Sexualmoral

  • 01.06.92

    Das Verhältnis von Begriff und Objekt läßt sich nicht ohne Umkehr auf das Verhältnis von Seele und Leib beziehen. Diese Beziehung (von Begriff und Objekt zu Seele und Leib) entspricht dem von Begriff und Namen.
    Gen 67: „Wegwischen will ich vom Antlitz des Ackers den Menschen, den ich schuf, vom Menschen bis zum Tier, bis zum Kriechgerege und bis zum Vogel des Himmels, denn mich leidet, daß ich sie machte.“ (Buber-Übersetzung) Kann es nicht sein, daß hier die erste Stufe des Objektivationsprozesses benannt wird: daß die Sintflut den Acker erst neutralisiert hat, daß mit den Menschen und den Tieren auch „das Antlitz des Ackers“ weggewischt wird? Vgl. auch Gen 723 und 817. Und wie verhält sich das Opfer Noahs (820) zum Opfer Abels? Und was ist mit 92: „Eure Furcht und euer Schrecken sei auf allem Wildlebenden der Erde und allem Vogel des Himmels, allem was auf dem Acker sich regt und allen Fischen des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“
    Gehören Ps 10430 und Gen 67 zusammen? Ist die Erneuerung des Antlitzes der Erde die eschatologische Antwort auf die Sintflut? Vgl. hierzu auch den noachidischen Ursprung (und Zusammenhang) des neuen Herrschaftsbegriffs: des Fleischessens und der hierarchischen Strukturen in der Gesellschaft.
    1 Kön 1411 (zu Jerobeam), 164 (zu Bascha) und 2124 (zu Ahab): Die Leichen in der Stadt werden von den Hunden gefessen, die auf dem freien Feld von den Vögeln des Himmels.
    Neue Jerusalemer Bibel, Anmerkung zu Gen 66: Da reute es den Herrn. Dieses merkwürdige Verlangen katholischer Theologen seit Augustinus, sich Gott so vorzustellen, daß ihn niemals etwas gereut (hier siegt die Philosophie über die Prophetie: das Buch Jonas gibt die Antwort der Schrift darauf). Wer Reue nur als Ausdruck der Schwäche ansieht, als Eingeständnis, etwas falsch gemacht zu haben, macht die Unbekehrbarkeit zu einer Eigenschaft Gottes und wird selber unbekehrbar. Vgl. hierzu auch das Schicksal der Maria Magdalena in der kirchlichen Tradition (wer büßt, muß es schlimm getrieben haben; so wird die Umkehr diskriminiert). Wer die Reue von Gott ausschließt, schließt die Umkehr von Gott aus (und damit die Idee der Erlösung selber). So wurde die Theologie autoritär und paranoid, ein aus verstockter Subjektivität sich herleitender Denkzwang zur Eigenschaft Gottes.
    In der Geschichte von den Talenten, die der Herr den Knechten übergeben hat: ist die Kirche nicht zu jenem Knecht geworden, der sein Talent (im Dogma) nur vergraben hat (anstatt damit zu arbeiten)?
    Ist nicht schon der augustinische Hinweis, daß man das Wort, daß alles Fleisch Gott schauen wird, nicht wörtlich auffassen dürfe, antisemitisch? (Genesis-Kommentar, Band 2, S. 142)
    S. 145: Was hat der Raum mit dem Ungehorsam (mit der Ursünde des Ungehorsams) zu tun? Entscheidet sich die Frage über den Zusammenhang realer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen nicht vielleicht doch zusammen mit der Frage nach Subjektivität und Objektivität des Raumes?
    Ebd.: Auch Augustinus kennt schon die Erinnerungsarbeit.
    S. 164: Christus war (gegen Augustinus) nicht nur „im Fleisch“ leidensfähig (welche andere Bedeutung hat sonst die „Übernahme der Sünde der Welt“ und die Angst in Gethsemane), aber er war (wegen der „Übernahme der Sünde der Welt“) nicht pathologisch.
    Liegt es nicht in der Konsequenz der augustinischen Lehre, daß der „freie Wille“ eigentlich nur einmal tätig war, in der Ursünde Adams? Ist das nicht der Preis für eine monarchisch instrumentierte Theologie, die alles zugleich exkulpieren und absolut schuldig sprechen muß? Keim der Selbstverfluchung: die augustinische Gnadenlehre.
    Die augustinische Dämonisierung der Lust präludiert die Subjektivierung der Empfindungen im Kontext der modernen Naturwissenschaften. Sie hat dem Herrendenken die Bahn frei gemacht. Ist nicht in dieser Geschichte der Subjektivierung (und Dämonisierung) der Lust die Geschichte der Inquisition, der Scheiterhaufen, der Hexenverfolgung vorgezeichnet; und gehört nicht auch die grandiose objektive Ironie hier herein, die in der pornokratischen Phase der Papstgeschichte und der pornographischen Phase der Moralgeschichte (in den Kompendien der kasuistischen Moraltheologie des Barock) sich manifestiert?
    Die Tatsache, daß Scheler heute fast vergessen ist, daß er nur noch als merkwürdig veraltet wahrgenommen wird (während alle Welt wie Scheler spricht), hängt zusammen mit dem theologischen Kern des Unaufgearbeiteten in unserer Beziehung zur Vergangenheit. Sie hängt zusammen mit jener ebenso merkwürdigen wie ebenfalls unaufgearbeiteten Beziehung der Phänomenologie insgesamt zum Katholizismus, sowohl was die Husserl-Tradition betrifft, als auch, was die Aktualität Schelers in der vorfaschistischen und die Heideggers in der nachfaschistischen Ära betrifft.

  • 30.05.92

    Joachim Fest hat seine Hitler-Biographie seinerzeit als „Geschichte einer Karriere“ verstanden. Er hat damit einen wesentlichen Punkt heutigen Politikverständnisses getroffen: Wo die Politik zu Karriere wird, wo Politik am Prestige gemessen wird, das sie gewährt, wird sie tendentiell faschistisch. Das Prestige, der Ruhm, das Sich-Spiegeln im Urteil der Öffentlichkeit, der Welt oder gar „der Geschichte“ ist Produkt einer pathologischen, Welt und Geschichte mit einbeziehenden Potenzierung des Exkulpationstriebs. Die größte Verführung für den Politiker ist das Gefühl, zum Herrn der Sprache zu werden, durch Sprachregelungen (bis in die Medienpolitik hinein) zwar nicht mehr die Dinge, wohl aber (im Interesse der eigenen Karriere) das Bewußtsein der Dinge bestimmen zu können.
    Der Fluch über die Schlange: „auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub sollst du fressen“ ist nur ein anderer Ausdruck für den automatisierten Objektbezug (den apriorischen Objektbezug der transzendentalen Logik). Ist es nicht diese Schlange, die am Boden der Tatsachen klebt („die Welt ist alles, was der Fall ist“)?
    Die Schlange ist die Verkörperung der Leugnung der Umkehr, die Welt ist der Inbegriff dieser Leugnung.
    Die Beziehung von Licht und Finsternis, hat das etwas mit dem Entstehen und Vergehen zu tun (mit dem Verhältnis des Lichts zur Gravitation)? Und drückt sich das nicht in den Farben aus?
    Wenn die Fische auf die Wasser unterhalb des Firmaments bezogen sind, sind dann die Vögel auf die Wasser oberhalb bezogen?
    Der Turm zu Babel, der bis zum Himmel reicht: war das die Astrologie?
    Sind nicht die modernen, nach-einsteinschen Kosmologien (wie zuvor schon die sogenannten nicht-euklidischen Geometrien) Nachfahren der ptolemäischen Epizyklen – auf der Basis der kopernikanischen Wende?
    Kommen Leviathan und Behemoth nicht auch im Buch Jonas vor: als der große Fisch (bei der Flucht nach Tarschisch) und als „so viel Vieh“ in Ninive?
    Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang hängt mit den drei Dimensionen des Raumes zusammen: mit der Beziehung von
    – Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
    – Gericht und Barmherzigkeit (rechts und links) und
    – Oben und Unten (Herrschaft und Gottesfurcht).
    Genau hierin gründet der Primat der Ethik, das Konzept der Ethik als prima philosophia.
    Prophetie und Sexualität: ein unbearbeitetes Thema (war nicht Jeremias unverheiratet, aber schon „im Mutterschoße“ erkannt; vgl. auch die Ehegeschichte des Hosea sowie den prophetischen Begriff der Hurerei)?
    Augustinus, der ausdrücklich darauf verzichtet, im Buche Genesis die „Rätsel der Prophetie“ zu lösen, nimmt damit das Recht der Schlange wahr (und begründet die Allegorie, christliche Sexualmoral und die Höllenlehre).
    Labor und Verwaltung; weitere Äquivalenzen: Industrie, Militär, Justiz und Strafvollzug, Schule, Psychiatrie. Definieren sie nicht alle geschlossene Systeme, die aber zugleich alle einander äußerlich sind?
    Innen und Außen (rechts und links?): Die Gesinnung verdankt sich der Subjektivierung der exkulpierenden Instanz, die Verantwortungsethik ihrer Objektivierung. Gesinnung und Empörung gehören zusammen (die Empörung ist ein Ausfluß und ein Stabilisator der Gesinnung), beide sind zusammenhängende Quellpunkte einer selbstzerstörerischen Dynamik. Im Begriff der Verantwortung steckt die Beziehung auf eine äußere (richtende, zur Verantwortung ziehende) Instanz.

  • 27.05.92

    Zweideutigkeiten:
    – Das „An-Gott-Glauben“ kann sowohl heißen, daß man glaubt, daß ER Gott ist, daß es ihn gibt, als auch: daß man IHM glaubt (seinen Verheißungen).
    – Creatio ex nihilo: Wird entweder verstanden als Ursprung der Materie (die Gott aus dem Nichts erschaffen habe, die aber zugleich Ausdruck des Nichtseins ist) oder als Erschaffung aus dem Nichts, das die Materie (als Teil des Schuldzusammenhangs der Welt) ist; und der Logos als Reflexion dieser Sünde der Welt : jener Reflexion, in der am Ende der Schein der Materie sich auflöst.
    Das „factorem coeli et terrae“ im Credo schließt an an den Anfang des zweiten Schöpfungsberichts; nach dem ersten müßte es heißen „creatorem“.
    Steckt nicht in dem Satz des Thales „Alles ist Wasser“ ein Hinweis auf die Beziehung der Philosophie zu den großen Seetieren? Danach aber wäre es nicht möglich, den intellectus agens als den heiligen Geist zu verstehen.
    Die Übersetzung, wonach Jesus die Schuld der „hinweg“, nicht auf sich genommen hat, bezeichnet genau den Sündenfall der christlichen Theologie. Hier ist die Kirche zum Wolf im Schafspelz geworden.
    Das Konzept des großen Genesis-Kommentars des Augustinus: keine prophetischen Rätsel lösen, dafür genau die Tatsachen feststellen und bestimmen, hängt mit der Grundstruktur der augustinischen Theologie zusammen, die ihr Objekt unterm Primat der Vergangenheit anschaut und Zukunft nur als Fluchtweg der vergeistigten Selbsterhaltung (gleichsam als private Rettung, nicht als Rettung der Welt) kennt. Er verwechselt die Gottesfurcht mit der hündischen Demutshaltung. – Zusammenhang mit dem Ursprung der christlichen Sexualmoral: Hier ragt die Bindung ans Vergangene, die die Theologie verhext, ins Subjekt, in seine Biologie herein.
    Die augustinische Unterscheidung zwischen dem prophetischen und dem tatsächlichen Inhalt der Genesis verfehlt die Schrift in einer für die gesamte christliche Theologie danach paradigamtische Weise. Und zwar auf die gleiche Weise, die auch die Erinnerung an Maria Magdalena so entsetzlich verfälscht hat. Grund ist ein grammatisches Vorurteil, die Installation des Futur und damit des hypostasierenden Denkens in der Sprache: die grammatische Grundlage der Schicksalsidee (des Mythos) und der Philosophie.
    Die Übernahme der Sünde der Welt schließt heute die Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs mit ein: Herrschafts- und Wissenschaftskritik, Kritik des Herrendenkens.
    Die Rezeption des Herrendenkens in der Vätertheologie war keine Sache der bloßen Gesinnung: selbst die kirchliche Judenfeindschaft, die Konfliktunfähigkeit in der Auseinandersetzung mit den Häresien und die Frauenfeindschaft stehen in systematischem Zusammenhang mit der Unfähigkeit zur Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, dem sie angehören.
    Hätte Augustinus den Zusammenhang des Begriffs littera mit den paulinischen stoicheia, den „Elementen“, begriffen, wäre die Unterscheidung von prophetischem und tatsächlichem Gehalt undenkbar gewesen.
    Das Fehlen der Futurbildungen in der hebräischen Sprache rückt die Vergangenheit in eine Beziehung zur Zukunft, die die Unterscheidung zwischen prophetischer und tatsächlicher Bedeutung eines Textes ausschließt: Hier hält die Grammatik auch die Vergangenheit für die Zukunft offen; und die Verheißungen sind mit der unabgegoltenen Vergangenheit verknüpft. Erst die griechische Sprache schließt mit der Futurbildung (insbesondere mit der Struktur einer zukünftigen Vergangenheit, des „es wird gewesen sein“) die Vergangenheit ab, macht sie zu etwas Erledigtem, Unauflösbarem, zu dem wir uns nur als Zuschauer verhalten, der gegenüber wir uns, um unserer Freiheit willen, entsolidarisiern müssen, die wir überwinden müssen. Seitdem stehen die Sieger auf den Leichenbergen. Enthält die griechische Sprache nicht schon das Inertialsystem in nuce?
    Genitivus subjektivus und objektivus bezeichnen Eigentums- und Herrschaftsbeziehungen als Reflexionsbeziehungen:
    – der Herr des Sklaven und der Sklave des Herrn,
    – der Eigentümer des Hauses und das Haus des Eigentümers.
    Ist das Adelsprädikat eine Vorstufe der Genitivbildungen?
    Wenn Augustinus das Zeugen von Sühnen aus der Schuldbeziehung (aus der Erbschuld) herausnimmt: drückt sich darin nicht auch diese Funktion der Trinitätslehre und des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre aus, daß sie eben dieses Zeugen des Sohnes durch Vergöttlichung exkulpiert.
    Was bedeutet es, wenn Jeremias Ägypten den Eisenschmelzofen nennt, und wie bezeichnet er Babylon? Wie hängt das damit zusammen, daß er in der Vorgeschichte der babylonischen Gefangenschaft die Partei Babylons ergreift?
    Stand nicht der gesamte Expressionismus im Konjunktiv? Und ist das Verschwinden des Konjunktivs nicht Ausdruck des Verschwindens der Hoffnung (bis hinein in raf-Texte)? Das Blochsche Prinzip Hoffnung ist eine zwangsläufige Konsequenz der expressionistischen Anfänge Blochs. Dagegen treibt die Ontologie den Menschen das Wünschen aus; sie macht die Menschen, indem sie die Geschichte ins Ereignishafte, Schicksalshafte (in die „Geschichtlichkeit“) zurückstaut, zu bloßen Objekten. Nicht Anderes drückt sich im heideggerschen Begriff des „Daseins“ aus. Der deiktische Gestus im Da des Daseins ist subjektlos (wie das Grinsen der Katze, das im Raum bleibt, wenn die Katze verschwindet). Deshalb gehört zum Dasein die Geworfenheit ins Da. In diesem Da drückt sich genau das aus (und wird auf die Spitze getrieben), was Rosenzweig die verandernde Kraft des Seins genannt hat. – Das Dasein ist Produkt der Identifikation mit der annihilierenden Gewalt des Seins.
    Die heideggersche Geschichtlichkeit ist der endgültige, der abschließende Ausdruck der Verleugnung der Prophetie durch den historischen Objektivitationsprozeß (Heidegger als katholischer Wellhausen).
    Zur Identität von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Das Eigentliche Heideggers hat eine ähnliche Bedeutungsstruktur wie das Grundsätzliche der Juristen: Es bezeichnet „eigentlich“ die Verneinung des Gemeinten. Wie das „grundsätzlich“ bezeichnet es ein Sollen, das nicht erfüllt werden muß; es schließt die Ausnahme vom Grundsätzlichen als Regel mit ein.
    Taucht nicht dieser heideggersche Sprachgestus der antwortlosen, der „rhetorischen“ Fragen erstmals beim Rhetoriker Augustinus auf? (Heidegger als Verkörperung der dritten Gestalt der Verleugnung: der Selbstverfluchung, und Augustinus die der ersten Gestalt?)
    Augustinus‘ Genesis-Kommentar, drittes Buch, sechstes Kapitel: „Der Verfasser (der Bibel, H.H.) wußte genau um das Wesen der Elemente und ihre Ordnungen, als er die Geschichte der Schöpfung der sichtbaren Dinge einleitete …“ (S. 80) Es ist der gleiche apologetische Gestus, der glaubt nachweisen zu müssen, daß der Prophet genau so klug war wie die Philosophen (oder das zeitgenössische unreflektierte Bewußtsein, das es immer besser weiß), der dann in die Falle der Unterstellung gerät und nicht mehr herauskommt. Hier klingt erstmals die allbekannte Lehrerfrage an „Was wollte der Dichter damit sagen?“
    Haben die biblischen Abgründe etwas mit dem Gravitationsfeld zu tun, und was entspricht dem in der Sprache, die das Inertialsystem antizipiert?

  • 26.05.92

    „Du hast dem Menschen ja gegeben, von anderen auf sich zu schließen und auf Zeugnis selbst von Weibern hin vieles aus seiner Vergangenheit zu glauben.“ (Augustinus: Bekenntnisse, übers. Joseph Bernhart, FTb 1955, S. 11f) Frauen sind demnach an sich weder bekenntnis- noch zeugnisfähig, und A. scheint es als demütigend empfunden zu haben, hier auf einen Tatbestand gestoßen zu sein, dessen Kenntnis er dem Zeugnis „von Weibern“ verdankt (gottseidank wird dieses Zeugnis ergänzt durch den Schluß von anderen auf sich selbst). Wie hat sich das auf das Selbstverständnis des Christentums, auf den Ursprung der Theologie, bei ihm (und bei den anderen „Vätern“, auch bei Konstantin) ausgewirkt, daß nicht selten die Bekehrung durch Mütter vermittelt war? Ist dieses „Demütigende“ nicht eine der Quellen des Objektivierungstriebs? Ist nicht doch mehr an der These, daß das frühe Christentums (seit Maria Magdalena und Petrus) von Frauen angenommen und vermittelt, aber von Männern dann verwaltet wurde? Und ist nicht die Theologie insgesamt der zwanghafte Versuch, das, was sie auf das Zeugnis von Weibern hin glauben, durch den Schluß von anderen auf sich selbst zu verifizieren? Grund des Bekenntnisbegriffes und seiner Folgen bis hin zum Hegelschen Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“? Zusammenhang mit den Bekenntnissen des Jean-Jaques Rousseau: mit dem Inzest-Bekenntnis, dem neuen Naturbegriff (und seiner christologischen Logik), Nutzung des Naturbegriffs als Exkulpationsmaschine (Entlastung des personalen Schuldbegriffs von der „Sünde der Welt „, von der Erbsünde), erster Versuch über die These eines natürlichen Ursprungs der Sprache, Trennung der Sprache von der Reflexion der Schuld (Übernahme der Sünde der Welt).
    Der oben zitierte Satz aus den Bekenntnisses des Augustinus erklärt sowohl das Zölibat (seine kirchenpolitische Instrumentalisierung) als auch das Problem Drewermann. Das bedeutet aber auch, daß es möglich sein muß, die Mutterbindung der Kleriker nicht nur psychologisch, sondern aus dem gegenwärtigen Stand der Theologie herzuleiten.

  • 25.05.92

    Die augustinische Gnadenlehre ist (durch ihr Verständnis des Bekenntnisbegriffs) die Grundlage der Confessiones (Flasch, S. 109).
    Die augustinische Gnadenlehre, oder die instrumentalisierte Gottesfurcht und der Terror.
    Die Rhetorik reicht von der forensischen Sphäre der Konfliktbearbeitung (Anklage und Verteidigung) bis hin zum Aufschwätzen in Politik und Geschäft (public relation).
    Die Vätertheologie insgesamt und an ihrem Ende auch Augustinus ist zum Opfer ihrer Opfertheologie geworden, die paradoxerweise der Preis war für die Rezeption der Philosophie.
    Die augustinische Gnadenlehre ist das erschütternde Denkmal seiner Auseinandersetzung mit dem philosophischen Prinzip: der mißlungenen Kritik des Herrendenkens.
    Hängen „gesinnt“ und „gesonnen“ mit „Sinn“ und „Sonne“ zusammen (nationalgesinnt und wohlgesonnen)? Dann wäre hieraus ableitbar, daß jede Sinnsuche blasphemisch ist.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes verschließt die Dinge gegen die Einsicht, gegen den „intellectus“. So war in der aristotelischen Tradition des Mittelalters der intellectus agens in der Mondsphäre angesiedelt: d.h. außerhalb des subjektiven Verstandes (Konnotation der Gnadenlehre). In der augustinischen Philosophie hängt der intellectus als Erfüllung des Glaubens mit der Gnadenlehre zusammen.
    Die Themenstellung Freiheit und Gnade bezeichnet genau die Falle, in der Augustinus sich verfangen hat. Im Rahmen dieser Themenstellung (auf der Basis des liberum arbitrium) ist eine Lösung grundsätzlich ausgeschlossen.
    Augustinus hat aus dem Sündenfall den Sündenphall gemacht, damit aber sich selbst den Bereich verschlossen, in dem allein sinnvoll von der Erbschuld hätte gesprochen werden können. Er hat an die Stelle der Zunge den Phallus (an die Stelle der Urteilslust die sexuelle Lust) gesetzt. Damit hängt es zusammen, wenn er im Kampf gegen den „bösen Treib“ seine Frau verraten hat. (Aber ist nicht vielleicht doch der Phallus in der Natur, was die Zunge in der Welt ist, und sind vielleicht beide wie Natur und Welt aufeinander bezogen?)
    Die Sexualmoral verrät den Logos (und zwar zwangsläufig: indem sie die Idee des Logos an dessen philosophische Parodie, die Übernahme der Sünde der Welt an die Herrschaft der Logik verrät).
    Die Kirche hat Jesus, indem sie supponiert, er habe die Sünde der Welt „hinweggenommen“, aufs entsetzlichste belastet und alleingelassen.
    Augustinus verfehlt sein Thema, nämlich die Gottesfurcht, die in dem Pauluswort, daß niemand sich rühmen dürfe, drinsteckt und gemeint ist, dadurch, daß er sie unmittelbar per Projektion ableitet auf die Israeliten, d.h. in die kirchliche Judenfeindschaft. Und es ist genau diese verdrängte Gottesfurcht, die dann als Ideologie des Terrors wiederkehrt.
    Daß man sich nicht seines Tuns rühmen darf, heißt nicht, daß man nicht für sein Tun verantwortlich ist. Aber dieses Mißverständnis zu vermeiden, scheint Augustinus nicht ganz gelungen zu sein. Seine Gnadenlehre hat schon etwas von jenen Exkulpationsstrategien (Rechtfertigungslehren), die dann daraus abgeleitet worden sind und das Christentum im Kern verhext haben.
    Die Realbedeutung der augustinischen Gnadenlehre läßt sich an der Feststellung ermessen, daß jeder, wenn er erwachsen wird, auch für sein Gesicht und für seinen Charakter verantwortlich wird, und daß man eines Tages nicht nur für die eigene Vergangenheit, sondern auch für die, in die man hineingeboren wird, wird Rechenschaft ablegen müssen (was das für den Christen, für den Deutschen und für den Mann heute heißt, bedarf keiner Erläuterung).
    In welcher Beziehung steht der intellectus agens zur Vergangenheit? Ist er nicht ein Stück erinnerter Vergangenheit? Und in welcher Beziehung steht er zu der Lehre von der Auferstehung der Toten oder zur Idee des Heiligen Geistes?
    Auch die Philosophie, die an der Idee des Guten sich orientiert, steht unter dem Gesetz der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des Sündenfalls.
    Omne animal post coitum triste: Ist nicht die Dämonisierung der Lust auch die Dämonisierung der Trauer (der Erinnerung)? Und steckt nicht in jeder Lust – gleichsam als das Salz, als ihre Substanz – die Trauer der vergangenen Erinnerung?
    Die Umformung des achten Gebots in das „Du sollst nicht lügen“ ist insoweit dämonisch, als es selber Lüge ist und zur Lüge verurteilt. Hieran läßt sich die paulinische Erkenntnis, daß das Gesetz zur Schuld verurteilt, demonstrieren.
    Nochmals zum intellectus agens: War nicht der Ursprung der modernen Naturwissenschaften, das Inertialsystem und dann besonders auch das Gravitationsgesetz, so etwas wie die Durchsetzung eines universalen Erinnerungsverbots (das erstmals durchbrochen wurde durch die Einsteinsche Relativitätstheorie, durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit)?
    Für das Christentum war das jüdisch-christliche Schisma der Ursprung des Erinnerungsverbots und der Identifikation mit dem Aggressor: der Rezeption des Weltbegriffs. Durchschnitten wurde die Beziehung des Weltbegriffs zum Schicksal: zur Idolatrie, zum Sternendienst und zum Opferwesen, die Erinnerung seines Ursprungs. Nur diese Erinnerung hätte das Dogma und seinen terroristischen Gebrauch verhindern können. Das Erinnerungsverbot wurde zum Grund der kirchlichen Theologie und der hierarchischen Herrschaftsstrukturen in der Kirche (ihrer Noachidisierung).

  • 24.05.92

    Ist nicht (gegen Flasch, S. 94) die Biologisierung der Erbsünde gerade eine Konsequenz des augustinischen Personalismus?
    Augustinus behandelt die Geschichte mit Esau und Jakob als Fall, an dem man ein Gesetz (die Paradoxie des Gesetzes der Gnade) demonstriert.
    Zu Psalm 5811 (5711): In dem Psalm ist das Blut der Sünder das der „Frevler“, der Herren (bei Augustinus wird daraus das Blut der Aufsässigen, schließlich der Häretiker); und der Gerechte wäscht nicht (wie die Vulgata übersetzt) seine Hände in diesem Blut, sondern er watet im Blut.
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, aber das Strafrecht läßt als Notwehr gegen die Gemeinheit des Rechts die Lüge zu. Vor diesem Hintergrund gewinnt die kirchliche Umformung des achten Gebots in „Du sollst nicht lügen“ den besonderen Sinn, die Menschen wehrlos zu machen. Konsequenz des dämonischen Gottesbegriffs. Zugleich hat sie die Gläubigen aggressiv gemacht.
    Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ definiert Wahrheit durch die subjektive Ehrlichkeit; er schränkt Wahrheit damit apriori auf das Reich der Erscheinungen ein: er ist eine Konsequenz aus der Unfähigkeit zur Reflexion des Weltbegriffs (ein Mittel im Kampf gegen die Häeresien, die selber genau dieser Unfähigkeit sich verdanken, und der Grund, aus dem die Selbstverfluchung einmal zwangsläufig erwachsen muß).
    Die gar nicht so uninteressante Frage, ob nicht der emphatische Begriff der Wahrheit etwas mit einschließt, was im Kontext der Verblendung Lüge heißt, wäre zu prüfen. Daß Generationen von Philosophen, durch die Universitätsbildung schlau geworden, nichts dabei fanden, in welchem Zusammenhang und mit welcher Bedeutung in Hegels Philosophie der Begriff der List erscheint, hängt hiermit zusammen.
    Der Teufel, der Herr der Hölle ist auch der Vater der Lüge (und Subjekt des Gelächters). Wie hängen Lachen und Lüge zusammen? Ist nicht das Lachen die infamste (weil ohne Selbstdenunziation nicht widerlegbare) Gestalt des falschen Zeugnisses (Zusammenhang mit dem Raumbegriff)?
    Zur Ableitung der Sexualmoral und der Frauenfeindschaft: Augustinus opfert im Kampf gegen seinen bösen Trieb die Frau (die namenlose Mutter seines Sohnes „Adeodatus“: wer ist hier der „deus“?). Der Marquis de Sade hat dieses Verhältnis auf den Punkt gebracht.
    Kurt Flasch mißt Augustinus an der neopaganen Idee einer unschuldigen Natur (oder der natürlichen Unschuld); er hat offensichtlich seinen Freud nicht gelesen und kennt in dieser Sache nur die – aus der christlichen, der augustinischen Tradition stammende -Alternative: Urteil oder Freispruch.
    Im jüdisch-christlichen Schisma hat das Christentum die Gottesfurcht verdrängt; damit waren die Wurzeln eingepflanzt für Gnosis und Manichäismus.
    Nach dem Verrat der Gottesfurcht, wurde im Kampf gegen die Gnosis die Idee der Schöpfung, im Kampf gegen den Manichäismus die des Gerichts verraten.
    Zum Taumelkelch und seiner Beziehung zum Hegelschen Absoluten: Ist dieser Taumelkelch nicht schon zuvor über die Trinitätslehre in die Theologie aufgenommen worden?
    Im Dogmatisierungsprozeß wurde die Warntafel mißachtet, die Jesus selbst aufgerichtet hat: Das Wort „Richtet nicht …“ enthält doch auch die ganz schlichte Konsequenz: Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils.
    Das Verbot zu lügen untergräbt die Logik und die Botschaft des Märchens; nur das Märchen eröffnet den Bereich, in dem der Teufel als dumm erkennbar wird: das aber ist das für ihn schlimmste Prädikat.
    Wo kommen Insekten in der Schrift vor? Und in welcher Beziehung stehen sie zu den Würmern, zum Gewimmel, zu den Kriechtieren -oder zur Schlange? (Und welche Blumen kommen in der Bibel vor?)
    „schuf“, „erschaffen“, „Erde“, „Himmel“.
    Zur Theorie des Feuers: das Aufspannen (des Himmels) hängt mit der Spannung zusammen, die beispielsweise auch einem Roman eignet, dessen Telos (nach Lukacs) der Tod ist. Waren die Scheiterhaufen die christlichen Erben der Moloch-Opfer? Bibel-Stellen zu „Feuer“, „Flamme“, „brennen“, „brannte“. Der Kreislauf des Wassers (der Wasser von unten und der von oben) oder der Zusammenhang von Schuld und Segen. Was bedeutet das Wort am Kreuze „Mich dürstet“ („Durst nach Gerechtigkeit“)? Hunger und Durst, Feuer, Asche und Staub. Die vierzig Tage Jesu in der Wüste, die Versuchung und am Ende die Engel, die seinen Hunger und Durst stillten. Wovon nährte sich Johannes der Täufer? Haben die Heuschrecken mit denen in der Exodusgeschichte zu tun?
    Die Orthogonalität des Raumes und die Reversibilität der Richtungen im Raum gehören zusammen. In dieser Reversibilität aber drückt die Macht des Unteren über das Obere, des Hinteren über das Vorne und der linken über die rechte Seite aus.
    Natur und Welt sind die beiden Gestalten des Für-andere-Seins als Totalität (Folge der Verirrung im Labyrinth der Mathematik: aber hat nicht die kantische Philosophie die Grenzen dieses Labyrinths abgesteckt, während die hegelsche Philosophie das Labyrinth von innen vermessen hat).
    Der Exkulpationstrieb hat seine Wurzeln in der Gewalt, die wir immer noch dem moralischen Urteil beimessen; diese Gewalt aber gründet in der christlichen Himmels- und Höllenvorstellung.

  • 22.05.92

    Wird nicht die Theologie des Augustinus erst dann durchsichtig, wenn man sein Konzept aus dem Referenzsystem der bürgerlichen Konkurrenz und Selbsterhaltung herausnimmt und auf das Problem der objektiven Erlösung der Welt bezieht, oder: wenn man die Gottesfurcht mit hereinnimmt, dazu dann allerdings auch den letzten Satz des Buches Jona. Ist nicht die Untersuchung über die Gnadenlehre von 397 ein nur leicht entstellter Traktat über die Gottesfurcht (Ausgangspunkt, daß man sich der Gnade nicht rühmen darf, mit der besonderen Problematik, daß das Thema an einen Bereich rührt, der einer „objektiven“ Darstellung nicht fähig ist)?
    Dämonische Züge gewinnt dieses augustinische Konzept aus den Prämissen, die eigentlich erst nach ihm sich durchgesetzt und verstärkt haben: aus dem Gemisch von Ohnmacht, Selbstmitleid, Konsumentenhaltung oder aus dem gleichen Grund, den Adorno einmal so zutreffend beschrieben hat: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben in der Lage ist“. Dieser Habitus der Ohnmacht im Entscheidenden, der zusammenhängt mit der Enttäuschung der Parusieerwartung, die Martin Werner als eine der Ursachen des Dogmatisierungsprozesses nachgewiesen hat. Er rührt her aus der Welterfahrung unter den Prämissen des Römischen Reiches. Zu untersuchen wäre generell, in welcher Gestalt und auf welchen Wegen der Weltbegriff in die Theologie sich einschmuggelt und zu welchen Folgen in der Theologie das geführt hat. Es ist die gleiche Ohnmacht, die im Weltbegriff sich vergegenständlicht und der die gleiche minimale Verschiebung sich verdankt, die dann die christliche Sexualmoral begründet und geformt hat, und zwar im Kontext jenes Problems, das in Begriffen wie iustificatio (Rechtfertigung oder Gerechtmachung?) und confessio (Problem der Bekenntnislogik) sich anzeigt.
    Am Ende wäre dann auch noch auf den postapokalyptischen Jonas zu verweisen, insbesondere auf den letzten Satzes des Buches Jona („Wie sollte ich mich nicht erbarmen …“). Und ist nicht in der Tat Jona die Kirche:
    – die von Anfang an sich geweigert hat, ihren prophetischen Auftrag an Ninive, „die große Stadt“, anzunehmen,
    – die nach Tarschisch fliehen wollte, ins Meer geworfen und vom Fisch gefressen wurde, in dessen Bauch sie ihren Lobgesang anstimmt, wieder ausgespien wird, nach erneutem Auftrag eine Tagesreise nach Ninive hereingeht und dort verkündet: „In vierzig Tagen wird Ninive zerstört“.
    Und dann kommt die ganze Nachgeschichte, Gottes Erbarmen und der Hader Jona’s mit Gott, den Gott mit seinem Hinweis auf sein Erbarmen beendet.
    Es geht beim Augustinus nicht um die Synthese von Gnade und Freiheit, und wer auf den manifesten Sinn der augustinischen Erörterungen sich einläßt, ist schon verloren.
    Sind nicht die Erörterungen des Augustinus in erster Linie Erörterungen zum Problem der Gottesfurcht, und werden sie nicht zwangsläufig mißverstanden, wenn man sie unter dem Stichwort Gnadenlehre liest?
    Das Problem des Augustinus scheint mir darin zu liegen, über das Nichtrühmen das „Richtet nicht …“ in die Gnadenlehre hereinzubringen.
    Kommt nicht das Problem auch dadurch, daß A. ein typologisches mit einem historischen Problem (oder ein prophetisches mit einem philosophischen) verwechselt?
    Die Ethik ist eine Richtschnur des Handelns; zu einem Element der Erkenntnis wird sie in dem Augenblick, in dem sie als Grund des moralischen Urteils nicht mehr verwendbar ist, d.h. wenn sie reflektiert und bewußt aufhört, Wertethik zu sein.
    Ich bin zweimal beim Versuch, eine Dissertation zu schreiben, gescheitert:
    – das erstemal an Max Schelers Wertethik, deren obszöne und blasphemische Strukturen herauszuarbeiten gewesen wären;
    – das zweitemal an einer Arbeit über Hume, an dessen radikalem Empirismus ich die Probleme des kantischen und hegelschen Erkenntnisbegriff noch einmal aufarbeiten wollte (Zusammenhang von Ich-Identität und Dingbegriff).
    An beiden bin ich gescheitert.
    Hat dieser Begriff des Scheiterns etwas mit dem Scheiterhaufen zu tun? Jedenfalls verdanke ich es Karl Jaspers, wenn ich das Scheitern nicht nur als etwas Negatives erfahren habe, wenngleich ich den gleichen Horror vor der jasperschen Heroisierung des Scheiterns habe. Mir scheint es käme eher darauf an, eine Theorie des Feuers aus dem Begriff des Scheiterns zu entwickeln, in dem Sinne, in dem Franz von Baader einmal die hegelsche Philosophie das Autodafe der bisherigen Philosophie genannt hat.
    Die Theorie des Feuers als Entfaltung einer Theorie der rettenden Kritik: Diese Theorie fände sich dann in der Theologie als Lehre vom Heiligen Geist wieder. Eines ihrer ersten Objekte wäre die verdinglichte Feuerlehre der vergangenen Theologie: die Lehre von der Hölle und vom Fegefeuer (vgl. Le Goff)
    Erinnerung an Karl Kraus, an „Die letzten Tage der Menschheit“, in denen er das Wiener Cafehaus zugleich als Logenplatz des Weltuntergangs und Produktionsstätte der Phrase, die die Welt in Brand gesetzt hat, vor Augen führt. Dieses Cafehaus definiert letztmals die Grenze von Fegefeuer und Hölle und markiert genau ihren historischen Ort. Und sind nicht „Die letzten Tage der Menschheit“ die Probe aufs Exempel jener Stelle im Jakobusbrief, die von der menschlichen Zunge handelt, und sind diese Zungen nicht wieder ein Exempel für die Feuerzungen im Pfingstereignis der Apostelgeschichte? Dazu das Jesus-Wort „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“.
    Die Logik des Schreckens ist die Logik des Bekenntnisbegriffes. Sie hängt zusammen mit der Beziehung von Lachen und Schrecken, und das wäre zu entfalten.
    Das Bilderverbot richtet sich gegen die Trägheit des Vorstellens, somit auch gegen die Mathematik: Läßt sich deren Beziehung zur Sprache vielleicht einer Theorie des Feuers bestimmen?
    Ursprung und Folgen der Sexualmoral: Verwechseln heut nicht alle den Kampf mit den Windmühlen mit dem Kampf gegen den Drachen?

  • 17.05.92

    Ist nicht die besondere Eigenschaft der Exponentialfunktion die, die auch ihre statistische Anwendung begründet, daß sie selbstreferentiell ist. Diese Eigenschaft hängt zusammen mit ihrer Beziehung zu den trigonometrischen Funktionen.
    Gehört zu den Begriffen Natur und Welt nicht als dritter Totalitätsbegriff der des Bekenntnisses dazu; und hat dieser nicht sogar eine (gnoseologische) Schlüssel- und Angelfunktion, die nur deshalb so schwer zu ermitteln und zu durchschauen ist, weil er genau den blinden Fleck in diesem System bezeichnet? Als Deckbegriff über das durch die Totalitätsbegriffe Natur und Welt Verdrängte begründet und sichert (exkulpiert und neutralisiert) er ihre gegenständliche Funktion und Bedeutung.
    Das Lippenbekenntnis ist die Verhinderung des Zungenredens oder die Sünde wider den Heiligen Geist.
    Effekt der Sexualmoral: die Verdinglichung des Menschen. Die Vergesellschaftung der Sexualmoral, die sich dem Christentum verdankt, macht alle zu Richtern über alle; durch sie halten sich die Menschen gegenseitig in Schach und werden so prinzipiell beherrschbar. Ist hierzu nicht die Abtreibungsdebatte das letzte Rückzugsgefecht?
    Die „religiöse Erneuerung“ nach der pornokratischen Phase der Papstgeschichte, die u.a. zur kirchlichen Zölibatsregelung führte, hat damit diese Funktion der Sexualmoral in der Kirche verankert (Verschiebung der Zentrums vom Unrecht zum Sittenverfall). Sie hat den Grund gelegt für die wachsende Frauenfeindschaft (bis hin zu Hexenverfolgung) und für die naturwissenschaftliche Aufklärung (Ursprung des Trägheitsbegriffs und des Inertialsystems). Die Sexualmoral hat durch die Verdrängung dessen, was mit dem Angesicht und dem Namen bezeichnet wird, die Schuld unentrinnbar im Objekt verankert: Grund und Ursprung des modernen Materiebegriffs. Zusammenhang von Sexualität, Geld und Trägheitsprinzip.
    Die Sexualmoral war der Grund der kollektiven Neurose, die in jedem Dorf den dorfeigenen Dorfidioten produzierte.
    Die heutige Gestalt der Sexualmoral ist die neidbestimmte Empörung über Geld. Beide hängen zusammen mit einem naturbezogenen Unschuldsbegriff: Die Menschen sind von Natur unschuldig und werden schuldig erst durch Handeln (Recht, Personbegriff und Zurechenbarkeit).
    Das Problem der natürlichen Unschuld, die Bekenntnisse des Augustinus (die Sünden des Säuglings), kirchliche Gnadenlehre und Ursprung der Kindertaufe (im direkten Widerspruch zum Wort Jesu über die Kinder). Auflösung durch den Begriff der Sünde der Welt (es gibt einen Zeitpunkt, an dem jeder die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen muß).
    Die Rechtfertigungsrhetorik „Ich habe doch niemanden umgebracht“ grassierte nicht zufällig in der Zeit des Judenmords in Deutschland.
    Die Orthogonalität begründet den Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung mit dem Rechtfertigungszwang.
    Was bedeutet das Wort vom „erhöhten“ Christus: Steckt darin die Beziehung zur Herrschaftsgeschichte, die auch im Symbol des Kelches steckt und mit der Geschichte von Gethsemane zu tun hat?
    Bezieht sich das Wort von der Ersetzung des steinernen Herzens durch ein fleischernes Herz auf Petrus? Und wie verhält sich das zu dem rätselhaften ebenfalls auf Petrus bezogenen Wort: „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du dein Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 2118), das sich auf seinen Tod beziehen sollte? Was bedeutet die Geschichte mit dem Schwert und dem Knecht Malchus, und dem rechten Ohr, das Petrus abschlägt und Jesus wieder anheftet; und was heißt Malchus?

  • 08.05.92

    Eine der ersten Gestalten der Reflexion und Bestimmung des Inertialsystems war die Diskussion um das liberum arbitrium.
    Der Ursprung der Mechanik in der christlichen Sexualmoral: Die Diskriminierung der sinnlichen Lust war der Anfang der Vertreibung der Sinnlichkeit aus den Objekten, der Anfang ihrer Verdinglichung. Übrig geblieben sind die raum-zeitlichen Verhältnisse und der blinde und stumme Stoß. Das Angeblickte blickt nicht mehr zurück und antwortet nicht mehr: Ursprung der Verdrängung, Zusammenhang von Abstraktion und Verdrängung.
    Raum und Sinnlichkeit: das Sehen (die Optik) gehört zu Vorn und Hinten, das Hören (die Akustik) zu Rechts und Links, das Gefühl (die Schwere) zu Oben und Unten. Drückt sich in der Relation von Licht- und Schallgeschwindigkeit (Sehen und Hören) nicht mehr aus als nur ein isolierter physikalischer Sachverhalt? Sind Riechen und Schmecken als innere Sinne auf die Zeit bezogen (das Riechen als Erinnerung, das Schmecken – durch seine Beziehung zur sapientia – als utopischer Sinn)? Auch Gott riecht: Es gibt für ihn den „süßen Duft des Opfers“.
    Irritation durch die Vorstellung der Organverpflanzung: Ich glaube, mir würde es schwerfallen, mit einem Fremdorgan in meinem Körper mich abzufinden. Aber sind nicht auch die Flugzeuge und die Satelliten Fremdkörper am Himmel?
    Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: Macht euch nicht gemein mit den Wölfen! Ist das „Allgemeine“ nicht auch in dem Sinne wörtlich zu verstehen, daß es die Gemeinheit als All, als die alles durchdringende Totalität vor Augen stellt?

  • 07.05.92

    Kelch und Kreuz: Ist mit dem Kreuz im Nachfolge-Rat schon das Kreuz von Golgatha gemeint? Muß, wer das Kreuz auf sich nimmt, den Kelch trinken?
    Die Unbelehrbarkeit (Produkt aus Schuld und Verstockung) ist eine Konsequenz aus der Sünde wider den Heiligen Geist. Sie kann weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden.
    Jungfrauengeburt und die sogenannte „Enttäuschung der Parusieerwartung“: In beiden spielen die Mechanismen eine Rolle, die man in dem Konzept von Objektivierung und Instrumentalisierung zusammenfassen kann.
    Alle Kosmogonien haben mit dem Urknall gemeinsam, daß sie sich um die Idee der Schöpfung herummogeln, den Naturbegriff als Totalitätsbegriff festhalten wollen.
    Zu den Confessiones des Augustinus:
    – Für ihn war das Bekenntnis als Symbolum in erster Linie etwas, das sich in seiner Beziehung zu Gott abspielte; es war esoterisch, der Gottesfurcht oder der Scham unterworfen.
    – Vor den Menschen war es vorab ein Schuldbekenntnis, ein Sich-wehrlos-Machen, ein „Akt der Demut“, und zugleich ein Bekenntnis der Befreiung, mit dem Anreiz für andere, es nachzumachen. Hierin ist der ursprüngliche Sinn des Bekenntnisses noch sichtbar, aber hier ist genau der Punkt bezeichnet, an dem es umkippt in ein konfessionelles Bindemittel.
    – Das zweite große Bekenntnis in der europäischen Geschichte, das des Rousseau, ist eigentlich nur noch exkulpatorisches Bekenntnis, Bekenntnis einer schuldlosen Schuld, das glaubt, im „Zurück zur Natur“ einen Fluchtweg aus dem Schuldbewußtsein, aus der Gottesfurcht gefunden zu haben, und das dann zwangsläufig in den christologisch instrumentierten Naturbegriff führt. Es kein Zufall, daß Rousseau, die Etablierung des modernen Naturbegriffs, diese zugleich ungeheure und subkutane Wirkung gehabt hat, in der gesamten Geschichte von Spinoza über den deutschen Idealismus bis hin zu Derrida.
    – Welche Sünden bekennt Augustinus:
    . die Gier und die Eifersucht des Säuglings,
    . den Diebstahl des Heranwachsenden und
    . die Sexualität des jungen Mannes, wobei er das moralische Problem nicht in der Trennung von der Frau, mit der er zusammengelebt hat, sieht, sondern nur in der sexuellen Beziehung, die er vor der Trennung gehabt hat. Diese Kälte ist die Kirche seitdem nicht mehr losgeworden. Indiz des Zusammenhangs der kirchlichen Unsterblichkeitslehre mit dem bürgerlichen Prinzip der Selbsterhaltung, das über diese Unsterblichkeitslehre (und durch die Aufnahme des Tauschprinzips in die bürgerliche Moral) gleichsam seine theologische Weihe erhält.
    – Beim Augustinus ist der Kontext des ungeheuerlichen Wortes vom Binden und Lösen noch mit Händen zu greifen. Hat nicht dieses Binden und Lösen nicht sehr viel mit dem gordischen Knoten zu tun: den Alexander, Schüler des Aristoteles und erster Welteroberer, nur durchschlagen und nicht gelöst hat? Alexander ist geradezu die historische Verkörperung jener Beziehung von Philosophie und Herrschaft, die dann durch die Rezeption der Philosophie und durch die Übernahme des Erbes Roms in der Konstantinischen Ära von der Kirche übernommen und verinnerlicht worden ist, mit all den Folgen, die das gehabt hat.
    – Im Anfang (im Zusammenhang mit dem Satz „inquietum es cor nostrum …“) kommt die Differenz zwischen dem Anrufen Gottes und der Kenntnis Gottes zur Sprache, ohne daß sie wirklich entfaltet wird. Ist nicht das „inquietum …“ ein Fluchtversuch aus dem Bereich der Gottesfurcht?
    – Ist nicht der augustinische Gott – wie der philosophische -stumm, und wird er nicht gerade durch die dogmatische Logos-Spekulation zum Verstummen gebracht? Was ist das für ein Gott, in dem ich ruhen könnte?
    Zur euklidischen Geometrie: Ein Dreieck in einer Ebene enthält sechs Bestimmungselemente: drei Längen und drei Winkel. Von diesen sechs Elementen müssen drei gegeben sein, um ein Dreieck eindeutig zu bestimmen, mit der einen Ausnahme: Durch drei Winkel werden nur ähnliche, nicht gleiche Dreiecke bestimmt (Grund ist u.a., daß aufgrund der mathematisch bestimmten Winkelsumme der dritte Winkel keine unabhängige Größe darstellt, sondern durch die Festlegung der beiden anderen mitbestimmt ist).
    Hat das Rosenzweigsche Konstrukt Gott Welt Mensch etwas mit dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang zu tun, oder auch mit dem Verhältnis von Raum und Umkehr: Oben/Unten, Rechts/ Links und Vorne/Hinten (und zwar genau in dieser Reihenfolge)? Und gründet die Ebenbildlichkeit des Menschen in der Abbildlichkeit, in der abbildlichen Beziehung des Vorne und Hinten zum Oben und Unten? Für Gott gibt es kein Hinten, für den Menschen kein für ihn gegenständliches Unten (aus diesem Satz läßt sich die gesamte Moral ableiten).
    Die Subjektivität der kantischen Formen der Anschauung wird bei Kant selber nachgewiesen durch die Antinomien der reinen Vernunft.
    Israel ist der Augapfel Gottes; deshalb entspringt mit dem Versuch, der Gottesfurcht zu entgegehen, gleichsam hinter den Rücken Gottes zu gelangen, der Antisemitismus.
    Es ist wahr: Mit dem Ursprung des Protestantismus war die häresienbildende Kraft in der Kirche erschöpft. Aber ist die Frage nicht interessanter: Wo und unter welchen Bedingungen ist die häresienbildende Kraft in der Kirche entstanden, wo ist sie entsprungen? Die Lösung dieser Frage würde die Lösung des Rätsels des Christentums mit einschließen.
    Die apologetische Bemerkung in der Einleitung zu den Minima Moralia über die Bedeutung der individuellen Erfahrung für die Philosophie wäre ihres apologetischen Charakters zu entkleiden und als schlichter sachlicher Quellpunkt einer neuen Selbstbegründung der Philosophie zu bestimmen.

  • 16.04.92

    Ist die Erde eine Kugel? Oder ist der Vergleich von Mond und Apfel zulässig? Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: Kann von der Größendifferenz von Körpern abgesehen werden: Wenn nicht bei Maus und Elefant, weshalb dann bei Erde und Sonne, bei Apfel und Mond (Differenzen ergeben sich schon aus der unterschiedlichen Relation von Masse und Oberfläche; welche anderen Probleme sind vergleichbar; Grenzbereiche Gravitation und Licht: warum ist es nachts dunkel)? Warum können Bäume nicht in den Himmel wachsen? Wie begründet ist die Rückrechnung aus dem Gravitationsgesetz auf das „Gewicht“ der Sonne und der Planeten? Kann man die Sterne auf die Waage legen? Ist das Problem des Planetensystems und der Sternenwelt das Korrelat des Quantenproblems in der Mikrophysik (der Korpuskel-Welle-Dualismus)?
    Ist der Raum als „Form der Gleichzeitigkeit“ (und nicht nur als Form der Anschauung) zu halten? Ist der Blick in die Sternenwelt ein Blick in die Vergangenheit? Kann angesichts des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die Vorstellung eines nach allen Seiten unendlich ausgedehnten Raumes, seine gegenständliche Stabilität, noch gehalten werden? Ist hierauf nicht die theologische Tradition, wonach die Erbschuld sich über die sexuelle Lust fortpflanzt, anzuwenden: Ist nicht die Vorstellung des unendlichen Raumes (deren Entstehung mit der Hexenverfolgung zusammenfällt) Produkt dieser „Fortpflanzungslust“? Und erweist sich nicht damit:
    – diese Fortpflanzungslust als Grund der Urteilslust, und
    – und die „kopernikanische Wende“ als die entscheidende Wende im Prozeß der Verinnerlichung des Patriarchats, des Sexismus, der Vergewaltigung als System?
    (Der Raum und das Lachen, der Raum und das Gericht; Fortpflanzung: Zusammenhang von Zeugung und Zeugnis; Stellenwert und Bedeutung der Sexualmoral im Christentum: Zusammenhang mit dem Weltbegriff; gegenseitige Stabilisierung von Ökonomie und Natur; das Problem der Größe reflektiert sich in der Ökonomie im Schuldenproblem: vgl. Hegels Satz über den Zusammenhang des bürgerlichen Reichtums mit der Armut).
    Hängt diese Bedeutung des Raumes mit dem trinitarischen Zeugungsbegriff (der Vergeistigung der Genealogie) zusammen?
    Der Raum ist das Gattungswesen von Welt und Menschheit. Und die subjektiven Formen der Anschauung sind die anonymisierten Repräsentanten der Gesellschaft im eigenen Innern.
    If the future will be like the past: Die Frage, ob Erkenntnisse, die anhand der Vergangenheit gewonnen werden, sich auf die Zukunft übertragen lassen, hat im Konzept des Inertialsystems ihre instrumentalisierte Antwort („Lösung“) gefunden. D.h. die Zukunft, die wir so begreifen, ist die Zukunft des Futur II, die zukünftige Vergangenheit. Und dieses Futur II ist die Grundlage des hypostasierenden Denkens, der transzendentalen Logik und der synthetischen Urteile apriori: der Urteilsform. Es verstrickt sich ins Herrendenken, schließt den Schöpfungsgedanken aus (der dann im Rahmen der domestizierten Theologie als creatio ex nihilo dem kapitalistischen Bewußtsein sich einverleiben und zugleich unschädlich machen läßt; er setzt dann die Grenze zwischen Barbaren und Wilden, als Reflexionsgestalten der Zivilisation).
    Zusammenhang mit der Selbstverblendung des Kapitalismus, an der alle partizipieren: Rekonstruktion des blinden Flecks im Zentrum dieses Systems? (Apokalyptische Vorstellungen Reagans, Bushs „Neue Weltordnung“; Grenada, Irak, Lybien; Problem Israel)
    Erst wenn wir das Problem des Gravitationsgesetzes lösen, stürzt Babylon.
    Christentum heißt auch: Unsere Zukunft liegt in der Vergangenheit. Und das etablierte Christentum hat alles getan, um die Vergangenheit des Vergangenen zu stabilisieren (sich der Auferstehung in den Weg zu stellen). Darauf bezieht sich die Geschichte von den drei Verleugnungen (Warten auf den Hahnenschrei).
    Derrida ist der Drewermann der Philosophie.

  • 13.04.92

    „Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in seiner Bewegung, welche, – da in ihm nichts stät und, was fest ist, versteinert ist, – nach außen geht, ein elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und Ermattung.“ (Hegel, Rechtsphilosophie, S. 355) Hier, im Entstehungsprozß der „Welt“, ist der Staat noch (nach innen und nach außen) ein Natur- und Gewaltverhältnis, welches die Griechen dann im projektiven Begriff der Barbaren nach außen projizieren, indem sie das Gewaltverhältnis selber als Vernunft verinnerlichen, sich zu Herren dieses Gewaltverhältnisses machen. Das Gelingen drückt sich im Begriff der Welt aus. Heute, da die Verhältnisse des „äußeren Staatsrechts“, die Hegel zufolge Natur- und Gewaltverhältnisse geblieben sind, über die nicht mehr zu domestizierende Ökonomie im Innern der Staates sich reproduzieren (der Weltbegriff zu Protest geht, Außengewalt und Innenrecht trübe sich vermischen, der Begriff an der dezisionistisch-autoritären Gestalt der Souveränität zerbricht, der „Rechtsstaat“ als Ausnahmezustand sich etabliert – vgl. Carl Schmitt), sind wir zu Akteuren des gleichen Weltuntergangs geworden, gegen den wir zugleich (als bloße Zuschauer) uns selbst verblenden. Rückfall in den orientalischen Staat: in die „inner-liche Ruhe“ der Idiotie des Privatlebens, „Versinken in Schwäche und Ermattung“.
    Auch das ist Erbe der Hegelschen Philosophie (oder ihr prophetischer Gehalt): daß im Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die Nationalismen aufbrechen mit z.T. barbarischer Gewalt. Der Zusammenhang von Marktwirtschaft und Nationalismus läßt sich erkennen an dem Zusammenhang von Geldwertstabilität und Außenhandelsbilanz, an dem gleichen Zusammenhang, der die westliche (insbesondere aber die deutsche) Wirtschaftspolitik bestimmt, und der Hegels Satz, „daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, … dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“ (Rechtsphilosophie, S. 245), auf die fatalste Weise bewahrheitet: Die Wirtschaftspolitik des Westens begreift deshalb in erster Linie die Steuerung der Armut als ihren Export nach außen (ähnlich wie zur gleichen Zeit der Antisemitismus als Israel- / Palästinenserproblem in den vorderen Orient exportiert wurde).
    Hat die Schöpfung etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb des Firmaments zu tun? – Vgl. die biblischen Brunnengeschichten (Rebekka, Rahel, die Samariterin und das „lebendige Wasser“).
    Die Christologie hat etwas mit dem Versuch, den Logos zum Verstummen zu bringen, zu tun, ihn in einen Heros umzumünzen (der dem Stern der Erlösung zufolge stumm ist).
    Die Eucharistie und das falsche Gedächtnis, oder genauer: als Verhinderung des Gedächtnisses und damit als Gericht. Das ist der Sinn des Satzes „Wer es unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht“.
    Zur Sexualmoral: Verworfen ist nicht die sexuelle Lust an sich, sondern die Lust an der Gewalt in der sexuellen Lust, der Sexismus. Die christliche Sexualmoral züchtet den Vergewaltiger. Daran hat sich entzündet, was Nietzsche den Willen zur Macht genannt hat: das stumme Genießen.
    Das Angesicht ist immer das Angesicht des Andern, das eigene sieht man nur im Spiegel, und da seitenverkehrt (und d.h.: nicht ohne die Vertauschung von Rechts und Links). Hinter dem Rücken und im Spiegel: das sind die beiden Vertauschungen von Vorn und Hinten und von Rechts und Links. Gibt es in der Schrift einen Hinweis auf den Spiegel (Narziß ist einer der Ursprünge der Philosophie)? Vgl. 1 Kor 1312: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“, und insbesondere Jak 123: „Wer das Wort nur hört, aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet“.
    Der Spiegel (oder die Reflexion) gehorcht dem Gesetz des Raumes, er macht alles seitenverkehrt (vgl. die „verandernde Kraft des Seins“). Die Physik sieht alles von hinten und zugleich spiegelverkehrt (Zusammenhang von Stoß und Reflexion).
    Wer sich selbst im Angesicht der Andern sieht, d.h. wer sich der Welt anpaßt, sieht sich selbst nicht mehr.
    Das Wahrnehmen des Angesichts des Andern ist die Umkehr; insofern ist die Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele.
    Die Schule als Recyclings-, als Abfallproduktions- und -verwertungsanlage (zum geschichtsphilosophischen Stand des Wissens).
    Die Begriffe Natur und Welt enthalten als Totalitätsbegriffe einen terroristischen Anteil.
    Es gibt weder eine Geschichtstheologie, noch eine Heilsgeschichte. Wenn die Philosophie innerhalb der Theologie ihren Platz finden soll, dann weder unter dem Begriff der analogia entis, noch als ancilla theologiae, sondern allein unter dem Begriff des Millenariums, der Bindung des Satans. Mit der Kraft zu lösen (mit ihrer Umkehr) könnte die Kirche endlich auch den noch unverbrauchten Gnadenschatz freisetzen.
    Die Hauptresultate der Einsteinschen Theorien liegen in ihren Ansätzen, nicht ihren Ergebnissen: im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und dessen Beziehung zum Inertialsystem und im Konzept der Identität von träger und schwerer Masse (Bindung des Trägheitsprinzips an die Gravitation, vergleichbar dem Zusammenhang von Tauschprinzip und Schuldknechtschaft).
    Die Bindung des Tauschprinzips an die Schuldknechtschaft ist der Grund, weshalb man die Geschichte des Militärs und der Rüstung an der Geschichte der Banken wird messen können.
    Die Israel-Theologie der Marquardt u.a., aber auch die Antizionismus-Darstellung Heinsohns, übersieht, daß wir das Problem produziert haben: Haben wir da nicht auch ein Stück Mitverantwortung für jene, denen wir es aufgeladen haben, für die Palästinenser?

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