Wie man, ohne zu erröten, den Satz niederschreiben kann (Z. 801) „Kein Charisma enthebt der Pflicht, die Hirten der Kirche zu ehren und ihnen zu gehorchen“ ist mir ein Rätsel. Hierzu wäre nur an Mt 1623 („Weiche von mir, Satan“) zu erinnern, aber auch an das Wort „Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen“ und an die Geschichte von den drei Leugnungen.
Ist nicht die Sprache des Katechismus eine Herrensprache, aber eine, die ihre Autoren selber nicht mehr verstehen, und von der sie auch nicht erwarten, daß andere sie verstehen (sie wünschen es nicht einmal); sie hoffen nur, daß sie auf die Leser Eindruck macht.
Durch den Begriff des „Prophetenamts“ wird die Prophetie zu einer Sache der Hierarchie und Verwaltung, die, wenn sie eine Beziehung dazu hätte, höchstens als Objekt der Prophetie sich begreifen ließe.
„Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“ (Mt 79f) Aber die Kirche gibt ihren Gläubigen diesen Katechismus!
Wenn die Kirche der Leib Christi ist, dann der Sprachleib, der sich mit der Fähigkeit der Schuldreflexion bildet. Die Kirche lebt allein aus der Kraft der benennenden Sprache, die sie verschleudert hat.
Der Akt der Selbstverfluchung ist einer, in dem nicht die Kirche auf sich selbst sich bezieht (das wäre ein Akt, der die Welt nichts angeht), sondern in der Beziehung von Kirche und Welt sich konstituiert: er ist das Produkt der Verstrickung und der Identifikation der Kirche mit der Welt. Die Kirche ist in der Tat das sprachliche Herz der Welt, aber das versteinerte. Es geht nicht um die Rettung der Kirche, sondern um die der Welt. Abgestiegen zur Unterwelt, aber die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.
Ist nicht das Dogma der Kelch, von dem Er gewünscht und erhofft hatte, er möge an ihm vorübergehen?
Liegt die Differenz zwischen dem Kelch des Herrn und dem der Dämonen in dem Moment der Reflexion? Der Kelch des Herrn ist der Wein, der zu Blut wird: die Prophetie; er wird zum Kelch der Dämonen durch die Verblendung: durch das fehlende Bewußtsein, daß es der Zornes- und Taumelkelch ist: der Kelch der Dämonen ist die Philosophie (die nur durch das Bewußtsein ihrer selbst zur Prophetie wird).
Der Weltbegriff ist durch seine Bindung an die Mathematik ein dezisionistischer Begriff (Konsequenzen für die Erkenntnis der Genesis des Nationalismus und der modernen Astronomie).
Der bestimmte Artikel zerstört die benennende Kraft der Sprache. Er verwandelt jeden Namen in einen Begriff, nachweisbar an der Redewendung „Wir Deutschen“, die korrekt „Wir Deutsche“ lauten müßte, in der gebräuchlichen Fassung aber Ausdruck der Selbstobjektivierung ist, in seiner vollständigen Fassung „Wir, die Deutschen“ heißen müßte und eigentlich der genaueste Ausdruck des pathologischen Selbstverständnisses ist, das in der deutschen Variante der Schicksalsidee und des Volksbegriff sich manifestiert.
Ist nicht der bestimmte Artikel Ausdruck einer Form der Beziehung zur Objektivität, die als Vorläufer (und Statthalter) des Fernsehens in der Sprache sich begreifen läßt? Wird die Sprache nicht durch die dem bestimmten Artikel zugrundeliegende Sprachlogik in eine Beziehung zur Objektivität gerückt, die den Naturwissenschaften und deren Vulgarisationsformen, insbesondere dem Fernsehen, entspricht? Das heißt: Die Existenz des Fernsehens ist auch ein sprachlicher Sachverhalt: die Leugnung der Wurzel.
Daß die Nomina im Deutschen großgeschrieben werden, hängt mit der Funktion und dem Stellenwert des bestimmten Artikels in der deutschen Sprache zusammen.
Bemerkenswert die Beziehung der bestimmten Artikel zu den Personalpronomina: Dem „der, die, das“ liegen offensichtlich die Personalpronomina 3. Pers. sing.: „er, sie, es“ zugrunde. Zugleich sind die bestimmten Artikel im Deutschen die Ausdrucksträger der Deklination, mit charakteristischen Varianten in den genera:
– Basis ist offensichtlich der allein vollständig durchdeklinierten männliche Artikel (der, des, dem, den),
– von dem der Artikel des Neutrums abgeleitet ist (mit der Identität von Nominativ und Akkusativ),
– während im Femininum neben der Identität von Nominativ und Akkusativ zusätzlich die fehlende Unterscheidung von Genitiv und Dativ auffällt, für die dann auch noch der männliche Artikel des Nominativ (der) eintritt.
Der durchdeklinierte feminine Artikel ist zugleich der für alle geltende Artikel des Plural (ähnlich übrigens wie das Personalpronomen der 3. Pers. plur. identisch ist mit dem der 3. Per. sing. fem.). Gibt es zu der darin sich ausdrückenden Sprachlogik eine Entsprechung in anderen Sprachen?
Ist nicht das Heideggersche Dasein eine Emanation des bestimmten Artikels (und dieser das letzte stumme Helden-Denkmal der Weltgeschichte der Sprachverwirrung: des Zerfalls der benennenden Kraft der Sprache)?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des bestimmten Artikels im Deutschen und der Form der Anrede von erwachsenen Personen durch die 3. Pers. plur. („Sie“)? Sind Großschreibung und Plural Majestatis nicht Stationen in der Geschichte der Herrschaft und des Weltbegriffs?
Sind Talar und Ornat Feigenblatt oder Tierfell (oder der Strauch, hinter dem Adam sich versteckte)? Aber auf jedenfall etwas, hinter dem die Person sich verbergen kann, mit dem sie ihre Blöße bedeckt.
Heute besteht die Gefahr, daß die Natur siegt, daß die Vergangenheit die Zukunft verschlingt. Dagegen steht nur das Wort: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.
Der Katechismus ist ein entsetzlicher Ausdruck der Desensibilisierung, der Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen: Dieser Autismus ist ein Produkt des Rechtfertigungszwanges, in den die Kirche mit der Rezeption des Weltbegriffs sich verstrickt hat.
Johannes Eriugena hat einmal anhand der Geschichte vom Feigenblatt nach dem Sündenfall auf den unterschiedlichen Gebrauch der Schrift hingewiesen: den produktiven, fruchtbringenden im Kontext der Suche nach Gerechtigkeit, der Gottesfurcht und des Gottsuchens, und den, der die Schrift als Feigenblatt mißbraucht, um die eigene Blöße damit zu bedecken: den vom Rechtfertigungszwang determinierten Gebrauch. Ist etwa die Kirche der Feigenbaum, der keine Frucht mehr bringt (Mt 2119ff)?
Sind nicht die Röcke aus Tierfell, die Gott den ersten Menschen nach dem Sündenfall gab, sowohl ein Mittel zur Bedeckung der Scham als auch Ausdruck der Scham: das Substrat der Herrschaftsgeschichte? Gehört in diesen Zusammenhang auch die Geschichte vom Rock, der ohne Naht war (Joh 1923f), und über den die Soldaten das Los geworfen haben.
Die Geschichte der Beziehung von Öffentlichkeit und Privatsphäre ist ein Teil der Geschichte der Scham. Die Fixierung der Medien aufs Aufdecken der Blöße hängt zusammen mit dem Satz: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Geht es nicht bei der Verlosung des Rockes um diese Nacktheit (und ihren Zusammenhang mit dem Tod)? Frage: Würden es die Kirche und würden es die Gläubigen ertragen, wenn der Gekreuzigte ohne Lendenschurz dargestellt würde? Hängt nicht das Knechts-und Sklavensymbol der Tradition auch mit dieser Aufdeckung der Blöße zusammen? Ist der Kreuzestod nicht u.a. auch die Antwort auf das Aufdecken der Blöße des andern: die Fähigkeit, mit dem Aufdecken der eigenen Blöße rational umzugehen, die letzte Konsequenz aus der Übernahme der Sünden der Welt. Liegt hier nicht der einzige befreiende Gebrauch des Bekenntnisbegriffs: daß der Schuldzusammenhang zerrissen wird durch das Bekenntnis „ich war’s“.
Dadurch, daß ich ohne mein eigenes Zutun in den Schuldzusammenhang der Welt, in die ich hineingeboren werde, deren Tradition, deren Sprache und Institutionen ich durch meine Existenz mittrage, verstrickt werde, bin ich Mittäter der Sünde Adams. Das ist die Begründung der Notwendigkeit von Erinnerungsarbeit. Ich kann mich klein machen und die Last der Vergangenheit auf die Erben abwälzen; so haben’s alle getan. Aber bin ich damit entschuldigt?
Zur Verstrickung der Kirche in den historischen Prozeß und zu den drei Leugnungen: „Amen, Amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!“ (Joh 2118f)
Die Sexualmoral ist die Unzucht, die sie vorgibt zu verurteilen.
Zum Katechismus: Hier erkennt die Kirche den Balken im eigenen nur noch als Splitter im Auge des andern (kasuistische Moral).
Das Feigenblatt und das Hinter dem Rücken als Instrumente eines Schuldverschubsystems.
Der Gedanke, daß das kreisende Flammenschwert, mit dem der Kerub den Eingang des Paradieses bewacht, das Planetensystem ist, wäre zu ergänzen: Ist der Eingang des Pardieses nicht aus der Sicht der aus dem Paradies Vertriebenen die Pforte der Hölle, in der wir mit der Kirche sind?
Zu Velikovsky und Heinsohn: Ist die Venuskatastrophe vielleicht ein Stück vergangener Zukunft?
Erinnerungsarbeit: Theologie als Balanceakt ohne Netz.
Ist nicht die Form der äußeren Anschauung vor dem Hintergrund der Rosenzweigschen Konstruktion des Angesichts einäugig (das andere Auge ist – wie beim Blick durchs Fernrohr oder über die Zielvorrichtung einer Waffe – durch die Form der „inneren Anschauung“ geschlossen)? Das Anschauen ist das regungslose, empfindungslose, vergegenständlichende und vedinglichende Anschauen; aber es gibt einen anderen, teilnehmenden Blick. Der Raum ist in der Tat als Form der äußeren Anschauung einseitig, während das Licht das Gesehenwerden (und das Bewußtsein, gesehen zu werden) mit einschließt. Das wechselseitige fixierende Anschauen weist auf Stoßmechanik und Konkurrenzverhältnisse zurück.
Sind nicht der Golfkrieg und danach die Bosnienkatastrophe ein Beweis der Nichtfunktionalität und damit der Überflüssigkeit der militärischen Rüstung? Wenn Generale den Politikern klarmachen, daß der militärische Apparat, den sie beherrschen, für ein Eingreifen in diesen Konflikt nicht geeignet sei, so ist das eine Bankrotterklärung, die wahrscheinlich den Sachverhalt genau widergibt, aus der man aber auch dann die Konsequenzen ziehen sollte. Ist nicht diese Militärmaschine nur noch einsetzbar, wenn man die Auslöschung der Menschheit und das Ende der Geschichte in Kauf nimmt?
Erfahren die Kinder heute die Erwachsenenwelt als eine gegen sie verschworene Gemeinschaft, die die Gewalt hat, auch in ihrer Gegenwart unreflektiert und unsensibel über sie zu reden, aber nicht mehr die Kraft, ihre Erfahrungen zur Kenntnis zu nehmen und nachzuvollziehen. Hat die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt nicht Ähnlichkeit mit der, die das Inertialsystem von der sinnlich erfahrenen Natur trennt?
Dieser Katechismus ist eine Gebrauchsanweisung für Religionsmanager und -techniker, aber ohne jede Erinnerung an das, was einmal lebendiger Glaube hieß. Er ist nur noch eine Verführung zum Herrendenken, zu der die Kirche heute zu werden droht.
Die Bekehrung steht im Banne der Herrschaft, aus dem allein die Umkehr herausführt.
In Eph 39 (Einheitsübersetzung) wird aionos mit Ewigkeit übersetzt (sonst mit Welt!).
Rosenzweig
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19.05.93
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18.05.93
Die Schuldbeziehung auf eine vergangene Sünde: auf eine vergangene Tat oder Unterlassung, ist der Grund des Begriffs und der Herrschaft (und der Grund des Weltbegriffs).
Katechismus, Ziffer 762: „Schon die Propheten klagen Israel an, es habe den Bund gebrochen und sich wie eine Dirne benommen.“ -Suggeriert dieser Satz nicht die Konsequenz: Wieviel mehr Grund haben wir, die wir als Christen die Erfüllung der Prophetie repräsentieren, Israel anzuklagen (mit dem komfortablen Nebeneffekt, daß wir die „Unheils“-Prophetie nicht mehr auf uns zu beziehen brauchen, der prophetischen Kritik entzogen sind)?
– So wird die Reflexion aus der Theologie ausgetrieben und der Antijudaismus zurückgeholt (Juden gehören, wie Andersgläubige und Frauen, zu denen, „über die man heute nicht mehr offen sprechen darf“).
– Gleichzeitig wird die politische Bedeutung des biblischen Begriffs der Unzucht neutralisiert und die Moral sexualisiert.
Dazu paßt der Satz: „Gemäß dem Plane Gottes (den die Autoren des Katechismus hier schlicht zu kennen vorgeben, H.H.) steht das Exil bereits im Schatten des Kreuzes, und der heilige Rest, der zurückkehrt, ist eines der deutlichsten Bilder der Kirche“ (Z. 710).
Die kasuistische Moral zerbricht sich den Kopf der Leute, weil sie davon ausgeht, daß sie keinen haben.
Der Sündenfall bezieht sich präzise auf das durch den Weltbegriff abgedeckte Verdinglichungskonzept.
Das Verbot, das Unkraut vor der Zeit auszureißen, heißt nicht, daß man es vorher nicht einmal sehen darf: dann nämlich sieht man es, wenn die Zeit da ist, auch nicht mehr.
Der unsägliche Satz, „die Kirche (sei) gesandt, das Mysterium der Gemeinschaft der heiligsten Dreifaltigkeit zu verkünden“ (Ziffer 738), verdrängt, daß am Ende „Gott alles in allem“ sein wird.
Wenn die „erste Wirkung der Liebe die Vergebung unserer Sünden“ (Ziffer 734) ist, wie steht es dann mit den Werken der Barmherzigkeit und mit dem „was ihr dem Geringsten … getan habt“? Muß man auch ihnen erst „ihre Sünden vergeben“? Aber hierzu paßt die die Identifizierung der Armen mit den „demütigen und sanften Menschen“ (Z. 716).
„An den Heiligen Geist glauben heißt also bekennen, daß der Heilige Geist eine der Personen der heiligsten Dreifaltigkeit ist“ (Z. 685): Was ist dann die Sünde wider den Heiligen Geist? Und ist es dieser Geist, von der es heißt, daß er uns beistehen wird, wenn die Welt uns haßt? (Aber um den Satz zu begreifen, muß man begriffen haben, was es mit der Welt auf sich hat.)
„Kein Mensch, selbst nicht der größte Heilige, wäre imstande, die Sünden aller Menschen auf sich zu laden …“ (Z. 616) Das mag stimmen, aber
– es geht nicht um die „Sünden aller Menschen“, sondern um die „Sünden der Welt“, und
– es heißt nicht „auf sich laden“ (vgl. die Sprache der Schlange in der Geschichte vom Sündenfall), sondern „auf sich nehmen“ (nicht „hinwegnehmen“); hier (in Joh 129) steht das gleiche Verb wie im Nachfolgegebot („wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“), und
– auch wenn es „kein Mensch“ kann, drückt sich nicht in diesem Nicht-Können genau die Gottesfurcht aus, die der Anfang der Weisheit ist, jedoch im Katechismus nicht vorkommt.
Wird hier nicht zugleich das Nachfolgegebot (das, wie es scheint, auch im Katechismus nicht vorkommt) geleugnet?
Was soll es eigentlich bedeuten, wenn Maria zum „brennenden Dornbusch der endgültigen Theophanie“ ernannt wird? Franz Rosenzweig hat sowas einmal die Vermanschung der Symbole genannt.
Die Kirchengeschichte enthält nicht u.a. auch „bedauerliche Vorkommnisse“, von denen man besser „absehen“ sollte (Z. 2298), sondern sie ist insgesamt die Geschichte der Ärgernisse, von denen es heißt, sie müssen kommen, aber wehe denen, durch die sie kommen. Würden die Autoren des Katechismus die Kirchengeschichte kennen und wären sie wirklich an der Sache der Theologie interessiert, müßten sie wissen, daß ein durch Rechtfertigungszwänge determiniertes Kirchenbild den Erinnerungsweg der Erkenntnis blockiert und nur noch verworfen ist.
Innerhalb der Rachelogik, die der Bekenntnislogik zugrundliegt, hat das Blut einen anderen Stellenwert als innerhalb der messianischen und parakletischen Logik. Wäre die Welt und wären die Menschen in dem Sinne „durch Sein Blut erlöst“, den die kirchliche Vorstellungskraft sich heute ausmalt, so wäre Gott wie nur der schlimmste Götze dem Blutrausch verfallen. Aber Jesus sitzt nach der Schrift zur Rechten, nicht zur Linken des Vaters (vgl. hierzu die Bücher Jona und Tobit: das Geschlecht, das Rechts und Links nicht mehr unterscheiden kann, bleibt zwar verschont, aber am Ende wird Ninive doch zerstört).
Das falsche Zeugnis ist das für andere Zwecke instrumentalisierte Zeugnis. Das Kriterium ist nicht allein das der „objektiven Wahrheit“, sondern ebenso das der Reflexion von Mittel und Zwecken. Das Verbot des falschen Zeugnisses richtet sich gegen die Instrumentalisierung der Sprache. Aber genau ihr ist die kirchliche Tradition zum Opfer gefallen.
Der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff, der auf die Instrumentalisierung der Welt hinausläuft, gibt die Welt frei für die Zwecke der Herrschenden, macht diese Zwecke unkritisierbar. Das drückt sich in dem Tabu, das auf dem teleologischen Denken liegt, aus.
Drückt nicht in allen Wörtern mit -ng- Angst sich aus? Ist Angst nicht einfach nur der Superlativ des -ng-, die Steigerung des Dings? (Enge, bange, Strang, Schlinge, Zange, hängen, fangen, wringen, singen, Gesang; auch in den Verbalsubstantiven auf -ung drückt sich, ähnlich wie in Ding, Ring, das Abschnürende, die Subsumtion der Tat unter die Vergangenheit aus; aber was bedeuten Junge, Lunge, Zunge?)
Hängt das Suffix -heit mit dem Heiteren, der Heiterkeit, mit Aufheitern zusammen?
Ist nicht dieser Katechismus Produkt einer ebenso umfangreichen wie nachhaltigen Anstrengung, die Nachfolge aus dem Blickfeld zu rücken? Kein Katechismus für Jünger?
Vom Lamm ist nur das Schaf geblieben, das zur Schlachtbank geführt wird. Die andere Konnotation: das „Auf-sich-Nehmen“ der Sünden der Welt, ist durch Vergöttlichung verdrängt worden.
Steht etwas im Katechismus über die Bergpredigt oder über die Lehre Jesu (außer im Kontext der sakramentalistischen Verdrängung)? (Die Vorstellung, Ziel der Schriften des NT sei die Offenbarung der Lehre von der heiligsten Dreifaltigkeit, ist Hegelianismus.)
Die Gottesfurcht ist nicht identisch mit der Ehrfurcht; heute, nachdem der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge vorübergehen, endgültig getrunken worden ist, ist die Beziehung beider durch den historischen Prozeß zu der eines nicht mehr überbrückbaren Gegensatzes geworden.
Gegen die Opfertheologie steht auch das Schriftwort „Ein Gottesfluch ist der Gepfählte“. Diesen Fluch hat die Kirche versucht, als Akt der Gnade zu begreifen; sie hat damit die Gnade selber instrumentalisiert: zum Objekt des Fluchs gemacht.
War die Oper die Antwort der Musik auf die Ästhetisierung der Welt durch den Absolutismus, und in ihr der Gesang ein Versuch, die Zeit anzuhalten. -
15.05.93
Katechismus, Ziffer 157: „Der Glaube ist gewiß, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann.“ So offen operiert der Katechismus mit Zirkelschlüssen, nachdem er gerade (Ziffer 156) dargetan hat, daß der „Beweggrund, zu glauben, … nicht darin (liege), daß die geoffenbarten Wahrheiten im Lichte unserer natürlichen Vernunft wahr und einleuchtend erscheinen. Wir glauben wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann.“ Worauf beruht die „Gewißheit des Glaubens“, insbesondere die, daß die „Autorität“, in der er gründet, die „des offenbarenden Gottes selbst“ ist?
Der Spagat zwischen Fundamentalismus und Wissenschaftsgläubigkeit wäre wohl nicht auszuhalten, wenn es nicht geheime Verbindungslinien zwischen den Prämissen beider gäbe. Vgl. Ziffer 159 zu Glaube und Wissenschaft.
Aber muß sich dieser Katechismus nicht auch dem Wort stellen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das gilt insbesondere auch für die merkwürdige Trinitätsspekulation (während die Nachfolge im ganzen Katechismus nicht vorkommt: wird sie durch das Trinitätskonstrukt ersetzt?). Insbesondere hier, in der Trinitätsspekulation, hat man das Gefühl, daß die Autoren sich selber Trost und Mut zusprechen (im Dunkeln pfeifen). War die Trinitätslehre der Preis für die Instrumentalisierung der Religion (im Kontext dieser Tr. ist eine Theologie im Angesicht Gottes undenkbar)? Und hängt sie nicht insofern mit dem Weltbegriff zusammen, als sie die Erinnerungsarbeit nicht nur verweigert, sondern den Schein erzeugt, sie sei unnnötig, überflüssig. Diese Tr. ist der Deckel auf der Vergangenheit, das eigentliche Herrschaftsmittel. Was ist das für eine „Seligkeit Gottes in sich selber“, wenn ihr jegliche Sensibilität für das, was außer ihm geschieht, fehlt, wenn ihr der Zustand der Welt schlicht gleichgültig ist? Konsequenterweise wird die „Auflehnung gegen das Übel in der Welt“ zu den Ursachen des Vergessens, der Verkennung, ja der ausdrücklichen Zurückweisung der „innigsten und lebenskräftigsten Verbindung mit Gott“ gezählt, Ziffer 29: War Hiob Atheist? Und ist der hier zugrundegelegte Begriff des seligen Lebens nicht die genaueste Beschreibung des Autismus, die dann das Wort, die Sprache, weil sie für sie gegenstandslos geworden sind, leugnet (in logischer Konsequenz einer Theologie hinter dem Rücken Gottes, in der die Sprache durch die Sexualität, die Zunge durch den Phallus, ersetzt wird)? So hat die Kirche Gott, die Welt und uns alle zum Schweigen gebracht.
Ziffer 314: Die Ästhetisierung des Bösen (das „Drama des Bösen und der Sünde“) ist eine notwendige Folge der Instrumentalisierung des Opfers (und des Ursprungs der Religion, der mit der Instrumentalisierung des Opfers zusammenfällt): der Unfähigkeit, dem realen Grauen standzuhalten. So wird „die Ermordung des Sohnes Gottes“ (wo ist die biblische Grundlage dieses antisemitischen Begriffs?) zum „schlimmsten moralischen Übel, das je begangen wurde“ (Ziffer 312). Das steht 50 Jahre nach Auschwitz, und im gleichen Jahr, in dem katholische Kroaten, muslimische Bosnier und orthodoxe Serben sich gegenseitig umbringen, im Katechismus der Katholischen Kirche!
Die vergegenständlichte Trinititätslehre ist ein Produkt der Ausblendung und Verdrängung der Nachfolge und der Umkehr (der Austreibung der Nächstenliebe und der Gottesfurcht). Aber bisher konnte der Schaden der Theologie (der Dornen, des Unkrauts und des steinigen Grundes) noch durch die humanisierende Kraft der Texte der Schrift eingedämmt werden.
Dieser Katechismus handelt nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.
Die Perversion der kirchlichen Theologie liegt darin, daß sie die Trinitätslehre, anstatt sie als Ausdruck des Schmerzes zu begreifen, in einen Ausdruck der Befreiung und des seligen Lebens umgelogen hat. Hier liegt der Grund des pathologisch guten Gewissens und der Gemeinheitsautomatik, die den Faschismus in Europa ermöglicht haben. Die Idee des seligen Lebens Gottes in sich selber ist der Zucker, mit dem das Opfer der Vernunft versüßt wird.
Die Trinitätslehre ist das kreisende Flammenschwert, mit dem der Cherub den Eingang des Paradieses bewacht.
Die Trinitätslehre ist die vergegenständlichte und so verdrängte Umkehr (die Vorstellung vom seligen Leben Gottes in sich selber das dem Bilderverbot unterliegende Bild dieser Umkehr, eigentlich ein Bild der Vergewaltigung, der Einheit von Trunkenheit, Gewalt und Desensibilisierung).
Wie hängen Trinititätslehre und die kopernikanische Wende mit einander zusammen (zum Begriff der Umkehr)?
Woher kommt es, daß Katholiken Biertrinker und Fleischesser sind?
Das „Wenn die Welt euch haßt“ ist über die Identifikation mit dem Aggressor: über die affirmative Rezeption des Weltbegriffs (das Trinken des Kelches) am Ende zum Selbsthaß, zum Grund der Selbstverfluchung, geworden.
Klingt nicht in der Selbstverfluchung Petri das Motiv der Sünde wider den Heiligen Geist an? Dagegen steht nur das „und er ging hinaus und weinte bitterlich“ und der Satz, daß „die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen“.
Die Autoren des Katechismus sprechen über die Schrift wie Vertreter des Wiener Kreises über die Kunst.
Wenn die Autoren des Katechismus die Sprache des AT als Bildersprache denunzieren, so gehört das mit zum Zusammenhang der Neutralisierung der Sprache, zum Kontext des kirchlichen Autismus (ihrer „Dialog“-Unfähigkeit).
Aber „Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt“ (Jes 5511).
Sind nicht Empfindlichkeiten generell pathologische Symptome?
Wenn die Trinitätslehre der Inhalt, ja die Erfüllung der göttlichen Offenbarung, und darin die Erlösung beschlossen wäre, dürfte sie nicht die paranoischen Folgen haben, die sie offensichtlich hat.
Ist nicht der Begriff einer „ewigen Ordnung der göttlichen Personen“ eine contradictio in adjecto: gleichsam ein Stück Isolationshaft?
Der Interpretation der Trinitätslehre im Katechismus widersprechen doch sehr deutlich Stellen wie die vom „Sitzen zur Rechten des Vaters“, über die johanneischen Texte zum Parakleten, zum Heiligen Geist, bis hin zu den Dingen, die nach den Worten Jesu dem Vater vorbehalten sind.
Ist nicht die Trinitätslehre Produkt der Inertialisierung der Theologie, der Subsumtion der Theologie unters Inertialsystem (der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, Bedingung der Objektivierung). Die Trinitätslehre ist ein Stück Bekehrungstheologie, aber damit das Gegenteil einer Theologie der Umkehr (des Namens und des Angesichts). Es bleibt beim autoritären Gehorsam, die Ohren bleiben geschlossen.
Die Kirche hat den Kelch getrunken, von dem Jesus in Getsemane gehofft hat, er möge an ihm vorübergehen. Aber das Kreuz hat sie nicht auf sich genommen.
Die Trinitätslehre, wenn sie einmal begriffen wird, wird sich als der Gegenstand der Todesangst Jesu in Getsemane erweisen.
Der hakeldama, das „Blut, das vom Acker zu mir schreit“ und das auf die erde geschüttete Blut beim Opfer (zusammen mit dem Verbot, Blut zu trinken): welcher Zusammanhang mit der Eucharistie?
Ist die Kirche nicht eher das ägyptische Sklavenhaus als Babel (das Sklavenhaus der schechina)? Vgl. die Beziehung von Theologia und Oikonomia bei den Kirchenvätern (Ziffer 236), auch „Heilsökonomie“.
Gliederung der Kritik des Katechismus:
– Sünden der Welt (Übernahme, nicht Hinwegnahme; Begriff der Welt),
– theologischer Ursprung der Naturwissenschaft (Verweltlichung der Welt), Naturwissenschaften als „Kloß im Hals der Theologie“, -Kritik der Trinitätslehre (Folge der Rezeption des Weltbegriffs, Ursprung der Bekenntnislogik, entstellter Inbegriff der Umkehr), die dreifache Leugnung und der Hahn,
– Das Lachen und die Austreibung der Dämonen, Weinen und Erinnerungsarbeit als Trauerarbeit (Kreuzestod kein Gegenstand der Empörung),
– Getsemane und der Kelch (Todesangst und Weltbegriff), die Trinitätslehre und das kreisende Flammenschwert,
– Philosophie und Prophetie, die Barbaren und die Hebräer (Natur und Materie), Name und Begriff.
War die Dogmatisierung der homousia ein Werk des Heiligen Geistes, und Konstantin sein Instrument? Oder gehört sie zu jenen Ärgernissen, von denen es heißt, sie müssen kommen, aber wehe denen, durch die sie kommen.
In der Tat die Verweltlichung der Welt christlichen Ursprungs.
Die nach Rosenzweig nicht unerhebliche Frage, ob Künstler selig werden können, wäre endlich auch auf Theologen anzuwenden. ist nicht die Theologie – nach der Kunst – zur letzten Bastion des Mythos geworden? Und sind nicht die Bekenntnislogik, die Trinitätslehre und die Opfertheologie durch die Anpassung an die Welt erzwungene Machinationen zur Abwehr und Verhinderung der Umkehr?
Ist nicht der verdinglichte Zeugungsbegriff in der Trinitätslehre eine Ersatzbildung für den verlorenen Begriff der Erkenntnis, und das „Hervorgehen“ (des Heiligen Geistes) ein Produkt der Neutralisierung der messianischen Wehen?
Das positivistische Dogmenverständnis, der Preis für die Rezeption der Philosophie, erzeugt durch das hierzu erforderliche Bindemittel der Bekenntnislogik eine hochexplosive Mischung.
Die Trinitätslehre als Theologendroge (Theologie als Theologie für Theologen).
Der Begriff der Kontingenz, den Theologen gerne nutzen, ist ein metaphysischer Totschlagebegriff. Er dispensiert von Differenzierung und Reflexion.
Was hat es eigentlich mit den „Fleischtöpfen Ägyptens“ auf sich? -
13.05.93
Ist nicht das „Wachet und betet“ in Getsemane auf die beiden Augen (den Unterschied des rechten und linken Auges) bezogen (vgl. Sohar, S. 77)?
„Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ (Ez 3626)
Zur Theologie Jes 287: Priester und Propheten schwanken vom Bier, sind überwältigt vom Wein.
Zur Politik Jes 2814ff: Darum hört das Wort des Herrn, ihr Spötter, ihr Sprüchemacher bei diesem Volk in Jerusalem. Ihr habt gesagt: Wir haben mit dem Tod ein Bündnis geschlossen, wir haben mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht. Wenn die Flut heranbraust, erreicht sie uns nicht; denn wir haben unsere Zuflucht zur Lüge genommen und uns hinter der Täuschung versteckt. …
Den Anfang des Stern der Erlösung (die Todesfurcht) anstatt auf die Erfahrung des ersten Weltkriegs auf Getsemane beziehen.
Warum hat eigentlich niemand aus der Nazi-Parole Blut und Boden das hakeldama, den Blutacker, herausgehört?
Ist nicht der Begriff der Rasse ein Versuch, die in der Schrift noch unterschiedenen Begriffe Stämme, Völker, Sprachen und Nationen gleichnamig zu machen, in einem Objekt zusammenzuziehen? Und bietet sich da nicht das Deutsche als gleichsam natürlicher Bezugsrahmen an?
Vaterland und Muttersprache, oder die Schuld der Väter und die Sünden der Mütter.
Ist nicht die Biologisierung der Sprachgeschichte durch den Rassebegriff eine Verschiebung: Verdrängt sie nicht die Erinnerung an den Sprachleib?
War das peri physeos der Vorsokratiker nicht eine Abwehrwaffe gegen die Schrecken der Mächte der Vergangenheit?
… Hier gilt: Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren.
Ist nicht das Inertialsystem ein Spinnennetz; und gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach der Begattung frißt?
Die Bemerkung im Sohar, „daß es das Ich ist, welches die Flut bringt“ (S. 119) wird durch den Satz des Tales: „Alles ist Wasser“ bestätigt: Die Hegelsche Philosophie ist die Sintflut (die vom Ich überschwemmte Welt).
Idee einer Gestalt der Erkenntnis, die dadurch frei ist, daß sie den Rechtfertigungszwängen (der normativen Gewalt des Begriffs des Wissens) entronnen ist: Sie konvergiert mit dem Begriff einer Erkenntnis, die sich die Idee des seligen Lebens nicht ausreden läßt. Bangemachen gilt nicht.
Als Walter Benjamin (und nach ihm auch Ernst Bloch) einmal den „berühmten Rabbi“ zitierten, als welcher sich dann später Gerschom Scholem bekannt hat, haben sie da nicht den Hahn und den Messias verwechselt. Die geringfügige Änderung, die alles zurechtrückt, betrifft den Gebrauch des Weltbegriffs.
Das Dogma ist die versteinerte Wahrheit, und durch das Dogma zum steinernen Herzen der Welt geworden. Bezieht sich darauf nicht die Geschichte vom Hahn?
Zum Hinter dem Rücken gehört Benjamins Wort über Franz Rosenzweig, er habe es vermocht, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, und die Übernahme der Last: der Sünden der Welt. Nicht nur stellvertretend die Schuld der Welt auf sich nehmen, sondern real, durch das Bekenntnis „ich war’s“: die Sünden der Welt. Aber das ist schwierig, fast unmöglich, in einer Welt, die vom Schuldverschubsystem lebt, sich vom Drachenfutter nährt.
Das Problem der Beziehung von Philosophie und Prophetie ist das Problem der Beziehung von Name und Begriff, von Im Angesicht und Hinter dem Rücken und von Sünde und Umkehr.
Im Symbolum wurde das Bekenntnis noch als ein Metaphorikum begriffen.
Ist die feministische Theologie heute nicht in der Situation der Martha (oder war es Maria?), die angesichts des toten Lazarus zu Jesus sagte: Herr, er riecht schon? Über das tote Mädchen sagte Jesus: Sie ist nicht tot, sie schläft nur.
In Büchners „Lenz“ gibt es die Szene, in der der verwirrte Lenz ein verstorbenes Kind ins Leben zurückzurufen versucht („Sehen Sie, Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten“). Dem folgt die Stelle, an der Lenz real begreift, daß der Mond nur eine Steinwüste ist, und „in diesem Moment griff mit einem entsetzlichen Lachen der Atheismus in ihm Platz“. Dieses Lachen begreift mehr von der Physik und vom „naturwissenschaftlichen Weltbild“ als alle theologischen Harmonisierungsversuche. Und nach diesem Lachen (als Mimesis ans Subjektlose), meine ich, reicht die Wahrnehmung, daß Jesus in den Evangelien nie lacht, wohl aber die Dämonen austreibt, sehr nahe an den Wahrheitsgehalt der Evangelien heran.
Im autoritären Denken (im Konkretismus und in der Personalisierung) präokkupiert der Herr die Stelle der Armen und Fremden. Hier liegt der Grund des Gebrauchs der projektiven Begriffe Barbaren, Natur und Materie, von dem das autoritäre Syndrom (Zusammenhang mit der Struktur der „indogermanischen“ Sprachen?) nicht abzulösen ist. -
12.05.93
„Alle, die Deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle.“ (Ps 119165, Einheitsübersetzung) Die gleiche Stelle wird im Sohar (Diederichs gelbe Reihe, S. 35) so übersetzt: „Friede viel denen, die Deine Thora lieben.“ Ist überall da, wo christlich vom Heil die Rede ist, der Friede gemeint? In der deutschen Übersetzung von Lukas und Johannes wird soteria (Rettung, wahrscheinlich über lateinisch salus) mit Heil übersetzt.
Welt und Natur verhalten sich nicht wie Familien- und Vorname, sondern wie die heute so beliebten Doppelnamen.
Das Problem der Metaphorik hängt mit dem der Vermittlung, und d.h. mit dem der Genesis des Nominalismus zusammen.
In Ps 119.126 wird, was Franz Rosenzweig mit „zernichten“ übersetzt, im Sohar mit „gebrochen haben“ übersetzt (S. 27). Steht dieses Zerbrechen für das Problem der Vermittlung und der Metaphorik? Und ist die Bruchstelle die Welt? Hegel hat den Anfang gemacht mit der Reflexion dieses Bruchs (als Reflexion des Urteils), nur daß Hegel, anstatt das Zerbrochene zusammenzufügen, den Bruch totalisiert.
Sind die drei evangelischen Räte nicht eine genauere Bestimmung dessen, was bei Johannes dem Täufer Umkehr, Buße heißt (vgl. auch die Buße im Buch Jonas)?
Ist nicht die Kirche als apostolische Bekenntnisgemeinschaft die auf der Basis des Weltbegriffs reflektierte Stammesgemeinschaft? Und ist nicht unsere Blindheit, Taubheit und Lahmheit durch die Kirche versiegelt: Wie hängen die Blinden, die Tauben und die Lahmen in den Evangelien mit den drei evangelischen Räten zusammen?
– Die Taubheit gehört offenkundig zum „Gehorsam“ (zum Herschaftssyndrom), aber wie lassen sich Blindheit und Lähmung der Armut und der Keuschheit zuordnen?
– Heilt die Keuschheit von der Blindheit (Verblendung), und die Armut von der Lähmung (inertia, Trägheit)?
Durch die Vergöttlichung Jesu wurde der Logos von der Schuldreflexion entlastet, damit aber auch die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt. So wurde der Logos zur Hypostase des Begriffs.
Im Gefängnis gibt es drei Ausbruchswege: das Durchsägen der Gitter, die Überwältigung des Wärters und der Tunnel durch den Boden. Auf jeden Fall ist es falsch, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
Der Weltbegriff enthält in sich ein dezisionistisches Moment: Quellpunkt des Gewaltmonopols des Staates. Das Ordnungsprinzip, das der Weltbegriff repräsentiert, wirkt durch Gesetze; diese aber sind durch Strafen in der Realität zu verankern. Das Strafbedürfnis in der Gesellschaft ist ein Gradmesser des historischen Stands der Geschichte des Weltbegriffs: der „Verweltlichung der Welt“.
Der Verlust der Fähigkeit, die subjektiven Formen der Anschauung zu reflektieren, ist Produkt einer Entscheidung: Darin steckt das dezisionistische Moment. Der Begriff des Wissens verdankt sich der Abstraktion von der Schuldreflektion: Deshalb ist dieses Abstraktiosngesetz in die Grundlagen des Wissenschaftsbetriebs mit eingebaut.
Bezeichnet nicht die Zwei-Naturen-Lehre in der Christologie aufs genaueste die Vergöttlichungsfalle, in die das Christentum hineingeraten ist? Um den Kreuzestod instrumentalisieren zu können, mußte Jesus nachträglich noch zweimal totgeschlagen werden: als Gott und als Mensch.
Die gesamte Geschichte der Verweltlichung läuft über den Naturbegriff.
Die Übersetzung von Nachfolge mit „imitatio“, ein Wort, das wiederum mit Nachahmung und nicht mit Nachfolge übersetzt werden müßte, liegt genau in der blasphemischen Tradition der dogmatischen Theologie. Hier wird die in Selbstmitleid gründende und Selbstmitleid produzierende Leidensmystik initiiert, die das reale Leiden in der Welt dem Blick und der Reflexion entzieht, die Reinheit der Sensibilität in die unreinen Gefilde der Empfindlichkeit transponiert und so das Gefühl (den Statthalter der inertia, der Trägheit im Subjekt) begründet, indem sie es demoralisiert. Die Empfindlichkeit ist Grund und Produkt der Sprachverwirrung (wäre an Kohl und der Kopenhagener Schule zu demonstrieren: beide stehen in der nominalistischen Tradition, sind Produkt der Unfähigkeit, sie durch Reflexion wieder sprachfähig zu machen).
Steht nicht die politische Nutzung von Sprachregelungen in einer Tradition, die ebenfalls theologischen Ursprungs ist, nämlich in der der Apologetik? Es gibt heute einen katholischen Positivismus (eine „Wissenschaftsgläubigkeit“), der die Autorität, den letzten, verwesenden Rest des Dogmas, mit Mitteln rechtfertigt, die die Fähigkeit zur Sprachreflexion im Grunde destruiert, die verhindert, daß das Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt.
Kohl steht in der katholischen Tradition, die soweit ist, daß sie auch des Prinzips der Rechtfertigung entbehren kann. Das „Aussitzen“ Kohls ist ein Teil seiner Fähigkeit, mit der Methode des „Haltet den Dieb“ schon im vorhinein alle die Stellen zu besetzen, von denen der Angriff kommen könnte (von denen die Rechtfertigungszwänge ausgehen können). Es ist diese Herrschaft über die Definition der Mittel der politischen Auseinandersetzung, die ihm die Vorteile des Igels verschafft, der immer sagen kann „Ick bün all do“, während der Hase SPD sich die Seele aus dem Leibe läuft. Kohl braucht nur sitzen zu bleiben, um immer da zu sein, wo andere hinwollen.
Hat es eigentlich nicht immer schon diese Korrespondenzen in der Politik gegeben, die an Figuren wie
– Stalin und Hitler,
– Adenauer, Pius XII,
– Kennedy, Chruschtschow, Johannes XXIII, Brandt,
– heute an Kohl, Johannes Paul II, Gorbatschow und Jelzin, Reagan und Bush
sich festmachen läßt? -
28.04.93
Wenn die Mathematiker des 16. Jahrhunderts vom „natürlichen Licht“ des Verstandes sprechen, dann meinten sie das „Licht“ der Mathematik.
Der Punkt ist die Grenze einer Geraden, die Gerade die Grenze einer Fläche und die Fläche die Grenze eines Körpers. Trennt der Körper das Innere vom Äußeren? Aber was ist dann das „Innere“?
Der Nenner und das Gleichnamig-Machen: Zerstörung des Namens (der benennenden Kraft der Sprache) durch die Form der Anschauung, oder der gemeinsame mathematische Ursprung des Objektbegriffs und des Identitätsprinzips.
Plus und Minus in der Mathematik: Die Null gibt es real (als Ergebnis) nur im Bereich der Addition und Subtraktion, dann (als Operator) wieder beim Potenzieren. Die Null ist in beiden Fällen die Grenze von Plus und Minus (ähnlich wie auch der Punkt, die Gerade, die Fläche und der Körper Grenzen sind).
Sind nicht die imaginären Zahlen ein Produkt der analytischen Geometrie?
Die Beziehung der Kopula (des „Seins“) zum Gleichheitszeichen ist der Grund der Beziehung des Begriffs zur Mathematik: der Usurpation der benennenden Kraft der Sprache durch die Funktion des Nenners (der Verschlingung der Finalursachen durchs Kausalprinzip und der Zerstörung der begründenden und argumentierenden Kraft der Sprache; Verhexung der Logik und Einlaß der Gewalt, letztlich des Gewaltmonopols des Staates, in die Sprache: Produkt der idealisierenden Gewalt des Raumes).
„Unseren täglichen Hunger gib uns heute.“ (Anders, II, S. 16) Der anwachsende Reichtum ist eine Funktion der potenzierten Bedürfnisse, der Bedarfsgüter mit eigenen Bedürfnissen (bedürfniserzeugenden Bedürfnissen), wie Auto, Wohnung, Haus u.ä..
Ist die dritte Leugnung die Sünde wider den Heiligen Geist (deshalb die Selbstverfluchung)? Beziehen sich die Sünden wider den Vater und den Sohn auf die erste und zweite Leugnung?
Zur Rekonstruktion des Weltuntergangs: Vor hundert Jahren gab es den Geheimrat, heute gibt es den Geheimdienst.
Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und der Sieg des Kapitalismus (der „freien Marktwirtschaft“) gründet nicht nur in Taten und Unterlassungen, sondern vorab im Prinzip des Nicht-erwischt-Werdens. Die Kompetenz des Kapitalismus bei der Verwertung der Ressource Feigenblatt war größer, sie ist durch die kostenlose Lieferung eines Sündenbocks, auf den man alles abwälzen kann, erheblich gesteigert worden. Ist hier wirklich eine Situation entstanden, der die Theorie nicht mehr gewachsen ist (Habermas: Neue Unübersichtlichkeit)?
Christliche Zoologie: Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.
Hatte die Schelersche „Gesamtperson“ nicht doch etwas mit Behemot zu tun, dem „Gesamttier“?
Wie verhalten sich die Begriffe Subjekt und Person: Das Subjekt ist das Korrelat des philosophischen, die Person das des politischen Weltbegriffs. Das Subjekt ist der Grund der Fähigkeit der Begriffsbildung, die Person Grund der Fähigkeit, die eigenen Taten zu verantworten.
War nicht Sokrates der philosophisch neutralisierte Held, sein Tod das Opfer der Philosophie an die Polis, und so die Geburt der Person? Nicht zufällig entspringt hier die philosophische Unsterblichkeitslehre.
Zur Geschichte der Scham: Heute ist die Welt, die einmal das Siegel des Ursprungs der Scham war, selber das letzte Objekt der Scham geworden. Subjekt-Objekt der Erkenntnis der Nackheit ist die Welt.
Es genügt heute nicht mehr, nur über Bäume zu reden. Heute müssen wir über Astronomie und über den Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung insgesamt reden. Und wenn es dann wieder notwendig wird, über Bäume zu reden, dann über die Geschichte und die Geschichte der Beziehung des Baumes der Erkenntnis und des Baums des Lebens.
Rosenzweigs Wort an die Adresse Eugen Rosenstocks: Vermanschen Sie die Symbole nicht, trifft heute die gesamte Theologie.
Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet: Gilt das auch für das Richten eines Hauses?
Ist Kanaan ein stammesgeschichtlicher, ein politischer oder ein gesellschaftlicher Name („Händler“)? Und wer waren die Philister?
– Gen 918: Ham ist der Vater Kanaans.
– 925: Und er sprach: Verflucht sei Kanaan. Der niedrigste Knecht sei er seinen Brüdern.
– 106: Die Söhne Hams sind Kusch, Mizrajim, Put und Kanaan.
– 1015ff: Kanaan zeugte Sidon, seinen Erstgeborenen, und Het, ferner die Jebusiter, die Amoriter, die Girgaschiter, die Hiwiter, die Arkiter, die Siniter, die Arwaditer, die Zemariter und die Hamatiter.
Nach Gen 1014 zeugte Mizrajim (auch ein Sohn Hams) u.a. die Kasluhiter, von denen die Philister abstammen. -
22.04.93
Wächst nicht die Hörigkeit in dem gleichen Maße, in dem die Fähigkeit zu hören abnimmt? Wobei diese Fähigkeit zu hören als Fähigkeit zu bewußtem, grammatisch reflektierten und metaphorischem Hören zu bestimmen wäre. Das metaphorische Hören, ein durchscheinendes Hören, ist das Produkt des ersten Schöpfungstages, der Erschaffung des Lichts, während das verdinglichende Hören, jede Art von Konkretismus, oder die Vereidigung des Denkens auf das tode ti, letztlich die Raumvorstellung und seine Konsequenz, das Inertialsystem, das Licht aus der Sprache und aus dem Denken austreibt (dialogisches Denken wird wahr erst, wenn es als das Licht in der Sprache sich begreift, anstatt sich selbst durch seine Beziehung zum „Gespräch“ und zur „Begegnung“ konkretistisch zu neutralisieren). Die traditionelle christliche Interpretation des evangelischen Rats des Gehorsams war autoritär, weil sie im Bann des verdinglichenden Denkens stand; sie hat das wirkliche Hören verdrängt und am Ende auch noch die Erinnerung daran ausgelöscht.
Wird nicht das Angesicht der Erde in der Herrschaftsgeschichte ebensosehr unterdrückt und entstellt wie es in dieser Geschichte zugleich auch erst bildet?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Metaphorik und Umkehr? Sind nicht vor allem die Pflanzen (und auf besondere Weise die Bäume) metaphorische Wesen? (Welches ungelöste Rätsel steckt in den Tieren?)
Das Dogma ist sowohl das Unkraut, unter das der Weizen fiel, als auch der Scheffel, unter den das Licht gestellt wurde.
Das Inertialsystem ist ein Grenzbegriff der Sprache, genauer: die Todesgrenze der Sprache (Zerstörung des metaphorischen Elements: seitdem ist der Name Schall und Rauch). Es abstrahiert vom Gesehenwerden (und macht damit auch das Sehen unerklärbar); eben deshalb verfällt es ihm. Hier wird den Dingen dasselbe angetan wie Gott in der Theologie hinter seinem Rücken.
Das, wovon die Naturwissenschaften abstrahieren, wird in der politischen Ökonomie selber wiederum verdinglicht.
Haben wir die Tatsache, daß jede Vergangenheit die Vergangenheit von etwas ist, nicht unmittelbar vor Augen?
Die ganze Welt ist zum Feigenblatt geworden, aber war sie das nicht seit dem Ursprung des Weltbegriffs?
Zum Binden und Lösen: Paulus hat dieses Lösen genauestens bezeichnet, wenn er darauf hinweist, daß die ganze Kreatur seufzt und in Wehen liegt und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet.
Wäre nicht heute die Rosenzweigsche Reihe Schöpfung Offenbarung Erlösung umzukehren? Liegt nicht für uns die Erlösung vor der Offenbarung, und diese vor der Schöpfung?
Schuld wird nicht an sich, sondern nur im Urteil erkannt. Im Urteil wird zur Schuld verurteilt. Schuld ist Ausdruck einer Herrschafts- und Verblendungsbeziehung; deshalb gibt es keine Freiheit ohne Fähigkeit zur Schuldreflektion (ohne Sprachreflektion).
Ist nicht die Geschichte mit David, Urija dem Hetiter und dessen Frau Batseba, die dann die Frau Davids wurde und ihm, nach dem Tod des Erstgeborenen, den Salomo geboren hat (2 Sam 11f), auch ein Stück Prophetie?
Verhalten sich Konsonanten und Vokale nicht wie Form und Farbe? Und ist das Inertialsystem zwar inhaltlich eine Konsequenz aus der Struktur der indogermanischen Sprache, formal aber „konsonantisch“ wie das Hebräische?
Die Forderung an die Kirche, sich endlich mit der Geschichte des Antisemitismus, der Ketzerverfolgung und der Hexenverfolgung auseinanderzusetzen, ist eine Aufforderung an die Kirche, sich mit der Bekenntnislogik und mit den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, mit der genetischen Beziehung der Bekenntnislogik zur naturwissenschaftlichen Aufklärung, zum Inertialsystem. -
21.04.93
Nach Günther Anders haben Nacktheit und „das Gesicht verlieren“ etwas gemeinsam: Wenn Gesichter nackt werden, verwandeln sie sich in einen bloßen „Körperteil …, dessen nacktes und unkontrolliertes Aussehen das von Schulter oder Gesäß an Ebenbildlichkeit um nichts mehr übertrifft“ (S. 86).
Sind Fälschungen (z.B. im Mittelalter) nicht Begleitphänomene der Instrumentalisierung: Hier kommt es nicht mehr darauf an, ob es stimmt, was behauptet wird, sondern primär darauf, welchen Zwecken es dient. Der Nominalismus sanktioniert die Bindung der Wahrheit an Zwecke. Das Tabu, auch Produkt einer „Fälschung“, ist eine gesellschaftlich instrumentalisierte Schamgrenze: Wie hängen die Fälschungen im Mittelalter mit den „religiösen Bewegungen“ des Mittelalters zusammen? M.a.W. handelt es sich überhaupt um „Fälschungen“, können es nicht auch Begleitphänomene kollektiver, herrschaftsgeschichtlicher Verdrängungen, wie die nachfolgende Geschichte der Hexenverfolgungen und des Antisemitismus, sein? Waren in der Ursprungsgeschichte des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ die Legitimationsbedürfnisse anders zu befriedigen? Welche Legitimationsbedürfnisse werden heute z.B. durch das Konzept der „Tiefenzeit“ befriedigt? Muß man nicht den moralischen Ton aus dem Begriff der Fälschung herausnehmen?
Die Verwandlung der Anschauungs- in die analytische Geometrie ist der Beginn der Totalisierung und Vergesellschaftung von Herrschaft.
Zur Geschichte des Ursprungs der Raumvorstellung, Raum und Scham: Die Raumvorstellung entspringt mit dem „und da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, m.a.W. sie ist ohne Scham nicht zu haben. Jeglicher Mythos beruht auf der Unfähigkeit zur Reflexion der Scham, auf der Verdrängung der Scham.
Die kausale Verknüpfung von Sünde und Schuld ist auch ein Mittel der Exkulpierung durch Verdrängung, insbesondere wenn in die Definition der Sünde die Vorstellung mit hereingenommen wird, man könne sich durch Nichthandeln von der Sünde freihalten.
Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae: Dieser Geist konstituiert sich in der Kritik des kopernikanischen Systems. Denn erst das kopernikanische System hat das Antlitz der Erde zerstört und jede Erinnerung daran verdrängt. Das Angesicht und die Umkehr haben nicht nur subjektive, sondern auch objektive Bedeutung; die Richtungen im Raum (vorn und hinten, rechts und links, oben und unten) sind nicht nur auf den menschlichen Leib bezogen, sondern haben mit den Himmelsrichtungen, dem Himmel und der Scheol zu tun.
Das Licht ist das erste durchs Wort Erschaffene: Die Finsternis über dem Abgrund bezieht sich auf den Abgrund der Sprache, in dem die Sprache sich nicht wiederfindet, und die Finsternis drückt genau diese Ohnmacht der Sprache aus, die erst mit der Erschaffung des Lichts aufgehoben wird: Auch die Finsternis bestimmt sich aus ihrem Verhältnis zum Licht.
Die subjektiven Anschauungen bei Kant sind Produkt der Abstraktion vom Gesehenwerden, etwas, wohinter das Subjekt sich vor den Dingen versteckt. Und es ist genau diese Abstraktion, die als Begriff der Welt dann sich konstituiert. In der Welt darf man alles, sich nur nicht erwischen lassen.
Franz Rosenzweig spricht einmal von der verandernden Kraft des Seins: das Produkt dieser verandernden Kraft des Seins ist die Welt.
Das Objekt verhält sich zu den Formen der Anschauung wie das Subjekt zum Prädikat im Urteil. Über die Formen der Anschauung wird das Prädikat zum Begriff subjektiviert, wird die Subjektivität in die Objektivität so tief eingesenkt, daß sie fast nicht mehr davon zu unterscheiden ist.
Ist nicht die Vereinigungsmystik der Unzuchtsaspekt dieser Vermischung von Subjektivität und Objektivität, mit verschiedenen Phasen und Aspekten dieser Unzuchtsgeschichte (Ursprung des Patriarchats: Materiebegriff, griechische Päderastie: noesis noeseos, Rousseaus Inzest: Zurück zur Natur, faschistische Homosexualität: Judenmord, postmoderne Abstreibungsdebatte: Ende der Theologie – Entschlüsselung des evangelischen Rates der Keuschheit)? Die Raumschlinge wird immer enger (die ungeheure metaphorische Bedeutung der Stammheimer Selbstmorddiskussion und der Isolationshaft im Kontext des Problems der Instrumentalisierung des Opfers).
Ist nicht die Schrift nur verständlich, wenn die Ontologie als prima philosophia ersetzt wird durch die Ethik? Wenn Emanuel Levinas die Ethik als prima philosophia gleichsam als kantische verdammte Pflicht und Schuldigkeit faßt, als Geiselhaft im Angesicht des andern, so steht er noch unterm Bann des postmodernen Primats des Andern. Die Unterscheidung zwischen dem Andern und dem Fremden läßt in der „Geiselhaft“ das Moment der Befreiung aufleuchten. Die französische Postmoderne erinnert nicht zufällig (schon seit Sartre) an Fichte: Das/der Andere ist das Fichtesche Nicht-Ich, es bleibt im System; erst der Name des Fremden sprengt das System.
Sodom, Jericho und Gibea genau vergleichen: Wer sind die Fremden, wer die Aufnehmenden (wer wird gerettet?), wer die Gewalttätigen (nur in Jericho ist es der König?); welche Rolle spielen die Frauen in diesen Geschichten? Wie enden die Geschichten? Beziehungen zum Stammbaum Jesu (Rahab und Ruth, auch Bethlehem)?
Hat das Relativitätsprinzip genetisch etwas mit der Entdeckung der Perspektive in der Malerei zu tun, auch mit der Entdeckung des Porträts (nach dem Modell der Totenmaske)? Hinterm Porträt tauchte dann schon bald der Totenkopf auf, eine Entdeckung des Barock, aber seine Vorgeschichte liegt im Reliquienkult. Das Porträt war ein Symbol des aufsteigenden Bürgertums, der Totenkopf das des Absolutismus.
Bemerkungen zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Zusammenhang der Struktur des Inertialsystems mit der der indogermanischen Sprachen. Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird ein empirisches Moment zu einem Strukturelement des Systems. Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man das strukturelle Moment in der Sache festhalten könnte, aber das empirische Moment daran, der Wert der Lichtgeschwindigkeit, variabel wäre? Wäre es nicht denkbar, daß dieser Wert gekoppelt ist mit der Gravitationskonstanten (oder der Gravitationsbeschleunigung)?
Erinnern nicht die metaphorischen Elemente der Sprache an die „Sprache als Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung“? Ist nicht das Licht (auch die Schwere, das Spitze, das Stumpfe) ein sprachlicher Sachverhalt, bevor er ein empirischer ist?
Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt (Kritik des Dogmas und Metaphorik).
Wie kann man gegen die Abtreibung, aber gleichzeitig für die Genforschung sein? -
03.04.93
„Alle Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit (sc. die Einheit der Apperzeption) a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre“ (S. 212). Der Weltbegriff ist das Apriori der Natur; er bezieht sich ähnlich auf die Natur wie der Mythos (als Inbegriff der Kosmologien) auf die Opferreligion. Spiegeln die Opferreligionen (bis hin zum Christentum) nicht den „dynamischen“ Grund der Kosmologien?
„Die Schrift ist als eine Macht der Scheidung in die Welt gefahren.“ (Rosenzweig: Jehuda Halevi, S. 211) Ist das kreisende Flammenschwert des Cherubs vorm Paradies (auch) die Schrift? Liegt hier ein versteckter Hinweis auf die Beziehung des Ursprungs der Astronomie zum Ursprung der Schrift?
Das Inertialsystem ist der Blick von der Seite: Von welcher, und wie sieht’s von der anderen Seite aus?
Ist das Trockene des dritten Tages der Grund des Weltbegriffs, das sich aus den Wassern des Mythos erhebt, und die eine Stelle, an der sich die Wasser sammeln sollen: die Philosophie?
Zu Dt 205ff und Lk 1418ff: Wo liegen die Differenzen?
– Dt 20 bezieht sich auf die Vorbereitung zum Kampf gegen einen überlegenen Feind, Lk 1418 auf die Einladung zum Hochzeitsmahl;
– der erste und der dritte Punkt stimmen überein: der Kauf eines Ackers und die Heirat.
– an der zweiten Stelle steht im Dt „einer, der einen Weinberg anlegt und noch nicht die erste Lese gehalten hat“, bei Lk einer, der „fünf Ochsengespanne gekauft (hat) und … auf dem Wege (ist), sie mir genauer anzusehen“;
– der letzte Punkt aus Dt fehlt bei Lk: Ist unter euch einer, der sich fürchtet und keinen Mut hat? Er trete weg und kehre nach hause zurück.
Bei Mt (222ff) geht der eine auf seinen Acker, der zweite in in seinen Laden, andere fielen über die Boten her, mißhandelten sie und brachten sie um.
Das Sehen, überhaupt die sinnlichen Beziehungen zur Außenwelt, sind bei Tieren und Menschen Mittel der Orientierung und Hilfen der Selbsterhaltung. Mit der Organisation der sinnlichen Wahrnehmung ist (bei Tieren und Menschen) das Moment der Selbstbewegung verbunden. Diesen Zusammenhang (von sinnlicher Gegenständlichkeit und Instrumentalisierung) bildet die Arbeit und dann das Inertialsystem ab. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund das Fernsehen (generell die technische Reproduzierbarkeit der sinnlichen Welt), das nicht mehr unmittelbar auf die Außenwelt, sondern auf Bilder der Außenwelt sich bezieht? In welcher Beziehung steht die technische Reproduzierbarkeit der Außenwelt zum Bilderverbot? -
30.03.93
Reichtum ist, was alle andern dem Reichen schulden.
Der Gnadenschatz ist das von der Kirche verwaltete Erbe, daß Jesus durch seinen Tod erworben (oder produziert?) hat.
Nordafrika und Irland: Die Selbstbegründung des Christentums in der Provinz verdankt sich zunächst handelskapitalistischen (Nordafrika ist kanaanäisch) und dann agrarischen Bedingungen (vermittelt durchs irisch-schottische Mönchswesen). Die Scholastik trägt bereits frühkapitalistische Züge. Sie erweist sich am Ende als zweiter, diesmal regressiver Durchlauf des Mythos.
Die Rosenzweigsche Todesangst hat insofern etwas mit Getsemane zu tun, als sie, indem sie das All (das Universum) sprengt, sich in den drei Bruchstücken des Alls als Grund des Mythos wiedererkennt (Mensch, Welt, Gott).
Das Inertialsystem ist die Vergegenständlichung der Hegelschen List.
Zum Satz von Binden und Lösen gehört die apokalyptische Geschichte vom Millenarium. Das Millenarium selber bezeichnet die Zeit der Bindung. Aber diese Zeit ist auf tausend Jahre begrenzt: Für diese Zeit gilt das Wort vom Weizen und vom Unkraut.
Liefern die alten Dogmatiken (von Brinktrine oder Diekamp) gleichsam den Stoff für das Volkslied „Es klappern die Mühlen am rauschenden Bach“?
Ist nicht die gegenwärtige Welt ein Produkt der Instrumentalisierung des Sündenfalls (ein Produkt der Selbstreferenz der Instrumentalisierung)?
Im Angesicht und Hinter dem Rücken: Muß man nicht heute auch die andere Bedeutung (deren Realsymbol das Fernsehen ist) mit hereinnehmen, daß die neue Unmittelbarkeit, als restlos produzierte und in sich vermittelte, ihre eigenen säkularen Mysterien in sich verbirgt: um sie begreifen zu können, müßte man die Vorgänge hinter dem eigenen Rücken begreifen; deshalb die zwanghafte Neigung zur Paranoia, die das Fernsehen produziert (und in den Projektionsangeboten, die es liefert, zugleich ausbeutet). Dieser Geheimbereich, der in der Stasi der DDR sichtbar geworden ist, ist allgegenwärtig; sein Wachstum kann (wie das der Banken oder das des Militärs) als Maß des Fortschritts angesehen werden. Aber das Fernsehen ist nicht nur der Schein des verlorenen Angesichts, die Ausbeutung und Vermarktung seines Verlusts: es ist eine Station (wenn nicht die letzte) auf der Bahn seines Sturzes, die von den Gesetzen der Scham bestimmt wird („und sie erkannten, daß sie nackt waren“).
Wäre die Theologie seit Augustinus ohne das Konzept des Fegfeuers überhaupt zu retten gewesen: ohne die Instrumentalisierung und Relativierung der Dämonenfurcht? Das Fegfeuer ist Ausdruck des Katzenjammers nach dem augustinischen Konzept des seligen Lebens (Kater nach der Trunkenheit).
Merkwürdiger Eindruck: Der Hinweis Teilhard de Chardins, daß alle Tiere Produkte hypertropher Selbstinstrumentalisierung (mit Zentralorganen wie Hörnern, Zähnen, Klauen, Hufen) sind, läßt sich aufs deutlichste demonstrieren an der Mimikri, an der vollständigen Anpassung an die Umwelt (Zeichnung und Farbe der Schmetterlinge, Federkleid der Vögel): an dem Eindruck, daß die Wahrnehmung der Umwelt (die Farben der Äste, Blätter, Blüten) in die Produktion des eigenen Gesehenwerdens mit einfließt. Erinnert das nicht an das „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, an die Selbstwahrnehmung im Blick der andern? Gibt es einen Zusammenhang von Selbstinstrumentalisierung und Scham, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung? Aber wer blickt sie an?
Junge Tiere blicken intelligent, neugierig, aufmerksam; alte Tiere blicken dumm, verschlossen, enttäuscht, depressiv.
Wie der Benjaminsche Begriff der Aura scheint dieses Phänomen mit der Objektivität des Angesichts zusammenzuhängen, die zerstört, zersprengt wird durch die kantische subjektive Form der Anschauung: den Raum.
Die allverbreitete Verbrechensfurcht ist die projektive Verarbeitung der eigenen Schuldgefühle, die vom Besitz sich nicht ablösen lassen. -
23.03.93
Womit die Banken handeln: Ist es nicht schlicht und einfach fremder Leute Geld? Und sind die Banken nicht das Modell der repräsentativen Demokratie: Wie bei den Banken ihr Geld, so geben die Bürger bei der Wahl ihre Stimme ab; was dann mit beiden geschieht, darauf haben sie keinen Einfluß mehr, sie wissen es nicht einmal mehr (vgl. das Verhältnis von Kirche und Bekenntnis).
Was im Planetensystem selbsttätig, nämlich durchs Gravitationsgesetz, zu funktionieren scheint, muß im Geld-Kosmos durch Zentralbanken reguliert werden. Hat der Dopllereffekt etwas mit einer im Kosmos eingebauten Inflationsrate zu tun?
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn: Die Zuordnung der Planeten zu den Wochentagen entspricht nicht der Reihenfolge ihres Abstands von der Sonne.
Kann es sein, daß die Lösung des Rätsels der sogenannten Venus-Katastrophe in dem Satz liegt: Geld macht sinnlich. Und ist das nicht auch ein Hinweis auf das Verhältnis der Venus zum Merkur? Aber die Sinnlichkeit ist die Quelle der Gewalt und des Kriegs, die dann mit Hilfe des Rechts und des Staats zu domestizieren versucht worden sind. Aber sind diese Fortschritte nicht ebensosehr Rückfälle, Regressionen?
Ist nicht das Schema Hure/Heilige ein Nachklang des astrologischen Verhältnisses von Erde und Venus? Und ist nicht dieses Echo im Namen des Materialismus festgehalten, in dem die mater anklingt, aber auch das Geld, der Egoismus und die Sinnlichkeit, die Sexualität? Merkwürdig, daß Jupiter und Mars eher idealistische Konnotationen mit sich führen: Ist nicht der Gegensatz Idealismus/Materialismus an den Gegensatz von Welt und Natur gebunden?
Ist nicht das Rosenzweigsche Konzept der Umkehr der Versuch, das Ergebnis des Objektivationsprozesses von der Sünde der Instrumentalisierung zu erlösen? Und sind nicht in der Tat die Sünden der Welt die Sünden der Instrumentalisierung?
Das Herrendenken sanktioniert den Schuldzusammenhang, macht ihn zur Natur. Dagegen steht das verteidigende, parakletische Denken, auch im Verhältnis zur Natur: als Kritik und Auflösung des Naturbegriffs.
Mit der Trennung des jüdischen und christlichen Wegs, und der Anerkennung auch des christlichen Wegs, hat Franz Rosenzweig den Christen den Tikkun übertragen. Ist nicht Franz Rosenzweig Christ geworden, als er Jude blieb?
Waren nicht die Schreiber die Herren und Verwalter der Sprache?
Sind die Schafe mitsamt den Schäfern nicht ein entsetzliches Bild der Trägheit, und gehören dazu nicht die Hunde?
Das „Alte Testament“ ist die babylonische Gefangenschaft der Tora. Und hatte Jesus nicht recht, als er sagte, daß eher Himmel und Erde vergehen werden, bevor auch nur ein Jota vom Gesetz vergeht (vgl. Lk 1617): Himmel und Erde sind (mit dem Weltbegriff: dem Konzept der creatio mundi und der Entsühnung der Welt durch den sogenannten Opfertod am Kreuz) vergangen. Damit war auch die Tora vergangen, domestiziert, zu einer Waffe des Antijudaismus geworden. Die Erben der griechischen Barbaren: für die Christen waren das die Juden, die Heiden, die Ketzer (und die Erben der Natur und Materie? – Himmel und Hölle, die Eucharistie und das verdinglichte Wort?).
Haschamajim: Sind es nicht die Feuer der Kritik, die die unteren Wasser in die oberen, den Mythos in Segen verwandeln? Und bezieht sich darauf nicht das Wort vom Binden und Lösen? Die Gebete der Heiligen sind Gott ein süßer Geruch (Reinhold Schneider: Allein den Betern kann es noch gelingen …). Und: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Und wie froh wäre ich, es würde schon brennen. (Lk 1249) -
22.03.93
Ist der deutsche „Ernst“ (K.-H. Bohrer in der taz) nicht der tierische Ernst, und hängt er nicht mit der Bindung des Nationbegriffs an das Blut (mit der deutschen Staatsmetaphysik) zusammen?
„Jede Schuld rächt sich auf Erden“ (an wem?). Diese mythische Beziehung von Schuld und Rache ist die Geschäftsgrundlage des Strafrechts, gewinnt ihre volle mythischen Gewalt aber nur unter den Prämissen der deutschen Staatsmetaphysik, die glaubt, die Politik von der Politik erlösen, befreien zu können, die den Schein erzeugt, Politik könne durch Verwaltung ersetzt werden (durch den Rechtsstaat), und der Schein der Unschuld reiche aus, die politische Qualifikation zu beweisen. Sie ist eine Folge der unaufgearbeiteten Vergangenheit. Zu dieser nicht aufgearbeiteten Vergangenheit gehört auch das Fehlen eines Friedensvertrages: die Krisen der „Wiedervereinigung“, aber auch die Krisen in der dritten Welt, die nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Länder des Ostens (nach dem Ende der direkten Bedrohung) auf andere Weise nach Europa zurückkehren, sich in Jugoslawien und jetzt in den aus der Sowjet-Union hervorgegangenen Staaten reproduzieren, lassen das Versäumnis spürbar werden: Es ist nicht gelungen, reale Grundlagen für die veränderten Verhältnisse zu schaffen, ja, der Mangel wird nicht einmal gefühlt. Und niemand scheint in der Lage zu sein, die Dinge vom Grunde her zu bereinigen: Aber ist das nicht vielleicht sogar objektiv unmöglich geworden? Alle schlittern in Katastrophen hinein und niemand weiß, weshalb.
Ist nicht der Satz, der Staat sei der Schöpfer der Welt, insoweit umkehrbar (und auch umzukehren), als sich jetzt herausstellt, daß die Welt Schöpferin des Staates ist, die in ihm nur den Schein eines Herrn erzeugt, den sie aber dann in ihren Orkus mit hereinreißen wird, wenn die Dinge endlich selber Herr des Prozesses werden, in dem sie einmal entsprungen sind.
Die jüngstvergangene Mode ist das Längstvergangene.
Engholms Satz, daß man vor dem Einsatz der Bundeswehr außerhalb der NATO „die Familien befragen“ müsse, ist so brav, so privatistisch und so unpolitisch wie dieser ganze Mann. Hier läuft wieder einer in die Exkulpationsfallen hinein, in denen die Politik heute verkommt. Zu fragen wäre,
– ob es überhaupt sinnvoll ist, in diesem Weltzustand (der zugleich keine andere Alternative zuzulassen scheint) noch Politik auf militärische Gewalt zu gründen,
– ob den objektiven Aufgaben des Militärs (Sicherung der Einrichtungen und der Versorgung der Metropolen) das Institut einer allgemeinen Wehrpflicht noch gerecht werden kann, ob nicht eine Freiwilligen-Armee (eine Art Fremdenlegion der NATO) den Aufgaben besser gerecht würde.
– Die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht aus anderen (staatspolitischen, „erzieherischen“) Gründen, zum Zweck der „inneren Stabilisierung“ des Gemeinwesens, ist objektiv nicht zu begründen, es sei denn, man würde offen für einen faschistischen Staat votieren.
Es sind offensichtlich die naheliegendsten Gedanken, die keiner mehr offen auszusprechen (und in der Folge keiner mehr zu denken) wagt: Jeder hat Angst, von der Schubkraft des Bestehenden fortgespült zu werden. Das Denkbare ist zum Undenkbaren geworden. Aber sind die Probleme, die jetzt an allen Ecken und Enden der Welt aufbrechen, noch mit den Kurzschluß-Methoden einer Politik zu lösen, in der durch die wechselseitige Kontrolle aller sichergestellt wird, daß keiner mehr politisch zu denken wagt.
Ist das „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ (sic, B.H.) nicht das Gegenteil des Denkens: eine exkulpierende Instanz? Ist hier nicht die Leerstelle, in der dann die Nationalismen und die Bekenntnisse sich ansiedeln? Das Kind der illegitimen Beziehung beider ist der Faschismus.
In der Studie über den autoritären Charakter gibt es einen Abschnitt mit dem Titel „no pity for the poor“; und die Studie insgesamt ist eine Studie über Xenophobie.
Schlimm und verhängnisvoll, und ein Teil jenes Ärgernisses, von dem Jesus gesagt hat, es müsse kommen: „aber wehe denen, durch die es kommt“, ist das opfertheologische Konzept einer „Entsühnung der Welt“, die Lehre von der „Hinwegnahme der Sünden der Welt“.
Die Philosophie oder das Herrendenken ist der Grund der Selbstzerstörung des Antlitzes.
Sind die staatlichen und wirtschaftlichen Verwaltungshierarchien, und in ihnen das Prinzip der Delegation der Verantwortung, nicht Formen der Säkularisation der andern Hierarchien, ihrer endgültigen Subsumtion unters Herrschaftsdenken. Die Vergesellschaftung von Herrschaft hat den Engeln den Existenzgrund entzogen, sie durch Regierungs- und Amtsräte ersetzt. Ist nicht die Verwaltung der Inbegriff der sieben unreinen Geister? Es käme in der Tat heute darauf an, die Theologie auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, anstatt sie weiterhin seßhaft zu verwalten.
Hat der gordische Knoten, der Joch und Deichsel des Ochsenkarrens verbindet, etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun (des Aleph, Bet): Alexander hat diesen Knoten nicht gelöst, nur durchschlagen. Der Weltbegriff ist der durchschlagene Knoten (der den Objektivations- mit dem Vergesellschaftungsprozeß verknüpft). Im Kern dieses Knotens stecken die subjektiven Formen der Anschauung Kants.
Durch die subjektiven Formen der Anschauung sind wir gleichsam exzentrisch an den Weltprozeß gefesselt.
Für Israel war die Schrift die hebräische Schrift: Ausdruck der Fremdheit, die im Namen des Hebräischen anklingt. Ist nicht die Lösung des Rätsels des Namens der Hebräer ein Anfang der Lösung des Rätsels des Ursprungs der Schrift?
Der Weg zu den Enden der Welt, die Bekehrung der Welt, bezeichnen einen Vorgang, der in der äußeren und inneren Welt zugleich sich abspielt.
„Muß in einer historischen Welt nicht jemand genau so alt sein wie die Welt?“ (Levinas: Schwierige Freiheit, S. 164)
S. 167 nennt Levinas das Bekenntnis ein „Beiwerk des bürgerlichen Komforts“.
Der Weltbegriff unterwirft auch die Vergangenheit dem Bann der Herrschaft: er begründet und stabilisiert ein gleichsam kolonialistisches Verhältnis zur Vegangenheit. Hier werden Vergangenheiten immer nur überwunden; der Ausschluß der Trauerarbeit (des Eingedenkens) ersetzt das Sich-Hinein-Versetzen durch die Einfühlung in die Vergangenheit (den Historismus). Der Weltbegriff versiegelt das Grab, in dem die Toten auf die Erweckung warten.
War nicht die Hexenfurcht auch die Furcht vor der Auferstehung der Toten (abzulesen an den Projektionen der Inquisitoren)? Aber die Alternative ist nicht die Leugnung der Auferstehung, die sich die Physik als Instrument geschaffen hat, sondern ein Verständnis, das die Erweckung der Toten Gott vorbehält. War die Hexenverfolgung von der Furcht vor den Toten bestimmt, dann war Auschwitz der Testfall (der Testfall des perfekten Verbrechens): der experimentelle Beweis dafür, daß es keinen Grund gibt, die Toten zu fürchten. Aber wie die Gräberschändungen beweisen, können die Rechten doch nicht so recht an das Ergebnis des Experiments glauben.
Ist nicht die Schrift der Friedhof, auf dem die Toten der Auferweckung harren?
„Name ist nicht Schall und Rauch.“ Ist nicht der Stern der Erlösung ein Versuch, in dieses Buch den eigenen Namen (Ich, mit Vor- und Zunamen) einzuschreiben?
Die Anonymität des Apokalyptikers, sein Versuch, sich in fremde Namen einzuschreiben: Sind das nicht auch Versuche, im andern sich der der eigenen Auferstehung zu versichern? Und bezieht sich das „Wenn ich will, daß er bleibt, was geht’s dich an“ nicht auf den Namen des Johannes, des Apokalyptikers?
Der Begriff der Erbsünde verweist auf den Zusammenhang des Weltbegriffs mit dem des Erbes; Zwischenglied ist das Wort von den Sünden der Welt.
Muß man sich die Sätze, mit denen die Philosophie die Logik demonstriert hat, nicht doch ein wenig genauer ansehen:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
Der Prämisse hat die Theologie seit je mit der Lehre von der Auferstehung wiedersprochen. Dem Schluß, daß Sokrates sterblich sei, wäre anzumerken, daß er nicht gestorben ist, sondern einem durch Rechtsspruch verordneten Selbstmord aus freiem Willen sich gefügt hat. Hat nicht dieser Tod, das dem Staat freiwillig dargebrachte Selbstopfer, mehr mit dem Ursprung und Charakter der Philosophie, auch mit dem sokratischen Daimon, zu tun, als bisher angenommen wurde? Zum Kreuzestod Jesu gehören die Worte „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ und „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Ist nicht der Selbstmord des Sokrates ein Paradigma der Philosophie seitdem, bis hin zum „Vorlaufen in den Tod“ Heideggers? Die affirmative Beziehung zum Tod gehört zu den Grundlagen des philosophischen Welt- und Selbstverständnisses.
Die säuberliche Trennung der Seele vom Leib die dem christlichen Unsterblichkeitsverständnis zugrunde liegt, raubt ihm zugleich seinen Existenzgrund.
Ist nicht das Geld der Goldgrund des Staates, politisch-ökonomischer Reflex des Sonnensystems, die säkularisierte Sonne selbst? Und sind nicht die Ministerien und die Verwaltung ein Abbild des Planetensystems? Die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft, die Geschichte des Vergesellschaftungsprozesses insgesamt, hat in den Subjekten das Chaos hinterlassen, dessen Opfer sie zugleich geworden sind, weil sie es in den Ordnungen, die das Chaos produzieren, nicht erkennen können.
Dorn, Horn, Zorn, Korn, vorn: Sind das Wörter, die sich nur zufällig reimen?
Werden die verschiedenen Hörner (Ochs und Widder, Schofarhorn, Hörner des Altars, Hörner des Drachen) auch im Hebräischen durch das gleiche Wort bezeichnet?
In welcher Relation stehen die Massen, die Entfernungen von der Sonne und die Geschwindigkeiten der Planeten?
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