Ökonomie

  • 24.06.90

    Die Probleme der drei Offenbarungsreligionen (Juden, Christen, Islam)? – Auschwitz, Staat Israel, politischer Fundamentalismus? (Hat das Christentum im Judentum die eigene Vergangenheit, der Islam die eigene Zukunft vor Augen? Antizipation der Erlösung / Rückfall hinter die Offenbarung? – Islam ist über Stammesreligion nicht hinausgekommen; mißlungener Versuch, ohne Zwischenstufe der Urbanisierung ein Imperium zu begründen; islamisches Recht, Grenze der arabischen Mathematik und Ökonomie?). Gegenüber der mittelalterlichen Theologie galt der Islam als „Heidentum“, als Vorwelt, als (äußerer) Repräsentant des Vergangenen (- und das Judentum als innerer?).

  • 28.05.90

    Asymmetrie des Rosenzweigschen Konstrukts: Die drei Gestalten des Nichtwissens lassen sich auf eine zurückführen; das weltliche Wissen (das Wissen, dessen Subjekt die Welt, der historische Prozeß, das Weltgericht ist) ist die Ursache des Nichtwissens von Gott Welt Mensch; es ist der blinde Fleck, der sich im historischen Erkenntnisprozeß über alle Gegenstände ausbreitet. Die Allgemeinheit dieses Wissens, seine Intersubjektivität, ist seine (aus der Konstitution des Ich herrührende) negative Kraft. Rosenzweig hat diesen Vorgang (von Thales bis Hegel) als Erkenntnis des All beschrieben (und in der Begründung des Nichtwissens von der Welt erläutert).

    Gewalt ist zu wenig, und Gewaltfreiheit, die sich wirklich begreift ist nicht weniger, sondern mehr.

    Erst die Entkonfessionalisierung der Kirche würde sie aus den Verstrickungen der Welt lösen.

    Die Fragmentierung, die heute die Wissenschaften vorab kennzeichnet, bestimmt zugleich in explosiver Weise das Spektrum der Berufe; die Spezialisierung (Einbahnstraßen-Ausbildung) verhindert diese Entwicklung nicht, sondern verschärft sie. Das berührt auch den Sinn des Existenzbegriffs, der nicht nur aus modischen Gründen obsolet geworden ist. Der Existenzbegriff, der einmal genau das Gegenteil ausdrücken sollte, die Einmaligkeit des Individuellen, bindet das Subjekt an den Bereich des Austauschbaren: an den Bereich der materiellen Berufe. Falsch am philosophischen Gebrauch des Existenzbegriffs war der Versuch, ihm die höheren Weihen der Verantwortung zuzuerkennen, während er in einem System bereits sich definierte, in dem Selbsterhaltung nur noch durch Verrat am moralischen Selbstverständnis, nur durch Zynismus möglich war.

    Ökonomie und Physik unterliegen der Herrschaft der Reflexionsbegriffe.

  • 21.05.90

    Zu Hitler als Generalprobe des Antichrist vgl. Karl Thieme: „Biblische Religion Heute“; sh. ebd. und in „Kirche und Synagoge“ die Hinweise zu Amalek.

    Hirtenbrief der Bischofskonferenzen zum Verhältnis von Christen und Juden (20.10.88):

    – apologetisch

    – Unterscheidung von kirchlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus (Verdrängung der Ursprungsgeschichte; Rassismus nicht einziger Grund des Antisemitismus)

    – Schuld und Projektion (Hinweis auf Abtreibungsproblem: ohne Empathie; bloße Empörung/Verurteilung = Schuldlosigkeit des Urteilenden; schuldig ist der andere; Vorteil der privaten, individuellen Schuldzuweisung, während Antisemitismus und Judenmord kollektive und öffentliche Ursachen hat)

    – Verschweigen der durch die politische Ökonomie verursachten Hunger-Massentode in der Dritten Welt (hier müßten andere angeprangert werden, Mächtige)

    – Abwehr der Instrumentalisierung des Schuldvorwurfs, aber nur, soweit er sich gegen die Kirche richten könnte! – Ist der mit der Abtreibungsfrage verbundene Schuldvorwurf nicht auch instrumental?

    – Unfähigkeit, das, was eigene Gedankenlosigkeit und eigenes Vorurteil anrichten, überhaupt noch wahrzunehmen; Unfähigkeit zu begreifen, welches Gesicht die Kirche selber zeigt; Pflege des pathologisch guten Gewissens

    – Faschismus eine christliche Häresie?

    – Frauenfeindschaft = Ursprung und Paradigma der Sünde wider den Heiligen Geist?

    – Unfähigkeit zur Umkehr; zu parakletischem, verteidigendem Denken

    – Entkonfessionalisierung des Christentums = Abkehr vom Herrendenken = einzige Möglichkeit der Ökumene und der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit

    – Völlig unterschlagen wird das Versöhnungskonzept, das die Schrift selbst vorgibt (Unversöhntes: Knast, Isolationshaft, des Elend in der Dritten Welt, Nichtseßhafte, Sexismus, „no pity for the poor“, Herrschaft und Gericht/Problem des Rechtsstaats, Verwechslung von Recht und Moral, Recht und Gerechtigkeit); Versöhnung = Voraussetzung des Opfers (nicht Folge!)

  • 02.05.90

    Grundlagen einer theologischen Erkenntnistheorie:

    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“

    – Richtendes und verteidigendes (parakletisches) Denken. Zum Begriff des Heiligen Geistes. Sünde wider den Heiligen Geist.

    – R. und v. Denken nicht getrennt; v. hat r. (=Weltgeschichte) zur Voraussetzung.

    – Parakletisches Denken nicht apologetisch: nicht auf die Lehre bezogen, sondern aufs Objekt.

    – Richtendes Denken = Herrendenken

    – Begriff der Welt als Produkt der Objektivation des richtenden Denkens, Ablösung vom Subjekt (transzendentaler Apparat), Intersubjektivität, Vergesellschaftung

    – Naturwissenschaft und Ökonomie als Fermente der Säkularisation; Welt als Weltgericht

    – Kritik der Ontologie: Hypostasierung des Seins = Hypostasierung des richtenden Urteils (Subjektivität); Ausblendung der Objektivität

    – „Richtet nicht“ bezeichnet heute nicht mehr nur einen moralischen Appell, sondern heißt: Akzeptiert nicht die richtende Gewalt der Welt, das Weltgericht (dessen Urheber ihr selber seid).

  • 15.04.90

    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Beginnt hier die Welterkenntnis, ist das erste Gebot „Ihr sollt euch kein Bildnis machen“ nicht ein spätes und genaues Echo darauf; hängt das „Richtet nicht …“ nicht mit dem Bilderverbot zusammen; und ist theologisches (parakletisches) Denken nicht aus eben diesem Grunde Sprachdenken und Kritik der Anschauung (des Bilderdenkens, der transzendentalen Logik und des apodiktischen Urteils)? (Zusammenhang mit Nacktheit, Scham; Ursprung von Schuld und Materialität; Ökonomie, Politik und Sexualität; zum Begriff des Sexismus und des Obszönen vgl. Rosemary Radford Ruether)

    Die Materie hat etwas zu verbergen; sie ist das gegenständliche Pendant der Scham, diese der Grund jeglicher Projektion und der Ursprung der Mathematik (der Verdoppelung). Am meisten zu verbergen hat der Pomp (vom Dogma bis zu den Ritualen und Uniformen/Gewändern aller hierarchischen Organisationen).

    Vgl. auch Walter Benjamins Sprachphilosophie: Erkenntnis des Guten und Bösen als Geschwätz, sowie seine Theologie des Wissens im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.

    Zum Bekenntnis: Jedes wirkliche Bekenntnis ist Schuldbekenntnis; der Erlöste, wäre er es wirklich, bedürfte des Bekenntnisses nicht mehr; jedes falsche Bekenntnis (als Rechtfertigung) ist Ideologie, verstrickt in den Schuldzusammenhang. Und Konfession ist Schuldgemeinschaft. Das Bekenntnis, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Schuldgemeinschaft, löst die Schuld nicht auf, sondern macht sie unsichtbar für die Betroffenen und verstärkt sie zugleich durch Komplizenschaft (Aufnahme in die Gemeinschaft: Genesis des pathologisch guten Gewissens – das Confiteor/Confiteri kennt nur die passivische Konstruktion).

    Zur j Urgeschichte (E.D.): Liegt die Schuld, das Böse, denn wirklich nur im Ungehorsam, in der Übertretung des Gebots: Von diesem Baum dürft ihr nicht essen? Gibt es keine inhaltliche Begründung für das Verbot, nur die autoritäre Drohung mit der Todesstrafe? Besteht die Sünde nur in der Trennung von Gott? Müßte Gott diese Trennung nicht eigentlich sogar wollen? Kommt diese Interpretation nicht letztlich doch dem konfessionellen Schuldzusammenhang und der falschen kirchlichen Bindung der Gläubigen zugute?

    Wichtiger als die Entstehung der Strukturen des Bösen in der j Urgeschichte wäre deren Geschichte selbst, die Geschichte des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs, die dann vielleicht am Ende ein völlig neues Licht auf seine Genesis werfen könnte. Denn nur so läßt sich die Distanz ermessen, die uns heute von dieser Urgeschichte trennt, und deren Kenntnis zum Verständnis der j Urgeschichte essentiell dazugehört. So bleibt die Darstellung in einem entsetzlichen Sinne nur erbaulich.

    Kann es sein, daß das „kreisende Feuerschwert“, das das Paradies nach dem Sündenfall gegen die Rückkehr des Menschen schützt, etwas mit dem Planetensystem zu tun hat und die „Flucht gen Osten“ der aus dem Paradies Vertriebenen mit dem Tag-/Nacht-Wechsel und mit der Erddrehung? Die Erklärung der Cherube mit alten Tiergöttern (die die Tradition der Engellehre völlig außer acht läßt) greift mit Sicherheit zu kurz (Abwehr der Naturphilosophie?).

  • 14.04.90

    Wie kann man noch 1977 (im Jahre Stammheim) ein dreibändiges Werk mit dem Titel „Die Strukturen des Bösen“ schreiben, ohne Auschwitz, den Faschismus, den Antisemitismus, die Hexenverfolgung, die Inquisition, ohne Hitler, Himmler, Eichmann zu erwähnen, ohne „Die Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt zu kennen (Rosemary Radford Ruethers „Brudermord und Nächstenliebe“ oder auch Ralph Giordanos „Zweite Schuld“ sind später erschienen): Ist nicht diese Art, Fachtheologie zu treiben, d.h. sich dabei um Gott und die Welt nicht kümmern, ein wesentliches Moment der „Strukturen des Bösen“? – Welches Böse meint Eugen Drewermannn eigentlich (nur das innerliche, private, psychologische, oder auch – wenn schon nicht zentral – das öffentliche: Wissenschaft, Ökonomie, Politik, die Welt)? Besteht nicht die Gefahr, daß er – wie die christlich-apologetische Geschichtsschreibung zum Ende des Römischen Reiches – den politischen Untergang auf die moralischen Verfehlungen der Menschen in dieser Zeit zurückführt?

  • 10.05.89

    Die „Welt“ wird definiert durch Physik und Ökonomie (Trägheits- und Tauschprinzip). Das Leben (nicht nur das Dasein) ist „in der Welt“, aber nur bedingt Teil der Welt. Verweltlichung = Säkularisierung = Objektivierung; Grundlage: Anklage-/Beweis-Verfahren; Ausschluß des Nicht-Beweisfähigen: vgl. Lyotard; Zusammenhang mit Ausschluß der Sinnlichkeit in der Physik (der primären Sinnesqualitäten). (Stichwort: Weltgericht.)

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie