Sexualmoral

  • 12.12.92

    „Die Götterwelt fungiert als eine völkerrechtliche Instanz, die auf die Einhaltung der Verträge achtet.“ (Assmann, S. 256)
    Vertragsbruch als Urmodell der Sünde. (ebd.)
    In welchem Zusammenhang stehen im Christentum Kanonbildung und Dogmatisierungsprozeß?
    „Das Problem ist für die Wissenschaft das, was die „Mythomotorik“ für die Gesellschaft im Ganzen ist. Das Problem enthält ein Moment dynamischer Beunruhigung. Die Wahrheit ist einerseits problematisch, andererseits wenigstens theoretisch lösbar geworden.“ (S. 288)
    Im Kontext des „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ gibt es den anderen, an die Pharisäer gerichteten Satz, wonach sie durch Wissen schuldig werden. Dieser Satz, der auf den Rat hinausläuft, dumm zu bleiben, denn „Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß“, ist böse. Hier liegt der Grund der Verdrängungsmechanismen, der Verdummungsautomatik, die ihre schlimme Wirksamkeit dann entfaltet hat. Hier werden die Dummen heiliggesprochen.
    Die systematische Stelle des Naturbegriffs im Stern der Erlösung macht deutlich, welchen Bann er begründet, und daß er nur durch Umkehr, in der der Bann sich löst, auf die Idee der Wahrheit zu beziehen ist.
    „Gehet hin in alle Welt“, dieser Auftrag ist nicht nur geographisch, sondern auch begrifflich zu verstehen. Er bezieht sich auch auf die Apperzeption und vollständige Durchdringung der weltkonstituierenden Philosophie.
    Staub, Schmutz und Abfall sind Kategorien der Xenophobie. (Hat der Name der Hebräer etwas mit dem Fluch über Adam und die Schlange, mit dem Staub, zum dem Adam wird und den die Schlange frißt, zu tun? Wird nicht die Erinnerung an das „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“ zur Selbstbezeichnung? Als Hebräer aber sind sie Nahrung der Schlange. Ist in diesem Licht nicht die Schlange des Moses, ihr Kampf mit den Schlangen der Zauberer des Pharao, die erhöhte Schlange, zu sehen? Wann wurde die Schlange aus dem Tempel entfernt? – Wird im Christentum der Benennende und Fressende: Ägypten, die Philister, auch Holofernes ins hebräische Subjekt mit hereingenommen; ist das der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge vorübergehen; und drückt sich das im Kreuzestod, dem ambivalentesten Symbol des Christentums, für das das „Ein Gehenkter ist ein Fluch Gottes“ – 5 Mos 2123, Gal 313 – weiterhin gilt, aus? – Vgl. auch Hebr 1126, 122, 1313)
    Der Weltbegriff macht die Schande (das Aufdecken der Blöße) allgemein, das Christentum macht sie reflexionsfähig: es relativiert die Schande, die Schmach, befreit die Menschen von ihrer Gewalt (das Kreuz ist Grund der Ästhetik, aber selbst kein ästhetisches Objekt; Beziehung der Schande zur Sexualmoral): Schande wird reflexionsfähig durch Übernahme der Sünde der Welt.
    Hat der Name des Petrus etwas mit den drei Leugnungen zu tun, mit dem „Von allen Seiten von außen“ und der Hilflosigkeit dagegen, (Genesis der Verdinglichung, Versteinerung)?
    Gethsemane, und nicht die Todesangst, wäre der Anfang einer christlichen Theologie, die dem mit dem Stern der Erlösung gesetzten Anspruchsniveau genügt.
    Vorweihnachtliche Unzufriedenheit: omna animal post coitum triste.
    Der Begriff unterscheidet sich vom Namen wie das Zeitlose vom Ewigen. Das Zeitlose gilt zu aller Zeit, das Ewige besteht zu keiner Zeit, außer „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“. Das Zeitlose ist bis zur Strangulierung verstrickt in die Zeit, nur das Ewige bringt die Luft zum Atmen.
    Das jesuanische „Die Blinden sehend machen“ sollte nicht verwechselt werden mit dem „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Gegenstand der erlösten Erkenntnis ist nicht die Nacktheit, sondern das Angesicht.
    Es gibt eine Vergöttlichung Jesu, die ihn gleichsam stillstellt, unschädlich macht. Sie hat mehr mit dem Binden zu tun als mit dem, was in seinem Munde Bekenntnis hieß.
    Gehört es mit zum Providentiellen in der deutschen Sprache, daß in ihr der Name der Taube an den der Taubheit anklingt (mit der Konnotation des Doven)?
    Mit scheint, die Abtreibungsdiskussion hängt strukturell mit der Xenophobie zusammen. Innerkirchlich implodiert in der Abtreibungsdiskussion die Sexualmoral, Folge ihrer unaufgeklärten Beziehung zum theologischen Weltbegriff und seiner Verflochtenheit in die reale Geschichte (Zusammenhang mit der unaufgearbeiteten Frauenfeindschaft und dem Zölibatsproblem und mit den drei ungelösten Vergangenheitsproblemen: Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung).
    Lippen und Zunge, Phallus und Vagina: Weshalb heißt das Lippenbekenntnis Lippenbekenntnis?
    Ist nicht heute die Nutzung der Welt als Exkulpationsmaschine die Wand, die uns von Auschwitz trennt, und der Grund der Unfähigkeit, Auschwitz und seine gegenwärtigen Metastasen wirklich wahrzunehmen?
    Zu Metz am 11.12.: Die Verwechslung der Empfindlichkeit mit der Sensibilität beharrt auf der unzivilisierten Verletzbarkeit, während die Sensibilität ihrer selbst auch nach Verletzungen noch mächtig bleibt. Die Sensibilität unterscheidet sich von der Empfindlichkeit durch ihr parakletisches Element.
    Errettung der vergangenen Zukunft: Siehe hierzu das Gleichnis vom armen Lazarus, der den Reichen darauf hinweist: deine Brüder haben Moses und die Propheten; an die sollen sie sich halten.

  • 10.12.92

    Der Andere ist – wie das Objekt auf den Begriff – auf das Selbst bezogen und gehört zur Stabilität des Selbst dazu; es ist die Rückseite des Eigenen, zu dem es wie das Vorhandene zum Zuhandenen gehört. Der Fremde ist auf die kollektive Identität bezogen und stellt diese in Frage. Kollektive Identität ist die kollektive Form der Objektbeziehungen, die Identität des Einen und des Anderen: der Fremde ist anders als das Anderssein, mit dem man sich selbst identifiziert, und löst deshalb Identitätsängste aus: Xenophobie.
    Der Andere ist ein Teil der Welt, der Fremde ist der Feind der Welt.
    In Assmanns Hinweis darauf, daß der Tempel in Ägypten ein kulturhistorisches Äquivalent des Buches war, klingt mit an, welcher Sinn hinter den Tempelbeschreibungen in Prophetie und Apokalypse sich verbirgt. – Welche Bedeutung haben Tempel und Opfer für die Entstehung, den Ursprung der Schrift (Phonologische Analyse des Wortes, projektive Reflexion in der Schreibebene)? (Vgl. S. 177ff)
    Hinweis, daß der Tempel „bis zu sieben ineinander geschachtelte Portale“ besaß. (S. 179)
    Hinweis auf die ausgeprägte Xenophobie der Ägypter! (S. 180)
    Der ägyptische Spätzeittempel ist gebaute Erinnerung.“ (S. 181)
    Der ägyptische Spätzeittempel umfaßt aber nicht nur in der Art einer Enzyklopädie die Menge des Wißbaren, sondern wirklich die Welt. Wir befinden uns – Gegensatz zu den monotheistischen Religionen – im Kontext des „Kosmotheismus“. … Die Welt ist ein sinnerfülltes und daher göttliches Ganzes. Dies versucht der Spätzeittempel abzubilden.“ (S. 182f)
    „… die ägyptischen Tempel waren die Zentren, in denen die Welt in Gang gehalten wurde.“ (S. 194)
    Zu Petrus vgl. Jos 2427: „Dabei sagte er zu dem ganzen Volke: Seht her, dieser Stein wird ein Zeuge sein gegen uns; denn er hat alle Worte des Herrn gehört, die er zu uns gesprochen hat. Er soll ein Zeuge sein gegen euch, damit ihr euren Gott nicht verleugnet.“
    „Die Bindungen, denen die Menschen mit der Herausbildung staatlich organisierter Gemeinwesen nach innen und außen untrworfen wurden, nahmen die Zukunft in Anspruch und schufen, zusammen mit dem sich herausbildenden Handlungsspielraum „Welt“, auch die sozial verfaßte Zeit, in der sich erinnerte Geschichte ereignet.“ (S. 231)
    „Diese „Fluchformeln“ (sc. auf Verträgen, H.H.) brachte am deutlichsten zum Ausdruck, was man sich (sc. in Mesopotamien, H.H.) von den Göttern erwartete: die Gewährleistung der konnektiven Gerechtigkeit.“ (S. 234f)
    Das paulinische „Kauft die Zeit aus“ schließt die Kritik des Dogmas mit ein.
    Zum Begriff des Angesichts: Er ist ein angesehener Mann.
    Der Begriff der Trauerarbeit ist auf die Zeit des Nationalsozialismus nur bedingt anwendbar: Es gibt keine Trauer über den Tod Hitlers, nur eine über das eigene Versagen.
    Die Differenz von Theorie und Praxis am Beispiel der Sexualmoral erläutern. Aber das gilt dann für den Gesamtbereich der Moral; es gibt keinen bruchlosen Übergang von der Richtschnur des eigenen Handelns zum Maßstab für das Urteil über andere. Die Moral als Richtschnur des Handelns ist die Quelle der Gottesfurcht, die Moral als Maß das Urteils über andere ein Teil der Dynamik der Rechtfertigung (Ideologie und Vorurteil).
    Hat nicht die Kirche mit den sieben Sakramenten selber die sieben apokalyptischen Siegel gesetzt, und war das nicht das Binden (auf Erden wie im Himmel)?
    Die Kirche hat es nie gelernt, ihr eigenes Konfliktpotential aufzuarbeiten (siehe die Geschichte der Auseinandersetzung mit den Häresien). Damit hängt es zusammen, daß sie heute nur noch Mechanismen der Verdrängung und des Vergessens produziert.
    Der Taumelkelch: Ist das nicht die Welt (und der Alkohol die Zivilisationsdroge)?
    Gibt es in der Schrift außer den Geschichten von Ham und Noe und von Lot und seinen Töchtern noch andere zum Thema Trunkenheit?

  • 08.12.92

    „Tradition ist für ihn (sc. Halbwachs, H.H.) keine Form, sondern eine Verformung der Erinnerung. Dies ist der Punkt, an dem wir Halbwachs nicht folgen können.“ (Assmann, S. 45)
    „Die Tatsache, daß nur Individuen auf Grund ihrer neuronalen Ausstattung ein Gedächtnis haben können, …“ (S. 47)
    „Durch Erinnerung wird Geschichte zum Mythos. Dadurch wird sie nicht unwirklich, sondern im Gegenteil erst Wirklichkeit im Sinne einer normativen und formativen Kraft.“ (S. 52)
    Das „gemeinschaftsstiftende und stabilisierende Totengedenken“ (S. 63) erinnert eher an die obszöne „Versöhnung über Gräbern“ (Kohl in Bitburg und Verdun) und an rechtsradikale Gräberschändungen als an das wirkliche Gedenken der Toten, das an der Idee der Auferstehung sich orientiert (der uneingelösten vergangenen Hoffnung). Der Hinweis auf Mao Tse Tung sollte an den Ursprung und die konkrete gesellschaftlich-politische Bedeutung von Mausoleen erinnern.
    Im Zentrum der Vorstellung des „kulturellen Gedächtnisses“ scheint wirklich die Idee einer Vergangenheit zu stehen, an die man sich halten kann. Und genau diese Vergangenheit gibt es nicht, es sei denn als Deckbild objektiver Verzweiflung.
    Wer die Beziehung zur Vergangenheit im Alten Ägypten und im mittelalterlichen Judentum so vergleicht wie Assmann (S. 69), hat wirklich nichts begriffen.
    Interessant und weitreichend der Hinweis, daß der Staat zu den Bedingungen der Unsterblichkeitslehre im Alten Ägypten gehörte: „Ohne den Staat zerfallen die Rahmenbedingungen sozialer Erinnerungen; damit sind auch die Wege zur Unsterblichkeit blockiert.“ (S. 71)
    „Nichts liegt näher, als die Annahme, daß die Ägypter als das Volk mit dem (nächst den Sumerern) längsten Gedächtnis aufgrund ihrer lückenlosen(!), in die Jahrtausende zurückreichenden(!) Tradition ein ganz besonders differenziertes und ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein entwickelt hätten.“ (S. 73) Fallen wir nicht mit dem angeblich langen Gedächtnis der Ägypter auf ein Konstrukt herein, das auch unserem Naturbegriff zugrundeliegt. Die Entdeckung der Tiefenzeit war zweifellos auch ein Versuch, den gegenwärtigen Zustand durch Einbindung in eine möglichst unendliche Vergangenheit zu stabilieren (zu „entzweifeln“). Von der Vergangenheit (von den Toten) soll keine Beunruhigung mehr ausgehen (das wäre der Sieg der Welt).
    „Vergangenheit, die zur fundierenden Geschichte verfestigt und verinnerlicht wird, ist Mythos, unabhängig davon, ob sie fiktiv oder faktisch ist.“ (S. 76) Das ist Ausdruck und Folge der Verinnerlichung des Opfers.
    Die Bemerkung, daß die Vernichtung des europäischen Judentums unter der Bezeichnung Holocaust Mythos geworden sei (S. 76), wird vor dem Hintergrund seiner Mythos-Definition endgültig böse.
    Im Kontext „Historikerstreit“: „Man muß sich nur darüber klar werden, daß Erinnerung nichts mit Geschichtswissenschaft zu tun hat.“ (S. 77)
    „Mythos ist die zur fundierenden Geschichte verdichtete Vergangenheit.“ (S. 78)
    Zur Vorstellung einer homogenen Zeit gehört die andere Vorstellung, daß die Welt zu jeder Zeit den gleichen Gesetzen unterworfen ist. Diese in die Vergangenheit projizierte Voraussetzung hat Lyell in geologischem und paläontologischem Zusammenhang erstmals ausformuliert (vgl. St. J. Gould: Die Entdeckung der Tiefenzeit). Die gleichen Zusammenhänge machen die althistorischen Untersuchungen gelegentlich so unerträglich. In weltgeschichtlichem Kontext wird vergessen, daß die die Welt beherrschenden Gesetze nicht einfach nur gegeben, sondern auch von Menschen gemacht sind, und daß es nicht die gleiche Welt ist, die Homer mit Abraham und beide mit uns verbindet.
    Ist nicht der „Kanon“ eine Art Referenzsystem, aber eines mit der Tendenz zur Verkörperung: zur Inkarnation.
    Der methodologische Hauptteil beim Assmann dient nicht der Explikation des Problems, sondern seiner Verwischung, Verdrängung. Professoren-Wissenschaft: Er lebt und denkt in einer Welt, deren Grenzen von jenen bestimmt wird, die zugleich die Fachkarrieren bestimmen. So werden Außenseiter apriori ausgeschlossen (und nicht einmal mehr erwähnt: das betrifft sowohl Velikovsky und seine Nachfolger als auch Rosenzweig, Lukacz, Benjamin).
    War die griechische Philosophie die Ausbreitung des Denkens nach allen Seiten und das Christentum der Versuch, die Höhen und Tiefen zu vermessen (Verwechslung von Gottesfurcht und Herrenfurcht als Folge der theologischen Rezeption des Weltbegriffs, abzusichern nur durch Trinitätslehre und Opfertheologie)?
    Hegel hat die Opfertheologie verdrängt und ist an der Trinitätslehre erstickt. So war die Hegelsche Philosophie nicht das „Auto da Fe“ (Baader), sondern bloß der Selbstmord der bisherigen Philosophie. Allerdings – im gleichen Sinne, wie man von einem perfekten Mord spricht – ein perfekter Selbstmord.
    Die christliche Sexualmoral, mit der Veurteilung der sexuellen Lust, entspringt genau an der Stelle, wo die Urteilslust aus dem Kontext des Sündenfalls herausgenommen und neutralisiert wird: im Ursprung des Weltbegriffs (in seiner theologischen Rezeption).
    Das Rätsel Heidegger und die Lösung der sieben Siegel der Sakramente (Taufe, Firmung, Buße, Eucharistie, Priesterweihe, Ehe, letzte Ölung).
    Die Vorstellung, daß kanonische Werke bestimmte „Werte verkörpern“ (Assmann), ist eine ausgesprochen autoritäre Vorstellung.
    Hat der musikalische Begriff des Kanon etwas mit dem literarisch-„kulturellen“ zu tun?
    Ist nicht der „Komplexitätsschub“ im griechischen fünften Jahrhundert (S. 123) eine Verharmlosung eines weit ausgreifenderen Sachverhalts (Krise des Mythos, Ursprung der Philosophie und des Weltbegriffs)?
    Identität als kulturelle Identität, Ich-Identität, kollektive Identität (S. 127).

  • 07.12.92

    Zu Kant:
    – In der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft nennt Kant Natur den „Inbegriff der Gegenstände der Erfahrung“ (S. 18). Damit erläutert er selber den Definitionsversuch in der Antinomie der reinen Vernunft (S. 334)
    – Im II. Teil der Einleitung findet sich eine Stelle, an der er in zwei auf einander folgenden Sätzen den Begriff der Erkenntnis einmal als Femininum (die Erkenntnis), das andere Mal als Neutrum (das Erkenntnis) verwendet. Das eine Mal handelt es sich um eine vergegenständlichte Erkenntnis („Kennzeichen einer Erkenntnis apriori“), das andere Mal um das „Vermögen des Erkenntnisses apriori“. Im Gebrauch (als Handeln, als Tätigkeit) ist Erkenntnis ein Neutrum (die neutralisierende Gewalt), als Ergebnis (in seiner vergegenständlichten, der Anschauung vorgegebenen Gestalt), ein Femininum. Bemerkenswert die Genauigkeit des noch nicht durch Regeln verdinglichten Grammatikgebrauchs.
    Das Erkenntnis ist die erkennende Kraft, die Erkenntnis der erkannte Inhalt: an dieser Differenz arbeitet sich die Dialektik ab (das polymorph-perverse Resultat).
    Das Erkenntnis als Neutrum, als tätige handelnde Kraft konstituiert sich durch Abstraktion von der Schuld, durch Unterdrückung und Verdrängung des moralischen Moments im erkennenden Subjekt.
    Ist die Sexuallust ein Reflex der Urteilslust im Objekt (seine Materialität)? Ihr Repräsentant in der Philosophie ist das Sein.
    Die Kirche verbietet Inzest, Homosexualität, Onanie und vor- und außerehelichen Verkehr, aber nicht die Vergewaltigung. Grund ist das Theologumenon von der Erschaffung der Welt (und ihrer Entsühnung durch den Opfertod des Gottessohnes).
    Verhalten sich König und Priester wie Welt (Geschichte) und Natur? Aber nur der König ist der Gesalbte (der Priester wird gesalbt).
    Die assoziative Verknüpfung von Geschäfts- und Sexualmoral wird erkennbar am Bild des ehrbaren Kaufmanns und des anständigen Beamten: Wer betrügt oder sich bestechen läßt, treibt es auch anderswo. Aber rutscht die Wirtschaft nicht immer tiefer und immer deutlicher in Verhältnisse hinein, in denen sich mafiose Praktiken aus Selbsterhaltungsgründen nicht mehr ausschließen lassen?
    Verhält sich die Zeugung zur Schwangerschaft wie die Erkenntnis zur Umkehr? Und sind die Wehen der Geburt die Folgeschmerzen der Umkehr? Und ist nicht die Abtreibung ein Realsymbol der bei der Erkenntnis verweigerten Umkehr: des Positivismus (und wird sie nicht deshalb so wütend verfolgt)? Ist (in der Natur) das Licht der Beginn der Umkehr (Grund des Satzes: Stark wie der Tod ist die Liebe)?
    Heidegger hat den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt gemacht: Dieser Geburtsfehler war die projektive Verarbeitung der Schuld, erkennbar an der Zwangslogik der Xenophobie.
    Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, S. 16: Die Definition der Gerechtigkeit durch ihre Beziehung zum „gemeinsamen Erfahrungs-, Erwartungs- und Handlungsraum“ kürzt sie gegen ihr Wesen: Hier sucht jemand eine bindende Tradition (seine kulturelle Identität), die „Bindung des Gestern ans Heute“ (nicht die des Heute ans Gestern?), die „prägenden Erfahrungen und Erinnerungen“.
    Ursprung der persona in den Masken der Toten (in den Familienprozessionen)? (S. 33f)
    Der Begriff der „Erinnerungsfigur“ scheint das mythische Element in dem Konstrukt Assmanns genau zu bezeichnen (Hinweis, daß sie sich nicht nur auf ikonische, sondern auch auf narrative Formen bezieht, S. 38, Anm. 19).
    Kann es sein, daß der Karls-Mythos nicht in einer Fälschung, sondern in einer zwangshaften Vergangenheitsbildung gründet (einer Vergangenheitsbildung, die mit dem Ursprung der Universitäten, der Struktur und dem Fortgang der scholastischen Theologie und ihrer Beziehung zum Ursprung der modernen Naturwissenschaften zusammenhängt)?
    Bezeichnen nicht der Titel Assmanns (Das kulturelle Gedächtnis) und dessen Gegenstand einen Teil des gegenwärtigen, aus Exkulpationsgründen gespeisten „kulturellen Gedächtnisses“. Ist nicht auch hier, was man im Hinblick aufs Mittelalter heute Fälschungen nennt, als Produkt einer Zwangslogik erkennbar?
    Ist das Moment der Kollektivität in Halbwachs‘ Begriff des kollektiven Gedächtnisses nicht der Repräsentant des Weltbegriffs (und unter diesem Begriff zu bestimmen)?
    „Die neue Idee, die sich mit dem Konzil von Nicäa als verbindlich durchsetzt, ist die Entsühnung der Welt durch den Opfertod des menschgewordenen Gottes.“ (S. 41)
    Die Vergangenheit vermag sich in ihm (sc. im Gedächtnis, H.H.) nicht als solche zu bewahren. Sie wird fortwährend von dem sich wandelnden Bezugsrahmen der fortschreitenden Gegenwart her reorganisiert.“ (S. 41f)

  • 01.12.92

    Die Hegelsche Philosophie wird erst dann ganz begriffen, wenn man in ihr das Moment der selbstzerstörerischen Selbstreferenz erkennt, mit der Welt als Subjekt und dem Weltgericht als Substanz; das Absolute erweist sich als ein durch das Gericht sich konstituierendes und erhaltendes Absolutes. Dieses Absolute ist die reine Inkarnation dessen, was die Prophetie den Taumelkelch, den Kelch Seines Zorns nannte.
    Nicht die Überlebenden (die Geschichte, das Ausland oder die Welt), die Toten werden uns richten.
    Es ist die Schuld der Väter, die die Sünden der Mutter als reine schuldbeladene Materie objektiviert und damit unaufhebbar macht.
    Die Sünden der Welt auf sich nehmen, heißt die Hoffnung aus der trüben Mischung von Herrschafts- und Eigeninteressen herauslösen.
    Im Gegensatz zur verdinglichenden Gewalt des Lachens hat das Weinen eine lösende Kraft.
    Wir sind in einem sehr viel tieferen und weit schlimmeren Sinne Hegelianer als wir es wissen: Das Ich ist herabgesunkenes Kulturgut, eine Emanation des Hegelschen Absoluten, und so benimmt es sich auch. Die Natur, die die Idee als das Absolute frei aus sich entläßt, ist die fremdenfeindliche Mordlust, Erbe der christlichen Opfertheologie, als deren bewußtlose Projektionsfolie der moderne Naturbegriff sich erweist. Natur ist Xenophobie.
    Gegen Baader: Die Hegelsche Philosophie ist nicht das Auto da Fe der bisherigen Philosophie, sondern nur der errichtete Scheiterhaufen, der auf den zündenden Funken wartet.
    Das Ne-Utrum ist die Leugnung der Differenz zwischen den oberen und den unteren Wassern. Deshalb steht am Anfang der Philosophie der Satz „Alles ist Wasser“. Hier konstituiert sich das „Alles“, ohne das es die Philosophie nicht gegeben hätte.
    Die Geschichte der Philosophie und ihre Potenzierung in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist in dem gleichen Maße, in dem sie die Geschichte des Erkenntnisprozesses ist, auch die eines universalen Verdrängungsprozesses. Eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Gesamtprozeß spielt die christliche Theologie.
    Ist nicht Hegels Wort vom Aberglauben des Verstandes ebenso ambivalent wie das von der falschen Zärtlichkeit für die Welt?
    Benjamins Wort, daß die Theologie heute klein und häßlich sei und sich nicht dürfe blicken lassen, ist inzwischen vom Fortschritt überholt. Die Theologie ist zum Opfer des Weltgerichts geworden, und diese Abtreibung und Zerstückelung der Theologie wird von der Kirche nach draußen projiziert und (als Sünde der Abtreibung) an den Frauen verfolgt.
    Die Philosophie ist das Flechten von Schurzen aus Feigenblättern, das aber mit der gleichzeitig sich beschleunigenden Entblößung nicht Schritt halten kann. Die Geschichte des Feigenblatts endet in der Hegelschen (oder auch der Heideggerschen) Philosophie, der vollendeten Entblößung. Philosophie ist der vergebliche Versuch, die Blöße zu bedecken, die sie selber produziert. Sie ist Teil der Geschichte der Exkulpationsrituale. Die Welt ist eine Fortentwicklung des Feigenblatts.
    Diskussion des Zeitbegriffs, der Vorstellung der homogenen Zeit, an der Hegel richtig das Moment des Sollens bemerkt, des – wie Baader es nannte – tantalischen Strebens, sich an das grundsätzlich unerreichbare Ende der Zeitreihe zu setzen. Indem ich mich der Zeit bediene, sie instrumentalisiere, unterwerfe ich mich ihr. Das verhext die gesamte Chronologie, sowohl die der Menschheits- als auch die der Naturgeschichte. In den Verstrickungen des logischen Aberglaubens des Verstandes hat sich das Subjekt verfangen. Das Heideggersche Geschick des Seins ist die späte Rache der mit dem Ursprung des Begriffs verinnerlichten Schicksalsidee.
    Wenn es zum Herrendenken keine Alternative gibt, ist der Aufruhr der Rechten unvermeidbar. Und wenn es nur den auf Selbstexkulpation, nicht auf Gerechtigkeit abgerichteten Rechtsstaatspositivismus gibt, dann ist der Staat gegen rechts hilflos.
    Das Zölibat ist der zwangslogisch in der Rezeption des Weltbegriffs begründete und insoweit durchaus konsequente Versuch, die Übernahme der Sünden der Welt, den Kern einer theologisch verstandenen Keuschheit und in dem Sinne das Zentrum des Christentums, durch eine neutralisierte und biologisch verdinglichte Keuschheit zu ersetzen. Seine Zwangslogik ist die der säkularisierten Projektions- und Entschuldungsmechanismen. Deshalb ist das Zölibat die schlimmste Verletzung des Keuschheitsgebots.
    Auch die Sexualmoral ist Produkt der Neutralisierung. Das Ne-Utrum, das darin enthalten ist, setzt die Verdrängung des politischen Sinns der Sexualmoral voraus und stabilisiert sie.
    Die Unzucht des Seins: Die Kopula heißt nicht umsonst Kopula: die Vergewaltigung der Erkenntnis durch die Urteilsform. Welt ist ein obszöner Begriff, und die vergewaltigte Schöpfung heißt Natur.
    Wenn die Sonne im Westen untergeht, zieht sie einen roten Vorhang vom Osten her über den azurnen Himmel, hinter dem sich die Finsternis öffnet, in der die Sterne erscheinen.

  • 29.11.92

    Wie ein geiles Ross ist ein gehässiger Freund, unter jedem Reiter wiehert es. (Sir 336)
    Woher kommt und was bedeutet der Begriff Kamerad? Zusammenhang mit camera, Kammer: Gefährte, Kammergemeinschaft (Kluge). Bezieht sich die „Kameradschaft“ nicht primär auf die Situation einer physischen, durch Front und Feind bestimmten Gefahrensituation? In rechten Gruppierungen üblich, Abgrenzung gegen Feind und Verräter, Zusammenhang mit (oder durch?) Xenophobie: Xenophobie als Mittel der Selbstdefinition (Antisemitismus). Zur Kameradschaft gehört der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ (gegen die Versuchung zur Identifikation mit dem Fremden). Ist nicht der Kamerad der „gehässige (verräterische) Freund“? Die Kameradschaft hält so lange wie die Frontsituation (das „Fronterlebnis“), außerhalb wird sie nur zusammengehalten durch die ambivalente Führerbeziehung (die in der Gegenrichtung das Gegeneinander-Ausspielen der Kameraden mit einschließt). So hängt die Rolle des Soldaten (und die des Polizisten) zusammen mit Mord und Vergewaltigung. – Dekonstruktion des Liedes vom guten Kameraden (Kohls Besuch in Bitburg und Verdun, „Versöhnung über Gräbern“, Heldengedenken, Totenkult und „Beschwörung der Vergangenheit“, Gräberschändungen).
    Wie verhalten sich die Begriffe Kamerad, Kollege und Genosse zueinander?
    Vergleiche hierzu das mythische Bild des Pferdes (die durch den Wind trächtig werdenden Stuten), auch die Geschichte des Pferdes (seit wann Reiter, seit wann ziehen Pferde den Pflug?). Pferd und Sexualität: warum lieben 10-/12-jährige Mädchen Pferde? Pferd und Rasse (Rassepferd, Rasseweib). Nietzsches Wahnsinn wurde ausgelöst durch den Anblick einer Pferdemißhandlung.
    Die thomistische Lösung des Universalienstreits, wonach die Universalien für Gott ante rem, für die Menschen post rem zu verstehen sind, ist durch Kant, durch die transzendentale Logik, durch das Konzept der synthetischen Urteile apriori, auf den Kopf gestellt worden. Hier sind die Zeitverhältnisse umgekehrt worden: das war der Preis für die Vorstellung einer homogenen Zeit. Wer glaubt, die kantische Philosophie thomistisch rezipieren zu können, für den werden in der Tat das Transzendente und das Transzendentale ununterscheidbar: er zerstört die Grundlagen der Theologie.
    Das Evangelium ist eine Flaschenpost; und das Dogma enthält die Formel des Meeres, in dem diese Flaschenpost bis heute unentdeckt schwimmt.
    Die offizielle Theologie heute ist maskierter Atheismus.
    Bezieht sich das Neutrum (als ne utrum) nicht auf Himmel und Erde; und fällt sein Ursprung nicht zusammen mit dem des Weltbegriffs (die Welt ist keins von beiden, weder Himmel noch Erde)?
    Jericho, Sodom und Gibea: Rahab und die Frau und die Töchter Lots (über die Moabiterin Ruth) finden sich im Stammbaum Jesu wieder. Die „Nebenfrau des Leviten“, die dem Mob geopfert wird, kommt wie Jesus aus Bethlehem in Juda.
    Ist Daniel der einzige Prophet, der den Traum und seine Deutung kennt? (Dan 25,15ff)

  • 25.11.92

    Haben die sieben Siegel der Apokalypse etwas mit dem historischen Ursprung und der Funktion des Siegels zu tun (Signum der Person, des Eigentums, des Befehls und Auftrags, des Erlasses)?
    Die Beziehung von Person und Eigentum (Grund des Siegels) ist eine genitivische Beziehung; was bedeutet der Begriff Genitiv?
    Mordgründe: Vatermord (Freud), Brudermord (Bibel), Tyrannenmord (Herrenmord), Raubmord (Mord des Eigentümers), Sexualmord (Vergewaltigung).
    Gibt es eine von der Zwangs- und Schuldlogik (Anklage) abweichende Logik der Befreiung (Verteidigung)? Und sollten nicht endlich die, die darin geübt sind, Anwälte des Staates heißen? Macht nicht das Institut des Staatsanwalts den Staat zu einer paranoischen Institution?
    Nochmal gesinnt und gesonnen: Ist nicht der Ursprung der Gesinnung die Nationalgesinnung (als transzendentallogischer Grund und als Absicherung des moralischen Urteils)? Und liegt nicht die unterschiedliche Behandlung rechter und linker Straftaten darin, daß Gesinnung (wie auch die Gemeinheit, in der sie wurzelt) kein Straftatbestand ist? Gleichwohl fiel es Staatsanwälten nicht schwer, Begriffe wie „anschlagsrelevante Themen“ (die in der Regel sich auf Fragen der politischen Moral bezogen) zur Grundlage von Ermittlungen zu machen, und über Rechtskonstruktionen wie „terroristische Vereinigung“, „Befürwortung von Gewalt“ u.ä. Gesinnungen strafrechtlich zu verfolgen, während erhebliche logische Verrenkungen notwendig waren, um die Übernahme der Ermittlungen im Falle Mölln durch die Bundesanwaltschaft zu begründen. Wie kommt es, daß der Begriff der Gesinnung zwar die Gemeinheit schützt, nicht aber die politische Moral? Blendet nicht gerade der Begriff der Gesinnung das Entscheidende aus, und liegt der Grund hierfür nicht in dem Zusammenhang von Gesinnung und Gemeinheit?
    Die Asylanten-Diskussion und die rechtsterroristischen Anschläge haben sich wechselseitig begründet und verstärkt. Jetzt schlägt es um – und das war lange schon erkennbar – auch auf andere „Ausländer“, und wahrscheinlich in erster Linie auf Türken; wäre es da nicht endlich an der Zeit, die zutiefst zweideutige und inhumane Situation der „Ausländer“ in diesem Lande dadurch zu beenden, daß das Verfahren der Einbürgerung erleichtert und insbesondere die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft eröffnet wird. Das unterschwellig diskriminierende Wort von „unseren ausländischen Mitbürgern“ („unseren jüdischen Mitbürgern“) sollte uns langsam im Halse stecken bleiben.
    Wie wäre es mit der Überlegung, all jenen, die Straftaten gegen Ausländer begehen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Die Begründung dürfte nach der Vergangenheit, die hier wieder hochkommt, keine großen Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht, wenn sie schließlich selber Ausländer sind, rotten sie sich dann gegenseitig aus. So könnte das Wort „Wir sind ein ausländerfreundliches Volk“ vielleicht doch noch wahrwerden.
    In den Weltuntergang, dessen Zeugen wir und unsere Eltern seit einem Jahrhundert sind. ist auch die Theologie mit hereingerissen worden. Die beiden Fluchtwege: der Fundamentalismus und ein theologischer Liberalismus, der die Trümmerstätte als Steinbruch benutzt, führen nicht ins Freie.
    Schuld ist das lähmende Bewußtsein, Objekt des Urteils anderer zu sein.
    Verweist das Wort „und sitzet zur Rechten des Vaters“ auf die Bindung der Rechten des Vaters durch den Sohn: auf das Aufhalten der Barmherzigkeit, die seitdem im Exil ist, auf die Herrschaft der richtenden Gewalt, auf den Punkt, auf den die der Kirche verheißene Lösungsvollmacht sich bezieht (den Krieg zwischen JHWH und Amalek von Generation zu Generation – vgl. Ex 78ff)? Erst seine Wiederkunft wird das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht bringen.

  • 18.11.92

    Wenn das Wort „Gottesmörder“ (lt. FR, 17.11.92: „Die Juden sind nicht insgesamt als Gottesmörder schuldig geworden“) im neuen Katechismus steht, so wäre das (nach Auschwitz) die Formel der Selbstverfluchung der Kirche. Dagegen steht in jedem Falle das „Denn sie wissen nicht, was sie tun“: Das Nichtwissen schließt den Mordvorwurf aus. Erst wir wissen, was wir tun, wenn wir uns dem Nachfolgegebot entziehen, durch unserer Mitschuld an den Sünden der Welt diesen Tod mitverursachen.
    Der Schlüssel zum Verständnis des Dogmas ist Rosenzweigs Wort von der „verandernden Kraft des Seins“: Die apodiktische Form des Dogmas ist seine Leugnung.
    Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung; und das Dogma, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen habe, ist eine double-bind-Falle.
    Die Wissenschaft heute ist nicht der brütende Geist über den Wassern, sondern die Finsternis über dem Abgrund. Und dieser Abgrund ist das ungelöste Rätsel der Vergangenheit (das Inertialsystem, das die Natur zur Natur macht, indem sie ihr das Fell der Vergangenheit über die Ohren zieht). Das Lösen wäre die Befreiung des Vergangenen aus der Vergangenheit. Deshalb gehört zu den Voraussetzungen der Auferstehung der Abstieg zur Hölle.
    Hängt das, was Rosenzweig das Prophetische an der Philosophie nennt, mit dem Projektiven in der Philosophie zusammen, das allein durch Umkehr auf die Wahrheit sich beziehen läßt?
    Im Zusammenhang von Projektivem und Umkehr wird das Moment der Selbstverfluchung erkennbar, das in der kirchlichen Verurteilung der Abtreibung enthalten ist: in der projektiven Verschiebung des Urteils, das eigentlich auf die Abtreibung der Wahrheit in der gegenwärtigen Gestalt der kirchlichen Theologie und des kirchlichen Lehramts sich bezieht (Konsequenz der Unfähigkeit, sich aus dem Schuldzusammenhang mit der Geschichte der Philosophie zu befreien). Diese Abtreibung ist das Gegenteil der messianischen Wehen, aber eben darin darauf bezogen. „Richtet nicht, …“
    Die Geschichte der Sexualmoral ist ein Indikator der Welt- und Herrschaftsgeschichte.
    Das Angesicht kommt vom Ansehen, das Antlitz: darin steckt das „Ant-„, das Gegen, und das „-litz“, das „Letzte“? Sind das Angesicht und das Antlitz das A und das O (und erst im Deutschen getrennt)? Das A (als Klage) und das O (als anhebender Vokativ)?
    Maria Magdalena ist in der christlichen Gestalt ihrer Erinnerung selber die Erinnerung an das unbekehrte Christentum.
    Welche andere Verdoppelungen gibt es außer den barbaroi und dem tartaros?
    Marx hat den Hegel nur insoweit vom Kopf auf die Füße gestellt, als der die Weltgeschichte durch die Naturgeschichte ersetzte. Aber genau dadurch ist er im Banne des Weltbegriffs geblieben.
    Der gordische Knoten war mit dem Orakelspruch verknüpft, daß, wer ihn löst, die Herrschaft über Asien gewinnen werde. Alexander hat den Knoten nicht gelöst, sondern durchschlagen. Und was ist danach aus der Herrschaft über Asien geworden? Ist das Durchschlagen dieses Knotens nicht der schärfste mythische Ausdruck des Ursprungs des Weltbegriffs, mit dem der Mythos überwunden wurde?
    Hat nicht Reinhold Schneider doch mehr gewußt, als er schrieb:
    – Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten … – Dieses Schwert ob unsern Häupten, ist das nicht das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Paradies, das Planetensystem?
    – … und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen – Diese richtenden Gewalten, das sind die Grundlagen des kopernikanischen Systems, die mit dem kopernikanischen System gesetzten Grundlagen des Systems: das Inertialsystem.
    Ist nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Anfang der Umwandlung des Schwertes in Pflugscharen? Dann wird der Löwe mit dem Kalb, der Wolf mit dem Lamm und das Kind mit der Natter sein.
    Zum Begriff des Drachenfutters: Ist nicht die Eucharistie in der Form, in der sie heute genossen wird, zum Drachenfutter geworden? (Begriff der Öffentlichkeit, die Medien, die verandernde Kraft des Seins, Begriff der Masse und die Instrumentalisierung der Öffentlichkeit durch die in den Weltbegriff eingebaute Empörungsautomatik: Nicht die sexuelle, sondern die Urteilslust ist das Objekt der Sexualmoral und das Medium, über das die Erbsünde sich fortpflanzt; und nicht der Phallus, sondern die Zunge ist das gefährlichste Organ; der Weltenbrand und das Feuer vom Himmel.)

  • 16.11.92

    Hegels Wort von der „zu großen Zärtlichkeit für die Welt“ ist, wie seine Kantkritik insgesamt, antimessianisch. Sie wäre wahr gegen seinen eigenen Weltbegriff; hier aber ist gar nicht die Welt, hier sind die kantischen Dinge an sich gemeint. Die Gewalt, die in Hegels Wort sich ausdrückt (gibt es überhaupt eine „zu große Zärtlichkeit“?), ist bei Beethoven Musik geworden.
    Das „Herz im Kopf“: Ist nicht das Herz als Zentrum der Humanität zugleich des Inbegriff des Fremden (und jede Xenophobie eo ipso herzlos)? Das Votum für die Fremden macht (Grund und Kern der Barmherzigkeit) aus dem steinernen ein fleischernes Herz.
    Wenn einmal die Geschichte der Sexualmoral, die weniger ein Teil der christlichen als vielmehr einer der Weltgeschichte ist, begriffen wird, wird man mit Erschrecken auch den Grund der Abtreibungsdebatte erkennen.
    Beruhen nicht die spezielle Relativitätstheorie Einsteins und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit darauf, daß die Form des Raumes auch noch gegen das Inertialsystem als Referenzsystem festgehalten wird, während seine Metrik (und damit seine Beziehung zur Zeit und zur Materie) in den Wirbel mit hereingezogen wird, den das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erzeugt?
    Das Inertialsystem zieht der Natur die Haut vom Leibe; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die zugehörige Elektrodynamik ist gleichsam die von der Haut getrennte Oberfläche des offenen Fleisches. So ist sie ganz nackt, ganz aufgedeckte Blöße, und hat kein Feigenblatt, sich zu bedecken.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Ist das gleiche nicht auch den Tieren, nur als bloß leidenden Objekten, widerfahren?
    Sind Texte (Problem des Ursprungs der Schrift) nicht Ausdruck der Scham, Versuche, die Blöße zu bedecken? Ist das „Fell“, das Gott den Menschen gab, ihre Blöße zu bedecken, die Thora?
    „Boaz steht zu Jachin wie Garizim zu Ebal – wie der Segen zum Fluch“ (Ranke-Graves: Die weiße Göttin, S. 221, Anm.)
    Der Hinweis (ebd., S. 245), daß die Unreinheit nach dem levitischen Gesetz Heiligkeit, nicht Verworfenheit bedeutet, ist sehr weitreichend.
    Über Schweinehirten vgl. ebd. S. 258.
    S. 253: Merkur erfand das Alphabet, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte.
    Es gibt heute fließende Übergänge von Reklame zu Information und Unterhaltung: Gründe des Rechtsradikalismus.
    Der Naturbegriff (der die Idee der Auferstehung ausschließt) ist der ewige Karfreitag.
    Das kantische Motiv der „Menschheit in uns“ ist von den nachfolgenden Idealisten durch das Ich ersetzt, neutralisiert und so verraten worden.
    Zum Problem des Ödipus-Komplexes: Der Weltbegriff gründet in der Tat im Vatermord, in der Neutralisierung der Herrschaftskritik, in deren Konsequenz diese Mordbeziehung liegt. Der Weltbegriff ist das gegenständliche Korrelat der Brüderhorde. Und die verdeckte und entstellte Erinnerung des Vatermordes überlebt im Naturbegriff. Der Weltbegriff ist der Deckel auf dem Grab des ermordeten Vaters. Und wenn nach Hegel „die Idee die Natur frei aus sich entläßt“, so erinnert das eher an die im Grunde der Zivilisation schlummernde faschistische Mordlust (die am Ende freigesetzt wird, wenn es nicht gelingt, sie durch Reflexion aufzuheben) als an die Schöpfungsidee, mit der Hegels Konstrukt immer verwechselt wurde.
    Als Boris Becker vor einigen Jahren nach einem gewonnenen Spiel einmal sagte: die ganze Bedeutung dieses Spiels werde man erst in zwanzig Jahren ermessen können, lag dem das gleiche Zeitverständnis und der gleiche Gedächtnisschwund zugrunde, die heute insbesondere das Verhältnis zur Vergangenheit insgesamt bestimmen. Heideggers „Seinsvergessenheit“ bezeichnet das genaue Gegenteil dieses Gedächtnisschwunds, zu dessen Ursachen vielmehr die Ontologie gehört: Es gibt keine Erinnerung ohne Seinsvergessenheit.

  • 12.11.92

    Wie hängt die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld mit dem Eigentumsbegriff zusammen (Sein als potentielles Eigentum)?
    Es gibt keine benennende Kraft des Begriffs. Zwischen Name und Begriff ist streng zu scheiden; insoweit ist die nominalistische Kritik am Realismus irreversibel. Damit hängt es zusammen, wenn es gegen jede Wahrheit eine dialektische Volte gibt, und ebenfalls, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (aus Gründen der Beweislogik).
    Die drei Freiheitsgrade des Raumes hängen auf eine höchst vertrackte Weise mit der Geschichte der Freiheit zusammen. Unter dem Titel des liberum arbitrium ist im Grunde immer schon das Inertialsystem diskutiert worden. Genauer: das Thema liberum arbitrium war der Beginn einer logischen Verstrickung, die im Inertialsystem und in der freien Marktwirtschaft endete – und heute (in der Marktideologie) fast unlösbar geworden ist. Die Geschichte von Buridans Esel war ein Exempel, an dem auch die Gleichwertigkeit aller Richtungen im Raum, seine Isotropie, demonstriert worden ist; sie war ein Vorläufer des Relativitätsprinzips. Sie war ein Orthogonalitäts-Exempel, und damit ein Hinweis auf den unendlich aufklärungsbedürftigen Zusammenhang von Orthodoxie und Orthogonalität.
    Zum Begriff der unreinen Geister: Es gab einmal den Titel „Genie und Wahnsinn“. Der Bedeutungswandel, den der Begriff Wahnsinn dann durchgemacht hat, und die Bedeutung, die er insbesondere in den letzten Jahren angenommen hat, ist ein geschichtsphilosophischer Index, an dem sich der Stellenwert der Psychose ablesen läßt, insbesondere, wie nahe er dem, was man geneigt ist, normal zu nennen, bereits gekommen ist.
    Die Welt ist längst zu jenem Schuldverschubsystem geworden, in dem das Spielchen „Wer ist unschuldig“ längst an den Dingen nichts mehr ändert, es sei denn, daß es nur noch zur Erhaltung des Schuldverschubsystems beiträgt und zu den Gründen gehört, aus denen das ganze Medien- und Informationswesen den Gesetzen der Unterhaltung sich anpaßt: zum Drachenfutter wird, dessen Wert sich am Sensatiosngehalt mißt. Auch hier hat es nach dem Ende des Faschismus einen Modernisierungsschub gegeben, dessen Schrittmacher die BILD-Zeitung war. Dem kann – so scheint es -heute keine Institution des Medienwesens sich mehr entziehen. Hier greift auch der Begriff Kulturindustrie bereits zu kurz, weil er inzwischen ins Affirmative gewendet werden konnte.
    Ist nicht die Abtreibungsdebatte die letzte Station in der Geschichte der christlichen Sexualmoral, die seit ihrem Beginn ein Mittel der Anpassung an die Welt und der Unterbindung von Herrschaftskritik war und von Anfang an projektive Züge trug. Die Sexualmoral ist ein Vexierbild, dessen Entschlüsselung genau ins Zentrum der politischen Aufklärung stößt. Es gibt in der Tat ein absolutes Abtreibungsverbot, aber das bezieht sich auf eine Abtreibung, die an ganz anderer Stelle stattfindet, nämlich genau an der Stelle, die in der Geschichte der drei Leugnungen Petri mit der Selbstverfluchung bezeichnet wird. Die Trennung von Begriff und Objekt ist ein Reflex der Trennung des Privaten vom Politischen; das Objekt ist der idiotes. Aber in dieser Trennung ist das Problem der Sexualmoral begründet: Was im prophetischen Ursprung allein in der politschen Anwendung Sinn ergibt, wird mit der christlichen Rezeption des Weltbegriffs, mit dem Ursprung des Objektivationsprozesses, entpolitisiert, privatisiert, idiotisiert. In der Lösung des Problems der Sexualmoral steckt die Lösung des Problems des Namens, seiner erkennenden Kraft.
    Bezeichnet nicht der Schluß in der Logik, den Hegel als den zu sich selbst gekommenen Begriff erkennt, den Knoten, den zu lösen der Kirche aufgegeben ist. Im Schluß vollendet sich die Verinnerlichung des Schicksals, die philosophische Kritik des Mythos, die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld. Der Schluß ist die instrumentalisierte Versöhnung, die Vergegenständlichung des Gerichts, Grund der Vergesellschaftung (Verinnerlichung und Vergegenständlichung) des Opfers im Objekt.
    Die apokalyptische Dimension des vierten Gebots wird begriffen, wenn es auf die Schuld der Väter und Sünden der Mutter in der Konstituierung des Objektbegriffs bezogen wird.

  • 11.11.92

    Zur Deklination: In der Physik werden Nominativ und Akkusativ (Subjekt und Objekt), in der Ökonomie Genitiv und Dativ (Herrschaft und Gnade, Erwerb und Geschenk) ununterscheidbar. Ist die Ökonomie (Welt als zweite Natur) feminin und die Physik (nicht als Inbegriff der Natur, sondern des Wissens) neutrum?
    Warum wird beim Genitiv und Dativ femininum im Deutschen der bestimmte Artikel des Nomintativ masculinum verwendet (im Lateinischen die Nominativ-Endung des Plural); und warum ist (im Deutschen) die Deklination der Artikel des Singular femininum identisch mit der des Plural?
    Im Englischen unterscheiden sich Genitiv und Dativ geschlechtsunabhängig durch die Präpositionen of und to (das gleiche to charakterisiert den Infinitiv). Hier ist die Differenz weder am Artikel noch an der Endung des Substantivs zu erkennen. Gibt es einen Zusammenhang mit der anderen Wurzel und Bedeutung des „Seins“, des (anders verdinglichenden) to be? Ist Heideggers Fundamentalontologie ins Englische übersetzbar?
    Sind Nominativ und Akkusativ vorn und hinten, Genitiv und Dativ rechts und links, und aktiv und passiv oben und unten? In welcher Beziehung stehen die Deklinationen zur Bildung des Futur II? Das Sein löst das „Aktiv“ in lauter Schicksal auf; darin gründet seine „verandernde“ Kraft. Die Ontologie ist der Staub, von dem im Fluch über die Schlange und über Adam die Rede ist.
    Die normative Kraft des Faktischen, oder der Indikativ als Imperativ.
    Die Fundamentalontologie ist in der Tat in ihrem Kern faschistisch, sie liefert zugleich das Feigenblatt mit. In seiner ernstesten Gestalt ist der Faschismus nicht an dem Grobraster von Symptomen zu erkennen, auf den er heute reduziert wird (wie z.B. Rassismus).
    Das Inertialsystem als Todesgrenze trennt auch die bewußt ablaufenden Prozesse von den automatisch sich selbst regulierenden Prozessen (die physiologischen Abläufe im Körper, die Bewegungen der Sternenwelt und die politisch-ökonomischen Prozesse). Es trennt das Bewußtsein vom Unbewußten; insbesondere versteinert es – als Reflex der Selbsterhaltung – das Herz. Der Geist hat in der Tat etwas mit dem pneuma, dem Atem, zu tun: An der Neutralisierung des Heiligen Geistes erstickt die Kirche, erstickt der Glaube, ersticken die Christen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt“: das ist die Luft, die die Menschen zum Atmen brauchen.
    Die christliche Sexualmoral ist der genaue (nur unaufgeklärte) Ausdruck des grammatischen Schicksals des femininum: die Nichtunterscheidbarkeit von Genitiv und Dativ im femininum macht jede Sexualität zur Vergewaltigung oder zur Prostitution. Hier gründet der prophetische Begriff der Unzucht, der Hurerei (das Objekt ist das Objekt der Begierde).
    Wenn das Neutrum der Staub ist, aus dem Adam ist und zu dem er wird, und den die Schlange frißt, ist dann die säkularisierte Welt (die durch den Weltbegriff verhexte Schöpfung) die Wüste (die Wüste beim vierzigjährigen Exodus, die Wüste vor der Versuchung Jesu, die Wüste der Eremiten, die der Welt entsagen)?
    Beziehung der casus zur Zeit: Alle stehen unter dem Primat der Vergangenheit:
    – der Genitiv unter dem der abgeschlossenen,
    – der Dativ unter dem der nicht abgeschlossenen,
    – der Akkusativ unter dem der zukünftigen Vergangenheit (Futur II als Grundlage des Objektbegriffs).
    Nur der Nominativ, das mit Namen benannte Subjekt des Urteils (an dessen Stelle in der transzendentalen Logik das Objekt tritt), ist präsentisch.
    Gegen die kantische Auflösung der Antinomie der reinen Vernunft, die – so Hegel – durch diese Auflösung (die Verlegung des Widerspruchs ins Subjekt) die Welt (in der Vorstellung der Dinge an sich) unangetastet läßt, sagt Hegel: „Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen, ihn dagegen in den Geist, in die Vernunft zu verlegen und darin unaufgelöst bestehen zu lassen.“ (Hegels Logik, Bd. I, S. 236) Aber dieses Argument ist ambivalent, es läßt den kantischen Hinweis auf den transzendentalen Charakter der Begriffe Welt und Natur (die beide Kant zufolge nur auf das Gesamt der Erscheinungen, nicht auf die Dinge an sich sich beziehen) unbeachtet, und es kehrt sich aufgrund des Festhaltens am vorkritischen Weltbegriff am Ende (im Begriff des Weltgerichts) gegen Hegel selber. Wie nahe Hegel dem gekommen ist, darauf verweist der übernächste Satz: „Die sogenannte Welt aber … entbehrt darum des Widerspruchs nicht und nirgends, vermag ihn aber nicht zu ertragen und ist darum dem Entstehen und Vergehen preisgegeben.“ (Ebd.) Gilt das nur für die Dinge in ihr, oder auch für die Welt selber?
    Ist das E = m.c2 der verkehrte Ausdruck jener Macht, die den Himmel aufspannt? Und ist es nicht die Physik, die den Himmel wie eine Buchrolle aufrollt?
    Die Schnittfläche des Knotens, die Begriff und Objekt trennt, ist die heute alles durchdringende Gewalt des Weltbegriffs. Und spüren wir nicht den Schmerz nur deshalb nicht, weil wir völlig desensibiliert sind? Und ist die Aufhebung dieser Desensibilisierung jenes Feuer, das in der christlich-theologischen Tradition Fegfeuer und Hölle heißt, in der biblischen Tradition mit dem apokalyptischen Weltenbrand gemeint ist? Sind nicht Einsteins Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Strahlungsgesetz ein erster Vorbegriff dieses (in die Struktur der Formen der Anschauung selber eingreifenden) Feuers? Und ist es dieses Feuer (das Autodafe des Objekts), das den Begriff von der benennenden Kraft der Sprache trennt?

  • 09.11.92

    Die Theologie steht heute vor der Aufgabe, aus einem Schutt- und Trümmerhaufen das zerstörte Haus zu rekonstruieren. Dabei wird man das Augenmerk vor allem auf zwei Dingen richten müssen:
    – auf das System der zerstörenden Kräfte: ihre Angriffspunkte, ihre Richtung, ihre Gewalt und
    – auf die Bruchstellen der Trümmer: welche ineinander passen.
    Aber dieses Haus, das aus den Trümmern zu rekonstruieren wäre, hat es als ganzes in der Geschichte nicht gegeben. Erst mit ihrer Zertrümmerung sind die Trümmer zu Trümmern des Hauses geworden, das aus ihnen jetzt zu (re-)konstruieren ist. Man kann es auch in diesem Bilde sehen: Hier entsteht das Chaos, aus dem die Welt erschaffen wird.
    Frage: Wäre die Gnosis ohne das Urschisma (ohne die antisemitische Wendung, die sie da genommen hat, oder: wenn sie den Staat als Demiurgen begriffen hätte) wahr gewesen?
    Kritik und Reflexion sind zwei getrennte und doch zusammengehörende Verfahrensweisen, sie dürfen auf keinen Fall verwechselt und auch nicht falsch verknüpft werden. Kritik ist Herrschaftskritik, Reflexion löst den Bann, die Verblendung; und das eine geht nicht ohne das andere. Theologie im Angesicht Gottes geht nur durch den Abstieg zur Hölle hindurch (Befreiung des Feuers durch Reflexion der Wasser). Schuld-, Herrschafts- und Verblendungszusammenhang: Erkenntnis ist heute nur noch durch Schuldreflexion und Herrschaftskritik hindurch möglich. Aber genau das hat das verdinglichte Dogma im Verein mit der Sexualmoral verhindert.
    Die Konstitution des Naturbegriffs als eines Totalitätsbegriffs war erst unter christlichen Prämissen möglich, die des Weltbegriffs unter den Prämissen der Idolatrie. So sind beide Begriffe Epochenbegriffe.
    Das Konstruktionsprinzip des Sterns der Erlösung wird verfehlt, wenn man sich in das Eingangsproblem nur einfühlt (die Rosenzweigsche „Todesangst“ auf seine private, anstatt auf die allgemeine: politische und philosophische Weltkriegserfahrung bezieht).

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