Sexualmoral

  • 05.04.92

    Robert Spaemann, der am Sexualakt das Schwinden des Bewußtseins (den Verlust der Identität?) glaubt konstatieren zu müssen, wäre darauf hinzuweisen, daß in der Schrift der gleiche Akt Erkenntnis genannt wird (Hinweis auf den Ursprung des christlichen Sexualtabus; Zusammenhang von sinnlicher Erkenntnis, Glück und Freiheit: sapientia/sapere; Verdrängung der Fähigkeit, human zu sein; Mißverständnis des Begriffs der Erbschuld: nicht in der sexuellen Lust, sondern in der moralischen Urteilslust, in der Lust am Urteil über Sexualtität?).
    Spaemanns Sexualfurcht scheint vom Augustinus zu stammen; sie ist ein Teil des christlichen Vorurteils insofern, weil sie zu jenem Weltbegriff gehört, der die Natur in den Zustand der Bewußtlosigkeit verdrängt und somit Erkenntnis im theologischen Sinne überhaupt verhindert. Diese Bewußtlosigkeit charakterisiert und bestimmt sowohl das Verhältnis von Subjekt und Prädikat im Urteil, das Verhältnis der Dimensionen im Raum, der Materie zur sinnlichen Welt, das wechselseitige Verhältnis der sieben Schöpfungstage, als auch das Verhältnis des Personbegriffs zum Angesicht und noch einiges weitere.
    Gegen Spaemann wäre auch noch hinzuweisen auf das paulinische „Kauft die Zeit aus“: auf den notwendigen Versuch, diese Todesgrenze durch Erinnerungsarbeit zu durchstoßen.

  • 02.04.92

    Der Personbegriff ist eine Emanation der Scham, mit der die Menschen nach dem Sündenfall auf die neue Fähigkeit reagiert haben, sich selbst von außen zu sehen (als „persönlich“ wird alles empfunden, was an die Scham rührt). Als Personen befinden sie sich endgültig hinter ihrem eigenen Rücken (Zusammenhang mit dem Ursprung der Sexualmoral). Oder anders: Die Person ist der Statthalter der Welt (und die Scham Index der Schuld der Welt) im eigenen Innern. So klärt sich auch der historische Zusammenhang der Person mit der Maske (deren Vorläufer und Modell waren die Opfer), sowie der genetische Zusammenhang des Personbegriffs mit dem Ursprung der Trinitätslehre und des Dogmas und mit dem Ödipuskomplex (mehr noch als der angebliche „Sexualismus“ Freuds war die instinktive Erfahrung, daß das Konzept vom Ödipuskomplex an die Wurzeln des kirchlich-christlichen Selbstverständnis rührte, Grund der kollektiven Entrüstung, die die Psychoanalyse ausgelöst hat).
    Mit der Vorstellung des unendlichen Raumes wird die Immanenz als Schuldzusammenhang irreversibel und unentrinnbar. Es bleibt nur der Wille zur Macht, der bewußtlos schon den Ursprung und die Struktur des Dogmas beherrschte.
    Drei Bedeutungen des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit:
    – selbstreferentielle Beziehung zum Inertialsystem,
    – exzentrischer Status des Inertialsystems (äußerliche Beziehung zum Objekt),
    – Neubestimmung des Status der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und ihrer Beziehung zum Objekt.
    Die Kopenhagener Schule ist der lebendige Beweis für die Gültigkeit des Satzes vom Balken und vom Splitter (Inertialsystem als Balken im eigenen Auge).
    Industrialisierung der Splitterproduktion: Inertialsystem, Geld und Bekenntnis als Balken. Aufzulösen nur durch die siebenfache Umkehr?
    Eine Volkskirche ist nur als Bekenntniskirche vorstellbar und ist insoweit zwar real, aber eine contradictio in adjecto. Es gehört zu den Symptomen der Hilflosigkeit der Kirchen gegen den Nationalsozialismus, daß ausgerechnet eine „Bekennende Kirche“ zum Symbol des Widerstands gegen den Faschismus geworden ist.
    Der Fall Drewermann ist nur ein Symptom dafür, welch entsetzliche Verwirrung im Prozeß des Zerfalls der autoritären Strukturen in der katholischen Kirche um sich greift:
    – als Unfähigkeit der Theologen, das reale Wahrheitsmoment in der kirchlichen Tradition noch wahrzunehmen, und
    – als Unfähigkeit der Kirche, mit solchen Konflikten umzugehen.
    Die Grundversuchung ist heute die Versuchung zur Komplizenschaft; sie hat ihren Ursprung im pseudotheologischen Kontext von Rechtfertigung und Bekenntnis.
    Empörung als Unterhaltung: „Kritische Sendungen“ sind affirmativ, weil sie nur der Empörung ein Ventil (und dem Zuschauer das gute Gefühl, sich selbst durch Empörung seine Moral und seine Unschuld zu beweisen) verschaffen, aber nichts ändern. Das Ganze erinnert mich an Habermas, der sich (gegen Benjamin, Horkheimer und Adorno) durch sein Bekenntnis zur Unabänderlichkeit der Natur das Alibi des Kontemplativen verschafft hat, nicht mehr im Ernst an eine Änderung der Dinge denken zu müssen. Heute ist die Empörung zur Grundlage der Zustimmung geworden. Empörung ist der Genuß des Zuschauers an der Folter (er entspricht dem Genuß des Voyeurs an der Pornographie und dem Beifall im Konzert). Nicht gegen das Unrecht, sondern gegen die Ohnmacht, in die einen der Anblick des Unrechts versetzt, gilt es anzugehen. Aber ist dieser Kampf gegen die Ohnmacht am Ende doch nur noch mit Hilfe der Theologie (mit der Hilfe dessen, was Benjamin die „göttliche Gewalt“ genannt hat), möglich? Jede andere Gewalt – insbesondere die der „Medien“, die an die Bedingungen der Öffentlichkeit (des Andersseins) gebunden bleibt – bleibt in das Unheil verstrickt und reproduziert es. „Allein den Betern kann es noch gelingen …“: aber anders als es das fromme Gemüt sich vorstellen kann. Erst wenn das Gebet zur Gewalt wird … Oder: Wie ist es möglich, die Politik Gottesfurcht zu lehren? Und: Ist die Abschaffung der Folter erst nach (oder zusammen mit) der Änderung auch der Natur möglich? (Sieg Hitlers in der Fernseh-Demokratie? Erst die Ästhetisierung der Wirklichkeit durchs Fernsehen verwischt jene Differenz, die Grenzen in Politik und Recht allein möglich macht: Bedingung des Friedensvertrags, Neugründung des Rechts.)

  • 08.03.92

    Die Geschichte der Banken als Geschichte der Rationalisierung und Instrumentalisierung von Schuld, als Grund der Herrschaftsgeschichte (die gnoseologische Funktion der Banken).
    Wird „Staub“ bei der Schlange und bei Adam (bei der Verfluchung nach dem Sündenfall) durch das gleiche Wort bezeichnet? Ist Staub das Produkt und das Medium des Falls?
    Bezeichnen Eigenschaft, Qualität und Ausdruck den gleichen Sachverhalt?
    Der immer noch unbegriffene Entwicklungsschub in diesem Jahrhundert (und seine seismographische Wahrnehmung im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts), die Katastrophen dieses Jahrhunderts (die beiden Weltkriege sowie die technologischen Anpassungsversuche an den Entwicklungsschub in Faschismus und Sozialismus): Besteht nicht die Gefahr, nachdem diese Katastrophen bisher nur schicksalshaft hingenommen wurden, daß die nächste Katastrophe die vorausgegangen nur noch übertreffen kann?
    Wenn die Kirche das Gewissen der Welt ist, dann ist die jüdische Tradition seit dem Urschisma das verdrängte und externalisierte Gewissen der Kirche, Indiz und Katalysator der Veräußerlichung des kirchlichen Gewissens (Grund der kirchlichen Judenfeindschaft).
    Gehöre nicht das Buch Jona und das Buch Tobit auf eine verdeckte Weise zusammen? Der Jona im Bauch des großen Fisches, ist das nicht die andere Seite des blinden Tobit?
    Ist nicht das Bild des Kessels (nicht nur bei Jer) mehrfach verbunden mit dem des Nordens (der linken Seite) und mit dem des Dampfdrucks? Und ist dieser Dampfdruck der zu Herrschaftszwecken instrumentalisierte Druck der Schuld? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Dampfdruck, den vier Winden, dem Hauch Gottes, der ruach? – Stichworte: Kessel (Topf), Dampf, Norden, Wind.
    Die Beziehung Hebräer / Barbaren wird mit bestimmt durch die ironische Verdoppelung (Kollektivierung) des ‚br, die den Namen in einen Begriff verwandelt.
    Elemente der Josefsgeschichte:
    – Hebräer / Barbaren,
    – der hebräische Sklave,
    – Potiphars Frau und der Ursprung der Sexualmoral,
    – Schuldknechtschaft, Gefängnis, Traumdeutung (vgl. die Daniel-Geschichte),
    – Erhebung zum Vizekönig (Vorgeschichte der Königsgeschichte), Tempel- und Vorratswirtschaft, Ursprung des Geldes, Geschichte der ursprünglichen Akkumulation, – Vorgeschichte des Hofjuden (Jud Süß-Paradigma),
    – Hebräergeschichte: Ansiedlung als (diskriminierte) Kleinviehnomaden im Land Gosen, Sklaverei, Exodus.
    Zur Königsidee in Israel: Buch der Richter, der Sohn des Jerubbaal und die Jotams-Fabel; Samuel, Saul, David; Saul, David, Salomo; Richter- und Königsgeschichte als Abfallgeschichte; Übergang von der Richter- und Stammengeschichte zur Königs- und Volksgeschichte (Vorspiel Jakob / Israel); Ergänzung der Richtertradition durch die sakramentale Königstradition, Ursprung der Messiasidee. Vorgeschichte des Weltbegriffs, auf den dann (als anders richtende Instanz) die Messiasidee sich bezieht: im Christentum Zusammenhang von Logosidee und Übernahme der Sünde der Welt. Der Messias stammt aus der weltbegründenden Königstradition, die dann umschlägt in die des Weltenrichters.
    Ist auch Ibn Daud ein „Sohn Davids“?
    Zum Bekenntnisbegriff: das Bekenntnis des Namens (homologein) klingt weit eher an den Begriff der Heiligung des Gottesnamens an, und gewinnt da seine Wahrheit, als an den modernen Bekenntnisbegriff. Erst wenn die Bitte um Heiligung des Namens mehr wird als ein frommer Wunsch, bekommt das Programm der Entkonfessionalisierung der Kirchen einen konkreten Inhalt.
    Eine Jogginggruppe: Die Leute nehmen wirklich nichts mehr wahr (und möglicherweise ist das der Zweck des Jogging: die Einübung der Zerstreutheit); obwohl ich schon so nahe wie möglich am Rande des Weges ging, hätten sie mich fast übergelaufen.

  • 04.03.92

    Gegenstand des Buches Hiob ist nicht die Theodizee, sondern die Schöpfungslehre und die Gottesfurcht (Anthropodizee). Die Theodizee, die Vorstellung, daß Gott sich rechtfertigen müsse, ist der genaueste terminus a quo der Umkehr. Die Theodizee gehört wie der ontologische Gottesbeweis zu den Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategien.
    Es wäre eine ebenso interessante wie lohnende Untersuchung, festzustellen, welche Zweifel die Kirche zuläßt und welche sie sanktioniert. Differenzen hinsichtlich der Schöpfung, der Wunder, der Auferstehung lösen keine Konflikte mehr aus, aber die Jungfrauengeburt und die Unfehlbarkeit des Papstes dürfen öffentlich nicht in Frage gestellt werden, weshalb?
    An der Physik hat sich die Kirche die Finger verbrannt, und das gebrannte Kind scheut das Feuer.
    Die Gottesfurcht, die Weltkritik und das Angesicht sind für die Kirche leere Hülsen geworden.
    Es ist die Rolle des Zuschauers, in die die Theologie die Gläubigen versetzt, die dann zwangsläufig die Frage der Rechtfertigung nach sich zieht, die nach dem richtigen Leben aber erstickt.
    Mit der Rezeption der Philosophie hatte die Kirche schon ihren Frieden mit der Welt geschlossen; deshalb ist sie heute unfähig, den Stand der Dinge zu erkennen.
    Der Begriff der Buße klingt heute so sehr nach demütigendem Herrendenken, daß der Ursprung im Begriff der Umkehr nicht mehr erkennbar ist.
    Die Kirche hat mit Petrus und gegen Maria Magdalena die dreifache Leugnung gewählt und die Umkehr ausgeschlagen.
    Kann das „Deus sive natura“ des Spinoza nicht auch bedeuten, daß die im modernen Naturbegriff zum Schweigen gebrachte Theologie die Sprache wiederfinden muß (deshalb Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt). Das Nest der Widersprüche im Naturbegriff löst sich nur zusammen mit der Selbstreflexion des Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie.
    Spürt man in Adornos Philosophie nicht doch einen Hauch von Katholizismus?
    Die Gemeinheitsautomatik (siehe die Stasidiskussion) hat die fatale Eigenschaft, daß sie den Verlierer an den Pranger stellt, während der Gewinner fein heraus ist (Zusammenhang mit dem „pathologisch guten Gewissen“ der Angeklagten in Nazi-Prozessen).
    Die Gemeinheitsautomatik und die Rechtfertigungsmechanismen – das gesamte Schuldverschubsystem – mit Verschiebung und Projektion gründen in der Sprachverwirrung: in der Beziehung des Raumes, der Mathematik, zur Sprache. Erst mit der Herrschaft des Inertialsystems ist das Eine zum Anderen des Anderen geworden.
    Unterscheiden sich Mythos und Offenbarung nicht wie der Naturkreislauf und die Genealogie? Und ist nicht die zentrale Bedeutung der Sexualmoral im Christentum begründet in der Vergeistigung der Genealogie in der Trinitätslehre und der Verinnerlichung des Opfers? Die Kritik der Sexualmoral und die Kritik des verdinglichten Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie, gehören zusammen.
    Zum Traum in der Bibel (bei Joel werden in den letzten Tagen die Greise Träume und die Jünglinge Visionen haben, während die Söhne und Töchter wie auch die Knechte und Mägde weissagen, jedoch nicht die Väter und Mütter, auch nicht die Herren): Sind es nicht in der Regel die Träume der Könige (Nebukadnezar/Daniel; Pharao/Josef), aber auch Josef träumt (er werde König über seine Brüder), auch Jakob und Salomo. Dagegen fällt Adam in Tiefschlaf, als Eva erschaffen wurde, auch Abram (Gen 1512, vgl. auch Hi 413). Außerdem gibt es die prophetische Entrückung (Elias, Ezechiel, Habakuk). Gibt es im NT keine Träume (außer den Träumen Josefs im Zusammenhang mit der Geburt und der Kindheitsgeschichte Jesu, dem Traum des Zacharias bei der Geburt des Johannes, dem Traum der Frau des Pilatus, dem Traum des Paulus vor der Griechenmission, dann in Korinth, in Jerusalem, auf dem Schiff vor Malta, dem Traum des Hananias bei der Bekehrung des Paulus, dem Traum des Kornelius vor dem Auftrag zur Heidenmission an Petrus), nur Besessene und die Austreibung von Dämonen?
    Vgl. Sir 133: Das Traumbild ist ein Spiegel: ein Abbild des Gesichts gegenüber dem Gesicht selbst. – Bezeichnet hier das „Gesicht“ sowohl das reale Gesicht als auch die Vision?
    Sind unsere Theologen nicht wie die blinden Hühner, die auch gelegentlich ein Korn finden, aber kein Hahn darunter?
    Gehört nicht der episcopus zum Anfang jener Geschichte, die mit den Aufsehern endet?

  • 29.02.92

    Bemerkenswert, daß schon Philo die Hebräer mit den Fremden und den Nomaden in Zusammenhang bringt (vgl. Feld: Der Hebräerbrief). Bei Feld bekommt der Nomaden-Hinweis durch Beziehung zum Pilger-Begriff einen ganz anderen Klang und andere Konnotationen.
    Der Personbegriff ist das Instrument der Selbstinstrumentalisierung und -vergesellschaftung, Grund der Trennung von Seele und Leib und Neutralisierung der Differenz zwischen dem eigenen Urteil über mich selbst und dem Urteil von außen. Genau das drückt aber das Im Angesicht Gottes aus, das um keinen Preis verwechselt werden darf mit dem Urteil von außen (das die Gottesfurcht neutralisiert). Das Gewissen ist aber andererseits nicht bloß subjektiv, nicht frei verfügbar. Es hat seine eigene, von der vergegenständlichenden Kraft des Raumes unterschiedene Objektivität. Das Im Angesicht drückt eine Objektivität aus, die nicht die des Äußeren ist.
    Das Paradigma „Übernahme der Sünde der Welt“ ist nur im Zusammenhang mit der Lehre von der Auferstehung der Toten zu halten. D.h., es schließt die Vergangenheit mit ein (im Gegensatz zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, die sie verdrängt).
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Frauen in der Bibel und der Lehre von der Auferstehung der Toten? Vgl. hierzu die Hinweise bei Feld (im Zusammenhang der Frage, ob Priscilla den Hebräerbrief geschrieben hat).
    Der erweckte Lazarus war der Bruder der Maria und Martha. Und unterm Kreuze Jesu standen die Frauen (und Johannes, der Jünger, den der Herr lieb hatte), die gleichen Frauen, die am dritten Tage hingingen, um dem Toten die letzte Barmherzigkeit zu erweisen, während die übrigen Jünger nach Galiläa geflohen waren.
    Ist die Unsterblichkeit der Seele ein männliches und die Auferstehung der Toten ein weibliches Konzept? Und ist die unsterbliche Seele nicht der unsterbliche Weltgeist?
    Die Kopenhagener Schule verwechselt die Maden in der Leiche mit der Auferstehung der Toten.
    Steinigung und Scheiterhaufen sind geschlechtsneutrale Arten der Todesstrafe (die Isolationshaft ist eine technische Perfektionierung des Scheiterhaufens), die Kreuzigung ist männlich. – Hat der Staat das Recht, die Umkehr zu fordern (was er damit fordert, ist das genaue Gegenteil: ein Zu-Kreuze-kriechen – die Erfüllung der Wünsche derer, die kreuzigen)? Oder: Hat der Staat ein Gesicht?
    Scham und Beschämung beziehen sich auf das Antlitz, und die Geschichte des Sündenfalls ist eigentlich die Geschichte der Zerstörung des Antlitzes.
    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt: Israel ist der Augapfel Gottes. Das Aaron-Gebet: Lasse dein Antlitz leuchten über uns.
    Instrumentalisierung des Angesichts in der Reklame: Funktion des Bildes der Frau und der männlichen Stimme.
    Das Angesicht verbindet den optischen mit dem sprachlichen Bereich; es ist die schmale Pforte aus dem Raum in die Sprache.
    Gibt es einen geschichtsphilosophischen Zusammenhang zwischen der Erfindung der Pille (der technischen Neutralisierung der Sexualität) und den paranoiden Rückzugsgefechten der Kirche zu den Fragen der Empfängnisverhütung und Abtreibung?
    Ist nicht beim Karol Woityla (und auf andere Weise im pokerface katholischer „Würdenträger“, in der „Prälatenmaske“) die sexuelle Regression und Obsession schon physiognomisch erkennbar?
    Wäre nicht die Stasi-Debatte der Anlaß, sich endlich über das Verfahren, das keineswegs von einer bestimmten Ideologie abhängig (nicht Sozialismus-spezifisch) ist, ins Reine zu bringen: den Zusammenhang von Paranoia und Bespitzelung; die Unfähigkeit, Probleme offen und frontal, aber ohne Gewalt, auszutragen. Aber dieses „Hinter dem Rücken“ ist so tief im gegenwärtigen Stand der Dinge verwurzelt, daß wir schon aus Gründen der Selbstentlastung die Stasi jetzt als Sündenbock brauchen.
    Umweltverschmutzung: Wurde nicht die „reine Natur“ (das Ziel der Rousseauschen Parole „Zurück zur Natur“) immer schon als eine von den Menschen (zumindest von den anderen, den Fremden: der Gesellschaft und ihren Zwängen, damit aber auch vom Verstand und von der Sprache) befreite Natur verstanden?
    Das sogenannte Asylantenproblem ist sicherlich auch Teil des Versuchs, ein Ersatzobjekt für die gesellschaftlich produzierten Umweltprobleme bereitzustellen. Schmutz: das war neben Abfall, Staub, Fäkalien immer auch alles, was an Sexualität erinnerte, an die eigenen Unzulänglichkeiten, an eigenes Versagen, an Schuld, an „Schweinereien“, an Dreck.
    Umweltverschmutzung von innen: Wer das Umweltproblem mit der sogenannten Bevölkerungsexplosion in Verbindung bringt, hat nichts begriffen.

  • 27.02.92

    Die Definition des Personbegriffs durch Boethius spiegelt exakt dessen Beziehung zum Weltbegriff wider.
    Ist das Antlitz der Erde nur in Beziehung zum Himmel bestimmbar (verschwindet es mit dem Himmel; und ist die Astronomie der Beginn der Verweltlichung des Himmels: Ursprung des Weltbegriffs)?
    Wie unterscheidet sich der im Anfang erschaffene Himmel, von der Feste, vom Firmament, das dann Himmel genannt wird? Umgekehrt wird das am ersten Tag geschaffene Licht nach seiner Trennung von der Finsternis Tag genannt.
    Gegenüber der biblischen Schöpfungslehre sind alle anderen Kosmogonien stumme, naturwüchsige Entstehungsprozesse, frühe Vorboten des Urknalls.
    Intendierte die Hexenverfolgung bewußtlos die Vernichtung der Frauen, ähnlich wie der Antisemitismus die der Juden?
    Gibt nicht ein Teil des Feminismus dem Tertullian nachträglich auf eine zugleich ironische und fürchterliche Weise recht: Diese Welt ist (ähnlich dem tertullianischen Himmel) ein Ort, an dem eigentlich nur Männer leben können, und Frauen nur dann, wenn sie „wie Männer“ werden.
    Zu den sieben unreinen Geistern: Sind es in der einen Geschichte nicht eigentlich acht: nämlich der eine mit den sieben, mit denen er zurückkehrt. Maria Magdalena wurde hingegen nur von den sieben unreinen Geistern befreit (ist sie von dem ersten nie besessen gewesen? War dieser erste der bekennende und an die Sexualmoral gebundene Geist? Und war es nicht Jesus selber, der dieses Bekenntnis unterbunden hat?). Gibt es eine Beziehung der sieben unreinen Geister zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes?
    Nach der Beweislogik liegt das entscheidende Schuldkriterium nicht in der Tat, sondern in ihrer Beweisbarkeit (in den „Tatsachen“): d.h. im Erwischtwerden. Jeder Trick, jede List, jede Gemeinheit ist erlaubt, solange sie nicht nachweisbar sind. Und die Beweisbarkeit ist z.T. eine Machtfrage. Heute hat jeder Staat einen Geheimbereich. Und die Beweisbarkeit wird u.a. von der Macht über die Akten bestimmt.
    Wozu braucht der Staat einen Geheimbereich? Und was bedeutet der Begriff des Verrats (und was heißt konspirativ)? Auch der Staat hat seine „Intimsphäre“; nicht zufällig heißt das Kabinett Kabinett.
    Was unterscheidet den Staatsschutz vom Verfassungsschutz?
    Die Petrus-Stellen und die Stellen mit den Dämonenaustreibungen (und Krankenheilungen).
    Es gibt Theorien, die auf eine zugleich aufschließende Weise falsch sind.
    Der Materialismus war insoweit eine demokratische Weltanschauung, als er die Vergesellschaftung von Herrschaft vorangetrieben hat. Aber eben damit hat er Herrschaft auch unkritisierbar gemacht; und seitdem wird Herrschaftskritik als Rangordnungskritik, nicht mehr als Strukturkritik verstanden. Eben damit ist Herrschaft zum Subjekt-Objekt von Gewalt geworden, zu der es keine Alternative mehr gibt.
    Das Angesicht und die Bischofsmaske (das maskenhafte Gesicht katholischer Bischöfe): Ist es nicht der episcopus (der „Aufseher“), der das Antlitz Gottes usurpiert?
    Das Angesicht und das „Gehirn“-Paradigma (Innen und Außen; Zwang, ein Zugrundeliegendes hinzuzudenken).
    Wo sind heute die Hildegard von Bingen, die Katharina von Siena oder die Brigitta von Schweden?
    Für und gegen die Möglichkeit von Naturphilosophie spricht Adornos Konzept vom Eingedenken der Natur im Subjekt.

  • 26.02.92

    „Schöpfung aus dem Nichts“: Läßt sich das „Nichts“ unabhängig von der mathematischen 0 (Null) und vom mathematischen – (Minus), d.h. unabhängig von Raum und Zeit (und nicht als leerer Raum oder als das Nichts vor dem Anfang), überhaupt denken? Im Begriff einer Schöpfung aus dem Nichts läßt sich das Nichts von der Zeit nicht trennen (hier bezeichnet es das Nichts „vor“ der Schöpfung): so wird die Schöpfungstat selber in die Zeit versetzt, anstatt die Zeit als geschaffen zu begreifen. Der Anfang der Hegelschen Logik reflektiert diesen Tatbestand. Gibt es ein Nichts, das nicht auf unser Wissen, sondern auf die Realität bezogen ist; gibt der Satz „Wieso ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ überhaupt Sinn?
    Sinn gibt der Begriff einer „Schöpfung aus dem Nichts“ nur, wenn er auf die Welt (auf den historischen Ursprung der Welt) bezogen wird, nicht jedoch im Kontext des Schöpfungsbegriffs der Genesis.
    Im Raum bezeichnet die 0 (Null) die „Grenze“ zwischen Rechts und Links (Im Angesicht und Hinter dem Rücken, Oben und Unten), zwischen + (Plus) und – (Minus), zwischen positiver und negativer Richtung, in der Zeit den Anfang, während das Nichts vor dem Anfang gleichsam als negative Zeit (als Vergangenheit) zu fassen wäre (im Raum als Gegenrichtung: als das Hinter dem Rücken, die Linke, das Unten). In der Tat verschwimmt die Bedeutung des Nichts zwischen 0 (Null) und – (Minus), und wird den Widerspruch nicht los, daß beide (wie die Besitzlosigkeit oder die Schulden, die einer hat) real sind.
    Das Nichts steckt in der Orthogonalität (im Verhältnis der Dimensionen im Raum, aber auch im Verhältnis des Raumes zur Zeit und zur Materie, die ebenfalls orthogonale Strukturen aufweisen).
    Bekommt dieses „Nichts“ durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht einen ganz anderen Sinn? Ist hier die Physik in ihr eigenes Nichts eingedrungen?
    Die Unfähigkeit, das Nichts zu reflektieren hängt mit der Unfähigkeit zusammen, Schuld zu reflektieren (Zusammenhang des Begriffs der Schöpfung aus dem Nichts mit der christlichen Sexualmoral).
    Das Staunen, das in Heideggers Satz anklingt „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“, drückt genau die Paranoia aus, die seit dem Ursprung der Philosophie das philosophische Staunen, wenn nicht den Ursprung der Philosophie selber, bestimmte. Die gleiche Paranoia ist über die Idee der Schöpfung aus Nichts in die Theologie eingewandert. Hier liegt der Grund der Dogmatik.
    „Im Anfang erschuf Gott …“, und „im Anfang war das Wort“; jeder Gedanke an ein Davor, an ein „vor dem Anfang“ ist paranoid, und zwar ebenso paranoid wie die nur scheinbar banale Frage „Was habe ich denn vom Leben gehabt“.
    Es gibt kein allgemeines Nichts; verantwortbar ist nur die bestimmte Negation.
    Hängt die Bedeutung der Astronomie für die Geschichte der Zivilisation mit der Erfindung der Null zusammen (Zusammenhang mit dem elliptischen Zahlensystem, mit den beiden Brennpunkten 0: Grenze der Addition und Subtraktion, der positiven und negativen Zahlen, und 1: Grenze der Mulitplikation und Division, der Zahlen >/< 1)?
    Babylonische Zahlen (hexagesimal): Sekunden, Minuten, Stunden; der Tag hat 24 Stunden: die nächste Einheit wäre 2,5 Tage? Ein Monat ist das 12-fache, ein Jahr das 144-fache dieser Einheit?
    120 ist die Summe aller Zahlen von 1-15, 153 von 1-17, 276 von 1-36.
    Die islamische Ibrahim-Geschichte, in der Abraham erkennt, daß Sonne, Mond und Sterne keine Götter, sondern nur endliche Dinge sind, wäre heute auf den Naturbegriff insgesamt zu übertragen.
    Repräsentiert die Null den Raum (ebenso wie die Leere oder den Punkt)?
    Die Kirche verhält sich zu ihren Gläubigen wie Ärzte zu Todkranken: sie verschweigt ihnen die Wahrheit.
    Patriarchat und Entfaltung des Raumbewußtseins: Kern der patriarchalischen Gesellschaft ist die (väterliche) Macht der Vergangenheit über die Zukunft: die durch Reflexion nicht aufzulösende subjektive Form der äußeren Anschauung: der Raum, in der Sprache der Zusammenhang von Futur und Hypostasierung, in der Theologie das Bekenntnis und die Bekenntnislogik.

  • 20.02.92

    Die verstummen machende, demütigende Macht des Raumes: Außen und Innen sind Reflexionsbegriffe, nur daß mit der Vorstellung des unendlichen Raumes das Außen eine unendliche (insbesondere die Sprache zerstörende) Übermacht gewinnt. Diese Übermacht des Außen entspricht der des Todes (das Objekt dieser Übermacht ist ebenso wenig mehr erreichbar wie ein Toter); deshalb ist Naturphilosophie heute nur noch als (die vor vierhundert Jahren versäumte) Trauerarbeit möglich.
    Stehen die sieben Tage (des Schöpfungswerks) eigentlich unbedingt in einer zeitlichen Folge? – Vgl. die sieben unreinen Geister.
    Was bedeuten das koph und resch im Namen der Rotte Korach (Vorfahren der Sängergilde im Tempel von Jerusalem)?
    Mit dem Hinweis auf die Schuldknechtschaft benennt Gunnar Heinsohn das Moment, das in der Tat geeignet ist, der Verwendung des Marxismus zu Herrschaftszwecken die Grundlage zu entziehen. Insoweit ist seine Kritik am Tauschprinzip-Paradigma begründet: Über das Tauschprinzip ist der Schein des technologischen Verständnisses des Marxismus begründet. Aber indem Heinsohn das Tausch-Paradigma ganz verwirft, bleibt er selbst in einem technologischen Verständnis der Schuldknechtschaft stecken und vermag den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Naturkatastrophen nicht zu erkennen (nach Auschwitz wiederum vollends unverständlich); deshalb muß er konkretistisch auf Naturkatastrophen rekurrieren, um sich die altorientalische Geschichte verständlich zu machen. Die Schuldknechtschaft gehört zum Tauschprinzip wie die Gravitation zum Trägheitsgesetz (Naturgrund von Herrschaft).
    Im Namen der Venus klingt heute noch der Grund nach für den prophetischen Zusammenhang von Sternendienst und Hurerei. Hier liegt auch der bis heute verborgene Grund der kirchlichen Sexualmoral.

  • 18.02.92

    Die Kirchenväter haben aufgrund der Rezeption des Weltbegriffs und in der Konsequenz des philosophischen Erkenntniskonzepts die Schuld von der Urteilslust (dem Grund des Weltbegriffs) auf die Sexuallust verschieben müssen, mit den bekannten dogmatischen Folgen für die Theologie. Diese Theologie war nicht nur Teil, sondern Avantgarde und „Erfüllung“ der philosophischen Aufklärung; hiernach war das jüdisch-christliche Urschisma (und die anschließende Folge der Häresien) zwangsläufig; und die biblische Tradition wurde nur noch soweit mit einbezogen, wie sie das philosophische Konzept stützte (und das war nicht mehr ohne Mißverständnisse und Fehlinterpretationen möglich).
    Müßte es bei Reinhold Schneider nicht anstelle „das Schwert ob unsern Häupten“ heißen „das Schwert in unsern Händen“? Bedienen wir nicht selber das „Schwert ob unsern Häupten“?
    Was ist der Unterschied zwischen Antlitz, Angesicht und Gesicht? Ist
    – das Antlitz: das expressive Gesicht (der erscheinende Eindruck, den die Welt im Gesicht hinterläßt, Ausdruck der Welterfahrung und Gegenstand der Physiognomie: das leidende Gesicht des Opfers: vgl. das „Antlitz“ der Erde),
    – das Angesicht: das sprechende Gesicht im Dialog mit anderen und
    – das Gesicht: die Verkörperung des aktiven und passiven Sehens?
    Vgl. Rosenzweigs Konstruktion des Angesichts Gottes im „Stern der Erlösung“ und Bubers Übersetzung des Schöpfungsberichts („Braus Gottes brütend über Urwirbels Antlitz“).
    Ist nicht die Ontologie eine moderne (mit dem „christologischen“ Naturbegriff gemeinsam entsprungene und diesen Naturbegriff stützende) philosophische Disziplin, zu deren Voraussetzungen die Entstehung der Hilfszeitverben und der Personalpronomina (und die Großschreibung der Substantive, die das Objekt mit Bedeutung auflädt, um die des Subjekts zu steigern) gehört? – Beachte die Doppelbedeutung von Bedeutung (die wie der Begriff des Sinns sowohl den Inhalt eines Prädikats als auch den Rang, den ein Prädikat einem Subjekt verleiht, bezeichnet: das Prädikat verleiht dem Subjekt „Sinn“, den es als namenloses Objekt von sich aus nicht gehabt hätte). Diese Doppelbedeutung (z.B. des Heideggerschen „Sinn des Seins“) ist der gebrochene Widerschein des Namens in der namenlosen Sphäre des Begriffs.
    Gehören die griechische und die lateinische Sprache (als ontologische Sprachen) in den Kontext des Ursprungs des Weltbegriffs, und sind die modernen europäischen Sprachen nicht schon „nach-weltliche“ Sprachen (von der Instrumentalisierung ergriffen und verfremdet, deshalb grammatisch durchorganisiert)?
    Dadurch daß Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, hat er ihn auch kenntlich gemacht.
    Die Geschichte vom Hasen und vom Swinegel mit dem „Ick bün all do“ beschreibt das Grundparadigma der Hegelschen Logik. Wie der Swinegel un sin Fru sind bei Hegel das Eine und das Andere ununterscheidbar.
    Die griechische Zivilisation war zweifellos keine Menschenrechts-Zivilisation, sondern eine Zivilisation, deren Daseinsgrund die Durchsetzung der Rechte einer Herrenschicht (der Rechte der Privateigentümer) war.
    Begriffliches Denken bewegt (und verstrickt) sich in jenem Schuldverschubsystem, das möglicherweise in der Geschichte vom gordischen Knoten sich versteckt (Alexander hat den Knoten bloß durchschlagen, nicht gelöst).
    Hat der gordische Knoten, den Alexander durchschlagen, nicht gelöst hat, etwas mit dem Rätsel der Sphinx (und seiner „Auflösung“ durch Sokrates, dem Urbild der Hegelschen „List der Vernunft“) zu tun, und in welcher Beziehung steht er zur Binde-und Lösegewalt der Kirche?
    Toledot: Steht zwischen Vater und Sohn die Erschaffung der Welt? Und ist der Himmel die Erneuerung des Antlitzes der Erde?
    Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, hängt mit der „Übernahme der Sünde der Welt “ zusammen („auf daß du lange lebest auf Erden“).
    Das Christentum verstößt seit den Anfängen seiner gesellschaftlichen Ausbreitung gegen das Gebot, Vater und Mutter zu ehren: Grund ist die Patriarchalisierung und Vergeistigung der Trinitätslehre und die (damit zusammenhängende) Verteufelung der Vergangenheit und Tabuisierung der Erinnerung.
    Wer waren die beiden „Schächer“ (Lk 2339ff – „den einen rechts, den anderen links“ 2333)? Und was bedeutet der Ausdruck „Schächer“?
    Rousseau und die Sehnsucht nach einer stummen und menschenfreien Natur: Ziel der Ökologie-Bewegung? Er sucht die Unschuld vor dem Sündenfall, nicht die Versöhnung, möchte die Last der Sprache abwerfen.
    Gibt es im Gesetz das Hammurabi vergleichbare Gebote zu denen des Dekalogs (Du sollst Vater und Mutter ehren, Du sollst kein falsches Zeugnis geben …)? Die Regelung, daß ein Rechtsstreit gerichtlich nur möglich ist, wenn der Streitgrund durch Zeugen oder Vertrag nachprüfbar ist (vgl. Universalgeschichte der Schrift, S. 233), ist das Gegenteil der Gebote des Dekalogs: Hier werden erstmals die im Rahmen des Rechts unvermeidbaren Lücken für die Gemeinheit definiert, wird das Recht als Mittel der Berechenbarkeit des vom Tauschprinzip bestimmten Handelns begründet.
    Thales: Alles ist voller Götter; und Epikur siedelt die Götter in den Zwischenräumen der Welt an.
    Im Urteil entspringen die Begriffe auf der Seite des Prädikats; sie sind – wie das Prädikat, das Verb im Satz – zeitlich bestimmt; sie drücken das Verhältnis der Dinge zur Zeit, die Macht der Zeit über die Dinge aus. Damit hängt die Bedeutung des Raumes für die Begriffsbildung zusammen (Inbegriff des Begriffs und der Trennung von Prädikat und Subjekt, Begriff und Objekt; deshalb muß der Raum selber unbegrifflich: reine Form der Anschauung sein).
    Eine Botschaft erwartet eine Antwort, während man von einer Nachricht nur betroffen ist (Bedeutung der Medien; Sensation und Betroffenheit; Exkulpation des Zuschauers durch Skandalenthüllung).
    Ist nicht das Problem, das Adorno mit seinem „ersten Gebot der Sexualmoral“ angesprochen hat, ein gemeinsames Problem der drei großen Offenbarungsreligionen (der Funktion des unaufgeklärten Weltbegriffs in ihnen)?
    Die Verdinglichung unter der Herrschaft des Weltbegriffs fixiert die Menschen an das mit der Sexualmoral bezeichnete Objekt, und die Lösung von den „Schuldgefühlen“ löst das Problem nicht. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral“ ist nur ein anderer Ausdruck für das (es ist ein Teilaspekt dessen), was im Evangelium die „Übernahme der Sünde der Welt“ heißt.
    Das Inertialsystem ist nicht nur ein Apriori der Physik, sondern zugleich eines des Historismus und der (Bekenntnis-)Theologie; seine Kehrseite sind der Nationalismus und das Sexualtabu. Die Benjaminsche Kritik der Vorstellung einer homogenen Zeit schließt die Kritik des Inertialsystems mit ein.
    Die Aufdeckung der Scham: geschieht das nicht real in der „sumerischen“ Schrift?
    Das Gewissen ist das Organ des Ursprungs der Sprache.
    Wenn der Spiegelbericht stimmt, dann scheint die Konfliktunfähigkeit vom Drewermann ein Reflex und Korrelat der Konfliktunfähigkeit der Kirche zu sein; sie gehorcht dem gleichen Prinzip der Verdinglichung.
    Wenn man den johanneischen Namen des Logos ins Hebräische zurückübersetzte, wie würde er dann heißen, und was würde er bezeichnen? Enthält der Name des Logos nicht den Anspruch, daß hier die Schrift-Tradition in reale Sprache zurückübersetzt wird und darin sich erfüllt?
    Das heideggersche „In-der-Welt-Sein“ und die objektlose Angst sind der genaueste Ausdruck des „Schreckens um und um“.
    Zur Idee des Islam: Die Ergebenheit kann sich nur auf das ungerechte Schicksal, das ich selbst erleide, beziehen, nicht auf das ungerechte Leiden, das anderen zugefügt wird.
    Die lösende Kraft des Weinens und die Erschütterung Jesu vor der Auferweckung des Lazarus (Joh 1133ff – Ursprung und Idee des Logos).
    Steinigung und Verbrennung (in der postchristlichen Moderne: Hängen, Enthauptung, Guillotine, elektrischer Stuhl, Gift): welche Todesart verhängt der Islam?
    Alle drei Offenbarungsreligionen lehrten einmal das Zinsverbot. Durch die kapitalistische Wirtschaftsweise ist dieses Verbot von der Realität selber unterlaufen worden; es ist nicht mehr anwendungsfähig, aber damit zum Urteil über diese Welt geworden.
    Es ist die Orthogonalität, die den Raum zu einem gerichteten, und damit zu einem richtenden System macht. Und wenn heute Politiker von „unserem Rechtsstaat“ sprechen, dann meinen sie ein vergleichbares System. Der Staat ist in der Tat zu einem nützlichen Instrument in den Händen derer, die von ihm Gebrauch machen, geworden. Gegen die, die bloßes Objekt des Systems sind, richtet er seine richtende, zerstörerische Gewalt, sowohl nach innen wie nach außen. Neutral ist Technik nur für den Herrn, niemals für die Beherrschten (außer durch Identifikation mit dem Aggressor: durch Idolatrie oder Chauvinismus).
    Die „Persönlichkeit“ ist es nur in den Augen der Welt, und die Person ist das sich selbst entfremdete Antlitz, das Gesicht, von außen gesehen. Im Personalausweis beansprucht der Staat die Herrschaft über unser Gesicht. Zerstörung des Angesichts durch die Person, Ursprung der Hörigkeit?
    Im Lichte der Kritik der reinen Vernunft wird man sagen dürfen, daß das Dogma die Theologie als Erscheinung präsentiert, aber nichts über die Dinge an sich sagt.
    Hat die Barmherzigkeit der Kirche heute nicht Ähnlichkeit mit der der Ärzte, die einem Kranken einreden, er sei nicht krank.
    Es gibt einen Zugang zur Theologie, wenn man sie aus dem Gefängnis des Bekenntnisses befreit und in das Licht ihrer praktischen Konsequenzen rückt.
    Wer einen anderen anschwärzt, wäscht sich damit nicht selbst rein.
    Dur sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Übersetzt heißt das: Du sollst über sie hinter ihrem Rücken nicht anderes reden als in ihrem Angesicht; genauer: du sollst, wenn du über einen Abwesenden redest, seinen Redepart mit übernehmen. So ist im achten Gebot eigentlich schon die Umkehr mit einbegriffen.
    Wie kann ER sein Angesicht leuchten lassen über uns, wenn wir nicht umkehren.
    Die Habermassche Vorstellung, daß „hinter den Erscheinungen“ das „An sich“ nicht zu finden ist, ist wahr, bedarf aber der Ergänzung: Wir können die Dinge wenden wie wir wollen, wir bleiben immer hinter ihrem Rücken, wir bleiben immer im „Reich der Erscheinungen“, der Weg heraus ist allein der labyrinthische der Umkehr.
    Ist das Herniederfahren Gottes in Babylon der Ursprung der Idolatrie? Und ist das Telos dieses Herniederfahrens nicht der Minotaurus und der Rückweg der labyrinthische?
    Für wen sind die Israeliten Hebräer? Zunächst für den Pharao und für die Philister, aber auch für Assur und Babylon? Worauf bezieht sich beim Ezechiel das Wort von der Hurerei und den Leichen der Könige? Sind das die Philister (die Liebhaber der Astarte), und sind es die Pharaonen?
    Die Rechtfertigungstheologie verhindert die Gottesfurcht.
    Die Kirche verstrickt sich immer mehr in ihren Fundamentalismuszwängen: Vgl. dazu die Schibboleth-Geschichte im Buch der Richter (Ri 126).

  • 12.02.92

    Kann es sein, daß der Materiebegriff der Physik (träge und schwere Masse) aufgrund der Systemkonstruktion mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit konvergiert, daß beide – nur unter divergierendem Aspekt – die gleiche Sache bezeichnen? Genauer: daß sie die Grenze des Systems zum „Objekt“, das selber projektive Züge trägt, bezeichnen? Dingbegriff Folge einer selbstreferentiellen Spiegelung am Inertialsystem: wie hängt der Begriff des Dings mit dem der Sache zusammen – lateinisch = res; Trennung erst im Deutschen, mit der zusätzlichen Konstituierung des „Sachverhalts“, der „Tatsache“? Dingbegriff und Sexualmoral.
    Das Christentum verrät den Logos und wird selbst böse und gemein, wenn es die Übernahme der Sünde der Welt durch Exkulpierungsmechanismen (durch Unterwerfung unter Verweltlichungszwänge, durch Verschiebung des moralischen Schuldprinzips von der empörungsbereiten Urteilslust auf die Sexuallust: Grund der Personalisierung und der Verdinglichung, Ursprung der Naturwissenschaften) ersetzt.
    Physik und Vergewaltigung.
    Der Begriff des Allgemeinen ist ebenso wörtlich zu nehmen wie der des Universalen: Die Gemeinheit des All gründet in der Herrschaft des Identitätsprinzips, der Einheit, dem logischen Kern des Universums. Schon das Verhältnis der Totalitätsbegriffe Welt und Natur, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind, widerspricht dem Prinzip der Universalität, untergräbt seine theoretische Kompetenz.
    Nicht die neutralisierte räumliche Beziehung von Innen und Außen, sondern die fundamental-ethische Beziehung von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“ ist das theologische Grund-Paradigma. Die Ebenbildlichkeit Gottes ist an das menschliche Antlitz, nicht an den Personbegriff oder an den der Seele gebunden. Das menschliche Antlitz (in der Präsenz des Feindes und des Opfers) ist der Platzhalter und Widerschein einer Wahrheit, die nicht an der Angemessenheit des Begriffs an die Sache und am kommunikationstheoretischen Konsens sich mißt, sondern an der Idee der Errettung und Versöhnung, das messianische Objekt im Reich der Erscheinungen.
    Das Relativitätsprinzip (das Einstein nicht entdeckt, sondern seines quasi-absoluten Charakters entkleidet hat) ist das Paradigma des mathematisch-naturwissenschaftlichen Abstraktionsgesetzes. Mit dem Relativitätsprinzip konstituiert sich nicht nur das „Inertialsystem“, sondern mit ihm das gesamte Reich der naturwissenschaftlichen „Erscheinungen“. Grund sind jene mathematischen Eigenschaften des Raumes, seine Homogenität und Isotropie, die ihm die Eigenschaft der Selbstreferenz verleihen, ihn zu einem reinen Bilde seiner selbst machen. Die Bewegung des Raumes in sich selbst, die seine Struktur, seine Qualität, nicht ändert (nicht affiziert), ist, als reale, zeitliche Bewegung gefaßt, das Äquivalent einer materiellen Bewegung im Raum.
    Die „kantische Konstruktion eines Ding an sich“ (Habermas, TuK, S. 18) resultiert nicht aus einer Spiegelung, die „hinter den Erscheinungen“ noch etwas zu suchen hätte, sondern verweist darauf, daß die Erscheinungen selber die Dinge hinter ihrem Rücken betrachtet präsentiert. Trotzdem ist das platonische Höhlengleichnis falsch: das An sich ist im Antlitz präsent. Und das Suchen „hinter den Erscheinungen“ ist Opfer des Vorrangs des „Außen“ vor dem „Innen“: zieht das „hinter den Erscheinungen“ in das Graviationsfeld der Erscheinungen mit herein (Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: exzentrischer Charakter des Inertialsystems, Kritik der Kopenhagener Schule).
    In der inversen Beziehung von Barbaren und Hebräern drückt sich eine Beziehung zur Schrift aus: die Barbaren sind von der Schrift (und vom Subjektsein) ausgeschlossen (sie stammeln, können nicht artikuliert reden), die hebräische Schrift schließt das Subjekt von sich aus (sie ermangelt der Artikulation und erzwingt die theophoren Namen in Israel: jeder hebräische Satz ist – ohne jeden Artikel – „Spruch des Herrn“). Die Israeliten leben im Angesicht der Sprache, nutzen sie nicht instrumental. Der Gebrauch und das Fehlen der Vokale sowie die gegensätzlichen Schreibrichtungen verweisen auf die sinnliche Grundlage dieser Differenz. Das Christentum ist in der anbivalenten Situation, sowohl Israel als auch die Griechen zu beerben, ohne bis heute begriffen zu haben, daß das nur über die simultane Errettung des hebräischen und des barbarischen Elements möglich ist. Aber das Dogma wollte dem mosaischen Stammeln sich entziehen; der Preis: die Instrumentalisierung der Wahrheit, ist jedoch zu hoch.
    Jede Schrift ist eine fremde, gleichsam eine hebräische Schrift; deshalb verlernen heute die Menschen die Sprache. Die grammatische Logik der Schrift ist von der der Sprache zu unterscheiden: das „Sein“, die Zeitformen des Futur I und II, die Hypostasierung der Substantive, der Akkusativ bezeichnen sprachlogische Strukturen, die mit der Logik der Schrift konvergieren, sie vorbereiten, zum Ursprung der Schrift dazugehören. Die Vorstufe dieser Schrift ist der Mythos, ihre sich entfaltende Logik die Bekenntnislogik (oder die Urteilslogik, und deren Grund das Verhältnis der reinen Äußerlichkeit). Dagegen enthält die hebräische Schrift die verbleibende Fremdheit, das Anderssein, als ein konstitutives, ihre Ausdruckskraft und ihren Wahrheitsbezug determinierendes Element in sich. Die hebräische Schrift sträubt sich gegen die Formen der sprachlichen Vergesellschaftung, die der griechischen Schrift – und den folgenden europäischen Schriften, die das Ergebnis der griechischen Revolution sich aneignen, deren Opfer aber verdrängen – wesentlich sind.
    Sind die Satzzeichen Punkt, Komma, Semikolon, Doppelpunkt, Ausrufe- und Fragezeichen so bedeutungsneutral und willkürlich, wie es uns heute scheint? Steckt darin nicht der geometrische Punkt (als dimensiosloses Zentrum des Raumes), der bewegte Punkt, die Verknüpfungen beider (das Doppelkomma als Anführungszeichen), die (durch Orthogonalität definierte, „gerichtete“) imperative Gerade (der erhobene Zeigefinger), im Fragezeichen die Schlange?
    Wie wirkt sich das Schriftprinzip auf Struktur und Verbindlichkeit der Grammatik (und damit der Logik) aus? Ist eine differenzierte Grammatik (Bestimmung des Verhältnisses zur Zeit: Konjugation; der Objekt- und Herrschaftsbestimmungen: Deklination, Gebrauch von Artikeln, Präpositionen u.ä.) nicht doch nur in einer phonographischen (alphabetischen) Schrift möglich, die das auch ausdrücken kann? Ist nicht die (mathematisierte) formale Logik ein Rückfall hinter die Alphabetisierung? Und basiert die Alphabetisierung nicht auf einer (im Verhältnis zur Astronomie) bestimmbaren Beziehung zur Mathematik? Hängt der Ursprung der Schrift mit der Ausbildung der Ausbildung der Geometrie der Ebene zusammen (Entdeckung der Winkelfunktionen und Erfindung des Begriffs durch die Griechen, Satz des Thales, des Pythagoras, Euklid)? Wer hat die flächenhafte Grundlage des Schreibens (die Tafeln des Moses) entdeckt; Beziehung dieser „Fläche“ zum Antlitz (Maske), zum Begriff des hypokeimenon (des Grundes), zur Substanz und zur Person? Sind die Masken Vorstufen der Schrift (bis hin zur Maske in der Tragödie)? Und ist die Person das durch die Schrift vermittelte Produkt der Abstraktion vom Angesicht (der Verinnerlichung des Opfers)? Beziehung dieser Abstraktion zur Kosmologie? Entfaltet sich das „von Angesicht zu Angesicht“ im Lesen?

  • 11.02.92

    Unterscheidung zwischen Ethik und Moral: Während die Ethik vor allem auf die Beurteilung (Bewertung) einer Handlung durch andere abstellt (vgl. Schelers Wertethik, in dessen Kontext das Subjekt nur als Objekt erscheint, und das nicht zufällig durch den Wertbegriff auf die „Person“ ähnlich wie das Schicksal auf sein Objekt bezieht), gründet die Moral in der Idee der Verantwortung, der Idee des selbstverantwortlichen moralischen Subjekts, der Autonomie. Damit hängt es zusammen, wenn die Sexualität und die Politik sich als die Brennpunkte der Moral erweisen (beiden ist die Maxime gemeinsam, daß ein Handeln nur als moralisch gelten darf, das sich auf andere niemals als nur als bloße Mittel, sondern immmer zugleich auch als Endzweck bezieht: das Intimste, Gegenstand der Scham, ist zugleich das Öffentlichste, das nicht zufällig seine eigene Geheimsphäre hat: den gesamten Bereich der Gewalt; hier konvergieren in der Tat Sexualität und Politik).
    In welchem Sinne im Personbegriff die Maske noch enthalten und wirksam ist, wird deutlich an der Schwierigkeit, die Identität der „drei Personen“ (der ersten, zweiten und dritten Person: Ich, Du und Es) zu bestimmen. Diese Identität ist nur durch das Reflexionsgesetz zu gewinnen (das Ich ist für das Du ein Du: und damit eigentlich ein Es, das sich, wie bei Heidegger die Uneigentlichkeit zur Eigentlichkeit, zum Ich aufspreizt), und d.h durch ein Gesetz, das das Ich von der Unterdrückung des Ich, von seiner Auslöschung, nicht mehr unterscheidet.

  • 10.02.92

    Der Habermassche Begriff des „kommunikativen Handelns“ kommt erst zu seiner Wahrheit, wenn er die sprachliche Struktur z.B. der Gewalt, des Lachens, des Raumes, des Geldes, der Mathematik und zusammen damit die Beziehung von Schuld und Sprache (den Kern des dialogischen Verhältnisses, das nach Levinas ein unaufhebbar asymmetrisches ist) mit reflektiert. Nicht der Konsens, sondern die Versöhnung ist das zentrale Sinnesimplikat der Wahrheit. Der Hinweis auf die argumentative Struktur des kommunikativen Handelns vergißt, auf welche Probleme die Beweislogik führt, wie tief die argumentative Struktur der Sprache durch ein paranoides Element vergiftet ist (vgl. hierzu die kantische Antinomie der reinen Vernunft, Hegels „Reflexionsbegriffe“, auch die List der Vernunft). Wenn Habermas den Frankfurtern „negativistische Verfallstheorien“ (sic: der Plural steht so bei Habermas, T.u.K., S. 145) nachsagt, wenn er, was bei Horkheimer und Adorno – und darin ist ihr Denken in der Tat eines – als philosophische Erkenntnis auf die Struktur der Welt sich bezieht, zu ihrer subjektiven Meinung, zu einer Art Bekenntnis, macht, dann hat er den Kern z.B. der Dialektik der Aufklärung nicht begriffen oder inzwischen vergessen.
    Zur Asymmetrie des dialogischen Prinzips: Genau das ist der parvus error in principio (qui magnus est in fine): die Symmetrisierung, die „der subjektiven Form der äußeren Anschauung“, dem Erkenntnis-Apriori des Raumes und dem dadurch determinierten Begriff des philosophischen Subjekts, der auch den Begriff und das Verständnis der Sprache verhext, sich verdankt, die gleiche Symmetrisierung, die dann bei Hegel in dem Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zum Grund der „sprachlichen Intersubjektivität“ wird, zugleich aber den Wahrheits- und Erkenntnisbegriff zur Unkenntlichkeit entstellt, zum Einfallstor des Mythos in die Philosophie geworden ist (bis hin zur Hellenisierung des Christentums, zur Wiederkehr der mythischen Gewalt in der Orthodoxie und im Dogma).
    Woran die habermassche Philosophie ebenso krankt wie die an ihn sich anschließenden Theologien, ist die Unfähigkeit, die Kritik der Naturwissenschaft und der Theologie, die nur zusammen geleistet werden können, mit in ihren Begriff aufzunehmen.
    Der Begriff „negativistische Verfallstheorien“ (Habermas) gehört, wie mir scheint, in den Zusammenhang des Begriffs „Nestbeschmutzung“. Nicht die Welt ist schlimm, sondern der, der sie als schlimm denunziert. Es gibt auch einen Welt-Nationalismus. Damit scheint auch die bloß doch emotionale Reaktion der Habermas-Gruppe auf die Postmoderne zusammenzuhängen (wobei H. die Wadenbeißerei seinen Schülern überläßt). Habermas scheint den Blick in den Abgrund nicht zu ertragen, der in Derridas Grammatologie, im Levinasschen Begriff der Asymmetrie, in Lyotards Analyse des Auschwitz-Syndroms und der Beweislogik sich eröffnet. Im Anblick dieses Abgrunds wäre die Kommunkationstheorie nicht mehr zu halten. Deshalb leugnet H. die Realität diese Abgrunds und denunziert den Blick als verantwortungslos, wenn nicht paranoid. Aber mit diesem taktischen und strategischen Gebrauch dessen, was Hegel die List der Vernunft genannt hat entzieht er der argumentativen sprachlichen Intersubjektivität die Grundlage.
    Abgedeckt wird die Habermassche Kommunikationstheorie durch das Ausblenden der Natur und durch Adaptation jenes Weltbegriffs, dessen prädikativer Ursprung in der Tat der Grund der Kommunikationstheorie ist.
    Am Begriff des Logozentrismus, den Habermas durch Hinweis auf seinen faschistischen Gebrauch abwehrt, läßt sich der Komplex aufs schönste nachweisen. Unter Logozentrismus verstehen alle die Fähigkeit, die Wahrheit durch prädikative Urteile auszudrücken. Und dieser Logozentrismus wird dann in den Logosbegriff der Theologie hineinprojiziert, in dem er in der Tat seit Beginn des Dogmatisierungsprozesses enthalten ist. Was hier geschehen ist (und bis heute nachwirkt), ließe sich am Bekenntnisbegriff aufs schönste demonstrieren. Der biblische Logosbegriff selber aber steht in einem ganz anderen Kontext, der vergessen ist und heute insbesondere unter dem Rätselbild der Natur zu reflektieren wäre. Die christologische Struktur des Naturbegriffs (die der Vergöttlichung des Opfers) gibt darauf einen sehr deutlichen Hinweis. Der Logosname im Johannes-Evangelium steht in eindeutiger Beziehung zur „Übernahme der Sünde der Welt“, und d.h. er steht im Kontext nicht des Begriffs, sondern der Namenlehre (der jüdischen Traditon, nicht der griechischen).
    Es ist eigentlich doch erstaunlich, daß die Dialektik der Aufklärung bis heute nicht zum Anlaß genommen wurde, die Beziehung von Mythos und Philosophie in der Geschichte ihres griechischen Ursprungs einmal konkret aufzuzeigen und nachzuweisen. Die Entwicklung des Mythos in der griechischen Geschichte hat der Entstehung der Philosophie vorgearbeitet (durch die Entfaltung der Schicksalsidee), und der griechische Begriff des Mythos ist singulär und kein allgemeiner Obegriff für andere Mythologien, z.B. die altorientalischen, die einer anderen Konstellation, einem anderen Kontext angehören. Hier handelt es sich sogar umgekehrt um eine inverse Geschichte zur griechischen, die dann in der jüdischen Prophetie ihren Umkehrpunkt findet (in der Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und der Opferreligion, im „stammelnden“ Konzept der jüdischen Tradition).
    Das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ hat die Kirche zum Objekt, die die Nachfolge der Richter Jesu angetreten hat.
    Die Verdrängung der Probleme der Beweislogik hängt damit zusammen, daß man die Probleme der (überlebensnotwendigen) Gemeinheitslogik nicht sehen will (oder, weil man sich selbst im Wege steht, nicht sehen kann). Der Ursprung dieses Problems scheint im Konzept der Habermasschen Habilitationsarbeit (Strukturwandel der Öffentlichkeit) zurückzureichen. Deren Thema wäre Anlaß gewesen, den Zusammenhang des Öffentlichkeitsbegriffs mit dem Syndrom der Gemeinheitslogik aufzuzeigen (Problem der Medien, der Wissenschaft, der Politik): Funktion der Dialektik des Sein für Andere(s); Begriff, Funktion und Geschichte der Scham (des Nichtöffentlichen, des Intimen, Privaten; reale und metaphorische Funktion der Sexualität und der Sexualmoral; Schamgrenze gegenüber der Theologie; Bedeutung des Antlitzes: von Angesicht zu Angesicht), Geschichte und Bedeutung des Objektivationsprozesses.
    Der Raum ist auch über die mathematische Anwendung hinaus die subjektive Form der äußeren Anschauung: Begriff der Weltanschauung. Die objektivierende, verdinglichende und instrumentalisierende Logik ist von diesem Konzept der nicht mehr hinterfragbaren subjektiven Form der äußeren Anschauung nicht zu lösen. Und darin liegt ihre selbstreferentielle Begründung: in diesem pragmatischen, herrschaftsbegründenden Aspekt. Das hat sich vergegenständlicht und verselbständigt im Weltbegriff. Die Vorformen des Weltbegriffs, die Geschichte seines Ursprungs, sind in der Prophetie benannt als Idolatrie, Sternendienst und Opferreligion. Das prophetische „Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit“ trifft die christliche Opfertheologie (das christliche Dogma) im Kern; es gilt auch im Hinblick auf die zivilisationsbegründende Verinnerlichung des Opfers (Reflex der Vergegenständlichung der Natur).
    Das Konzept der Säkularisation aller theologischen Gehalte führt nicht (wie das naturwissenschaftliche Erkenntniskonzept) zu haltbaren Resultaten, die man „schwarz auf weiß besitzen und getrost nach Hause tragen kann“, sondern ist ständig neu zu leisten. Das ist das entscheidende Argument gegen das christliche Orthodoxie- und Dogmenverständnis.

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