Das „und was du auf Erden lösen wirst, …“ ist das Objekt des paulinische „Harrens der ganzen Schöpfung“ (auf die Freiheit der Kinder Gottes).
Ist das Binden und Lösen nicht vorbezeichnet in der Geschichte der „Bindung Isaaks“?
Wenn bei Hegel die Idee die Natur „frei aus sich entläßt“, dann erinnert das nicht zufällig an den sonstigen Gebrauch des Wortes Entlassen: an die Entlassung aus einem Arbeitsvertrag oder aus der Haft, wie überhaupt Verwaltung und vergesellschaftete Arbeit, Begriff und Strafvollzug nicht unabhängig von einander zu denken sind: alle stehen in einer vergleichbaren Objektbeziehung. Und was Hegel der Natur ankreidet: daß sie den Begriff nicht halten kann, ist eher ein Vorzug der Natur als ein Defekt des Begriffs. Nur: Als aus der Idee Entlassene ist die Natur für Hegel mit dem gleichen Makel behaftet, mit dem jeder Entlassene in der bürgerlichen Gesellschaft behaftet ist.
Ontologie und Ethik stehen im Verhältnis der Umkehr zueinander.
Ist die christologische Zwei-Naturen-Lehre nicht im Stern der Erlösung enthalten, und zwar in der Weise, daß sie mit dem Beginn der gleichen Bewegung (den Naturen Gottes und des Menschen im ersten Teil) zusammenfällt, aus der (durch Entfaltung und Umkehr) der Begriff der Offenbarung hervorgeht?
Das Lamm, das berufen ist, die sieben Siegel zu lösen, hat diese Fähigkeit schon bewiesen in der Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern. Nur unter dem sexistischen Vorzeichen, von dem sich die theologische Tradition seit den Kirchenvätern nicht hat lösen können, wurde aus der einzigen, die die Umkehr vollzogen hat, die Büßerin, die es wohl schlimm getrieben haben muß.
Müßte nicht in der Karfreitags-Liturgie die felix culpa durch das felix peccatum ersetzt werden; denn die felix culpa bezieht sich nicht auf die Schuld der Väter, sondern auf die Sünde der Mutter (Ps 10914).
Ist bei den Sünden der Mutter nicht auch an Lots Weib (und an Jürgen Ebachs Hinweis dazu in „Ursprung und Ziel“, S. 147ff) zu denken?
„Wenn ein Deutscher die Wahrheit sagt, ist er ein Grobian“: Ist der Begriff der Wahrheit in diesem Satz zu halten? Wird er nicht definiert durch einen Begriff der Lüge, der den Verzicht auf Herrschaftskritik zur Grundlage hat? Und ist es nicht ein Wahrheitsbegriff, zu dessen Voraussetzungen die Logik der Personalisierung und zu dessen Konsequenzen Xenophobie und Antisemitismus gehören? Zu seinen Konstitutionsbedingungen gehört der Zusammenhang des Weltbegriffs (Korrelat der Personalisierung) mit der Bekenntnislogik (dessen exkulpatorische Funktion die Sündenbockmechanik mit einschließt).
Rosenzweig
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30.10.92
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28.10.92
Ist hier der Gottesbeweis versteckt? Es gibt nicht „die Natur“; die wird von der Rosenzweigschen Kritik des „All“, dessen Einheit die des Falls ist, durch den Hinweis auf das Nichts, das Rosenzweig an der Todesfurcht (dem subjektiven Korrelat der Todesgrenze, die der Weltbegriff markiert) demonstriert, getroffen und widerlegt. Der Fall geht aber nicht nur in eine Richtung (es gibt nicht nur die eine Gestalt des Bösen, sondern drei: den Ankläger, den Verwirrer und den Zuteiler; entsprechen dem die drei Rosenzweigschen „Naturen“?): er ist auf eine subtile Weise an die Form des Raumes gebunden, in der ebenfalls Subjektives und Objektives in einer Weise gebunden sind, deren Lösung das Problem der Begründung der Theologie ist. Entspricht den drei Richtungs- (d.h. Umkehr-) Beziehungen im Raum, die sich unmittelbar nur anthropomorph demonstrieren lassen, ein Objektives: entspricht dem Abbild etwas, das durch es abgebildet wird? Steht die Welt unter dem Primat
– der im Kontext des Weltbegriffs nicht mehr unterscheidbaren Potenzen des Hinter dem Rücken (des Opfers), der Linken (der Astronomie) und des Unteren (der Idolatrie) und
– ihrer Neutralisierung durch die mathematische Gestalt des Raumes, die Vorstellung einer homogenen Zeit und den erkenntniszerstörenden Objektbegriff?
Wenn Kant die Begriffe Welt und Natur als mathematische bzw. dynamische Totalitätsbegriffe (als das „mathematische“ bzw. „dynamische Ganze der Erscheinungen“) definiert, so enthält das die Auflösung des Problems der subjektiven Formen der Anschauung und damit der transzendentalen Logik insgesamt, die ihren Kern (ihren blinden Fleck) in dem der transzendentalen Ästhetik, der subjektiven Formen der Anschauung hat (Konstruktion der Äußerlichkeit, Trennung von Außen und Innen). -
27.10.92
Alle Zeit ist potentielle Vergangenheit (und nur durch Umkehr: durch die Idee der Auferstehung der Toten, auf die Idee der Ewigkeit zu beziehen). Die einseitige Erkenntnisbeziehung, die seit dem Ursprung des Weltbegriffs die vorherrschende ist, ist genau das, was Unzucht genannt wird: die Vergewaltigung des Objekts. Wenn das hebräische Wort für Arche („teba“) auch Wort heißt, ist dann die Geschichte der Arche und der Sintflut eine Ergänzung der Geschichte von der Benennung der Tiere durch Adam? Parvus error in principio: Das Dogma, wonach Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, ist in allen drei Stücken falsch, und es widerspricht in allen drei Stücken dem ersten Satz der Genesis; es ist entweder – Gott durch den Staat, oder – die Welt durch Himmel und Erde zu ersetzen; – und das Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, ist der durch den Weltbegriff erzeugte blinde Fleck in uns, Widerschein der leeren Subjektivität, Antwort auf die von der Logik, aus der der Materiebegriff stammt, bestimmte, theologisch aber falsche Frage nach dem Woraus. Insgesamt ist es der Versuch, den Schöpfungsbegriff auf eine Formel zu bringen, der die Rezeption der Philosophie in die Theologie ermöglichte und absicherte, und die zugleich den fragwürdigen Vorteil hatte, daß sie den Begriff der Umkehr unnötig, weil gegenstandslos machte. So aber wurde die Theologie gegen sich selbst gekürzt. Die Frage, auf die die Theologie in der Schöpfungslehre mit Nichts antworten zu müssen geglaubt hat, nämlich: woraus Gott die Welt erschaffen hat, ist falsch. Es gibt kein Woraus. Diese Frage entspringt einem logischen Zwang, der aufzulösen ist, wenn man überhaupt der Schöpfungsidee sich nähern will. Es ist der gleiche Zwang, dem der Ursprung des Begriffs der Materie in der Philosophie sich verdankt. Das Nichts ist Produkt der Unzucht, der inzestuösen Beziehung von Subjektivität und Welt. Es ist, wenn es der eigenen Logik folgt, Generator des Naturbegriffs, in dem es sich versteckt. Die Totalität dessen, worauf sich das Woraus bezieht, heißt Natur, die in theologischem Zusammenhang als Nichts sich enthüllt. An dieser Frage erstickt die Heideggersche Philosophie, verstummt sie wortreich. Und aus der Hypostasierung dieser leeren Frage, aus ihrem lustvollen Scheitern, versucht sie, ihr Prestige zu gewinnen: Sie zerbricht, indem sie als Frage nach dem Sinn von Sein sich zu entfalten versucht. Der blasphemische Tief- und Irrsinn der Heideggerschen Philosophie gründet im parvus error in principio der Theologie. Die Kategorie der Erhaltung der Welt ist ein Reflex des Selbsterhaltungsprinzips; und wenn der Islam an seine Stelle die – den Islam, die Ergebung, begründende – Lehre setzt, daß Gott in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, so verweist das darauf, daß hier Welt und Subjektivität sich nicht so konsolidiert haben, wie dann im Christentum. Der Staat erschafft die Welt, und die Zentralbanken erhalten sie (gemeinsam mit dem staatlichen Gesetzgeber). Aber die traditionelle Theologie ging wirklich über Stock und Stein, ihr logisches Zentrum, ihr Einsichtspunkt, war nicht dort, wo sie vorgab, ihn zu suchen. Gnade und Schicksal: Auch zur Gnade gehört der Zuteiler, der daimon. Deshalb gehört die augustinische Gnadenlehre zu den Ursprüngen der Inquisition und des Terrors im Christentums: sie wird das mit der Philosophie rezipierte Schicksalserbe, das hier zwangshaft sich reproduziert, nicht los. Die christliche Gnadenlehre läßt sich als ein Versuch begreifen, das Schicksalsmoment im Begriff theologisch aufzuarbeiten, wobei die Differenzierungen des Gnadenbegriffs selber als Momente der Selbstreflektion des Schicksals und der Abarbeitung des philosophischen Erbes der Theologie sich erweisen. Das aber heißt: Es gibt keine wirkliche Gnadenlehre ohne Herrschaftskritik und ohne die Reflektion des Moments der Unwahrheit an der intentio recta, oder: ohne die Idee der Umkehr. Die aber hat heute etwas mit den sieben unreinen Geistern, und nicht mehr nur dem einen zu tun. Bei Rosenzweig ist die Natur, aus der alles abgeleitet wird, eine durchs Nichtwissen vermittelte, gleichzeitig das Substrat, das erst durch vollständige Umkehr zur Verkörperung der Wahrheit wird. Der Stellenwert des Naturbegriffs im Stern der Erlösung, seine Aufspaltung in drei Naturen (die des Menschen, der Welt und Gottes), die dann aber als Konstrukte sich erweisen, die erst durch Umkehr (das Bild vom Koffer), durch eine Bewegung, in der ihr Natursein sich auflöst, der Naturbegriff gleichsam gegenstandslos wird, in den theologischen Erkenntnisprozeß einbezogen werden, rückt Philosophie und Theologie allgemein in eine Beziehung, die der inversen Beziehung des Begriffs zum Namen entspricht. Erst in dieser Umkehr wird die Natur von ihrer Sprach-losigkeit (aus dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, in dem sie überhaupt erst als Natur sich konstituiert) erlöst, indem sie als Natur untergeht: Hier liegt die der Kirche verheißene lösende Kraft, an der die Theologie Anteil gewinnt, wenn sie endlich als Theologie im Angesicht Gottes sich begreift, anstatt weiterhin hinter Seinem Rücken sich zu ergehen, nur weil sie Angst hat, mit der Kritik des Begriffs ins Bodenlose zu fallen. Wer begreift, daß die Banken die legitimen Erben der alten Tempelreligionen sind, begreift mehr von der Religion als unsere gesamte Theologie. Ist es ein Zufall, daß die Hostien der katholischen Eucharistie aussehen wie Münzen? Wenn Petrus nicht der Stein vorm Grab ist, ist er dann der Fels, in den das Grab gehauen ist? Und zögert er deshalb, ins leere Grab hineinzugehen, sich vor dieser Selbstbegegnung fürchtet? Die paulinischen Archonten, sind sie nicht – die Nachfahren der Kerube mit dem kreisenden Flammenschwert und – die Siegel, die erst das Lamm zu lösen vermag?
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26.10.92
Metz, S. 138f, vgl. auch S. 77ff: Hier ist leicht zu bestimmen, wo der Fehler liegt, wo M. nicht zu Ende gedacht hat.
S. 140: Wie verhält sich Gemeinde zu Kirche? Beziehung des Begriffs Gemeinde zu Allgemeinheit, Meinung, Gemeinheit: zum Possessivpronomen 1. Pers. Sing.
Heidegger benennt das Gefängnis, in das das Dasein geworfen ist, den Ort der Isolationshaft, aufs präziseste: das In-der-Welt-Sein.
Die Verinnerlichung des Schicksals (und der Ursprung des Begriffs und des Weltbegriffs) ist der Keim der Geschichte der Entfaltung, und am Ende auch wieder der Verinnerlichung von Herrschaft. Beide sind im Weltbegriff auf einander bezogen und nur durch ihre gemeinsame Beziehung zum Weltbegriff hindurch zu begreifen. Das Herrendenken hat seinen Ursprung in den Anfängen der Philosophie.
Zu Brot und Wein vgl. Spr 417: Sie (die Frevler) essen das Brot des Unrechts und trinken den Wein der Gewalttat.
Was solche Lieder bewirken wie „Der Glaube ist nun fest verbürgt, … das Leben hat den Tod erwürgt“, ist kaum abzuschätzen; ähnlich „… hilf uns hier kämpfen, die Feinde dämpfen, Sankt Michael“.
Woher kommt der Name der Griechen? Nachdem die „Hebräer“ sich als Israeliten erweisen, die „Griechen“ im NT überall Hellenen sind, wäre es vielleicht doch sinnvoll, mit den Namen etwas weniger leichtfertig umzugehen. Kann es sein, daß hier ein (mittelbar ebenfalls leicht antisemitisch getönter) Sprachgebrauch der deutschen Klassik, die sich auf die „Griechen“, nicht auf die Hellenen bezogen hat, nachwirkt?
Kristallisert sich die wechselseitige Vertauschung von Rechts und Links mit Vorn und Hinten in den differierenden erkenntnisleitenden Blöcken der Naturwissenschaften und der politischen Ökonomie aus (aber beides unter dem Gesetz der trüben Vermischung von Religion und Herrschaft in der oberen Welt)?
Der abgespaltene Bereich des Sakralen (des Numinosen) konstituiert in der trüben Vermischung von Religion und Herrschaft in der oberen Welt. Die Verweltlichung der Welt, Reflex der Verinnerlichung von Herrschaft, hat dieser Vermischung die Grundlage entzogen, sie erzwingt die (fast unmögliche) reine Darstellung der Religion, die damit aufhört, bloß Religion zu sein: Theologie im Angesicht Gottes, nicht hinter seinem Rücken. Insoweit ist die Entzauberung der Welt, ihre Verweltlichung oder die Vollendung des Falls, die Grundlage einer Erneuerung der Theologie. Die Mischung von Religion und Herrschaft ist nicht mehr zu halten (im Namen des Himmels das Wasser vom Feuer zu trennen). In der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft hat die Herrschaft ihre religiösen Symbole verloren; das hat die Kirche, die fast keine anderen mehr kennt, als Zerfall der Religion angesehen, während sie in Wahrheit eine Voraussetzung ihrer Läuterung war; verlorengegangen ist nur die falsche Verständlichkeit der Religion in der Gestalt der Herrschaftsmetaphorik. (Schleiermacher und vor allem Rudolf Otto wären unter diesem Gesichtspunkt einmal genauer zu lesen.)
In der Heideggerschen Interpretation der aletheia trifft der blinde Fleck des bürgerlichen Bewußtseins im Sein auf seinen eigenen Ursprung, auf sein gegenständliches Korrelat (die falsche Trennung und Verbindung).
Die Philosophie lebt vom Schein der Äquivalenz des Einen und des Allgemeinen, Produkt und Widerschein der Subjektivität. Auszugehen wäre von den Unterscheidungen im Allgemeinen selber (wie bei Rosenzweig: von den Unterscheidungen im Naturbegriff, die daher rühren, daß nicht mit sich identisch bleibt, wenn er auf Gott, Welt, Mensch bezogen wird).
Wenn Jesus das Ja und Amen zur Welt wäre, dann gäbe es keine Auferstehung der Toten.
Weltkritik als Herrschaftskritik, oder gegen den Mißbrauch des Schreckens: der Schrecken ist ein Moment und ein Produkt der Verblendung durch Herrschaft, hervorgerufen durch durch die Schuldwahrnehmung im Stande der Unfähigkeit zur Schuldreflexion. Die verdrängte Gottesfurcht kehrt als Schrecken von außen zurück.
Das Wehe bei Jesus ist keine Drohung in dem Sinne, in dem die verdrängte Gottesfurcht es erfährt.
Ein erschütterndes Wort: „Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich wiederkomme, was geht’s dich an.“
Der Antisemitismus spielt sich nicht auf der Seite des Bekenntnisinhalts, sondern auf der der Bekenntnisform, seiner Logik, ab. Anders formuliert: Im Kontext eines Weltbegriffs, der die Religion zum Bekenntnis entmächtigt, wird diese Religion, und werden nach ihm alle konfessionellen Inhaltsderivate, zwangsläufig antisemitisch.
Die vom Weltbegriff nicht abzulösende Vorstellung einer homogenen Zeit und ihre Anwendung auf den theologischen Bereich (insbesondere in der Schöpfungslehre und in der Christologie) ist die Ursünde der Theologie. Was an sich jeden Gedanken an eine Vergangenheit von sich ausschließt, kann für uns sehr wohl als vergangen erscheinen, und zwar aufgrund jener das endliche Bewußtsein konstituierenden Brechungsschicht, die am zweiten Schöpfungstag, als Feste zwischen den Wassern, geschaffen ist und von Gott Himmel (schamajim) genannt wurde. Die Wirkung dieser Brechungsschicht ist nur aufzuheben durch Trennung der Wasser vom Feuer, durch Auflösung der Wasser, aus denen bei Thales die Philosophie entsprungen ist.
Thermodynamik, Elektrodynamik und Mikrophysik sind Aspekte jener differenzierten Beziehung von Raum, Zeit und Materie, die ins Inertialsytem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hereingekommen ist.
Nietzsches Wort von dem Gedächtnis, das nachgibt, ist noch zu harmlos. Aufgrund der Ausstattung unseres psychischen Haushalts, die wir in der Geschichte unserer Sozialisation übernommen haben, gibt es Bereiche, an die das Gedächtnis, bevor es überhaupt nachgeben könnte, schon gar nicht mehr heranreicht. Das „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ läßt sich nicht auf den Bereich des (von uns selbst) Verdrängten einschränken; es gibt Bereiche des gesellschaftlich Verdrängten (und die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist eine Geschichte des forschreitenden gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses), an denen wir bloß passiv partizipieren, die uns gleichsam „hinter unserem Rücken“ bestimmen. Diese Bereiche erschließen sich erst im Kontext der „Übernahme der Sünde der Welt“ (ich bin als Christ auch für meinen Charakter, ja, auch für mein Gesicht verantwortlich).
Zum Fundamentalismus: Auch hier reicht nicht die Verurteilung, sondern es gilt (wie zuvor schon in der ganzen Geschichte der Häresien, deren letzter Erbe er ist), das Problem, für das er steht, zu lösen, um ihm nicht selber zu verfallen (Verhältnis von Religion und Herrschaft; Ursprung und Kritik des Sakralen).
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Urschisma und dem Ursprung der Gnosis (Antijudaismus und Rezeption des Weltbegriffs)? -
21.10.92
Wenn Christus die Sünden der Welt nicht auf sich, sondern hin-weggenommen hat, dann darf die Kirche in der Tat keine öffentliche Reue zeigen (und dann wäre ihre Konfliktunfähigkeit, insbesondere die Unfähigkeit, mit den Häresien anders als durch Verurteilung sich auseinandersetzen, theologisch begründet). Aber eben damit, mit ihrer eigenen Exkulpierung, bürdet die Kirche dem vergöttlichten Jesus eine Last auf, die er zu tragen nicht in der Lage ist: ihre eigene Verdrängungslast. Die Unfähigkeit der Kirche zur öffentlichen Reue ist der Beweis ihrer Unerlöstheit (und der Grund ihrer Sprachlosigkeit).
Eine Welt, von der die Sünde hinweggenommen wäre, wäre damit schuldlos, erlöst. Und Weltkritik wäre nicht nur unbegründet, sondern Zweifel an der Erlösungstat Jesu: an seiner Göttlichkeit. Aber diese Vorstellung ist in einem entsetzlichen Maße irrational, mehr noch: irrationalisierend, verdummend, Grund der Verblendung, Keim und Kristallisationskern des blinden Flecks, zu dem mittlerweile, das Bewußtsein insgesamt verstellend, das Christentum zu werden droht.
Am christlichen Bekenntnis klebt mit dem Blut von Juden, Ketzern und Heiden seit den Anfängen des Pakts mit der Politik auch das der Armen. Zu reinigen ist es nur durch Erinnerungsarbeit (durch Reue, Umkehr: durch Herrschaftskritik, deren Adressat die nach der Vergesellschaftung vom Herrschaft das Subjekt selber ist).
Alle Häresien stehen im Banne des gleichen Weltbegriffs (des gegenständlichen Korrelats der Vergesellschaftung von Herrschaft), dessen Sanktionierung die Ursünde der Kirche war.
Wenn Rosenzweig die Sprache die „Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung“ genannt hat, so schließt das die Fähigkeit zur Schuldreflexion mit ein. Die Fähigkeit zur Schuldreflexion ist der Grund der Sprache, und durch sie zeichnet sich der Mensch vor aller übrigen Kreatur aus. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die die Sünden der Welt auf sich nehmen: die Gemeinschaft der Schafe oder der Knechte Gottes.
Es ist das Schaf, das stumm ist (das stumm zur Schlachtbank geführt wird); erst durch die Übernahme der Sünden der Welt wird das stumme Schaf zum Logos, wird es der Sprache mächtig (und fähig, die Siegel zu lösen).
Das Gegenbild zum Kalb ist der Löwe, zum Lamm der Wolf, zum Kind die Schlange (die Natter).
Der Begriff der Welt bildet sich im Prozeß der Verinnerlichung der Schicksalsidee, und das Hegelsche Weltgericht ist der letzte Abkömmling und die letzte Erinnerung an den Mythos und die ihm zugrundeliegende Schicksalsidee.
Woher stammt die Legende, daß Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde, und was drückt sich darin aus?
Das Opfer ohne Lehre (Benjamins Definition des Kapitalismus) ist der reine Vollzug, dessen Begriff nicht zufällig an den des Strafvollzugs erinnert, merkwürdigerweise aber trotzdem – oder gerade deswegen? – bei den „Eigentlichkeits“-Theologen so beliebt ist (Produkt der transzendentalen Logik, nachdem das kritische Moment darin gelöscht wurde: Ontologie als Isolationshaft im Gefängnis der apriorischen Objekt- und Urteilslogik).
Zum Problem der intentio recta: Verschlossen ist der intentio recta insbesondere die Idee einer Zukunft, die anders wäre als die Vergangenheit; sie trifft aus systemlogischen Gründen nur auf eine Zukunft, die wie die Vergangenheit sein wird. Deshalb heißt Umkehr Erinnerungsarbeit, und diese Erinnerungsarbeit hat es mit den sieben unreinen Geistern, von denen bis heute allein Maria Magdalena befreit wurde, mit den sieben Siegeln der Apokalypse, zu tun. Nur das Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, kann die sieben Siegel lösen.
Die Vorstellung der homogenen Zeit beruht darauf, daß die Zukunft längst von der Vergangenheit (wie der Hase vom Igel) eingeholt, wenn nicht überholt ist.
Steckt nicht in dem prophetischen Wort, daß der Geist die Erde bedecken wird wie die Wasser den Meeresboden, die bereits aus der Schöpfungsgeschichte bekannte Beziehung von Geist und Wasser. Nach der Apokalypse wird am Ende das Meer nicht mehr sein. Ist nicht der Geist gleichsam die Aufzehrung des Wassers, Produkt der Übernahme der Sünden, und die Befreiung des Feuers („und ich wollte, es brennte schon“), das im Himmel (schamajim) durch die oberen Wasser gebunden ist?
Wenn man berücksichtigt, daß die von J.B. Metz (S. 18 u.ö.) angezogene Stelle aus 2 Kor nicht auf die Welt, sondern auf die göttlichen Verheißungen (die Thora) sich bezieht, dann stützt das die der Metzschen genau entgegengesetzte These, daß das Christentum die jüdische Antwort auf eine neue Situation ist, daß die göttlichen Verheißungen auch mit dem Ursprung des Weltbegriffs und der ihm korrespondierenden gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit (in denen der Mythos als verinnerlichter und vergegenständlichter sich fortsetzt) nicht aufgehoben sind, und daß Er genau dieses Weiterbestehen der jüdischen Tradition, der Thora, garantiert (durch die Übernahme der Sünden der Welt).
Der Behemoth ist keines der apokalyptischen Tiere. Er ist als grasfressende Wassertier eher das Symbol der unerlösten Menschheit und Welt.
Wieviele werden Lehrer, weil sie hoffen, auf diesem Wege die Traumata ihres Schülerlebens aufarbeiten zu können: Aber, wie es scheint, geht das nur zu Lasten der Schüler, deren Lehrer sie dann werden, und auf die sie ihre eigenen Traumata überwälzen. Gilt dieser Satz nicht auch für die Priester, für die gesamte kirchliche Hierarchie?
Was veranlaßt die Leute, ihren Besuchern Fotos aus ihrem letzten Urlaub zu zeigen? Steckt dahinter nicht eigentlich das Bewußtsein, daß der Urlaub doch keiner war, sie es aber nicht wahrhaben wollen, deshalb Fotos machen, um damit ihre Besucher zu erpressen, die dann als Spätzeugen den „geglückten Urlaub“ doch noch bestätigen sollen?
Gilt nicht heute das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, nur noch durch seine Umkehrung hindurch, wobei es selbst jedoch gültig bleibt. Und wie steht’s dann mit dem achten Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten? Ist hier die doppelte Umkehrung durch den Weltbegriff bedingt, durch das Verhältnis des Aufdeckens der Blöße (der gegenwärtigen Gestalt des Weltgerichts, das die Medien vollstrecken) zur Übernahme der Sünden der Welt? -
17.10.92
Das Christentum enthält eine eingebaute Exkulpationsautomatik, in deren Zentrum die falsche Übersetzung des „qui tollit“ aus Joh 129 steht.
Jesus zur Rechten des Vaters: Heißt das, daß nach der Himmelfahrt Jesu die Rechte des Vaters gebunden, und nur die Linke gelöst ist? (Vgl. die Schlacht gegen Amalek?)
Franz Rosenzweig unterscheidet sich von Johannes Scottus Eriugena dadurch, daß er die Natur nur als gnoseologischen, nicht als ontologischen Anfang nimmt. Es ist die Natur im Kopf dessen, der vom Baum der Erkenntnis gegessen hat: Natur als gefallene Natur.
Die Welt ist das Aufdecken der Blöße, als welche dann die Natur sich erweist. Und die aufgedeckte Blöße ist eine Folge der Trunkenheit (eine Wirkung der Zivilisationsdroge). (Vgl. die Sündenfallgeschichte: da gingen ihnen die Augen auf …; Noach und Ham; Lots Töchter; die Kreuzigung.)
Die Bestimmung der Keuschheit ist erst möglich im Kontext der Einsicht, daß die Welt das Aufdecken der Blöße (die im Weltzusammenhang Natur heißt) ist. Das Realsymbol für das Aufdecken der Blöße des Vaters ist das Kreuz.
Zur Reform des deutschen Strafrechts: Die Auswirkungen einer Änderung, die Trunkenheit als Strafmilderungsgrund ausschließt, sind unabsehbar, in jedem Falle aber weiterreichend, als es zunächst erscheinen mag. Aber diese Welt ist ja insgesamt besoffen (und der Kampf gegen die Drogen zumindest zum Teil auch eine Alibiveranstaltung derer, die nach der Methode „Haltet den Dieb“ von den gesamtgesellschaftlichen Folgen des Alkoholismus ablenken wollen).
Stimmt es, und was hat es zu bedeuten, daß in den romanischen Sprachen das Konditionspartikel zum Ausdruck der Bejahung geworden ist?
Das Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, ist ein Vorgang, der sich im Innern abspielt und nur über die Sprache nach außen dringt, während das Ich sehe selber draußen ist. Aber während das Sehen in die Zeit fällt, mit ihr vergeht, sich ändert, ist die Sprache konservierbar. Erst die Durchdringung beider, die volle Geistesgegenwart, rührt an den Begriff des Ewigen, an den Grund der Dinge. Und diese Geistesgegenwart fällt zusammen mit der Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache.
Verweist das Bild von den beiden Schlangen (bei Jesaias) auf den Zusammenhang der intentio recta mit dem verwirrenden Prinzip, dem Ansatzpunkt der Hegelschen List, Folge der vom Objektivationsprozeß nicht abzulösenden Instrumentalisierung: dem trunkenmachenden Prinzip.
Was hat es zu bedeuten, wenn in der frühen Christenheit der Fisch (ichtys) als Christussymbol gesehen und am Freitag Fisch gegessen wurde?
Wenn Adam die Tiere benannte, so steckte darin die Kraft und die Fähigkeit, das „Wesen“ der Tiere, die lebendige Verkörperung von Instrumentellem, zu begreifen und zu bestimmen. (Vgl. den Behemoth, Inbegriff des grasfressenden Viehs; die Raubtiere, die Fische, die Vögel, das Gewürm, die Insekten. Einteilung: Angriffs-, Flucht-, Ausdruckstiere, Pflanzen- und Tier-Symbiosetiere?) -
16.10.92
Meinen die biblischen Begriffe Keuschheit (Jungfräulichkeit) und Arglosigkeit den gleichen Sachverhalt (das Gegenteil vom „Aufdecken der Blöße“)? Ist dann nicht unsere heutige Öffentlichkeit (mit den Verkörperungen des Aufdeckens der Blöße in den Medien, allen voran BILD) in einem sehr viel tieferen Sinne als nur im moralischen obszön?
Ist das Aufdecken der Blöße der Kontrapart zur Übernahme der Schuld (der pornographische Grund der Sexualmoral)?
Der Johannes Scottus Eriugena bezeichnet insofern eine Grenze in der Geschichte der Philosophie, als auch er – wie später Marx im Verhältnis zu Hegel – den Weltbegriff der Philosophie durch einen Naturbegriff ersetzt, daß er diesen Naturbegriff als Totalitätsbegriff dann aber in sich selber differenziert durch sein Verhältnis zur Schöpfung. Diese innere Differenzierung des Totalitätsbegriffs Natur kehrt wieder in Rosenzweigs Konzept des Stern der Erlösung, in dem es ebenfalls nicht nur eine, sondern mehrere, nach inneren Kriterien differenzierte „Naturen“ gibt, die dann aber bloß gnoseologische Bedeutung haben: aus denen nicht unmittelbar, sondern durch „Umkehr“ die Theologie dann erst hervorgeht. Mensch, Welt und Gott bei Rosenzweig (seine drei „Naturen“): hängen sie nicht zusammen mit den Beziehungen von vorn und hinten (Mensch), rechts und links (Welt), oben und unten (Gott), und lassen die verschiedenen Naturbegriffe nicht hieraus sich herleiten?
Dem Untergang Sodoms geht die massive Fremdenfeindlichkeit der Einwohner Sodoms in der Geschichte mit Lot voraus. Was bedeutet in diesem Kontext die Geschichte mit den Töchtern Lots, die anfangs von Lot als Ersatz für die Fremden, die unter seinem Schutz stehen, dem Mob angeboten werden und später dann ihren Vater trunken machen, um durch Inzest die Nachkommenschaft zu sichern (vgl. die Geschichte mit Rahab in Jericho, auch die mit Juda und Tamar). Und was haben die Töchter Lots mit Ham zu tun, der die Blöße seines betrunkenen Vaters sieht, während seine Brüder sie zudecken. Ham wird danach zum Knecht Sems und Japhets.
Ableitung der Raumvorstellung und des Weltbegriffs: Den Schrecken, den wir selber nicht ertragen, den legen wir auf andere.
Die Schlange ist das klügste aller Tiere, aber auf dem Bauche soll sie kriechen und den Staub fressen, den Adam produziert. Darauf bezieht sich das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“. (Vgl. hierzu Ranke-Graves: Hebräische Mythologie, S. 116)
Die drei Leugnungen Petri sind Leugnungen seiner Zugehörigkeit zu Jesus („.. auch einer von ihnen“): sie sind Verweigerungen der Nachfolge (deshalb Hinwegnahme, nicht Übernahme der Schuld, mit all den Konsequenzen, die das gehabt hat). Wer ist die Magd des Hohepriesters (bei Johannes die Pförtnerin), und wer sind die Umstehenden?
Zum Bekenntnis des Petrus „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ gehört auch die unmittelbar anschließende Geschichte mit dem „Weiche von mir Satan“ und dem „Du denkst die Gedanken der Menschen, nicht Gottes“.
Physei und thesei stehen als Gegensätze in einem Reflexionsverhältnis: das physei ist ein Produkt des thesei. Genau hier entspringt der Weltbegriff. Ohne das, was Hegel das Setzen nennt, würde es das, was in der Hegelschen Philosophie Welt heißt (und die zentrale Funktion dieses Begriffs in seiner Philosophie), nicht geben. Genauer: Ohne das Setzen (das thesei), ohne den Schein und ohne die List der Vernunft würde es die Welt nicht geben. -
14.10.92
Nach dem Sohar sind Tohu und Bohu der Abgrund (mit der Finsternis darüber) und die Wasser (über denen der Geist Gottes brütet).
Die Kirche ist das steinerne Herz der Welt; aber garantiert dieses steinerne Herz, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen? Vgl. Ranke-Graves: Hebräische Mythologie, S. 52f.
Adorno hat einmal festgestellt, daß Philosophie heute deshalb von den Studenten nicht mehr verstanden werde, weil sie aus jedem Satz nur noch heraushören, wofür oder wogegen er sei. Ich glaube, das drückt aufs genaueste aus, was das Bild vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen im Zusammenhang mit dem Sündenfall bezeichnet.
Der gordische Knoten war der Knoten, mit dem das Joch an die Deichsel des Ochsenkarrens gebunden war. Was ist das Joch, und was ist die Deichsel?
Man kommt der Sache näher, wenn man die transzendentale Logik, den transzendentalen Apparat insgesamt, als eine Gottesfurcht-Vermeidungs-Maschine begreift. Zentrale Bedeutung bei dem Versuch, das zu reflektieren, hat der Weltbegriff.
Die Idee der Schöpfung ist eine apokalyptische Idee. Das transzendentale Subjekt muß sich über den unendlichen, tantalischen Prozeß an das unerreichbare Ende der Zeit setzen, um die Vergangenheit als Totalität und sich als Subjekt (d.h. die Welt als Deckel auf der toten, vergangenen Natur) konstituieren zu können. Das Instrument, mit dessen Hilfe das allein gelingt, ist die Mathematisierung des Raumes (die Reversibilität der Richtungen und die Orthogonalität ihrer Beziehungen); das impliziert die Vernichtung der Schöpfungsidee und hat die Konstituierung des Objekt- und Materiebegriffs zur Folge (das „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“, zu dem gleichen Staub, den die Schlange frißt, von dem sie sich nährt: das Objekt steht in einer – durch das Ende der Zeit vermittelten – orthogonalen Beziehung zum Begriff; Orthogonalität als Kern der Urteilstheorie, Zentrum der Ontologie und der Orthodoxie, Grund der „verandernden Kraft des Seins“). Vorbild dieser ebenso verhängnisvollen wie skandalösen Erkenntnisbegründung ist die Dogmatisierung des Bekenntnisses (und ihres Kerns: die Entfaltung der Trinitätslehre, der Christologie und der Opfertheologie), die Begründung der Orthodoxie. Ist Petrus der Stein, der hier zu Staub zermahlen wird?
Die Lauretanische Litanei wäre mal wieder neu zusammenzustellen. Erhalten bleiben würde allein Maria Magdalena (die „Büßerin“), alle anderen, vom Sanctus Karl (Marx) über Sanctus Sigmund (Freud) und Sanctus Albert (Einstein) zu den Sancti Martyres Franz (Kafka und Rosenzweig) und vom Sanctus Walter (Benjamin) zu den Sancti Max et Teddy (Horkheimer und Adorno) kämen neu hinzu.
Wenn Nietzsche die jüdische und christliche Religion als Sklavenreligion denunziert, so hat er damit einen realen Sachverhalt sehr präzise beschrieben: die zentrale Bedeutung des Knecht-Gottes-Motivs. Aber dieses Knechtsein ist der Grund der Freiheit, dessen, was Autonomie bloß meint, nicht erreicht. Nicht zufällig läßt die Denunziation als Sklavenreligion keinen anderen Ausweg als den in die Lehre von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen und in den Willen zur Macht. Beide zementieren den Deckel, mit dem die Vergangenheit endgültig verschlossen wird.
Die Ängste, die die ersten Meldungen über die Greuel des Judenmords nach dem Krieg in Teilen der katholischen Bevölkerung ausgelöst haben, und die sich in Sätzen wie: „Das wird sich einmal rächen“ ausdrückte, scheinen sich heute im Zustand der katholischen Theologie in Deutschland, in der Verwirrung, der Konfliktunfähigkeit und den nicht mehr auflösbaren Problemen, zu erfüllen.
Enthalten nicht die bei Neonazis so „beliebten“ Gräber- und Friedhofschändungen eine andere Bestätigung des franziskanischen Satzes „Unus daimon plus scit quam tu“? Schon im NT waren es die Dämonen, die ihn als erste erkannten.
Das Problem des Lachens hängt mit dem des Bekenntnisses, und beide mit dem Realgrund der Dämonenlehre zusammen.
Jedes Urteil partizipiert am Weltgericht: Das Sein ist der Inbegriff dieser Partizipation (Antizipation des Endes der Zeit, das das Prädikat, den Begriff, vom Objekt trennt). Die Begriffe Welt und Natur konstituieren sich zusammen mit dem des Wissens („nur Vergangenes wird gewußt“), und alle drei sind Abkömmlinge der Schicksalsidee.
Das Sein, die Kopula im Urteil, trennt und verbindet Begriff und Gegenstand ähnlich wie die Orthogonalität die Dimensionen des Raumes, seine Beziehung zur Zeit und die Beziehung beider zur Materie. Auch die Begriffe Welt und Natur stehen in einer Art Orthogonalitätsbeziehung (wie Raum und Zeit). Erst die Naturwissenschaft, dieses System von Orthogonalitätsbedingungen (zu denen vorab das Inertialsystem und die Erhaltungssätze gehören), hat die Ontologie begründet. (Welche grammatische Funktion haben die Hilfszeitverben Sein, Werden und Haben, und welche Beziehung zu Raum und Zeit drückt sich ihnen aus?)
Das Dogma vom Bann des Inertialsystems befreien: Das tollere (qui tollit) kann im Hinblick auf die peccata mundi als Hinwegnahme verstanden werden, wenn es futurisch, nicht als Bezeichnung einer schon abgeschlossenen Handlung, verstanden wird. Das Gleiche gilt für die Opfertheologie: Mit dem futurischen Sinn ist das Nachfolgegebot in beide mit hereinzunehmen. Unter dieser Voraussetzung wird auch die Mysterientheologie Odo Casels sinnvoll und verständlich, wenn sie nicht als Mysterium der Wiederholung einer vergangenen Handlung, sondern als Mysterium einer noch nicht abgeschlossenen, noch nicht vollendeten Handlung verstanden wird. Und das „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ kann nur unter Einschluß des Nachfolgegebots richtig verstanden werden, nicht als folgenlose Erinnerung. Denn daran kann kein Zweifel sein: Diese Welt ist nicht so, daß man auch nur mit dem geringsten Schein von Recht von ihr sagen könnte, die Schuld sei bereits von ihr hinweggenommen. Aber ohne die Hinwegnahme der Sünde der Welt ist auch die Erlösung der Menschen nicht denkbar. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung des Täufersatzes (sowie der Gethsemanegeschichte und des Satzes „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“). -
09.10.92
Zum Begriff des Bekenntnisses (homologein): die Bedeutung „öffentlich gestehen“ ist aus dem profanen Gebrauch in die religiöse Sprache eingedrungen; die wörtliche Bedeutung ist „auf ähnliche Weise, zustimmend reden“.
Nach dem Faschismus sollte mit dem Namen des Blutes sorgfältiger umgegangen werden. Der Name des Blutes weckt heute, nachdem jede andere außer der biologischen Bedeutung gegenstandslos geworden zu sein scheint, nur noch die Mordlust („Blut und Boden“). Nicht zufällig fällt die Entdeckung des Blutkreislaufs zusammen mit der Erfindung der doppelten Buchführung: der Entdeckung des Geldkreislaufs, und mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften: der kopernikanischen Wende, der Durchsetzung der Vorstellung des unendlichen Raumes (mathematische Voraussetzung war generell die Erfindung der Null und der negativen Zahlen, die Entdeckung der Äquivalenz von Schulden und Reichtum: Preis war die universale Verdinglichung, die Selbstverdinglichung und die der anderen und der Welt). Im gleichen Zusammenhang wurde das Blut, das einmal das unverletzliche Leben, die Seele, bezeichnete, zum Realsymbol der universalen Verschuldung. Hintergrund war die christliche Opfertheologie und in ihr ein Sühnebegriff, der den mythisch verdinglichten Blutbegriff (die Umkehrung des biblischen Namens des Blutes) zur Grundlage hatte. Der Blutschweiß Jesu in Gethsemane erinnert nicht zufällig an den Schweiß des Angesichts im Fluch über Adam. Verständlich wird dieser insgesamt vielleicht ambivalenteste Zusammenhang erst, wenn es gelingt, den Sühnebegriff zu entmythisieren (Blut als Innenseite des Angesichts, dessen Erscheinung ohne die Zerstörung des Angesichts nicht zu denken ist: deshalb weckt der Name des Bluts heute nur noch die Mordlust, seine Erkenntnis hingegen den Heiligen Geist – vgl. 1 Joh 56ff: „Drei sind es, die Zeugnis ablegen …“).
Hat Adorno nicht einmal darauf hingewiesen, daß das Hakenkreuz an das zerschlagene Antlitz erinnert?
Ist der Blutkreislauf nicht in ähnlicher Weise ein Realsymbol der universalen Verschuldung wie das sinnlose Kreisen der Planeten seit Kopernikus, und hängt es nicht zusammen mit den inneren Systemprinzipien des Schuldzusammenhangs, dem Inertialsystem und der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, denen in der Theologie der Opfer- und der Sühnebegriff entspricht?
Ist das Blutvergießen eines der Konstituentien des Weltbegriffs und zugleich die Sünde wider den Heiligen Geist? Und gilt dieser Zusammenhang auch für das symbolische Blutvergießen im vergegenständlichten und instrumentalisierten Dogma, und in dessen Konstituentien in Opfer- und Sühnetheologie?
Keuschheit wäre Arglosigkeit, Gehorsam Prophetie und Armut Weltkritik, Verzicht aufs Dogma.
Ist das „Lamm Gottes“, das nur beim Johannes dem Täufer (im Johannes-Evangelium) vorkommt, eine Verbindung des Lammes mit dem Knecht Gottes?
In welcher Beziehung steht das Nichts, aus dem der philosophischen Theologie zufolge Gott die Welt erschaffen hat, zur Null, dem die Äquivalenz von positiven und negativen Zahlen, von Links und Rechts, sowie die Äquivalenz von Schulden und Reichtum sich verdanken. Notwendig wäre eine Theorie dieser Null, deren Erfindung eine der folgenreichsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit war; diese Erfindung hängt zusammen mit der Erfindung des Rades, übertrifft sie aber noch. Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit beginnt die Erkundung des Hohlraums in der Null.
Hängen Komma, Nebensatz, Partizip mit der Dreidimensionalität des Raumes zusammen, mit der Fähigkeit zur Reflexion, mit der Fähigkeit, um die Ecke zu denken? Vgl. Rosenzweigs Rabbenu.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden: Ist dieser Eckstein nicht das Bild des Nullpunkts, des Zentrums eines Koordinatensystems?
Ist das Nichts in der auf die Welt bezogenen theologischen Schöpfungslehre nicht der Repräsentant der verdrängten Schuld und der Ursprungspunkt des Naturbegriffs?
Die Vorstellung, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, deckt zwei Sachverhalte ab:
– daß Gott den Verdinglichungsmechanismus, die transzendentale Logik erschaffen hat, die uns die Erkenntnis versperren, und
– daß, woraus dieser Verdinglichungsmechanismus entstanden ist, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, ein Nichts ist, um das man sich nicht zu kümmern braucht.
Mit dieser Vorstellung ist die Sünde wider den Heiligen Geist in der Theologie installiert worden.
Ist nicht die Sünde des Ham die Sünde der Medien in Deutschland heute: die Aufdeckung der Blöße.
Der jüdische Aspekt des Teufels ist der des Anklägers (Satan), der griechische der des Verwirrers (diabolos) und des Zuteilers (daimon). Jesus besteht die Versuchung durch den Verwirrer und hat von daher die Kraft, die Dämonen auszutreiben. Im Bestehen der Versuchung hat Jesus das Lachen verlernt. Nachdem die Kirche der Versuchung nicht standgehalten hat, hat sie die Kraft verloren, die Dämonen auszutreiben. Die vergeblichen Versuche (im Exorzismus) waren umso böser.
Der Weltbegriff ist der Witz, in dem die Lachenden übersehen, daß sie selber die Objekte ihres eigenen Lachens sind. In der Übersetzung des tollere (in Joh 129) drückt sich die Differenz ums Ganze aus.
Ist das unschuldige Blut, dessen Vergießen Jesus beklagt, das Blut der Unschuld?
Die Nachricht ist das Gericht post mortem, mit dem wir unterm Zwang der Logik des Weltbegriffs die Aktualität überziehen und in „Zeitgeschichte“ verwandeln (zur Vermeidung der Auferstehung aller Toten). Die Welt ist die Betonplatte auf den Gräbern und der Grund der Angst Jesu im Garten Gethsemane. -
07.10.92
Zu den sieben Siegeln der Apokalypse: Welche Funktion hatten in jener Zeit die Siegel (Zeichen der Teilhabe an der Macht des Königs, persönliche Bekräftigung der Geltung eines Vertrages, eines Dokuments), lag sie nicht zwischen Unterschrift und Personalausweis? In welcher Beziehung standen sie zum Eigennamen? Haben die Öffnung (das Brechen) des Siegels und die Lösung eines Knotens (eines Problems, eines Rätsels) etwas miteinander zu tun? Ist nicht der Begriff des Begriffs und sind die damit zusammenhängenden, davon abgeleiteten Begriffe wie Raum und Zeit, Welt, Natur, Materie, Person, Bekenntnis nicht alle Siegel (die die Wahrheit versiegeln)?
Es gibt keine Erklärung der Gemeinheit ohne Zuhilfenahme der Antisemitismus-Analyse.
Ist nicht auch das Marquardtsche Votum für Israel, das Leute wie Micha Brumlik und Edna Brocke so anspricht, zwar wahr, aber zugleich konkretistisch entstellt (etwas, woran man sich halten kann)?
Ich bin garnicht so ganz sicher, ob die Natur die Menschen überlebt, ob das nicht ein Schein ist, den die Natur selber erzeugt (der gleiche Schein, aus dem in der Hegelschen Logik das Wesen hervorgeht). Welt und Natur sind Momente in der Generationenbeziehung, sind Momente im Kontext der Genealogien (auch der Schöpfungsbericht gehört zu den toledot). Das auf eine Formel gebracht zu haben, ist die Bedeutung der Trinitätslehre. In ihrer dogmatischen Gestalt ist die Trinitätslehre das Siegel, mit dem die Schöpfung zu Welt und Natur verschlossen wurden. Von innen begriffen, und d.h. von ihrer dogmatischen Umhüllung befreit, wäre die Trinitätslehre der Beginn des Kommens der zukünftigen Welt.
Die jüdische Mystik, die Kabbalah, ist Schöpfungsmystik, die christliche müßte Auferstehungsmystik sein.
Israel ist der Augapfel Gottes, Teil seines Angesichts, sein verletzlichstes Teil. Aber die Kirche bewacht und hütet das versteinerte Herz der Welt.
Die Patriarchen: Marx, Freud und Einstein; die Sühne Jakobs: Cohen, Rosenzweig, Lukacz, Bloch, Benjamin, Scholem, Horkheimer, Adorno, Kafka, Kraus, Schönberg (wer fehlt noch?).
Die Instrumentalisierung des Opfers in der christlichen Opfertheologie, die Verdrängung der Täufer-Theologie (durch die falsche Übersetzung des tollere): der Versuch, die Wunde ohne den Schmerz zu haben, Ursprung der Anästhesie.
Die subjektiven Formen der Anschauung, Raum und Zeit, sind Abkömmlinge und Repräsentanten der invisible hand in unserem eigenen Innern. Die Umkehrbarkeit der Richtungen im Raum gehört zu den Prämissen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die dann aber am Ende zu Protest gehen, nämlich mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Und das Licht, das Werk des ersten Schöpfungstages, ist auch die erste Manifestation der Umkehr und der Beginn der Erschaffung des Angesichts, das am sechsten Tage mit dem Menschen im Bilde Gottes, als sein Ebenbild, als Mann und Frau erschaffen wird.
Die Naturwissenschaft gehorcht dem Prinzip des Von allen Seiten hinter dem Rücken, sie ist der Inbegriff der Ausweglosigkeit.Adorno, Antisemitismus, Benjamin, Bloch, Brocke, Brumlik, Cohen, Einstein, Freud, Gemeinheit, Hegel, Horkheimer, Kabbala, Kafka, Kraus, Lukacs, Marquardt, Marx, Mystik, Naturwissenschaft, Rosenzweig, Scholem, Schönberg, Theologie -
30.09.92
Horkheimers Bemerkung über das Christentum, es sei die menschenfreundlichste Religion, aber zugleich die Religion, in deren Namen die abscheulichsten Untaten begangen wurden, benennt zwei Seiten eines Sachverhalts. Das Bild von den zwei Seiten eines Blattes, die nicht von einander zu trennen sind, trifft diesen Sachverhalt genau. Aber könnte es nicht sein, daß die „Rückseite“ des Blattes sich überhaupt erst bildet zusammen mit der Instrumentalisierung der „Vorderseite“ (Zusammenhang von Leugnung des Angesichts und Konstituierung des Hinter dem Rücken). Zum Vergleich: Die Vorstellung des unendlichen Raumes verdankt sich dem unerfüllbaren und deshalb unendlichen Trieb (genauer seiner Unerfüllbarkeit), die ganze Welt von hinten (von außen) zu sehen; ähnlich wie sich die Vorstellung der unendlichen Zeit dem eben so unerfüllbaren Trieb, die Zukunft als vergangen zu sehen, verdankt: dies aber ist der Grund des Weltgerichts (der richtenden Gewalt der urteilenden Erkenntnis), aus dem der Weltbegriff sich herleitet, der seinen instrumentalen Gebrauch im Erkenntnisprozeß begründet.
Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung, sind nicht einfach gegeben, sondern verdanken sich einem Reflexionsprozeß, in dem die ganze Geschichte der Philosophie drinsteckt; insbesondere der Prozeß der Vergegenständlichung der Zeit, die Konstituierung der Vorstellung eines homogenen Zeitkontinuums, war nur möglich durch die Vergegenständlichung der Raumvorstellung hindurch, und sie war nur möglich mit Hilfe von Mitteln, die der Raumvorstellung entnommen wurden, insbesondere mit Hilfe des Elements der Orthogonalität.
Die Frage, warum der Raum drei Dimensionen hat, ist ebenso unzulässig wie die andere, warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Zulässig ist vielmehr nur die Frage, was drückt sich darin aus. Allerdings wird man auch die an sich unzulässige Frage ein wenig weiterverfolgen müssen, weil sie auf den Reflexionszusammenhang führt, in dem sich die Vorstellung der homogenen Zeit bildet; die drei Dimensionen des Raumes spiegeln sich in den drei Momenten des Zeitbegriffs (Kontinuität, Folge und Zugleichsein). Aber hier handelt es sich um ein Reflexionsverhältnis, die Momente konstituieren sich wechselseitig; im Zentrum steht die grammatische Bildung des Futur II, ohne das es den philosophischen und theologischen Weltbegriff nicht geben würde. Dieser Weltbegriff hat sich im allgemeinen Bewußtsein niedergeschlagen (und vergesellschaftet).
Der Ursprung des philosophischen Naturbegriffs verweist (schon bei Thales) auf den des Wassers.
Der Schöpfungsbericht enthält die Lösung eines Problems, das wir als Problem überhaupt erst entdecken müssen.
Steckt in der Geschichte von dem einen unreinen Geist in der Wüste, der dann mit den sieben unreinen Geistern zurückkehrt, ein Hinweis auf das Verhältnis von Petrus und Maria Magdalena?
Enthält die Geschichte vom Aufdecken der Blöße des trunkenen Noah durch Ham einen Hinweis auf die Geschichte des Ursprungs des Geldes?
Im Fall wird das Individuelle übergangs- und reflektionslos zu einem Allgemeinen. Hierin konvergieren der erste Satz aus dem logisch-philosophischen Traktat Wittgensteins und die Rosenzweigsche Konstruktion des Weltbegriffs (B = A, zusammen mit der Kritik der idealistischen Umkehrung A = B, die den Weltbegriff der Reflexion entzieht). -
28.09.92
Wie hängen Grund, Begründung und Schuld mit einander zusammen? Ist der Grund die inverse Schuld?
Gegen die falsche Bewertung der Sexualmoral (zentrales Argument gegen das Zölibat): Das gefährlichste Organ des Menschen ist nicht der Phallus, sondern die Zunge (erst der Weltbegriff exkulpiert die Zunge und belastet des Phallus).
Der Bann der Sexualmoral ist nur zusammen mit dem des Weltbegriffs aufzulösen. Sexualmoralische Begründung des Objektbegriffs (Kristallisationskern der transzendentalen Logik und des Weltbegriffs): Der Objektbegriff (und die mit ihm verbundene Vorstellung der unendlichen Ausdehnung des Raumes) neutralisiert die Differenz von Himmel und Erde, universalisiert sie zur „Welt“; der Begriff der Welt (des Universums) als Repräsentant der Subjektivität im Objekt macht Herrschaft durch Subjektivierung und Vergesellschaftung (durch Identifikation mit dem Aggressor) unkritisierbar (und entzieht so der Theologie den Erkenntnisgrund). Durch die Sexualmoral wird das Kritikbedürfnis auf ein scheinbar herrschaftsfreies Objekt, in Wahrheit jedoch auf das ins Dunkle gerückte Objekt von Herrschaft (auf die Materie) abgelenkt. Der Objektbegriff, Produkt der Neutralisierung des Namens und Ursprung und Repräsentant der Gewalt des Begriffs, ist selber der Inbegriff dieses Dunklen (Herrschaft erzeugt die ihr korrespondierenden Dunkelzonen, die Schattenwelt, ohne die sie kein Licht hat).
Zum achten Gebot: Wo treten falsche Zeugen auf?
– Im Verhör Jesu,
– beim Verfahren gegen Stephanus,
– in der Geschichte der Susanna (Buch Daniel).
Die Confessio als Zeugenschaft ist der eigentliche Ort der Unzucht (Verinnerlichung der Idolatrie). Und die Virginitas ist eine Ersatzbildung der mißlingenden Vermeidung des falschen Zeugnisses (des falschen Bekenntnisses). Die Biologisierung der Virginitas und die Instrumentalisierung der Confessio gehören zusammen.
Der Andere: ist das nicht die falsche Identifizierung des Fremden mit dem Armen unter der Herrschaft des Weltbegriffs (und in seiner reallogischen Konstituierung und Begründung)? Das prophetische Votum für die Armen und die Fremden depotenziert die neutralisierende (und bewußtlos verwirrende) Kraft der Welt, des Weltbegriffs: es entzieht dem Sein die verandernde Kraft. Kommt heute nicht alles darauf an, zu verhindern, daß diese neutralisierende, verandernde und verwirrende Kraft der Welt endgültig den Sieg davonträgt (es wäre der Sieg über die Armen und die Fremden, und über alle Toten)?
Randalierer und Krawalle: das hört sich so an, als ob es sich um Leute handelte, die nur Lärm machen und dazu höchstens noch einiges kurz und klein schlagen, aber sonst relativ harmlos sind. Verschwiegen, verdrängt wird das zentrale Moment der gegenwärtigen Ausländerfeindschaft: die obszöne Mordlust, die sich noch an der folgenlosen Empörung über ihre Taten aufgeilt (und die tagtäglich in der Öffentlichkeit: in der Politik und in den Medien zur Schau getragene Empörung ist folgenlos).
Zu prüfen wäre, welche Rolle bei den derzeitigen Pogromen der Alkohol spielt, und ob es hiernach noch vertretbar und zulässig ist, Trunkenheit weiterhin als strafrechtlichen Milderungsgrund anzuerkennen. Trunkenheit ist ein Männerdelikt, und Trunkenheit ist ein Zivilisationsdelikt (Zusammenhang von Potenzzweifel, Komplizenschaft, falscher Schuldverarbeitung: Kampf gegen den „inneren Schweinehund“, Abbau von Hemmungen). Trunkenheit ist ein Stabilisator der Herrschaftslogik (Taumelbecher). Trunkenheit hat subjektiv (bei der Begründung des autoritären Charakters) eine ähnliche Funktion wie objektiv (im Zusammenhang der Selbstbegründung des Staates) die Strafe im Recht (als Manifestation des Gewaltmonopols des Staates). Vgl. die biblischen Bedeutungen von Wein und Trunkenheit.
Die Verdunkelung der Materie (im Kontext der Etablierung des Weltbegriffs, Reflex des Gewaltmonopols des Staates) ist der Preis für die Zivilisation.
Der substantivische Tod wird am Ende mit weichem „d“, das adjektivische tot mit hartem „t“ geschrieben. Der Eine ist der Abschneidende, das Andere bezeichnet das Abgeschnittene.
Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer Unrecht“ ist ein spätes Echo des jesuanischen „wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Hierzu gehört das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“: Heißt das aber nicht, daß, wer steinigt, selber versteinert: zu Stein (Kephas) wird? Ist Petrus und die darauf errichtete Kirche das steinerne Herz der Welt (das „steinerne Herz der Unendlichkeit“ in der „Dialektik der Aufklärung“, mit der Philosophie als Kristallisationskern des historischen Gesteinsbildungsprozesses), dessen Voraussicht die Angst im Garten Gethsemane (Antityp des Gartens Eden) und die Bitte „Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen“ allein begründet; ist es dieses Herz, das am Ende in ein fleischernes umgewandelt werden wird?
Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam: einer der ambivalentesten Sätze der Schrift; einer der Sätze, die in den Kontext des Kelchsymbols gehören. Doppelbegriff der Kirche: das Gebäude (Nachfolger von Tempel und Turm) und die Gemeinde.
Komplizenschaft und Identifikation mit dem Aggressor oder Prinzip Mescalero: In der Regel zeigen insbesondere die, die bloß das Glück hatten, nicht erwischt worden zu sein, mit besonderer Empörung und besonders tiefem Abscheu auf die, die erwischt wurden. So erweist sich diese (und nicht nur diese, sondern bei genauer Betrachtung jede) Empörung als eine Manifestation der klammheimlichen Zustimmung.
Zum Begriff des Lösens: gelöst wird der Knoten, das Siegel, und gelöst wird die Fessel, mit der der Gefangene gebunden wurde.
Zur Geworfenheit und zum Vorlaufen in den Tod: Die Heideggersche Philosophie findet sich als Ontologie zwangsläufig in der Isolationshaft wieder, aus der die Philosophie aus eigener Kraft nicht herauskommt. Das Vorlaufen in den Tod ist ambivalent: Es ist die Identifikation mit dem Aggressor und zugleich das verzweifelte Pochen an der Zellentür, die nur mit Hilfe des Engels Theologie aufzusprengen wäre. Nicht zufällig erinnert der Titel Fundamentalontologie an die Verliese, die in den Fundamenten der Burgtürme sich befanden, und der Begriff der Geworfenheit an das Verfahren der Verbringung der Gefangenen in diese Verliese.
Uta Ranke-Heinemann verkennt, daß die historische Kritik nur die Vorarbeit ist, die dann aber helfen sollte, den prophetischen Kern der Texte freizulegen. Franz Rosenzweig hat das Sigel R (das den Redaktor bezeichnet) als Rabbenu (unser Lehrer) dechiffriert.
Kafkas Satz „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“ gibt einen Hinweis darauf, wie die Idee der Auferstehung der Toten noch sich halten läßt. Und zu Benjamins Satz „Hoffnung ist uns nur um der Hoffnungslosen willen gegeben“: Wir verraten die Hoffnungslosen nochmal (und endgültig), wenn wir die Hoffnung, die wir nur für sie hegen dürfen, verraten. Die Prophetie hat ein fundamentum in re, unabhängig davon, ob das, worauf sie abzielt, eintreten wird oder nicht (vgl. den letzten Satz in Blochs „Geist der Utopie“).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie