Philosophie

  • 30.11.92

    Der Satz des Thales „Alles ist Wasser“ ist ein prophetischer Satz. Er beschreibt das Schicksal der gesamten Philosophie.
    Mit dem Satz „ens et unum convertuntur“ wurden das Neutrum und der Weltbegriff abgesichert.
    Ist der Dualis die Vorstufe des Neutrum, ist das ne utrum durch Negation aus dem Dualis hervorgegangen? Und kann es sein, daß der Dualis in einer kritischen Beziehung zum Akkusativ steht, daß er das Moment des verteidigenden (gegen die identifizierende Gewalt des Akkusativ gerichtete) Denken noch in sich enthält? Hängt das lateinische Akkusativ-m (-um, -am) mit dem hebräischen Dualis-m (-jim) zusammen? Und ist die Negation, die den Dualis in das Neutrum umgewandelt hat, durch die Futurbildungen (durchs Herrendenken) in die Sprachstruktur hereingekommen: durch das Abschneiden der Utopie, durch die Sünde wider den Heiligen Geist (die Sünden der Welt als Folge der Sünde wider den Heiligen Geist)? Und dieses Negative, diese Negation drückt sich in einer Fülle von Strukturen aus: vom Weltbegriff über den Begriff des Seins bis hin zu den subjektiven Formen der Anschauung; theologisch wird es durch die Schlange und durch die Teufelsnamen, vom Ankläger über den Verwirrer bis zum Dämon, symbolisiert. (Beziehen sich darauf nicht auch die drei Versuchungen Jesu; und sind die drei Leugnungen nicht prophetische Hinweise darauf, daß die Kirche diesen Versuchungen erliegen wird?
    Hängt der Ursprung des Neutrum mit all seinen Konnotationen mit der Geschichte der Entdeckung des Winkels in der Geometrie zusammen? Und steckt nicht in allen mit orthos zusammengesetzten Begriffen, von der Orthogonalität bis hin zur Orthodoxie, etwas von dieser neutralisierenden, verweltlichenden Gewalt (hängen etwa der Turmbau von Babel und der Name des Pharao mit dem Problem der architektonischen Beherrschung der Raumverhältnisse zusammen)?
    Kann es sein, daß der Name des Pharao mit dem Prozeß der Neutrums-Bildung zusammenhängt, so daß es kein Zufall wäre,
    – wenn die Anpassungstheologen wie Küng und Drewermann auf ägyptische Konzepte zurückfallen, und
    – daß die Unsterblichkeitstheologie in Ägypten ihren Ursprung hat.
    Gewinnen vor diesem Hintergrund nicht die Ägypten-Geschichten von Abraham und Sara über den Josefs-Roman bis zu Exodus-Geschichte einen anderen Sinn? Ägypten: das Sklavenhaus mit den Fleischtöpfen.
    Beziehen sich drei inhaltlichen Bestimmungen des Hebräer-Namens: Kleinviehnomaden, Sklaven und Söldner, nicht auf die drei Völker: Babel (Ur in Chaldäa), Ägypten und die Philister?
    Sind Idolatrie, Sternendienst und Opferdienst Hilfsmittel zur Begründung und Durchsetzung indogermanischer Sprachstrukturen, Hilfsmittel zur Durchsetzung jenes hypostasierenden und objektivierenden Denkens, das vermittelt ist über die Bildung des Futur II und des Neutrum, sowie der Kasus Genitiv und Dativ? Das Ganze im Kontext von Herrschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen: Städtegründung, Ursprung der Institutionen des Priester- und Königtums, des Tempels (Religion und Wirtschaft), Ursprung der Schrift und des Geldes.
    Was bedeutet der Wortstamm in dem Volksnamen mizrajim, und woher kommt und was bedeutet der Name der Philister?
    Gegen Velikovsky und seine Nachfolger: Nach Auschwitz sollte es eigentlich möglich sein, auch gesellschaftliche Naturkatastrophen sich vorzustellen. Das Problem und Schwierigkeit scheint nur darin zu liegen, daß unser Bewußtsein mit einer Gewalt von Rechtfertigungszwängen beherrscht und durchdrungen ist, die durch den naiven Gebrauch des Weltbegriffs in den historischen Prozeß verflochten sind, daß es dadurch in einer Weise gehemmt und behindert ist, die es außerordentlich schwer macht, diese Hemmnisse real zu durchschauen. Da ist der Velikovskysche kosmische Konkretismus leichter zu akzeptieren.
    Steckt in dem Benjaminschen Wort, daß heute alle entscheidenden Schläge mit der linken Hand geföhrt werden, ein verstecktes Zitat aus dem Buch der Richter?
    Nochmal Jericho, Sodom und Gibea: Alle drei Städte wurden zerstört, aber auf verschiedene Weise:
    – Jericho durch die Posaunen-Prozession um die Mauern der Stadt,
    – Sodom durch Feuer und Schwefel und
    – Gibea durch die restlichen elf Stämme Israels (mit der Stadt wurden zugleich die Frauen und Kinder der Benjaminiter vernichtet).
    Ähnelt das Ergebnis der Zerstörung Gibeas nicht dem Ursprung Roms: die Bildung einer frauenlosen Männerhorde, die erst durch Frauenraub ihr Fortbestehn sichern können; außerdem ist Benjamin ein reißender Wolf, und Romulus und Remus wurden durch eine Wölfin ernährt.
    Müssen wir nicht in der Begründung des Wortes „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, in diesem Nichtwissen endlich uns selbst wiedererkennen, anstatt dieses Bewußtsein unter den Rechtfertigungszwängen, die dieses Nichtwissen selber begründen, zu verdrängen. Christ kann nur sein, wer das Erschrecken über dieses Nichtwissen erfahren hat. Und ist auf das Wort im letzten Satz des Buches Jona noch Verlaß; sollten wir nicht endlich lernen, rechts und links wieder zu unterscheiden? Wenn man dem Buch Tobias glauben darf, wird Ninive am Ende doch zerstört. Aber zuvor wird Tobias, der die Toten begrub, von der Blindheit geheilt.
    Woher kommt der Name Anatolien (die Weisen haben den Stern in Anatolien gesehen)?

  • 29.11.92

    Wie ein geiles Ross ist ein gehässiger Freund, unter jedem Reiter wiehert es. (Sir 336)
    Woher kommt und was bedeutet der Begriff Kamerad? Zusammenhang mit camera, Kammer: Gefährte, Kammergemeinschaft (Kluge). Bezieht sich die „Kameradschaft“ nicht primär auf die Situation einer physischen, durch Front und Feind bestimmten Gefahrensituation? In rechten Gruppierungen üblich, Abgrenzung gegen Feind und Verräter, Zusammenhang mit (oder durch?) Xenophobie: Xenophobie als Mittel der Selbstdefinition (Antisemitismus). Zur Kameradschaft gehört der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ (gegen die Versuchung zur Identifikation mit dem Fremden). Ist nicht der Kamerad der „gehässige (verräterische) Freund“? Die Kameradschaft hält so lange wie die Frontsituation (das „Fronterlebnis“), außerhalb wird sie nur zusammengehalten durch die ambivalente Führerbeziehung (die in der Gegenrichtung das Gegeneinander-Ausspielen der Kameraden mit einschließt). So hängt die Rolle des Soldaten (und die des Polizisten) zusammen mit Mord und Vergewaltigung. – Dekonstruktion des Liedes vom guten Kameraden (Kohls Besuch in Bitburg und Verdun, „Versöhnung über Gräbern“, Heldengedenken, Totenkult und „Beschwörung der Vergangenheit“, Gräberschändungen).
    Wie verhalten sich die Begriffe Kamerad, Kollege und Genosse zueinander?
    Vergleiche hierzu das mythische Bild des Pferdes (die durch den Wind trächtig werdenden Stuten), auch die Geschichte des Pferdes (seit wann Reiter, seit wann ziehen Pferde den Pflug?). Pferd und Sexualität: warum lieben 10-/12-jährige Mädchen Pferde? Pferd und Rasse (Rassepferd, Rasseweib). Nietzsches Wahnsinn wurde ausgelöst durch den Anblick einer Pferdemißhandlung.
    Die thomistische Lösung des Universalienstreits, wonach die Universalien für Gott ante rem, für die Menschen post rem zu verstehen sind, ist durch Kant, durch die transzendentale Logik, durch das Konzept der synthetischen Urteile apriori, auf den Kopf gestellt worden. Hier sind die Zeitverhältnisse umgekehrt worden: das war der Preis für die Vorstellung einer homogenen Zeit. Wer glaubt, die kantische Philosophie thomistisch rezipieren zu können, für den werden in der Tat das Transzendente und das Transzendentale ununterscheidbar: er zerstört die Grundlagen der Theologie.
    Das Evangelium ist eine Flaschenpost; und das Dogma enthält die Formel des Meeres, in dem diese Flaschenpost bis heute unentdeckt schwimmt.
    Die offizielle Theologie heute ist maskierter Atheismus.
    Bezieht sich das Neutrum (als ne utrum) nicht auf Himmel und Erde; und fällt sein Ursprung nicht zusammen mit dem des Weltbegriffs (die Welt ist keins von beiden, weder Himmel noch Erde)?
    Jericho, Sodom und Gibea: Rahab und die Frau und die Töchter Lots (über die Moabiterin Ruth) finden sich im Stammbaum Jesu wieder. Die „Nebenfrau des Leviten“, die dem Mob geopfert wird, kommt wie Jesus aus Bethlehem in Juda.
    Ist Daniel der einzige Prophet, der den Traum und seine Deutung kennt? (Dan 25,15ff)

  • 28.11.92

    Wie kommt es, daß bei Rosenzweig der Erlösungsbegriff so merkwürdig blaß bleibt, und daß insbesondere sein Begriff der Liebe an den islamischen der Schöpfung, die auch jeden Tag neu anhebt, erinnert?
    Daß die Distanz zum Objekt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt sei, ist nur die eine Seite der Sache. Die andere, gleichsam die naturale Seite der Objektbeziehung (der intentio recta), die Adorno durch das Eingedenken der Natur im Subjekt zu fassen versucht, hat ihre reale Wurzel im entfremdeten Naturbegriff selber im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
    Wer ist der Morgenstern? Hat der phosphoros, Luzifer, etwas mit dem Christophorus zu tun? Wäre es nicht überhaupt wichtig, endlich einmal Ursprung und Funktion der Legende (ebenso wie Ursprung und Funktion von Sage und Märchen) zu untersuchen: Ist nicht die Heiligenlegende der durch den Weltbegriff und die ihn stabilisierende Christologie vermittelte und transformierte Mythos?
    Daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht „überwältigen“ werden (mit dem sprachlichen Anklang an den Gewalt- und an den Weltbegriff): muß das nicht genauer heißen, daß sie sie nicht „übertönen“ (gleichsam tumultuarisch überschreien) werden; ist nicht ein Vorgang in der Sprache gemeint, der mit der Geschichte des Nominalismus zusammenhängt? Hat nicht das Tumultuarische seinen Ursprung dort, wo Gottesfurcht und Herrenfurcht nicht mehr unterschieden, die Religion mit dem Herrendenken vermischt wurden (Grundlage des historischen Entzauberungsprozesses, der das Herrendenken vergesellschaftet und rationalisiert, es von seinem religiösen Ballast befreit hat)? Und sind nicht auch die Schlüssel des Himmelreichs sprachlicher Natur (wie der Name Petri, des Felsen)?
    Sind die Rechten, die Fremdenfeinde, nicht die Vollstrecker des Hegelschen Weltgerichts, und deshalb systemimmanent nicht widerlegbar?
    Die subjektiven Formen der Anschauung, und in ihrer Konsequenz das Inertialsystem, sind Reflexionsformend es Objektbegriffs (der intentio recta), den die christliche Dogmatik (die Orthodoxie) in die Philosophie hereingebracht hat. Abgesichert und stabilisiert wird dieser Prozeß durch den Weltbegriff.

  • 26.11.92

    Überschriften in der Frankfurter Rundschau von heute:
    – S. 1: „Sorge vor Kundgebung in Mölln“, nur im Untertitel: „Roma in Essen niedergestochen“ – Die Sorge vor der Demonstration gegen den Rassismus ist wichtiger als die über einen rassistischen Vorfall?
    – S. 2: „Wolf mit Hakenkreuzen erschreckt die Welt“ – Die Reaktionen im Ausland erschreckender als Taten?
    – S. 4: „Klose betont staatstragende und patriotische Haltung der SPD“ – Titel verkehrt den Sachverhalt ins Gegenteil. Klose hatte darauf hingewiesen, daß die SPD sich staatstragender und patriotischer verhalte als beispielsweise Strauß in seiner berüchtigten Sonthofener Rede. Vergleichbar der gelegentlichen Bemerkungen von Karl Kraus (die im übrigen logisch begründbar ist), daß die Deutschgesinnten in der Regel des Deutschen nicht mächtig seien. Aber welcher Titelgeber versteht schon das Wahrheitsmoment in einer satirischen Wendung. (So sind einmal die Dogmen entstanden: Verwechslung des konditionalen Satzes mit einem apodiktischen. Die Folgen sind geschichtlich nachprüfbar.)
    – S. 5: Weitere Meldungen zum Thema Xenophobie:
    . „Wende im Fall Silvio Meier“ (Klärung, daß der Mord politisch motiviert war)
    . „Jüdisches Ehrenmal geschändet“ (Täter wurden nach Feststellung der Personalien auf freien Fuß gesetzt)
    . „Angriff auf Wohncontainer von Ausländern in der Pfalz“
    . „Runde Tische gegen Gewalt angeregt“ (die kleinste Überschrift der Seite mit einem Bericht über Aktionen und Demonstrationen gegen Ausländerfeindschaft)
    . „Fahrt durch deutsche Nacht“ (Bericht über das Verhalten von Bahn- und Polizeibeamten gegenüber türkischen Reisenden)
    . „Nur Darlehen an Flüchtlinge“ (Bayern hat Forderungen zur Asylpraxis nochmals verschärft, u.a. gefordert, Leistungen an Asylbewerber nur noch als Darlehen zu gewähren)
    . „Telefonkette für Ausländer“ (Aktion der Stahlarbeiter von Hoesch in Dortmund)
    . „Mahnminuten in Bremen“ (Bericht über eine Aktion der IG Metall und der Metallarbeitgeber in Bremen)
    . „Viele Juden wollen auswandern“ (Mitteilung der Jewish Agency)
    . „Traurige Bilanz deutscher Entwicklungshilfe“ (Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Entwicklungspolitik war beherrscht von den ausländerfeindliche Vorfällen in der BRD)
    – S. 17: „Die nächste „taz“-Krise kommt bestimmt“ – Hämischer Bericht über das „schwindsüchtige Blatt“ (Achtung: Ist Schwindsucht nicht ansteckend?). „Wo sonst wird hartnäckig, wochenlang mit der Hatz auf die Ausländer auf der ersten Seite aufgemacht, der Terror nicht kleiner, nur weil er „alltäglich“ wird (eine Hatz ist sicherlich etwas anderes als beispielsweise ein Pogrom, mit dem der wochenlange Terror nach Meinung der FR nicht verglichen werden darf H.H.)? … Wo, wer, wann gegen Ausländerfeinde demonstriert, bedrohte Unterkünfte von Asylbewerbern schützt – in der „taz“ kann man es erfahren.“
    Ich meine, jetzt reicht’s.
    Mit meinem moralischen Urteil erhebe ich Anspruch auf das Verfügungsrecht über den anderen (Grund der Wertethik, der Beziehung von Wert und und instrumentalisiertem Sein, Zusammenhang mit Marx‘ Begriff der Ware). Jegliche Sorge gründet in diesem urteilsmoralischen Kontext. Und durch das Recht macht der Staat diesen Besitzanspruch über den Strafvollzug gegen jeden „Straftäter“ (welcher Begriff das Objekt des Strafvollzugs zu ihrem Subjekt macht: Straftäter kann sprachlich nur der Strafende sein, das Objekt der Strafe nur, wenn es sich selbst bestraft) geltend. Jeder Zaun, mit dem ich mein Eigentum zu schützen trachte, und jede Grenze, mit der der Staat die Ausländerflut eindämmt, gleicht den Gittern der Gefängnisse (hier liegt die aktuelle Bedeutung des Paradigmas Innen/Außen).
    Welche grammatischen Formen und Strukturen werden mit der Formalisierung der Logik ausgeklammert? Am auffälligsten ist die hypothetische Beziehung, die Beziehung von Grund und Folge. Wie hängt diese Beziehung mit den Kasus zusammen, insbesondere mit der Funktion von Genitiv und Dativ (es bleiben nur die identisch gesetzten Nominativ und Akkusativ)? Auch fehlen Entsprechungen zu den Konjugationen (Konjunktiv, Futur und Vergangenheit), während Indikativ und Imperativ ununterscheidbar werden wie bei den Kasus Nominativ und Akkusativ. Und nicht zuletzt sind die Beziehungen der Personalpronomina zur formalisierten Logik unbestimmbar. Insgesamt ist die Affinität zur deutschen „Ausländersprache“ (dem Ausländer-AcI) unverkennbar. Der ganze Bereich dessen, was man den strukturellen Ausdruck der human relations in der Sprache nennen könnte, fällt aus. Frage: Läßt sich die formalisierte Logik mit den Mitteln der formalisierten Logik noch beschreiben? Liegt hier nicht der Grund für den sprachlichen Zustand so vieler Software-Handbücher? Und ist das, was nicht innerhalb der formalisierten Logik reflektiert werden kann, damit aus der Welt? Genauer: Wird nicht die instrumentalisierende Wirkung durch die Formalisierung der Reflexion entzogen, aber eben damit stabilisiert, der Kritik entzogen?
    Mit der Konstituierung der Instrumentalisierung begründet der Objektivationsprozeß die Sorge, Folge der Einbeziehung der Moral (als Ursteilsmoral) in den Herrschaftszusammenhang (Verdinglichung und Personalisierung). Analyse des aus dem Landserjargon in die allgemeine Sprache übernommenen Begriffs „Besorgen“ (etwas b., aber auch „es jdm. b.“: „Wem du’s heut noch kannst besorgen, den verprügle nicht erst morgen“ – „Was fixierst du mich?“ – Zusammenhang mit dem Antlitz des Hundes).
    Wenn Augustinus in die Idee des seligen Lebens den Anblick des Leidens der Verdammten mit hereinnimmt, so bedarf es nur einer (mit der Funktion des Weltbegriffs verbundenen) geringfügigen Verschiebung, um dieses Konzept der Wahrheit zuzuführen: Es gibt kein seliges Leben ohne die Erinnerung (und nicht „ohne den Anblick“) des Leidens (Erinnerung des vergangenen Leidens der Andern und der eigenen vergangenen Schuld). Die Verschiebung der (zeitlichen) Erinnerung in den (räumlichen) Anblick wurde ermöglicht durch die Übersetzung des Auf-sich-Nehmens der Schuld in seine Hinwegnahme: durch die falsche Exkulpierung, die der Rezeption des Weltbegriffs sich verdankt.
    Die Kritik der Zweckursachen, der causae finales, ist ein Teil Kritik des Begriffsrealismus (Ursprung des Nominalismus), Tilgung der Spuren der benennenden Kraft der Sprache im Begriff. Der letzte Rest der Begriffsrealismus ist der Begriff des Seins; seine verandernde Kraft rührt her aus diesem Ursprung. Die Frage nach dem Sinn von Sein, die sowohl die Bedeutungsanalyse als auch den existentiellen Ton (ob das Sein überhaupt einen Sinn hat) bezeichnet, reflektiert in diesem Bruch den von Objekt und Begriff, der vom Begriff des Seins nicht zu trennen ist, sie ist eine immanente Konsequenz der Urteilsform.
    Das Sündenvergeben und die Austreibung der Dämonen gehören zusammen und bilden (und antizipieren) gemeinsam die Idee der Erlösung. Wobei die Dämonenaustreibung, der Kampf gegen die Archonten, die verbleibende, die schwierigste Aufgabe ist.
    Läßt sich nicht an dem englischen „become“ und seinem Verhältnis zum deutschen „bekommen“ der ganze Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Sprache demonstrieren? Das „bekommen“, der Erwerb, die Inbesitznahme, verhält sich zum „become“, dem Werden, im Englischen wie das Sein (das sich aus dem Possessivpronomen herleitet) zum to be (in dem sich das Präfix be- reflektiert): dem englischen „become“ würde das deutsche Hervorkommen, Erscheinen, entsprechen; das deutsche „bekommen“ ist auch ein Ins-Sein-Kommen, aber dieses Sein wird es erst durch seine Beziehung zu Mir (Repräsentant des absoluten Subjekts des deutschen Idealismus). Bei Hegel wird der Bildungsprozeß des Begriffs zu einem Aneignungsprozeß des Absoluten, das Sich in allem wiederfindet.
    Wie verhält sich das bei anderen englischen Verben, die das Präfix be- enthalten (z.B. „believe“)?
    Das Brandopfer ist ein Gott angenehmer Geruch. Dazu würde die Baadersche Charakterisierung der Hegelschen Philosophie als Auto da Fe der bisherigen Philosophie vorzüglich passen. Wird so das Opfer Abels (das Gott dem Opfer Kains vorzieht) verständlich? Nämlich durch sein Verhältnis zu Adams Namengebung der Tiere und durch die Äquivalenz des Brandopfers mit den Gebeten der Heiligen (die ebenfalls als ein Gott angenehmer Geruch bezeichnet werden). In diesem Zusammenhang gewinnt der Satz Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen …“ seine ungeheure Bedeutung.
    Wäre es nicht an Zeit, endlich einmal über die Sinnlichkeit Gottes zu schreiben, über sein Riechen, Sehen, Schmecken, Hören. Ist nicht die Lehre, daß Gott Geist ist, jedenfalls in der Fassung, in der sie heute (durch den Zusammenhang von Welt und Geist) verstanden wird, einer der Gründe für die sich ausbreitende Xenophobie und die allgemeine Hilfslosigkeit dagegen. Wenn Gott Geist ist, dann sind die ihn gegenwärtig repräsentierenden Fremden Gespenster, die es zu vertreiben gilt, um die Welt zu retten. Die Fremden in Jericho waren die Boten Josues, die in Sodom waren die Boten JHWHs (und in Gibea?).
    Welche Bewandnis hat es mit dem Verschwinden der Konsonanten F (W) und H (H), und ihren Ersatz durch Phi und Chi (auch Psi?), als die Griechen die Vokale einführten? Und was drückt sich in der Geschichte der Schrift und des Alphabets, der Richtungen der Schrift (von rechts nach links, von links nach rechts, von oben nach unten) aus? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „Sitzen zur Rechten des Vaters“ und dem Wechsel der „Offenbarung“ von der hebräischen zur griechischen Schrift?

  • 23.11.92

    Die Geschichte des Mythos ist die Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs, die der Kunst Teil der Geschichte des Naturbegriffs (der Differenz des Natur- und Weltbegriffs): Der Naturbegriff bezeichnet – wie das Inertialsystem, an das er gebunden ist – den doppelten Zielpunkt eines unerfüllbaren Programms (der Objektbegriff hat wie die ebenfalls aus dem Naturbegriff gespeiste Utopie kein gegenständliches Korrelat). Die Kunst unterscheidet sich vom Mythos durch die Philosophie, durch den Weltbegriff, die Trennung von Objekt und Begriff, durch sie ins Bewußtsein der Menschen sich eingesenkt hat; durch die Verinnerlichung des Schicksals und dessen konsequenteste Ausgestaltung: ein Christentum, das seine Wahrheit durch das Eintreten der Philosophie bis heute verfehlt hat.

  • 22.11.92

    Das Horn ist ein Symbol der Macht. Hängt es damit zusammen, daß Opfertiere gehörnte Tiere sind?
    Den Sünden der Welt korrespondiert die Schuld der Natur: Neigen wir deshalb dazu, auch in der Theologie von der „Schuld der Welt“ zu sprechen, gleichsam eine falsche Fährte zu legen? Mit den Sünden der Welt sind wir als Subjekte angesprochen, mit der Schuld der Welt nur als Objekte, die einem Schicksal unterworfen sind: der Begriff Schuld der Welt macht die aktiven Sünden der Welt zum bloß passiv erlittenen Schicksal.
    Ist nicht der theologische Begriff des Übernatürlichen abgeleitet von dem der Metaphysik, gleichsam nur von der Logik transponiert ins Magische.
    Heißt nicht im Griechischen, was wir heute Begriff nennen, Logos? D.h. war nicht die Philosophie in ihrem Ursprung grammatisch-logisch determinierte Sprachphilosophie? Ist nicht die Verdinglichung des logos zum Begriff der Beginn des Objektivationsprozesses?
    Wie hat sich die Philosophie durch Übersetzung der Vätertheologie, des Dogmas, von der griechischen in die lateinische Sprache verändert? Wie verhält sich beispielsweise persona zu prosopon und hypostasis?
    Demagogie ist heute keine besondere Art des Umgangs mit der Sprache mehr, sondern ein Ingrediens der Institution der Öffentlichkeit. Die Interpretation der „Fakten“ – und es gibt keine Fakten ohne das Bedürfnis nach Interpretation – ist zu einer reinen Machtfrage geworden: Heute ernennt die Regierung nicht mehr nur ihre Beamten, sondern auch die Begriffe, mit denen die Dinge benannt werden, so als wären sie Titel, denen man die Dinge per Gesetz zuordnen könnte. Die Gewalt steckt in der Sprache, und über die Sprache ist sie zu einem Teil, wenn nicht zur Grundlage der Kommunikation geworden. Das macht die Habermassche Kommunikationstheorie, insbesondere den Konsensbegriff, der auf die Legitimierung der Erpressung hinausläuft, so problematisch.
    Hat das In-die-Ferse-Stechen etwas mit der Lähmung zu tun (als Ersatz fürs Einsperren)? Und wie verhält sich der Hinweis auf die Ferse im Fluch über die Schlange zu den Flügelschuhen des Hermes? Jakob der Fersenhalter ist zugleich Jakob der Betrüger, der erste, der von der List Gebrauch macht. Entspringt hier die später ins Bewußtsein eingebaute Automatik der List der Vernunft? Weshalb wurden den Frauen in China die Füße verstümmelt, und weshalb tragen die Frauen im „zivilisierten“ Europa Stöckelschuhe? Und weshalb ist es im Fluch über die Schlange der Nachkomme der Frau, und nicht der des Mannes (der Erbe, der Stammhalter)? Gründet hier (im vaterlosen Nachkommen) das Symbol der Jungfrauengeburt: Die Jungfrau wird einen Sohn gebären, und sein Name wird sein Immanuel, Gott mit uns?
    Ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Stich in die Ferse?
    Parvus error in principio magnus est in fine. Ist nicht dieser kleine Fehler im Ursprung der Theologie, die Rezeption des Weltbegriffs, der Ursprung und nicht die Folge der Parusieverzögerung?
    Die Astrologie ist am Ende dadurch „überwunden“ worden, daß das Subjekt in der Astronomie sich selbst an die Stelle dieser Schicksalsmächte setzt (Verinnerlichung von Herrschaft: von Saturn und Jupiter bis zu Venus und Merkur sind die Planetenmächte, die paulinischen Archonten, ins Subjekt eingewandert).
    Das aufgedeckte Antlitz ist das Gegenteil der Nacktheit (und wird nur unterm Zeichen des Antichrist als solche erfahren: im Antlitz des Hundes).
    Wut ist der verweltlichte Zorn, die Person das traumatisierte Antlitz und seitdem beleidigungsfähig, Quelle der Wut.
    Der Weltbegriff erzeugt den Schein eines angst- und schuldfreien Lebens. Aber dieser Schein ist wirksam nur auf der Herrenseite (der „Sonnenseite“) der Welt. Ihm entsprechen auf der Objektseite die Angst- und Schuldkomplexe, die nicht mehr aufgelöst, nur noch – mit den bekannten Folgen – verdrängt werden können.
    Zum Problem der benennenden Kraft der Sprache: Benjamins Bemerkungen über das Gestische bei Kafka und die metaphorische Stelle in dem Kraus-Essay mit heranziehen.
    Jede Naturphilosophie verfällt ihrem Objekt insoweit, als sie zwangsläufig verkennt, daß das metaphorische Element das eigentliche Erkenntnismedium ist, das man verfehlt, wenn man es wörtlich nimmt. Sobald sie die Natur „ad literam“ (wie Augustinus die Genesis) nimmt, verstrickt sie sich in die Logik der Verdinglichung, verfällt sie ihrem Bann.
    Ist nicht die Kirche ein verwesender Leichnam, gleichsam ein Lazarus, der „schon riecht“. Aber dann wurde er doch von Jesus zum Leben erweckt.

  • 19.11.92

    In Hegels Philosophie vereinigt sich die Klugheit der Schlange mit der Geschichte der drei Leugnungen. Ihr fehlt einzig die Arglosigkeit, um wahr zu sein.
    Hans-Jochen Vogel übersieht, daß Engholm und Rau nur die Konsequenzen aus seinem eigenen politischen Konzept, das auch keins war und nur bis zur Häme reichte, ziehen: sie ziehen den Schmusekurs vor. Sie möchten eine Art der Versöhnung, ein Glück im Winkel, eine Politik des allseitigen Wohlgefallens. Aber so produzieren sie selber die Schallmauern, in die sie eingesperrt sind, und die eigentlich Gummiwände sind, deren Ausdehnung die CDU seit je so bestimmt hat, so daß die Drecksarbeit von der SPD (als „Ehrensache“) übernommen wurde. Die SPD hat als ehrlicher Heizer immer dann Feuer nachgelegt, wenn der konservative Zug in Gefahr geriet, ins Stocken zu geraten.
    Mit der Diffamierung der Kritik an den Godesberger Beschlüssen, sie sei „bösartig“, appelliert Engholm an das Bild des unschuldigen Opfers, in dem er sich gern präsentieren möchte. Dieses Bild mag die Grundlage von (allerdings nicht unbedenklichen) Erlösungskonzepten sein, es ist keine Grundlage für eine eigene inhaltliche Politik. Mit der Geste des Beleidigtseins kann man sich in der Familienbande gegenseitig erpressen, aber man sollte dieses Spielchen aus der Politik heraushalten: Es liegt zu nahe an der Paranoia (die nach der Barschel-Affäre vielleicht in der Tat eine Gefahr Engholms ist); und Verschwörungstheorien sind dann nicht fern.
    Das Bild vom Zug, der auf einen Abgrund zurast, wird immer deutlicher. Die, die heute skandieren: „Wir sind doitsch, wir sind doitsch“, antizipieren den Jubel über den Urknall, der in Wahrheit ein Endknall ist (wie die ganze Physik im Entscheidenden die Zeitrichtungen verwechselt, und die Korrektur dieser Verwechslung durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bis heute nicht begreift), und der der besorgten Heideggerschen Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“, einmal die empirische Grundlage zu verschaffen in der Lage wäre. Es fragt sich dann nur: für wen? Denn man mag es wenden wie man will: Die Selbstzerstörung der Welt wird keine Zuschauer haben (hier endet das Unbeteiligtsein des Zuschauers); aber vielleicht ist gerade das für die gewitzten Urheber (für die Politikerkaste und ihre Claqueure in den Medien und in Wissenschaft und Philosophie) der entscheidende Trost: Es wird keinen Kläger (kein Ausland, keine Geschichte, keine Welt, die dann noch ihr Urteil fällen könnte) mehr geben. So wird das letzte politische Verbrechen unwiderlegbar (und Auschwitz war nur die nicht ganz gelungene Generalprobe).
    Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele korrespondiert der Vorstellung von der Ewigkeit der Materie; sie ist insoweit eine Gespensterlehre, und der christliche Himmel, das Jenseits über den Wolken, ist nie einer gewesen.
    Das Eingedenken ist etwas anderes als der seis positive, seis negative Totenkult (die Mausoleen des real existierenden Sozialismus oder das Schänden der Gräber durch die Rechten).
    Die Wehen und die Schmerzen der Geburt, die im Fluch über Eva genannt werden, beziehen sich auf den an die Schlange gerichteten Fluch: „Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“ Dieser Zusammenhang scheint dem zu korrespondieren, der zwischen der Schlange und Adam im Bilde des Staubs benannt wird.
    Robert von Ranke-Graves weist gelegentlich darauf hin (Die weisse Göttin, S. 417ff), daß der Fisch ein Realsymbol der Auferstehung sei. Das könnte ein Licht darauf werfen, daß neben Himmel und Erde und dem Menschen nur die großen Seeungeheuer, die Fische und die Vögel im strengen Sinne erschaffen sind. Mit der Schöpfung ist auch die Auferstehung erschaffen; das trennt die Schöpfung von der Natur (der Fisch als realsymbolische Präsenz des Rätsels der Auferstehung).
    Ist nicht die Vorstellung, daß die Welt im Bilde der Natur die Menschen überlebt, ein Stück patriarchalische Paranoia? Ein Stück jener Paranoia, die mit dem Objektbegriff und mit der monadologischen Isolationshaft, in die sich das patriarchalische Denken selber versetzt, essentiell verknüpft ist.
    Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung: das bereschit, den Anfang und den Himmel und die Erde; der Natubegriff leugnet die Auferstehung: den fünften Schöpfungstag.

  • 18.11.92

    Wenn das Wort „Gottesmörder“ (lt. FR, 17.11.92: „Die Juden sind nicht insgesamt als Gottesmörder schuldig geworden“) im neuen Katechismus steht, so wäre das (nach Auschwitz) die Formel der Selbstverfluchung der Kirche. Dagegen steht in jedem Falle das „Denn sie wissen nicht, was sie tun“: Das Nichtwissen schließt den Mordvorwurf aus. Erst wir wissen, was wir tun, wenn wir uns dem Nachfolgegebot entziehen, durch unserer Mitschuld an den Sünden der Welt diesen Tod mitverursachen.
    Der Schlüssel zum Verständnis des Dogmas ist Rosenzweigs Wort von der „verandernden Kraft des Seins“: Die apodiktische Form des Dogmas ist seine Leugnung.
    Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung; und das Dogma, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen habe, ist eine double-bind-Falle.
    Die Wissenschaft heute ist nicht der brütende Geist über den Wassern, sondern die Finsternis über dem Abgrund. Und dieser Abgrund ist das ungelöste Rätsel der Vergangenheit (das Inertialsystem, das die Natur zur Natur macht, indem sie ihr das Fell der Vergangenheit über die Ohren zieht). Das Lösen wäre die Befreiung des Vergangenen aus der Vergangenheit. Deshalb gehört zu den Voraussetzungen der Auferstehung der Abstieg zur Hölle.
    Hängt das, was Rosenzweig das Prophetische an der Philosophie nennt, mit dem Projektiven in der Philosophie zusammen, das allein durch Umkehr auf die Wahrheit sich beziehen läßt?
    Im Zusammenhang von Projektivem und Umkehr wird das Moment der Selbstverfluchung erkennbar, das in der kirchlichen Verurteilung der Abtreibung enthalten ist: in der projektiven Verschiebung des Urteils, das eigentlich auf die Abtreibung der Wahrheit in der gegenwärtigen Gestalt der kirchlichen Theologie und des kirchlichen Lehramts sich bezieht (Konsequenz der Unfähigkeit, sich aus dem Schuldzusammenhang mit der Geschichte der Philosophie zu befreien). Diese Abtreibung ist das Gegenteil der messianischen Wehen, aber eben darin darauf bezogen. „Richtet nicht, …“
    Die Geschichte der Sexualmoral ist ein Indikator der Welt- und Herrschaftsgeschichte.
    Das Angesicht kommt vom Ansehen, das Antlitz: darin steckt das „Ant-„, das Gegen, und das „-litz“, das „Letzte“? Sind das Angesicht und das Antlitz das A und das O (und erst im Deutschen getrennt)? Das A (als Klage) und das O (als anhebender Vokativ)?
    Maria Magdalena ist in der christlichen Gestalt ihrer Erinnerung selber die Erinnerung an das unbekehrte Christentum.
    Welche andere Verdoppelungen gibt es außer den barbaroi und dem tartaros?
    Marx hat den Hegel nur insoweit vom Kopf auf die Füße gestellt, als der die Weltgeschichte durch die Naturgeschichte ersetzte. Aber genau dadurch ist er im Banne des Weltbegriffs geblieben.
    Der gordische Knoten war mit dem Orakelspruch verknüpft, daß, wer ihn löst, die Herrschaft über Asien gewinnen werde. Alexander hat den Knoten nicht gelöst, sondern durchschlagen. Und was ist danach aus der Herrschaft über Asien geworden? Ist das Durchschlagen dieses Knotens nicht der schärfste mythische Ausdruck des Ursprungs des Weltbegriffs, mit dem der Mythos überwunden wurde?
    Hat nicht Reinhold Schneider doch mehr gewußt, als er schrieb:
    – Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten … – Dieses Schwert ob unsern Häupten, ist das nicht das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Paradies, das Planetensystem?
    – … und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen – Diese richtenden Gewalten, das sind die Grundlagen des kopernikanischen Systems, die mit dem kopernikanischen System gesetzten Grundlagen des Systems: das Inertialsystem.
    Ist nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Anfang der Umwandlung des Schwertes in Pflugscharen? Dann wird der Löwe mit dem Kalb, der Wolf mit dem Lamm und das Kind mit der Natter sein.
    Zum Begriff des Drachenfutters: Ist nicht die Eucharistie in der Form, in der sie heute genossen wird, zum Drachenfutter geworden? (Begriff der Öffentlichkeit, die Medien, die verandernde Kraft des Seins, Begriff der Masse und die Instrumentalisierung der Öffentlichkeit durch die in den Weltbegriff eingebaute Empörungsautomatik: Nicht die sexuelle, sondern die Urteilslust ist das Objekt der Sexualmoral und das Medium, über das die Erbsünde sich fortpflanzt; und nicht der Phallus, sondern die Zunge ist das gefährlichste Organ; der Weltenbrand und das Feuer vom Himmel.)

  • 17.11.92

    Die Orthodoxie und das Dogma sind die Waffen der Selbstgerechtigkeit. Sie sind Produkte jenes Schuldverschubsystems, das dem Gebot der Nachfolge und dem der Feindesliebe im Kern widerspricht.
    Wie hängt die sprachliche Geschlechtertrennung, die Trennung in Masculinum, Femininum und Neutrum, mit der Struktur des Raumes und mit der Bildung des Futur II zusammen? Ist sie nicht ein Reflex des Inertialsystems in der Sprache? Und was bedeutet dann der Hinweis am Ende des Buches Jona auf die 120000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können? Vgl. auch die Erschaffung des Menschen im ersten Schöpfungsbericht: Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Weib schuf er sie. (Gen 127)
    Was bedeutet die kantische Unterscheidung des Mathematischen und Dynamischen?
    Das Wort von der falschen Zärtlichkeit für die Welt bezeichnet präzise den projektiven Kristallisationskern der Hegelschen Philosophie, des Hegelschen Systems.
    Ist der Begriff des Bekenntnisses ist nicht eine Konsequenz der falschen Beziehung von Sünde und Schuld in der Wurzel von Philosophie und Recht? Spiegelt sich in der Beziehung von Philosophie und Recht die kantische Unterscheidung des Mathematischen und Dynamischen? Gründet hierin die unvermeidbare Zweideutigkeit des Bekenntnisbegriffs, der sowohl das Schuldbekenntnis als auch das „Glaubensbekenntnis“ bezeichnet? Das griechische homologein, das dann mit confiteri, bekennen, übersetzt wurde, liegt näher am Nachfolgegebot. Im Schuldbekenntnis bekenne ich: Ich war’s, das bin ich gewesen. Hier unterwerfe ich mich meiner Vergangenheit; die Vergangenheitsbeziehung ist fürs (lateinisch-deutsche) Bekenntnis konstitutiv.
    Welche Bedeutung hat die Geschichte vom Sündenfall in den drei großen Weltreligionen?
    Der Habermassche Konsensbegriff schließt die Neutralisierung des Adornoschen Versöhnungsbegriffs mit ein; das aber geht nur durch Stillstellung und Leugnung des Konfliktmoments in der Erkenntnis (der Differenz von Natur und Welt): die Anerkennung des Primats des Weltbegriffs.
    Wenn der Ursprung der Philosophie aus der Verinnerlichung der Schicksalsidee sich ableiten läßt, dann braucht die hier entstehende, durch die Philosophie konstituierte neue Gestalt des Bewußtseins, die dann in der Objektivität mit dem Weltbegriff sich verankert, als Projektionsfolie, um die Selbstbetroffenheit als Objekt des Schicksals nach draußen ableiten zu können und so loszuwerden, und als Mittel der Selbstbestätigung Begriffe wie Barbaren, Natur und Materie. Hier bilden sich jene Strukturen, die dann übers Christentum in die Geschichte des Objektivationsprozesses eingegangen sind, und die der Grund dafür sind, daß im Naturbegriff die Struktur der Christologie sich widerspiegelt (die Hypostasierung, Vergöttlichung des Opfers, die exkulpierende Kraft der „Natur“: insgesamt die falsche Bestätigung, die falsche Verständlichkeit der Theologie, ihre Irrationalität heute).

  • 16.11.92

    Hegels Wort von der „zu großen Zärtlichkeit für die Welt“ ist, wie seine Kantkritik insgesamt, antimessianisch. Sie wäre wahr gegen seinen eigenen Weltbegriff; hier aber ist gar nicht die Welt, hier sind die kantischen Dinge an sich gemeint. Die Gewalt, die in Hegels Wort sich ausdrückt (gibt es überhaupt eine „zu große Zärtlichkeit“?), ist bei Beethoven Musik geworden.
    Das „Herz im Kopf“: Ist nicht das Herz als Zentrum der Humanität zugleich des Inbegriff des Fremden (und jede Xenophobie eo ipso herzlos)? Das Votum für die Fremden macht (Grund und Kern der Barmherzigkeit) aus dem steinernen ein fleischernes Herz.
    Wenn einmal die Geschichte der Sexualmoral, die weniger ein Teil der christlichen als vielmehr einer der Weltgeschichte ist, begriffen wird, wird man mit Erschrecken auch den Grund der Abtreibungsdebatte erkennen.
    Beruhen nicht die spezielle Relativitätstheorie Einsteins und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit darauf, daß die Form des Raumes auch noch gegen das Inertialsystem als Referenzsystem festgehalten wird, während seine Metrik (und damit seine Beziehung zur Zeit und zur Materie) in den Wirbel mit hereingezogen wird, den das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erzeugt?
    Das Inertialsystem zieht der Natur die Haut vom Leibe; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die zugehörige Elektrodynamik ist gleichsam die von der Haut getrennte Oberfläche des offenen Fleisches. So ist sie ganz nackt, ganz aufgedeckte Blöße, und hat kein Feigenblatt, sich zu bedecken.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Ist das gleiche nicht auch den Tieren, nur als bloß leidenden Objekten, widerfahren?
    Sind Texte (Problem des Ursprungs der Schrift) nicht Ausdruck der Scham, Versuche, die Blöße zu bedecken? Ist das „Fell“, das Gott den Menschen gab, ihre Blöße zu bedecken, die Thora?
    „Boaz steht zu Jachin wie Garizim zu Ebal – wie der Segen zum Fluch“ (Ranke-Graves: Die weiße Göttin, S. 221, Anm.)
    Der Hinweis (ebd., S. 245), daß die Unreinheit nach dem levitischen Gesetz Heiligkeit, nicht Verworfenheit bedeutet, ist sehr weitreichend.
    Über Schweinehirten vgl. ebd. S. 258.
    S. 253: Merkur erfand das Alphabet, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte.
    Es gibt heute fließende Übergänge von Reklame zu Information und Unterhaltung: Gründe des Rechtsradikalismus.
    Der Naturbegriff (der die Idee der Auferstehung ausschließt) ist der ewige Karfreitag.
    Das kantische Motiv der „Menschheit in uns“ ist von den nachfolgenden Idealisten durch das Ich ersetzt, neutralisiert und so verraten worden.
    Zum Problem des Ödipus-Komplexes: Der Weltbegriff gründet in der Tat im Vatermord, in der Neutralisierung der Herrschaftskritik, in deren Konsequenz diese Mordbeziehung liegt. Der Weltbegriff ist das gegenständliche Korrelat der Brüderhorde. Und die verdeckte und entstellte Erinnerung des Vatermordes überlebt im Naturbegriff. Der Weltbegriff ist der Deckel auf dem Grab des ermordeten Vaters. Und wenn nach Hegel „die Idee die Natur frei aus sich entläßt“, so erinnert das eher an die im Grunde der Zivilisation schlummernde faschistische Mordlust (die am Ende freigesetzt wird, wenn es nicht gelingt, sie durch Reflexion aufzuheben) als an die Schöpfungsidee, mit der Hegels Konstrukt immer verwechselt wurde.
    Als Boris Becker vor einigen Jahren nach einem gewonnenen Spiel einmal sagte: die ganze Bedeutung dieses Spiels werde man erst in zwanzig Jahren ermessen können, lag dem das gleiche Zeitverständnis und der gleiche Gedächtnisschwund zugrunde, die heute insbesondere das Verhältnis zur Vergangenheit insgesamt bestimmen. Heideggers „Seinsvergessenheit“ bezeichnet das genaue Gegenteil dieses Gedächtnisschwunds, zu dessen Ursachen vielmehr die Ontologie gehört: Es gibt keine Erinnerung ohne Seinsvergessenheit.

  • 12.11.92

    Wie hängt die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld mit dem Eigentumsbegriff zusammen (Sein als potentielles Eigentum)?
    Es gibt keine benennende Kraft des Begriffs. Zwischen Name und Begriff ist streng zu scheiden; insoweit ist die nominalistische Kritik am Realismus irreversibel. Damit hängt es zusammen, wenn es gegen jede Wahrheit eine dialektische Volte gibt, und ebenfalls, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (aus Gründen der Beweislogik).
    Die drei Freiheitsgrade des Raumes hängen auf eine höchst vertrackte Weise mit der Geschichte der Freiheit zusammen. Unter dem Titel des liberum arbitrium ist im Grunde immer schon das Inertialsystem diskutiert worden. Genauer: das Thema liberum arbitrium war der Beginn einer logischen Verstrickung, die im Inertialsystem und in der freien Marktwirtschaft endete – und heute (in der Marktideologie) fast unlösbar geworden ist. Die Geschichte von Buridans Esel war ein Exempel, an dem auch die Gleichwertigkeit aller Richtungen im Raum, seine Isotropie, demonstriert worden ist; sie war ein Vorläufer des Relativitätsprinzips. Sie war ein Orthogonalitäts-Exempel, und damit ein Hinweis auf den unendlich aufklärungsbedürftigen Zusammenhang von Orthodoxie und Orthogonalität.
    Zum Begriff der unreinen Geister: Es gab einmal den Titel „Genie und Wahnsinn“. Der Bedeutungswandel, den der Begriff Wahnsinn dann durchgemacht hat, und die Bedeutung, die er insbesondere in den letzten Jahren angenommen hat, ist ein geschichtsphilosophischer Index, an dem sich der Stellenwert der Psychose ablesen läßt, insbesondere, wie nahe er dem, was man geneigt ist, normal zu nennen, bereits gekommen ist.
    Die Welt ist längst zu jenem Schuldverschubsystem geworden, in dem das Spielchen „Wer ist unschuldig“ längst an den Dingen nichts mehr ändert, es sei denn, daß es nur noch zur Erhaltung des Schuldverschubsystems beiträgt und zu den Gründen gehört, aus denen das ganze Medien- und Informationswesen den Gesetzen der Unterhaltung sich anpaßt: zum Drachenfutter wird, dessen Wert sich am Sensatiosngehalt mißt. Auch hier hat es nach dem Ende des Faschismus einen Modernisierungsschub gegeben, dessen Schrittmacher die BILD-Zeitung war. Dem kann – so scheint es -heute keine Institution des Medienwesens sich mehr entziehen. Hier greift auch der Begriff Kulturindustrie bereits zu kurz, weil er inzwischen ins Affirmative gewendet werden konnte.
    Ist nicht die Abtreibungsdebatte die letzte Station in der Geschichte der christlichen Sexualmoral, die seit ihrem Beginn ein Mittel der Anpassung an die Welt und der Unterbindung von Herrschaftskritik war und von Anfang an projektive Züge trug. Die Sexualmoral ist ein Vexierbild, dessen Entschlüsselung genau ins Zentrum der politischen Aufklärung stößt. Es gibt in der Tat ein absolutes Abtreibungsverbot, aber das bezieht sich auf eine Abtreibung, die an ganz anderer Stelle stattfindet, nämlich genau an der Stelle, die in der Geschichte der drei Leugnungen Petri mit der Selbstverfluchung bezeichnet wird. Die Trennung von Begriff und Objekt ist ein Reflex der Trennung des Privaten vom Politischen; das Objekt ist der idiotes. Aber in dieser Trennung ist das Problem der Sexualmoral begründet: Was im prophetischen Ursprung allein in der politschen Anwendung Sinn ergibt, wird mit der christlichen Rezeption des Weltbegriffs, mit dem Ursprung des Objektivationsprozesses, entpolitisiert, privatisiert, idiotisiert. In der Lösung des Problems der Sexualmoral steckt die Lösung des Problems des Namens, seiner erkennenden Kraft.
    Bezeichnet nicht der Schluß in der Logik, den Hegel als den zu sich selbst gekommenen Begriff erkennt, den Knoten, den zu lösen der Kirche aufgegeben ist. Im Schluß vollendet sich die Verinnerlichung des Schicksals, die philosophische Kritik des Mythos, die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld. Der Schluß ist die instrumentalisierte Versöhnung, die Vergegenständlichung des Gerichts, Grund der Vergesellschaftung (Verinnerlichung und Vergegenständlichung) des Opfers im Objekt.
    Die apokalyptische Dimension des vierten Gebots wird begriffen, wenn es auf die Schuld der Väter und Sünden der Mutter in der Konstituierung des Objektbegriffs bezogen wird.

  • 11.11.92

    Zur Deklination: In der Physik werden Nominativ und Akkusativ (Subjekt und Objekt), in der Ökonomie Genitiv und Dativ (Herrschaft und Gnade, Erwerb und Geschenk) ununterscheidbar. Ist die Ökonomie (Welt als zweite Natur) feminin und die Physik (nicht als Inbegriff der Natur, sondern des Wissens) neutrum?
    Warum wird beim Genitiv und Dativ femininum im Deutschen der bestimmte Artikel des Nomintativ masculinum verwendet (im Lateinischen die Nominativ-Endung des Plural); und warum ist (im Deutschen) die Deklination der Artikel des Singular femininum identisch mit der des Plural?
    Im Englischen unterscheiden sich Genitiv und Dativ geschlechtsunabhängig durch die Präpositionen of und to (das gleiche to charakterisiert den Infinitiv). Hier ist die Differenz weder am Artikel noch an der Endung des Substantivs zu erkennen. Gibt es einen Zusammenhang mit der anderen Wurzel und Bedeutung des „Seins“, des (anders verdinglichenden) to be? Ist Heideggers Fundamentalontologie ins Englische übersetzbar?
    Sind Nominativ und Akkusativ vorn und hinten, Genitiv und Dativ rechts und links, und aktiv und passiv oben und unten? In welcher Beziehung stehen die Deklinationen zur Bildung des Futur II? Das Sein löst das „Aktiv“ in lauter Schicksal auf; darin gründet seine „verandernde“ Kraft. Die Ontologie ist der Staub, von dem im Fluch über die Schlange und über Adam die Rede ist.
    Die normative Kraft des Faktischen, oder der Indikativ als Imperativ.
    Die Fundamentalontologie ist in der Tat in ihrem Kern faschistisch, sie liefert zugleich das Feigenblatt mit. In seiner ernstesten Gestalt ist der Faschismus nicht an dem Grobraster von Symptomen zu erkennen, auf den er heute reduziert wird (wie z.B. Rassismus).
    Das Inertialsystem als Todesgrenze trennt auch die bewußt ablaufenden Prozesse von den automatisch sich selbst regulierenden Prozessen (die physiologischen Abläufe im Körper, die Bewegungen der Sternenwelt und die politisch-ökonomischen Prozesse). Es trennt das Bewußtsein vom Unbewußten; insbesondere versteinert es – als Reflex der Selbsterhaltung – das Herz. Der Geist hat in der Tat etwas mit dem pneuma, dem Atem, zu tun: An der Neutralisierung des Heiligen Geistes erstickt die Kirche, erstickt der Glaube, ersticken die Christen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt“: das ist die Luft, die die Menschen zum Atmen brauchen.
    Die christliche Sexualmoral ist der genaue (nur unaufgeklärte) Ausdruck des grammatischen Schicksals des femininum: die Nichtunterscheidbarkeit von Genitiv und Dativ im femininum macht jede Sexualität zur Vergewaltigung oder zur Prostitution. Hier gründet der prophetische Begriff der Unzucht, der Hurerei (das Objekt ist das Objekt der Begierde).
    Wenn das Neutrum der Staub ist, aus dem Adam ist und zu dem er wird, und den die Schlange frißt, ist dann die säkularisierte Welt (die durch den Weltbegriff verhexte Schöpfung) die Wüste (die Wüste beim vierzigjährigen Exodus, die Wüste vor der Versuchung Jesu, die Wüste der Eremiten, die der Welt entsagen)?
    Beziehung der casus zur Zeit: Alle stehen unter dem Primat der Vergangenheit:
    – der Genitiv unter dem der abgeschlossenen,
    – der Dativ unter dem der nicht abgeschlossenen,
    – der Akkusativ unter dem der zukünftigen Vergangenheit (Futur II als Grundlage des Objektbegriffs).
    Nur der Nominativ, das mit Namen benannte Subjekt des Urteils (an dessen Stelle in der transzendentalen Logik das Objekt tritt), ist präsentisch.
    Gegen die kantische Auflösung der Antinomie der reinen Vernunft, die – so Hegel – durch diese Auflösung (die Verlegung des Widerspruchs ins Subjekt) die Welt (in der Vorstellung der Dinge an sich) unangetastet läßt, sagt Hegel: „Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen, ihn dagegen in den Geist, in die Vernunft zu verlegen und darin unaufgelöst bestehen zu lassen.“ (Hegels Logik, Bd. I, S. 236) Aber dieses Argument ist ambivalent, es läßt den kantischen Hinweis auf den transzendentalen Charakter der Begriffe Welt und Natur (die beide Kant zufolge nur auf das Gesamt der Erscheinungen, nicht auf die Dinge an sich sich beziehen) unbeachtet, und es kehrt sich aufgrund des Festhaltens am vorkritischen Weltbegriff am Ende (im Begriff des Weltgerichts) gegen Hegel selber. Wie nahe Hegel dem gekommen ist, darauf verweist der übernächste Satz: „Die sogenannte Welt aber … entbehrt darum des Widerspruchs nicht und nirgends, vermag ihn aber nicht zu ertragen und ist darum dem Entstehen und Vergehen preisgegeben.“ (Ebd.) Gilt das nur für die Dinge in ihr, oder auch für die Welt selber?
    Ist das E = m.c2 der verkehrte Ausdruck jener Macht, die den Himmel aufspannt? Und ist es nicht die Physik, die den Himmel wie eine Buchrolle aufrollt?
    Die Schnittfläche des Knotens, die Begriff und Objekt trennt, ist die heute alles durchdringende Gewalt des Weltbegriffs. Und spüren wir nicht den Schmerz nur deshalb nicht, weil wir völlig desensibiliert sind? Und ist die Aufhebung dieser Desensibilisierung jenes Feuer, das in der christlich-theologischen Tradition Fegfeuer und Hölle heißt, in der biblischen Tradition mit dem apokalyptischen Weltenbrand gemeint ist? Sind nicht Einsteins Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Strahlungsgesetz ein erster Vorbegriff dieses (in die Struktur der Formen der Anschauung selber eingreifenden) Feuers? Und ist es dieses Feuer (das Autodafe des Objekts), das den Begriff von der benennenden Kraft der Sprache trennt?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie