Sexualmoral

  • 27.10.91

    Es hilft nichts, man muß zu dem Punkt, den die Gottesidee bezeichnet, seinen Anker auswerfen, um aus dem Verblendungszusammenhang ausbrechen zu können.
    Bezeichnet das Bekenntnis des Namens nicht auch das Nachfolgegebot? Das Bekenntnis „zu“ etwas ist ein Bekenntnis im Rahmen von Komplizenschaft (Gemeinschaftskitt), das Bekenntnis zu einer apriorischen Kollektivschuld.
    Adam beruft sich auf Eva, Eva auf die Schlange; dann verflucht Gott die Schlange, dann Eva und am Ende Adam (und die Erde).
    Waren die drei Weisen aus dem Morgenland Chaldäer? Und worauf bezieht sich der Satz „Wir haben seinen Stern gesehen“.
    Hängt der Mord des Ägypters durch Moses mit der Anwesenheit des Paulus bei der Steinigung des Stephanus zusammen?
    Schizophrenie-Lernen ist das einzige Mittel gegen die Identitätssucht. Wenn die Idolatrie ein Mittel zur Stabilisierung der Begriffsbildung, zur Durchsetzung der Herrschaft des Tauschprinzips, war, dann ist die Philosophie die Verinnerlichung der Idolatrie.
    Die Bedeutung dessen, was mit dem Angesicht Gottes bezeichnet wird, wäre verständlicher, wenn man sich daran erinnern könnte, was der erste Blickkontakt mit der Mutter für einen selbst bedeutet hat.
    Zu den Frauen im Stammbaum Jesu:
    – Rahab ist eine Errettete aus Jericho (und war zuvor eine Dirne).
    – Rut ist eine Moabiterin, ihre Geschichte weist zurück auf die des Weibes und der Töchter Lots, auf die die Errettung aus Sodom, den Anblick der Katastrophe und das Erstarren zur Salzsäule, sowie den Inzest (nachdem Lot sie den Männern Sodoms hat preisgeben wollen).
    – Tamar hat es mit ihrem Schwiegervater getrieben; ihr Schwager war Onan.
    – Bethseba war die Frau des Urias (des Hethiters); aber der Stammbaum Jesu geht über den Ehebruch mit David.
    Hier kommen fast alle Perversionen vor. Und hier ist mit Händen zu greifen, wie die christliche Sexualmoral den unbefangenen Blick auf die Bibel verstellt. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ ist ein Prinzip der Exegese. Die christliche Sexualmoral ist eine Gottesfurcht-Vermeidungs- und -Verhinderungsstrategie. Sie substituiert der Gottesfurcht die Herrenfurcht, subsumiert die Religion unter die Welt – Ergebnis der Rezeption der Philosophie, der Verinnerlichung des Schicksals als Prinzip der Begriffsbildung.
    Nur der Gott, der die Welt erschaffen hat, hat auch das Wasser erschaffen; der Gott, der im Anfang Himmel und Erde erschuf, hat nicht das Wasser erschaffen, für ihn war es mit der Finsternis gleichsam als Nebenprodukt der Schöpfung da.
    Bubers Problem scheint seine Art des Archaismus zu sein, die mit seinem ambivalenten Verhältnis zum Christentum zusammenhängt. An den chassidischen Erzählungen kann man wahrnehmen, wie er dazu neigt, hier gleichsam einen Evangelienton hereinzubringen. Seine Arbeiten zur Schrift, auch seine Bibel-Übersetzung erinnern eher an feudalzeitliche (mittelalter-christliche) Verhältnisse als an altorientalische. Hier scheint er einem Einfluß zu unterliegen, der aus christlichen Traditionen stammt: der Bekenntnislogik und dem darin begründeten Religionsverständnis. Wie auf andere Weise Drewermann steht auch Buber unter dem Bann des gleichen Prinzips, gegen das er anzukämpfen versucht. Buber hat ein gleichsam konfessionelles Verständnis des Judentums; das macht es, daß er von Christen „besser“ verstanden wurde als von Juden. Hier lag die Differenz zwischen Buber und Rosenzweig: Gegen dieses Selbstverständnis Bubers richtete sich Rosenzweigs Kritik des Religionsbegriffs (Buber war ihm zu „religiös“, und „Gott hat nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen“).
    Ab wann und wo kommt in der Bibel der Begriff der Welt vor? Luther scheint nicht selten „alle Welt“ einzusetzen, wo es eigentlich „die ganze Erde“ heißen müßte.
    Der Sympathisantenbegriff war ein Namenstabu.
    Das Bekenntnis hat präzise die Struktur und die Wirkung des Vorurteils; deshalb ist der Antisemitismus das Grundvorurteil (und z.B. die Ausländerfeindschaft ein Derivat des Antisemitismus). Das Bekenntnis hält der Frage cui bono nicht stand. Und das Bekenntnis spaltet die Schrift auf in das Reich der Erscheinungen (Produkt der wissenschaftlichen Bibelkritik) und das unerkennbare Ding an sich. Das Bekenntnis verwandelt jede Erkenntnis in Apologetik. Es fördert das Selbstmitleid und verwandelt das parakletische Denken in ein apologetisches Denken (Verschiebung der Armut und Fremdheit ins Selbst). Dieser Konfessionalismus wird durch die Physik gestützt.
    Die Umkehr und die sieben unreinen Geister: Maria Magdalene als Heilige der endgültigen Umkehr.
    Das „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ hat etwas zu tun mit
    – der Übernahme der Schuld der Welt und mit
    – der Einheit von Lehren und Lernen: Es gibt kein Lehren, das nicht gemeinsames Lernen ist. „Überzeugen ist unfruchtbar“.
    Götzendienst, Bilderdienst und Sternendienst gehören zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen.

  • 24.10.91

    Der Tag ist die Zeit des Wachseins, des Bewußtseins, die Nacht die Zeit des Schlafs, des Traums, des Unbewußtseins. Die Gesetze der Nacht sind die Gesetze der Physis.
    Der GBA ist die objektivste – und deshalb die gemeinste -Behörde der Welt. Er ist Opfer jenes Sachverhalts, den Adorno so beschrieben hat: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie zugleich falsch abbildet.
    Ist den Tieren das Fell gewachsen, als sie von Adam benannt wurden, oder als den ersten Menschen die Augen aufgingen, „und sie erkannten, daß sie nackt waren“? Und hat mit der Erkenntnis der eigenen Nacktheit sich zugleich die Welt verdunkelt? Herrschaft rührt in der Welt an einen Punkt und an Strukturen, denen im Subjekt die Sexualität entspricht. Sexualaufklärung bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit der Aufklärung dieses dunklen Punktes im Weltbegriff zusammengeht.
    Die Dunkelheit draußen steht in Beziehung zur Dunkelheit drinnen. Und die Anatomie beginnt zusammen mit der Begründung der Astronomie (wie in der alten Welt die Leberschau mit der Astronomie bzw. Astrologie).
    Hat Amalekiter etwas mit Melek zu tun? Woher kommen Gog und Magog, und was bedeuten die Agagiter?
    Auschwitz ist nicht vergangen; die Vorstellung, Auschwitz sei vergangen, ist bekenntnislogisch begründet: sie gründet in der Vorstellung, daß die Taten von Auschwitz sich auf Gesinnungen, auf „Weltanschauungen“ zurückführen lassen (anstatt auf den aufgrund der Herrschaft der Bekenntnislogik unbegriffenen gesellschaftlichen Prozeß).
    Wie ist die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf und vom Wolf und den sieben Geißlein (Sternendienst)? Ist der Hund ein domestizierter Wolf oder der Wolf ein verwilderter Hund?
    Die Widerspiegelungstheorie bezeichnet genau den Punkt, an dem der Marxismus in Mythologie umschlägt (das Bilderverbot verletzt).
    Jesus hat schon das Hegel-Studium empfohlen: Seid klug wie die Schlangen.
    Zur Neuen Jerusalemer Bibel (generell zur heutigen Theologie): Es ist eine schlechte Angewohnheit unserer Theologen, daß sie immer dann vorgeben zu wissen, was ein biblischer Autor mit einem Satz hat sagen wollen, wenn sie glauben, das reale, wörtliche Verständnis eines Satzes nicht akzeptieren zu können. Diese Wendung wird gerne gebraucht, wenn es darum geht, Schwierigkeiten wegzudiskutieren. Das Verfahren gleicht nicht zufällig dem in raf-Prozessen bei der Begründung unhaltbarer Urteile üblichen (wenn Richter vorgeben zu wissen, aus welchen Gründen Taten nur begangen worden sein können, wenn die wahren, nämlich die politischen Gründe nicht laut werden dürfen), auch dem in der Erziehung gerne angewandten Methode, mit der man Kindern Kritik abgewöhnt. Diesen Hintergrund hat die Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes.
    Das Inertialsystem und die kantischen Formen der subjektiven Anschauung sind der Grund und der Stabilisator der Bekenntnislogik (und seiner Derivate, von der Wertphilosophie bis zur Weltanschauung).
    Die Geschichte des Christentums ist vorbezeichnet in dem „et descendit ad inferos“. Und es hilft überhaupt nichts zu versuchen, sich diese Hölle zur heilen Welt zuzurichten.
    Nochmal Sylvia Schröer: Das hebräische Wort für Machen, für den Begriff, der auch in der Schöpfungsgeschichte vorkommt, bezeichnet auch das Kränken, Beleidigen?
    In welcher Beziehung steht die Geschichte des Militärs (der Produktion von Zerstörung) zu der der Banken (Parallelität der explosiven Vermehrung beider im 20. Jhdt.).

  • 20.10.91

    Die Reversibilität der Richtungen im Raum (Raum als Form der Gleichzeitigkeit, nicht der Gegenwart; Form der Vergangenheit) verdankt sich der Trennung von Raum und Zeit und hat die Abspaltung der Materie zur Folge (Systemcharakter: Inertialsystem); und die drei Bestimmungen Raum, Zeit und Materie reflektieren sich Raum als drei Dimensionen: Korrektur nach dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit?
    Gibt es Völker, Nationen im modernen Sinne (die Konstitutierung der Welt durch Verankerung des Rechts im Subjekt, die Fähigkeit zum moralischen Urteil), vor der Verinnerlichung des Schicksals, der Einführung der Bekenntnislogik, der Etablierung des Inertialsystems (Geldwirtschaft, Astronomie, Monotheismus): vor dem Ursprung des Herrendenkens (Staat, Welt und Natur)?
    Gemeinheit: Hegels „List der Vernunft“ oder die Nutzung des Falls als Falle (von der Struktur des Raumes über das Heucheleisyndrom der Bekenntnislogik als Grundlage der Juden-, Ketzer-und Hexenverfolgung und des Inquisitionsverfahrens bis zum „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“).
    Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, müßte die Lohnarbeit verboten werden.
    Im Kronzeugenverfahren enthüllt sich das Wesen des Staates: er will den Komplizen und den Verrat. Schon im Inquisitionsverfahren (das in der Beichte – gleichzeitig mit dem Zölibat und der Durchsetzung des Fegefeuers – sozialisiert wurde) wurde tätige Reue als Unterdrückung des Gewissens, als Komplizenschaft und als Verrat verstanden: blasphemischste Gewalt war die Grundlage der sakramentalen, exkulpierenden Kraft (Zusammenhang mit der Individualisierung der Schuld und dem Personbegriff, Grund der verwalteten Welt). Referenzsystem wurde eine Moral, die an die Stelle der politischen Kritik (die ihr Maß am prophetischen Votum für die Armen und die Fremden, an der Idee der Gerechtigkeit und des Friedens hat) die Sexualmoral (die Ängste des erschreckten Subjekts, Produkt der Verinnerlichung und Vergeistigung des Terrors) ins Zentrum rückte.

  • 04.10.91

    Nicht auszuschließen, daß die alte Lehre, wonach die Erbsünde in der sexuellen Lust sich fortpflanzt, wahr ist, aber diese Wahrheit wird in jedem Falle in ihrer sexualmoralischen Anwendung geleugnet, während sie vielleicht einmal in ihrer naturphilosophischen Bedeutung (Zusammenhang von hieros gamos und Sternendienst: Turmbau von Babel) sich enthüllt.

  • 20.09.91

    Theorie des Feuers (gibt es in der Schrift eine Erinnerung an den Ursprung des Gebrauchs des Feuers?).
    Off 1318: Hode hä sophia estin. ho echon noun psäphisato ton arhithmon tou thäriou. arhithmos gar anthropou estin. kai ho arhithmos autou hexakosioi hexäkonta hex. – Ist es die Zahl eines oder des Menschen? Weisheit und Verstand werden dann in Off 179 zitiert und erläutert: auf Rom bezogen.
    Der Drache, das Tier aus dem Meere und das Tier vom Lande: wie verhalten sich diese drei zur Struktur von Herrschaft, Schuld und Verblendung?
    Die Schrift macht das hic et nunc gegenstandslos und das Eine zum Anderen des Anderen (oder sie befreit den Gegenstand vom hic et nunc, von seinem Namen, und begründet die verandernde Kraft des Seins).
    Der Fisch ist ein Christus-Symbol (ichthys = iesous christos theou uios sotär), aber ebenso das Lamm (der Widder?). Jedoch der Fisch aufgrund seines Namens, das Lamm, weil es stumm zur Schlachtbank geführt wird. Das Lamm liefert Wolle und Fleisch, die Kuh Milch und Fleisch, das Schwein nur Fleisch (das Schwein wird durch Domestizierung nackt).
    Gibt es eine Evolutions-Synopse, die die Erdentwicklung, die Entwicklung der Pflanzen und die der Tiere synoptisch, in ihrem gleichzeitigen Verlauf, darstellt?
    Die Sonne beherrscht den Tag und das Jahr, der Mond die Nacht und den Monat.
    Der Sabbat ist der Tag des Saturn, nicht der Sonne. Der Sonnentag ist der erste Tag, der der Erschaffung des Lichts. Die Wochentage, die auch mit dem Schöpfungswerk (dem Hexaemeron) zusammenhängen, stammen wahrscheinlich aus dem Sternendienst, sie orientieren sich an den „Planeten“, den beweglichen Sternen:
    – Sonne
    Licht (Tag und Nacht)
    – Mond
    Gewölbe mitten im Wasser, scheide Wasser von Wasser (Himmel)
    – Merkur
    Wasser sammle sich, das Trockene werde sichtbar (Land, Meer)
    das Land lasse Grün, Pflanzen mit Samen, Bäume mit Samen und Früchten wachsen (das Land brachte … hervor)
    – Jupiter
    Lichter am Himmelsgewölbe, um Tag und Nacht zu scheiden (als Zeichen und zur Bestimmung von Festzeiten, Tagen und Jahren); Gott machte die beiden großen Lichter (das größere soll über den Tag, das kleinere über die Nacht herrschen) und die Sterne; Gott setzte die beiden Lichter ans Himmelgewölbe (sie sollen über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen, Licht von der Finsternis scheiden)
    – Mars
    das Wasser wimmele von lebendigen Wesen, Vögel über der Land am Himmelsgewölbe; Gott schuf …; Gott segnete sie (fruchtbar, vermehren, bevölkern)
    – Venus
    das Land bringe alle Arten von lebenden Wesen hervor (Vieh, Kriechtiere, Tiere des Feldes).
    Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich, sie sollen herrschen über Fische des Meeres, Vögel des Himmels, das Vieh, die ganze Erde und alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf … (als sein Abbild, als Abbild Gottes, als Mann und Frau). Gott segnete (seid fruchtbar, vermehrt euch, bevölkert die Erde, macht sie euch untertan, herrscht über Fische, Vögel, Tiere). Nahrungsgebot (vegetarisch).
    So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.
    – Saturn
    Gott vollendet das Werk, das er geschaffen hatte.
    ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.
    segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig, denn an ihm ruhte Gott, nachdem er … geschaffen hatte.
    Hängt die Finsternis (die Scheidung des Lichts von der Finsternis) mit dem Gravitationsfeld zusammen? Und hängt die Mathematik mit den Zeugungen zusammen?
    Wehalb durfte am Freitag kein Fleisch, wohl aber Fisch gegessen werden (Venus/Drachen: apokalyptisches Mahl des Leviatan)? Der Freitag ist der Tag der Kreuzigung, der Donnerstag der des Abendmahls.
    Zum Zeichen des Tieres an Hand und Stirn: Was bedeuten Hand und Stirn? (Off 1316ff; zu Zeichen vgl. Gen 415, 912; zu Hand Deut 68; zu Stirn Ez 94 und Off 94).
    Er ging hinaus und weinte bitterlich: das Weinen ist Trauerarbeit. Das Weinen bezieht sich auf den Trotz, in der Geschichte der drei Verleugnungen auf den in der Selbstverfluchung sich vollendenden Trotz. Das Weinen ist Ausdruck der Einsicht und des Bekenntnisses: Ja, das bin ich gewesen, das habe ich getan.
    Wenn ich noch die Zeit und die Kraft dazu hätte, würde ich gerne
    – einen Kommentar zur Hegelschen Logik schreiben. Arbeitstitel: Die Hegelsche Logik und das Inertialsystem.
    – Oder eine Kritik der Heideggerschen Philosophie. Arbeitstitel: Die Fundamentalontologie oder das Herrendenken als Selbstverfluchung.
    Kann es nicht sein, daß ebenso wie Abraham in der Genealogie vor die Könige (mit dem Einschub der Parodie auf beide: das Richterbuch) gesetzt wird, auch die Schöpfungsgeschichte, das Hexaemeron, im Rahmen der (nachdynastischen) Auseinandersetzung mit dem Sternendienst, an den Anfang gesetzt wurde?
    Welche Rolle spielen eigentlich Lot, Ismael und Esau in der Vätergeschichte?
    Ist Melchisedech, der „König von Salem“, ein Nachfahre des David? Welche Abraham-fremden Vorfahren gibt es in der Genealogie Davids (und Jesu): die Frauen?
    – Tamar die Kanaaniterin (Mutter des Perez),
    – Rahab die Frau aus Jericho (Mutter des Boas),
    – Rut die Moabiterin (Mutter des Obed),
    – Batseba die Hethiterin (Mutter des Salomo)?
    Schon der Vorläufer des Personbegriffs, die hypostasis (das hypokeimenon oder die Substanz), das Zugrundeliegende, der Träger der Eigenschaften (wie die Person Träger des damit neutralisierten Namens ist) ist vom Bekenntnisbegriff (und der Bekenntnislogik, die die Logik der Verdinglichung ist) nicht zu trennen. Das Bekenntnis drückt genau die Trennung des Subjekts vom Prädikat, des Trägers (Dings) von seinen Eigenschaften aus; diese Trennung ist der Grund der Verdinglichung, sie verwandelt die dann sich bildende Beziehung in eine Schuldbeziehung. So zieht der Personbegriff auch den Namen in diese Schuldbeziehung mit herein (und neutralisiert seine benennende Kraft, verwandelt ihn in einen singulären Begriff: in eine singuläre Eigenschaft, die die Person dingfest macht; im Spitznamen drückt sich diese verdinglichende, fertigmachende Gewalt als Gelächter, deren letztes Objekt die Person ist, aus).
    Empörung gibt es nur im Kontext der Personalisierung (Personalismus und Wertethik). Grundsatz der Personalisierung: An sich ist die Welt in Ordnung, aber leider gibt es ein paar Bösewichter (Prinzip der Idolatrie: Vergöttlichung der Bösewichter).
    Personalismus und Wertethik ratifizieren die Zerstörung der Idee des Glücks. Benjamins Satz „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ bezieht sich auf ein Selbst, das sich allein im Angesicht Gottes konstitituiert.
    Der Personalismus ist ein Ableger der christlichen Sexualmoral, die ihn zugleich stabilisiert; diese ist der Grund dessen, was seitdem „persönliche Verantwortung“ heißt: Zentrum einer Moral, die als Urteilsnorm das moralische Urteil durch Setzung des korrespondierenden Objekts: der Person, konstituiert. Hier liegt der Grund und der Ursprung des historischen Verdrängungsprozesses, Produkt einer auf den ersten Blick geringfügigen Verschiebung: der Vorstellung, die Erbsünde werde durch die Sexuallust (anstatt durch durch die sexualmoralische Urteilslust) auf die nachfolgenden Generationen übertragen. Das einzige Gegenmittel ist das Nachfolgegebot, das dem sexualmoralisch begründeten Feinddenken den Boden entzieht. (Zusammenhang von Sexualmoral, Objektivation und Verdinglichung, Personalisierung und Verinnerlichung des Opfers, Verschiebung des Mitleids vom Opfer aufs Selbst). Neubestimmung des Schuldbegriffs im Kontext des Nachfolgegebots (Befreiung vom Projektionszwang).
    Personalisierung ist die letzte Möglichkeit, unter Verkennung der realen Beziehungen zwischen Welt und Person (der Weltgrundes der Person) Rachephantasien auszuleben. Die Verdrängung der Frage, was nach dem revolutionären Akt kommt, brutalisiert den revolutionären Akt, macht ihn terroristisch; ihr subjektiver Grund sind Heile-Welt-Phantasien (das Unheil kann nur von Bösewichtern kommen: so aber hat’s seit je die Kirche gelehrt). Die Säkularisierung der falschen Theologie, die Beibehaltung des Bekenntnisprinzips (mit Feinddenken, Ketzerverfolgung und -nicht zuletzt – Frauenfeindschaft) ist nur ein Indiz dafür, wie tief das christliche Erbe sitzt, wie sehr es uns in Fleisch und Blut übergangen ist; sie ist aber nichts weniger als eine geglückte Aufhebung des falschen Christentums. Der Atheismus, die Gottesleugnung, ändert die Welt nicht, versperrt nur der Reflexion die letzte Chance, das Moment der Unwahrheit im Weltbegriff zu begreifen.
    Der Personbegriff drückte einmal die Anerkennung durch andere aus, die Hegel zufolge im Kampf um Leben und Tod errungen wurde und (ebenso wie das Eigentum, die Rechtsfähigkeit) die Person zur Person machte; in der verwalteten Welt ist die Person zum Knoten im Netz geworden, in dem sie gefangen ist und aus dem sie nicht mehr herauskommt: ist sie zu einer bloßen Funktion des Staates geworden, dessen Gewaltmonopol sie hilflos ausgeliefert ist, sofern sie nicht durch Eigentum geschützt ist. In dem Schimpfwort „diese Person“, das seinen logischen Ort im nachbarlichen Gerede hat, drückt sich die Wahrheit der vorfaschistischen Wertethik aus: als Person ist sie ungeschützt den Werturteilen ihrer Umwelt ausgeliefert; ohne Personbegriff kein Feinddenken: Horkheimers Wort über die Ambivalenz des Christentums gründet im christlichen Gebrauch des Personbegriffs (ohne den Personbegriff in der Trinitätslehre würde es keinen Grund für Apologetik und Theodizee geben; die damit systemlogisch verbundene Gottesidee ist ohne verteidigendes, apologetisches Denken nicht zu halten: Umkehrung der so neutralisierten Idee des Heiligen Geistes; es ist nicht unwichtig zu wissen, daß Tertullian, der den Personbegriff in die lateinische Theologie eingeführt hat, Jurist war: der Gedanke ist nicht abzuweisen, daß der Personbegriff hier nur noch das gemeinsame Verfügungsrecht der drei göttlichen Personen über die eine Wesenheit, die homoousia, ausdrückt).
    Der Bekenntnisbegriff sowie Form und Inhalt des christlichen Dogmas bilden ein System, das jedoch nur dann zu begreifen ist, wenn das System als ganzes gleichsam als sein eigener Umkehrpunkt begriffen wird. Die Bekehrung dieses Systems, seine Rettung vor dem Instrumentalismus, läßt sich begründen aus dem Nachfolgegebot; ihre Realisierung wäre die Wahrheit des Satzes „Schwerter zu Pflugscharen“.
    Gegen Heinsohn: Das Opfer ist kein Mittel der Katastrophenbewältigung, sondern eines der Schuldbewältigung: es will (wie das Experiment in der Physik) eine Untat durch Wiederholung ungeschehen machen. Und die Idolatrie (auch der Sternendienst und das Bilderwesen) ist ein Mittel der Komplizenschaft: der Rechtfertigung von Herrschaft.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Bezeichnungen Barbaren und Hebräern? Wenn, dann würde das genau die Differenz zwischen der hellenischen und der israelitischen Tradition ausdrücken: der Unterschied zwischen der projektiven Fremdbezeichnung und der reflexiven Selbstbezeichnung (sie „lebten als Fremde im Lande“ – ist der „hebräische Sklave“ ein „fremder“ Sklave?). Ist die Teilung bei Eber die zwischen Hellenen (im weitesten Sinne) und „Barbaren/Hebräern“ (der erste historische Ausdruck der Klassengesellschaft), die Teilung, in der sich die Hebräer auf der anderen Seite wiederfinden (und „Abraham der Hebräer“ sollte „ein Segen für die Völker“ werden)? Der verzweifelt scharfsichtige Nietzsche hatte Recht: die jüdisch-christliche Religion ist eine Sklaven-Religion (aber der „Wille zur Macht“ ist die falsche, die faschistische Konsequenz daraus: jedoch die einzige, wenn die jüdisch-christliche Tradition verworfen wird). Die Söhne Ebers waren Peleg (Teilung) und Joktan, Peleg gehört zum Stammbaum Jesu. Zwischen den Genealogien Joktans (Gen 1026) und Pelegs (Gen 1118) liegt der Turmbau zu Babel (Gen 111ff).
    Nochmal zu den Söhnen Ebers: Ist der Teil der Nachkommenschaft Ebers, der vor der Sprachverwirrung benannt wird und wohl im Arabischen wohnt, eine Abspaltung, in der sich die Ursprache (die Sprache vor der Sprachverwirrung) erhalten hat? Oder hat Eber mit Abraham und seine Söhne mit den Söhnen Abrahams (und insbesondere Joktan mit Ismael) zu tun (wo sind ihre Siedlungsgebiete: die Söhne Joktans von Mescha, wenn man über Sefar kommt, bis ans Ostgebirge – Gen 1030 – und die Söhne Ismaels von Hawila bis Schur, das Ägypten gegenüber an der Straße nach Assur liegt – Gen 2518; ist nicht die Jakobsleiter in der Jakobsgeschichte das Gegenstück zum Turmbau von Babel)?
    Die barbaroi sind die „Stammelnden“, nur die Hellenen sind sich selber verständlich. Ist nicht in der Prophetie der „Taumelkelch“ ein Bild für das, was im Hellenismus (im griechischen Mythos und in der Philosophie, in dem, was Nietzsche im Dionysischen, der Innenseite des Apollinischen, begriffen hat) dann sich entfaltet? Im Hegelschen Absoluten, in dem „kein Glied nicht trunken ist“ (vgl. hierzu auch Kants Antinomien der reinen Vernunft und Hegels Bemerkungen dazu), kehrt das wieder. In der philosophisch instrumentierten Trinitätslehre ist dieser „Taumelkelch“ ins Christentum eingewandert. Und der zentrale Begriff war wohl der der homoousia, den Konstantin in Nizäa durchgesetzt hatte.
    Das Stammeln der Barbaren ist in der Schrift Wort geworden. Und die Aufgabe der historischen Bibelkritik scheint es zu sein, die Bibel aus ihrer falschen Verständlichkeit in dieses Stammeln zurückzuübersetzen, aus dem heraus sie vielleicht einmal wirklich verstanden werden kann. (Ist Hebräisch eine Objektsprache? Und verweist die Unterscheidung von Hellenen und Barbaren auf den Turmbau zu Babel?)
    Die Sprache des NT ist Griechisch: die damalige „Weltsprache“ und die Sprache der Philosophie. Aber das neutestamentliche Griechisch ist weder das eine noch das andere, es stammelt gleichsam in beiden Sprachen. Zu begründen ist das neutestamentliche Griechisch eigentlich nur durchs Nachfolge-Gebot: als ein erster Versuch, in der Sprache der Welt die Schuld der Welt auf sich zu nehmen. So hat es auch sprachlich die Gestalt des Gottesknechts angenommen (Jes 421-9, 491-7, 504-11, 5213-53).
    In Heideggers Fundamentalontologie wird der Taumelkelch zur Droge; davon ist die Kirche süchtig geworden.
    Maß, Zahl und Gewicht (Waage): sind das nicht Raum, Zeit und Materie (vgl. Hegels Logik, Quantität)?
    Zu Maß, Zahl und Gewicht (die Produkte der Abstraktion und des Vergleichens, von Augustinus als Hinweis auf die Trinitätslehre verstanmden): Liegt der Ursprung des „Gewichts“ im Geldwesen (das Geld als Einheit von schwerer und träger Masse; babylonische Tempelwirtschaft und Astronomie / Astrologie, Schuldknechtschaft; moderne Astronomie und Gravitationslehre als Stabilisator der Mechanik; Kopernikus und Newton waren Münzbeamte)?
    Die Welt, auch die physikalische, ist die Wolfswelt.
    Der „Schrecken Isaaks“ ist der Schrecken des „Er lacht“. Die tiefe Zweideutigkeit, die Dämonie des Lachens, in dem Freude und Hohn kaum voneinander sich trennen lassen, klingt hier an. Zuletzt erscheint das in der verkehrten (unbekehrten, mit dem christlichen Begriff der Sexualmoral zusammenhängenden) Vorstellung des Augustinus, daß zur Glückseligkeit der Seligen im Himmel der Anblick der Leiden der Verdammten in der Hölle gehört. Hier ist einer der christlichen Ursprünge des Faschismus; hier sind die Seligen im Himmel schon auf der Bahn zum KZ-Wächter. In jeder Law and Order-Mentalität steckt etwas davon.
    Der positivistische Ansatz in Loretz‘ Hebräer-Buch hängt nachweislich zusammen mit der Unfähigkeit, das Moment der Gemeinheit im wissenschaftlichen Objektivismus (und in der vergesellschafteten Welt) zu reflektieren.
    Die Josephs-Geschichte beschreibt den Vorgang der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals im Kontext des Staatskapitalismus, während die ökonomisch-religiösen Institutionen in Babylon solche der Privatwirtschaft gewesen zu sein scheinen. Das Königtum und die Tempelwirtschaft sind Instrumente eines Handelsbürgertums, das so die Grundlagen des Handels: das Geld und das Vertragswesen, absicherte (dagegen ist der Dekalog von Grund auf antikapitalistisch).
    Pyramide und Mausoleum: Zusammenhang von Staatskapitalismus und Totenkult.
    Der Ursprung der Idee, die Welt müsse zivilisiert werden, ist griechisch (Alexander); und der Ursprung der Idee, sie müsse befriedet werden, römisch (Cäsar / Augustus). Beides kehrt wieder in der spätchristlichen Verbindung von Mission und Kolonialismus (die Asylanten von heute sind die Nachfahren der Hebräer).
    Ebenso, ja mehr noch wie im Wörterbuch steckt die Weltgeschichte in der Grammatik (Genitiv / Dativ; mit dem Ablativ verschwindet der Sprachgrund der Gnadenlehre). Der Weltbegriff selber ist Teil einer grammatischen Struktur, eines grammatischen Konstrukts, des gleichen Konstrukts, durch das der Begriff in der Sprache verankert wurde (das prädikative Urteil, die damit zusammenhängenden Strukturen der Deklination und Konjugation), während die Mathematik sich aus der Sprache und gegen die Sprache entfaltete (Beziehung von Mathematik und prädikativem Urteil; Verstärkung der Gewalt des prädikativen Urteils durch die Mathematik: Was bedeutet der Begriff Mathematik?).
    Die Metaphysik setzt die Physik, die Gegenstandswelt, voraus. Deren Konstruktion setzt wiederum die Astronomie voraus.
    Die Heideggersche Philosophie ist ein Reflex der verdinglichten Objektwelt: die auftrumpfende Ohnmacht des Subjekts, der zwangshaft sich selbst reflektierende Instrumentalismus, der das Bewußtsein, Instrument zu sein (der „Uneigentlichkeit“), unter taktischer Verwendung der selber instrumentalisierten Bekenntnislogik (des Dezisionismus) zur „Eigentlichkeit“ aufspreizt.

  • 19.09.91

    Ideologie und Fundamentalismus: O.Loretz nennt ideologisch, was dem wissenschaftlichen Weltverständnis widerspricht und (wie dann auch Heinsohn) fundamentalistisch, was die historisch-wissenschaftliche Bibel-Kritik nicht akzeptiert (vgl. seine Ausführungen zu H.H.Rowley, S. 217ff).
    Das „Urteil der Geschichte“: Ist das nicht das Urteil des Historikers, das seine Objektivität anhand von Kriterien gewinnt, die denen des Inertialsystems in den Naturwissenschaften vergleichbar sind (Zentrum: Chronologie, Datierung; aber wie kommt das Wertmoment in dieses „Urteil“).
    Bezeichnend, daß ein Historiker wie Oswald Loretz das reflexive Moment im Begriff der Hebräer nicht erkennt. Der biblische Autor bringt doch nichts anderes zum Ausdruck, als daß für ihn die Bezeichnung Hebräer eine Fremdbezeichnung ist; für ihn ist es die Bezeichnung, die die Ägypter und die Philister für die Israeliten (die sich selbst Israeliten nennen) verwenden. Der Fremdbezeichnung Hebräer entspricht die Selbstbezeichnung Israeliten. Diese reflexive Differenz zwischen den beiden Bezeichnungen wird dann in die Väter-, Exodus- und in die frühe Königsgeschichte zurückprojiziert. Zur Verdeutlichung der Differenz wird dann noch Abraham als Hebräer vorgestellt, während Israel als neuer Name Jakobs („Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen“) hier erst eingeführt wird. Beide, die reflexive Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung und die neue, theologisch fundierte Selbstbezeichnung, gehören zusammen als Momente des Erwählungscharakters dieses Volkes und als Selbstverständigungsgrund für den Monotheismus: den Kampf gegen Idolatrie und Opfer. Und könnte es nicht doch sein, daß in dieser doppelten Selbstbezeichnung auch die Erinnerung an eine historische Katastrophe enthalten ist, für die dann die ganzen Materialien zur Frage der Habiru zusätzlichen Stoff liefern. Ob diese Probleme, zu denen zentral die Folgen der Schuldknechtschaft zu gehören scheinen, sich allein hieraus erklären lassen, und ob nicht die gesamte Ursprungsgeschichte der Stadt mit Tempel- und beginnender Geldwirtschaft sowie mit Sternendienst und Astronomie mit aufzuarbeiten ist, scheint mir die Grundfrage zu sein, vor die der Datierung und der historischen Realität der biblischen Erzählungen dann doch wohl zurücktreten. Und sind es wenn nicht die gleichen, so doch vergleichbare Probleme, die auch den Untergang Roms bewirkt haben, und die im Zusammenhang mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Schuldenkrise) heute der gesamten Menschheit ins Haus stehen.
    An der Schuldknechtschaft sind in der Alten Welt nur Einzelne zugrunde gegangen (die dann zu Hebräern sich zusammengeschlossen und überlebt haben), während mit der Zeitenwende das Römische Imperium zugrunde gegangen ist (dagegen haben die Christen sich als Kirche zusammengeschlossen: in ihr hat Rom überlebt); geht heute die Welt selber zu Protest?
    Die Differenz zwischen Fremd- und Selbstbezeichnung ist eine Differenz, die sich durch den ganzen biblischen Text hindurchzieht (und die Anlaß gegeben hat, den biblischen Text auseinander zu dividieren und verschiedenen Quellen zuzuordnen). Hier kommt der historisch-kritischen Bibelwissenschaft ein Objektivitätsbegriff (und eine Beweislogik) in die Quere, der diese Reflexion nicht mehr zuläßt.
    Es ist mehr als ärgerlich, weil es der Grund für so viele unproduktive Forschungsaufträge ist, wenn heute noch so viele Historiker sich als Geisteswissenschaftler verstehen und von dem Begreifen ökonomischer Zusammenhänge sich dispensiert fühlen.
    In der Geschichte der historisch-wissenschaftlichen Bibel-Kritik greift die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers auf den theologischen Gedanken über: so wurde die Theologie antisemitisch.
    Die Bibel erinnert an eine Phase der Geschichte, in der die Privatgeschichte noch Weltgeschichte war. Der Säkularismus als Motor der Geschichte ist von der Theologie immer als Feind gesehen worden; der Preis war die christliche Sexualmoral.
    Dient ein Großteil der Untersuchungen und der Argumentation von Loretz nicht dem Zweck, das Problem zu isolieren, es gegen seinen Kontext abzuschirmen. Denn nur unter dieser Bedingung lassen sich seine Thesen aufrecht erhalten, gelingt es, die Frage der Chronologie herauszuhalten und in jenen Denkgleisen fortzufahren, die einmal die nationalistische Geschichtsschreibung installiert hatte (Sprache =Volk = Nation = Staat).
    Die Alternative Apellativum/Gentilizium ist falsch; oder in dem Sinne, wie es hier vorausgesetzt wird, sind die Hebräer kein Volk (ist die Bezeichnung kein Gentilizium).
    Ps 88 (insbes. V. 6): hapsi = Freiheit der aus Schuldknechtschaft Entlassenen (vgl. Loretz: Habiru, S. 254ff). Freiheit im Totenreich.

    5Ich zähle zu denen, die in die Grube fahren,
    bin wie ein hilfloser Mann geworden.
    6Wie die Toten bin ich frei (hapsu), wie die Durchbohrten, die im Grabe ruhenden,
    deren du nicht mehr gedenkst,
    sie sind ja deinem Walten entrückt.

    11Tust du an den Toten Wunder,
    stehn die Rephaim auf, dich zu preisen?

    13Wird in der Finsternis dein Wundertun kund,
    und deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?
    Die Übersetzung hps „Stoff“ (Loretz, S. 257) scheint mir nicht überflüssig, weil sie – wie das Totenreich an die vergegenständlichte Welt – (mit fast zwingender Systemlogik) an die Genesis des Materie-Begriffs (biblisch „Staub“: vgl. hierzu Gen 314,19) gemahnt.
    Der Staub in der Sündenfall-Geschichte: sind das die Hebräer? Und ist der Staub der Abfall, der Rest, der übrigbleibt, nachdem die Welt durch die Mühle des Inertialsystems gedreht wurde? Und sind wir schließlich nicht selber dieser Staub, den wir, um die Schlange zu nähren, produzieren.
    Die Hebräer haben von Anfang an den Götzendienst und die Opfer als Stabilisatoren des Herrendenkens begriffen und deshalb nicht mitvollzogen (außer in der reflektierten Gestalt: als Israel).
    Gegen diese Objektivationsarbeit die Erinnerungsarbeit setzen. Das Ergebnis der Objektivationsarbeit ist hierbei zu nutzen: sie gibt der Erinnerungsarbeit Stoff, Anhaltspunkte und Fingerzeige.
    Hat die Geschichte der Sara im Buch Tobit mit der Geschichte der Sara in der Patriarchengeschichte etwas zu tun? Hängt die Geschichte vom Dämon, der die Männer der Sara in der Hochzeitsnacht sterben läßt, mit Geschichte von der Unfruchtbarkeit der anderen Sara zusammen?
    Ist der Übergang von Abram zu Abraham und von Sarai zu Sara ein sprachlicher Übergang? Was bedeutet das angehängte „i“ bei Sarai? (Vertritt dieses „i“ ein Personalpronomen, das bei dem neuen Namen entfällt? – Verzichtet Sara aufs Ich, oder wird ihr der Verzicht zugemutet, abverlangt?)
    Ist die grammatische Differenz zwischen maskulinen und femininen Wörtern (insbesondere die maskuline Differenz und die feministische Einheit von Genitiv und Dativ) nur eine Eigentümlichkeit der indogermanischen Sprache? Anders: Ist die Differenz von Confessor und Virgo ein Strukturproblem der indogermanischen Sprache? Gehört es zum „Wesen“ des Christentums, daß es von der hebräischen Sprachstruktur sich lösen mußte, um den „Weltauftrag“ erfüllen zu können (und deshalb für Israel nicht mehr verständlich war)?
    Das Christentum ist durch seinen Eintritt in die indogermanische Sprachwelt selber zum Opfer der babylonischen Sprachverwirrung geworden (steht das Christentum zum Römischen Reich wie Israel zu Babylon?).
    Die Erfindung der Sumerer, ein Nebenprodukt der alttestamentlichen Wissenschaft, hat diese zugleich begründet und verwirrt (als späte Folge der babylonischen Sprachverwirrung, deren Erkenntnis sie zugleich verhindert und ermöglicht). Das Ergebnis dieser Verwirrung ist an Texten wie dem von Oswalt Loretz im Detail nachzuweisen.
    Auch die Bibel ist einem Inertialsystem unterworfen, dessen gegenständliche und vergegenständlichende Kraft in der Chronologie begründet ist. Rosenzweigs Übersetzung des R (= Redaktor) mit Rabbenu (unser Lehrer) drückt das aufs genaueste aus.
    Wer sich über die Bedeutung und die Tragweite der Kanonisierungsprozesse klarwerden will, sollte die Bedeutung und die Tragweite der kopernikanischen Wendung für die moderne Welt studieren.
    Wenn Abraham (der Name) etwas mit den Hebräern zu tun hat, und Isaak (vielleicht auch Esau) mit Isa/Jesus, und beide mit der Beziehung von Moses und Joschua, wie verhält es sich dann mit Jakob/Israel (Sara)? Sara lachte, als ihr im Alter von neunzig Jahren ein Sohn angekündigt wurde; Jakob ist der einzige, der Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hat (Moses nur hinter seinem Rücken wie Abraham).
    Sonne, Mond und Sterne, oder das verdinglichte Licht und der Herrschaftsauftrag.
    Sind die Fische nicht noch auf andere Weise stumm als die übrigen Tiere? Während die Stummheit der Tiere sonst mit dem Vorgang der Namengebung (der Menschwerdung Adams) zusammenzuhängen scheint, liegt die Stummheit der Fische davor; und es erscheint mehr als merkwürdig, daß zu den ältesten Lebewesen überhaupt die Haie gehören (sind die Haie Säugetiere?).
    Ist das Tier vom Lande das durch Benennung durch den Menschen verletzte Tier, und das Tier aus dem Wasser der Schöpfungsdrache? (Bei welchem Tier braucht es Weisheit und Verstand, um seine Zahl – 666, die Zahl eines Menschen – zu entziffern?) Das Tier vom Lande ist von Gott gemacht (von der Erde hervorgebracht) und vom Menschen benannt, das Tier aus dem Wasser ist (wie Himmel und Erde und am Ende der Mensch) von Gott geschaffen.
    Ob die Bibel in der Form, in der sie heute vorliegt, historisch wahr ist, ist eigentlich unerheblich. Franz Rosenzweigs Abwendung vom Historismus und Wiederentdeckung des Offenbarungsbegriffs ist ein erster Versuch, das zu begreifen. Nicht unerheblich (vielmehr von erheblicher geschichtsphilosophischer Bedeutung) ist, daß sie während der ganzen christlichen Geschichte als historische Wahrheit genommen worden ist (und hierbei eine Hilfe war, die Welt zu verstehen und in der Welt zu bestehen).
    Der Personbegriff drückt zunächst einen ästhetischen und dann einen ökonomisch-juristischen Sachverhalt aus (Maske des Helden, Eigentümer, Träger des Namens und Subjekt der rechtlich-moralischen Zurechenbarkeit seiner Handlungen). Über dieses Vehikel ist – in der lateinischen Version – die Philosophie in die Theologie mit hereingenommen worden, die sie dann von innen zerstört hat (oder nur verpuppt?). Durchs Medium der philosophischen Reflexion hat die christliche Theologie sich entfaltet, wurde sie zugleich neutralisiert, unschädlich gemacht. (Das Dogma hat die Theologie unter Langzeit-Narkose gesetzt.)
    Persona als Maske des Helden: Hängt das auch mit dem Ursprung des Geldes zusammen (Tragödie als Urform der Selbstreflexion des Kapitalismus)? Vgl. die Goldmaske des Priamus und Jesu Antwort auf die Steuerfrage („Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist“).
    Der antike Begriff des Äons, der insbesondere in der apokalyptischen Literatur erscheint, hier vor allem durch Tiere symbolisiert wird, drückt genau die verschiedenen Gestalten der Weltverständnisse (die verschiedenen gesellschaftlichen Inertialsysteme) aus. Kann es sein, daß diese Äonenlehre zusammenhängt mit der kabod-Theologie, mit der an der Herrlichkeit Gottes sich orientierenden Theologie (die Lade im Tempel, Ezechiel, die Kerubim mit den die Äonen symbolisierenden Gesichtern – auch mit dem kreisenden Flammenschwert -, zuletzt die Merkaba-Mystik)? War diese Theologie das theologische Äquivalent des heidnischen Sternendienstes (und deshalb Herrschaftsmystik)? – Dagegen war die spätere Kabbala Schem-Mystik, Namens-Mystik.
    Das Relativitätsprinzip ist gleichsam ein mimetischer Akt, in dem sich das Bewußtsein dem Inertialsystem gleichmacht (zugleich sich in seine Gewalt begibt). Das Entscheidende am Relativitätsprinzip ist, daß die Bewegung des Objekt gleichgesetzt wird einer Bewegung des Raumes. Diese Gleichsetzung ist eine Nivellierung der Subjekt-Objekt-Beziehung. Das Subjekt ist im gleichen System auch Objekt; aufgrund des Relativitätsprinzips sind beide austauschbar. Damit hängt es zusammen, daß der Inhalt der physikalischen Erkenntnis sprachlich fast nicht mehr zu vermitteln ist. Im Rahmen des „naturwissenschaftlichen Weltbildes“, zu dem es keine Alternative mehr zu geben scheint, sind die sinnlichen Empfindungsqualitäten, von der Farbe rot bis zur Sexuallust inmommunikabel geworden.
    Wenn die Physik Ausdruck der Natur ist, dann ist eine Vergewaltigung Ausdruck der Frau (dazu wird sie dann ja auch in Strafrechtsverfahren in der Regel gemacht).
    Bei der Erschaffung der Pflanzen und der Tiere wird unterschieden zwischen dem Wachsenlassen und dem Hervorbringen; beidemale ist die Erde das Subjekt.
    Theologische Texte, deren Verständnis und Auslegung dem Indentitätsprinzip unterworfen wird (mit dem wir das Denken abschaffen, weil wir die Objektivität zum Herrn über das Denken machen), werden vergewaltigt.

  • 16.09.91

    Mit dem Rätsel der Sumerer wird auch das Rätsel des Ursprungs und der Vorgeschichte der Schrift gelöst (Tempelwirtschaft, Keilschrift, Astronomie/Astrologie und Gestirndienst, Turmbau zu Babel und Verwirrung der Sprachen – durch die Schrift?).
    Der Rassismus, der im Hinblick auf die Indogermanen durch Auschwitz obsolet geworden ist, besteht im Hinblick auf die Sumerer und die altorientalischen Völker (die „Hebräer“?) weiter.
    Haben Wellhausen und seine Nachfolger (bis in die Gegenwart hinein) wilhelminische/imperialistische Theologie betrieben (war W. der Treitschke der Bibelwissenschaft)?
    Hängt Jerubbaal (Vater Abimelechs, identisch mit Gideon? – vgl. Ri 91-5, 632, 71) mit Jerusalem zusammen?
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Pferden, dem Sternendienst und insbesondere em Sonnenkult (Pferde ziehen den Sonnenwagen und den Streitwagen)? Wo kommen Pferde vor in der Schrift? (Salomo: 1 Kö 1028, vgl. Am 410, Sa 18, Jak 33, Off 62) – Vgl. hierzu auch den Namen Philippus und die Philipper.
    Die Kritik der Naturwissenschaft und die Kritik der kirchlich-christlichen Sexualmoral gehören zusammen (die „Erbsünde“ wird über die Urteilslust, nicht über die Sexuallust „vererbt“).
    Schickt die christliche Opfertheologie den erstgeborenen Sohn des Vater durchs Feuer?
    Heißt es bei Buber wirklich „Braus Gottes über Urwirbels Antlitz“?
    Die drei „Nichtse“ bei Rosenzweig sind Nichtse unseres Wissens: sie beziehen sich auf ein Jenseits der Grenzen, die dem Wissen aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus gesetzt sind. Wissen aber ist Wissen von etwas oder Wissen über etwas: es bezieht sich entweder auf Vergangenes oder auf Objekte von Herrschaft. Durch diesen Zusammenhang wird das Unvergängliche/Ewige mit dem Herrschaftsfreien verknüpft, mit der Idee des Reiches Gottes.
    In der Natur ist das wissensbegründene Konstrukt das Inertialsystem (Objektivation durch Subsumtion unter die Vergangenheit und Instrumentalisierung); der Begriff der Natur verdankt sich der Universalisierung dieses Systems: dem Begriff des Universums. Das Universum ist somit Produkt der Subjektivierung der Welt; es hat als Nebenfolge die Versuchung/Verführung zur Vorstellung, das Subjekt sei das Absolute (vgl. Rosenzweigs Kritik des „All“).
    Müßte man micht bei einer Theorie der Banken die der „schwarzen Löcher“ zu Rate ziehen (und das Gesetz der Hohlraumstrahlung)?
    Heidegger und die rhetorische Frage (die Seinsfrage, die deutsche Frage, die Judenfrage und die Endlösung). Fragen werden beantwortet, Rätsel und mathematische Aufgaben gelöst. Fragen binden, aber wann wird das Rätsel, das wir uns selber sind, gelöst? Rätsel löst man, indem man die Schwierigkeiten häuft; Fragen stellt man eigentlich erst, wenn man die Antwort schon kennt (sind alle Fragen rhetorisch?). Deshalb stellen Lehrer Fragen und lösen keine Rätsel.
    Die Rehabilitation des Konjunktivs ist die Rehabilitation des Wunschdenkens („ach möge doch …“). Ohne das Wunschdenken ist der Bann des Seins nicht zu lösen. Wer den Menschen das Wünschen austreibt – und das ist das durch die Geldwirtschaft bereits realisierte Ziel der Fundamentalontologie -, treibt ihnen die Wahrnehmung dessen aus, was das Wünschen provoziert und notwendig macht.
    Das heute so beliebte „ich würde dazu sagen …“ ist ein Indiz dafür, daß bereits das Denken und die Wahrheit dem verpönten Wunschdenken unterliegt („ich würde ja gerne, aber die Gewalt der Fakten verbietet’s mir“): Heute ist die Realität selber der stärkste Motor der Verdrängung.

  • 14.09.91

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Heiligung des Gottesnamens und dem „Du sollst Vater und Mutter ehren“? Wie steht das vierte Gebot zum Vater unser, in dem es nicht vorkommt? Welche Bewandtnis hat es damit, daß nach christlicher Tradition Josef nicht der Vater Jesu ist (obwohl der Stammbaum Jesu über Josef geführt wird) und Maria in diese halbmythische Sonderstellung (Jungfrauengeburt, Himmelskönigin) gebracht wird?
    An die Erfüllung des Gebots „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ist die Verheißung „Auf daß du lange lebst auf Erden“ geknüpft, an die Heiligung des Gottesnamens, die nach der jüdischen Tradition mit dem Martyrium zusammenhängt, schließt sich die Lehre von der Auferstehung der Toten an.
    In der christlichen Tradition ist das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ eigentlich immer ähnlich verstanden worden wie der Satz: de mortuis nihil nisi bene. D.h. wir haben die Eltern immer wie Tote behandelt, wenn glaubten, sie ehren zu müssen. Das ist dann auf alle Autoritäten übertragen worden (Zusammenhang mit dem Hang aller autoritären Regime, auch der kommunistischen, zum Totenkult). In Wahrheit aber müßte das Gebot, die Eltern zu ehren, heißen: sie wie Lebende zu behandeln.
    Tempelwirtschaft und Totenkult: Ist Amerika das moderne Babylon und Russland Ägypten? Waren die babylonische Tempelwirtschaft in der Praxis, die ägyptische Tyrannis – und Cheops, der „Verhinderer der Opfer“ – in der Theorie, dem Bewußtsein nach: atheistisch?
    Der Dekalog und die Geldwirtschaft: ist nicht die Geldwirtschaft insgesamt eine Sünde wider das Gebot: „Du sollst nicht begehren …“? Ist nicht das Geld das institutionalisierte Begehren des Eigentums der anderen?
    Kann es sein, daß der Fehler bei Marx darin liegt, daß er die Anlyse der Geschichte der Banken nicht in seiner Kapitalismus-Kritik mit einbezogen, das Schuldmoment, das Problem der Kreditschöpfung und die Frage: womit handeln die Banken? draußen vor gelassen hat (weil es den Konklusionen, auf die er sein Konzept abgestellt hatte, im Wege gestanden hätte)? Bei der historischen Analyse des Bankenwesens wäre er zwangsläufig auf die Geschichte der Schuldknechtschaft, des Ursprungs des Geldes im Kontext der Schuldknechtschaft, auf den Ursprung der Banken in der Tempelwirtschaft und den Zusammenhang der Geldwirtschaft mit der Geschichte der antiken Religionen gestoßen.
    War es ein Zufall, daß die großen Astronomen wie Kopernikus und Newton gleichzeitig im Münzwesen tätig waren (wie auch der Ursprung der Banken mit dem der Astronomie in der babylonischen Tempelwirtschaft zusammenängt)?
    Kann es sein, daß wir das Verhältnis der Gravitation zum Licht erst begreifen, wenn wir die Thermodynamik begreifen, und daß die Plancksche Strahlungsformel auch den Schlüssel für die Astronomie enthält? War der brennende Dornbusch (der brannte und nicht verbrannte) ein physikalisches Ereignis: ein Typos des Sternenhimmels wie das kreisende Flammenschwert des Cherub vorm Eingang des Paradieses (Vgl auch Ez1;10 und die Merkaba/Kabod-Mystik)? Und haben die Dornen und Disteln mit dem altorientalischen Sternendienst zu tun (gibt es ein Äquivalent zur Erzählung vom Sündenfall in den anderen altorientalischen Religionen)?
    Unterschied zwischen Schem- und Kabod-Theologie (Schem = Namen: deuteronomistisch; Kabod = Herrlichkeit: Priestertradition?)
    Sind die neuplatonischen Emanationslehren ihrer Struktur nach astrologisch gestimmt (Dionysius Areopagita)? Ihr Erkenntnisgrund wurde zerstört mit der Gravitationslehre (mit der hier eintretenden konkreten Beziehung zum Sündenfall).
    Der Personbegriff ist der Kristallisationkern der Verdinglichung von Schuld und so eine der wichtigsten Voraussetzungen der modernen Aufklärung.
    Indem die Kirche das Votum für die Armen auf sich selbst umgelenkt (in die Bereitschaft, auf Kritik beleidigt und durch Aggression zu reagieren: deren Formalisierung ist das Kirchenrecht) und die Schuld- in die Leidensmystik (in die Bereitschaft zum Selbstmitleid) umgeformt hat, hat sie zwangsläufig die politische in die private (im Zentrum dann Sexual-) Moral umlenken müssen. Und das ist ihr über zwei Jahrtausende gelungen.
    Die mittelalterliche religiöse Erneuerungsbewegung, in deren Mittelpunkt die Reinigung der Kirche von der Pornokratie stand (Einführung des Zölibats und der Ohrenbeichte), hat die Sexualmoral so tief etabliert, daß sie seitdem zum character indelebilis des Christentums geworden ist. Und dieser character indelebilis ist ein Epizentrum des anderen, der seitdem nach katholischer Auffassung das Priestertum charakterisiert. Die Sexualmoral war die Voraussetzung für den Objektivitätsbegriff in der katholischen Sakramentenlehre und im Ritus. Der Protestantismus ist der innerkirchliche Reflex der kopernikanischen Wende. Ähnlich hängt die unaufgeklärte Geschichte der Naturwissenschaften bis heute mit der Selbstbindung der Kirche, ihrer Unfähigkeit zu lösen, zusammen.
    Oswald Lowetz: Hier kann der Universitätsprofessor nicht anders, hier muß er die Schöpfung des Himmels und der Erde in eine Erschaffung des Universums umformen (was ist der Unterschied zwischen der Schöpfung und Erschaffung; liegt der Unterschied in der Beziehung zum Objekt? Die Umkehrung macht’s deutlich: Himmel und Erde sind nicht erschaffen, das Universum ist nicht geschöpft).
    Zur Sprachlogik der Schrift (vgl. Fall und Empörung): Die Erde gründen und den Himmel aufspannen: die Erde ist der Inbegriff der Herrschaft der Beweislogik, während der Himmel vor der verdinglichenden Gewalt der Beweislogik sich verflüchtigt, dessen Aufgespanntsein mit dem langen Atem dessen zusammenhängt, der Bücher nicht aus Zettelkästen produziert. Diese Spannung schließt mit ein: die Schuld der Welt (die Last der Vergangenheit) auf sich nehmen, und das scheint niemand mehr zu ertragen. Die Hektik des Begründens mit dem langen Atem des Aufspannens verbinden: Seid klug wie die Schlange und arglos wie die Tauben.
    Wie verhalten sich Begründung und Rechtfertigung?

  • 12.09.91

    Die Probleme der drei großen monotheistischen Religionen heute gründen u.a. darin, daß die modernen Naturwissenschaften schon von ihrem Ansatz her das für alle drei Religionen geltende Bilderverbot (so wie die kapitalistische Ökonomie das Zinsverbot) verletzen, ohne daß eine Alternative sichtbar wäre. Der Fundamentalismus, der alle drei Religionen von innen (bei ihren treuesten Anhängern) bedroht, ist insofern eine Antwort auf diese Situation, als er Ausdruck davon ist, daß – wie es scheint – Rettung nur noch auf der Grundlage des Verrats möglich ist, daß der Verrat mit eingebaut ist und nur die Komplizenschaft des Opfers der Vernunft diese Religionen noch am Leben erhält. Diese Komplizenschaft gleicht in allen drei Religionen nicht zufällig der faschistischen, sie ist Ausdruck des Schicksals und der Gewalt der Bekenntnislogik unter den Bedingungen des derzeitigen Stands der Aufklärung.
    Durch die Naturwissenschaften (und durch die Form der kapitalistischen Ökonomie) ist die Sünde gleichsam in die Struktur der Welt mit eingewandert; diese Sünde ist die (fast unaufhebbare) Last der Vergangenheit, die sich durch die Reproduktion der Welt hindurch reproduziert, und die durch keine individuelle Moral mehr aus der Welt entfernt werden kann. Es gibt keine reale Beziehung der Moral zur Unschuld mehr; der Begriff der Unschuld selber ist keine moralische Kategorie mehr, sondern einzig eine theologische. Die Vorstellung, daß es auch einen moralischen Begriff der Unschuld gebe, leugnet die Gottesfurcht und befördert das Herrendenken.
    Reflexionsbeziehungen sind unkenntlich gemachte Herrschafts- und Schuldbeziehungen; sie begründen den Verblendungszusammenhang. Das Eine ist das Andere des Anderen: Hierin (in dem Primat des Anderen: auch der Personbegriff ist eine Reflexionskategorie und steht unter diesem Primat des Anderen) gründet der Hinweis Rosenzweigs auf die verandernde Kraft des Seins.
    Der Raum ist das Modell aller Reflexionsbegriffe: Im Raum ist in der Tat eine Dimension wie die andere. Und das Inertialsystem gründet in der Verräumlichung der Zeit: im Begriff der Bewegung, der die Zeit in eine quasi-orthogonale Beziehung zum Raum setzt.
    Die Umkehr wird heute eher durch das Bild von der Heilung von den sieben bösen Geistern beschrieben als durch ihr räumliches Vorbild (obwohl sie hierin ihre Wurzel hat: Im Angesicht und hinter dem Rücken; unter der Herrschaft der Reflexionskategiren verschwinden das Licht und das Angesicht). Das Inertialsystem (als Grund der Reflexionsbegriffe) hat den Begriff der Umkehr nur scheinbar gegenstandslos gemacht.
    Idolatrie und Opfer gehören zur Vorgeschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Sie sind Frühformen des Herrendenkens (der Objektivation und Instrumentalisierung), das dann in der Form des Inertialsystems und seiner vergegenständlichenden Gewalt sich sedimentiert und stabilisert hat, wie es scheint: fast irreversibel.
    Drewermanns Kritik des Anthropozentrismus leugnet das Antlitz Gottes.
    Der Personbegriff ist ein Produkt der Bekenntnislogik; seine theologische Anwendung ist der Grund der Selbstzerstörung der Theologie (Wiederkehr des Verdrängten).
    Die Universität ist der Grund des Universums. Ist der gekreuzigte Logos nicht ein Realsymbol des Inertialsystems? Und ist das „gekreuzigt, gestorben und begraben“ nicht die Geschichte der Naturwissenschaft (so, daß eigentlich nur noch das „abgestiegen zur Hölle und auferstanden von den Toten“ fehlt)?
    Hegel hat am Ende den Abstraktionsprozeß mit der Auferstehung verwechselt. Genau das drückt sich in seinem Begriff der Aufhebung aus.
    Hegels Leidensmystik (dem Negativen standhalten) ist gnostisch: er meint, er könne sich mit dem Negativen, den Verhältnissen abfinden, wenn er sie nur durchschaut.
    Wer oder was ist Mamre (heiliger Ort mit Terebinthen bei Hebron; Abraham und Isaak)? Und wer sind die kanaanitischen Völker, wenn die Amoriter die Perser sind und die Hethiter die Hethiter?
    Die Abraham-Geschichte, die voller Anachronismen ist, wird erst durchsichtig, wenn man die Schwierigkeiten (das Verständnis der Realien) häuft und nicht harmonisiert.
    Von Abraham und von Isaak (sowie von den Hebräern in Ägypten; auch noch von anderen?) wird immer wieder gesagt, daß sie als Fremde im Lande leben. (Kann es sein, daß das Verhältnis Elohim / Jahwe mit dem von Herbäern und Israeliten, d.h. mit der Komposition der Schrift zu tun hat?)
    Woher kommt diese merkwürdige Rezeption des Begriffs des Philisters in der deutschen Burschenschaftsbewegung?
    Gibt es bei Marx Materialien, Hinweise zur Geschichte der Banken?
    Die Geschichte der tendentiellen Privatisierung des Christentums (die Umformung der politischen Moral in die christliche Sexualmoral) ist eins mit der Geschichte der Verinnerlichung und Vergesellschaft von Herrschaft (der Immunisierung der Religion gegen Herrsschaftskritik). Sie schlägt heute in einer Weise auf das Christentum zurück, die eigentlich nur noch im Bilde der Selbstverfluchung zu fassen ist.
    Zu den Folgen der christlichen Sexualmoral gehört auch die Unfähigkeit, das „Alte Testament“ überhaupt noch zu verstehen. Durch die christliche Sexualmoral sind die Bibel-Leser zu Antisemiten geworden (bis hinein in die christliche Bibel-Wissenschaft).
    Adornos Satz über das erste Gebot der Sexualmoral ist ein spätes Echo des augustinischen Satzes: ama et fac quod vis. Die Liebe ist die die verdinglichende und instrumentalisierende Gewalt der Anklage auflösende Macht.
    Das Wort Johannes‘ XXIII. „Ich bin Joseph euer Bruder“ trifft den Sachverhalt genauer als er selber wahrscheinlich meinte; darin klingt auch die Rolle Josephs in Ägypten: in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und der Enteignung des Volkes, nach.
    Zu Anfang: die Wormser Chassidim, nach dem Hinweis auf Hegels Erörterungen zum Problem des Anfangs der Philosophie; am Ende: der Taumelkelch.

  • 06.09.91

    Turmbau zu Babel, Babylonische Sprachverwirrung: Herrendenken (Astronomie, Sternendienst, Idolatrie, Tempelwirtschaft), Ursprung des Begriffs; verwirrende Gewalt der Reflexionsbegriffe (Taumelkelch, „kein Glied nicht trunken“); Ursprung und Charakter der „sumerischen“ (chaldäischen) Sprache (Grundlage der semitischen und anderen Sprachen), Abtrennung der „Hebräer“ (Abraham aus Ur in Chaldäa). Woher kommen die Philister, Amalekiter, Hetiter bei Abraham, wie kommt Abraham noch Ägypten; welche Bedeutung haben die Könige um Sodom und Gomorra (mit den 318 Kriegern des Abraham, der Geschichte um Lot und den Untergang Sodoms und Gomorras); wer ist Sara (steckt Sara in Israel)?
    Terach, der Vater Abrams, zog mit Abram, Lot und Sarai von Ur in Chaldäa nach Haran, Abram mit Sarai und Lot nach dem Tode Terachs von Haran nach Kanaan.
    Abraham schickt seinen Knecht in „seine Heimat zu seiner Verwandschaft“, nach „Mesopotamien, in die Stadt Nahors“, um von dort eine Frau (Rebekka) für seinen Sohn Isaak zu holen (Gen 244;10). Rebekka war „die Tochter des Aramäers Betuel aus Paddan-Aram, eine Schwester des Armäers Laban“ (Gen 2520)
    Lot ist ein Sohn Harans (des Bruders von Abram und Nahor) sowie ein Bruder der Milka (der Frau des Nahor und Großutter der Rebekka und des Laban, sowie Urgroßmutter der Lea und Rahel) und der Jiska (Gen 1129).
    Was bedeutet der Name Lot (Involutus: der in Dunkel Gehüllte; Colligatus: der Gebundene, Gefesselte; Abram: Pater excelsus, Abraham: Pater multitudinis)? Lots Weib ist namenlos, von ihr wird nur gesagt, daß sie im Anblick der Katastrophe zur Salzsäule erstarrt. Aber sie gehört (über die Moabiterin Rut) mit in die Ahnenreihe Davids und Jesu (vgl. Tamar, Rut, Lots Weib und die Töchter Lots).
    Gibt es einen Zusammenhang des sowjetischen Totenkults (Lenin-und Stalin-Mausoleum: Pyramiden, pharaonischer Charakter des Sowjet-Marxismus) mit der Instrumentalisierung des Marxismus (Projektion ins Vergangene, Anpassung an das Gesetz der kapitalistischen Welt, Enttäuschung der Parusie-Erwartung, Subsumtion unter die christologische Bekenntnislogik)? Gilt eigentlich die vor dreißig Jahren diskutierte Konvergenztheorie immer noch (liegt Babylon im Westen)?
    Zur Ursprungsgeschichte der Welt (babylonische Sprachverwirrung, Ursprung des Staates und der Philosophie, Name und Begriff) vgl. F.J. Hinkelammert: Der Glaube Abrahams und der Ödipus des Westens (Münster 1989), insbesondere sein Gesetzes-Verständnis (Gesetz = Inbegriff der Welt; die erste nicht antisemitische Paulus-Interpretation). Die nach meiner Kenntnis beste Kritik der Opfertheologie.
    Hinkelammerts Begriff der „normativen Ethik“ (der Gesetzes-Ethik) entspricht genau der Kritik der moralischen Urteilslust („der Ankläger hat immer Unrecht“). Sie folgt einem Begriff des Sündenfalls, der „Erbschuld“, die an der „Erkenntnis des Guten und Bösen“ sondern orientiert, die traditionelle christliche Lehre von der Übertragung der Erbschuld durch Sexualtät (und von der Verdammung der sexuellen Lust) korrigiert.
    Zum „pathologisch guten Gewissen“ sh. S. 43. Daß diese Sünde ohne Schuldbewußtsein „keine persönliche Sünde“ ist (ebd.), weist zurück auf den Ursprung und die Bedeutung des theologischen Person-Begriffs (die Möglichkeit des „pathologisch guten Gewissens“, die moralische Desensibilisierung, ist dem theologischen Personbegriff, genauer: der theologischen Sanktionierung des juristischen Personbegriffs, zu danken: das paulinische „Gesetz“ ist durch den Person-Begriff ins Trinitäts-Dogma, ins Zentrum der orthodoxen Theologie eingewandert).

  • 04.09.91

    Die Astronomie ist die Babel-zugehörige Wissenschaft: ist sie Teil des Turmbaus zu Babel? In welchem Verhältnis steht die babylonische (chaldäische) Astronomie zur Tempelwirtschaft?
    Machtfrage werden in der Kindheit entschieden. Die instrumentelle Nutzung des Liebesentzugs erzeugt die Bekenntnis-Logik und die Bekenntnis-Mentalität, mit all ihren Folgen: Lösung von Schuldfragen durch Projektion; Veränderung, Zerstörung der Erinnerung; Messung der Wahrheit am Urteil der Herren, Zerstörung der Rationalität. Erkennbar sind die Folgen der Bekenntnis-Logik daran, was wann unter Begründungszwang gesetzt wird (Zusammenhang der Heideggerschen „Sorge“ mit der Herrschaftsstruktur der Fundamentalontologie; es ist diese „Sorge“, die sich mit Vermutungen und Unterstellungen in die Privatangelegenheiten anderer einmischt, aber hierbei nicht helfen, sondern nur sein Besserwissen, seine Autorität, unter Beweis stellen will; es ist diese Sorge, die ihr Objekt von der Außenwelt und von der eigenen Bewältigung seiner Probleme aussperrt, es in die symbiotische Inzest-Bindung zurückzwingen will: Modell der Naturbeherrschung, Funktion der subjektiven Formen der Anschauung hierbei?).
    Indem die Frauen sich selbst durch ihre Unterwerfung unter die Mode und die Privatsphäre durch Unterordnung unter das Ansehen dem Urteil der Welt unterwerfen („was mögen andere über uns denken?“), werden sie zu Hütern des Vorhandenen (der Natur), während die Männer dagegen das Gesetz der instrumentalen Praxis (des Zuhandenen) repräsentieren: beides sind eigentlich nur zwei Aspekte einer Sache. Die männliche Autonomie ist die der Beherrschung des Zuhandenen, die dadurch selber zu etwas Zuhandenem wird, während die Unterwerfung unter das Urteil der Welt die Frauen zu Multiplikatoren dieses Urteils machen, durch das sie sich gegenseitig in Schach halten.
    Ist der Webersche Begriff der puritanischen Askese (der Zusammenhang von Rationalität und Sexualität) nicht doch schon teleologisch in der frühkirchlichen Dogmenentwicklung angelegt? In diesen Kontext paßt das Schicksal der (verdrängten und korrigierten) Erinnerung an Maria Magdalene, der einzigen Heiligen, die es aufgrund ihrer Umkehr geworden ist.
    Steht bei Spengler etwas über die Geschichte der Banken und des Geldes:
    – Banken und Tempelwirtschaft,
    – mittelalterliche Restitution des Bankensystems: doppelte Buchführung und Vatikan-Banken;
    – Kleidung der Bänker im 19. Jhdt. als Modell der Zivil-Kleidung seitdem überhaupt: Modell des zivilisierten Menschen; Archaik der rituellen Gewänder in Recht, Religion, Militär; Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Kleidung (in welcher Beziehung stehen Hose und Rock, sowie die Bänker-Krawatte zur Geldwirtschaft)?
    Die Kollektivschuld-Diskussion ist durch den Trick abgewürgt worden, daß unterstellt wurde, es ginge um die Zurechenbarkeit von Handlungen, während es in Wirklichkeit um die Zurechenbarkeit von Unterlassungen ging, d.h. um eine ebenso reale Schuld, die nicht durch den Begriff der Kollektivscham zu ermäßigen war.
    Ist das Sumerische als agglutinierende Sprache eine besondere Sprache, der man dann auch ein besonderes Volk substituieren muß (vorausgesetzt, hier gilt auch bereits die Zuordnung von Sprache und Nation), oder ist es nicht ein technisches Instrument. Hier genügt nicht die bloß formale Beschreibung von Grammatik und Sprachstruktur, sondern wichtig wäre die Ermittlung des cui bono, des technischen terminus ad quem. – Im Sumerischen sind (wenn ich’s richtig verstehe) die Wörter (die Stammbegriffe) Substanzbegriffe, während ihre nominale oder prädikative Qualität sowie deren Konjugation und Deklination durch Präfixe, Infixe und Suffixe bestimmt werden: reine Trennung von Form und Inhalt. Ist das der Beginn der Anpassung der Sprache an die Mathematik, und ist diese Sprache wirklich gesprochen worden?
    Unterschied zwischen der sumerischen und den semitischen Sprachen: auch in dem semitischen Sprachen gibt es die Wortstämme, die dann durch Modifikationen ihrer grammatischen Bedeutung funktional angepaßt werden.
    Einfluß der Schrift (Selbstobjektivierung des Gedankens, Ursprung der Reflexion) auf die Struktur der Sprache (Vergegenständlichung als Vergesellschaftung und Grammatik; logische Durchbildung; Ausbildung der Ausdruckskraft; Technik und Magie).
    Der Ursprung der Sprache muß in etwas gelegen haben, was man den seligen Sprachgeist nennen könnte, mit dem immanenten Anspruch, das Ganze durchsichtig zu machen und aus dem Ganzen heraus auch das Einzelne zu begreifen. Dieser „selige Sprachgeist“ ist dann in einer Geschichte (der Geschichte der Schrift?), auf die der Mythos von der babylonische Sprachverwirrung verweist, in einen Verarbeitungsprozeß hineingezogen worden, in dem sich dann die verschiedenen Sprachfamilien herausgebildet haben.
    Was mit Griechenland und Rom eingetreten ist (Sprache als Einheit von Herrschafts- und Erkenntnismittel; Ursprung des Weltbegriffs), diese Potenzierung der babylonischen Sprachverwirrung, die reflektierte Idolatrie, war mit den Mitteln der jüdischen Tradition (mit dem Bilderverbot) nicht mehr zu bewältigen; diese waren ohnmächtig gegen den griechischen Mythos, aber dieser Ohnmacht ist nicht das Judentum, sondern das Christentum zum Opfer gefallen. Das ist zu erkennen an der bis heute unerledigten Auseinandersetzung mit dem Mythos und mit der Philosophie.
    War Tertullian Jurist? Augustinus war ein vom Manichäismus zum Christentum bekehrter Rhetorik-Professor (Winkeladvokat?). Indem Augustinus die Kirche zum Subjekt gemacht hat, hat er ihr ein nur leicht entschärftes manichäisches Erbe übergeben.
    Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn: Ist das nicht der Inbegriff eine politischen Philosophie?
    Mechanik und Gravitationsgesetz: Wenn ich mit meinem Kopf gegen die Wand renne, dann geht es nach der Mechanik nicht um Kopf und Wand, sondern um die Beziehung zweier träger Massen; alles andere verschwindet dahinter. Ähnlich reproduziert das Gravitationsgesetz, das die darunter fallenden Erscheinungen in eine Äquivalenzbeziehung zur Mechanik bringt, dessen Kraft, das Ungleichnamige gleichnamig zu machen: es sind nicht mehr Sonne und Erde, die hier in Beziehung gesetzt werden, sondern zwei schwere / träge Massen. Dahinter verschwindet, was Sonne und Erde sonst noch sind. Der Rationalisierungsgewinn wird erkauft mit einem Verlust an Erkenntniswert.
    Durch die Entdeckung der Lichtgeschwindigkeit ist das Bewegungsmoment des Raumes verschoben worden auf die Bewegung des Lichtes im Raum (Zusammenhang mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes?).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verändert auch die Subjekt-Objekt-Beziehung im Inertialsystem: Beide, Subjekt und Objekt, unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Lichtgeschwindigkeit: als Leuchtendes und Beleuchtetes (in ihrer paradigmatischen Gestalt sind beide Adressaten des Herrschaftsauftrags im Schöpfungsbericht: Sonne und Mond sollen herrschen über die Zeiten …; und die Planeten kreisen gemeinsam mit der Erde um die Sonne, während der Mond um die Erde kreist).
    Ist Maria Magdalena, die von den sieben bösen (Planeten-?) Geistern Befreite, die erste Erlöste überhaupt gewesen?
    Das Bekenntnis zum Rechtsstaat enthält die Distanz zu den Objekten des Rechts als notwendiges Moment in sich. Aber jeder ist als Rechtssubjekt zugleich Objekt des Rechts, d.h. er hat in sich selber etwas, von dem er sich distanzieren, das er verdrängen muß. Die Institutionen des Rechststaats, insbesondere die Vollzugseinrichtungen, sind Stützen dieses Verdrängungsapparats.
    Das Bekenntnis ist das Medium und die Grundlage kollektiver Konkurrenzverhältnisse.
    Gibt es Länder mit eigener Währung, aber ohne Militär?
    Abraham: Vater der Menge; Sara: die Fürstin;
    Isaak: Er lacht; Rebekka: „saginata“ (die Gemästete?);
    Jakob: er möge schützen / er betrügt; Israel: El streitet / El herrscht; Lea: Kuh / Rahel: Mutterschaf.
    Sara hat’s mit dem Pharao und mit Abimelech (ebenso Rebekka); Rebekka und Rahel werden am Brunnen getroffen (Bedeutung des Brunnens).
    In jedem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen und ehren: davon scheint nur der Götzendienst, die Idolatrie (die Bekenntnislogik), zu dispensieren.

  • 27.08.91

    Ist Hammurabi die Umkehrung von Abraham/Ibrahim?
    Zur biblischen Zeitstruktur: Wann endet die hohe Lebensdauer der ersten Geberationen, und wann beginnt das seitdem übliche Menschenalter? Kann es sein, daß erst nach der Sintflut (Regenbogen) die homogene Zeit beginnt?
    Welche Bewandtnis hat es damit, daß Haran sowohl den zweiten Bruder Abrams bezeichnet als auch die Stadt, in die Terach aus Ur in Chaldäa mit Abram hinzieht? (Sind Ur und Haran vielleicht die Exilplätze der Deportierten in Babylon und Assur?)
    Lot, dessen Frau zur Salzsäule erstarrt, überlebt nur durch den Inzest. Die Schwiegersöhne sind mit Sodom untergegangen, und Söhne hatte er nicht.
    Jakob war der Lieblingssohn Rebekkas; gibt es eine vergleichbare Beziehung zwischen Josef und Rahel oder zwischen Sara und Isaak?
    Sara ist die Halbschwester (oder die Nichte: Tochter des Haran?) des Abram, Rebekka ist seine Nichte, und Lea und Rahel sind Nichten der Rebekka.
    Hatten auch die Ägypter Opfer, Kulte – welche? Wo liegt generell die politische, kulturelle und religiöse Differenz zwischen Babylon und Ägypten? Läßt sich der Unterschied an dem zwischen dem Turmbau zu Babel und den Pyramiden aufzeigen (oder dem Unterschied zwischen dem hieros gamos und dem Totenkult)? Sind Babylon und Ägypten Abbilder von Himmel und Erde? War die Sklaverei in Ägypten nur politisch-ökonomisch, oder auch religiös: ein Teil des Totenkults?
    In welcher Beziehung stehen Melchisedech und Abimelech (bei Abraham/Isaak und im Kontext der Jotam-Fabel)?
    Woher stammt die Bezeichnung Hebräerbrief und hat sie etwas mit der Frage, wer denn nun die H. sind, etwas zu tun (vgl. den Bezug auf Melchisedech)?
    Für wen sind die Juden Hebräer (außer für die Ägypter und die Philister)? Abraham der Hebräer kommt aus einer aramäischen Familie. Wie verhalten sich Hebräer, Israeliten und Juden?
    Muß man in der Schrift nicht doch zwei Ebenen unterscheiden: die zeitlich-historische Ebene (mit einigen Ungereimtheiten) und die Sprachebene (die die philosophische Kritik dann gerne verschiedenen Quellen zuordnen möchte; hier sind deutlich andere Zeitrhythmen und andere Zeitverhältnisse zu erkennen).
    Genügt es nicht, nur die Realien zur Schrift vollständig aufzuklären (mit den Ungereimtheiten), allerdings ohne der Versuchung der spekulativen Quellentheorien zu erliegen, um zu sehen, was passiert ist?
    Heinsohns Naturkatastrophen-Theorie ist eine Folge davon, daß er die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verdrängen muß. Deren Äquivalent in der Vorgeschichte ist die Geschichte des Opfers und der Unterdrückung. Heinsohns Abwehr des Tauschprinzips ist Teil seiner Abwehr des Marxismus. Damit aber hängt sein Konzept des Ursprungs des Geldes in der Schuldknechtschaft völlig in der Luft, es wird sinnvoll erst im Zusammenhang mit der Ausbildung der Herrschaft des Tauschprinzips. Die Lücke, die hier entsteht, kann er nur schließen, indem er als deus ex machina die Naturkatastrophen als dramaturgisches Element und als historisches Movens einführt. Sein Konzept gleicht dem der Konstruktion eines Gravitationsgesetzes ohne Inertialsystem. Hier ist der andere Zusammenhang mit dem Sternendienst und der Venus-Katastrophe mit Händen zu greifen.
    Die Kanaanäer, Repräsentanten der Kinder- und Menschenopfer, waren die „Händler“. Ist die Opfertheologie ein Hinweis auf die Kanaanisierung des Christentums, die dann als Ritualmord-Legende und als Gottesmord-Vorwurf auf die Juden projiziert wird? (Was ist das „Gelobte Land“?)
    Der Zusammenbruch des Römischen Reiches aus der agrar-ökonomischen Entwicklung (aus dem Zusammenbruch des römischen Latifundien- und des Steuer-Systems, das der Latifundien-Wirtschaft endgültig die materielle Basis entzog): nach neutestamentlichen Sprachgebrauch der Zusammenbruch Babylons ist das Modell und das Vorbild dessen, was heute im Verhältnis der Metropole zur Dritten Welt passiert. Hierbei ist zu unterscheiden: die (ideologische) Geschichte des Herrendenkens (des Objektivationsprozesses), die als Verblendungsmechanismus wirkt, und die Realgeschichte der Selbstverfluchung (die Selbststrangulation des Systems durch die realen ökonomischen Mechanismen).
    Waren die Anfänge der lateinischen Theologie in Nordafrika (von Tertullian bis Augustinus), die nur zu korrigieren wäre durch die ohnehin notwendige Kritik der Stellung der Sexualmoral in dieser Theologie und die Verschiebung der Erbschuld von der sexuellen Lust auf die moralische Urteilslust („Erkenntnis des Guten und Bösen“), Modell der Befreiungstheologie in der Dritten Welt? So würde der reale Bogen zur Geschichte vom Sündenfall sich schließen, das Nachfolge-Gebot könnte endlich rezipiert werden.
    Die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist eine präzise nachvollziehbare Konsequenz aus der Geschichte der kirchlichen Sexualmoral; deshalb gehört die Geschichte der Hexenverfolgung zu den Voraussetzungen der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung.
    Die Vergeistigung des Martyriums, der Zeugenschaft, zur Konfession ist Beginn der Geschichte der Leugnung und der Grund der christlichen Verfallsgeschichte. Hier wird das reale (äußere) Leid verinnerlicht zum Selbstmitleid, und dieses Selbstmitleid, durch die das Selbsterhaltungsprinzip in die Religion einwandert, wird stabilisiert durch die (vergegenständlichte) Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Unsterblich ist das Selbstmitleid, nicht die „Seele“. Auch hier ist die Differenz zur Wahrheit minimal, aber eine Differenz ums Ganze; es gibt eine Gestalt der Lehre von der Unsterblichkeit, die vom Selbstmitleid unberührt bleibt: sie gründet in der Lehre vom Jüngsten Gericht, in der Vorstellung, daß am Ende jeder wird Rechenschaft ablegen müssen über sein Tun und Unterlassen. Die Konsequenz hieraus ist die Pflicht zur Erinnerungsarbeit, die nicht nur auf die individuelle Vergangenheit sich bezieht, sondern – insbesondere nach Auschwitz – auf die ganze Geschichte der Menschheit: auf die Schuld der Welt und die Last der Vergangenheit, die auf uns lastet; diese Erinnerungsarbeit steht unter dem Gesetz des Nachfolge-Gebots.
    Wenn ich über jemanden rede, versetze ich ihn in den Akkusativ: in den Anklagezustand, setze ich ihn unter Rechtfertigungszwang. Aber in diesen Anklagezustand versetzen uns nicht mehr Personen (obwohl wir hier grundsätzlich zu Personalisierungen neigen), sondern sind wir hineingeraten durch den Stand des historischen Objektivationsprozesses, durch den Zustand der Welt (als gegenständlichem Inbegriff des Objektivationsprozesses). Dieser Anklagezustand hat seine eigenen Urteils- und Exkulpationsgesetze, die leicht mit religiösen Gesetzen verwechselt werden, nicht zuletzt deshalb, weil Religion so gleichzeitig zur eigenen Exkulpation und als Herrschaftsmittel genutzt (mißbraucht) werden kann. Hier ist der Erzeugungsautomatismus (deren Modell und Vorbild einmal die Idolatrie war), der – nach einem Wort Martin Bubers – Erlöste in einer unerlösten Welt produziert.
    Confessio triplex,
    – scilicet actus exterior fidei vel justitiae,
    – actus latriae, scilicet gratiarum actio et laudatio dei,
    – et actus poenitentiae, scilicet confessio peccatorum.
    (S.th. 2, 2 q. 3, 1, ad 1)
    Blasphemia opponitur confessio fidei (S.th. 2, 2 q. 13, 1).
    Über das Nachfolge-Gebot, die Übernahme der Schuld der Welt, hängt das Glaubens-Bekenntnis (als Bekenntnis des Namens) mit dem Schuld-Bekenntnis zusammen (und wird sein logischer Status definiert). Erst der Bekennende kann Ich sagen (aber dieses Ich ist nicht das Absolute).
    Der Antisemitismus ist in seiner Wurzel antimessianisch; beide Begriffe sind austauschbar.

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