Wenn die Schlange „auf dem Bauche kriecht“, drückt sich darin nicht auch ein Verhältnis zu den Herrschenden, zu den Vornehmen, aus? Steckt darin nicht die Anerkennung hierarchischer Ordnungen? Stehen nicht aller Tiere unter Herrschaftsnarkose? Und ist die Schlange deshalb „das klügste aller Tiere“, weil sie die vollständige Unterwerfung repräsentiert?
Der biblische Begriff der Umkehr ist nur verständlich im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten. In diesem Zusammenhang nochmal nachlesen, in welchem Kontext die Umkehr von Mensch Welt Gott im „Stern“ sich begreift.
Natur- und Weltbegriff sind Totalitätsbegriffe, die unsere Erfahrung organisieren. Der Naturbegriff usurpiert den Schöpfungsbegriff und leugnet die Idee der Auferstehung der Toten; der Weltbegriff usurpiert das Jüngste Gericht und leugnet die Idee der Schöpfung. Die ungeheure Bedeutung des paulinischen „Kauft die Zeit aus“. Durch den unreflektierten Gebrauch der Begriffe Welt und Natur werden die Schöpfung und die Idee der Auferstehung aus dem Bereich des Denkbaren ausgeschlossen. Aber ohne die Idee der Auferstehung der Toten ist auch die der Wahrheit nicht mehr denkbar.
Starke und schwache Verben: Gesonnen und gesinnt. Hängt die Unterscheidung mit der von Name und Begriff zusammen, drückt darin ein Unterschied der Beziehung zum Objekt sich aus? (Der Duden ebnet die Differenz ein, indem er schwache Verben, nur weil auch ein Vokal sich ändert, mit zu den starken (= „unregelmäßigen“) Verben rechnet; vgl. insbesondere die sogenannten Modalverben, die „Präteritopräsentia“:
– dürfen: es ist mir erlaubt,
– können: die Kräfte, die Mittel reichen aus,
– mögen: es kommt meiner Neigung entgegen,
– müssen: ich bin gezwungen,
– sollen: es wird von mir erwartet,
– wollen: ich verspreche zu tun,
– wissen: ich unterwerfe meine Erfahrung den Kriterien der Beweisbarkeit, oder: ich unterwerfe mich der Kontrolle der Anderen (die mich zum Anderen für Andere macht; Katalysator ist der Begriff des Seins, die „verandernde Kraft des Seins“);
sie binden den transzendentalen Apparat an seinen Naturgrund im Subjekt zurück, geben ihn selber als ein Stück gegenständlicher Natur vor und repräsentieren die Formen der Bedienung, des Gebrauchs dieses Apparats, (den subjektiven Grund der „Tatsachen“); sh. Duden, Ziffer 216: sind das nicht Entfremdungs- oder Vergesellschaftungsverben, Verben, die die Subjektlosigkeit des Subjekts bezeichnen, gleichsam Repräsentanten der Welt oder der Natur, einer Autorität, des Schicksals, des Triebs, des Verstandes oder des Willens im Subjekt: Produkt des begrifflichen Banns, der Zerstörung des Angesichts, und Schuldgrenze zur Welt?).
Die Präteritopräsentia: Setzt sich mit ihnen das Subjekt (anstelle der Tat) als vergangen, daher ihre grammatische Konstruktion? Sind sie die subjektiven Reflexionskategorien des Weltgeistes, gemeinsam mit dem Weltbegriff entspringende Reflexionsbestimmungen?
Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die unmittelbare Präsenz des gesehenen Objekt rekonstruiert; durch die Projektion ins Inertialsystem hingegen wird so etwas wie eine Präteritopräsenz hergestellt. Entsprechen dem in der Sprache die Modalverben?
Transzendentallogischer Zusammenhang von Welt, Wissen und Natur mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung (dem Raum und seiner Dreidimensionalität)?
Ist der Konjunktiv (der heute ausgetrieben wird) die letzte Zufluchtsstätte des Subjekts in der Sprache?
Wie hängt das Nomen „Würde“ mit dem Konjunktiv des Verbs „Werden“ zusammen (ähnlich wie der Infinitiv Sein mit dem gleichnamigen Possessivpronomen 3. Person Singular masculinum)?
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Dieser Satz ist eine Tautologie und als solche schlicht nichtssagend: sie fällt nicht unter den Begriff der antastbaren Objekte, oder: auch die schlimmsten Verhältnisse (z.B. die Isolationshaft) lassen die Würde des Menschen unberührt. Der Satz soll aber offensichtlich den Eindruck erwecken, als solle damit die Maxime definiert werden, wonach die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dann jedoch dürfte es bestimte Urteile und auch Formen des Strafvollzugs, die zu oft den Satz bestätigen, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, nicht geben.
Gemeinheit als Erziehungsmedium: Heißt nicht für unsere Justiz Resozialisierung die Austreibung des Mitleids, die Fixierung ans Eigeninteresse? Das aber ist der Grund der Rückfallmechanik. So gerät unser Rechtswesen immer mehr in eine Verfassung, in der sie nur noch ihre eigene Existenzgrundlage: das Verbrechen, reproduziert.
Wenn ich einen Imperativ durch einen Indikativ ersetze, dann verwandle ich ein Sollen in ein Sein, eine moralische Handlung in ein schicksalhaft ablaufendes Geschehen: ich verrate die Moral, um die Philosophie zu retten.
Der Grundstein des babylonischen Turms ist das Sein, die Ontologie das dynamische Zentrum der Sprachverwirrung. Mit dem Namen des Seins zitiere ich Gewalt, den Ursprung des Gewaltmonopols des Staates. Aber insoweit ist auch die raf eine ontologische Sekte.
Es ist eine Verharmlosung, den Nationalsozialismus nur als Rassismus zu verurteilen; so reduziert man ihn auf ein Bekenntnissystem, auf eine Konfession, und verbleibt im Bann der Logik, der er entspringt. Im Banne dieser Logik sind der Antisemitismus und die Trinitätslehre als Bekenntnisse gleichwertig und austauschbar. Zu verstehen ist er nur als Generalprobe des Antichrist.
Die Frage, ob zwar nicht Jesus, wohl aber das Christentum den Teufel mit Beelzebub austreibt (vgl. die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern), ist vielleicht doch sehr ernst zu nehmen. Und ebenso die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, m.a.W. die, die Johannes „die Juden“ nennt, werden vom Grunde her mißverstanden, wenn man sie nur als historische Exemplare einer vergangenen und überwundenen Epoche ansieht: Gemeint ist die Kirche (mit ihren real existierenden Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern).
Wäre der Islam nicht verständlicher, wenn es stimmt, daß die Sprache des Koran, das Arabische, kein Futur kennt? Das islamische Schöpfungskonzept, wonach Allah in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, schließt jede Zukunftsgarantie aus, setzt das Geschaffene der vollen Schöpfungsmacht eines Gottes aus, dessen Pläne undurchschaubar sind, und begründet ein Lebensgefühl, in dem der Zufall zentral ist (wie es dann auch im Namen des „Islam“ sich ausdrückt: Im Christentum ist der Zufall eine zu enträtselnde Chiffre der göttlichen Vorsehung, im Islam eine nur durch Unterwerfung zu ertragende Manifestation der göttlichen Schöpfungsmacht).
Die Materie ist das Für-andere-Sein der Dinge; insofern hängt der Begriff der Materie mit der Geschichte der Sexualmoral und mit der ihres Objekts zusammen.
In der Kirchengeschichte hat es zwei pornographische Epochen gegeben: die pornokratische Phase der Papstgeschichte und die kasuistische Phase der Moraltheologie. Beide Phasen sind Phasen der Herrschaftsgeschichte (die erste unmittelbar, die zweite als Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft). Beide sind Ausdruck der Verzweiflung an der Theologie. Die befreite Sexualmoral wird eine sein, die als Herrschaftsmittel gänzlich unbrauchbar geworden ist, weil sie sich im Hinblick auf die Idee der Auferstehung begreift. „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
Adornos Satz: „Die Deutung von Geist als Gesellschaft erscheint demnach als metabasis eis allo genos, unvereinbar mit dem Sinn der Hegelschen Philosophie allein schon darum, weil sie sich gegen die Maxime immanenter Kritik verfehle …“ (Drei Studien zu Hegel, S. 31) wäre zu berichtigen: Die Deutung von Geist als Gesellschaft läßt sich aus der Hegelschen Logik entwickeln, aus dem Satz: „Das Eine ist das Andere des Anderen.“ Dieses Für-andere-Sein steckt im Innern des Geistes als dessen gesellschaftliches Wesen drin und ist der materialistische Analyse und Interpretation fähig.
Benjamins Satz: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ enthält die Konsequenz, daß die Idee des Glücks die -nicht durch Rechtfertigungszwänge blockierte – volle Erinnerung der Vergangenheit (oder die Übernahme der Sünde der Welt) und die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt. (Vgl. hierzu das Bild der Lokomotive: diese Lokomotive kann nicht gestoppt, sondern nur aufgelöst werden; sie ist ein Phantom, aber ein reales.)
Wenn Maria als Mittlerin aller Gnaden angesprochen wird, dann kann das eigentlich nur im Sinne des Liedes „Christi Mutter stand mit Schmerzen …“ verstanden werden. Gefährlich wird die Marienverehrung nur im Kontext der Mutterideologie, der schon in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana die Grundlage entzogen wurde, als Jesus sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, worauf Maria nicht ihm antwortete, sondern (in einer Form, die den Eindruck erweckt, sie habe ihn verstanden) die Diener der Gastgeber anweist: „Tut alles, was er euch sagt“.
Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Das wäre aufzuarbeiten anhand der Geschichte des Naturbegriffs.
Heidegger hat die Moral verraten, um die Philosophie zu retten.
Es gibt Gerüche, die Erinnerungen wachrufen; es gibt aber auch Gerüche, die Verdrängungshilfe leisten.
Sexualmoral
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13.09.92
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28.08.92
Die eigentliche Botschaft, die die Naturwissenschaften nach draußen vermitteln, liegt nicht in dem, was in populärwissenschaftlichen Büchern steht, sondern in der Grunderfahrung, daß die Welt aus Material und den Mitteln seiner Bearbeitung besteht und die Natur das natürliche Objekt der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist.
Heinsohn spricht zentrale Probleme der Menschheitsentwicklung (Ursprung des Geldes und der Sexualmoral) an, löst sie aber auf eine Weise, die den Autor und den Leser entlastet, indem sie ihn aus dem Schuldzusammenhang herausnimmt und Sündenböcke (vorge-schichtliche Naturkatastrophe, kirchliches Interesse an Menschenproduktion) zur Abdeckung der Lücken im System, des Defizits anbietet (ausgeklammert wird generell der patriarchalisch-frauenfeindliche Aspekt). Nicht zufällig erinnert sein Verfahren an das der Aufklärung, die immer schon mit Hinweisen auf Natur und Priestertrug Rationalitätsdefizite begründete. Hier scheint auch der Grund der Notwendigkeit und der Qualität seines polemischen Talents zu liegen. In dem bevölkerungstheoretischen Ansatz seiner Erklärung der Hevenverfolgung liefert er durchschlagendes Material für das Verständnis der Funktion der Sexualmoral insgesamt, wehrt aber dann im Hinblick auf Reich dessen „funktionalisierenden Ansatz“ ab (und behält damit von Reich nur den Slogan einer Zigarettenreklame übrig: Genuß ohne Reue). Und die unbesehene Gleichsetzung der präurbanen Methoden der Verhütung mit den technisch-industriellen, die heute sich durchsetzen, verweist auf die Schwächen seines Ansatzes. Das Vorurteilsmoment im Hexenwahn, das sehr früh seine eigene trieb- und realökonomische Schubkraft gewann, bleibt außerhalb seines Gesichtskreises und wird auch bewußt dort gehalten. Damit aber bleibt auch der Grund und der Stellenwert des Sexualtabus (sein Rationalitätskern im patriarchalischen Herrendenken) unbearbeitet. Seine Polemik zehrt vom Gestus des Jüngsten Gerichts (einer verkürzten Version des Hegelschen Weltgerichts), mit einer durchgebildeten Sündenbock-Dämonologie (in der der verdrängte Rationalitätskern der kirchlichen Sexualmoral wiederkehrt).
Muß Heinsohn das Vorurteilsmoment im Hexenwahn leugnen, weil dessen Erkenntnis an die eigenen Verdrängungen rührt? Und geht es nicht in der Naturkatastrophen-Theorie und im bevölkerungspolitischen Ansatz seines Hexenverfolgungs-Konzepts um die Neutralisierung des gleichen Problems (des Problems der Gemeinheit und ihres Ursprungs im Kontext des Patriarchats, der Entstehung des Privateigentums, des Weltbegriffs)?
Die biblischen Genealogien sind wohl auch aus ihrer Verknüpfung mit dem chronologisch-biologischen (Zeugungs-)Kontext herauszulösen:
– Abraham entstammt der Linie Arpachschad (und nicht Aram), aber seine Verwandten sind Aramäer (er selbst ein Hebräer).
– Die Stammbäume des Kain und des Seth sind teilidentisch, unterscheiden sich u.a. durch die Reihenfolge (vgl. insbesondere Henoch und Enosch, auch Lamech!).
Gilt der Satz „Niemand kennt die Zeit und die Stunde außer dem Vater, der im Himmel ist“ außer für die Zukunft auch für die Vergangenheit (Verhältnis von vergangener Zukunft und zukünftiger Vergangenheit)? Und sind unter diesem Vorbehalt nicht auch die Genealogien (die toledoth, einschließlich des Sechstagewerks) zu lesen?
Haben die sieben unreinen Geister etwas mit den sieben Engeln der Gemeinden (die Adressaten, nicht Boten der apokalyptischen Botschaft sind: aber wessen Boten sind sie?) in der Apokalypse zu tun? Und gibt es eine gemeinsame Beziehung beider zu den sieben Diakonen (die ersten Märtyrer: ein Apostel und ein Diakon, Jakobus und Stephanus)?
Das hypostasierende, verdinglichende Denken, das die Erneuerung der Theologie heute verhindert, wird durchs Dogma und durchs Bekenntnis und ihre gemeinsame Logik abgesegnet und stabilisiert. -
24.08.92
Worauf beziehen sich die von Heinsohn (S. 49) aufgeführten Stellen über pharmakeia = Zauberei? Sie gehören zu einem Verworfenheitskatalog, zu dem auch Unzucht, Mord u.ä. gehören. Bezieht sich der Begriff der Zauberei nicht eher auf den dämonischen (instrumentalisierenden) Gebrauch des Opfers (der sich u.a. im Handel fortsetzt)? Und entstammt der Hexenwahn (wie auch die kirchliche Sexualmoral, in deren Geschichte sie hereingehört) nicht der patriarchalischen, verdinglichenden Umdeutung dieses Begriffs der Zauberei?
Im Kontext der Auslegungsgeschichte des Begriffs der Zauberei (d.h. im Kontext der Geschichte der christlichen Sexualmoral, der Hexenverfolgung und der gegenwärtigen Abtreibungskampagne) läßt sich präzise bestimmen, was das Neue Testament die Sünde wider den heiligen Geist nennt.
Dämonisch ist der Hexenwahn: diese Art der projektiven Zauberei-Unterstellung.
Unsere Theologie heute ist die Gestalt gewordene Prophetie-Empfängnis-Verhütung. Und das kirchliche Lehramt ist (als Gottesfurcht-Vermeidungs-Institut) ein einziges Präservativ, ein Theologie-Verhüterli. Wirksamstes Instrument dieser „Empfängnisverhütung“ ist der verdinglichte (dogmatisch sich objektivierende) Wahrheitsbegriff.
Mit dem Beginn der Hexenverfolgung verliert die Kirche, zusammen mit der prophetischen, ihre häresienbildende Kraft. Und die neue Orthodoxie: das sind (als Gestalten subjektloser, technisch verdinglichter Prophetie) die Naturwissenschaften, zu deren Vorgeschichte die Judenfeindschaft, der Kampf gegen die Häresien und die kirchliche Frauenfeindschaft als Ursprungsbedingungen dazugehören.
Heinsohn und Götz Aly/Susanne Heim: Merkwürdig, daß sowohl die Hexenverfolgung als auch der Holocaust (die größten gesellschaftlichen Naturkatastrophen) fast zwanglos aus bevölkerungspolitischen Konzepten (aus dem Versuch, das Armutsproblem durch technologische bevölkerungspolitische Konzepte zu lösen) sich herleiten lassen.
Christologie, die Vergöttlichung des Opfers, oder der schizogene Naturbegriff. Die double-bind-Strukturen reichen in die Trinitätslehre und den Naturbegriff zurück und enthüllen sich der Kritik als symbiotische Herrschafts- und Exkulpierungs-Instrumente.
Natur, Pan und Panik, oder die Installierung des Schreckens.
Der Raum und das Lachen: Hegels Philosophie wird vom Gelächter eingeholt (vgl. Derridas Hinweis auf Bataille). Das Gelächter als Reaktion auf Hegels Begriff der Aufhebung entspricht dem Lachen in Büchners „Lenz“ und dem Ursprung der Lehre „Gott ist tot“ in der „Fröhlichen Wissenschaft“ Nietzsches. Dieses Gelächter bringt das Hegelsche Absolute zu Fall. Aber das hat Hegel selbst gesehen; Heine hat es notiert. Und das Hegelsche Weltgericht ist nur ein anderer, emphatischer Ausdruck für die lakonische Feststellung Wittgensteins: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
In der Ausländerfeindschaft, im Fremdenhaß (im sogenannten Asylantenproblem), explodiert die kirchliche Tradition des Kampfes gegen die Heiden und gegen die Häresien. Die zentrale Funktion des Namens der Barbaren im Prozeß der philosophischen Begriffsbildung hat in der Kirche (für das Selbstverständnis des Glaubens) der Name der Heiden übernommen, der nach Bildung der National- und Volkskirchen dann leicht mit dem der Ausländer (den Nachfahren der Häretiker und der Andersgläubigen) verschmelzen konnte.
Aus Angst vor der Wahrheit pflegen die Kirchen heute den autoritären Charakter, dieses Theologie-Verhütungs-Instrument. Zu seinen Konstituentien gehören die Xenophobie und das „No pity for the poor“.
Das Gebot der Feindesliebe ist ein Riegel vor der Paranoia (und sprengt den Natur- und Weltbegriff). Zur Übernahme der Sünde der Welt: das verdinglichende, objektivierende Erkenntnisgesetz bedient sich des Weltbegriffs als Exkulpierungsmittel. Das Gebot der Feindesliebe, die Übernahme der Sünde der Welt und das Arglosigkeitsgebot sind drei Seiten ein und derselben Sache.
Die Velikovsky-Heinsohnsche Venus-Theorie, das Naturkatastrophen-Konzept, das den altorientalischen (vorweltlichen) Sternen-und Opferdienst und seine Funktion im Prozeß der frühgeschichtlichen Staatenbildung begründen soll, ist ein entstellter Hinweis auf das in der Bibel mit den Begriffen Unzucht, Hurerei und Zauberei bezeichnete Problem. Und mir scheint, die Velikovsky-Heinsohnsche Theorie gewinnt einen Teil ihrer Plausibilität daraus, daß sie das Eingehen auf den patriarchalisch-frauenfeindlichen Anteil dieser Geschichte überflüssig macht (konsequenterweise muß Heinsohn genau diesen Aspekt dann auch aus der Geschichte der Hexenvervolgung wegerklären). Zumindest als Resonanzboden der Wirkung einer frühgeschichtlichen interstellaren Naturkatastrophe müßte dieser gesellschaftliche Aspekt der Naturkatastrophe im Kontext der Entstehung der Großreiche mit reflektiert werden. Die mit der Venustheorie verbundene Chronologie-Revision wird damit nicht nur nicht hinfällig, vielmehr wird so erst das Hintergrund-Problem sichtbar, das da mit drin steckt: Die projektive Ausgestaltung (Verzerrung) der altorientalischen Geschichte, die Verdreifachung von Staaten, Dynastien und Völkern spiegelt einen vergleichbaren Vorgang im gleichzeitigen Erkenntnisprozeß der Naturwissenschaften (im neunzehnten Jahrhundet). Auch hier wird gleichsam ein überflüssiger Reichtum an Fakten und Objekten geschaffen, vor dem wir heute ebenso staunend wie begriffs- und hilflos stehen. Mir scheint das historische Chronologie-Problem hängt mit dem erd- und naturgeschichtlichen durch die gleichen Erkenntnismechanismen, denen der Ursprung beider Probleme sich verdankt, zusammen. Könnte es nicht sein, daß der historischen Verdreifachung (die vor allem sprach-und schriftgeschichtlich aufzulösen wäre) eine Verdreifachung im naturgeschichtlichen Bereich nicht nur entspricht, sondern sogar zugrundeliegt: Auch hier wird in einen langen (quasiharmonischen) Evolutionszeitraum zurückprojiziert, was in anderen, (von außen gesehen:) katastrophenähnlichen Prozessen in einer ganz anderen chronologischen Folge durchsichtig zu machen wäre, wenn es gelingt, die Reflexion des Referenzsystems des naturwissenschaftlichen Objektbegriffs (des Inertialsystems) und seiner Beziehung zur Sprache in die Erkenntnis mit einzubringen.
Ist das Chronologie-Problem ein Umkehr-Problem, ein Problem der Selbstbesinnung des Herrendenkens? (Zusammenhang mit den sieben unreinen Geistern?)
An Heideggers Begriff des „Vorlaufens in den Tod“ ist zu ermessen, was am Ereignis des Kreuzestodes und seiner kirchlich-theologischen Rezeption aufzuarbeiten, welche Erinnerungsarbeit zu leisten wäre. Die Verwechslung des Kreuzestodes Jesu (der für seine Henker um Vergebung bittet) mit dem Tod des Sokrates (der sich mit seinen Richtern identifiziert, selber das Urteil vollstreckt) bezeichnet einen wichtigen Aspekt des Problems der Beziehung von Theologie und Philosophie (und der Opfertheologie als Brennpunkt dieses Problems).
Die ironische gemeinte Bemerkung Heinsohns, „die Rauschmittel als Ziel der Hexenverfolgung zu behaupten, käme der These gleich, daß in Deutschland die Juden ausgerottet wurden, um die Spitzenleistungen in Physik und Mathematik zu eliminieren“ (S. 65), trifft gar nicht soweit daneben, wenn man nur das Wort „Spitzenleistungen“ durch den konkreteren Hinweis ergänzt, daß hier in der Tat mit Einstein, Weil und Minkowski die Naturwissenschaften der Grenze ihrer Selbstaufklärung in einer für den Einbruch der Barbarei gefährlichen Weise nahe gekommen waren. Dem hat dann die deutsche Sektion der Kopenhagener Schule mit Mühe und insoweit auch mit Erfolg entgegengearbeitet, als es seitdem ernsthafte theoretische Fortschritte in den Naturwissenschaften nicht mehr gegeben hat (der nächste Schritt nach der zu vermutenden Vollständigkeit des theoretischen Instrumentariums kann nur noch der der Selbstaufklärung sein). -
20.08.92
Der naive Objektivismus will auf die Vorteile des Schuldverschubsystems nicht verzichten: Der exkulpatorische Gebrauch des Objektbegriffs ist die zentrale Verführung des Katholizismus, Substrat und Medium der Leugnungsgeschichte (wäre heute nachzuweisen an der kirchlichen Abtreibungskampagne). Er hält aber auch die katholische Kirchenkritik in seinem Bann, macht sie so konfliktunfähig (und gegen die kirchliche Autorität ebenso hilflos wie die Kirche heute gegen die Naturwissenschaften).
Die Welt ist als der Inbegriff aller Urteile über die Welt der Inbegriff des Wissens von der Welt. Und die Natur ist der Inbegriff aller Objekte dieses Wissens (der selbstentfremdeten Subjektivität).
Die Kritik der Sexualmoral ist der Schlüssel zur Befreiung der Theologie vom katholischen Posivismus (Schlüssel zur Kritik des Weltbegriffs).
Das Innen als Außen des Außen ist die Folge des allseitigen Außen (dritte Verleugnung und Selbstverfluchung). -
17.08.92
Erkenntnis und Sexualität: Wie verhalten sie sich zu Begriff und Name?
War mit der Lokalisierung der Erbsünde in der Sexuallust nicht eigentlich die unio mystica, der Selbstgenuß im Objekt, gemeint? Und hängt das nicht wiederum mit Struktur und Funktion des Begriffs zusammen, mit dem mythischen Element im Begriff?
Mit der Exkulpation des durch Alkohol enthemmten Triebtäters wird eigentlich die positivistisch enthemmte Vernunft (im Recht wie in den Naturwissenschaften) exkulpiert (Alkohol als Zivilisationsdroge). Die Vorstellung, daß der Mann, wenn der Trieb ihn überwältigt, seiner selbst nicht mehr Herr ist, ist ein bedeutender Akt der Selbsterkenntnis.
Zentrales Element jeglicher Enthemmung (und jede Enthemmung ist Enthemmung von Gewalt, Ursprung der Gewalt-, der Mordlust) ist die Paranoia, oder genauer: das Herrendenken und die davon unablösbare Paranoia. Darauf bezieht sich die Arglosigkeit, die einzige Kraft, die diesen Zusammenhang auflöst. Herrendenken und Paranoia ist die Subjektseite und Objektivation und Instrumentalisierung die Objektseite des gleichen Sachverhalts.
Ist das Objekt des Satzes „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ nicht die Kirche, die sich mit der vom Nachfolgegebot getrennten Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat (Ursprung im Urschisma, Folge: Antijudaismus und die bis heute unaufgearbeitete Geschichte der Häresien).
Symbol unserer Medizin: die Halbtoten am Tropf sind die ertragreichste Einnahmequelle.
Die durchs System der Marktwirtschaft in die Dritte Welt induzierte Hunger- und Schuldenkrise (Arbeitstitel für eine Zivilisationsgeschichte: Geschichte der Schuldknechtschaft) beginnt auf die Erste Welt zurückzuschlagen:
– in der nicht mehr beherrschbaren Arbeitslosigkeit,
– in der Krise des Wohnungsmarktes, der im Interesse des Wohnungsbaus, seiner „Rentabilität“, hinzunehmenden Obdachlosigkeit,
– im Agrarmarkt (generell im Rohstoffbereich: auch bei Kohle und Stahl, im Montanbereich, der zusammen mit dem Agrarbereich zu den ersten Objekten einer EG-Marktorganisation gehörte), und schließlich
– im Problem der sogenannten Gesundheitsreform (Überwälzung der Kosten der explodierenden Gewinnerwartungen des medizinisch-industriellen Komplexes auf die „Objekte“ des Gesundheitswesens: die Patienten).
Seit dem Turmbau zu Babel sollten eigentlich alle Türme suspekt sein (auch Glocken sind Symptome der Sprachverwirrung: waren vielleicht nicht doch schon vorsorglich die Glocken gemeint, als die Kirche die Erbsünde in der Sexuallust lokalisierte?). Aber woher kommt der Ausdruck „türmen“; hängt er möglicherweise mit der mittelalterlichen (oder schon antiken – vgl. die Türme im Buch der Richter) Funktion der Türme als Fluchtstätten zusammen? Und ist das Heideggersche „Haus des Seins“ der letzte Nachfahre des Turms von Babel (vgl. Rosenzweigs „verandernde Kraft des Seins“), und das „Vorlaufen in den Tod“ seine Form des „Türmens“?
Bezeichnen die „sieben unreinen Geister“ den Zustand der Sprache heute? -
16.08.92
Eugen Drewermann (Publik Forum vom 14.08.92, Dossier: Heute muß die Reformation eine Revolte sein): Nicht nur die Reformation, sondern die Geschichte der Häresien insgesamt (seit dem Urschisma) „als ein Gegenüber zur Selbstkorrektur begreifen“, beim Protestantismus nur das Besondere: das Verschwinden der häresienbildenden Kraft.
Nicht die „Zerrissenheit“ und die „Zerspaltenheit“ der Christenheit ist der Skandal, sondern die Unfähigkeit zu begreifen, was es mit der Geschichte des Christentums auf sich hat.
Was meint D., wenn er schreibt: „Er (Jesus) wollte nicht eine Gegenbewegung dem Volk der Erwählung gegenüberstellen“?
Oder: Jesus „wollte vielmehr das intensivste, gläubigste und frömmste Anliegen der Propheten seines Volkes verdichtet wissen in seiner eigenen Person und endlich lebbar machen für die Menschen seiner Zeit und aller Zeiten“?
Und was soll der Hinweis auf die kirchlichen „Beamtenstuben“?
Oder: Die Botschaft Jesu war sehr einfach: Das Reich Gottes ist in euch …“
Oder „… er veränderte die Botschaft vom Jordan in den Dörfern Galiläas, indem er eine Sammlung an die Stelle der Bildung neuer Eliten setzte“ (gegen Johannes den Täufer?)?
Was meint D. mit dem „Kampf auf Leben und Tod“?
Oder, wenn er schreibt, daß Jesus wollte, „daß wir Gott wiederfänden als einen Bezugspunkt von Vertrauen …“?
Oder: „Ein Gott, der es regnen läßt über alle Menschen, ist kein Bezugspunkt für Ausgrenzungen, sondern für das verdichtete Gefühl von Zusammengehörigkeit“?
Wird das Wort „Richtet nicht …“ nicht neutralisiert und verharmlost, wenn man es „provokatorisch und agitatorisch“ nennt?
Das „Er ist und war ein Freund der Zöllner und der Huren“ ist gerade nicht „der eigentliche Schuldvorwurf“, sondern der erwächst aus der Tempelreinigung.
War es nicht der Fehler Luthers, gegen den die katholische Kirche (auch wenn sie es selbst bis heute nicht begriffen hat) recht hatte, daß er bei der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ und bei dem Versuch, sie für sich und die Christen seiner Zeit zu beantworten, mit den Werken auch den Zustand der Welt religiös neutralisierte, ausklammerte und verdrängte (Paradigma der paranoischen Grundstruktur: die Objektbindung des Wahrheitsbegriffs; Bedeutung der „Arglosigkeit“).
Mit dem Wort von den „zehn Geboten für die Durchschnittsmenschen“ (Gegenstück einer „elitären“ Moral der Bergpredigt?) beweist D., daß er keines der zehn Gebote begriffen hat. Es ist wirklich schlimm.
„Die vatikanische Zentrale ist die Ausbeutung schlechthin gegen jeden anderen Stand“: Hier liegt der Grund seines Antiklerikalismus. Luthers Kampf gegen den Ablaß fällt in die Zeit des Beginns der Ausplünderung Amerikas. Hier wird das Problem von der ökonomischen Realität auf die Kirche (die als Hehlerin mitschuldig ist) verschoben (Vorbild des antisemitischen Wucher-Vorwurfs).
Verräterisch der Hinweis auf die „zu wenig wohlverschlossenen Türen unseres Seelenhaushalts“: auf den Verdrängungsblock, den auch D. unangetastet läßt.
Drewermann begibt sich in einen fürchterlichen Selbstwiderspruch, wenn er in der Kirche die Folgen dessen angreift, was er selbst in ihr sucht.
Das ist nun wirklich schlimm, daß „wir als Glaubende“ nach D. „mehr wissen, als alle Päpste und Bischöfe der Kirchengeschichte zusammen“. Oder: „Aus dem eigenen Ich sprachen die Propheten …“ – Eben nicht (vgl. dagegen Rosenzweigs Bemerkung zum „Spruch des Herrn“)?
Hegels Philosophie ergreift am Ende doch die Partei des Andersseins, und erliegt damit der verandernden Kraft des Seins.
Es wäre eine Untersuchung vonnöten, die den sprachgeschichtlichen Ursprung des Seins im Kontext einer Geschichte der Grammatik ermittelt und benennt.
Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, hängt mit dem Gesetz von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen, mit der verwirrenden und ambivalenzerzeugenden Kraft des Begriffs. Wer der Eindeutigkeit des Begriffs besteht (um die Instrumentalisierung der Wahrheit dem Blick zu entziehen), wird zum Parteigänger der Herrschaft (nicht der „Macht“) und fühlt sich zwangsläufig von den Fremden und den Armen bedroht und verfolgt (weil er sie selbst bedroht, ihnen ihre Erfahrung raubt, sie zur Stummheit verurteilt).
Die kantische transzendentale Logik, die Kritik der reinen Vernunft, ist die erste Gestalt der realen Reflexion des Schuldzusammenhangs, in den das Denken selber verflochten ist.
Die Idee der Übernahme der Sünde der Welt legt der Theologie die Pflicht auf, sich in der Wahrheitssuche am Zustand der Welt zu orientieren, d.h. die geschichtliche Reflexion in sich mit aufzunehmen (die Zeichen der Zeit erkennen und beurteilen).
Aufgabe, ja Pflicht der Kirche wäre es, den Knoten endlich zu lösen, den Alexander (der erste Aristoteliker) nur duchschlagen hat.
Die Kirche braucht in der Abtreibungsfrage die rechtliche Absicherung ihres moralischen Urteils aus Exkulpationsgründen: Nur noch der rechtliche (und nicht mehr der theologische) Schuldbegriff spricht die Kirche frei von ihrer Mitschuld an Auschwitz. Aber genau hier wird der Schuldzusammenhang unauflösbar, in den jeder Versuch einer rechtlichen Selbstexkulpation hineinführt, indem er sie mit dem Opfer der Anderen erkauft (Umkehrung des Kreuzesopfers, der Pflicht zur Übernahme der Sünde der Welt). Aber in diesen Zusammenhang führt der Mechanismus jedes moralischen Urteils, das aus dem Sündenfall, der Wirkung des Baumes der Erkenntnis, sich herleitet, zwangsläufig hinein; dagegen steht das Wort „Richtet nicht …“.
Das Pflichtzölibat verletzt das Keuschheitsgebot (wie die Hierarchie das Gehorsamsgebot und das Dogma das Armutsgebot) an der Wurzel. -
06.08.92
Denn sie essen das Brot der Gottlosigkeit und trinken den Wein von Gewalttaten. (Spr 417)
Er wird den Gewalttätigen schlagen mit dem Stab seines Mundes und mit dem Hauch seiner Lippen den Gottlosen töten. (Jes 114)
Staat und Sinnlichkeit, oder Ableitung der Sexualmoral: Die Abtreibungsdebatte fördert es zutage, daß es in allen Rechtsverhältnissen um die Anerkennung von Besitzansprüchen geht. In der Abtreibungsfrage geht es darum, wer Besitzansprüche gegen den Fötus geltend machen kann: der Staat oder die Frau. So erweitert der Staat sein Gewaltmonopol bis in den Schoß der Frau. Und die sexuelle Lust steht gleichsam in Konkurrenz zur Gewaltlust des Staates (zur Verletzbarkeit seiner Eigentumsansprüche); deshalb war sie als Träger der (vorweltlichen) Erbschuld zu kriminalisieren. Und die Gewaltlust des Staates wurde zum Ursprung und Modell jeglicher Vergewaltigung.
Begriffe sind Verkörperungen des Gewaltmonopols des Staates, unkenntlich gemachte Vergewaltigungen der Sprache.
Vernunft und Sexualität verhalten sich zueinander wie Welt und Natur; als getrennte gründen beide in Gewalt.
Die Vorstellung von einer schöpferischen Kraft der Natur ist phallokratisch.
Die Heiligengestalt der virgo entstammt einer Zeit, in der den Menschen das Bewußtsein der Erbschuld noch präsent war. Und der Vollständigkeit halber wird man sagen müssen, daß auch die Kirche die Lehre von der natürlichen Unschuld nie akzeptiert hat; Beweis: die Kindertaufe.
Wollte man heute die virginitas dem Verständnis näherbringen, so müßte man anstatt von Unschuld von Keuschheit reden. Keuschheit aber ist keine Naturqualität, sondern eine ausgesprochen soziale und moralische. Und Keuschheit steht nicht einer direkten, gleichsam intentionalen Beziehung zur Sexualität, sondern in einer reflektierten; sie ist vor allem eine Qualität der politischen Praxis, aber eine fast nicht mehr auffindbare, nicht mehr erkennbare. Ich glaube, man kommt der Sache näher, wenn man Keuschheit im Kontext von Gewalt und Gewaltfreiheit begreift und zu bestimmen versucht. Keuschheit hängt eher mit Arglosigkeit (und ihrer Beziehung zur Unschuld) zusammen als mit jener Unschuld, die sich ausschließlich durch ihre Beziehung zur Sexualität definiert. Dafür ist die Kirche nun wirklich der schlagende Beweis, daß es eine sehr unkeusche Art der sexuellen Enthaltsamkeit gibt.
Keuschheit ist einer der drei evangelischen Räte (die alle sich auf das Leben im Angesicht Gottes beziehen). Die beiden anderen sind Gehorsam und Armut: die Fähigkeit zu hören (das Eingedenken, die Erinnerung) und das reflektierte Verhältnis zum Geld und zu den durchs Geld bestimmten Verhältnissen (Übernahme der Sünde der Welt). Das Verständnis der Keuschheit wird erschwert durch die das Bewußtsein beherrschende Funktion der Naturwissenschaft (Inbegriff der Unkeuschheit?). „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“: das ist der Ausgangspunkt. Die Keuschheit ist eine Weise des Umgangs mit dieser Nackheit, ein Reflex der Scham, der Fähigkeit, sich in den Augen der Anderen zu sehen. Die Scham, die Furcht, nackt und bloß da zu stehen, bezeichnet einen sozialen Sachverhalt: Kinder schämen sich für ihre Eltern; Eheleute schämen sich für einander; wir schämen uns, Deutsche zu sein. Scham ist ein Reflex der Erkenntnis, von anderen gesehen zu werden: ein Reflex der Erfahrung, als Objekt (gleichsam hinter dem eigenen Rücken oder im Stande der realen Schuld) gesehen zu werden. Grundlage fürs Verständnis der Keuschheit ist das Begreifen, wie sich die Nacktheit von der sexuellen Sphäre in alle Lebensverhältnisse verlagert und ausbreitet, und zwar ausbreitet im Prozeß der Objektivation, der das Maß abgibt für den weltgeschichtlichen Stand von Scham und Keuschheit.
Ist nicht das Bild des Objekts, das der Begriff der Natur uns vor Augen stellt, das Bild absoluter Schamlosigkeit (wie sich leicht anhand der Stellung des Objekts in der transzendentalen Logik nachweisen läßt)?
Obszön ist die Abtreibungsdebatte, die ein Problem der Sexualität (letztmals?) zur Rechtfertigung der Gewalt mißbraucht.
Die Vorstellung, Kinder seien unschuldig, ist insoweit zynisch, als sie die Kinder mit ihrer realen Schulderfahrung allein läßt. Ebenso ist allerdings die kirchliche Lehre von der Erbschuld zynisch, weil sie den Kindern die ganze Last der Sünde der Welt aufbürdet, anstatt endlich dem Nachfolgegebot zu gehorchen und sie selber zu übernehmen.
Adornos Hinweis auf den Einschulungsschock und seine Funktion im Hinblick auf die Genese des Antisemitismus greift – wie mir scheint – noch zu kurz: Der Zustand, in den unser Schulwesen gegenwärtig hineintreibt (vom Zustand des zu vermittelnden Wissensstandes bis hin zu den objektiven Bedingungen wie numerus clauses, Leistungsprinzip, Elterndruck), prolongiert den Einschulungsschock; das scheint überhaupt den gegenwärtigen Weltzustand zu definieren: Schock als andauernder Weltzustand (wichtig für die Rezeption Benjamins).
Beachte das Verhältnis von Schule, Kinder und Musik, das das eines Opfergangs geworden ist. Die BILD-Zeitung und der Zustand der Konsum-Musik heute sind die schärfste Anklage gegen den Zustand unseres Schulwesens.
Der Begriff des Anstands hilft nur, den Schein zu wahren, während der des Takts die Sensibilität für den Umgang mit fremder Scham bezeichnet. Leute, die auf Anstand pochen, sind in der Regel taktlos.
Sind Petrus und Paulus (?) Namen, die sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen unmittelbar verständlich sind?
Zu den Insignien der Herrschaft gehören neben dem Thron die Krone, das Zepter und der Reichsapfel:
– Der Reichsapfel war das Bild der Welt, deren Einheit durch Herrschaft definiert wurde, war er auch Modell für das Bild des Apfels, den der Tradition nach Eva Adam reichte? Ist die Frucht des Baumes der Erkenntnis der Ursprung des Weltbegriffs?
– War das Zepter ein Phallussymbol (vgl. das Buch Esther)?
– Und welche Bedeutung hatte die Krone?
Die Astronomie seit Kopernikus (seit dem altorientalischen Sternendienst?) gleicht dem Versuch, Anthropologie anhand von Zinnsoldaten zu studieren. -
03.08.92
Wann war Jesus „erschüttert“? – Beim Tod des Lazarus (Joh 1133) und bei der Ankündigung des Verrats (Joh 1321). Und im Garten Gethsemane?
Zum evangelischen Rat der Armut: Mit dem Eigentum verlängere ich meine Sinnlichkeit (über die Abtötung der eigenen Sinnlichkeit: Ursprung der christlichen Sexualmoral), mache ich mich über meine Physis hinaus (in die Dinge hinein) empfindlich und verletzbar. Dazu muß ich sie vorher töten: Das historische Mittel dazu ist der Begriff, dann die Universalisierung des Begriffs in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung (die Verweltlichung der Welt: ein verkehrt magischer Vorgang oder die Umkehrung der Magie). Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ am Frankfurter Gerichtsgebäude meint eigentlich: Das Eigentum – denn darin verkörpert sich fürs Recht die Würde des Menschen – ist unantastbar („Faß mein Auto nicht an“).
Ist das nicht der Grund, aus dem die Geschichte der Medizin erwächst (vgl. die gesellschaftlichen Bedingungen für den Ursprung der Anatomie)? Mit der medizinischen Wissenschaft melden die Ärzte ihre Eigentumsansprüche an die Körper der Menschen an. – Welche gesellschaftlichen Veränderungen drücken sich heute in den Fortschritten der Medizin und in den Veränderungen der Einrichtungen des Gesundheitswesens aus? Fallen nicht mittlerweile die Zähne unter den Eigentumsanspruch der Zahnärzte, die operierbaren Teile des Körpers unter den der Chirurgen? Sind nicht Vorsorgeuntersuchungen vorsorglich geltend gemachte Eigentumsansprüche? (Sind Ärzte nicht in einem sehr tiefen Sinne Verbündete des Todes, Erben, die ihre Ansprüche schon vor dem Ableben geltend machen?)
Eigentum ist kein einfacher Sachverhalt mehr; Mein und Dein lassen sich nicht mehr säuberlich trennen. Es gibt nicht mehr nur sich wechselseitig berührende, sondern auch wechselseitig sich durchdringende und überlagernde Eigentumsansprüche.
Der Systemfehler des Rechts liegt darin, daß es die Grundsätze des (zukünftigen) Handelns zu Kriterien des Urteils über vergangenes Handeln macht: in der Zeitumkehr, die es (als weltbegründendes Institut) mit den nachfolgenden Naturwissenschaften gemeinsam hat. Hierin liegt das vom Recht nicht abzulösende Herrschaftsmoment. Über die Logik der Rechtfertigung führt das dazu, daß das Richten über die Objekte, das Gericht nach draußen (die subjektive Form der äußeren Anschauung), von der Selbstexkulpierung, der Barmherzigkeit nach innen, nicht abzulösen ist (Projektion).
Die materiale Wertethik führt nicht heraus aus dem Formalismus in der Ethik, sondern schürzt den Knoten der Verstrickung zur Unlösbarkeit.
Der transzendentale Idealismus ist der Beweis für den idealistischen Ursprung des Materialismus.
Wissen ist Macht, und Begriffe sind Eigentumsansprüche; das Mein in Begriff des Allgemeinen und in dem der Meinung (auch in dem des Gemeinen, der mit dem des Allgemeinen ähnlich zusammenhängt, wie die Allbarmherzigkeit Allahs mit der Barmherzigkeit) erinnert daran. So ist die Philosophie sowohl das Modell der modernen Aktiengesellschaft als auch des demokratischen Staates, der das Eigentum aller ist, und dessen Gewalt und dessen Handeln der gemeinsamen Verantwortung aller unterliegen. Und der Widerspruch zwischen Aktiengesellschaft und Staat ist als Widerspruch in der Philosophie nicht zu heilen, auch nicht durch (rechte oder linke) Parteinahme aufzulösen, nur zu reflektieren.
Die christliche Sexualmoral, wenn sie aus dem Kontext der Urteilsform herausgenommen wird, gewinnt prophetische Bedeutung.
Gibt es einen Zusammenhang der „sieben unreinen Geister“ mit den mosaischen Reinheitsgeboten, die auf der einen Seite mit dem Gebot der Beschneidung verbunden waren, auf der anderen Seite in den Essens-, Sakral- und Sexualbereich hineinwirken, und die insgesamt dann aufgehoben worden sind durch die petrinische Vision? – Der Kreuzestod ist in der Tat die Abgeltung des Opfers, aber in einem Kontext, der mit dem Ursprung und der Bedeutung des Weltbegriffs zusammenhängt. Eben darin ist die ungeheure Ambivalenz begründet, die vom Christentum seit seinem Ursprung nicht abzulösen ist (Unkraut und Weizen).
Das Wasser als realmythisches Symbol: Es gibt eine Festkörperphysik und eine kinetische Gastheorie, und es gibt (im Planckschen Strahlungsgesetz) eine „Theorie des Feuers“. Aber es gibt keine Physik des Flüssigen (keine Wasserphysik). Es gibt allerdings die metaphorischen Begriffe des Verflüssigens und der Liquidation (Tötung des Verräters und Aufforderung zur Begleichung einer Schuld). -
01.08.92
Kirche, Glaube und Theologie nach Auschwitz: die Probe aufs Exempel der Lehre von der Auferstehung (vgl. Paulus: den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit – 1 Kor 123).
„Experiment Auschwitz“: Während unmittelbar nach dem Kriege in katholischen Kreisen noch Ängste geäußert wurde: „das wird sich einmal rächen!“, scheint heute Auschwitz nur noch als Widerlegung der Lehre von der Auferstehung der Toten nachzuwirken. Diese „Widerlegung“ scheint sich aus zwei Motiven zu speisen:
– aus einem gleichsam naturwissenschaftlichen Kontext: das Experiment hatte ein negatives Ergebnis; die Erschlagenen und Vergasten sind nicht auferstanden und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden; und zudem:
– wie würden es die Täter (zu denen auch, bis in die Kirchen hinein, die gehören, die es wahrgenommen und gewußt, aber nicht eingegriffen haben, und die, die in dieser unaufgearbeiteten Tradition stehen) aushalten, wenn sie die Lehre von der Auferstehung ernst nähmen (wenn sie an die Auferstehung glaubten); welche Konsequenzen müßten sie dann ziehen?
Mizraim, der hebräische Name Ägyptens, ist nach Wilhelm von Humboldt ein Dualis.
Die „Unschuld“ in der Heiligengestalt der Virgo bezeichnet keine natürliche Qualität (Beginn der Islamisierung des Christentums und christlicher Ursprung des Islam), sondern den Zustand nach der Befreiung von den sieben unreinen Geistern (zur Kritik der kirchlichen Sexualmoral: Sexualmoral, Verzicht auf Kritik des Herrendenkens und Ursprung der modernen Naturwissenschaften). Vorgeschichte dieser „Unschuld“: das Martyrium (die Blutzeugenschaft, die durch Teilhabe am Kreuzestod von der Schuld befreit) und dann seine verinnerlichte, vergeistigte und vermännlichte Gestalt in der confessio, die als weibliches Korrelat die virginitas nach sich zieht. Gehören diese confessio und die virginitas – als Nährboden des Sexismus – zu den Ursprüngen der sieben unreinen Geister?
Das Dogma als Instrument der Enttheologisierung der Theologie: Dogmatiker kann man nur werden, wenn man nicht mehr glaubt.
Der jüdische Kampf gegen die Idololatrie war der Kampf gegen die Mechanismen, die die realen Opfer durch Reduplikation (durch Identifikation mit den Tätern) zu verdrängen und erträglich zu machen suchten: um den Preis, den Gott durch Ernennung zum Gott zu entmächtigen. Diese gesamte Konstellation ist dann (im Kontext und auf der Grundlage der sich entfaltenden und ausbreitenden Geldwirtschaft) in den Begriff der Welt eingewandert. Problem seit der antiken Schuldknechtschaft: Verschuldung der Armen als die den gesellschaftlichen Lebensprozeß tragenden Schicht (Latifundienwirtschaft, Verschuldung der Dritten Welt).
Die Installation des Weltbegriffs bezeichnet genau die Wasserscheide, die die Zivilisation von ihrer Vorgeschichte trennt.
Der Fundamentalismus ist die vom Feind unterwanderte Wahrheit.
Zum Buch Judith: wer ist Holofernes („fortis dux“)? -
28.07.92
Zum Schatten, den Auschwitz wirft, gehören auch die Naturwissenschaften. Und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist das erste Moment der Kritik, in dem eine Ahnung des Lichts (des ersten Schöpfungstages) wieder erscheint.
Mit dem Licht ist auch das Im Angesicht und Hinter dem Rücken erschaffen.
Hängen „fehlen“ uns „befehlen“, die sich allerdings in der Deklination unterscheiden (fehlte, befahl), etymologisch mit einander zusammen? Woher stammt der Begriff des Imperativ (imperare, Imperialismus)? Im Hebräischen gibt es den Jussiv; hängt das mit jus (Recht) und jurare (schwören) zusammen? Der Schwur und das Recht sind ohnehin vom Ursprung her verbundene Begriffe (Zeugenschaft, Vertrag – vgl. den Schwur in der Bibel – und Beweislogik). Wie verhält sich der Eid zur transzendentalen Logik und Ästhetik (als Zeugen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis im erkennenden Subjekt selber; als Schwur, den das Subjekt sich selber leistet)?
Wenn es zum Verständnis der Präfixe Schlüsselworte gibt, dann gehört zum be- (bekennen, befehlen) das Beschuldigen.
Das „Seid arglos wie die Tauben“ ist das eigentlich antiparanoische Element in der Theologie. Es gehört zusammen mit dem Gebot der Feindesliebe.
Fällt das Abendmahl, das er nur mit seinen Jüngern (die bei seiner Kreuzigung flohen) und nicht mit den Frauen (die unterm Kreuze und am Grabe waren) hielt, in die Tradition des Fluchs über Adam? Wie verhält sich dazu Johannes (der als einziger mit unterm Kreuze steht): da fehlt das Abendmahl, statt dessen wäscht er den Jüngern die Füße (nachdem ihm zuvor die „stadtbekannte Sünderin“ die Füße gesalbt hatte).
Mit dem Ursprung des begrifflichen Denkens hat sich die Paranoia im Denken eingenistet, mit den Nebeneffekten der Sexualmoral und des Materiebegriffs, der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Die Paranoia hat seit je dazu gedient, den Herren ein gutes Gewissen zu geben, das Herrendenken zu stabiliseren. Die Wirkungen der Exkulpationsmechanismen gingen zu Lasten des Objekts. Die Furcht des Herrendenkens vor dem Materialismus war begründet in der Furcht, daß in Begriff und Struktur der Materie einmal die Projektion erkennbar würde, die das Herrendenken begründet.
Materialismus und Paranoia, oder Materie und Exkulpationstrieb.
Das Wachstum und die Sterblichkeit des Lebendigen ist der Beweis für die objektive Realität des Inertialsystems.
Der Begriff des „kommenden Gottes“ (T.R.Peters) sollte durch Heidegger eigentlich obsolet geworden sein.
Hängt das „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk 2334) mit dem postapokalyptischen Ende des Jonasbuches zusammen („… die Rechts und Links nicht unterscheiden können“)? Wie verhält sich dieses Luk 2334 zu der christlichen Ermächtigung, die Sünden zu vergeben, und zur Lösung des Gebundenen?
Tiemo Rainer Peters (S. 119f „Verzeiht Gott alles“): Worum geht es hier eigentlich, um mein Seelenheil oder um die Rettung und Erlösung der Welt? Das „Prinzip Gnade vor Recht“ wäre doch wohl etwas anderes als das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht. Die Frage „Verzeiht Gott alles“ ist falsch gestellt, sie ist unterschiedlich zu beantworten je nachdem, ob ich sie auf mich oder auf andere beziehe, so wie grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen den Grundsätzen des Handelns (vor dem Handeln) und den Kriterien des Urteils (nach dem Handeln). Das ist eine Konsequenz aus der Nachfolge, der Übernahme der Sünde der Welt. Das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ macht einen absoluten Unterschied zwischen der Selbstbeurteilung und dem Urteil über andere. Die Frage „Verzeiht Gott“ ist islamisch, nicht christlich; Indiz der frühen „Islamisierung“ des Christentums.
Heideggers „Haus des Seins“: die letzte Erinnerung an Pharao und den Tempel?
Die drei Leugnungen lassen sich aus der Geschichte der Beziehung des Christentums zur Philosophie herleiten: Die Gnosis wie die nachfolgende Geschichte der Häresien ist eine Folge des Urschismas (der ersten Leugnung: Leugnung des Vaters): der Rezeption der griechischen Philosophie (des Weltbegriffs), des Verzichts auf Kritik des Staates (der im gnostischen Demiurgen realistisch entstellt wiederkehrt); und sie ist ein Nebenprodukt des Ursprungs der christlichen Sexualmoral (die sich wie der Weltbegriff dem Verzicht auf Staatskritik verdankt). Hegels Philosophie, in der sich der durchs Urschisma ausgelöste Prozeß vollendet, ist der Beginn der dritten Leugnung (Leugnung des Heiligen Geistes; sie macht die Welt zum Subjekt der Wahrheit, die die Theologie gleichsam von innen aufzehrt, so zu ihrer Parodie wird). -
21.07.92
Das „memento mori“, auf das sich T.R.Peters mehrfach bezieht (ebenso die mehrfache Kombination „der Tod und die Toten“, „Tod und Auferstehung“, auch das Eucharistieverständnis) weist zurück auf das „memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris“, das sich wiederum der Fluch über Adam: „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“ bezieht. Hierzu aber wäre darauf hinweisen, daß dieser Fluch
– sich nur an Adam, nicht an Eva richtet, und
– in dem Fluch über die Schlange: „Auf dem Bauche wirst du kriechen und Staub sollst du fressen“, ein bedenkenswertes Echo findet (Adam nährt mit dem Staub, zu dem er wird, die Schlange).
Vor diesem Hintergrund erscheint die Vermutung begründet, daß das memento mori weniger an den Tod, den man selbst erleiden wird, gemahnt als an den, den der erleidet, der ihn anderen antut (am Ende durch Anpassung an die Welt, durch die Nutzung und den Gebrauch der Todesmaschinerie, die die Welt für alle ist): Es wäre ein sehr präzises antipatriarchalisches memento. Rosemary Radford Ruethers These, daß nicht in der Sexualität, sondern im Sexismus (den die kirchliche Sexualmoral bewußtlos, jedoch mit wachsendem Zynismus fördert) die Erbschuld sich fortpflanzt, würde hier ihre Begründung finden. Auch die Gethsemane-Geschichte wird durchsichtiger. Aber welch ungeheure Bedeutung gewinnen dann
– der Satz: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 86) und
– die jesuanische Übernahme der Sünde der Welt?
Vgl. das alte Beispiel einer logischen Konklusion:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
Die Frage, ob es sich hier um einen induktiven oder deduktiven Schluß handelt, ist müßig: der Schluß ist nicht durch die Beziehung auf alle Menschen, sondern durch die auf Sokrates, dessen Denken (durch Berufung auf seinen Dämon: durch Verinnerlichung des Schicksals) die logische Äquivalenz von Einheit und Allheit (und damit den Begriff des Allgemeinen) überhaupt erst begründet hat, „wahr“.
Bedeutung für die Abtreibungs-Diskussion: Nicht das letzte und schwächste Glied, sondern der Ursprung: die Solidarität mit der Welt (der Grund der logischen Äquivalenz von Einheit und Allheit), die alle zu Mördern macht, wäre zu kritisieren.
Und Zusammenhang mit dem geschichtstheologischen Status des Islam: Erst im Islam ist Allah nicht mehr nur barmherzig, mächtig, weise o.ä., sondern der Allbarmherzige, der Allmächtige, der Allweise (Konsequenz aus der logischen Äquivalenz von Einheit und Allheit). Dagegen scheint die (blasphemische) Allwissenheit eine christliche Prägung zu sein; Grund dafür, daß heute alle mit sich identisch sein wollen: nur so werden sie Gegenstand des Wissens, dessen Herr allerdings nicht Gott, sondern der Dämon ist. Das haben bis heute außer dem heiligen Franziskus nur Benjamin und Adorno gewußt. -
02.06.92
Beim Augustinus ist nicht nur der Teufel, sondern auch die Frau allegorisch (Genesis II, S. 217ff). Zusammenhang von Allegorie und „Eigentlichkeit“ (i.e. „Wörtlichkeit“) s. S. 223. Ist die Allegorie Produkt der Trennung von Tatsachenfeststellung und prophetischer Bedeutung der Texte (bis hinein in den Fundamentalismus christlicher Kreise heute)?
Ist die „Eigentlichkeit“ (das „Vorlaufen in den Tod“) nicht die Übersetzung des Futur II ins Existentielle (und war sie nicht seit den Anfängen der christlichen Theologie und zusammen mit der Ursprungsgeschichte der Sexualmoral, sowie der Teufels- und Höllenvorstellung, der Grund der Allegorie)?
Prophetische (typologische) Bedeutung der Verführungsgeschichte Jesu (nach den 40 Tagen in der Wüste) für die Geschichte der Kirche. Ist die „Selbstverfluchung“ nicht eine reale Konsequenz aus der Geschichte der Allegorie (aus ihrer Bedeutung für die Geschichte der Theologie)?
Verhalten sich Gravitation und Licht invers zueinander (wie Barbaren und Hebräer)?
Das Buch Hiob ist keine Theodizee, sondern ein Kommentar zum Schöpfungsbericht. Die Freunde Hiobs werden deshalb am Ende verurteilt, weil sie die Partei des Anklägers ergreifen, sich mit dem Ankläger identifizieren. Ist nicht unsere Theologie weithin eine Theologie der Freunde Hiobs? Haben wir überhaupt begriffen, wer Hiob ist?
Der Ankläger ist das Subjekt der Weltgeschichte; er ist Subjekt als Ankläger und Richter im historischen Prozeß (als Sieger, als der, der im Streit gewinnt und überlebt: der auf der Seite des Urteils steht, des Seins).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie