Rosenzweig

  • 23.09.92

    „Sitzet zur Rechten des Vaters“:
    – Wo, außer in der Rede des Stephanus, kommt das im NT vor (Bezugsstelle in Ps 1101, vgl. auch das Folgende im Psalm)?
    – Wie hängt das mit der Übernahme der Sünde der Welt (Rechts und Links) zusammen?
    – Gibt es einen Zusammenhang mit dem Binden und Lösen (und mit dem Millenarium, der Bindung des Satans in der Apokalypse: Ist die mittelalterliche Fälschungsgeschichte eine Veranstaltung zur Vermeidung des Lösens, ein Teil der Leugnungsgeschichte)?
    – Zusammenhang mit dem Ende des Buches Jona?
    – Gibt es einen Zusammenhang zwischen Vater, Sohn und Geist und den Umkehrungen Oben/Unten, Rechts/Links und Vorn/Hinten?
    Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße; aber der Sohn sitzt zur Rechten Gottes, der ihm seine Feinde als Schemel unter seine Füße legen wird.
    Hat die Orthodoxie (und die Orthogonalität) etwas mit dem Sitzen zur Rechten des Vaters zu tun?
    Hat die Kirche nicht seit je die Juden als Projektionsfolie für ihr eigenes Versagen, ihre eigenen Unterlassungen, ihre eigene Verblendung genutzt (zumindest: diese Nutzung zugelassen)?
    Heidegger hat den Abgrund der Sinnfrage eröffnet und ist selber hineingefallen. Daran erinnert wohl der Begriff der Geworfenheit. Heidegger hat das Sein, dessen verandernde Kraft Rosenzweig erstmals notiert hat, im Namen der Geworfenheit als das Subjekt des Falls begriffen (als außerhalb des Subjekts existierende, das Subjekt exkulpierende Projektionswand der Schuld: als Geschick).
    Die muslimische Brüderlichkeit ist eine Prominentenfalle. Der Islam glaubt, wie jeder Fundamentalismus seit dem Ursprung des unbekehrten Christentums, politische und ökonomische Probleme durch eine restriktive Sexualmoral lösen zu können.
    Der Weltbegriff legitimiert und sanktioniert die intentio recta, das Auf-dem-Bauche-Kriechen der Schlange; und die kantische Philosophie wäre daraus zu erklären, daß nur unter den Bedingungen des ungeheuren Blindschleichen-Konstrukts der transzendentalen Logik und Ästhetik diese intentio recta noch zu halten war, während sie die Elemente der eigenen Widerlegung bereits enthielt.

  • 22.09.92

    Kann es sein, daß die mittelalterliche Theologie sich die wichtigste Erkenntnisquelle selber zugestopft hat, als Johannes Scottus Eriugena verurteilt wurde? Es hat große Anstrengungen (und unvertretbare Opfer) gefordert, bevor das scottische Thema der „Einheit des Ewigen und des Gewordenen“ (S. 276ff) durch Bloch, Benjamin, Horkheimer und Adorno wiederdentdeckt wurde. Habermas hat’s immer noch nicht begriffen. Dieses Thema rührt an den Grund des Weltbegriffs, indem es den „Schöpfungsanfang“ nicht, wie es der Weltbegriff fordert, an den zeitlichen Anfang setzt, sondern – in der weltlichen Perspektive der Kreatur – ihm (und seiner Voraussetzung, der Idee des Ewigen) ein Gewordensein konzediert: er wird somit in jene geschichtliche Perspektive gerückt, in der dann der Ursprungsbegriff sein Wahrheitsmoment genauer bezeichnet und festhält.
    Merkwürdiger Begriff der Natur beim Johannes Scottus Eriugena. Was drückt sich in dem Titel „De divisione naturae“ aus? Leitbegriff seiner Spekulation ist der der Natur, aber nicht als einheitlicher Begriff (nicht als Totalitätsbegriff), sondern als an getrennte Bedeutungen aufgeteilter. Vergleiche damit den Naturbegriff und seine Funktion bei Franz Rosenzweig (Grund und hypokeimenon des Systems, aus dessen Umkehrung erst die Wahrheit hervorgeht). Naturbegriff in der Bibel (nur in den Apostelbriefen, und hier auf dem Niveau: „Lehrt euch nicht selbst die Natur, daß, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist“ – 1 Kor 1114)? Oder: ist der Naturbegriff durch den Weltbegriff vermittelt, und was entspricht ihm dann in der „Vorwelt“, in der Geschichte vor dem Ursprung der Philosophie und vor der Entstehung des Römischen Reiches?
    Zitiert Thomas von Aquin noch den Johannes Scottus Eriugena? Welche Rolle spielt in dieser Geschichte des Johannes Scottus Eriugena der Pseudo-Dionysius Areopagita (und der Maximus Confessor, Hauptinterpret des Ps.-Dionysius), oder welche Rolle spielt Johannes Scottus Eriugena in der Geschichte des Pseudo-Dionysius? Wann und von wem wird Dionysius Areopagita zum erstenmal erwähnt und zitiert, und wann und von wem Johannes Scottus Eriugena?
    Erstaunlich beim Johannes Scottus Eriugena seine stupende Gelehrsamkeit, sein souveräner Umgang mit lateinischen und griechischen Autoren (Plato, Aristoteles, Augustinus, Boethius, Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz, Basilius, Dionysius Areopagita, Maximus); er kennt die Differenzen zwischen der lateinischen und der griechischen Theologie, er ist in der Lage, etymologische Beziehungen zwischen lateinischen und griechischen Begriffen zu erkennen.
    War nicht die Hexenverfolgung, die endgültig das Antlitz der Erde zerstört hat, eine Konsequenz aus der Verurteilung des Johannes Scottus Eriugena? Und war nicht die Verurteilung des Johannes Scottus Eriugena der Preis für die Gründung der Universitäten (Beziehung zur Leugnung des Heiligen Geistes).
    Das Sein ist der Ursurpator des Namens, und seine verandernde Kraft bezieht sich auf die benennende Kraft der Sprache. Heideggers Philosophie ist der Versuch, diesem Usurpator des Namens die Würde des Namens zu verleihen (das Sein zum Namen zu ernennen).
    Der Naturbegriff verkörpert den ungeheuerlichsten Widerspruch, der nur deshalb nicht gesehen wird, weil seiner Verdrängung die Autonomie des Subjekts sich zu verdanken scheint. Der Naturbegriff ist die logisch überdeterminierte Projektionsfolie des blinden Flecks, in dem das Subjekt sich selber steht. Der harte Satz gilt: In der Natur kommt das Subjekt nicht vor, und soweit es vorkommt, muß es sich gegen die Natur behaupten.
    Dem Geburtsfehler der Philosophie, der Ontologie, entspricht der der christlichen Theologie: die Beziehung des Schöpfungsbegriff auf die Welt, die Idee, daß Gott die Welt aus (dem) Nichts erschaffen hat. Hierdurch wurde der Staat (das Herrendenken) gegen Kritik abgeschirmt, zugleich die zentrale Stellung der Sexualmoral im religiösen Selbstverständnis begründet (Grund und Folge des Naturbegriffs: so hängt die Stellung der Sexualmoral mit dem Ursprung des Weltbegriffs zusammen). Grund ist das Nichtbegreifen der Täufer-Theologie: die zentrale Stellung der Übernahme der Sünde der Welt (Begründung der Taufe und der Umkehr). Nur so wäre der Weltbegriff der Schöpfungslehre entzogen (und die Urhäresie: die Gnosis, aus der die ganze Geschichte der Häresien sich ableiten läßt, vermieden) worden. Der Weltbegriff gehört in die Christologie, hierhin aber als historischer, als Prozeßbegriff (Säkularisation, Verweltlichung).
    Es käme heute darauf an, die paulinische Theologie durch die des Täufers zu berichtigen oder zu ergänzen (vgl. auch das Martyrium des Erzmärtyrers Stephanus, an dem Paulus beteiligt war, mit dem Tod des Johannes, nachdem er den Herodes zur Rede gestellt hatte). Steht nicht die alternative Bewegung heute in der Täufer-Tradition; das führt auf die Frage: wer waren Herodes, Herodias und Salome?

  • 13.09.92

    Wenn die Schlange „auf dem Bauche kriecht“, drückt sich darin nicht auch ein Verhältnis zu den Herrschenden, zu den Vornehmen, aus? Steckt darin nicht die Anerkennung hierarchischer Ordnungen? Stehen nicht aller Tiere unter Herrschaftsnarkose? Und ist die Schlange deshalb „das klügste aller Tiere“, weil sie die vollständige Unterwerfung repräsentiert?
    Der biblische Begriff der Umkehr ist nur verständlich im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten. In diesem Zusammenhang nochmal nachlesen, in welchem Kontext die Umkehr von Mensch Welt Gott im „Stern“ sich begreift.
    Natur- und Weltbegriff sind Totalitätsbegriffe, die unsere Erfahrung organisieren. Der Naturbegriff usurpiert den Schöpfungsbegriff und leugnet die Idee der Auferstehung der Toten; der Weltbegriff usurpiert das Jüngste Gericht und leugnet die Idee der Schöpfung. Die ungeheure Bedeutung des paulinischen „Kauft die Zeit aus“. Durch den unreflektierten Gebrauch der Begriffe Welt und Natur werden die Schöpfung und die Idee der Auferstehung aus dem Bereich des Denkbaren ausgeschlossen. Aber ohne die Idee der Auferstehung der Toten ist auch die der Wahrheit nicht mehr denkbar.
    Starke und schwache Verben: Gesonnen und gesinnt. Hängt die Unterscheidung mit der von Name und Begriff zusammen, drückt darin ein Unterschied der Beziehung zum Objekt sich aus? (Der Duden ebnet die Differenz ein, indem er schwache Verben, nur weil auch ein Vokal sich ändert, mit zu den starken (= „unregelmäßigen“) Verben rechnet; vgl. insbesondere die sogenannten Modalverben, die „Präteritopräsentia“:
    – dürfen: es ist mir erlaubt,
    – können: die Kräfte, die Mittel reichen aus,
    – mögen: es kommt meiner Neigung entgegen,
    – müssen: ich bin gezwungen,
    – sollen: es wird von mir erwartet,
    – wollen: ich verspreche zu tun,
    – wissen: ich unterwerfe meine Erfahrung den Kriterien der Beweisbarkeit, oder: ich unterwerfe mich der Kontrolle der Anderen (die mich zum Anderen für Andere macht; Katalysator ist der Begriff des Seins, die „verandernde Kraft des Seins“);
    sie binden den transzendentalen Apparat an seinen Naturgrund im Subjekt zurück, geben ihn selber als ein Stück gegenständlicher Natur vor und repräsentieren die Formen der Bedienung, des Gebrauchs dieses Apparats, (den subjektiven Grund der „Tatsachen“); sh. Duden, Ziffer 216: sind das nicht Entfremdungs- oder Vergesellschaftungsverben, Verben, die die Subjektlosigkeit des Subjekts bezeichnen, gleichsam Repräsentanten der Welt oder der Natur, einer Autorität, des Schicksals, des Triebs, des Verstandes oder des Willens im Subjekt: Produkt des begrifflichen Banns, der Zerstörung des Angesichts, und Schuldgrenze zur Welt?).
    Die Präteritopräsentia: Setzt sich mit ihnen das Subjekt (anstelle der Tat) als vergangen, daher ihre grammatische Konstruktion? Sind sie die subjektiven Reflexionskategorien des Weltgeistes, gemeinsam mit dem Weltbegriff entspringende Reflexionsbestimmungen?
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die unmittelbare Präsenz des gesehenen Objekt rekonstruiert; durch die Projektion ins Inertialsystem hingegen wird so etwas wie eine Präteritopräsenz hergestellt. Entsprechen dem in der Sprache die Modalverben?
    Transzendentallogischer Zusammenhang von Welt, Wissen und Natur mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung (dem Raum und seiner Dreidimensionalität)?
    Ist der Konjunktiv (der heute ausgetrieben wird) die letzte Zufluchtsstätte des Subjekts in der Sprache?
    Wie hängt das Nomen „Würde“ mit dem Konjunktiv des Verbs „Werden“ zusammen (ähnlich wie der Infinitiv Sein mit dem gleichnamigen Possessivpronomen 3. Person Singular masculinum)?
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Dieser Satz ist eine Tautologie und als solche schlicht nichtssagend: sie fällt nicht unter den Begriff der antastbaren Objekte, oder: auch die schlimmsten Verhältnisse (z.B. die Isolationshaft) lassen die Würde des Menschen unberührt. Der Satz soll aber offensichtlich den Eindruck erwecken, als solle damit die Maxime definiert werden, wonach die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dann jedoch dürfte es bestimte Urteile und auch Formen des Strafvollzugs, die zu oft den Satz bestätigen, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, nicht geben.
    Gemeinheit als Erziehungsmedium: Heißt nicht für unsere Justiz Resozialisierung die Austreibung des Mitleids, die Fixierung ans Eigeninteresse? Das aber ist der Grund der Rückfallmechanik. So gerät unser Rechtswesen immer mehr in eine Verfassung, in der sie nur noch ihre eigene Existenzgrundlage: das Verbrechen, reproduziert.
    Wenn ich einen Imperativ durch einen Indikativ ersetze, dann verwandle ich ein Sollen in ein Sein, eine moralische Handlung in ein schicksalhaft ablaufendes Geschehen: ich verrate die Moral, um die Philosophie zu retten.
    Der Grundstein des babylonischen Turms ist das Sein, die Ontologie das dynamische Zentrum der Sprachverwirrung. Mit dem Namen des Seins zitiere ich Gewalt, den Ursprung des Gewaltmonopols des Staates. Aber insoweit ist auch die raf eine ontologische Sekte.
    Es ist eine Verharmlosung, den Nationalsozialismus nur als Rassismus zu verurteilen; so reduziert man ihn auf ein Bekenntnissystem, auf eine Konfession, und verbleibt im Bann der Logik, der er entspringt. Im Banne dieser Logik sind der Antisemitismus und die Trinitätslehre als Bekenntnisse gleichwertig und austauschbar. Zu verstehen ist er nur als Generalprobe des Antichrist.
    Die Frage, ob zwar nicht Jesus, wohl aber das Christentum den Teufel mit Beelzebub austreibt (vgl. die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern), ist vielleicht doch sehr ernst zu nehmen. Und ebenso die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, m.a.W. die, die Johannes „die Juden“ nennt, werden vom Grunde her mißverstanden, wenn man sie nur als historische Exemplare einer vergangenen und überwundenen Epoche ansieht: Gemeint ist die Kirche (mit ihren real existierenden Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern).
    Wäre der Islam nicht verständlicher, wenn es stimmt, daß die Sprache des Koran, das Arabische, kein Futur kennt? Das islamische Schöpfungskonzept, wonach Allah in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, schließt jede Zukunftsgarantie aus, setzt das Geschaffene der vollen Schöpfungsmacht eines Gottes aus, dessen Pläne undurchschaubar sind, und begründet ein Lebensgefühl, in dem der Zufall zentral ist (wie es dann auch im Namen des „Islam“ sich ausdrückt: Im Christentum ist der Zufall eine zu enträtselnde Chiffre der göttlichen Vorsehung, im Islam eine nur durch Unterwerfung zu ertragende Manifestation der göttlichen Schöpfungsmacht).
    Die Materie ist das Für-andere-Sein der Dinge; insofern hängt der Begriff der Materie mit der Geschichte der Sexualmoral und mit der ihres Objekts zusammen.
    In der Kirchengeschichte hat es zwei pornographische Epochen gegeben: die pornokratische Phase der Papstgeschichte und die kasuistische Phase der Moraltheologie. Beide Phasen sind Phasen der Herrschaftsgeschichte (die erste unmittelbar, die zweite als Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft). Beide sind Ausdruck der Verzweiflung an der Theologie. Die befreite Sexualmoral wird eine sein, die als Herrschaftsmittel gänzlich unbrauchbar geworden ist, weil sie sich im Hinblick auf die Idee der Auferstehung begreift. „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
    Adornos Satz: „Die Deutung von Geist als Gesellschaft erscheint demnach als metabasis eis allo genos, unvereinbar mit dem Sinn der Hegelschen Philosophie allein schon darum, weil sie sich gegen die Maxime immanenter Kritik verfehle …“ (Drei Studien zu Hegel, S. 31) wäre zu berichtigen: Die Deutung von Geist als Gesellschaft läßt sich aus der Hegelschen Logik entwickeln, aus dem Satz: „Das Eine ist das Andere des Anderen.“ Dieses Für-andere-Sein steckt im Innern des Geistes als dessen gesellschaftliches Wesen drin und ist der materialistische Analyse und Interpretation fähig.
    Benjamins Satz: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ enthält die Konsequenz, daß die Idee des Glücks die -nicht durch Rechtfertigungszwänge blockierte – volle Erinnerung der Vergangenheit (oder die Übernahme der Sünde der Welt) und die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt. (Vgl. hierzu das Bild der Lokomotive: diese Lokomotive kann nicht gestoppt, sondern nur aufgelöst werden; sie ist ein Phantom, aber ein reales.)
    Wenn Maria als Mittlerin aller Gnaden angesprochen wird, dann kann das eigentlich nur im Sinne des Liedes „Christi Mutter stand mit Schmerzen …“ verstanden werden. Gefährlich wird die Marienverehrung nur im Kontext der Mutterideologie, der schon in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana die Grundlage entzogen wurde, als Jesus sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, worauf Maria nicht ihm antwortete, sondern (in einer Form, die den Eindruck erweckt, sie habe ihn verstanden) die Diener der Gastgeber anweist: „Tut alles, was er euch sagt“.
    Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Das wäre aufzuarbeiten anhand der Geschichte des Naturbegriffs.
    Heidegger hat die Moral verraten, um die Philosophie zu retten.
    Es gibt Gerüche, die Erinnerungen wachrufen; es gibt aber auch Gerüche, die Verdrängungshilfe leisten.

  • 07.09.92

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: Das Urteil wird gefällt, und das Objekt fällt unter den Begriff.
    Gibt es einen etymologischen Zusammenhang zwischen dem Possessivpronomen 3. Person Singular und dem „Sein“ (wie zwischen dem „Mein“, der Meinung, der Gemeinheit und dem Allgemeinen)? Ist das nicht Hintergrund der Begriffe Welt und Wissen (in beiden ist das Mein der Anderen: das Sein, als Seins- und Begriffsgrund mit enthalten) sowie Grundlage des Naturbegriffs?
    Ist der deutsche Artikel gebildet aus den Personalpronomina 3. Person Singular in Verbindung dem der 2. Person: Der = Du-er, Die = Du-sie, Das = Du-es?
    Das Symbolum enthielt noch die Erinnerung an die Trennung der Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments. Im Bekenntnis wird diese Trennung verdrängt und vergessen, setzt sich die Subjektivität durch, die so überhaupt erst sich bildet, indem sie versucht, Herr über ihren Teil des Symbolums zu werden (Änderung des Sakramentsbegriffs). Im Bekenntnis wird das Subjekt Herr und Nutznießer des Opfers, verdrängt es die Gottesfurcht.
    Wenn sich im Wort vom Binden und Lösen das Lösen auf das „er weinte bitterlich“ bezieht, bezieht sich dann nicht das Binden auf die Geschichte der drei Leugnungen? Ist das Verfahren des Hahns (sein Krähen) in der Regel der correctio fraterna beschrieben (und sein Versagen vorausgesagt)?
    Hängt die Feste des Himmels, die die Wasser oberhalb von denen unterhalb trennt, mit dem Ich zusammen? Sind die subjektiven Formen der Anschauung gleichsam der subjektive Rest dieses Zusammenhangs, seine Spur im Ich? Und ist der Regenbogen nach der Sintflut der gegenständliche Repräsentant eines Ich, das sich durchs Fleischfressen (durch den Schrecken der Tiere) und durch Einbindung in hierarchische und durch Gewalt geprägte Gesellschaftsstrukturen bestimmt?
    Durch den Objektbegriff wurde die Vernunft in Isolationshaft gesetzt (transzendentale Ästhetik und Logik). Die Hegelsche Philosophie (Konsequenz hieraus) beschreibt aufs genaueste dieses Gefängnis, zu dem die Welt das Urteil spricht. Hierbei ist jedoch daran zu erinnern, daß ein Häftling die genaueste Kenntnis seines Gefängnisses beim Ausbruchsversuch erwirbt.
    Liegt nicht die Ambivalenz des messianischen Anspruchs Jesu in dem Wort „Ich bin’s“?
    Wenn die Feste des Himmels mit dem Ich zusammenhängt, haben dann die paulinischen Archonten etwas mit den sieben unreinen Geistern zu tun?
    Gehört die Trennung von Turm und König zu den Bedingungen des Ursprungs der Schrift und insofern zu den Ursachen der Verwirrung der Sprache?
    Die Sünde der Welt auf sich nehmen heißt begreifen, daß ich Anteil an der Auferstehung nur gewinnen kann durch die Hoffnung, die ich nur für andere hegen darf, hindurch. Und nur für andere, das heißt auch: für die Toten.
    Das Faktum des Todes hängt mit dem Faktum des Weltbegriffs, d.h. mit der Entfremdung des Denkens und des Dings, mit dem Begriff, der die Dinge von allen hinter ihrem Rücken begreift: mit der Vollendung der verinnerlichten Schicksalsidee im Prozeß der Aufklärung selber, zusammen. Wer die Partei der Welt ergreift, sich dem Gebot der Übernahme der Sünde der Welt entzieht, ergreift die Partei des Todes (vgl. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“).
    Ist das Sumerische die Wasserscheide, die die indogermanischen Sprachen von den semitischen trennt (Turmbau zu Babel)?
    Problem des Sanskrit: Mit welchen gesellschaftlichen und religiösen Institutionen hängt diese Sprache zusammen? (Vgl. Rosenzweigs Konstruktion der indischen Abstraktionsgestalt des Mythos.)
    Das Produkt der Universalisierung der Welt ist die transzendentale Logik, die als Sprengung jeglicher Gestalt auch die griechische Kosmosidee sprengt (und zugleich das Außen-Innen-Paradigma begründet). Die Spenglersche Idee, daß die Stelle, die im griechischen Bereich die Götter- (und Heroen-)Statue einnimmt, in der modernen Welt durch die Musik besetzt ist, verweist genau auf diesen Zusammenhang.
    Drei Konsequenzen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit:
    – die objektive Präsenz des sinnlichen Objekts im Licht,
    – die Richtungsabhängigkeit des Zeitmaßes und vor allem:
    – die Einheit der Zeit, die Konzeption des Raumes als Form der Gleichzeitigkeit, erweist sich als der Schock, der den Dingen erteilt wird und sie zu physikalischen Objekten überhaupt erst macht. Dieser Schock gründet in der mathematisch bedingten Trennung von Raum und Zeit, in der Konstituierung der Vorstellung einer homogenen Zeit.
    Wer den Witz erzählt, darf selbst nicht lachen (das gehört mit zur Technik des Unterlaufens der Geistesgegenwart, das die Wirkung des Witzes überhaupt erst ermöglicht); aber alle, die dann lachen, machen sich mit dem Witzeerzähler gegen das Objekt des Witzes gemein. Es sei denn, man lacht nicht mit und versucht (geistesgegenwärtig), den Trick zu durchschauen (der in der Verletzung des Gebots der Übernahme der Sünde der Welt liegt). Aber heißt das nicht auch, daß bisher die Christen mit der Konstruktion der Opfertheologie nur mitgelacht haben über das Opfer, anstatt Gethsemane zu begreifen? Das Christentum heute ist das zwangshaft schallende Gelächter, das das Wort Gottes übertönt. (Unterscheidet sich der jüdische Witz vom christlichen nicht durch das verzweifelte Bemühen, den Christen endlich die Technik des Witzes, den Trick, klarzumachen, indem es die Partei der Opfer ergreift? Hier ist der Erzähler selber zugleich das Objekt.)
    Im Witz ersetzt die Pointe den Beweis. Wo liegt die Pointe der Naturwissenschaften? Wer sie findet, kennt den Grund aller Pointen.

  • 04.09.92

    Das Verhältnis des Teils zum Ganzen ist eine dingbezogene Reflexionsform des raumbezogenen Verhältnisses von innnen und außen.
    Ist die sumerische Sprache das Ferment, der Katalysator des Ursprungs und der Trennung der indogermanischen und der semitischen Sprachen (Realbedeutung des Turms von Babel)?
    Der Satz des Thales, daß das Wasser der Ursprung von allem (Ursprung sowohl des Begriffs als auch des Gegenstandes: „aller Dinge“, welche Vorstellung den Begriff des Alls voraussetzt) sei, wird dementiert durch den biblischen Schöpfungsbericht, in dem dem Wasser (im Gegensatz z.B. zur Erde) jede eigenschöpferische Kraft abgesprochen wird: die Fische gehören zu den drei Dingen (mit Himmel und Erde und den Menschen), die Gott selbst geschaffen hat. Und wenn es in der Apokalypse am Ende heißt, daß das Meer nicht mehr sein wird, so heißt das auch, daß damit der Grund der Philosophie (die verandernde Kraft des Seins, das Herrendenken) nicht mehr sein wird. Mit dem Satz des Thales wird die vornachidische Urgeschichte endgültig verdrängt.
    Sind die Fische erschaffen, um das Problem des Wassers zu lösen?
    Wenn zur Erläuterung des „Stern der Erlösung“, seines Ursprungs, auf Rosenzweigs Erfahrung des Krieges hingewiesen wird (zuletzt noch bei Stephan Moses), so bedeutet das eine ähnliche Verkennung der Bedeutung des Todes im Systemzusammenhang des Stern wie im Falle der kirchlichen Apperzeption der Gethsemane-Geschichte (der „Todesangst Jesu“) im Systemzusammenhang der christlichen Theologie.
    Ist nicht das Angesicht der Erde gleichsam zersprengt in dem der Tiere, und ist die Benennung der Tiere deshalb der adamitische Ursprung der Sprache? Waren es nicht aus diesem Grunde die Tiere (Totems), an denen die ersten Religionen sich abarbeiten mußten (Zusammenhang mit dem Opferdienst)?

  • 02.09.92

    Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Oder gibt es einen Zusammenhang des Ursprungs der Architektur mit dem der Schrift? Und ist Heideggers „Haus des Seins“ ein später Abkömmling des Turms von Babel? Und ist das Sein, dessen „verandernde Kraft“ Franz Rosenzweig bemerkt hat, ein Synonym der Verwirrung, die der biblische Name Babel bezeichnet? Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung und der Struktur der heute so genannten „sumerischen“ Sprache zu tun?
    Im Verhältnis von Architektur und Sprache reflektiert sich erstmals das Verhältnis von Raum und Sprache: Das Außen-Innen-Paradigma hat hier seinen Ursprung; und der Turmbau zu Babel ist die erste Gestalt dessen, was Kant später die subjektive Form der Anschauung genannt hat. Erinnert nicht jeder Turm seitdem an den von Babel?
    Das Außen-Innen-Paradigma ist ein politisches und ein architektonisches Paradigma.
    Zur Geschichte des Turmes gehört auch die Erfindung der Turmuhr und der Glocken, sowie die Domuhren, die nicht nur die Zeit, sondern auch den Stand der Sterne, des Mondes und der Sonne anzeigten. Aber auf der Kirchturmspitze sitzt der Hahn.
    Die Ziegel, aus denen der Turm zu Babel erbaut wurde: sind das nicht die Keilschrift-Ziegel? (Zusammenhang des babylonischen Turms mit dem Ursprung der Schrift, des Geldes, der Tempelwirtschaft, der Astronomie: schließlich der Idee des „Universums“, der „in eins gewendeten“ Welt: der Universitäten und des Wissenschaftsbegriffs.)
    Die biblischen Witwen und Waisen, sind das die gottlosen Staaten und ihre Bürger (Ninive und die 120000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können)? Vgl. hierzu auch Jesaia (10. Kap.?). – Muß man zum Buch Jona nicht auch die übrigen Ninive-Stellen hinzunehmen (von Nimrod bis zur realen Zerstörung Ninives)?
    Zum Rousseauschen Begriff der Natur gehört die Vorstellung eines Bereichs der Freiheit von Schuld, eines Bereichs, in dem man dem zivilisatorischen (gesellschaftlichen) Schuldzusammenhang entronnen ist. Die Vorstellung einer natürlichen Unschuld und einer unschuldigen Natur stammt hierher; und der Schöpfungsbegriff in der Parole von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist durch diese Vorstellung gefärbt.
    Natur als Abfalleimer (oder zum Ursprung des Begriffs der Materie): Die Funktion des Naturbegriffs war es, das Subjekt von der „Sünde der Welt“ zu entlasten. Die Natur wurde (im Ansatz bereits seit dem philosophischen Ursprung ihres Begriffs, explizit jedoch seit Rousseau) als ein Bereich der Unschuld, der Freiheit von den Belastungen und Pflichten des Lebens in der vom Geld beherrschten Gesellschaft (im Staat, dem Demiurgen, dem „Schöpfer“ der „Welt“), vorgestellt, als Folie für die Beschwernisse des urbanen Lebens; Aufgabe dieses Naturbegriffs war es, die „Sünde der Welt“ auf sich zu nehmen und die Sichtbarkeit dieser „Schuld“ gegen ihre realen Urheber abzuschirmen, diese so zu exkulpieren (ähnlich nehmen das Opfer, der Herrscher und am Ende der „Führer“ die Schuld aller auf sich: und exkulpieren sie damit – Zusammenhang mit dem Bekenntnisbegriff?). Und wenn im Naturbegriff (bis heute unbemerkt) auf diesem Wege die christologische Logik wiederkehrte und zugleich verdrängt wurde, so widerfuhr ihm das gleiche Schicksal, das er einmal seinem Erzeuger, dem Mythos, der Idolatrie, dem Sternen- und Opferdienst bereitet hat. Merwürdige Stellung des christlichen Dogmas in diesem Prozeß!
    Wie hängen rein und unrein (in der Bibel und in der Waschmittelreklame) mit Schuld und Unschuld zusammen; und weshalb ist die Materie dunkel?
    Eine Kritik der Naturwissenschaften ist ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht mehr möglich; aber auf diese Idee der Auferstehung der Toten können sich die Täter von Auschwitz nicht mehr berufen.
    Der Begriff der Erschaffung der Welt, der aus der Philosophie stammt, aus der aristotelischen Tradition, bezieht sich eher auf das zweite bara im Schöpfungsbericht, nicht auf das erste (die Erschaffung des Himmels und der Erde): auf die Erschaffung der großen Seeungeheuer am vierten Tag. Zu diesen „großen Seeungeheuern“ gehören sicher u.a. die großen Fische im Buch Jona und im Buch Tobit, wahrscheinlich auch die „153 großen Fische“ am Ende des Johannes-Evangeliums; dazu wäre noch hinzuweisen auf die Stelle in der Geheimen Offenbarung, in der die Wasser, an der die Hure Babylon sitzt, dechiffriert werden als „Völker, Sprachen, Stämme und Nationen“: sind nicht eben diese gemeint als die „großen Seeungeheuer“? Hier stellt sich die Beziehung zum Weltbegriff her, der das Erbe der Idolatrie, des Sternen- und des Opferdienstes angetreten hat und durch sie in die Geschichte der Völker, Stämme, Sprachen und Nationen verflochten ist.
    Völker, Stämme Sprachen und Nationen: sind das die Nachkommen Abrahams, die Söhne Jakobs, die Hebräer und die Israeliten?
    Wie hängt der Begriff der Nation mit dem der Natur zusammen?
    Die dritte Phase der Verleugnung ist die des „von allen Seiten hinter dem Rücken“: die der Geschichte der Naturwissenschaften (der unendlichen Welt) und des Kapitalismus. Beide werden beherrscht durch den ihnen einwohnenden Systemcharakter (Inertialsystem und Gravitationsgesetz, Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, Organisation politischer System: Ursprung der „Polizeywissenschaft“ – Subsumtion unter die Vergangenheit).
    „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ (Franz Rosenzweig: Stern der Erlösung): Die Idee Gottes schließt jede Vergangenheit, und damit jedes Wissen, von sich aus. Nur wer Gott sucht, erträgt das Nichtwissen, hält sich offen für eine Erkenntnis, die nicht im Wissen sich erfüllt. Wer in allem die Sicherheit des Wissens sucht (die Unsicherheit des Nichtwissens nicht erträgt) sucht eine Position hinter den Dingen (in ihrem Rücken) zu gewinnen und verrät mit Gott auch die Dinge (der Atheismus der Naturwissenschaft und des Kapitalismus).

  • 01.09.92

    Im Futur II verletzt die Sprache das Bilderverbot (oder sie transzendiert es, wie im Christentum).
    Haben Natur und Welt etwas mit dem Ja und Nein bei Rosenzweig, in der Konstruktion des „Stern der Erlösung“, zu tun? Dann wäre das Nein die Welt?
    Der Naturbegriff ist nach dem Verfahren der Rosenzweigschen Konstruktion nur durch die Umkehr hindurch auf die Theologie zu beziehen. Und die Rezeption des Naturbegriffs in der dogmatischen Theologie war der Sündenfall, oder zumindest ein Indiz des Sündenfalls der Theologie.
    Rousseau, der dem modernen Naturbegriff die Bahn freigemacht hat, hat zugleich seine Funktion kenntlich gemacht: Die Parole „Zurück zur Natur“ war motiviert und begründet im Zusammenhang der Flucht vor den Zwängen und Pflichten der Welt, dem Versinken in den Schuldzusammenhang. Genau darin lag die Verführungskraft der Rousseauschen Parole (und des Naturbegriffs seitdem).
    Merkwürdige Parallele zwischen den drei Verleugnungen und den drei Stufen der correctio fraternae, der „brüderlichen Zurechtweisung“. Relativiert oder widerlegt nicht gar die Geschichte der drei Verleugnungen die Regel der correctio fraternae?
    Die drei Verleugnungen (ihre objektive Strukturfolge) in der Geschichte der Schrift nachweisen (Kanon, Reflexion, „Sekundärliteratur“ als Ersatz der Kritik). Die Sekundärliteratur zerstört die Literatur (die Schrift) von innen; und diese Selbstzerstörung hat auch noch ihr Referenzfeld (in der Geschichte der Naturwissenschaften) und ihre Geschichte (und diese hat – im deutschen Idealismus – die kanonische Gestalt ihrer Selbstreflexion).
    Die zweite Stufe der Verleugnungen, das ist die des Zuschauers, der die Dinge von der Seite (oder von hinten) betrachtet (die Stufe der moralischen Neutralisierung des Subjekts durch die „Theorie“). Die dritte Stufe ist die des barbarischen Umschlags des Zuschauens von außen nach innen, Ursprung des barbarischen Innen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Hier lernten sie es, sich in den Augen der Anderen (der Zuschauer) zu sehen, und das ist wohl immer noch der schwierigste Punkt im „Sozialisationsprozeß“ (Ursprung des Weltbegriffs und der Scham, deren Geschichte in die des Weltbegriffs verflochten ist). Hegels Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ ist ein spätes Echo des biblischen Satzes „Und sie erkannten, daß sie nackt waren“.
    Die Konstituierung des Bewußtseins einer (quasiräumlichen) homogenen Zeit, die grundsätzlich mit dem Erwachen des historischen Bewußtseins, endgültig aber erst mit der Konstituierung des Inertialsystems sich durchsetzt, verdankt sich dieser „Seitenansicht“ der Dinge; historisch fällt sie zusammen mit den kosmologischen (astronomischen) Konzepten der Antike und der Moderne.
    Der Begriff der trägen Masse konstituiert sich in der gleichen Bewegung, in der auch die Fallgesetze und die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts entdeckt werden.
    Der Begriff der Materie konstituiert sich im Kontext der „Seitenansicht“ der Zeit.
    Die Ableitung der Mikrostruktur der Materie aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit müßte bis zu dem Punkt möglich sein, an dem der Nachweis sich führen läßt, ob die mathematische Ableitung der mikrophysikalischen Naturkonstanten (Plancksches Wirkungsquantum, Elementarladung, Masse des Protons und Elektrons) möglich ist.
    Der Weltbegriff verdankt sich der Verinnerlichung des Opfers (oder auch: der Verinnerlichung des Schicksals). Und genau hier ist der Punkt, an dem sich die Beziehung zum Wort von Übernahme der Sünde der Welt durchsichtig machen läßt. Die Differenz zwischen der Hinwegnahme und der Übernahme der Sünde der Welt ist der Unterschied ums Ganze (Ursprung und Funktion der Opfertheologie, Zusammenhang der Opfertheologie mit der Konstituierung des Weltbegriffs; Naturbegriff als Inbegriff der nichtübernommenen Schuld). Die „Hinwegnahme“ ist der Grund der Ideologie, die das Christentum bis heute daran gehindert hat, sich selbst zu begreifen. Und die Geschichte dieser (bewußt- und hilflosen) Selbstbehinderung ist die Geschichte des Kampfes zwischen Orthodoxie und Häresie, die es ohne die Opfertheologie so nicht gegeben hätte.
    Mit dem Bischofsamt, im Amt des „Aufsehers“, wurde die Seitenansicht der Dinge in die Struktur der Kirche, in ihre hierarchische Struktur, mit installiert. Zusammenhang der Ämter in der frühen Kirche: Apostel, Diakon, Priester (Älteste) und Bischöfe (Aufseher).
    Ist die Hiob-Stelle, die in der Kabbala auf die dreifache Seelenwanderung bezogen wird, vielleicht auf die dreifache Leugnung zu beziehen?
    Die Konstruktion des Dualis im Hebräischen (mizraim, überhaupt die Endung im, z.B. in majim, schamajim, elohim u.ä.)?

  • 17.08.92

    Erkenntnis und Sexualität: Wie verhalten sie sich zu Begriff und Name?
    War mit der Lokalisierung der Erbsünde in der Sexuallust nicht eigentlich die unio mystica, der Selbstgenuß im Objekt, gemeint? Und hängt das nicht wiederum mit Struktur und Funktion des Begriffs zusammen, mit dem mythischen Element im Begriff?
    Mit der Exkulpation des durch Alkohol enthemmten Triebtäters wird eigentlich die positivistisch enthemmte Vernunft (im Recht wie in den Naturwissenschaften) exkulpiert (Alkohol als Zivilisationsdroge). Die Vorstellung, daß der Mann, wenn der Trieb ihn überwältigt, seiner selbst nicht mehr Herr ist, ist ein bedeutender Akt der Selbsterkenntnis.
    Zentrales Element jeglicher Enthemmung (und jede Enthemmung ist Enthemmung von Gewalt, Ursprung der Gewalt-, der Mordlust) ist die Paranoia, oder genauer: das Herrendenken und die davon unablösbare Paranoia. Darauf bezieht sich die Arglosigkeit, die einzige Kraft, die diesen Zusammenhang auflöst. Herrendenken und Paranoia ist die Subjektseite und Objektivation und Instrumentalisierung die Objektseite des gleichen Sachverhalts.
    Ist das Objekt des Satzes „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ nicht die Kirche, die sich mit der vom Nachfolgegebot getrennten Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat (Ursprung im Urschisma, Folge: Antijudaismus und die bis heute unaufgearbeitete Geschichte der Häresien).
    Symbol unserer Medizin: die Halbtoten am Tropf sind die ertragreichste Einnahmequelle.
    Die durchs System der Marktwirtschaft in die Dritte Welt induzierte Hunger- und Schuldenkrise (Arbeitstitel für eine Zivilisationsgeschichte: Geschichte der Schuldknechtschaft) beginnt auf die Erste Welt zurückzuschlagen:
    – in der nicht mehr beherrschbaren Arbeitslosigkeit,
    – in der Krise des Wohnungsmarktes, der im Interesse des Wohnungsbaus, seiner „Rentabilität“, hinzunehmenden Obdachlosigkeit,
    – im Agrarmarkt (generell im Rohstoffbereich: auch bei Kohle und Stahl, im Montanbereich, der zusammen mit dem Agrarbereich zu den ersten Objekten einer EG-Marktorganisation gehörte), und schließlich
    – im Problem der sogenannten Gesundheitsreform (Überwälzung der Kosten der explodierenden Gewinnerwartungen des medizinisch-industriellen Komplexes auf die „Objekte“ des Gesundheitswesens: die Patienten).
    Seit dem Turmbau zu Babel sollten eigentlich alle Türme suspekt sein (auch Glocken sind Symptome der Sprachverwirrung: waren vielleicht nicht doch schon vorsorglich die Glocken gemeint, als die Kirche die Erbsünde in der Sexuallust lokalisierte?). Aber woher kommt der Ausdruck „türmen“; hängt er möglicherweise mit der mittelalterlichen (oder schon antiken – vgl. die Türme im Buch der Richter) Funktion der Türme als Fluchtstätten zusammen? Und ist das Heideggersche „Haus des Seins“ der letzte Nachfahre des Turms von Babel (vgl. Rosenzweigs „verandernde Kraft des Seins“), und das „Vorlaufen in den Tod“ seine Form des „Türmens“?
    Bezeichnen die „sieben unreinen Geister“ den Zustand der Sprache heute?

  • 16.08.92

    Eugen Drewermann (Publik Forum vom 14.08.92, Dossier: Heute muß die Reformation eine Revolte sein): Nicht nur die Reformation, sondern die Geschichte der Häresien insgesamt (seit dem Urschisma) „als ein Gegenüber zur Selbstkorrektur begreifen“, beim Protestantismus nur das Besondere: das Verschwinden der häresienbildenden Kraft.
    Nicht die „Zerrissenheit“ und die „Zerspaltenheit“ der Christenheit ist der Skandal, sondern die Unfähigkeit zu begreifen, was es mit der Geschichte des Christentums auf sich hat.
    Was meint D., wenn er schreibt: „Er (Jesus) wollte nicht eine Gegenbewegung dem Volk der Erwählung gegenüberstellen“?
    Oder: Jesus „wollte vielmehr das intensivste, gläubigste und frömmste Anliegen der Propheten seines Volkes verdichtet wissen in seiner eigenen Person und endlich lebbar machen für die Menschen seiner Zeit und aller Zeiten“?
    Und was soll der Hinweis auf die kirchlichen „Beamtenstuben“?
    Oder: Die Botschaft Jesu war sehr einfach: Das Reich Gottes ist in euch …“
    Oder „… er veränderte die Botschaft vom Jordan in den Dörfern Galiläas, indem er eine Sammlung an die Stelle der Bildung neuer Eliten setzte“ (gegen Johannes den Täufer?)?
    Was meint D. mit dem „Kampf auf Leben und Tod“?
    Oder, wenn er schreibt, daß Jesus wollte, „daß wir Gott wiederfänden als einen Bezugspunkt von Vertrauen …“?
    Oder: „Ein Gott, der es regnen läßt über alle Menschen, ist kein Bezugspunkt für Ausgrenzungen, sondern für das verdichtete Gefühl von Zusammengehörigkeit“?
    Wird das Wort „Richtet nicht …“ nicht neutralisiert und verharmlost, wenn man es „provokatorisch und agitatorisch“ nennt?
    Das „Er ist und war ein Freund der Zöllner und der Huren“ ist gerade nicht „der eigentliche Schuldvorwurf“, sondern der erwächst aus der Tempelreinigung.
    War es nicht der Fehler Luthers, gegen den die katholische Kirche (auch wenn sie es selbst bis heute nicht begriffen hat) recht hatte, daß er bei der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ und bei dem Versuch, sie für sich und die Christen seiner Zeit zu beantworten, mit den Werken auch den Zustand der Welt religiös neutralisierte, ausklammerte und verdrängte (Paradigma der paranoischen Grundstruktur: die Objektbindung des Wahrheitsbegriffs; Bedeutung der „Arglosigkeit“).
    Mit dem Wort von den „zehn Geboten für die Durchschnittsmenschen“ (Gegenstück einer „elitären“ Moral der Bergpredigt?) beweist D., daß er keines der zehn Gebote begriffen hat. Es ist wirklich schlimm.
    „Die vatikanische Zentrale ist die Ausbeutung schlechthin gegen jeden anderen Stand“: Hier liegt der Grund seines Antiklerikalismus. Luthers Kampf gegen den Ablaß fällt in die Zeit des Beginns der Ausplünderung Amerikas. Hier wird das Problem von der ökonomischen Realität auf die Kirche (die als Hehlerin mitschuldig ist) verschoben (Vorbild des antisemitischen Wucher-Vorwurfs).
    Verräterisch der Hinweis auf die „zu wenig wohlverschlossenen Türen unseres Seelenhaushalts“: auf den Verdrängungsblock, den auch D. unangetastet läßt.
    Drewermann begibt sich in einen fürchterlichen Selbstwiderspruch, wenn er in der Kirche die Folgen dessen angreift, was er selbst in ihr sucht.
    Das ist nun wirklich schlimm, daß „wir als Glaubende“ nach D. „mehr wissen, als alle Päpste und Bischöfe der Kirchengeschichte zusammen“. Oder: „Aus dem eigenen Ich sprachen die Propheten …“ – Eben nicht (vgl. dagegen Rosenzweigs Bemerkung zum „Spruch des Herrn“)?
    Hegels Philosophie ergreift am Ende doch die Partei des Andersseins, und erliegt damit der verandernden Kraft des Seins.
    Es wäre eine Untersuchung vonnöten, die den sprachgeschichtlichen Ursprung des Seins im Kontext einer Geschichte der Grammatik ermittelt und benennt.
    Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, hängt mit dem Gesetz von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen, mit der verwirrenden und ambivalenzerzeugenden Kraft des Begriffs. Wer der Eindeutigkeit des Begriffs besteht (um die Instrumentalisierung der Wahrheit dem Blick zu entziehen), wird zum Parteigänger der Herrschaft (nicht der „Macht“) und fühlt sich zwangsläufig von den Fremden und den Armen bedroht und verfolgt (weil er sie selbst bedroht, ihnen ihre Erfahrung raubt, sie zur Stummheit verurteilt).
    Die kantische transzendentale Logik, die Kritik der reinen Vernunft, ist die erste Gestalt der realen Reflexion des Schuldzusammenhangs, in den das Denken selber verflochten ist.
    Die Idee der Übernahme der Sünde der Welt legt der Theologie die Pflicht auf, sich in der Wahrheitssuche am Zustand der Welt zu orientieren, d.h. die geschichtliche Reflexion in sich mit aufzunehmen (die Zeichen der Zeit erkennen und beurteilen).
    Aufgabe, ja Pflicht der Kirche wäre es, den Knoten endlich zu lösen, den Alexander (der erste Aristoteliker) nur duchschlagen hat.
    Die Kirche braucht in der Abtreibungsfrage die rechtliche Absicherung ihres moralischen Urteils aus Exkulpationsgründen: Nur noch der rechtliche (und nicht mehr der theologische) Schuldbegriff spricht die Kirche frei von ihrer Mitschuld an Auschwitz. Aber genau hier wird der Schuldzusammenhang unauflösbar, in den jeder Versuch einer rechtlichen Selbstexkulpation hineinführt, indem er sie mit dem Opfer der Anderen erkauft (Umkehrung des Kreuzesopfers, der Pflicht zur Übernahme der Sünde der Welt). Aber in diesen Zusammenhang führt der Mechanismus jedes moralischen Urteils, das aus dem Sündenfall, der Wirkung des Baumes der Erkenntnis, sich herleitet, zwangsläufig hinein; dagegen steht das Wort „Richtet nicht …“.
    Das Pflichtzölibat verletzt das Keuschheitsgebot (wie die Hierarchie das Gehorsamsgebot und das Dogma das Armutsgebot) an der Wurzel.

  • 31.07.92

    Jacques Derrida rührt in seinen Erörterungen über den „mystischen Grund der Autorität“ („mystisch“ im Sinne Wittgensteins) an den Grund des Dezisionismus („Gesetzeskraft“, S. 53ff), dessen Folgen Christian Graf Krockow schon vor Jahren anhand der Texte von Heidegger, Schmitt und Jünger genauestens beschrieben hat.
    Nachdem er vorher sich auf Wittgenstein bezieht, benutzt D. den Begriff des Mystischen später (S. 77ff) zur Bestimmung des Grundes der Gewalt. Darin manifestiert sich eine zentrale logische Konsequenz. Mystisch heißt der Bereich, in den die Argumentation nicht mehr hereinreicht: der gemeinsame Ursprung des Dezisionismus und der Gewalt. Das reale Thema ist nicht der „mystische Grund der Autorität“, sondern der mythische Grund der Gewalt; und vor diesem Hintergrund ließe sich vielleicht die „göttliche Gewalt“ tatsächlich anders – und möglicherweise genauer – bestimmen.
    Erstaunlich, daß bei dem erreichten Stand der Benjamin-Philologie niemand bereit oder in der Lage ist, den Grund der mit Händen zu greifende Fehlinterpretation der Benjaminschen Untersuchung „Zur Kritik der Gewalt“ durch Derrida zu benennen. Er liegt an dem gleichen Punkt, an dem Derrida am Begriff der Entscheidung (s.o.) seinen „Vorbehalt gegen alle Horizonte“ erläutert, „etwa gegen den der regulativen Idee Kants oder gegen den des messianischen Ereignisses, des messianischen Kommens“ (S. 53). Dieser Vorbehalt ist einer gegen die Idee der Geistesgegenwart, die in der Tat nicht zu halten ist, solange Philosophie zurückschreckt vor der Selbstreinigung, der sie zwangsläufig sich unterwerfen muß, wenn sie sich auf die Kritik der Naturwissenschaften einläßt. Ohne die Kritik der Naturwissenschaften ist aber die (messianische) Kritik der Vorstellung einer homogenen Zeit nicht mehr zu leisten. Es beweist das Ingenium Derridas, wenn er mit dem Hinweis auf die regulative Idee Kants und das messianische Element in Benjamins Werk genau die Punkte benennt, an denen es sich entscheidet, ob Geistesgegenwart noch denkbar und möglich ist.
    „Als Erfahrung der absoluten Andersheit ist die Gerechtigkeit undarstellbar“ (S. 57): Dieser Satz, der die Postmoderne mit so unterschiedlichen Denkern wie Horkheimer und Karl Barth verbindet, verdankt sich der Verwechslung des Andern mit dem Fremden. Das (und auch der) Andere ist Teil (wenn nicht Grund) des Systems (vgl. den für die gesamte Philosophie zentralen Satz der hegelschen Logik: das Eine ist das Andere des Anderen, und Rosenzweigs Hinweis auf die „verandernde Kraft des Seins“), erst der Fremde (der unaufgelöste Name der Barbaren und die Erinnerung an die Herbräer) sprengt das System (sprengt die erkenntnisbindende Gewalt des Natur- und Weltbegriffs), er ist ohne Rückgriff auf die Theologie: ohne die Idee der Schöpfung (Kritik des Weltbegriffs) und der Auferstehung der Toten (Kritik des Naturbegriffs) nicht zu halten. Und „billiger“ ist auch der Begriff der Geistesgegenwart nicht mehr zu haben (Zusammenhang mit Benjamins Definition des Kapitalismus als „Kult ohne Dogma“).
    Der Andere ist nicht der Fremde (zur Prophetie gehört neben dem Votum für die Armen das für den Fremden, nicht jedoch das für den Anderen; die Hebräer lebten als „Fremde im Lande“), das Andere ist systemimmanent, der Fremde (wie der Arme und das Antlitz) transzendent.
    D. setzt die Differenz zwischen „dem Nationalen und dem Internationalen, dem Öffentlichen und dem Privaten“ (S. 58) auf eine Stufe (nach dem Außen-/Innen-Pardigma, zu dem die Kategorie des Anderen gehört); er hat die Bedeutung des Antlitzes bei Levinas offensichtlich nicht verstanden (allerdings scheint auch Levinas die Differenz des Antlitzes zum Außen/Innen-Schema nicht realisiert zu haben: zum Antlitz gehört als Korrelat nicht das Außen, sondern das Hinter dem Rücken; erst diese Unterscheidung begründet die Ethik als prima philosophia).

  • 30.07.92

    Das Ganze ist das Unwahre. Dann schließt allerdings die Idee der Wahrheit die Unabgeschlossenheit der Vergangenheit: die Idee der Auferstehung der Toten, mit ein. Und die Toten werden unsere Richter sein.
    Die Pharisäer und die Sadduzäer unterschieden sich u.a. durch ihr Verhältnis zur Lehre von der Auferstehung der Toten. Droht nicht heute der Kirche die Gefahr, sadduzäisch zu werden (die Griechen leugneten die Idee der Schöpfung, der vollendete Kapitalismus die der Auferstehung von den Toten; das Judentum gründet in der Schöpfungsidee, das Christentum in der Auferstehungsbotschaft)? Und welche Bedeutung hat dann die Magd des Hohepriesters in der Geschichte der drei Leugnungen? Ist die erste Leugnung die opfertheologische Interpretation des Kreuzestodes und der Auferstehung?
    Hängt die Lehre von der Auferstehung der Toten mit der Geschichte von den sieben unreinen Geistern zusammen (Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung)?
    Ist das nicht ein ungeheures Bild: die Frauen, die zum Grabe eilen, um den Leichnam des Gekreuzigten zu salben, ihm als Opfer die messianische Würde zu geben; und sie finden das Grab leer.
    Gibt es einen Unterschied zwischen dem johanneischen Passionsbericht (ohne Abendmahl) und den Passionsberichten der Synoptiker, insbesondere im Hinblick auf Frauen (die am Abendmahl nicht teilnehmen)?
    Hängt der Dualis, überhaupt die Vorstellung des Paares, mit einer Geschichtsphase zusammen, in der die Unterscheidung von Rechts und Links noch erheblich war? Und verweist das Ende des Buches Jonas (… die Rechts und Links nicht mehr unterscheiden können) nicht auf das Verschwinden des Dualis? Diese 120000 sind die, die glauben, sich selbst im Spiegel zu sehen, und nicht begreifen, daß sie sich spiegel-, d.h. seitenverkehrt sehen. Und ist das nicht der Inhalt des Reflexionsgesetzes, das der Hegelschen Logik zugrundeliegt: das Eine ist das Andere des Anderen? Aber ich sehe mich im Spiegel eben nicht so, wie die anderen mich sehen. Es ist das gleiche Reflexionsgesetz, das die Philosophie an die Ontologie bindet. Aus dem gleichen Grunde verfängt sich die Husserlsche Intentionalität in ihren eigenen Verstrickungen. Die Wahrheit ist niemals Gegenstand intentionaler Akte (vgl. 1 Kor 1312 und Jak 123). Die Folgen des Verschwinden des Dualis sind an der kantischen transzendentalen Logik ablesbar, es sind die Folgen, die aus der Hypostasierung des Raumes (die auch in der Gestalt der transzendentalen Ästhetik sich erhält) sich ergeben.
    Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, nicht über der Sache, sondern in der Sache zu sein; aber in der Sache unterliegt sie der Gewalt der Reflexionsbegriffe, wird sie gleichsam seitenverkehrt. Darum ist sie eine Weltphilosophie und eine Philosophie des Weltgerichts.
    Als „subjektive Form der äußeren Anschauung“ hat Kant den Raum zugleich kritisierbar und unkritisierbar gemacht.
    Bezeichnet die kantische Unterscheidung von Welt- und Schulphilosophie das Verhältnis von protestantisch-bürgerlichem zum katholisch-feudalen Wissenschafts- und Philosophie-Verständnis?
    Schließt der Dualis und die Unterscheidung von Rechts und Links auch die Unterscheidung von Zukunft und Vergangenheit (oder auch von Himmel und Erde) mit ein? Der Dualis wird verdrängt in der Geschichte der Universalisierung der Welt.
    Der „Stern der Erlösung“ ist ein archäologisches Werk; darauf verweist vor allem der Rosenzweigsche Begriff der Vorwelt (und der des Mythos). Es käme heute darauf an, das archäologische Element auch an der Psychoanalyse zu begreifen, sie von ihrem „psychologischen“ Bann (aus dem Bann des Privaten) zu befreien: zu begreifen, daß die Verdrängung und der Begriff des Unbewußten nicht nur auf das psychologische Innere sich beziehen, sondern einen realen objektiven Anteil haben.
    Verdankt sich der indische Frauenmord der Verschmelzung der Friedmanschen Ökonomie mit vorkapitalistischen Religionsresten (Zusammenhang mit dem Ursprung der Fundamentalismen)? Hier bestätigt sich die Benjaminsche These, der Kapitalismus sei ein reiner Kult ohne Dogma: der reinste Opferdienst, der wegen seiner „Ideologiefreiheit“ sich mit allen Religionsformen verbinden kann, allerdings um den Preis ihrer Wahrheit. Ich glaube, die Kapitalismuskritik beginnt erst, sie ist nicht zu Ende. Nur war sie untauglich als Ideologie.
    Der moderne Bekenntnisbegriff entspringt genau an der Stelle, die Walter Benjamin bezeichnet hat, wenn er den Kapitalismus einen reinen Kult ohne Dogma genannt hat: es ist eine Leerstelle. Hier wird jede Religion, die auf die Kapitalismus-Kritik verzichtet, fundamentalistisch.
    Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten: Der kalte Krieg wurde eingeleitet durch die MacCarthy-Ära, in der Bundesrepublik durch den Radikalen-Erlaß. Und die Bildzeitung hat es auf den Punkt gebracht, wenn sie die Frage, woran Eltern erkennen können, ob ein Kind in der Gefahr steht, Terrorist zu werden, damit beantwortet: Wenn es sich zu sehr um Gerechtigkeit kümmert. Die Terrorismus-Fahndung folgte immer schon der Methode: Haltet den Dieb. Sie selber ist der Terrorismus, den sie verfolgt, und dessen sie aus eben diesem Grunde nie habhaft wird.
    Die Blasphemie, die in der Bekenntnisforderung des Staates steckt, wird von den Kirchen deshalb nicht erkannt, weil sie selber die Erfinder, ersten Anwedner und ersten Nutznießer dieses blasphemischen Bekekenntnisbegriffs waren. Dieser Bekenntnisbegriff besetzt genau die Stelle, an der das wirkliche Bekenntnis real werden könnte: die benennende Kraft der Sprache. Es ist dieser Bekenntnisbegriff, der den Namen des Sohnes und mit ihm den Ursprung des Parakleten leugnet.
    Der liberale Ideologiebegriff entspricht genau der Benjaminschen Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma. Jede Gestalt der Lehre wird angesichts dieses Kults zur Ideologie.
    Was muß erst passieren, bis auch die Kirchen begreifen, daß der „Sieg über den Kommunismus“ die bestehenden Probleme nicht gelöst, sondern nur verschärft hat, und daß eine der Triebkräfte, die zur Brutalisierung der Versuche, die ungelöstem Probleme zu lösen, geführt haben, in der blinden Regression der Rückkehr zu den traditionellen Religionen liegt. Der Jugoslawien-Konflikt sollte eigentlich auch die beteiligten Kirchen (u.a. die katholische) an ihre Mitschuld erinnern.
    Sind die lutherische Rechtfertigungslehre und das hobbessche „homo homini lupus“ nicht zwei Seiten ein und derselben Sache? Und richtet sich dagegen nicht auch das Wort: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“
    Die kirchliche Lehre von den Schafen und der Weideauftrag an Petrus (Joh 2115ff) werden sinnvoll und verständlich nur vor dem Hintergrund des Deuterojesaias, der Gottesknechts-Kapitel, und von Joh 129.
    Zum Verständnis der Lehre vom corpus Christi mysticum: Wer wird im liturgischen „agnus dei, qui tollis peccata mundi“ angesprochen: Christus oder nicht doch jeder Christ?
    Zum messianisch-parakletischen Element in der Einsteinschen Relativitätstheorie:
    – sie verleiht dem Inertialsystem (dem logisch-mathematischen Zentrum der gesamten naturwissenschaftlichen Aufklärung) eine Exzentrizität, sie rückt es aus dem erkenntnistheoretischen Zentrum, in das es die kantische Erkenntniskritik (die Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung) gebracht hat, heraus.
    – Offen bleibt jedoch die Beziehung zu dem theoretischen Bereich, auf das die allgemeine Relativitätstheorie sich bezieht, die Gravitation. Ist hier nicht eine Lösung denkbar, die auch die zentralen Konstanten (die Lichtgeschwindigkeit und die Gravitationskonstante) in einen Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit rückt, ihnen den Charakter der Konstanten nimmt.
    Zum solaren Mythos: Ist nicht auch das Matriarchat eine männliche Erfindung?
    Zum Begriff der arche und zum Thales’schen Satz „Alles ist Wasser“: Bezeichnet nicht der Begriff der arche die bis heute unaufgelöste, aber aufzulösende Bindung von Ursprung und Herrschaft (Schuld und Schicksal, das Wasser als realmythische Symbol)? Und worauf beziehen sich dann die paulinischen Archonten (die Herrschaften und Mächte)?
    Hängt der Stich in die Seite beim Kreuzestod Jesu mit der Erschaffung Evas (aus der Seite Adams) zusammen?
    Ist die Maria Magdalena-Geschichte insgesamt prophetisch, und bezieht sich die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern auf die Kirche (als Korrelat zur Leugnungs-Geschichte)?

  • 14.06.92

    Wie verändert die Vorstellung des unendlichen Raumes den Erkenntnisbegriff?
    Nicht die Vermeidung, sondern die Reflexion neurotischer Gefährdungen, und nicht die Vermeidung, sondern die Reflexion von Angst ist der Quellpunkt jener Aufklärung, die heute notwendig wäre.
    Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein: Ist nicht die Kirche mittlerweile zu einer Gemeinschaft von Steinewerfern geworden?
    Ist nicht die Unterscheidung zwischen Berufung und Besessenheit eine Frage des Standpunkts: Was von innen Berufung heißt, erscheint von außen als Besessenheit.
    Zum Begriff des Sinns: Während der deutsche Heideggerianismus sich von der berüchtigten Sinnfrage, die an das blasphemische „Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts“ sich anschließt, narkotisieren läßt, hat die französische Heidegger-Rezeption die Frage nach dem Sinn im Anschluß an Husserl als phänomenologische Bedeutungsanalyse verstanden.
    Die Frage „Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts“ erinnert in brutaler Weise daran, daß man im Hegelschen Übergang vom Sein zum Nichts (zu Beginn der Logik) nicht vergessen darf, daß die Differenz Sein und Nichts trotz der Identität beider erhalten bleibt, oder daß in dem Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ das Eine gleichwohl vom Anderen unterschieden werden muß.
    In der französischen Tradition und in dem Rückgriff auf Husserl klingen jene Nuancen mit an, die den Begriff des Sinns mit dem des Sinnlichen (den Namen Rot mit der Farbe Rot) verbinden, und die die Phänomenologie auf das im naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozeß Subjektivierte und Verdrängte verweisen (Zusammenhang mit den primären Sinnesqualitäten); hier ist die Anschlußstelle, die den Sinnbegriff mit dem Inkommunikablen: der Empfindung und dem Gegebenen, aber auch der benennenden Kraft der Sprache verbindet. Als Repräsentant dieses Inkommunikablen erscheint dann als Zentralbegriff dieser Philosophie nicht zufällig der des Anderen (als Bezeichnung sowohl des Gegenständlichen im Subjekt als auch des Subjektiven im Objekt).
    Man könnte das Verhältnis der deutschen zur französischen Heidegger-Rezeption am Hegelschen Satz „das Eine ist das Andere des Anderen“ demonstrieren: Hier ergreift die deutsche Seite die Partei des Einen, die französische die des Anderen. Hat hierzu nicht Franz Rosenzweig im „Stern der Erlösung“ den entscheidenden Hinweis auf eine Möglichkeit der Lösung geliefert: indem er erstmals die Umkehr als gnoseologische Kategorie, durch die das Eine und das Andere in dem genannten hegelschen Satz sich aufeinander beziehen lassen, einführt und in der späteren Erläuterung des „Neuen Denkens“ das kostbare Wort von der „verandernden Kraft des Seins“ bereitstellt.
    „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“: Es gibt nichts Gottverlasseneres als unsere Theologie.
    Ist nicht die gemeinsame Geschichte der Physik und des Kapitalismus die der Selbstverfluchung in der Geschichte von den drei Verleugnungen?
    Mit dem Fernsehen dringt die Öffentlichkeit, das Für andere Sein, die Entfremdung in die Privatsphäre ein und zerstört sie von innen (Modell einer Theorie der Banken?). Seit der Einführung des Fernsehens (insbesondere seit dem Ursprung des Familienserien) leben die Menschen in der eigenen Wohnung als Fremde, so als lebten sie selbst (und nicht nur die Personen in den für den Zwangs-Voyeurismus produzierten Serien) ständig unter dem zudringenden Einblick aller anderen (vgl. den bewußt inszenierten Schein, von den Nachrichtensprechern, Ansagern und Moderatoren selber angeschaut zu werden, mit ihnen in Blickkontakt zu stehen). Wen wunderts, daß es heute fast nur noch „aufgeräumte“ Wohnzimmer gibt (während noch in meiner Jugend, das aufgeräumte „beste Zimmer“ von der Familie – außer zu den Namenstagen der Eltern, und vielleicht noch zu Weihnachten – nicht genutzt wurde).
    Womit handeln die Banken? Mit dem verdinglichten Medium und Instrument des Für andere Seins: dem Geld.

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