Zweideutigkeiten:
– Das „An-Gott-Glauben“ kann sowohl heißen, daß man glaubt, daß ER Gott ist, daß es ihn gibt, als auch: daß man IHM glaubt (seinen Verheißungen).
– Creatio ex nihilo: Wird entweder verstanden als Ursprung der Materie (die Gott aus dem Nichts erschaffen habe, die aber zugleich Ausdruck des Nichtseins ist) oder als Erschaffung aus dem Nichts, das die Materie (als Teil des Schuldzusammenhangs der Welt) ist; und der Logos als Reflexion dieser Sünde der Welt : jener Reflexion, in der am Ende der Schein der Materie sich auflöst.
Das „factorem coeli et terrae“ im Credo schließt an an den Anfang des zweiten Schöpfungsberichts; nach dem ersten müßte es heißen „creatorem“.
Steckt nicht in dem Satz des Thales „Alles ist Wasser“ ein Hinweis auf die Beziehung der Philosophie zu den großen Seetieren? Danach aber wäre es nicht möglich, den intellectus agens als den heiligen Geist zu verstehen.
Die Übersetzung, wonach Jesus die Schuld der „hinweg“, nicht auf sich genommen hat, bezeichnet genau den Sündenfall der christlichen Theologie. Hier ist die Kirche zum Wolf im Schafspelz geworden.
Das Konzept des großen Genesis-Kommentars des Augustinus: keine prophetischen Rätsel lösen, dafür genau die Tatsachen feststellen und bestimmen, hängt mit der Grundstruktur der augustinischen Theologie zusammen, die ihr Objekt unterm Primat der Vergangenheit anschaut und Zukunft nur als Fluchtweg der vergeistigten Selbsterhaltung (gleichsam als private Rettung, nicht als Rettung der Welt) kennt. Er verwechselt die Gottesfurcht mit der hündischen Demutshaltung. – Zusammenhang mit dem Ursprung der christlichen Sexualmoral: Hier ragt die Bindung ans Vergangene, die die Theologie verhext, ins Subjekt, in seine Biologie herein.
Die augustinische Unterscheidung zwischen dem prophetischen und dem tatsächlichen Inhalt der Genesis verfehlt die Schrift in einer für die gesamte christliche Theologie danach paradigamtische Weise. Und zwar auf die gleiche Weise, die auch die Erinnerung an Maria Magdalena so entsetzlich verfälscht hat. Grund ist ein grammatisches Vorurteil, die Installation des Futur und damit des hypostasierenden Denkens in der Sprache: die grammatische Grundlage der Schicksalsidee (des Mythos) und der Philosophie.
Die Übernahme der Sünde der Welt schließt heute die Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs mit ein: Herrschafts- und Wissenschaftskritik, Kritik des Herrendenkens.
Die Rezeption des Herrendenkens in der Vätertheologie war keine Sache der bloßen Gesinnung: selbst die kirchliche Judenfeindschaft, die Konfliktunfähigkeit in der Auseinandersetzung mit den Häresien und die Frauenfeindschaft stehen in systematischem Zusammenhang mit der Unfähigkeit zur Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, dem sie angehören.
Hätte Augustinus den Zusammenhang des Begriffs littera mit den paulinischen stoicheia, den „Elementen“, begriffen, wäre die Unterscheidung von prophetischem und tatsächlichem Gehalt undenkbar gewesen.
Das Fehlen der Futurbildungen in der hebräischen Sprache rückt die Vergangenheit in eine Beziehung zur Zukunft, die die Unterscheidung zwischen prophetischer und tatsächlicher Bedeutung eines Textes ausschließt: Hier hält die Grammatik auch die Vergangenheit für die Zukunft offen; und die Verheißungen sind mit der unabgegoltenen Vergangenheit verknüpft. Erst die griechische Sprache schließt mit der Futurbildung (insbesondere mit der Struktur einer zukünftigen Vergangenheit, des „es wird gewesen sein“) die Vergangenheit ab, macht sie zu etwas Erledigtem, Unauflösbarem, zu dem wir uns nur als Zuschauer verhalten, der gegenüber wir uns, um unserer Freiheit willen, entsolidarisiern müssen, die wir überwinden müssen. Seitdem stehen die Sieger auf den Leichenbergen. Enthält die griechische Sprache nicht schon das Inertialsystem in nuce?
Genitivus subjektivus und objektivus bezeichnen Eigentums- und Herrschaftsbeziehungen als Reflexionsbeziehungen:
– der Herr des Sklaven und der Sklave des Herrn,
– der Eigentümer des Hauses und das Haus des Eigentümers.
Ist das Adelsprädikat eine Vorstufe der Genitivbildungen?
Wenn Augustinus das Zeugen von Sühnen aus der Schuldbeziehung (aus der Erbschuld) herausnimmt: drückt sich darin nicht auch diese Funktion der Trinitätslehre und des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre aus, daß sie eben dieses Zeugen des Sohnes durch Vergöttlichung exkulpiert.
Was bedeutet es, wenn Jeremias Ägypten den Eisenschmelzofen nennt, und wie bezeichnet er Babylon? Wie hängt das damit zusammen, daß er in der Vorgeschichte der babylonischen Gefangenschaft die Partei Babylons ergreift?
Stand nicht der gesamte Expressionismus im Konjunktiv? Und ist das Verschwinden des Konjunktivs nicht Ausdruck des Verschwindens der Hoffnung (bis hinein in raf-Texte)? Das Blochsche Prinzip Hoffnung ist eine zwangsläufige Konsequenz der expressionistischen Anfänge Blochs. Dagegen treibt die Ontologie den Menschen das Wünschen aus; sie macht die Menschen, indem sie die Geschichte ins Ereignishafte, Schicksalshafte (in die „Geschichtlichkeit“) zurückstaut, zu bloßen Objekten. Nicht Anderes drückt sich im heideggerschen Begriff des „Daseins“ aus. Der deiktische Gestus im Da des Daseins ist subjektlos (wie das Grinsen der Katze, das im Raum bleibt, wenn die Katze verschwindet). Deshalb gehört zum Dasein die Geworfenheit ins Da. In diesem Da drückt sich genau das aus (und wird auf die Spitze getrieben), was Rosenzweig die verandernde Kraft des Seins genannt hat. – Das Dasein ist Produkt der Identifikation mit der annihilierenden Gewalt des Seins.
Die heideggersche Geschichtlichkeit ist der endgültige, der abschließende Ausdruck der Verleugnung der Prophetie durch den historischen Objektivitationsprozeß (Heidegger als katholischer Wellhausen).
Zur Identität von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Das Eigentliche Heideggers hat eine ähnliche Bedeutungsstruktur wie das Grundsätzliche der Juristen: Es bezeichnet „eigentlich“ die Verneinung des Gemeinten. Wie das „grundsätzlich“ bezeichnet es ein Sollen, das nicht erfüllt werden muß; es schließt die Ausnahme vom Grundsätzlichen als Regel mit ein.
Taucht nicht dieser heideggersche Sprachgestus der antwortlosen, der „rhetorischen“ Fragen erstmals beim Rhetoriker Augustinus auf? (Heidegger als Verkörperung der dritten Gestalt der Verleugnung: der Selbstverfluchung, und Augustinus die der ersten Gestalt?)
Augustinus‘ Genesis-Kommentar, drittes Buch, sechstes Kapitel: „Der Verfasser (der Bibel, H.H.) wußte genau um das Wesen der Elemente und ihre Ordnungen, als er die Geschichte der Schöpfung der sichtbaren Dinge einleitete …“ (S. 80) Es ist der gleiche apologetische Gestus, der glaubt nachweisen zu müssen, daß der Prophet genau so klug war wie die Philosophen (oder das zeitgenössische unreflektierte Bewußtsein, das es immer besser weiß), der dann in die Falle der Unterstellung gerät und nicht mehr herauskommt. Hier klingt erstmals die allbekannte Lehrerfrage an „Was wollte der Dichter damit sagen?“
Haben die biblischen Abgründe etwas mit dem Gravitationsfeld zu tun, und was entspricht dem in der Sprache, die das Inertialsystem antizipiert?
Rosenzweig
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27.05.92
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19.05.92
Die aristotelische Metaphysik ist von der aristotelischen Körperphysik nicht zu trennen, zu der u.a. auch die Lehre vom natürlichen Ort gehört, die dann durch die noesis noeseos, durch das Denken des Denkens, das (über das teleologische Element darin) eins ist mit dem ersten Beweger, direkt in die Metaphysik einmündet. Mit der Kritik und Auflösung der Zweckursachen, mit der Subjektivierung der Teleologie und d.h. mit der Etablierung des Inertialsystems verliert die aristotelische Metaphysik ihre Basis. Das ist vermittelt durch die Theologie, durch die Einführung des Schöpfungsbegriffs in die aristotelische Metaphysik (in die er nicht hineinpaßt). Durch die Idee einer creatio ex nihilo gewinnt zwar der aristotelische Gott Schöpferkraft, gewinnt er seine besondere Art von Allmacht, die ihn dann allerdings (durch die genau hier logisch erzwungene nominalistische Revolution) gleichsam von innen aushöhlt, als Hypostase des Staates erkennbar macht. Nicht Gott, sondern der Staat ist „Schöpfer“ der Welt; und die creation ex nihilo ist ein Deckbegriff der unbegriffenen ökonomischen Funktion des Staates.
Quellpunkte des Systems sind:
– die Geldwirtschaft,
– dann der (aus der Verbindung der philosophischen Gotteslehre mit der theologischen Schöpfungsidee entspringende) theologische Bekenntnisbegriff,
– und am Ende das Inertialsystem (mit dem daraus entspringenden christologischen Naturbegriff).
Die Etablierung des Inertialsystems ist von ähnlicher geschichtsphilosophischer Relevanz und Bedeutung wie der kirchliche Dogmatisierungsprozeß, mit dem sie genetisch, strukturell und logisch zusammenhängt.
Die fürs Inertialsystem konstitutive (systembildende) Beziehung zur Vergangenheit hat ihr Modell und ihr Vorbild in der Beziehung zur Vergangenheit, die bereits den Prozeß der Dogmenbildung bestimmt. Die „Überwindung“ der Vergangenheit (der vergangenen Gestalten der Religion oder der Erkenntnis) ist in beiden Fällen erkauft mit der unkenntnlich gemachten Wiederkehr des Verdrängten.
Das newtonsche Gravitationsgesetz und seine Optik gehören zum Inertialsystem als Stabilisatoren (als Wächter des Orthogonalitätsprinzips) dazu.
„Oh Haupt voll Blut und Wunden …“: das tiefste Symbol des Inertialsystems (eigentlich insgesamt die Passionsgeschichte: mit dem „Warum schlägst du mich?“, der Königsparodie und der Dornenkrone, aber auch unter Einschluß des Unschulds-Händewaschens des Pilatus).
Der Satz Adornos „Ideologie ist Rechtfertigung“ ist im strengen Sinne christologisch, bringt die „Sünde der Welt“ auf den heutigen Erkenntnisstand.
„Wenn die Welt euch haßt …“ Das heißt doch auch: der Haß, den ihr verspüren werdet, wird so subjektlos sein wie die Welt; das ist der Hintergrund und die Grundlage für das Wort am Kreuz: „… denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und dieses Wort scheint heute zum Wesen und zu Signatur der Welt insgesamt zu werden: Wer weiß noch, was er tut? Vgl. hierzu auch das Ende des Buches Jona. Heute verstricken sich alle in Schuld, die es immer noch nicht wissen und sich wohl dabei fühlen. Nochmal: „Wenn die Welt euch haßt …“ Aber wenn der Geist kommt, wird er das Antlitz der Erde erneuern, das hinter diesem Haß der Welt nicht mehr zu erkennen ist.
Drei Bemerkungen zur Kritik der Naturwissenschaft:
– Das Inertialsystem ist das Referenzsystem aller naturwissenschaftlichen Erscheinungen, Begriffe und Gesetze;
– es konstituiert sich durchs Relativitätsprinzip, durch das Gedankenexperiment, das die Orthogonalität aller Strukturen im Inertialsystem (bis hin zur „Trennung“ von Raum, Zeit und Materie); dazu gehören die Formulierung des Gravitationsgesetzes (die Identität von träger und schwerer Masse) und der Grundlagen der Optik (Feststellung der endlichen Lichtgeschwindigkeit);
– mit der Etablierung des Inertialsystems ist die Herrschaftslogik mitgesetzt, als Logik des Zusammenhangs von Objektivation und Instrumentalisierung.
Rosenzweigs Bemerkung zu Schopenhauer und Nietzsche, daß sie als erste die Welt nach ihrem Wert für sie (für Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche) beurteilen, bezeichnet den Punkt, an dem erstmals die Sünde der Welt in die Philosphie hereinragt.
Der Konsensbegriff und die Kommunikationstheorie übersehen, daß die Logik – nach dem Hegelschen Nachweis – ohne ein dezisionistisches Moment nicht zu halten ist; eben deshalb bedarf die Hegelsche Rechtsphilosophie eines Souveräns und seiner Legitimierung durch Geburt. Es gibt in der Tat keine Wahrheit ohne die Idee der Versöhnung.
Bis heute hat die Kirche ihre Hähne immer rechtzeitig geschlachtet.
Ohne Metaphorik verliert die Sprache ihre benennende Kraft; aber die Metaphorik lebt von der Logik der Umkehr. Sie verhält sich zur Identitätslogik wie die Begründung zur Kausalität. Ohne Metaphorik verliert die Sprache mit der benennenden auch die begründende Kraft („Traum der Menschheit, sich von einem Punkt des Raumes zu einem anderen Punkt des Raumes zu bewegen“).
Weltbegriff: historisch, logisch und theologisch. -
14.05.92
Wer Heideggers In-der-Welt-Sein begriffen hat und die Exkulpationsflucht in die Eigentlichkeit nicht mehr mitmachen kann, wird es ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht mehr aushalten können. Die Exkulpationsflucht in die Eigentlichkeit ist die Flucht in den objektiven Irrsinn, zu dem die Welt heute geworden ist.
Die Eigentlichkeit hat mit der Trunkenheit die exkulpierende Funktion gemeinsam. Würde unser Recht die Trunkenheit anstatt als Entschuldigung als strafverschärfendes Element ansehen, wäre die Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft nicht mehr zu rechtfertigen.
Der Heideggersche Begriff der Eigentlichkeit ist der letzte Versuch der Rettung des transzendentalen Subjekts. Der Begriff der Uneigentlichkeit, der ohnehin antisemitisch getönt ist, scheint der letzte Abkömmling des Begriffs der Barbaren zu sein, der im übrigen seit je eine Verkörperung der von der Konstituierung des philosophischen (des transzendentalen) Subjekts nicht ablösbaren Projektion gewesen ist.
Der Esel nimmt die Last auf sich, während beim Stier die geringste Erregung den Aggressionsstau zum Ausbruch bringt.
Die Sexualmoral rührt tatsächlich – aber anders als es der beschränkte Kirchenverstand wahrhaben will – an die Substanz dieser Gesellschaft.
Probleme des Zusammenhangs des Natur- mit dem Schuldbegriff:
– Für die Frau ist die „Unschuld“ die grundlegende Naturtatsache, deren Verletzung durch Befleckung ihre Brauchbarkeit tangiert.
– Für den Mann ist es der mit dem Machttrieb verbundene Sexualtrieb, dessen Gebrauch exkulpiert ist, wenn er bei Trunkenheit erfolgte.
Die häresienbildende Kraft in der Kirche ist nicht ganz verbraucht: Nur, wenn sie heute erscheinen würde, müßte sie als die Kraft zu lösen sich erweisen.
Und er ging hinaus und weinte bitterlich: oh, dieser weinerliche Petrus!
Das Wesen des Militärs muß man heute an seinen Exzessen erforschen. Vorboten und Frühformen dieser Exzesse hat es in den beiden Weltkriegen genügend gegeben. Insbesondere der Rußlandfeldzug mit seinen Begleit-Maßnahmen (vom Kommissar-Erlaß bis zur Judenvernichtung, die den Rußlandfeldzug als Folie brauchte) war das Zentrum, dessen Metastasen sich heute (in den Todeskommandos und den Foltereinrichtungen) über die ganze Welt ausgebreitet haben. Es scheint keine militärische Einrichtung in der Welt mehr zu geben, die nicht in diese Dinge verwickelt ist. Vor diesem Hintergrund ist der Satz „Alle Soldaten sind potentielle Mörder“ noch eine Verharmlosung. Was hier abläuft, ist nicht mehr an Gesinnungen festzumachen, sondern gründet in der verhängnisvollen Weltstruktur selber. Das Scheitern der Guerilla-Bewegungen in der Dritten Welt und der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus machen deutlich, daß nur noch Aufklärung zusammen mit der Verbesserung der materiellen Verhältnisse in der Welt helfen kann.
Es käme darauf an, das Erschrecken, anstatt es über die Empörung gleich abzuleiten, produktiv zu machen. Jedes Erschrecken eröffnet den Blick auf eigene Ängste. In allen Ängsten aber steckt neben einem realen Anteil auch ein Teil Schuld- und Ohnmachtsangst (als Verstärker, wenn nicht als irrationaler Grund). Dieser Angst zum Bewußtsein verhelfen, sie reflektieren lernen, heißt sie in Gottesfurcht umformen. Der Satz „Stark wie der Tod ist die Liebe“ scheint damit zusammenzuhängen, daß in der Todesangst die Schuldangst sich konzentriert und kulminiert. Die Schuldangst sucht ihren Ausweg in Exkulpationsmechanismen, über die sie jedoch nur sich verstärkt und stabilisiert, immer tiefer in die Schuldangst, der sie zu entfliehen trachtet, verstrickt, indem sie versucht, sich der Wahrnehmung zu entziehen. Adornos Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist“ drückt diesen Sachverhalt aufs genaueste aus.
Wenn Gott – Rosenwzeig zufolge – die Seele liebt, so ist darin auch die Morgenggabe des Schöpfers an die Schöpfung: die Sprache, mit eingeschlossen, die gleiche Sprache, die in der Fähigkeit zur Reflexion der Schuld entspringt (Zusammenhang von Logos und Übernahme der Sünde der Welt).
Begriff und Objektivität des Universums ist eine reine Projektion der Angst (die Angst vor dem Doppelgänger hängt mit der Angst vor der Reflexion der Mathematik zusammen). Mathematik heißt: Augen zu und durch. -
11.05.92
Nicht nur die Anpassung, sondern auch die Feindschaft ist eine Form der Identifikation mit dem Aggressor. Bezeichnend die unterschiedliche Beziehung zum Tod: die Anpassung schändet Gräber, die Feindschaft errichtet Mausoleen.
Wie stellt sich der „Stern der Erlösung“ dar, wenn man die ausgeblendeten Dinge mit herein nimmt: beispielsweise den chinesichen Ahnenkult und die indische Totenverbrennung.
Womit handeln die Banken: die Geld- und Kredit-Schöpfung hat wohl tatsächlich etwas mit dem „Schöpfen“ (im Sinne des Gebrauchs einer Schöpfkelle) zu tun; aus dem den Banken zufließenden Einlagen werden die Kredite „geschöpft“. Frage: Hat der theologische Schöpfungsbegriff etwas mit den im Schöpfungsbericht genannten Wassern zu tun? Vgl. damit die unterschiedlichen Schöpfungskonzepte, insbesondere das islamische: die Vorstellung, daß Gott jeden Augenblick die Welt neu erschafft.
Er treibt den Teufel mit Beelzebul aus: Ist damit das Binden in dem Wort vom Binden und Lösen bezeichnet, und mit dem Lösen des Satans in der Apokalypse das Lösen? Zusammenhang mit dem Ursprung des Weltbegriff (als Folgebegriff der Idolatrie)? – Vgl. in der Schrift die Stellen mit dem Teufel, dem Satan, den Dämonen, den Besessenen (nur im NT; im AT, Elberfelder Übersetzung, nur Satan, als Äquivalent für Ankläger, und Dämon, als Äquivalent für Götzen).
Ist nicht die Geschichte vom Bienchen und der Blüte näher am Geheimnis der Sexualität als jene ahnen, die es in der kindlichen Sexualaufklärung verwenden? Werden in den Evolutionstheorien eigentlich auch die symbiotischen Beziehungen (z.B. zwischen Blüten und Insekten) mit erfaßt? Ist nicht die Evolutionstheorie so etwas wie eine Münchhauseniade: ein Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen, in den man sich zuvor selber mutwillig begeben hat? Wichtiger wäre die Rücknahme des projektiven Anteils, der in der Evolutionstheorie steckt (als Projektion dessen in die Vergangenheit, was eigentlich die gegenwärtigen Verhältnisse selber bestimmt, um das Vergangene dann zur Norm der Gegenwart zu machen: Auflösung der doppelten Zwangsreflexion und ihrer Wurzel). Hier ließe sich der Zusammenhang des Scheins der Befreiung, des Entlastenden im modernen Naturbegriff mit dem mysterium iniquitatis im einzelnen darlegen.
Die Geschichte der Physik ist die Geschichte der Gewalt der Schwerkraft über das Licht.
Zur Unterscheidung von erster und zweiter Natur: die erste Natur ist ein Reflex der zweiten.
Vergleich der augustinischen Confessiones mit den Bekenntnissen des Jean-Jaques Rousseau: das augustinische Bekenntnis war auch (neben dem Bekenntnis des Glaubens und in konstitutivem Zusammenhang mit ihm) ein Schuldbekenntnis; der Glaube drückte die Hoffnung auf Versöhnung aus. Gegenstand dieses Bekenntnisses ist ein Schuldbegriff, der auch die Schuld des Säuglings (seine Gier und seine Eifersucht) mit einschließt. Jean-Jaques Rousseau bezieht sich auf den gleichen Schuldbegriff (in seiner Darstellung der inzestuösen Beziehung zur Mutter), neutralisiert ihn aber durch den neuen Naturbegriff. Das Verhalten des Säuglings ist in den Augen Rousseaus „natürlich“, d.h. nicht personal zurechenbar und deshalb schuldfrei. Folgt daraus nicht zwangsläufig der seitdem das zivilisierte Bewußtsein beherrschende „christologische“ Naturbegriff? Mit diesem exkulpierenden, entlastenden Naturbegriff, der vom neuen Begriff der Person und der Persönlichkeit ebenso wenig sich trennen läßt wie von dem neuen Konzept der Naturbeherrschung, ist die Idee einer „Sünde der Welt“ (und ihrer Übernahme durch den Christen) als übermächtige zugleich ebenso gegenstandslos geworden wie die Idee der Schöpfung, die in diesen Naturbegriff mit hereingenommen und so neutralisiert wird. So opfert die Moderne um der eigenen Entlastung willen die Welt; dank der eigebauten Verdrängungsautomatik nehmen wir dieses Opfer (und mit ihm alle Opfer) nicht einmal mehr wahr.
Um diesen Naturbegriff abzusichern, muß Rousseau zwangsläufig ein Konzept der Sprache und Schrift entwickeln, die beide aus dem theologischen Kontext, in dem sie vorher begriffen wurden, herauslöst. Der rousseausche Naturbegriff war darüber hinaus nur zu begründen und zu halten, indem dem griechischen Projektionsmodell der Barbaren ein zweites hinzugefügt wurde: das des Wilden. Dieser neue realprojektive Begriff entspringt aus der Verknüpfung, der Verbindung des Begriffs des Barbaren (als Kollektivname des Fremden) mit dem des Ursprungs (der Natur). Während der Name des Barbaren nur das Anderssein repräsentiert, die Nicht-Griechen, verknüpft der Name des Wilden dieses Anderssein mit der Projektion ins Vergangene (Folge des Inertialsystems!), mit der des Ursprungs. Barbaren und Zivilisierte haben als gemeinsame historische Vorstufe die Wilden, die in den Völkern der Dritten Welt zugleich präsent sind. Kann es sein, daß, ähnlich wie die Hebräer sich als eine Inversion der Barbaren begreifen lassen, die Christen als eine Inversion der Wilden (mit denen sie als unbekehrte sehr viel gemeinsam haben) sich werden begreifen müssen? Und sind nicht in der Tat die wahren Wilden jene gewesen, die die Pogrome, die Ketzer- und Hexeverfolgungen sowie am Ende die „Bekehrung“ der Wilden mit Feuer und Schwert auf dem Gewissen haben? -
07.05.92
Kelch und Kreuz: Ist mit dem Kreuz im Nachfolge-Rat schon das Kreuz von Golgatha gemeint? Muß, wer das Kreuz auf sich nimmt, den Kelch trinken?
Die Unbelehrbarkeit (Produkt aus Schuld und Verstockung) ist eine Konsequenz aus der Sünde wider den Heiligen Geist. Sie kann weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden.
Jungfrauengeburt und die sogenannte „Enttäuschung der Parusieerwartung“: In beiden spielen die Mechanismen eine Rolle, die man in dem Konzept von Objektivierung und Instrumentalisierung zusammenfassen kann.
Alle Kosmogonien haben mit dem Urknall gemeinsam, daß sie sich um die Idee der Schöpfung herummogeln, den Naturbegriff als Totalitätsbegriff festhalten wollen.
Zu den Confessiones des Augustinus:
– Für ihn war das Bekenntnis als Symbolum in erster Linie etwas, das sich in seiner Beziehung zu Gott abspielte; es war esoterisch, der Gottesfurcht oder der Scham unterworfen.
– Vor den Menschen war es vorab ein Schuldbekenntnis, ein Sich-wehrlos-Machen, ein „Akt der Demut“, und zugleich ein Bekenntnis der Befreiung, mit dem Anreiz für andere, es nachzumachen. Hierin ist der ursprüngliche Sinn des Bekenntnisses noch sichtbar, aber hier ist genau der Punkt bezeichnet, an dem es umkippt in ein konfessionelles Bindemittel.
– Das zweite große Bekenntnis in der europäischen Geschichte, das des Rousseau, ist eigentlich nur noch exkulpatorisches Bekenntnis, Bekenntnis einer schuldlosen Schuld, das glaubt, im „Zurück zur Natur“ einen Fluchtweg aus dem Schuldbewußtsein, aus der Gottesfurcht gefunden zu haben, und das dann zwangsläufig in den christologisch instrumentierten Naturbegriff führt. Es kein Zufall, daß Rousseau, die Etablierung des modernen Naturbegriffs, diese zugleich ungeheure und subkutane Wirkung gehabt hat, in der gesamten Geschichte von Spinoza über den deutschen Idealismus bis hin zu Derrida.
– Welche Sünden bekennt Augustinus:
. die Gier und die Eifersucht des Säuglings,
. den Diebstahl des Heranwachsenden und
. die Sexualität des jungen Mannes, wobei er das moralische Problem nicht in der Trennung von der Frau, mit der er zusammengelebt hat, sieht, sondern nur in der sexuellen Beziehung, die er vor der Trennung gehabt hat. Diese Kälte ist die Kirche seitdem nicht mehr losgeworden. Indiz des Zusammenhangs der kirchlichen Unsterblichkeitslehre mit dem bürgerlichen Prinzip der Selbsterhaltung, das über diese Unsterblichkeitslehre (und durch die Aufnahme des Tauschprinzips in die bürgerliche Moral) gleichsam seine theologische Weihe erhält.
– Beim Augustinus ist der Kontext des ungeheuerlichen Wortes vom Binden und Lösen noch mit Händen zu greifen. Hat nicht dieses Binden und Lösen nicht sehr viel mit dem gordischen Knoten zu tun: den Alexander, Schüler des Aristoteles und erster Welteroberer, nur durchschlagen und nicht gelöst hat? Alexander ist geradezu die historische Verkörperung jener Beziehung von Philosophie und Herrschaft, die dann durch die Rezeption der Philosophie und durch die Übernahme des Erbes Roms in der Konstantinischen Ära von der Kirche übernommen und verinnerlicht worden ist, mit all den Folgen, die das gehabt hat.
– Im Anfang (im Zusammenhang mit dem Satz „inquietum es cor nostrum …“) kommt die Differenz zwischen dem Anrufen Gottes und der Kenntnis Gottes zur Sprache, ohne daß sie wirklich entfaltet wird. Ist nicht das „inquietum …“ ein Fluchtversuch aus dem Bereich der Gottesfurcht?
– Ist nicht der augustinische Gott – wie der philosophische -stumm, und wird er nicht gerade durch die dogmatische Logos-Spekulation zum Verstummen gebracht? Was ist das für ein Gott, in dem ich ruhen könnte?
Zur euklidischen Geometrie: Ein Dreieck in einer Ebene enthält sechs Bestimmungselemente: drei Längen und drei Winkel. Von diesen sechs Elementen müssen drei gegeben sein, um ein Dreieck eindeutig zu bestimmen, mit der einen Ausnahme: Durch drei Winkel werden nur ähnliche, nicht gleiche Dreiecke bestimmt (Grund ist u.a., daß aufgrund der mathematisch bestimmten Winkelsumme der dritte Winkel keine unabhängige Größe darstellt, sondern durch die Festlegung der beiden anderen mitbestimmt ist).
Hat das Rosenzweigsche Konstrukt Gott Welt Mensch etwas mit dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang zu tun, oder auch mit dem Verhältnis von Raum und Umkehr: Oben/Unten, Rechts/ Links und Vorne/Hinten (und zwar genau in dieser Reihenfolge)? Und gründet die Ebenbildlichkeit des Menschen in der Abbildlichkeit, in der abbildlichen Beziehung des Vorne und Hinten zum Oben und Unten? Für Gott gibt es kein Hinten, für den Menschen kein für ihn gegenständliches Unten (aus diesem Satz läßt sich die gesamte Moral ableiten).
Die Subjektivität der kantischen Formen der Anschauung wird bei Kant selber nachgewiesen durch die Antinomien der reinen Vernunft.
Israel ist der Augapfel Gottes; deshalb entspringt mit dem Versuch, der Gottesfurcht zu entgegehen, gleichsam hinter den Rücken Gottes zu gelangen, der Antisemitismus.
Es ist wahr: Mit dem Ursprung des Protestantismus war die häresienbildende Kraft in der Kirche erschöpft. Aber ist die Frage nicht interessanter: Wo und unter welchen Bedingungen ist die häresienbildende Kraft in der Kirche entstanden, wo ist sie entsprungen? Die Lösung dieser Frage würde die Lösung des Rätsels des Christentums mit einschließen.
Die apologetische Bemerkung in der Einleitung zu den Minima Moralia über die Bedeutung der individuellen Erfahrung für die Philosophie wäre ihres apologetischen Charakters zu entkleiden und als schlichter sachlicher Quellpunkt einer neuen Selbstbegründung der Philosophie zu bestimmen. -
30.04.92
Das Wasser ist eine realmythische Substanz (Repräsentant der Schuld und der Reinigung von Schuld). Dieser Satz ist ähnlich real zu verstehen wie der Hinweis Franz Rosenzweigs auf den sinnlich-übersinnlichen Charakter der Liebe. Und diese realmythische Substanz (der entdinglichten Masse, der reinen Trägheit, des reinen, raumfüllenden Gewichts, Realobjekt des Massebegriffs – vgl. die ökonomischen „Massengüter“ -, das sich selbst Äußere oder der Auschluß jedes Inneren) erinnert nicht zufällig an den Grundbegriff des Mythos, an den des Schicksals. Die verandernde Kraft des Seins, in der seine Beziehung (und die Beziehung der Philosophie überhaupt) zum Schicksal gründet, wird erstmals angesprochen im Satz des Thales: „Alles ist Wasser“ (erster Begriff einer toten Materie). In welcher Beziehung dazu (und zum Problem der Sünde der Welt) steht
– das Wasser in der Schöpfungsgeschichte (der Geist schwebte über den Wassern; Trennung der Wasser oberhalb und unterhalb der Feste und Benennung der Feste, nicht der Wasser, am zweiten Tag, Erschaffung der großen Seetiere am fünften Tag),
– die Sintflut, die Meeres-, Fisch- und Schiffahrtsgeschichten (Jonas),
– das erste Wunder Jesu: die Verwandlung von Wasser in Wein, sowie überhaupt die auf das Wasser sich beziehenden Handlungen und Gleichnisse Jesu (das Wandeln auf dem Meere, der Sturm, die Schiffe, der Fischfang) und
– das Tier aus dem Wasser, der Sturz Babylons, das Verhältnis von Völkern, Nationen und Sprachen zum Meer sowie das Nichtmehrsein des Meeres am Ende in der Apokalypse?
Hängt die Identifikation der Barbaren mit den Bärtigen auch mit dem technischen Aspekt zusammen, daß erst nach Abnahme des Bartes das Gesicht zur Maske paßt, daß eine Maske nur tragen konnte, wer rasiert war? Gab es Königsmasken? Gibt es Masken mit Bart? Zusammenhang mit dem Personbegriff: Wer einen Bart trägt, weigert sich, dem Gesetz der Zivilisation sich zu unterwerfen und Person zu sein.
Geschichte der Banken als Geschichte der Vergesellschaftung der Schuldknechtschaft; Kredite (als Schulden Dritter) gründen in den Schulden, die die Banken bei ihren Einlegern machen; diese Schulden sind die Grundlagen der Bankengewinne. -
13.04.92
„Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in seiner Bewegung, welche, – da in ihm nichts stät und, was fest ist, versteinert ist, – nach außen geht, ein elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und Ermattung.“ (Hegel, Rechtsphilosophie, S. 355) Hier, im Entstehungsprozß der „Welt“, ist der Staat noch (nach innen und nach außen) ein Natur- und Gewaltverhältnis, welches die Griechen dann im projektiven Begriff der Barbaren nach außen projizieren, indem sie das Gewaltverhältnis selber als Vernunft verinnerlichen, sich zu Herren dieses Gewaltverhältnisses machen. Das Gelingen drückt sich im Begriff der Welt aus. Heute, da die Verhältnisse des „äußeren Staatsrechts“, die Hegel zufolge Natur- und Gewaltverhältnisse geblieben sind, über die nicht mehr zu domestizierende Ökonomie im Innern der Staates sich reproduzieren (der Weltbegriff zu Protest geht, Außengewalt und Innenrecht trübe sich vermischen, der Begriff an der dezisionistisch-autoritären Gestalt der Souveränität zerbricht, der „Rechtsstaat“ als Ausnahmezustand sich etabliert – vgl. Carl Schmitt), sind wir zu Akteuren des gleichen Weltuntergangs geworden, gegen den wir zugleich (als bloße Zuschauer) uns selbst verblenden. Rückfall in den orientalischen Staat: in die „inner-liche Ruhe“ der Idiotie des Privatlebens, „Versinken in Schwäche und Ermattung“.
Auch das ist Erbe der Hegelschen Philosophie (oder ihr prophetischer Gehalt): daß im Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die Nationalismen aufbrechen mit z.T. barbarischer Gewalt. Der Zusammenhang von Marktwirtschaft und Nationalismus läßt sich erkennen an dem Zusammenhang von Geldwertstabilität und Außenhandelsbilanz, an dem gleichen Zusammenhang, der die westliche (insbesondere aber die deutsche) Wirtschaftspolitik bestimmt, und der Hegels Satz, „daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, … dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“ (Rechtsphilosophie, S. 245), auf die fatalste Weise bewahrheitet: Die Wirtschaftspolitik des Westens begreift deshalb in erster Linie die Steuerung der Armut als ihren Export nach außen (ähnlich wie zur gleichen Zeit der Antisemitismus als Israel- / Palästinenserproblem in den vorderen Orient exportiert wurde).
Hat die Schöpfung etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb des Firmaments zu tun? – Vgl. die biblischen Brunnengeschichten (Rebekka, Rahel, die Samariterin und das „lebendige Wasser“).
Die Christologie hat etwas mit dem Versuch, den Logos zum Verstummen zu bringen, zu tun, ihn in einen Heros umzumünzen (der dem Stern der Erlösung zufolge stumm ist).
Die Eucharistie und das falsche Gedächtnis, oder genauer: als Verhinderung des Gedächtnisses und damit als Gericht. Das ist der Sinn des Satzes „Wer es unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht“.
Zur Sexualmoral: Verworfen ist nicht die sexuelle Lust an sich, sondern die Lust an der Gewalt in der sexuellen Lust, der Sexismus. Die christliche Sexualmoral züchtet den Vergewaltiger. Daran hat sich entzündet, was Nietzsche den Willen zur Macht genannt hat: das stumme Genießen.
Das Angesicht ist immer das Angesicht des Andern, das eigene sieht man nur im Spiegel, und da seitenverkehrt (und d.h.: nicht ohne die Vertauschung von Rechts und Links). Hinter dem Rücken und im Spiegel: das sind die beiden Vertauschungen von Vorn und Hinten und von Rechts und Links. Gibt es in der Schrift einen Hinweis auf den Spiegel (Narziß ist einer der Ursprünge der Philosophie)? Vgl. 1 Kor 1312: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“, und insbesondere Jak 123: „Wer das Wort nur hört, aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet“.
Der Spiegel (oder die Reflexion) gehorcht dem Gesetz des Raumes, er macht alles seitenverkehrt (vgl. die „verandernde Kraft des Seins“). Die Physik sieht alles von hinten und zugleich spiegelverkehrt (Zusammenhang von Stoß und Reflexion).
Wer sich selbst im Angesicht der Andern sieht, d.h. wer sich der Welt anpaßt, sieht sich selbst nicht mehr.
Das Wahrnehmen des Angesichts des Andern ist die Umkehr; insofern ist die Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele.
Die Schule als Recyclings-, als Abfallproduktions- und -verwertungsanlage (zum geschichtsphilosophischen Stand des Wissens).
Die Begriffe Natur und Welt enthalten als Totalitätsbegriffe einen terroristischen Anteil.
Es gibt weder eine Geschichtstheologie, noch eine Heilsgeschichte. Wenn die Philosophie innerhalb der Theologie ihren Platz finden soll, dann weder unter dem Begriff der analogia entis, noch als ancilla theologiae, sondern allein unter dem Begriff des Millenariums, der Bindung des Satans. Mit der Kraft zu lösen (mit ihrer Umkehr) könnte die Kirche endlich auch den noch unverbrauchten Gnadenschatz freisetzen.
Die Hauptresultate der Einsteinschen Theorien liegen in ihren Ansätzen, nicht ihren Ergebnissen: im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und dessen Beziehung zum Inertialsystem und im Konzept der Identität von träger und schwerer Masse (Bindung des Trägheitsprinzips an die Gravitation, vergleichbar dem Zusammenhang von Tauschprinzip und Schuldknechtschaft).
Die Bindung des Tauschprinzips an die Schuldknechtschaft ist der Grund, weshalb man die Geschichte des Militärs und der Rüstung an der Geschichte der Banken wird messen können.
Die Israel-Theologie der Marquardt u.a., aber auch die Antizionismus-Darstellung Heinsohns, übersieht, daß wir das Problem produziert haben: Haben wir da nicht auch ein Stück Mitverantwortung für jene, denen wir es aufgeladen haben, für die Palästinenser? -
09.04.92
Wasser: das flüssige, unbestimmbare, objektlose Element (oder das reine Objekt), ein Objekt aus reiner, dingloser Eigenschaft.
Das Benennen gibt es nur zusammen mit dem Scheiden, wobei das eine Mal das Getrennte, das Geschiedene benannt wird: Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht, während das andere Mal das Instrument der Scheidung benannt: Gott machte eine Feste zur Scheidung der Wasser oberhalb der Feste von dem Wasser unterhalb der Feste, und Gott nannte die Feste Himmel. Das Wasser ist demnach das Nicht-Benannte, vielleicht Unbenennbare, das Element, in dem das Ungleichnamige gleichnamig gemacht werden kann, nur unterschieden nach oben und unten.
Das Wasser ist das reine Schwere, das Maß des Gewichtes.
Naturgrund von Herrschaft: Kann es sein, daß es gesellschaftliche Prozesse (gesellschaftliche Gesteinsverschiebungen) gibt, die an den Grund der Natur rühren?
Wo ist die Stelle: Wenn sie schweigen würden, würden die Steine schreien?
Ist nicht die Israel-Theologie (Marquardt u.a.) selber in Gefahr, zu einem Teil des Schuldverschubsystems zu werden? Und zwar durch den Versuch, am Privileg des Opfers teilzuhaben? Denn genau das ist uns als Deutschen und als Christen (als Tätern) untersagt. Wird nicht die Israel-Theologie so zu einem Teil der gleichen Exkulpations-Magie, die in die Katastrophe geführt hat? Oder ist die Israel-Theologie ein unmöglicher Versuch, der Wiedergutmachungspolitik gleichsam theologischen Rang zu verleihen, der ihr nicht zusteht (ohne daß dadurch ihre Notwendigkeit berührt würde). Das reale Votum für Israel ist sehr viel pragmatischer zu begründen (durch unsere Verstrickung in den Schuldzusammenhang, aus dem diese Situation entstanden ist). Nach dem, was wir getan haben, haben wir keine andere Möglichkeit.
Das pragmatische Votum für Israel ist das Eine, das Andere aber wäre das, was Franz Rosenzweig einmal mit seiner Übersetzung der Schriftstelle „Zeit ist’s …“ ausgedrückt hat. Die Existenz Israels und die Gefahr der „Zernichtung der Lehre“ hängen möglicherweise zusammen, aber das kann nicht Gegenstand theologischer Spekulation sein.
Man kann den Vorgang, dessen Zeitgenossen wir heute sind, als einen der Entgründung der Erde beschreiben: Eines seiner auffälligen Produkte ist der Zerfall des argumentativen Denkens, der Kraft der Begründung. Das rührt ans Antlitz der Erde, die Gott „gegründet“ hat (als er den Himmel „aufspannte“). Von dieser „gründenden“ Kraft ist, wie es scheint, nur der Abgrund übriggeblieben, als der die Welt sich manifestiert. Der Zerfall des argumentativen Denkens ist selber begründet in der Gewalt des logischen Zerfalls des Weltbegriffs. Diese entgründende Gewalt des Weltbegriffs produziert die Bekenntnissucht, den Grund der Exkulpationsmagie. Nicht Rechtfertigung, sondern Gerechtmachung; und wenn das heute aussichtslos ist, so drückt sich in diesem Sachverhalt präzise der Grund dessen aus, was in der Schrift Gottesfurcht heißt.
Rationalität selber gründet heute in einer Beziehung zur Schuld, die auf den Komfort der Rechtfertigung verzichtet. Hoffnung drückt sich nur noch in den beiden Petrus-Stellen aus: in dem „er weinte bitterlich“ nach der dritten Leugnung und in der Übertragung der Vollmacht zu binden und zu lösen.
Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern Befreite, ist die einzige, die die Grenze überschritten hat.
Wie hängt der Bekenntnisbegriff mit der Verfälschung des achten Gebots zusammen? Ist nicht das formalisierte Bekenntnis, die Confessio, die tiefste Verletzung des achten Gebots?
Die Unmöglichkeit der Hexen, gegenüber der Inquisition ihre Unschuld zu beweisen, entspricht der Etablierung des Trägheitsbegriffs in den Naturwissenschaften.
Theologie heute ist vergleichbar der Archäologie: Unter den Trümmern der Geschichte die Hoffnungen der Toten wiedererwecken.
Es hilft kein Hinausreden auf die Natur mehr: Wir selbst sind für unsern Charakter und für unser Gesicht verantwortlich. Ob wir dieser Verantwortung gerecht werden können, ist eine andere Frage.
Zum Naturbegriff: Er enthält ein Stück säkularisierte Christologie. Die Natur nimmt die „Sünde der Welt“ auf sich, sie ist das vergöttlichte Opfer, sie spricht uns frei von Schuld, nimmt uns die Verantwortung ab. Eben damit aber hängt es zusammen, daß der Naturbegriff der christologischen Logik unterliegt, den dogmatischen Christus ersetzt. Ähnlich ist auch der Weltbegriff Produkt der Säkularisation einer theologischen Kategorie (so erscheint er dann auch bei Hegel), nämlich der des Gerichts. Durch Anpassung an die Welt werden wir zu Richtern über andere, das ist ihr „zivilisatorischer“ Effekt: die verworfenste Gestalt der Säkularisation. Hier ist der Punkt, an dem sich aufs genaueste zeigen läßt, was es mit dem Wort des Täufers „Sehet das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“ auf sich hat. Und es ist gerade jener exkulpationsmagische Teil der theologischen Tradition des Christentums (jener Teil, aus dem der Bewußtseinskomfort sich herleitet, den wir nicht mehr missen möchten, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht), der in diese Verworfenheit hineinführt. Die Heideggersche Philosophie ist der genaueste Ausdruck dieser Verworfenheit.
Jedes Urteil hat durch die Kopula Anteil an der „verandernden Kraft des Seins“ (Rosenzweig).
Schelers Rangordnung der Werte ist gleichsam Produkt einer fleischfressenden Philosophie, einer Philosophie, die am Opfer festhält und es zugleich verdrängt. Daher rührte die Nähe Schelers zum Katholizismus. Auch bei Heidegger sind die katholischen Ursprünge unverkennbar. Nur daß bei ihm der Grund der Verworfenheit als bewußtlose Selbstverfluchung dann erscheint. Es ist die Selbstverfluchung, die von der dritten Leugnung nicht zu trennen ist. Und darin liegt die besondere Bedeutung der französischen Heidegger-Rezeption: es ist die des gallischen Hahns (vgl. hierzu das geradzu prophetische Wort Heines).
Wertphilosophie und Fundamentalontologie sind die Indizes der beiden Weltkriege, der Phasen der Selbstzerstörung der Welt. Wir leben in dem Trümmerfeld, das sie hinterlassen haben.
Man wird davor warnen müssen, den Antisemitismus als eine Gesinnungsfrage zu behandeln. Es ist eine Strukturfrage, provozierend ausgedrückt: eine Frage der Logik. Kriterium ist die Fähigkeit der Reflexion der „Schuld der Welt“.
Sind nicht in der Tat die Farben die Widerlegung der Vorstellung des unendlichen Raumes (und die letzte Erinnerung an die Lehre von der Auferstehung der Toten)? Farben als Taten und Leiden des Lichts: Es gibt morgendliche und abendliche Farben (Licht über Finsternis, Finsternis über Licht: Gelb und Blau). Und es gibt die Mischung dieser Farben (Grün) und die Konträrfarbe dazu (Rot, die Farbe des Gerichts, der Linken; das Blut, das zum Himmel schreit).
Man muß einmal bemerkt haben, welche Katastrophen es auslösen kann, wenn Kinder erfahren, daß hinter ihrem Rücken über sie gerdet worden ist.
Kephas, Petrus: Was ist hebräisch, griechisch oder Latein? – Haben Kephas und Kaiphas etwas miteinander zu tun? -
08.04.92
Was ist das „Salz der Erde“, und was ist das „Licht der Welt“?
Der Unterschied zwischen der griechischen und der jüdischen Tradition liegt unter anderem darin, daß zwar die Philosophie in der Prophetie ihre Stelle findet (und auch benannt wird), nicht aber die Prophetie in der Philosophie. Die Prophetie kommt in der Philosophie nicht vor, weil die Philosophie den Gedanken der Schöpfung a priori abweisen muß, nicht ertragen kann. Schlimm war, was dann die Theologie unterm Begriff der creatio ex nihilo glaubte als Schöpfungsbegriff in die Philosophie einzuführen zu können und dann im Begriff des Kontingenten glaubte begriffen zu haben: Diese creatio ex nihilo hat mehr mit Bankgeschäften und Geldschöpfung zu tun als mit dem biblischen Schöpfungsbericht, aber sie war die einzige Möglichkeit, eine Erschaffung der Welt auch nur zu denken.
Die Darwinistische Theorie ist eine Analogiebildung. Das Modell für die Vorstellung von der Entwicklung der Arten war die Erkenntnis der „organischen“ Entwicklung des Kapitalismus. Aber wenn sie eine Analogiebildung ist, dann wurde ihr Grund in der theologischen Konzeption der creatio ex nihilo gelegt.
Die Idee der creatio ex nihilo ist ein Mammonismus. Dagegen ist die Rosenzweigsche Konzeption des nihil als eines dreifachen, bestimmten Nichts realistischer und kommt der Sache näher.
Warum nennen die Dämonen Jesus den „Sohn Gottes“ (und warum nennt Pilatus ihn den „König der Juden“)? Kann er das überhaupt sein, wenn diese ihn als solchen glauben zu erkennen?
Heideggers Kritik der Metaphysik ist regressiv, sie führt hinter Aristoteles zurück, nicht über ihn hinaus.
Kann es sein, daß die Astrologie von der Chaldäern und die Alchemie von den Ägyptern (lt. Meyers großem Taschenlexikon im 2./3. Jhdt. im griechisch sprechenden Ägypten) stammt?
Es ist eine im Aufklärungsprozeß selber entsprungene Verblendung, die die Menschen heute daran hindert, zu sehen, was sie durch ihr materielles Leben draußen anrichten. Ganz verdrängen läßt sich’s nicht: Sie ahnen die Wahrheit und reagieren darauf faschistisch. Der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eingetretene Rechtsruck läßt sich daraus herleiten.
Sind nicht die Aktionen der Linken auch in der großen Gefahr, zu Exkulpationsriten zu werden, die dann die andere Seite erst wecken und provozieren?
Wie in der Politik hilft auch in der Wissenschaft die selbstlaufende Logik nicht mehr zur Ermittlung der Wahrheit. Ist der Verdacht so unbegründet, daß sie heute bereits der Produktion des Chaos dient?
Das war der Irrtum des real existierenden Sozialismus und das ist der Irrtum der gesamten Marktideologie, dessen Zeche wir werden zahlen müssen.
Die Splitter in den Augen der Anderen sind Metastasen des Balkens im eigenen Auge. Oder anders: Das steinerne Herz ist der Reflex des Objektivierungsprozesses.
Ist Petrus das steinerne Herz der Kirche, das erst nach dem Hahnenschrei durch die lösende Kraft des Weinens sich in ein fleischernes Herz verwandelt? Und ist nicht das aufs Dogma bezogene Bild von Schale und Kern noch zu grob?
Die Todesgrenze ist identisch mit der Grenze, die das Lachen zieht, das Gelächter.
Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. Das muß als physikalisch-theologisches Buch gelesen werden.
Nur die Gottesfurcht entmythologisisert die Welt.
Das Objekt „fällt“ unter den Begriff, und das Urteil wird „gefällt“: So drückt sich der Fall in der Logik aus, und so wird die Welt zu „allem, was der Fall ist“.
Die Kanonisierung der Schrift (in allen drei Schrift-Religionen) war die Installation der Schrift als Schicksalsmacht.
Das kirchliche Gebot „Du sollst nicht lügen“ ist unerfüllbar, weil die Wahrheitspflicht, die darin sich ausdrückt, unerfüllbar ist. Und zwar ebenso unerfüllbar wie die Chance einer als Hexe Beschuldigten, ihre Unschuld zu beweisen. (Das ist der Beweis der dämonischen Unwahrheit des Unschulds-Ideals). Die Wahrheit, die nicht an der Idee des Konsenses, sondern an der der Versöhnung sich mißt, ist im prädikativen Urteil nicht faßbar. Und das Gebot „Du sollst nicht lügen“, verurteilt unentrinnbar zur Schuld; in seinem Bannkreis gibt es keinen möglichen Weg der Befreiung. Es verdankt sich dem kirchlichen Instrumentalisierungsgesetz, das bis ins Dogma hinein die Wahrheit entstellt, und dessen Wirkung hier mit Händen zu greifen ist: Es ist Produkt der Instrumentalisierung des achten Gebots: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider Deinen Nächsten. Es verwandelt das befreiende Offenbarungs-Gebot in ein Schicksals-Gebot. -
26.03.92
Das Konzept von Robert Kurz ist – wie es scheint – doch noch arg idealistisch: Der Sprung in die Utopie (Abschaffung der Arbeit, des Geldes und der Warenform) ist überhaupt nicht durchsichtig und scheint sich einer redundanten, selbstreferentiellen Logik zu verdanken (Vergleich: Kritik der „klassischen Physik“ durch die Kopenhagener Schule). Ein Heisenberg des Marxismus (sucht auch eine Weltformel)?
Wo sieht er in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die empirische Entwicklung, die einen direkten Anhaltspunkt für die eben deshalb als dunkel erscheinende Logik der Marxschen Kritik biete? (S. 88)
Ist Robert Kurz ein Sabbatai Zwi des Marxismus?
S. 99: Dieser Schein ist nicht endgültig verflogen, sondern er verknotet sich hier zur Undurchschaubarkeit, und daraus scheint Robert Kurz zu glauben, die Befreiung ableiten zu können.
Das sieht mir doch etwas zu sehr nach ökonomischer Elementarteilchenforschung aus. Und eine Sackgasse für einen Ausweg zu halten, macht keinen glücklichen Eindruck.
Bei aller notwendigen Kritik an der Kasernenhofwirtschaft des Ostens ist doch nicht zu leugnen, daß auch ein Wirtschaftskrieg geführt worden ist, so wie heute immer noch ein Wirtschaftskrieg gegen Kuba geführt wird; auch die westliche Gestalt des Kapitalismus hat ihre in vieler Hinsicht militaristischen Aspekte (die Rüstung ist ein reales ökonomisches Systemproblem: ihre explosive Ausdehnung nach dem zweiten Weltkrieg verlief in direkter Abhängigkeit von der ebenso explosiven Ausdehnung des Bankgeschäfts, zur Absicherung des aggressiven Kredit- und Geldgeschäfts und als Mittel zur Disziplinierung der Armen draußen und drinnen). Die Rüstungswirtschaft ist keine bloße Kriegswirtschaft, und ein nicht unerheblicher Teil der Friedenswirtschaft ist längst ein Teil potentieller Kriegswirtschaft: der kalte Krieg war der Motor der Weltraumforschung, der Atom- und Automobilindustrie und des Wirschaftswunders in der BRD.
Zusammenhang der explosiven Ausbreitung des Bankengeschäfts, der Armut, der Schuldenkrise in der Dritten Welt und der Rüstung. Der Kolonialismus war ähnlich wie die Sklaverei in dem Augenblick überflüssig, in dem es andere Mittel gab, die den gleichen Zweck erfüllten.
Der steigende Anteil des fixen, gebundenen Kapitals an der Produktion wird gespeist durch Kredite, durch Schuldenkapital. (Zusammenhang von Credo und Kredit?)
Zu kurz kommt das Problem der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner Nachkriegsgeschichte (mit dem tendentiellen Sinken der Profitrate, das nur scheinbar aufgefangen wird durch das ökonomische Gravitationsgesetz, das die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht). Kern des Mega-Schuldverschubsystems.
Eindruck, daß Robert Kurz gelegentlich fehlende analytische Fähigkeiten durch (projektive) Polemik ersetzt (Hinweis auf einen unvermeidbaren logischen Defekt jeder linken Theorie?).
Der Weltbegriff als Schuldverschubsystem und Schuldverdrängungsmaschinerie?
Der Weltbegriff schließt tendentiell die Barbaren aus, das aber heißt: er schließt die Hebräer aus; er schließt die aus, die bara bara sagen; er schließt eben damit den Schöpfungsbegriff aus und mit dem Schöpfungsbegriff den Namen des Logos und die Reflexion der Schuld der Welt.
Dieser Schuldbegriff wird in der Vorstellung der absoluten Abhängigkeit der Kreatur (und in dem davon abhängigen diffamatorischen Gebrauch des Kreaturbegriffs) falsch reflektiert. Die absolute Abhängigkeit ist die Abhängigkeit vom Schicksal, während durch die Beziehung zur Schöpfungsidee gerade die Aufhebung, die Auflösung des Schicksals und der Vorstellung der Abhängigkeit von einem Übermächtigen einzig möglich ist.
An den Ursprungszusammenhang mit der Schuldkechtschaft erinnert noch der Begriff des Symbolum, und zwar nicht sein Begriff, sondern auch sein Inhalt, das Dogma (Trinitätslehre, Christologie, Opfertheologie).
Was hat zu bedeuten, wenn die Pharisäer an die Auferstehung und die Engel glauben, die Sadduzäer hingegen nicht?
Was drückt sich geschichtsphilosophisch darin aus, wenn
– nach dem zweiten Weltkrieg ein Friedensschluß nicht mehr möglich war (Rechtssetzung als Grenzsetzung),
– es möglich war, das Strafrecht auf die Politik und die Regierenden selber angewendet wurde (wie jetzt wieder gegen Honecker),
– und in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft wurde?
Sind Faschismus und Auschwitz nicht doch nur vor diesem Hintergrund real zu begreifen, und sind diese Folgen nicht doch reale Folgen des Faschismus und des Holocaust?
Die Rüstungsexplosion ist ein Indiz für den Rückfall in Naturgeschichte.
Ergänzend zu Walter Benjamin wäre festzuhalten, daß Schicksal und Charakter nicht nur begrifflich, sondern geschichtsphilosophisch geschieden sind. Auch hier gilt: Wo Schicksal ist ist kein Charakter, und wo Charakter, kein Schicksal. Der Charakter entspringt in der gleichen Bewegung, in der das Schicksal verinnerlicht wird. In dem gleichen Prozeß entspringt der Weltbegriff.
Wenn das homologein („bekennen“) auf den Namen des Logos sich bezieht, der Logos in der Übernahme der Sünde der Welt sich konstituiert, dann wird auch der Begriff des Bekenntnisses verständlichen: es ist in der Tat ein Schuld-Bekenntnis.
Nach der Vergebung der Sünden kommt die Auferstehung der Toten.
„Wer nicht für mich ist, der ist wider mich“: Dieser Satz hat von seinem Kontext her eine andere Bedeutung als Adorno unterstellt, und er ist erst durch die Bekenntnislogik direkt und unmittelbar böse geworden (Teil des autoritären Syndroms).
Der Prozeß der Verinnerlichung des Schicksals und der Genesis des Begriffs, die Entzündung des Subjekts im Schicksal (oder des Subjekts durch Infektion durchs Schicksal), müßte an der Geschichte der Vorsokratiker nachzuvollziehen sein.
Der Ausdruck „Entfremdung“ ist insoweit korrekt, als er einen Vorgang bezeichnet, in dem das Moment der Fremdheit aus den Dingen verdrängt wird, der die Dinge zu Dingen für mich macht (Stichwort: Das Eine ist das Andere des Anderen).
Unkenntlich gemacht wurden in der Geschichte der Philosophie jene Momente, die die Erfahrung des Schicksals kennzeichnen:
– die Bindung an die Schuld,
– Erfahrung des Zweideutigkeit und
– der Schrecken.
Diese drei Momente sind im Begriff des Objekt und der Materie untergangen.
Alle Logik ist Schicksalslogik; der logische Zusammenhang ist ein Schuldzusammenhang und hat teil an der Zweideutigkeit dieses Schuldzusammenhangs, die nur durch die „List der Vernunft“ sich zur Dialektik domestizieren läßt.
Die „verandernde Kraft des Seins“ ist die präziseste Bestimmung des im Sein unkenntlich gemachten Schicksals.
Wenn es denn eine Beziehung Rosenzweigs zu Heidegger gibt, dann liegt sie darin, daß Rosenzweig die Zweideutigkeit, die Heidegger bloß ausbeutet („Sinn des Seins“), aufschlüsselt. Diese Beziehung ist ähnlich invers wie die der Hebräer zu den Barbaren.
Gewitzt ist der, der andere über die Opfer seines eigenen Handelns zum Lachen bringt, und das heißt: jede mögliche Solidarität mit den Opfern schon im Ansatz erstickt..
Die dialektische Beziehung des Lachens zur Waffe drückt sich im Begriff der Entrüstung aus. (Wie hängen Entrüstung und Entfremdung zusammen?)
Der biblische Begriff des Fremden hängt sprachphilosophisch mit der Reflektion des Schreckens zusammen, der sich grammatisch im Gebrauch der dritten Person (Sing. und Pl.) ausdrückt; er hängt mit den Begriffen des Schreckens und des Opfers zusammen, die beide im Ursprung des Begriffs der dritten Person erinnert werden. Die Philosophie ist auf dieser Versachlichung, die sich im Gebrauch der dritten Person ausdrückt, abgefahren; das war sozusagen ihre Geschäftsgrundlage. Dagegen hat die jüdische Tradition genau das, was hier verdrängt wird, erinnert und aufbewahrt. Gegen den Hegelschen Satz, daß das Eine das Andere des Anderen ist, hält die jüdische Tradition daran fest, daß darüber das Eine nicht vergessen werden darf. Diese Differenz, die an den Begriff des Fremden sich anschließt, drückt sich in der Differenz von Barbaren und Hebräern aus. Abraham war ein Hebräer, und er lebte als Fremder im Land, d.h. als „Barbar“. Der heutige diffamatorische Gebrauch des Kreaturbegriffs erinnert an diesen Zusammenhang: des Selbstbewußtseins der Fremdheit mit der Schöpfungslehre, mit dem bara. Die Objekte des bara, nämlich Himmel und Erde, die großen Seetiere und der Mensch (als Ebenbild Gottes, als Sein Ebenbild – Übergang Gottes in die dritte Person – , als Mann und Weib), sind die Reflexionsgestalten der Fremdheit, die im Begriff der Schöpfung sich selbst begreift.
Zur Differenz von Natur und Schöpfung; Zusammenhang beider mit dem Schuldbegriff: Beide verhalten sich zu einander wie der Name des Barbaren zu dem des Hebräers.
Schicksal und Charakter: Wer die Sünde der Welt auf sich nimmt, muß die Verantwortung für seinen eigenen Charakter übernehmen. Der Charakter aber drückt sich aus im Gesicht, und d.h.: er muß sogar die Verantwortung für sein Gesicht auf sich nehmen. Beziehung zu Antlitz und Angesicht?
Zu Derrida: Wenn es eine Beziehung des Begriffs der göttlichen Gewalt zu Auschwitz, zum Holocaust, gibt, dann läßt er sich einzig beziehen auf die Urheber, auf die Täter; und erst der Schrecken, der dem Anblick dieser göttlichen Gewalt entsprechen würde, wäre die angemessenste Bestimmung der Gottesfurcht heute.
Der prophetische Kampf gegen die Idolatrie war der Kampf gegen das Vergessen. Was die Hegelsche Idee als Natur frei aus sich entläßt, ist präzise das Deckbild dessen, was in der Hegelschen Erinnerung der Idee vergessen wurde, und dieses Vergessen ist eine Leistung des Begriffs. -
09.03.92
Die Umwandlung der Welt in eine Touristikwelt nach dem zweiten Weltkrieg ist der Grund der Verniedlichung des Behemoth. Die Befassung mit der Schrift sollte mehr sein als Vergangenheitstourismus.
Asymmetrie von Gott, Mensch und Welt: Die Grundlage der Vergöttlichungs- oder Vermenschlichungskonzepte ist die Verweltlichung.
Kann es sein, daß die sabbatianische Bewegung (und schon ihr Vorläufer: Isaak Luria) Opfer einer Verdinglichung der mystischen Tradition ist: Opfer der Verräumlichung der mystischen Phantasie oder der Unfähigkeit, die Weltkritik und die Idee der Übernahme der Sünde der Welt ins mystische Konzept mit hereinzunehmen (Zusammenhang mit den magischen Tendenzen in der Kabbalah und mit der barocken Gestalt der Entzauberung von Herrschaft durch Privatisierung)?
Macht, Herrschaft, Gewalt: Der Satz an der Startbahnmauer „Anarchie ist Macht ohne Herrschaft“ könnte wahr sein. Wenn Macht als Änderungskompetenz begriffen wird. – Was bedeutet der Satz „Er redete wie einer, der Macht hat“? – Herrschaften und Mächte waren einmal Teile der Engelhierarchien.
Hängt die Bezeichnung „Barbaren“ so wie mit den Hebräern auch mit bara zusammen (d.h. mit dem Bilde derer, die „Schöpfung, Schöpfung“ stammelten)? Dann wären Barbaren diejenigen, die die Logik des Weltbegriffs nicht akzeptieren (und in der Gottesfurcht bleiben). Die Verdoppelung des bara im Begriff Barbarei ist höhnisch, nicht ironisch.
Auch das gehört zu den großen Einsichten des „Stern der Erlösung“: Schöpfung, Offenbarung und Erlösung gehören zusammen, lassen sich nicht trennen, und alle drei Begriffe bezeichnen Vorgänge im sprachlichen Bereich. Der wesentliche Effekt des Weltbegriffs ist die Leugnung von Schöpfung, Offenbarung, Erlösung. Der Versuch, den „Glauben“ im Kontext dieser Leugnung zu erretten, zu erhalten, führt zwangsläufig ins kirchliche Herrschaftssystem.
Was bei den Griechen die Heroen sind, sind in der jüdischen Tradition die Richter. Und der „Triumph of Irony“ ist das notwendige Mittel der Entheroisiserung (Indiz des antimythischen Charakters des Richterbuches). Den Durchbruch dieses Verständnisses erarbeitet zu haben, ist das große Verdienst Lillian Kleins. -
07.03.92
Wird mit der Verdrängung der Schöpfungsgeschichte nicht der apokalyptische Hintergrund der Schöpfungsgeschichte verdrängt?
Der Raum ist Ausdruck des Lachens und der Klage zugleich, die Einheit beider: der ungezielten, objektlosen Anklage und des verzweifelt-höhnischen Lachens über die Dinge.
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet: Der erste Teil des Satzes bezeichnet den Ursprung der Welt, der zweite Teil die Bedeutung der Welt für das in ihrem Begriff Befaßte.
Hängt der „Anfang“ in Gen 11 und Joh 11 mit den archä der Philosophie zusammen?
Rechts und Links nicht unterscheiden können: verweist das auf eine Zone der Indifferenz, die sowohl jenseits als auch diesseits des Guten und Bösen liegen kann? Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ klingt daran an (ähnlich wie die „Umwertung der Werte“ an die Umkehr).
Sprache und Umkehr (Urteilsform und Umkehr): das Objekt ist das angeschaute Objekt, das Prädikat das Urteil hinter seinem Rücken (das „synthetische Urteil a priori“ Kants). Die Logik oder das Verhältnis von Begriff, Urteil und Schluß hängt mit räumlichen Beziehungen zusammen und ist nur verständlich, wenn man die Beziehung des Raumes zur Umkehr mitdenkt (Bedeutung für den Begriff und das Verfahren der Definition). Aber es ist der Raum als die subjektive Form der äußeren Anschauung, der die Sprache von ihrer Wurzel, vom Namen und von ihrer benennenden Kraft abschneidet, sie ihrer argumentierenden, begründenden Kraft beraubt; wiedergewinnen läßt sich die Sprache nur im Kontext der Umkehr.
Rosenzweigs Wort, die Sprache sei die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung, wäre genauer zu bestimmen: Vgl. hierzu die Gleichnisse Jesu über die Talente, die der Herr den Verwaltern anvertraut hat; man darf sie nicht vergraben.
Könnte es sein, daß im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf eine noch aufzuklärende Weise auch die Beziehung des Raumes zur Sprache sich ausdrückt?
Im Innen-Außen-Paradigma (das der Beziehung der Logik zum Raum zugrundeliegt) wird das Innere vom Äußeren wieder eingefangen; und das ist wahr und unwahr zugleich.
Sind die sieben Middoth die sieben Namen der Barmherzigkeit, christlich gesprochen die sieben Werke der Barmherzigkeit? Vergleiche die Matthäus-Stelle mit der Exodus-Stelle.
Links und Rechts nicht unterscheiden können: das ist die Situation des „Proletariers“: er lebt von der gleichen Institution, die ihn zugleich zum Objekt macht, ihn „verurteilt“. Er kann die lebenserhaltende von der vernichtenden Potenz nicht mehr unterscheiden. Aber wer ist heute im strengen Wortsinn kein Proletarier (und welcher Proletarier ist nicht bestochen, korrumpiert)? Der Inbegriff der Ununterscheidbarkeit von Rechts und Links ist das Geld; und „niemand kann Gott und dem Mammon zugleich dienen“. Hier wird Rechts und Links wie im neutralisierten Raum gleichnamig gemacht.
Kann es sein, daß das „und soviel Vieh“ nicht nur auf die Anzahl, sondern auch auf die Größe: ein so großes Vieh (Behemoth), sich bezieht?
Das Gesicht drückt die produktive Indifferenz von aktivem und passivem Sehen und Hören aus. Vgl. dazu die ähnlichen Wortbildungen wie Gedicht, Gewicht, Gericht, oder das Neutrum Gesicht und das Femininum Geschichte. Beachte überhaupt die Reimworte wie gut, Wut, Hut oder auch so banale wie Herz und Schmerz (Zorn, Dorn, Korn, Born, Horn). Welche Bedeutung hatte der Reim in der Sprachgeschichte (im Anfang der Moderne)? Der Reim lebt auf andere Weise von der (wie das Bekenntnis gemeinschaftsstiftenden) Bedeutung der Vokale als von der der Konsonanzen, die im Reim die eigentlichen Bedeutungsträger sind.
Das Allgemeine ist die gemeinsame Einsamkeit aller, die unversöhnte gemeinsame Einsamkeit aller.
Läßt sich die Geschichte mit dem einen unreinen Geist und den sieben unreinen Geistern (auch die Geschichte mit Maria Magdalena) auf Hegel beziehen? Die einmalige Vergebung ist nur die scheinhafte Selbstexkulpation; die Versöhnung beruht auf der siebenmal siebzigmaligen Vergebung. Hier liegt der Grund der Adornoschen Kritik des Identitätsprinzips (als des Prinzips der Selbstexkulpation, des Ursprungs des philosophischen Subjekts, der philosophischen Emanzipation vom Mythos).
Die Austreibung des einen unreinen Geistes ist das Prinzip der Überwindung des Mythos durch die Philosophie, die Austreibung der sieben unreinen Geister: das wäre die Austreibung des Mythos durch Umkehr.
Das Identitätsprinzip fundiert und stabilisiert die der Welt, deren Herrschaft durch die herrschaftskritische Übernahme der Sünde der Welt aufzulösen wäre.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie