der freien Marktwirtschaft (ein Ludwig Erhard der Kirche: auch sein Konzept war nur eine Währungsreform).
    Gibt nicht Kohl der raf im Nachhinein recht, wenn er den ermordeten Rohwedder in die Tradition der Göringschen Treuhand-Gesellschaft stellt (übrigens der gleiche Kohl, der selber von jenem Herrn Ries gesponsert worden ist, der selbst ein Nutznießer der ersten Treuhand-Gesellschaft war).
    Es kommt darauf an, die erkenntniskritische Tradition, die von Berkeley über Locke und Hume bis Kant und Ernst Mach die Naturwissenschaft kritisch begleitet hat, endlich auf den Punkt zu bringen, an dem sie greift.
    Gibt es ein Konsens-Ideal ohne Feindbild? Ist der Konsens ein erstrebenswertes Ziel (sofern nicht die eigene wissenschaftliche Karriere davon abhängt)? Würde es nicht auch mit dazugehören, daß man begreift, daß es Fragen gibt, zu denen es keine konsensfähige Antwort gibt? Kant hat das reflektiert in seinen Antinomien der reinen Vernunft. Das Problem, das Kant hier angesprochen hat, ist eigentlich nie wirklich aufgearbeitet worden, auch von Hegel durch Harmonisierung eher verdrängt als gelöst worden. Die Hegelsche Verarbeitung war an den affirmativen Gebrauch der List gebunden („das Eine ist das Andere des Anderen“); genau damit hat Hegel das verbleibende kritische Moment neutralisiert.
    Darin liegt die große Bedeutung des Begriffs der Gottesfurcht, daß er in die Lage versetzt und den Grund dafür liefert, daß auch Schuld Gegenstand der Reflexion ist, und daß auch Diskonsens auszuhalten und zu ertragen ist. Die Fragen, die die Kantischen Antinomien der reinen Vernunft aufwerfen, sind dann (z.B. hinsichtlich des Raumes zugunsten der Verstellung seiner unendlichen Ausdehnung) nach dem Prinzip Bequemlichkeit gelöst worden, nicht nach dem Anspruch der Vernunft.

  • 16.01.92

    Unter der Voraussetzung, daß es gelingt, den Weltbegriff, seinen Zusammenhang mit der Idolatrie und deren erkenntnistheoretische (erkenntnisleitende) Funktion durchsichtig zu machen, findet der Cohensche Titel „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ eine überraschende Auflösung: diese Religin ist das Christentum.
    Gemessen an der Sprache des Buches der Richter ist die christliche Theologie eine Theologie aus dem Hinterhalt.
    Zwei haben Anteil an der künftigen Welt: die Opfer (die Märtyrer, die Zeugen) und die Helfenden (die Verteidiger). Die christologische Vergöttlichung des Opfers verrät beide.
    Die Idee des Ewigen bezeichnet etwas, das sich nicht als vergangen denken läßt, etwas, das die Vergangenheit von sich ausschließt. Nicht zu verwechseln mit der Idee des Überzeitlichen, zu der sämtliche Begriffe gehören (die Idee des Ewigen gehört nicht in den Bereich des Begriffs): Im Überzeitlichen drückt sich allein die Macht der Vergangenheit über die Zukunft aus, das Schicksal oder die Quelle der Gewalt, theologisch gesprochen die Erbschuld. Die Philosophie hat seit je das Ewige mit dem Überzeitlichen verwechselt; nur so ließ sich die Erkenntniskraft der Begriffe sichern. Damit hängt es zusammen, wenn die Philsophie (und das philosophische Subjekt) sich begreifen läßt als Produkt der Verinnerlichung des Schicksals (des Opfers); nicht zufällig erweist sie sich in der Hegelschen Philosophie als Reflex der Geschichte der Herrschaft, sie steht in einer noch aufzuklärenden Beziehung zum Sternendienst, zur Vorgeschichte der Astronomie. Im Gegensatz zum Überzeitlichen, das den Quellpunkt der Begriffe bezeichnet, bezeichnet die Idee des Ewigen den Quellpunkt der Sprache: nicht der Begriff, sondern der Name hat Anteil an der Idee des Ewigen.
    Mir scheint, es ist kein Zufall, daß der Ursprung des begrifflichen Denkens bei den Griechen zusammenfällt mit der Erkenntnis der Bedeutung und der Funktion des Winkels in der Geometrie, der Orthogonalität als des Grundes der Unabhängigkeit der Dimensionen im Raum. Die Form der Beziehungen der Richtungen im Raum ist Grund und Modell des Abstraktionsprozesses, in dem
    – die Begriffe sich bilden und
    – am Ende der Raum gegen die Zeit und die Materie sich verselbständigt, alle drei hypostasiert werden.
    Es gibt keine Wissenschaft, kein System apodiktischer Urteile, ohne ontologische Absicherung. Kritik der Wissenschaft ist nur möglich im Rahmen der Reflexion der Ontologie: im Rahmen der Reflexion des Satzes „das Eine ist das Andere des Anderen“ und des Rosenzweigschen Hinweises auf die „verandernde Kraft des Seins“, die sich genau auf den Kontext und die Folgen des Hegelschen Satzes bezieht. (Heideggers berühmter Titel wäre zu variieren: Raum und Sein.)
    Der Weltbegriff und sein unreflektierter Gebrauch ist die Grundlage und die Rechtfertigung zugleich für Machtpolitik und Gewinnökonomie, fürs Herrendenken. Die gleiche politisch-ökonomische Funktion und den gleichen Zweck erfüllte vor Konstituierung der „Welt“ die Idolatrie, der Götzendienst.
    Ethik als prima philosophia: die Ethik ist kein additum zu einer fix und fertigen Welt, sondern sie besetzt die Stelle, an der die Welt noch offen ist, und von der aus der die Welt begründende Schuldzusammenhang und die von der Welt ausgehende Verblendung durchschaut werden kann. Die Physik, oder allgemein die naturwissenschaftliche Aufklärung entgründet die Welt in gleichem Maße, in dem sie den Himmel entspannt.
    „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel schauen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Mt 1810) „Ihre Engel“: Sind das die Engel der Kinder, und wie unterscheiden diese sich von den Engeln Gottes (Engel Elohims, Engel JHWHs)? Woher kommt die Vorstellung vom Schutzengel (im Christentum seit dem 9. Jhdt. nachweisbar; an deren Stelle ist im 20. Jhdt. – in Auschwitz – die „Schutzstaffel“ getreten)?

  • 31.12.91

    „Alle Menschen streben nach dem Wissen“, weil sie die Ungewißheit des Nichtwißbaren (und der potentiellen Schuld), der Zukunft, nicht ertragen können. Das deutsche Versicherungswesen ist gerade keine „Solidarhaftung“, sondern einerseits ein Netz, durch das zu viele hindurchfallen, und anderseits ein Abwälzen der Last auf die Nachfahren, die Zukunft, die gleichsam apriori in Schuldhaft genommen wird: ein Exkulpationssystem.
    Wer Wahrheit an die Kommunikation bindet, bindet sie an die Beweislogik, mit all den Folgen, die sich daraus ergeben (Freispruch der Gemeinheit).
    Im Zusammenhang der Hegelschen Beziehung von Volksgeist und Weltgeist müssen die Volksgeister (die Nationen) sterblich sein: deshalb ist der Idealismus antisemitisch.
    Das „die Erde bringe hervor“ bedeutet, daß die Pflanzen und die Tiere nicht unmittelbar von Gott geschaffen wurden (ausgenommen die großen Seetiere).
    Ist der Ort der erschaffenen „großen Seetiere“ das Wasser über oder das unter dem Firmament?
    Das Schicksal ist das gesichtslose Anlitz der Natur.
    Grundlage des liberum arbitrium (der Wahlfreiheit) sind das Geld und der Raum (und ihre „Freiheitsgrade“), wobei das Geld die Beschränkung auf drei Dimensionen aufhebt (das Geld korrespondiert dem „Wert“, dem Gewicht der Einzeldinge; Zusammenhang des Wertgesetzes mit dem Gravitationsgesetz: was ist hier die Sonne?).
    Die Entstehung der Schrift (Säkularisation des Bildes), der Ursprung des Geldes (des Wertgesetzes) und die Entstehung des Weltbegriffs (der Raumvorstellung) sind Teile eines Prozesses.
    Derrida: Grammatologie, S. 173: Rousseau, der Christologe des modernen Naturbegriffs. Oder: Rousseau, die Krise der Schrift und der Rückfall in die Barbarei. (In Derrida explodiert die Rousseausche Revolte der Natur – vgl. hierzu Horkheimer.)
    Die Stimme bewegt nicht die Natur, wohl aber die Ökonomie.
    Seit dem Ende des letzten Krieges herrscht in Deutschland ein geradezu wütender Rechtfertigungszwang.
    Zum Begriff der Offenbarung: Der brennende Dornbusch ist der Inbegriff (das Außenbild) der Apokalypse. Im Prozeß der Weltbildung wird die Offenbarung apokalyptisch.
    Liegt die Schuldknechtschaft (der Ursprung der hpr) vor dem Ursprung der Kriege (dem Ursprung des Handels und der Schrift)? Wann und wo ist erstmals von Kriegen die Rede? (Alle Kriege zielen auf Eroberungen: gibt es auch Erunterungen?)
    Ist die nordafrikanische Vätertheologie (der Ursprung der lateinischen Theologie in Nordafrika) punisch, hängt sie mit der Geschichte der Phönizier, mit der Erfindung der alphabetischen Schrift zusammen?

  • 28.11.91

    Das Relativitätsprinzip stellt genau den abschließenden Abstraktionsprozeß vor Augen: Hier wird – ähnlich wie durchs Tauschprinzip die Stadt (der Markt) – die Mechanik mit all den Folgewirkungen begründet. Zu den ersten Folgewirkungen gehört die Neubegründung der Astronomie durchs Gravitationsgesetz (auf der früheren Stufe des Sternendienstes und des Opfers). Die Ablösung und Konstituierung des mechanischen Objektivitätsbegriffes, dessen Grundlage der Bewegungsbegriff ist (mit der Äquivalenz von Raum und Objekt) verhält sich zum agrarischen (magischen) Objektivitätsbegriff wie das (gegen die Erde sich verselbständigende) Tier zur (ortsfesten) Pflanze. Gelenkfunktion hat das Relativitätsprinzip (auf der früheren Stufe das Tauschprinzip). „Hode hä sophia estin. Ho echon noun …“ (Off 1318)
    Tiere sind nominalistische Wesen (sie wurden von Adam benannt). Und es ist kein Zufall, daß in der Apokalypse (beim Fall Babylons) die Könige, die Kaufleute und die Spediteure genannt werden (auch Noah und die Kirche sind Spediteure).
    In der Religion übernimmt der Bekenntnisbegriff diese Funktion der (vergegenständlichenden) „Ablösung“: daher die zentrale Funktion des Bekenntnisbegriffs im Kontext der Konstituierung des Weltbegriffs (in der Sexualität – generell in der Sinnlichkeit -wird die letzte Bindung an die vorzivilisierte Welt gesehen; deshalb der Kampf gegen die Sexualität: die Sexualmoral, und die Vergeblichkeit dieses Kampfes: der Wiederholungszwang; aufzulösen nur durch Reflexion).
    Die Subjektivierung der Sinnlichkeit ist ein Teil der Selbstverdinglichung des Subjekts (durchs Tauschprinzip, durchs Inertialsystem und durchs Bekenntnis).
    Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, deren Funktion u.a. darin zu liegen scheint, uns durch ein quasi abkürzendes Verfahren die Last der Reflexion abzunehmen (die gleiche Leistung hat vor der Konsolidierung des Weltbegriffs die Idolatrie erbracht).
    Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten, und Bekenntniskriege sind die brutalsten Kriege.
    Das hat die Linke nie begriffen, obwohl sie es von Marx hätte lernen können: daß der Materialismus keine Ideologie ist, sondern eine Anweisung, den Vorrang des Objekts anzuerkennen und nicht den Rechtfertigungszwängen zu verfallen, die seit Ursache des Idealismus gewesen sind (auch der Materialismus ist als Rechtfertigungslehre Idealismus).
    Die apostolische Nachfolge ist die vergeistigte Form der Genealogie und bezieht sich auf eine Form des Lebens, das sich über die Sakramente reproduziert.
    Rock: das Schreien der Steine.
    Wer ist eigentlich der Pharao: das „große Haus“? In der Schrift kommt die Bezeichnung mit und ohne Eigennamen vor. Drückt sich in dieser Unterscheidung etwas aus? Sonst ist von Königen die Rede, nur im Hinblick auf Ägypten vom Pharao. Haben die Bezeichnungen König und Pharao den gleichen Stellenwert, die gleiche Bedeutung, drücken sich in den unterschiedlichen Bezeichnungen andere Gestalten von Herrschaft aus (ist der Heideggersche Begriff „Haus des Seins“ pharaonisch)? Hängt es zusammen mit dem Unterschied zwischen dem „Turmbau von Babel“ und dem Sklavenhaus (mit den Fleischtöpfen), in dem die Israeliten (als hebräische Sklaven) beim Pyramidenbau (bei der Erstellung der Todesarchitektur) helfen mußten?
    Die babylonische Gefangenschaft ist etwas anderes als das Sklavenhaus Ägyptens; davon ist dann das jüdische Exil wiederum zu unterscheiden (wie ist die Entwicklung von Hebräern zu Israeliten und dann zu Juden: Jesus war zu den „verlorenen Kindern Israels“ gesandt).
    Durch das nationalistische Vorurteil, unter dem unsere Geschichtsschreibung leidet, und das wir in die Bibel hineintragen, wird diese entstellt und unkenntlich gemacht; so wird sie automatisch antisemitisch erfahren.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des Inertialsystems und der Entwicklung des Bank- und Kreditwesens (Ursprung und Entwicklung der doppelten Buchführung)? Nach dem Relativitätsprinzip ist die Bewegung eines materiellen Objekts der entgegengesetzten Bewegung des Inertialsystems äquivalent (Äquivalenz von Objekt und System; entspricht der Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie Einsteins). Die Erfindung der doppelten Buchführung (Erfolgsrechnung: Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben) war die Grundlage des modernen Kreditwesens; sie hat das Anschauungsmaterial (das fundamentum in re) geliefert für den theologischen Begriff der creatio ex nihilo.
    Gibt es eine Statistik über die Entwicklung des Geldumlaufs in den Industrieländern, und kann man unterscheiden zwischen Geldmenge und Zirkulationsgeschwindigkeit? Die vollendete Dynamisierung zeigt sich daran, daß der Wert des Geldes heute nur noch in Ausnahmefällen (imgrunde nur in rückständigen Ländern) von den Goldreserven der Zentralbank abhängt; die reale Abhängigkeit bezieht sich auf die Außenhandelsbilanz (zu deren Stabilisierung, wie im Falle der früheren Getreideeinkäufe der Sowjetunion, u.a. die Goldreserven eingesetzt werden können). – Der Fehlschluß der staatskapitalistischen Länder liegt darin, daß sie glauben, die Regeln des Tauschprinzips (der Geldwirtschaft) beibehalten und zugleich die Gesetze der Geldwirtschaft beherrschen zu können. Hier geraten sie zwangsläufig in die Rolle des Zauberlehrlings (sie lösen Entwicklungen aus, deren Folgen sie nicht überblicken können).
    Der Annihilierungsprozeß, der jeder Kapitalschöpfung zugrunde liegt (und im Kreditwesen instrumentalisiert wird), gewinnt gegenständliche Bedeutung in jeder Form der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (bis hin zu den imperialistischen Raub- und Vernichtungskriegen). Deshalb war der Weltanschauungskrieg (und seitdem jeder Religionskrieg) ein Vernichtungskrieg (und aus dem Antisemitismus ableitbar).
    Am Abend in einer Talk-Show Ernst Fuchs, der darauf hinweist, daß es eine unmittelbare Erfahrung des eigenen Ursprungs und des eigenen Todes nicht gibt: Beides, die Zeit vor meiner Geburt und mein Tod, ist mir eigentlich nur durch Mitteilung von außen und durch Rückschlüsse aus meiner Erfahrung mit anderen, bewußt. Ich für mich bin ewig, das Bewußtsein meiner zeitliche Endlichkeit (meines Anfangs und meines Endes in der Zeit) ist nur ein Reflex meiner Welterfahrung. Vergleich mit der sinnlichen Erfahrung (der Wahrnehmung der sinnlichen: der erleuchteten und farbigen, der warmen und kalten und der rauschenden, tönenden und klingenden Welt), die ebenfalls in ihrer Unmittelbarkeit nicht mitteilbar ist, außer über die Sprache nicht mit der Erfahrung der anderen kommuniziert. Dieses Ewige wird durch Objektivierung aufgehoben, vernichtet, bleibt unerinnert. An ihre Stelle tritt das Ich, das selber in den Weltzusammenhang verflochten (und somit wie die Welt sterblich) ist. Es wird wiedergewonnen nur als die Erfahrung und das Bewußtsein der Ewigkeit des anderen.

  • 25.11.91

    An der Mundpartie erkennt der in die Geheimnisse der Zivilisation Eingeweihte, ob der andere bereit ist mitzulachen (ob er Person ist: vgl. das Augurenlächeln und den Eicherschen Begriff der „Augurenreligion“ – Michael Weinrich in Einwürfe 4, S. 140). Wer hat angefangen, sich zu rasieren, und seit wann? Die Philister und die Ägypter waren bartlos. Für die Griechen sind die Barbaren sowohl die Bärtigen als auch die Stammelnden.
    Hat das Rasieren etwas mit der Herstellung des poker-face zu tun? Und ist das poker-face nicht das Gesicht dessen, der selbst den Witz erzählt und nicht darüber lachen darf?
    Das diabolein beginnt mit der Erkenntnis des Guten und Bösen und endet mit der Unfähigkeit, rechts und links zu unterscheiden.
    Diabolos (oder die entsetzliche theologische Verwirrung im Katholizismus; vgl. die Versuchungen Jesu – Mt 41-11, Mk 112-13, Lk 41-13): Wer andere „durcheinanderwirbelt“, verwirrt den Orientierungssinn. Der Verwirrte kann rechts und links (sowie vorn und hinten) nicht mehr unterscheiden. Er kennt nur noch oben und unten, aber in einer Weise, die es ihm verwehrt, sich oben zu halten. Unsere Theologie müßte auf den Stand gebracht werden, auf dem die Dichtung seit Goethes „Faust“ (vgl. auch Thomas Manns „Doktor Faustus“) und die Philosophie seit Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bereits ist. Mit der Etablierung des Raumes (i.e. des Inertialsystems) gegen die Natur und mit der Zurichtung der Ökonomie zum System (durch die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip und durch dessen unversale Ausbreitung: die Zerstörung aller „naturwüchsigen“ Verhältnisse) wurde die Orientierungskraft der Offenbarung (ihre erhabene Anthropozentrik) zerstört.
    Das Wort Satan hat nach Gershom Scholem im Hebräischen die Bedeutung „Ankläger“, die Bezeichnung Diabolos ist griechisch und bedeutet „Verwirrer“. Die hebräische Bezeichnung stammt aus dem Rechtsbereich, die griechische aus dem räumlich-logischen.
    Der Ankläger ist der Verführer: er verführt zur Empörung oder zur Rechtfertigung. Maßgebend ist ist der projektive Umgang mit der Schuld.
    Was uns das Festeste zu sein scheint, der Raum, das Geld, das dogmatisierte Bekenntnis (die Orthogonalität, die Stabilität und die Orthodoxie) ist gerade die Quelle und der Ursprung der Verwirrung.
    Unterm Zwang des Systems ist die Moral (vgl. die Konstruktion der Wertethik: Moral als anklagende, urteilende, richtende Instanz; Zusammenhang mit dem akkusatorischen Objektivationsprozeß; die Wertethik kennt kein Pardon) zu einem Instrument im Schuldverschubsystem geworden: mit der Nutzung des Scheins der exkulpatorischen Kraft des moralischen Besserwissens (des moralischen Urteils und des vergesellschafteten Bekenntnisses, deren innere Triebkraft die Empörung ist) ist sie zu einem Instrument des hemmungslosen Projektierens geworden, das sowohl dem Gebot der Feindesliebe als auch dem Nachfolgegebot widerspricht (dem Gebot, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, anstatt sie -sich selbst exkulpierend – in den anderen dingfest zu machen).
    Omne ens inquantum est ens est bonum: dieser Satz enthält einen utopischen Begriff des „Seienden“.

  • 14.11.91

    Horkheimers Bemerkung (in: Die Juden und Europa, geschrieben 1939), daß „die Sphäre der Zirkulation … ihre ökonomische Bedeutung“ verliere und „die berühmte Macht des Geldes … im Schwinden begriffen“ sei, ist wahr und unwahr zugleich. Die „zunehmende Ausschaltung des Marktes“ und die Rückkehr zum archaischen Raub ist nicht einfach des Gegenteil des „gerechten Tauschs“, sondern dessen andere Seite; und die Sphäre der Zirkulation hatte ihre „ökonomische Begründung“ nur im Rahmen des Scheins, den das Tauschprinzip selbst erzeugte, zu dessen Erhaltung es aber immer schon der (schließlich staatlich monopolisierten) Gewalt bedurfte. Dieser Schein besteht weiter und verbirgt wie eh und je hinter seiner Fassade die Geschichte der Opfer und den realen Schuldzusammenhang (Rohstoffe: Ausbeutung der Dritten Welt, Krise des Energie- und des Agrarsektors; Arbeitskraft: dank der Instrumentalisierung der Arbeitslosigkeit entfällt die Notwendigkeit der Zwangsarbeit; Verschuldung/Gewalt: Arbeitslosigkeit drinnen und Verschuldungskrise draußen sind nur gegen Unwägbarkeiten abzusichern durch Produktion von realem Vernichtungspotential, dessen Höhe der der Gesamtverschuldung – dem hierdurch erzeugten potentiellen Vernichtungspotential – entsprechen muß).
    Wie hängt das E = m.c2, die Äquivalenz von Masse und Energie, mit der Gewalt, die der mathematische Raum gegen die Dinge repräsentiert, zusammen?
    Die Gewalt des realen Schuldzusammenhangs läßt sich an der der Exkulpationskräfte, der Rechtfertigungszwänge, messen. Diese verhexen jegliches Bewußtsein: die Erkenntnis, das Wissen und die Logik, durch die Begründung und die Gewalt des Bekenntniszwangs.
    Gibt es Untersuchungen über die kabbalistische Zahlenmystik und über die Planeten- und Engellehre?

  • 12.11.91

    „Je höher der Silbergehalt der Münze wäre, desto größer und denkwürdiger wäre der Ruhm des Königs Sigismund für die Nachwelt und desto strahlender der Abglanz seines Glücks.“ (Nicolaus Copernicus in: Brief der Räte Preußens an Ludwig Dietz; Erich Sommerfeld: die Geldlehre des Nicolaus Copernicus, Vaduz 1978, S. 117).
    „Es ist, dünkt mich, eine sehr unphilosophische Idee, unsere Seele als ein bloß leidendes Ding anzusehen; nein, sie leihet auch den Gegenständen.“ (G.C.Lichtenberg: Aphorismen Briefe Schriften, Hrsg. Paul Requadt, Stuttgart 1953, S. 112) – Anwendung auf eine Theorie des Geldes und der Banken? Und was „unsere Seele“ den Gegenständen „leihet“: ist das nicht ein Teil des geldwirtschaftlichen Erbes der Schuldknechtschaft? Ist das Meer als Symbol der „Völker und Menschenmassen, Nationen und Sprachen“ (Off 1715) nicht genau der Inbegriff dessen, was dann „alle Welt“, das „Ausland“, auch die „Nachwelt“ genannt wurde (die Nachwelt ist die Welt).
    S. auch „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ (Lichtenberg, S. 412ff)
    „Und er sagte zu mir: Du hast die Gewässer (ta hydata) gesehen, an denen die Hure sitzt; sie bedeuten die Völker und Menschenmassen, Nationen und Sprachen.“ (Off 1715, vgl. 171: epi hydaton pollon) – „Und das Meer (hä thalassa) gab die Toten heraus, die in ihm waren …“ (2013) – „… auch das Meer ist nicht mehr.“ (211)

  • 11.11.91

    Gleiche Probleme des Raumes, des Geldes und des Bekenntnisses: Ambivalenz, gegensätzliche Bedeutungen, die sich nicht von einander trennen lassen: wie die zwei Seiten eines Blattes, von denen ich nicht eine zerreißen kann, ohne die andere mit zu zerreißen; beide durch Umkehr aufeinander bezogen (Leib und Seele, Physik und sinnliche Welt; Reichtum, Schuld und Herrschaft; Christentum die menschenfreundlichste Religion, aber keine andere, in deren Namen solche Untaten begangen wurden).
    Raum und Bekenntnis:
    – Antijudaismus (kein Bekenntnis ohne Feindbild): vorn und hinten nicht unterscheiden können, im Angesicht und hinter dem Rücken („Augapfel Gottes“ Sa 212);
    – Ketzerverfolgung (kein Bekenntnis ohne Häretiker): rechts und links nicht unterscheiden können (Barmherzigkeit und Gericht);
    – Hexenverfolgung (Frauen nicht bekenntnisfähig): oben und unten nicht unterscheiden können (Gottesfurcht ist nicht Herrenfurcht).
    Trinitätslehre, Christologie, Opfertheologie und Physik (Raum, Naturbegriff und Opfer der Sinnlichkeit).
    Zentrales Kriterium für die Ketzerverfolgung ist bis heute die Unbotmäßigkeit der Ketzer, nicht die Abweichung ihrer Lehre von der Orthodoxie.

  • 10.11.91

    Nicht nur, daß das Auge sonnenhaft ist, die Farben sind augenhaft.
    Verschwindet im Herbst der Unterschied zwischen Blüte und Blatt, wird der ganze Wald zu einer blühenden Landschaft, die dann aber abstirbt (oder einschläft)? Oder sind die Herbstfarben die Farben des Feuers (gelb, rot und braun), während die Farben der Blüten die des Himmels oder des Lichts sind (blau, rot, gelb und weiß). Goethe konstruiert die Farben aus der Beziehung von Dunkel und Hell (Finsternis und Licht), die Differenzen kommen daher, was als Inneres oder als Äußeres gesetzt wird: Hell über Dunkel (Morgen) oder Dunkel über Hell (Abend).
    schamajim ist der Himmel, majim das Wasser. Gibt es zwischen beiden Worten einen Zusammenhang (vgl. den Schöpfungsbericht: das Wasser gleichsam als Nebenprodukt des Himmels, mit der Finsternis und dem Geist Gottes über den Wassern).
    Die Beziehung von außen und innen ist ein vielfältig sich durchdringendes System. Die Grenze zwischen Außen und Innen ist die Haut, die Oberfläche der Dinge, wobei das Innere der Dinge von dem Äußeren nicht zu unterscheiden ist. Die Undurchsichtigkeit und Undurchdringlichkeit der materiellen Dinge: Ist beim Wasser das ganze Innere Oberfläche, nur Grenze zwischen Außen und Innen, weder reines Außen noch reines Innen. Das Wasser leistet Widerstand gegen die Bewegung eines in ihm sich bewegenden Objekts, und das Licht wird im Wasser gebrochen (ist hier die Beziehung zum Himmel, der vielleicht die „ganze Erde“ wie ein Brechungsmedium umgibt, das keine Rückschlüsse zuläßt darauf, was „in“ oder „hinter“ dieser Brechung sich tut?. Und ist das Problem der Seeungeheuer, der Fische, darin begründet, daß das Wasser nur Außenseite, ohne ein Inneres, ist?).
    Beziehung des Wassers zum Geld: Wie das Wasser ist das Geld (der Tauschwert) flüssig und unelastisch zugleich; mit der Erfindung des Geldes (der Gesetze, des Gewaltmonopols des Staates) wird das Schöpfungschaos (der vorgeschichtliche Schuldzusammenhang) in der geschichtlichen Welt evoziert, heraufbeschworen, zusammen mit den Herrschaftsinstitutionen (dem Schöpfungsdrachen als Endzeitdrachen). Der Ursprung des Geldes im Kontext der Schuldknechtschaft (Sklaven, outlaws, Kleinviehnomaden, Söldner) hat sein spätes Echo in Hegels Satz, daß „die bürgerliche Gesellschaft in all ihrem Reichtum nicht reich genug (sei), der Armut zu steuern“ (Philosophie des Rechts).
    schamir sind die Dornen. Und wie heißen die Disteln, der Dornbusch?
    Ist das Wasser mit dem Bekenntnis vergleichbar, in dem auch das Außen und das Innen ununterscheidbar sind (die ins Innere durchgedrungene Oberfläche)?
    Das Innere eines Baumstamms ist die verstockte Erinnerung an seine Lebensdauer (und an die äußeren Bedingungen seines vergangenen Lebens).
    Das Innere einer Wohnung, die sich abschirmt gegen die Außenwelt, heute aber durch ein Versorgungssystem damit verbunden ist: Wasser, Strom, Abfluß, Wärme, Telefon, Radio, Fernsehen, bis hin zu den (irrsinnigen) Möglichkeiten, die Arbeit, die Bankverbindungen, die Einkaufmöglichkeiten ins Innere zu verlegen, die Bindungen an die Außenwelt so zu gestalten, daß das Innere in eine gleichsam embryonalen Zustand zurückversetzt wird. So ernähren wir den Fisch, der uns ernährt. Der Glaube, daß wir uns durch dieses System vor dem Chaos retten können, ist purer Schein (wie heute jedes Bekenntnis): wir exportieren das Chaos nur nach außen; in eine „Außenwelt“, deren Existenz wir mit Hilfe des Bekenntnisses der Wahrnehmung entziehen und leugnen. Dieses System funktioniert nur noch auf der Grundlage der Opfer, die in den Schlacht- und Zuchthäusern, vor allem aber in der sogenannten Dritten Welt, in den „Schuldnerländern“, aus unserem Blickfeld entfernen.
    (Der Mülleimer hat ein Inneres und das Schloß hat ein Inneres, ebenso sind der Himmel und die Hölle Innenräume). Außen und Innen sind unzureichende Deckbegriffe für Im Angesicht und Hinter dem Rücken: Diese bezeichnen den Sachverhalt präziser. Außen und Innen unterliegen der Zweideutigkeit des Raumes: Im Raum ist Rechts und Links nicht zu unterscheiden (Jonas: Ninive, die große Stadt); das Schicksal ist der Inbegriff der Außenwelt als Innenwelt.
    Sind nicht alle Siege (zuletzt auch der über den „Kommunismus“) Pyrrhus-Siege, nur daß wir es noch nicht erkennen? Stößt das, was wir auszustoßen meinen, nicht in Wirklichkeit uns aus? Und produzieren wir nicht selber die Hölle, der wir so verfallen?
    Die genaueste Definition des „Volkes“ ist der Begriff der Schicksalsgemeinschaft. Im Kern des Schicksals steckt jedoch heute die Bekenntnislogik. „Im Namen des Volkes“ (gibt es diese Wendung eigentlich auch in anderen Rechtssystemen?): das hat eine besondere Beziehung zum „deutschen“ Volk, wenn man daran denkt, daß der Name der Deutschen selbst „das Volk“ bezeichnet (was heißt eigentlich „Amalek/Amalekiter“? – „populus lambens“, das „leckende Volk“: das staubleckende Volk – Ps 729, Jes 4923; das hündische Volk – 1 Kön 2119, 2238; Lk 1621). So wird der Rechtsspruch zum Schicksalsspruch; im Namen des Schicksals (und des Rechts) kehrt sich der Objektivierungsprozeß (der Säkularisationsprozeß) gegen seinen eigenen Ursprung.
    Ist die Theologie das Schicksal Gottes (Leugung des Gottesnamens, Theologie als Geschichte der Leugnung des Gottesnamens; was bedeutet der Name „Gott“?): damit der Kern und das Medium der Selbstverfluchung?
    „Die Welt ist alles, was der Fall ist“: Das reicht bis in das Spiegelungssystem des Massenbegriffs, der Materie, hinein. Die gesamte Bewegung des Kosmos ist eine Bewegung des permanenten Fallens. Das Kreisen des Mondes und der Planeten ist (wie der Reproduktionsprozeß der Gesellschaft) resultierend aus Trägheit und Fall.

  • 14.09.91

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Heiligung des Gottesnamens und dem „Du sollst Vater und Mutter ehren“? Wie steht das vierte Gebot zum Vater unser, in dem es nicht vorkommt? Welche Bewandtnis hat es damit, daß nach christlicher Tradition Josef nicht der Vater Jesu ist (obwohl der Stammbaum Jesu über Josef geführt wird) und Maria in diese halbmythische Sonderstellung (Jungfrauengeburt, Himmelskönigin) gebracht wird?
    An die Erfüllung des Gebots „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ist die Verheißung „Auf daß du lange lebst auf Erden“ geknüpft, an die Heiligung des Gottesnamens, die nach der jüdischen Tradition mit dem Martyrium zusammenhängt, schließt sich die Lehre von der Auferstehung der Toten an.
    In der christlichen Tradition ist das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ eigentlich immer ähnlich verstanden worden wie der Satz: de mortuis nihil nisi bene. D.h. wir haben die Eltern immer wie Tote behandelt, wenn glaubten, sie ehren zu müssen. Das ist dann auf alle Autoritäten übertragen worden (Zusammenhang mit dem Hang aller autoritären Regime, auch der kommunistischen, zum Totenkult). In Wahrheit aber müßte das Gebot, die Eltern zu ehren, heißen: sie wie Lebende zu behandeln.
    Tempelwirtschaft und Totenkult: Ist Amerika das moderne Babylon und Russland Ägypten? Waren die babylonische Tempelwirtschaft in der Praxis, die ägyptische Tyrannis – und Cheops, der „Verhinderer der Opfer“ – in der Theorie, dem Bewußtsein nach: atheistisch?
    Der Dekalog und die Geldwirtschaft: ist nicht die Geldwirtschaft insgesamt eine Sünde wider das Gebot: „Du sollst nicht begehren …“? Ist nicht das Geld das institutionalisierte Begehren des Eigentums der anderen?
    Kann es sein, daß der Fehler bei Marx darin liegt, daß er die Anlyse der Geschichte der Banken nicht in seiner Kapitalismus-Kritik mit einbezogen, das Schuldmoment, das Problem der Kreditschöpfung und die Frage: womit handeln die Banken? draußen vor gelassen hat (weil es den Konklusionen, auf die er sein Konzept abgestellt hatte, im Wege gestanden hätte)? Bei der historischen Analyse des Bankenwesens wäre er zwangsläufig auf die Geschichte der Schuldknechtschaft, des Ursprungs des Geldes im Kontext der Schuldknechtschaft, auf den Ursprung der Banken in der Tempelwirtschaft und den Zusammenhang der Geldwirtschaft mit der Geschichte der antiken Religionen gestoßen.
    War es ein Zufall, daß die großen Astronomen wie Kopernikus und Newton gleichzeitig im Münzwesen tätig waren (wie auch der Ursprung der Banken mit dem der Astronomie in der babylonischen Tempelwirtschaft zusammenängt)?
    Kann es sein, daß wir das Verhältnis der Gravitation zum Licht erst begreifen, wenn wir die Thermodynamik begreifen, und daß die Plancksche Strahlungsformel auch den Schlüssel für die Astronomie enthält? War der brennende Dornbusch (der brannte und nicht verbrannte) ein physikalisches Ereignis: ein Typos des Sternenhimmels wie das kreisende Flammenschwert des Cherub vorm Eingang des Paradieses (Vgl auch Ez1;10 und die Merkaba/Kabod-Mystik)? Und haben die Dornen und Disteln mit dem altorientalischen Sternendienst zu tun (gibt es ein Äquivalent zur Erzählung vom Sündenfall in den anderen altorientalischen Religionen)?
    Unterschied zwischen Schem- und Kabod-Theologie (Schem = Namen: deuteronomistisch; Kabod = Herrlichkeit: Priestertradition?)
    Sind die neuplatonischen Emanationslehren ihrer Struktur nach astrologisch gestimmt (Dionysius Areopagita)? Ihr Erkenntnisgrund wurde zerstört mit der Gravitationslehre (mit der hier eintretenden konkreten Beziehung zum Sündenfall).
    Der Personbegriff ist der Kristallisationkern der Verdinglichung von Schuld und so eine der wichtigsten Voraussetzungen der modernen Aufklärung.
    Indem die Kirche das Votum für die Armen auf sich selbst umgelenkt (in die Bereitschaft, auf Kritik beleidigt und durch Aggression zu reagieren: deren Formalisierung ist das Kirchenrecht) und die Schuld- in die Leidensmystik (in die Bereitschaft zum Selbstmitleid) umgeformt hat, hat sie zwangsläufig die politische in die private (im Zentrum dann Sexual-) Moral umlenken müssen. Und das ist ihr über zwei Jahrtausende gelungen.
    Die mittelalterliche religiöse Erneuerungsbewegung, in deren Mittelpunkt die Reinigung der Kirche von der Pornokratie stand (Einführung des Zölibats und der Ohrenbeichte), hat die Sexualmoral so tief etabliert, daß sie seitdem zum character indelebilis des Christentums geworden ist. Und dieser character indelebilis ist ein Epizentrum des anderen, der seitdem nach katholischer Auffassung das Priestertum charakterisiert. Die Sexualmoral war die Voraussetzung für den Objektivitätsbegriff in der katholischen Sakramentenlehre und im Ritus. Der Protestantismus ist der innerkirchliche Reflex der kopernikanischen Wende. Ähnlich hängt die unaufgeklärte Geschichte der Naturwissenschaften bis heute mit der Selbstbindung der Kirche, ihrer Unfähigkeit zu lösen, zusammen.
    Oswald Lowetz: Hier kann der Universitätsprofessor nicht anders, hier muß er die Schöpfung des Himmels und der Erde in eine Erschaffung des Universums umformen (was ist der Unterschied zwischen der Schöpfung und Erschaffung; liegt der Unterschied in der Beziehung zum Objekt? Die Umkehrung macht’s deutlich: Himmel und Erde sind nicht erschaffen, das Universum ist nicht geschöpft).
    Zur Sprachlogik der Schrift (vgl. Fall und Empörung): Die Erde gründen und den Himmel aufspannen: die Erde ist der Inbegriff der Herrschaft der Beweislogik, während der Himmel vor der verdinglichenden Gewalt der Beweislogik sich verflüchtigt, dessen Aufgespanntsein mit dem langen Atem dessen zusammenhängt, der Bücher nicht aus Zettelkästen produziert. Diese Spannung schließt mit ein: die Schuld der Welt (die Last der Vergangenheit) auf sich nehmen, und das scheint niemand mehr zu ertragen. Die Hektik des Begründens mit dem langen Atem des Aufspannens verbinden: Seid klug wie die Schlange und arglos wie die Tauben.
    Wie verhalten sich Begründung und Rechtfertigung?

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