Sprache

  • 21.11.95

    Das Christentum als Selbstrechtfertigung der indogermanischen Sprachlogik verstehen: Kein Präsens ohne Opfer. Und kein Präsens ohne Plusquamperfekt: beide werden kontrahiert und in einer gemeinsamen Logik zusammengefaßt durch den Weltbegriff.
    Waren nicht alle Kosmologien subversive Erweiterungsarbeiten im Sprachbau (Arbeit an der Erweiterung und Differenzierung der Sprachlogik)?
    Wer das Imperfekt in die Vergangenheit abdrängt, hypostasiert den Staat und legt den Grund für die Welt. Er begründet eine Logik, in der die abgeschlossene Vergangenheit vollendet (perfekt) ist, während für die hebräische Sprache diese Welt unvollendet (imperfekt) ist und erst die zukünftige Welt vollendet (perfekt) sein wird.
    Ontologie und Recht: Nur über die Anerkennung fremden Eigentums ist auch die Anerkennung des eigenen Eigentums sicherzustellen. Das Vorhandene ist das, was meiner Verfügungsgewalt entzogen ist, weil andere darüber verfügen (der Staat „präsentiert“ das Vorhandene, produziert das Präsens).
    Treten nicht Sein und Haben gemeinsam auf, und zwar beide im Kontext der Perfektbildung (der „vollendeten Vergangenheit“)? Und sind sie nicht der sprachliche Grund für die Heideggersche Unterscheidung des Vorhandenen vom Zuhandenen? Ist nicht die Heideggersche Eigentlichkeit ein Audruck dafür, daß in der Fundamentalontologie das Bewußtsein, daß das Sein ein (durch den Staat) Gesetztes ist, durchaus präsent ist, wobei die Eigentlichkeit der Identifikation mit dem Subjekt des Seins: dem Staat, sich verdankt: Der Ontologe ist der Hirte des Seins.
    Das Haben ist das Ergebnis einer aktiven Aneignung, während dem Sein das passive Angeeignet-worden-Sein zugrundeliegt. Insofern steckt im Sein in der Tat das Possessivpronomen: die Beziehung auf einen Herrn.
    Im Strafrecht entspricht der Unterscheidung von Sein und Haben die von Tat und Täter: Wer gemordet hat, ist ein Mörder, wer gestohlen hat, ein Dieb; aber unter rechtsstaatlichen Bedingungen wird in dem einen Falle der Täter verurteilt (und bestraft), in dem anderen Falle die Tat.
    Schneidet nicht das Benennen die Reflexion der Vergangenheit ab? Das Benennen verdrängt die Vergangenheit: es macht die Tiere zu Tieren (die Mörder zu Mördern, die Diebe zu Dieben), rückt sie ins Gegenständliche, Vergangene: fürs Benennen sind die Benannten tot. Die Lehre von der Auferstehung enthält auch ein sprachphilosophisches Element.
    Gibt es überhaupt noch ein Benennen ohne Komplizenschaft, ohne daß man sich gemein macht?
    Hängt es mit dem englischen to be zusammen, daß im Englischen das Perfekt nur mit to have, nicht mit to be gebildet wird (den Formen des Perfekts, die im Deutschen mit dem Hilfsverb Sein gebildet werden, entspricht im Englischen das Präteritum)?
    Kann es sein, daß im Russischen das Haben sowohl das Haben wie auch das Sein bezeichnet?
    Unfähigkeit zur Reflexion ist ein Ausdruck von Ich-Schwäche. Ein Erkenntnisbegriff, der an der intentio recta, an den Erscheinungen, sich orientiert, korrespondiert einem am Feindbild sich orientierenden Begriff des Handelns; beide unterbinden die Reflexion und fördern die Ich-Schwäche.

  • 20.11.95

    Die Opfertheologie ist das Produkt der Spiritualisierung des Moloch.
    Schuldverschubsystem: Die Verführung des Wissens (die Dogmatisierung des Glaubens, seine Übersetzung in den Indikativ) kehrt den Imperativ (und mit ihm die Zeit) um, indem es den Hörenden zum Ankläger und Richter: das Schuld- zum Glaubensbekenntnis macht. Seitdem unterliegt der Glaube dem Rechtfertigungszwang (seitdem gibt es das vergebliche Bemühen der Gottesbeweise). Aus der Vergebung der Sünden wird unterm Rechtfertigungszwang die Entlastung von Schuldgefühlen durch Schuldverschiebung, die das Herrendenken kennzeichnet.
    Zur Kritik der Naturwissenschaften: Wer vom Gegenblick abstrahiert, verfällt ihm: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Joh 129 ist der Schlüssel zur Reflexion des Gegenblicks, sein telos ist die Heiligung des Gottesnamens (die Theologie im Angesicht Gottes).
    Nach der Dialektik der Aufklärung ist die Distanz zum Objekt, Voraussetzung aller Abstraktion, vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt. Verweist das nicht darauf, daß der Begriff des Objekts ein apriorisches Konstrukt bezeichnet, in dessen Identität die des Subjekts sich widerspiegelt? Beide, Subjekt und Objekt, aber bilden eine Konstellation, die in sich selber herrschaftsgeschichtlich vermittelt ist. Die „Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, wird verkörpert durch die subjektiven Formen der Anschauung (durch Raum und Zeit), durchs Geld und durch die Bekenntnislogik. Alle drei konstituieren und entfalten sich in einem gemeinsamen Abstraktionsprozeß, in dem sie sich wechselseitig determinieren, stützen und durchdringen. Das Geld stützt ebenso die Bekenntnislogik, wie in beiden die logischen Konstruktionselemente des Raumes sich reflektieren. Sie bilden einen gemeinsamen Verblendungs-, Herschafts- und Schuldzusammenhang. Im Stern der Erlösung sind Welt Gott Mensch die Repräsentanten der Elemente dieser Konstellation.

  • 18.11.95

    Der Weltbegriff ist das Produkt einer Transformation der Schicksalsidee: Die Welt läßt sich als der Inbegriff aller Begriffe bestimmen; der Begriff aber ist ein Produkt der Verinnerlichung der Schicksalsidee. Die Form des Schicksals wird in der Form des Begriffs gleichsam instrumentalisiert, sie reproduziert sich in der Beziehung des Begriffs zum Objekt.
    Wie die Prophetie (die Offenbarung) aus der Kritik der Schicksalsidee sich herleitet und bestimmt, so die Apokalypse aus der Kritik des Weltbegriffs. Während die Prophetie (und nicht die Aufklärung) als Widerpart des Mythos, als das Element seiner Auflösung, sich begreift, läßt die Apokalypse als Widerpart des Weltbegriffs (des Staats, der Philosophie und des Rechts) sich bestimmen.
    Die beiden Bedeutungen des Seins (die dem Infinitiv zugrundeliegende Hypostasierung der Kopula im Urteil und das Possessivpronomen der dritten Person singular, männlich) reflektieren die Beziehung der Philosophie und des Rechts zum Weltbegriff.
    Hängt die Übersetzung von tän hamartian tou kosmou (mit der Sünde im Singular) in peccata mundi (Sünde im Plural) mit der lateinischen Sprachlogik (mit der gleichen Logik, die auch in der Übersetzung von kosmos in mundus und physis in natura sich ausdrückt: mit dem Übergang von einer vordogmatischen in eine nachdogmatische Sprachlogik) zusammen?
    Wie präsentiert sich die Venus-Katastrophe im griechischen Mythos? Liegt dem, was Velikovsky e.a. die Venus-Katastrophe nennen, im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Naturkatastrophe ein sprachgeschichtlicher Paradigmenwechsel zugrunde? Hängt die Geschichte mit der des Ursprungs der indogermanischen Sprache (dem Durchbruch und der sprachlogischen Entfaltung des Herrendenkens) zusammen?
    In der christlichen Tradition wurde die Schlange mit dem Weib in eins gesetzt (die „Hure Babylon“ entstammt dieser Tradition): Liegt dem nicht eine Verarbeitung der Ischtar-Astarte-Tradition zugrunde?
    Mit der Verinnerlichung der Schicksalsidee entspringt – als dessen gegenständliches Korrelat, als Fundus der projektiven Verschiebungsarbeit – der Naturbegriff (Paradigma der Geschichte der Objektivierung).
    Zu den geheimen Voraussetzungen des „All“, das – Rosenzweig zufolge – durch die Reflexion der Todesangst gesprengt wird, gehören die subjektiven Formen der Anschauung: Ohne die totalisierende Einheit des Raumes würde es den Begriff des All nicht geben. Die Raumvorstellung ist der Inbegriff der Abstraktionen, die den Begriff des All konstituieren.
    Die Logik des Herrendenkens hat das Verdrängte der Zwangserinnerung der Bekenntnislogik überantwortet. Die Bekenntnislogik (die Umkehr des Schuldbekenntnisses) entsühnt in der Tat die Welt, sie hat den kosmos zum mundus gemacht (gereinigt). Ist die Schuldreflexion (die Auf-sich-Nahme der Schuld der Welt) der Schlüssel zum Verständnis der Apokalypse?
    Als Habermas die Naturspekulation aus der Philosophie ausgeschieden hat, hat er da nicht die Sprache ihrer Wurzel beraubt? Seitdem gibt es – insbesondere im Zusammenhang seiner Kommunikationstheorie, seines Konzepts des „herrschaftsfreien Diskurses“ – bei ihm Texte, deren appeal dem technischer Gebrauchsanweisungen immer mehr sich anzugleichen scheint. Der herrschaftsfreie Diskurs ist ein Alibi für die Diskriminierung der Reflexion von Herrschaft.
    Unterscheiden sich die beiden Stellen, an denen in der Schrift dem Himmel und der Erde die Attribute „wie aus Eisen“ und „aus Erz“ zugesprochen werden (und die invers aufeinander sich beziehen, vgl. Lev 2619 und Deut 2823), auch noch durch andere Konnotationen?

  • 17.11.95

    Der Weltbegriff hat die Schicksalsidee durch Identifikation mit dem Aggressor besiegt und konserviert zugleich.
    Ist nicht der gesamte Mythos „Sprachphilosophie“ im Bann der Herrschaft?
    Die klassischen Sprachen des Altertums lassen als in sich konsistente Ausgestaltungen der Logik der Schrift sich begreifen. Das heißt jedoch nicht, daß sie Folgen der Erfindung der Schrift sind, es wäre ebenso plausibel anzunehmen, daß in diesen Sprachen die sich entfaltende Herrschaftslogik der Logik der Schrift soweit entgegengearbeitet hat, daß ein bruchloser Übergang dann möglich war.
    Die Schicksalsidee war der genaueste Ausdruck des Zusammenhangs von Sprachentfaltung und Herrschaftslogik. Der Islam hat diese Schicksalsidee nur personalisiert, damit ihrer Reflexion aber den Weg verstellt.
    Prophetie und Apokalypse unterscheiden sich durch das Dazwischentreten des Weltbegriffs: Erst die Apokalypse thematisiert die theologische Relevanz der Weltreiche.
    War nicht das Winterhilfswerk der Nazis der erste (gelungene) Versuch der Instrumentalisierung der Hilfsbereitschaft der Menschen? Daß die Sammlungen dann anderen Zwecken zugeführt wurden, verdeutlicht nur die Problematik des Spendenwesens seitdem. Stehen die Hilfsorganisationen heute nicht auch in dieser Tradition? Das aber heißt: Sind sie nicht in erster Linie ein Ausdruck der wachsenden Ohnmacht, in die Verhältnisse ändernd einzugreifen? Befestigen sie nicht diese Ohnmacht, indem sie sie instrumentalisieren und nur abschöpfen?
    Der Druck, unter dem der Positivismus sich konstituiert (und der ihn zugleich zu legitimieren scheint), gründet in den Problemen, die der kritischen Reflexion der intentio recta im Wege stehen. Es gibt so etwas wie eine Selbstlegitimation der intentio recta im Kontext ihrer Beziehung zur Herrschaftsgeschichte: Die intentio recta ist selber eine Funktion der Herrschaftsgeschichte und nur durch Reflexion der Herrschaftslogik, die sie begründet, aufzulösen. (Im privaten Bereich entspricht dem das Gerede, das unterm Bann der Rechtfertigungszwänge steht und unfähig ist, sich in den, über den geredet wird, hineinzuversetzen.)
    Merkwürdige Tradition, die den Kreis oder die Kugel als Bilder der Vollkommenheit auffaßt, während sie in Wahrheit Symbole des Schicksals und dessen, was Jeremias das „Grauen um und um“ genannt hat, sind.
    Bosnien-Konflikt: Die Untaten des andern mögen vielleicht die eigenen Untaten erklären, aber sie entschuldigen sie nicht.
    War nicht schon das Benennen der Tiere die Sünde Adams?
    Jesus hat dreimal benannt: Zunächst die Pharisäer (als Heuchler), dann die Händler und Geldwechsler im Tempel, dann aber auch den Petrus. Hierbei ist der Kontext zu beachten: Nur die Pharisäer und Schriftgelehrten benennt er direkt (ihr seid …), die Händler und Wechsler indirekt, durch die Vertreibung aus dem Tempel, mit der er ihr Tun benennt, während er Petrus von sich weist (weiche von mir …).
    Hängt es nicht mit der Geschichte des Opfers zusammen, wenn das Fleischessen auf die hierarchische Organisation der Gesellschaft, auf die Ursprungsgeschichte des Staates, verweist? Und wird in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Opfertiere verständlich (Stier, Widder/Bock/Lamm, Taube)?
    Heldenfriedhof/Hakeldama: Der Mythos von Blut und Boden scheint mit der Vorstellung zusammenzuhängen, daß das Blut der Helden den Eigentumsanspruch auf den Boden, für den es geflossen ist, begründet. Ist diese Vorstellung nicht durch das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, durch die Niederlage der Nazis, widerlegt worden? Oder ist dadurch das Bewußtsein in Deutschland auf das Paradigma Sieg oder Niederlage fixiert worden, ein Paradigma, das sowohl die Ökonomie des Wirtschaftswunders als auch die Bedeutung des Sports in der Nachkriegsgesellschaft (der Ersatz der Filmstars durch die Sieger-Idole des Sports von der Nationalmannschaft beim Fußball – die es wahrscheinlich war, als sie mit der „Weltmeisterschaft“ 1954 den Anfang machte – bis hin zu Boris Becker und Steffi Graf) erklären würde? Sind nicht Siegerehrungen bei internationalen Sportwettkämpfen und Länderspiele beim Fußball die einzigen Veranstaltungen, bei denen heute noch die Nationalhymne gespielt wird?
    Was ist das für ein Bewußtsein, daß zur eigenen Stabilisierung insbesondere des Sports und der Krimis bedarf? Gibt es einen Zusammenhang mit der Verlagerung des imperialistischen Grundtriebs aus der Politik in die Ökonomie (Wirtschaftswunder, Standort Deutschland, Stabilität der DM)? Und wird nicht die Logik dieses Vorgangs gründlich verkannt, wenn in diesen Imperialismus noch eine politische Intention hineinprojiziert wird? Dieser Imperialismus hat jeden Schein von Souveränität (den Carl Schmitt noch an Hitler zu erkennen glaubte) endgültig abgeworfen.
    Steht nicht der Terrorismus unter dem gleichen symbolischen Zwang wie der Sport: als Versuch, die Niederlage ungeschehen zu machen? Das würde u.a. auch die Bedeutung, die der Identitätsbegriff in diesem Bereich gewonnen hat, erklären. Steht dieser Identitätsbegriff nicht an der Stelle, an der im Christentum nach der Enttäuschung der Parusie-Erwartung das Dogma sich gebildet hat?
    Die kopernikanische Wende fällt zusammen mit der Umformung von Boden, Arbeit und Geld in Handelsware in der Ursprungsgeschichte des modernen Kapitalismus. Kann es sein, daß, während (schon in der Astrologie) das Planentensystem, in das Kopernikus die Erde mit aufgenommen hat, die Organisation der Arbeit abbildet, der Fixsternhimmel (der Tierkreis), der seine Bedeutung als Grenze des Kosmos mit der Öffnung des Raumes ins Unendliche verliert, auf die Konstellation der Elemente, die den Naturgrund der Herrschaft (und damit die Sphäre des Geldes) abbilden, verweist? Ist vielleicht die Bedeutung und die Funktion der „schwarzen Löcher“ nur noch im Kontext einer Theorie der Banken aufzuklären?

  • 16.11.95

    Die These, man müsse den Staat dazu bringen, sein faschistisches Gesicht zu zeigen, weiß nicht nur nicht, was Faschismus heißt, sie ist ebensosehr Ausdruck der Hilflosigkeit des militanten Antifaschismus. Es kommt nicht darauf ein, ein Urteil zu vollstrecken (auch nicht das Urteil des Geschichte, das selber unterm Bann des Faschismus steht), sondern die Erkenntnis wie das Handeln vom Bann des Urteils zu befreien.
    Es gibt zwei Formen der Beziehung der Vergangenheit zur Erkenntnis: Während die Naturwissenschaft die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert, ratifiziert der Historismus die Vergangenheit des Vergangenen. Beide gemeinsam rücken die Gegenwart in das Licht der Vergangenheit (Ursprung der subjektiven Formen der Anschauung, Grund der Ästhetisierung der Wirklichkeit).
    Nur bei Johannes steht die Geschichte mit der Aufschrift am Kreuz, auf die Pilatus schreiben ließ: Jesus der Nazoräer, der König der Juden (1919).
    Wer war der erste Confessor, und wer war die erste Virgo? Während das Martyrium noch auf die unmittelbar bevorstehende Parusie bezogen war, ist der neue Heiligentyp auch eine Konsequenz aus der Enttäuschung der Parusie-Erwartung (der Rezeption des Weltbegriffs). Confessor und Virgo waren gleichsam das erste aus dem Paradies der zukünftigen Welt vertriebene Menschenpaar, und der katholische Himmel eine Verkörperung der gefallenen zukünftigen Welt (zweiter Sündenfall, mit Alexander und seinen caesarischen Nachfolgern als Cherube mit dem Flammenschwert vor der verschlossenen Zukunft. Ist der Katholizismus die Erzeugungsmaschine der Wolken, auf denen der Menschensohn einst kommen wird?
    Verweist der Satz des Paulus, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet, nicht darauf, daß die ganze Schöpfung teilhat an der Passion und am Kreuzestod Jesu? Hat Kopernikus den Kosmos ans Kreuz geschlagen, und war Newton der Paulus dieser neuen Theologie?
    Die Geschichte ist das Produkt der Historisierung, wie die Welt das Produkt der Verweltlichung und die Natur das Produkt des Objektivationsprozesses ist.
    Die Astronomie, die Elektrodynamik und die Mikrophysik sind auch ein Beweis für die Sprengkraft des Inertialsystems, des Herrendenkens, das in diesem System sich verkörpert.
    Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung gehören zur Vorgeschichte der Konstituierung des Inertialsystems. Der Jude, das war der Feind, der Ketzer der zum Verräter gewordene Genosse und Frau war das, was unten ist.
    Nach welchen Prinzipien sind in den Nationalsprachen die Zahlen gebildet worden, und welche Konnationen stecken in diesen Bildungen (im Deutschen mit der Folge Hunderter, Einer, Zehner: Sechshundert sechs und sechzig, im Englischen in der logischeren Folge Hunderter, Zehner, Einer: sixhundred sixty six; was bedeutet die abweichende, auch auf Subtraktionen zurückgreifende Zahlenbildung im Französischen)? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Trennung der (arabischen) Zahlen von der Schrift, der Einführung der Null (aus Indien über die Araber), der Bildung der Dezimalzahlen und der modernen Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (die Null ist das Korrelat der unendlichen Ausdehnung des Raumes), dem Ursprung der analytischen Geometrie und der doppelten Buchführung? Die Null hat (als mathematischer Reflex der Unendlichkeit) die Mathematik von der Sprache getrennt, sie gleichsam auf ihre eigenen Füße gestellt. In der Geometrie repräsentiert die Null den Ursprungspunkt des Raumes: den Repräsentanten des Subjekts und des Objekts zugleich. Die Null hat den Raum zur subjektiven Form der Anschauung gemacht, sie war der Ich-Generator; sie hat die Schöpfungslehre verwandelt. Erst das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat die Null widerlegt (oder auch dynamisiert).
    In welcher Beziehung steht die Logik der durch die Null neu begründeten Mathematik zur Logik der symbolischen Zahlen (die ihre eigene Rationalität haben, die nicht widerlegt, nur verdrängt worden ist)?
    Habermas‘ Konzept eines herrschaftsfreien Diskurses wird durch schon durch den Hinweis auf die Deklination (insbesondere auf den Genitiv, das innersprachliche Äquivalent der Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen) widerlegt.
    Das Substantiv bindet den Nominativ ans Inertialsystem.

  • 12.11.95

    Ist der Bogen in den Wolken ein Symbol des Menschensohns in den Wolken?
    Zum Begriff der Weltanschauung: Unsere Weltvorstellungen haben ihren Grund in der Privatexistenz; sie sind ein Teil des in der Privatexistenz begründeten Verblendungszusammenhangs.
    Hegels Idee des Absoluten gründet darin, daß das Vergangene vergangen ist und nur die in der Vergangenheit herausgebildeten und entfalteten Herrschaftsstrukturen überleben. Die Vergangenheit des Vergangenen gehört zu den Gründen der Legitimation von Herrschaft. Die Idee der Auferstehung ist ein Teil der Ursprungsgeschichte der kritischen Reflexion von Herrschaft.
    Die Sprache ist die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung, die Schrift das Danaergeschenk des Staates an die Welt.
    Verhalten sich nicht die Idee der Schöpfung und die der Auferstehung invers zueinander, sind sie nicht zwei Seiten ein und derselben Sache?
    Als Saulus nach dem Mord an Stephanus auf dem Weg nach Damaskus vom Verfolgungswahn überfallen wurde, wurde er zum Paulus. Ist das nicht zum Paradigma jeder „Bekehrung“ seitdem geworden?
    An welchen Stellen der Schrift wird der Tempel Haus für den Namen des HERRN, wo wird er Haus des HERRN genannt, und gibt es auch das Haus Gottes?
    Das Futurum perfectum gehört zu den Konstituentien der res publica. Zur Ursprungsgeschichte beider gehört der Kampf der Caesaren gegen die Weissager, Astrologen und Auguren (paradigmatisch der Titel Augustus und der Fall Cicero, der ein Augur war und ein Philosoph geworden ist).
    Augustus: Drückt nicht in der Idee des Erhabenen die herrschaftsgeschichtliche Erinnerung an die Idee des Schicksals sich aus? Das Gewaltmonopol des Staates ist das Produkt der vollständigen Säkularisation des Erhabenen, das damit seine raison d’etre verloren hat.
    Gott vergibt nur dem, der selber vergibt: Wird vor diesem Hintergrund nicht verständlich, was mit dem Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist (die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann) gemeint ist?

  • 11.11.95

    Das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, …, führt aus dem Bann der Familie heraus, nicht in den Bann hinein.
    Verwaltungsebenen sind Herrschaftsebenen und zugleich Stufen der Hierarchie, auf denen jeder nach unten Vorgesetzter (Herr) und nach oben Untergebener ist. Die Norm, die die Ebene konstituiert, bezeichnet die Herrschaftsdimension (das Äquivalent der Richtung der Schwerkraft). Verwaltungsebenen trennen das Untere vom Oberen, wie die Feste des Himmels die unteren von den oberen Wassern trennt. Marx hat diese Trennung im Begriff des Klassenkampfs auf ihren ökonomischen Begriff gebracht.
    Der Satz: Das Jüngste Gericht ist nicht das Weltgericht, sondern das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht, enthält eine ungeheures erkenntniskritisches Potential. Er begreift die descensio ad inferos als Kern der historischen Erkenntnis. – Liegt darin nicht das Geheimnis des Lösens beschlossen?
    Wenn es keine ursprüngliche Vergangenheit gibt, dann behält die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (das Prinzip der naturwissenschaftlichen Erkenntnis) nicht das letzte Wort. Dann wird der Anfang am Ende sein.
    Turmbau zu Babel: Mit dem Ursprung der Architektur begann die Sprachverwirrung.
    Zum Begriff des „Hoheitlichen“: Verwaltung ist die Kompostierungsanlage der abgestorbenen Monarchie. Hier findet Bölls Wort vom verrotteten Staat sein apriorisches Objekt. Von der wilhelminischen kaiserlichen Majestät ist nur noch die Arroganz, sind nur die Allmachtsphantasien geblieben.
    Außer dem messianischen Titel Christus sind im lateinischen Credo nur noch drei weitere Begriffe aus dem Griechischen als Fremdworte übernommen worden: catholica, apostolica und ecclesia.

  • 9.11.95

    Die Lehre von der Erschaffung der Welt, die auf die weltkonstituierende Funktion des Staates zurückweist, läßt sich auch nicht durch das angehängte ex nihilo heilen (das auf den ökonomischen Grund der weltkonstituierenden Funktion des Staates zurückweist). Es sei denn, daß dieses ex nihilo die Vorstellung ausschließen soll, es gäbe eine ursprüngliche Vergangenheit, eine Vergangenheit vor der Schöpfung.
    Die Marxsche Idee einer klassenlosen Gesellschaft und seine Vorstellung vom Absterben des Staates enthalten einen erkenntniskritischen Aspekt, der mit zu entfalten wäre. Bezeichnen nicht die drei evangelischen Räte (Armut, Keuschheit und Hören) genau die Elemente, die die Logik des Absterbens des Staates zu begründen vermögen.
    Wenn die griechische Grammatik das Paradigma einer (in der Trennung des Sehens vom Hören begründeten) Logik der Schrift ist, dann ist die hebräische Grammatik das einer (im Hören begründeten) Logik des Worts.
    Im Credo steht das secundum scripturas nach dem et resurrexit tertia die, nicht nach dem crucifixus etiam pro nobis: sub Pontio Pilato passus et sepultus est.
    Für die Griechen waren die Barbaren die Fremden, für die Christen – bis hin zu Thomas – die Völker, die Heiden; die Neuzeit wird mit dem projektiven Namen der Wilden eröffnet; erst Hegel hat diese ganze Sphäre zusammengefaßt im Objekt des Weltgerichts: in den Opfern der Geschichte. Damit ist die Barbarei endgültig historisiert worden.
    Wayne A. Meeks verweist auf einen archäologischen Fund in Korinth, der auf die Existenz einer hebräischen Synagoge dort verweist (Urchristentum …, S. 107). Demnach war in römischer Zeit der Name der Hebräer noch in Gebrauch.
    Das Argument, daß (im Mörfelder Wald) Wege deshalb nicht gesperrt worden sind, weil erkennbar war, daß sie ohnehin kaum benutzt worden sind, entspringt einer Logik, die das Gefühl genießt, hier auch die letzten drei Spaziergänger noch aus dem Wald ausschließem zu können. Ist dieses Gefühl so weit von dem entfernt, das Skinheads ergreift, wenn sie Behinderte, Ausländer oder Obdachlose angreifen? Im Kontext hierarchischen Verwaltungsdenkens ist die Bevölkerung das, was unten ist und sich nicht wehren kann.
    Wie verträgt sich eigentlich die fortschreitende Privatisierung öffentlicher Dienste und Aufgaben, die den Staat zur Beute der Privatwirtschaft macht, mit der sich zuspitzenden Durchdringung der öffentlichen Verwaltungen durch hoheitlich-hierarchisches Verwaltungsdenken?
    Der Staat ist das Wesen, das kreuzigt, die Welt ist der Ort, die Schädelstätte, an der gekreuzigt wird, während Natur das Deck- und Rätselbild des Opfers vor Augen stellt, ohne das es den Staat und die Welt nicht geben würde (christologischer Naturbegriff).
    Das Gewaltmonopol des Staates, das einmal die Rachelogik durchbrechen sollte, ist inzwischen selbst zu einem Instrument der Rachelogik geworden.
    Gewissenhaft, befähigt und befugt, gesinnt und gesonnen: Hinweis zur Konvergenz der Sprache der Verwaltung mit der Sprache des Nationalismus (die hierarchische Struktur der faschistischen Organisationen war ein genaues Abbild der hierarchischen Verwaltungsstrukturen).
    Die Idee der Heiligung des Gottesnamens, die die Sprache von den Folgen des Sündenfalls, von der Erbsünde, reinigt, entzieht jeder Herrschaftsreligion, jeder Form der Religion für andere, damit aber jeder Religion überhaupt den Grund.

  • 7.11.95

    Der historische Objektivationsprozeß macht das Objektivierte eigentumsfähig, indem er es instrumentalisiert.
    Allgemeinbegriffe wie „Sein“ und „Mensch“ unterdrücken und verdrängen den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten. Die Ontologie ist eine Waffe der Herrschenden im Klassenkampf.
    Hat nicht „gewissenhaft“ etwas mit „Schutzhaft“ zu tun? Das Suffix „-haft“ begründet eine Subsumtionsbeziehung, eine Objektbeziehung, in der das durch das Suffix adjektivierte Substantiv zu einer Funktion wird, die das Objekt instrumentalisiert, es eigentumsfähig und für Herrschaftszwecke nutzbar macht (vgl. auch tugendhaft, schamhaft, zweifelhaft, zaghaft, mannhaft, „personhaft“ u.ä.).
    Hängt „heftig“ mit dem Suffix „-haft“ zusammen?
    Das Gravitationsfeld ist noch eine Erscheinung im Raum (im Inertialsystem), während das elektromagnetische Feld und alle elektrodynamisch vermittelten Erscheinungen durch die Form des Systems vermittelt, von dieser Form nicht abzulösen sind.
    Hat nicht die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Voraussetzung aller objektiven Erkenntnis) etwas mit der Beziehung von Rind und Esel zu tun, mit Joch und Last? Und drückt diese Beziehung nicht in der Beziehung, die Einstein einmal mit der Formel „Identität von träger und schwerer Masse“ bestimmt hat, sich aus?
    Zur Logik der Schrift: Steckt nicht in der Ursprungsgestalt jeder Erkenntnis ein Überschuß, der mit der Kanonisierung der Erkenntnis, mit ihrer Aufnahme in den Bestand des gesicherten Wissens, der Wissenschaft, unterdrückt und verdrängt wird? Und ist nicht die Urgeschichte des Christentums, die Beziehung des Dogmas zur Lehre Jesu: die Verinnerlichung des Opfers, das Modell dieses rätselhaften Vorgangs? (Verhält sich die Theologie des Paulus zur Lehre Jesu wie die Elektrodynamik zum Licht?)

  • 5.11.95

    Das Problem des Bileam: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Propheten, der nur das sagen kann, was Gott ihm sagt, und dem Verführer, der Israel zur Sünde Bileams verführte (zum Götzendienst und zur Hurerei mit den Töchtern Moabs)? – War nicht auch Ruth eine Tochter Moabs?
    Angesicht, Name und Feuer: Ist das das Geheimnis der Trinitätslehre? Und verdankt sich deren dogmatische Fassung nicht der Abstraktion vom Feuer, die das Angesicht zur Person und den Namen zum Begriff macht? Ist diese Abstraktion nicht die Leugnung des Heiligen Geistes, die Sünde wider den Heiligen Geist? Durch diese Abstraktion vom Feuer wird das Licht unter den Scheffel gestellt: Das Feuer ist der Bildungsprozeß des Lichtes, das wir für die Welt werden sollen. – „Ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis.“ Alles Erschaffene ist im Zeichen der Finsternis erschaffen.
    In welcher Beziehung stehen das schwarze Loch und der schwarze Körper zueinander?
    Wer Licht und Finsternis in Helles und Dunkles übersetzt, macht beide zu Eigenschaften, hat vor dem Gesetz der Verdinglichung bereits kapituliert.
    Der historische Objektivationsprozeß ist ein Prozeß, zu dessen Konstituentien das Ich (und sein Repräsentant: der Begriff) gehört. Erst in der Reflexion dieses Prozesse gewinnt das Ich, das anders, in die Objektivität versenkt, in ihr sich verliert, darin untergegangen ist, sich wieder. Die Erbsünde ist die Sünde des Erben.
    Zum Begriff des Urteils: Ich kann das Urteil eines Gerichts für falsch halten und es kritisieren, aber es gilt trotzdem: Ich darf einen Verurteilten nicht aus dem Gefängnis befreien. Diese Logik ist eine Absicherung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs, der in der Technik auf vergleichbare Weise seine Urteile in der Realität verankert; darauf bezieht sich das Wort des Paulus, daß die ganze Kreatur, die in die Natur wie der Verurteilte ins Gefängnis eingesperrt ist, seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet.
    Wenn die Hölle die endgültige Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist, dann bezieht sich der Satz, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, auch aufs Inertialsystem: Es wird die Schöpfung nicht „überwältigen“ (die Natur ist die Überwältigung der Schöpfung durchs Inertialsystem). Wer die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert, wird selber subsumiert (auf die Welt bezogenes Korrelat des Satzes, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen).
    Welche Theologie drückt in der historischen Bibelkritik sich aus?

  • 31.10.95

    Das Geld, das Inertialsystem und die Bekenntnislogik sind die Grundlage des Bewußtseins, der Trennung des Bewußtseins vom Unbewußten.
    Der biblische Begriff der Erlösung ist an die Verwandschaftsordnung gebunden. Dadurch, daß Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, durch den Sohn zum Vater aller geworden ist, wird auch die biblische Erlösungsordnung, in der der Nächstverwandte den Verwandten, der unten ist, löst, auf alle übertragen. Deshalb sind die Verwandten Jesu nicht seine Mutter, seine Schwestern oder Brüder, sondern die, die den Willen des Vaters tun. Und diese Erlösungsordnung ist nicht spirituell oder sakramental, sondern sehr materiell.
    Der Weltbegriff und in seinem Kern der Objektbegriff (der Dingbegriff) verdanken sich in ihrem Ursprung der Konvertibilität von Mitteln und Zwecken. Modell des Objektbegriffs ist das zum Selbstzweck gewordene Mittel. Der Primat und die Herrschaft des Kausalitätsprinzips gründet in dieser Hypostasierung der Mittel, in dem logischen Vorrang, den sie damit gegen die Zwecke gewinnen. Das Kausalitätsprinzip selber ist ein Mittel der Instrumentalisierung, in deren Bannkreis alle Zwecke zu bloß subjektiven Zwecken werden, die per List in den objektiven Zusammenhang der Kausalitätsordnung (ins Reich der Erscheinungen) überführt werden.
    Das Geld, das Inertialsystem, die Bekenntnislogik sind reine Mittel. (Das Geld ist die Inkarnation der List der Vernunft, die Verkörperung der Logik der Hypostasierung der Mittel und der Instrumentalisierung fremder Zwecke.)
    Die Verdinglichung ist ein Instrument der List der Vernunft. Der Genitiv im Begriff der List der Vernunft ist ein genitivus subjectivus und objectivus zugleich: Die Vernunft ist ebensosehr Uhrheber wie Opfer dieser List.
    Das Frontdenken ist ein Produkt des verdinglichenden Denkens. So verfängt es sich in der Logik des gleichen Systems, gegen das es kämpft, und wird, ohne es noch wahrnehmen zu können, dessen Opfer. Das Frontdenken ist der agent provocateur des Feindes.
    Eine Revolution, die auf Änderung der Verhältnisse (und nicht auf Identitätserhaltung der Revolutionäre) abzielt, muß fähig sein, auch die Logik zu reflektieren. Für Marx war die Logik Hegels wichtigstes Buch; aber wäre diese Logik nicht endlich auf ihren aktuellen Stand zu bringen?
    Botschaft und Nachricht: Eine Informationsgesellschaft, die nur noch Perspektiven aufs Urteilen, keine mehr aufs Handeln eröffnet, verfängt sich in den Verstrickungen ihrer eigenen Logik.
    Die Aufklärung hat die Magie und den Mythos nicht nur überwunden, sondern mit ihrer „Widerlegung“ zugleich auch das verdrängt, wovon sie das falsche Bewußtsein waren. Das Verhältnis gleicht nicht zufällig dem der dogmatischen Theologie zu den Häresien.

  • 29.10.95

    Theologie: domestizierte Paranoia? Nicht Gott, sondern Sein NAME ist Gegenstand der Theologie. Der Gott, „über“ den zu reden wäre, ist ein paranoisches Produkt. Theologie im Angesicht Gottes ist die Theologie der Arglosigkeit.
    Ist nicht das Dogma – mit seinem Kern, der Opfertheologie – ein paranoides System, und zwar das konsequenteste, logisch durchgebildetste?
    Wenn Jugendliche heute in der Oper lachen, verweist das nicht auf den Zerfall der bürgerlichen Privatsphäre, die in der Oper an ihren herrschaftsgeschichtlichen Ursprung im Barock (an ihren Ursprung in der Geschichte der Privatisierung der Herrschaft) erinnert wird?
    Beispiele sind kein Beweis: Die Frage ist nicht, ob es Fortschritt in der Geschichte gibt, sondern was das ist, was wir Fortschritt nennen.
    Wenn Ulrich Duchrow unter Berufung auf Ton Veerkamp sagt, daß der Überbau nicht nur wirtschaftlich determiniert sei, neutralisiert er den Widerspruch zu einem sowohl als auch. Es gab nicht den Dornbusch und daneben das Feuer, sondern im brennenden Dornbusch hat Gott sich offenbart.
    Das Inertialsystem ist der Systemgrund der Ästhetisierung der Erscheinungen. Eine Kritik der Phänomenologie, des Begriffs und der Sache (von Lambert über Hegel bis Husserl), müßte insbesondere dieses Moment der Ästhetisierung im Begriff der Erscheinungen ins Bewußtsein heben. In diesen Zusammenhang gehört die Bedeutung des Präfixes er- im Begriff der Erscheinung sowie seine Beziehung zum Sein: Beide erinnern an die Logik der dritten Person (des Andern), die den Grund benennt, aus dem der Weltbegriff und der Begriff der Erscheinungen hervorgehen.
    Zur Kritik der Trinitätslehre: Die Erscheinung wird erzeugt, wie auch der theologische Ursprung auf die Christologie (auf die „Erscheinung des Herrn“), zurückweist. Wie der Sohn ist auch die Erscheinung „gezeugt, nicht geschaffen“: Deshalb ist der Begriff der Schöpfung auf die Natur nicht anwendbar (und deshalb gibt es so etwas wie eine „christologische Struktur“ des Naturbegriffs).
    Die Bewegung des Lichts im Raum wird mit den Begriffen Fortpflanzung und Ausbreitung beschrieben, und diese Begriffe bezeichnen nicht das Gleiche: Verhält sich nicht die Ausbreitung zur Fortpflanzung wie die Fläche zur Norm? Und ist es nicht diese Beziehung der beiden Begriffe, die dem Korpuskel-Welle-Dualismus zugrundeliegt, in ihm sich reflektiert?
    Mit der Austreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel hat Jesus den Auftrag an Josue zu Ende geführt: er hat den Bann über Kanaan vollstreckt.
    Der wachsende Anteil der Gremien, die Regierungsaufgaben übernehmen, aber nicht demokratisch gewählt und keiner demokratischen Kontrolle unterworfen sind: Verfassungsgericht und Zentralbanken im Innern, transnationale Gremien wie IWF, Weltbank, Europäischen Union draußen (vgl. Duchrow, Alternativen, S. 106). Zusammenhang mit dem Konstituierungsprozeß, in dem die Marktgesetze nach innen und außen sich durchsetzen („schlanker Staat“, Privatisierung öffentlicher Betriebe, Entpolitisierung der Politik und Ausbreitung der – nur noch „Sachgesetzen“ gehorchenden – Verwaltung).

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie