Sprache

  • 26.10.95

    „Kickerinnen erfüllen ihre Pflicht souverän“: Überschrift zum Bericht über einen Sieg der deutschen Frauen-Nationalmannschaft über die Slowakei (FR von heute). – Bei Kant war die Pflicht ein Ausfluß des autonomen Gewissens, ihr Rechtsgrund das moralische Gesetz in mir. Hier ist die Pflicht die Pflicht zu gewinnen, die alle Verlierer (und mit ihnen alle, die nicht dazugehören, von den Armen über die Behinderten bis hin zu den Fremden) zu Pflichtvergessenen macht. Aber es gibt keine Gewinner ohne Verlierer, nur darf man zu diesen nicht gehören. Das ist die Botschaft dieser Überschrift.
    Die Medien verhalten sich zur Realität wie zur Natur oder zur Vergangenheit, die auch dem ändernden Eingriff entzogen sind. Die Realität ist als Gegenstand der Information bloßes Objekt des Wissens. Sie läßt sich nicht ändern, nur noch „bewerten“, das aber heißt: als Instrument der Verurteilung der Schuldigen nutzen. Deshalb sind die eigentlichen Gegenstände der Medien das Verbrechen und die Korruption. Was die Realität zu etwas Unveränderlichem (und d.h. zum Gegenstand der Information) macht, ist in der Natur der Raum, in der Ökonomie das Geld (als abstrakter Repräsentant des Eigentums anderer), in der Politik die Gewaltstruktur des Staates, in der Religion die Bekenntnislogik.
    Gibt es Geld, das niemandes Eigentum ist, das niemandem gehört? Wer ist der Eigentümer des Geldes, das die Bundesbank druckt, lagert und verwaltet, bevor sie es herausgibt? Gewinnt das Geld seine Funktion, Eigentum zu repräsentieren, erst im Umlauf, im Gebrauch?
    Ignaz Bubis hat in diesen Tagen den Versuch, die Verbrechen der Nazizeit zu erklären, mit der Bemerkung zurückgewiesen, daß das Erklären der Verbrechen dahin tendiert, sie auch zu rechtfertigen. Aber wird mit dem Erklären, das auch den Versuch zu begreifen berührt, nicht auch das Lernen ausgeschlossen? Und hat nicht, wer Kritik der Vergangenheit mit ihrer Verurteilung verwechselt, Angst davor, daß sich wirklich etwas ändert? Der Versuch, die Greuel zu begreifen, kann vor der Normalität heute nicht halt machen (aber kein Zweifel: es gibt auch ein Erklären, das der Absicht folgt, diese Normalität nicht in Frage zu stellen, den kritischen Impuls stillzustellen).
    Die Mechanik, deren Aufgabe es war, das Referenzsystem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu begründen und zu entfalten, mußte insbesondere von zwei materiellen Eigenschaften abstrahieren: von der Schwere und vom Licht. Erst Newton ist es gelungen, mit dem Gravitationsgesetz und in seiner Optik das Verdrängte ins neue System zu integrieren.
    Die kopernikanische Wende ist das Gegenstück zur ursprünglichen Akkumulation des Kapitals.
    Sind die Schwerkraft und das Licht invers aufeinander bezogen, und kann man sagen, daß die Philosophie einmal unterm Zeichen des Lichts, die Prophetie unter dem der Schwerkraft (dem sie ihre Einsichten abgewonnen hat) angetreten ist?
    Welche Bedeutung hat es, wenn die Gravitationstheorie ihrem ursprünglichen Konzept zufolge eine Fernwirkungstheorie ist, die Elektrodynamik hingegen (wie die Mechanik) auf räumlich unmittelbar verknüpfte Ereignisse und Prozesse sich bezieht.
    Haben die Christen nicht schon viel zu lange das von ihnen so genannte Alte Testament als eine Selbstdenunziation der Juden verstanden? Da waren die Autoren der Kirchengeschichte von Eusebius his heute schlauer.
    Erinnerungsarbeit bereitet die Auferstehung der Toten vor (praeparatio resurrectionis mortuorum: Abbau der Sperren, die der Auferstehung im Wege stehen).
    Im Protokoll des Pfarrgemeinderats vom 12.9.95 wird gegen das Kirchen-Volksbegehre eingewandt, daß der wichtigste Punkt, die Ausbreitung des Glaubens, nicht angesprochen werde. Wäre nicht der wichtigste Punkt die Ausbreitung der Erlösung, die dann allerdings die Rückübersetzung der kirchlichen Drohbotschaft in die urspüngliche Frohbotschaft voraussetzen müßte: die Ausbreitung des Evangeliums, nicht des Glaubens?
    Aus dem gleichen Protokoll: „… damit sich dieser (sc. der neue Pfarrgemeinderat) diesem Thema annimmt.“ Nach Wahrig muß hier eindeutig der Genitiv stehen („damit sich dieser dieses Themas annimt“). Der Dativ ist ein Produkt der Medienlogik, in der auch eine Handlungsanweisung nicht mehr als Handlungsanweisung, sondern nur als Information darüber erscheinen darf. Die Bedeutung verschiebt sich vom „Sich-einer-Sache-Annehmen“ (mit dem Genitiv), das die Bearbeitung der Sache, ein Handeln, mit einschließt, auf das „Sich-einer-Sache-Widmen“ (mit dem Dativ), das die Sache als vorgegeben und unveränderlich hinnimmt, darüber kritiklos („wertfrei“) berichtet, informiert. Nur der Journalist ist so selbstlos: er widmet sich der Sache, der er sich annimmt (sofern er die ungeheuerliche grammatische Logik, die in dieser Wendung steckt, überhaupt noch begreift; sie paßt nicht mehr in einen Weltbegriff, der aufgrund der Logik der Medien Information und Wissen strikt von Meinung und Handeln zu trennen gezwungen ist). Ich glaube, von Hajo Friedrich stammt der Satz, daß ein Journalist sich nicht mit einer Sache gemein machen dürfe, auch nicht mit einer guten Sache. Wenn der Hogefeld-Prozeß keine Öffentlichkeit mehr hat, so hängt das hiermit zusammen: Dieser Sache müßte man sich annehmen, man dürfte sich ihr nicht mehr nur widmen. Mit dieser Sache müßte man sich gemein machen.
    Auch ein Beitrag zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (dessen Folgen in der gleichnamigen Arbeit von Habermas sich ablesen ließen, in der dann die Weichen für seine spätere Kommunikationstheorie, die die kritische Theorie kastriert hat, bereits gestellt worden sind): Schließt die eigene Logik der Medien politische Kritik nicht schon im Ansatz aus, enthält die Verpflichtung auf „wertfreie Information“ nicht eine Handlungsanweisung, die der Gemeinheit den Weg freimacht? Dem Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, hat, bevor er zu einem juristischen Satz geworden ist, schon ein logischer Sachverhalt zugrunde gelegen, der zu den Grundlagen des Weltbegriffs gehört. Es ist nicht nur eine Gesinnungsfrage, wenn die Medien wie die Justiz in der Regel auf dem linken Auge blind sind. Die Wahrheit hat einen Kern, der einsehbar, aber nicht beweisbar ist (darin liegt der logische Vorteil der Gemeinheit, die diesen einsehbaren Kern der Wahrheit leugnen kann, ohne fürchten zu müssen, widerlegt zu werden: Gemeinheit ersetzt Einsicht durchs Vorurteil).

  • 24.10.95

    Mein ist die Rache, spricht der HERR. Wird diese Rache als Barmherzigkeit sich manifestieren, als Resultat Seines Gereuens, Seiner Umkehr? Ist der Tag des HERRN der Tag Seines Gereuens?
    Wie das Angesicht und der Name ist auch das Feuer ein Attribut Gottes: das Feuer, das die Söhne Aarons und die Rotte Korach trifft, aber auch das Feuer, das bei Aaron und später bei Elias das Opfer für JHWH (nicht das für den Baal) entzündet. Die Verwaltung und das Hüten des Feuers obliegt den Priestern (nicht den Leviten).
    Was wird aus der Heiligung des Gottesnamens, wenn der Name – wie unter der Herrschaft des Nominalismus: nämlich im Begriff des Objekts, das er „bezeichnet“ – längst untergegangen und vergessen ist?
    Wenn der Rechtfertigungszwang das Schuldverschubsystem irreversibel macht, ist er dann nicht
    a. der Grund der Mathematisierung der Erkenntnis (des Inertialsystems) und
    b. zugleich der Grund des Herrendenkens (der Bekenntnislogik)?
    Ist nicht das Inertialsystem das naturale Äquivalent der Logik, die in der Moral den Rechtfertigungszwang ans Schuldverschubsystem bindet?
    Brunnenvergiftung: Das Gewaltmonopol des Staates ist der Brunnen, aus dem die Verwaltungen ihre Allmachtsphantasien schöpfen.
    Der Tag des HERRN, das wird der Tag seiner Reue sein und der Tag, an dem seine Rache in Barmherzigkeit sich wandeln wird. Aber hängt nicht die Umkehr Gottes von unserer Umkehr ab? Ist nicht die Umformung der Theologie hinter Seinem Rücken in eine Theologie im Angesicht Gottes (eine Umformung, die IHN von Seinem Autismus befreit) die Voraussetzung dieser Umkehr?
    Die Ursprungsgeschichte der Lohnarbeit ist ein Teil der Herrschaftsgeschichte, der Geschichte der „Dornen und Disteln“. (Hat der Schweiß des Angesichts etwas mit Getsemane und die Dornenkrone mit diesen Dornen und Disteln zu tun?)
    Die Kirche hat das Symbol (den Vorschein der Erfüllung des Worts) indikativisch verdinglicht, während die jüdische Tradition es konjunktivisch verflüchtigt hat: Aber ist diese Verflüchtigung nicht Teil der Bewegung, in der das Symbol zur ruach, zum Geist wird? Wie hängt die Beziehung von Indikativ und Konjunktiv mit der von Genitiv und Dativ zusammen?
    Die Prostitution ist nicht nur das älteste Gewerbe der Welt, sie ist zugleich ein Gründungsgewerbe der Welt, Teil ihrer Ursprungsgeschichte.
    Dem melancholischen (saturnischen) Blick wird alles bedeutungsvoll: Josue (Jesus) hieß ursprünglich Hosea.
    Was bedeutet es, wenn die „apokryphen“ Bücher, wie Judith, Tobias, die Makkabäer-Bücher, Jesus Sirach, Baruch, zwar in den christlichen Kanon mit aufgenommen worden sind, nicht aber in den jüdischen?
    Sind die Naturwissenschaften das Grab (und die Pyramide über dem Grab), in dem die Tradition vergraben ist? Die Kinder Israels haben unter dem Pharao, der Joseph nicht mehr kannte, die Pyramiden bauen müssen.
    Fällt nicht der Ursprung der newtonschen Gravitationstheorie zusammen mit der Geschichte, die Marx als die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (Freisetzung des Proletariats durch die Verwandlung des Grund und Bodens in ein handelbares Objekt: die gemeinsame Subsumtion der Arbeit und des Bodens unters Tauschprinzip) beschrieben hat?
    Wie hängt der Ursprung des Inertialsystems (der Entwicklung der Mechanik, dem Ursprung des Gravitationsgesetzes und der physikalischen Optik) mit der gemeinsamen (selbstreferentiellen) Subsumtion der Arbeit, des Bodens und des Geldes unters Wertgesetz zusammen?
    Was als Gemeinheit erfahren wird, ist in der Regel bloße Gedankenlosigkeit: Ist diese Gedankenlosigkeit nicht das Grundgesetz der gegenwärtigen Welterfahrung und des Weltbegriffs? (Und hat der Positivismus diese Gedankenlosigkeit nicht zur Methode erhoben?)
    Auch die Astrologie war einmal ein Stück Welterklärung: in der Phase des Ursprungs des Weltbegriffs.
    Zu dem Satz: Das Sein bestimmt das Bewußtsein, gehört der andere dazu: Das herrschende Bewußtsein ist das Bewußtsein der Herrschenden.

  • 22.10.95

    Der Ursprung des (prosaischen) Handels ist das Ende der (heroischen) Tat. Im Handel durchdringen sich Aktiv und Passiv, Handeln und Erleiden: Sie neutralisieren sich wechselseitig, der Handelnde wird gehandelt. Zu den ersten Handelswaren gehörte der Sklave (Ursprung des Handels im Raub, der Eroberungspolitik in den nomadischen Razzien, des Tauschprinzips in der Schuldknechtschaft).
    Das pragma bezeichnet das Objekt des Handelns, das Ding ist das Objekt des Gerichts. Was bedeutet und auf welchen Ursprung verweist der Begriff der res (wie ist die polis zur res publica geworden)?
    Im Übergang von der griechischen zur lateinischen Sprache haben – wie vor allem am Begriff der Natur sich nachweisen läßt – die Bedeutungen, die Konnotationen der Begriffe sich verändert. Deshalb ist die lateinische Theologie der griechischen weder sprachlich noch inhaltlich kompatibel. Tertullian, der die Begriffe der lateinischen Theologie geschaffen hat, hat diese Begriffe der griechischen Metaphysik entnommen und in die Sprache der lateinischen Rechts übersetzt. Waren Tertullian und Augustinus die ersten Scholastiker?
    In der griechischen Sprache war die Erinnerung noch präsent, daß die Natur, ihre Gegenständlichkeit, nicht einfach nur vorgefunden, sondern auch sprachlich erzeugt wird, erst im Lateinischen, in dem die Bedeutung des Naturbegriffs von der Zeugung auf die Geburt sich verschiebt, tritt der Staat als zeugende (als rechtsetzende und -garantierende) Gewalt zwischen die Natur und das erkennende Subjekt, das sie dann nur noch passiv hinnehmen kann, zur reinen Rezeptivität (die in der augustinischen Gnadenlehre ihren theologischen Ausdruck findet) erstarrt. Mit der Übersetzung aus der griechischen in die lateinische Sprache wird das symbolische Element fortschreitend neutralisiert, aus der theologischen Erkenntnis eliminiert; es wird durch eine „Wörtlichkeit“ ersetzt (vgl. Augustinus: „De Genesi ad Litteram“), die am Ende zur sprachlogischen Quelle des Fundamentalismus geworden ist.
    Der Ursprung der Sexualmoral, ihrer Privatisierung, ist eine Folge der Änderung im Naturbegriff: Mit der Verdrängung des Zeugungsbegriffs, der nicht zufällig in der Trinitätslehre wiederkehrt, wird das politische, herrschaftskritische Moment aus dem biblischen Begriff der Unzucht herausgebrochen, zugleich theologisch neutralisiert; seitdem ist die Sexualmoral zu einem nützlichen Instrument der Herrschaftssicherung geworden. (Vgl. die kirchliche Entfaltung der lateinischen Theologie in der devotio moderna, in der Ursprungsgeschichte von Zölibat, Ohrenbeichte und Fegfeuermythos, in der Scholastik.)
    Kirchengeschichtlich fallen die Anfänge dieser Geschichte mit dem Ende der Märtyrerzeit zusammen: Die geschlechtsspezifische Aufteilung der Heiligen in confessor und virgo (in den Bekenner, der die Schuld der Zeugung verdrängt, und die Jungfrau, die sich von der Befleckung durch die Zeugung rein erhält) war die erste Manifestation der Bekenntnislogik, die in der Dogmenentwicklung sich entfaltet hat. Seitdem kann das Symbolische mit dem Wörtlichen nicht mehr zusammengebracht werden, wird der Indikativ zu Lasten des imperativen Gehalts der Attribute Gottes zum Medium der Theologie, wird die Theologie zur Theologie hinter dem Rücken Gottes: Ursprung des Nominalismus.
    Hatte die Schlange nicht recht, als die sagte: Wenn ihr von diesem Baum essen werdet, werdet ihr sein wie Gott? Sie sagte „wie Gott (Elohim)“, nicht „wie der HERR (JHWH)“. Drückt nicht in der Beziehung der Gottesnamen Elohim und JHWH die Beziehung von Katastrophe und Rettung (oder das Gereuen und die Umkehr Gottes) sich aus? Aber sind nicht im Werk der Elohim die Elemente der Rettung vorgebildet (deren Erkenntnis erst mit Auschwitz sich uns endgültig verschlossen hat)?
    Der Rachetrieb entspringt nicht unmittelbar am Unrecht, das mir selbst widerfährt, sondern in erster Linie an dem Unrecht, das mein Kind, meine Eltern, meine Frau, meine Geschwistern trifft. Im Nationalismus wird dieser Rachetrieb vergesellschaftet, das Volk („wir Deutsche“) zur Schicksalsgemeinschaft, an der er sich entzündet. Die Delegation dieses Rachetriebs an den Staat löst ihn nur zum Schein, macht ihn in Wahrheit unauslöschbar, zum Wurm, der nicht stirbt. Der Rachetrieb begründet das Gewaltmonopol des Staates, das die Geschichte der Aufklärung seit ihren Anfängen verhext.
    Die Personalisierung, das Sündenbockdenken, das nach den Schuldigen sucht, um sich zu entlasten, opfert die Masse, die sie zu vertreten vorgibt.
    Theologie im Angesicht Gottes sprengt mit den subjektiven Formen der Anschauung die Fesseln der Ästhetik: die Gewalt des Mythos.
    Wer meint, ein Rechtsanwalt sei dem Recht des Angeklagten verpflichtet, ist durch den Stammheim-Prozeß eines Schlechteren belehrt worden: Durch die Verpflichtung als „Organ der Rechtspflege“ ist er zu einem Hilfsorgan des Staatsanwalts geworden. Seitdem erwecken Staatsschutz-Verfahren den Eindruck, das in dubio pro reo gelte nur noch fürs Gericht, nicht mehr für die Angeklagten. Seitdem finden diese Prozesse kein ernsthaftes öffentliches Interesse mehr.

  • 21.10.95

    Gründen nicht die räumlichen Beziehungen von vorn und hinten, rechts und links sowie oben und unten in einer innerzeitlichen Beziehung: sind sie nicht räumliche Spiegelungen der Asymmetrie von Vergangenheit und Zukunft? Die Vergegenständlichung der Zeit, die Vorstellung eines Zeitkontinuums entspricht dem (räumlichen) Seitenblick auf die Zeit.
    Hat das Wort „eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit“ etwas mit der Formel der Summenzahlen: (n + n2)/2 zu tun? Und ist diese Formel ein Symbol des Inertialsystems: der Beziehung der Fläche und ihrer Norm (n2 + n) zur halbierten (um die Zukunft verkürzten) Zeit?
    Der Begriff (oder die Herrschaftsverhältnisse, die er abbildet) hat ein Elefantengedächtnis, er vergißt nichts.
    Ist das Ich die Spur einer Verletzung, deshalb ist es vom Rachetrieb nicht zu trennen? Vor diesem Hintergrund wird das „Mein ist die Rache, spricht der HERR“ verständlich.
    Das Ich hat sich im Kontext der philosophischen Unsterblichkeitslehre gebildet, zu der in ihrer konsequentesten Fassung die Lehre von der Hölle dazugehört. Die Unsterblichkeitslehre war ein Nebenprodukt der Verinnerlichung der Schicksalsidee. Ist das Ich das verinnerlichte Schicksal für andere (das Feuer der Hölle)?
    Die Bubersche Theologisierung des Personalpronomens ist der kürzeste Weg in den Mythos. Anders verhält es sich mit dem Namen: Kinder nennen sich, bevor sie lernen „ich“ zu sagen, mit ihrem Namen.
    Die in der Nazizeit verbreiteten Denunziationen waren ein Beweis dafür, daß die Totalisierung der Verhältnisse nicht vollständig gelungen war. Erst nach dem Krieg wurde die denunziatorische Beziehung zu anderen (als Solidarität der Denunzianten, Grundlage der Leugnung des Geschehenen) so verinnerlicht, daß es der Praxis der Denunziation nicht mehr bedurfte. Die Kollektivschuld-Debatte und ihre fatale Lösung durch den Begriff der Kollektivscham gehören in diesen Zusammenhang.
    Mit der Bekenntnislogik ist das pharisäische Prinzip, die Heuchelei, mit der Opfertheologie das sadduzäische Prinzip, das Herrendenken, in die Theologie mit aufgenommen worden.
    Repräsentieren im Planetensystem Jupiter und Mars den Nominativ und den Akkusativ, Merkur und Venus hingegen den Genitiv und Dativ?
    Geld, Handel und Herrschaft: Die Nahrungsvorräte, die in den Tempeln aufbewahrt waren (den Nachfolgern der Josephschen Getreidelager), wurden zuerst kapitalisiert (Tempelschatz), dann kommerzialisiert (der Tribut, die Erfindung des Rechts und des Geldes). Die erste Handelsware waren Sklaven: zu der in Kriegen gemachte Beute gehörten die Gefangenen (die als Sklaven verkauft wurden). Dagegen richtete sich das Institut des Banns: Es durfte keine Beute genommen, kein Gefangener zum Sklaven gemacht werden. Den Gefangenen gleichgestellt waren die in Schuldknechtschaft geratenen Armen (die so zu Sklaven geworden sind).
    Der Objektbegriff ist ein deiktischer Begriff, sein grammatischer Repräsentant ist der bestimmte Artikel, der das Nomen zum Substantiv gemacht hat. Der Objektbegriff ist das gegenständliche Korrelat oder, wenn man will, die Projektionsfolie der intentio recta (die intentio recta aber, der ausgestreckte Zeigefinger, ist ein optischer Imperativ: „da!“, „siehe!“). In Heideggers Da-Sein begreift sich das Subjekt als Objekt.

  • 16.10.1995

    Rache des Objekts: Das Wort Faschist läßt sich sowohl als Prädikat als auch als Adjektiv verwenden (X ist ein Faschist; der faschistische Abgeordnete). Er trifft sein Objekt nur von außen, was voraussetzt, daß das Grauen, das er bezeichnet, keine lebendige Erfahrung mehr bezeichnet, weil es vergangen ist. Das Wort Mörder ist nur als Prädikat verwendbar: Es bezeichnet ein Individuum, keine Eigenschaft, oder genauer: eine Eigenschaft, die keine andere neben sich duldet, die unmittelbar individualisierende Wirkung hat. Der Begriff des Mörders hat die gleiche logische Qualität wie der des Objekts: Der Mörder ist das Nicht-Ich, sein Name verdrängt die Subjekteigenschaft dessen, den er bezeichnet. Wenn ich jemanden einen Faschisten nenne, urteile ich über ihn, wenn ich ihn einen Mörder nenne, verurteile ich ihn. Im Falle des Antisemitismus brauche ich „den Juden“ nicht mehr zu verurteilen, er ist von Natur (und nicht durch eine Tat, wie der Mörder) unentrinnbar verurteilt. Das Vorurteil macht im Juden das Nicht-Ich, das Objekt, zum Subjekt. Der adjektivische Gebrauch dieses Namens bezeichnet neben der Zugehörigkeit eines Einzelnen zu dieser Gruppe (zu dieser „Rasse“) ein Ensemble von Eigenschaften, an denen man einen Juden erkennt, von denen aber auch eine Ansteckungsgefahr ausgeht, die auf andere (auf Nicht-Juden) übergreifen kann. Dieses Konstrukt, aus dem das rassenhygienische Ziel der Endlösung zwanglos sich herleiten läßt, unterscheidet den Antisemitismus von jedem anderen Vorurteil. War nicht diese Ansteckungsgefahr die tiefste Angst des Faschismus, der darin die Mechanismen seines eigenen Ursprungs und seiner Ausbreitung und im Juden das Bild seiner selbst wiedererkannte? Nur durch die Projektion auf die Juden war die Wirksamkeit dieser Mechanismen und ihre Legitimation sicherzustellen; sie würden sich selbst auflösen, wenn es gelingen würde, sie ins Bewußtsein zu heben. Hitler, dem in den zwölf Jahren ein ganzes Volk verfallen war, wurde nach dem Krieg nur noch als Popanz, als komische Figur wahrgenommen. Die Anziehungskraft, die diese Figur heute auf die Neue Rechte wieder auszuüben scheint, ist keine unmittelbare, eher eine nostalgische; sie ist, wie es scheint, vermittelt durch die Historisierung des Faschismus, durch ein Bewußtsein, das ihn – dank der „Gnade der späten Geburt“ – nur noch als Vergangenheit kennt.

  • 14.10.1995

    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Wirkungsquantum sind Hinweise auf die Irreversibilität der Richtungen im Raum.
    Die Linguistik reicht ebensowenig an die Ursprungsgeschichten der Sprachen heran wie die Naturwissenschaften an die der Welt. Ist nicht die Urknalltheorie rassistisch, bezeichnet sie in der Physik die Stelle, die in der Linguistik das Problem des Ursprungs der indogermanischen Sprache bezeichnet?
    Hegels Begriff der List der Vernunft ist das Eingeständnis, daß die bürgerliche Vernunft sich vom Betrug nicht freimachen kann. Dieser Betrug steckt in den Fundamenten der Welt, sein Kern ist der Weltbegriff, sein Grund das Herrendenken.
    In welchem Zusammenhang stehen die Begriffe Verdacht, Unterstellung und Behauptung?
    Hegels Philosophie gleicht der Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt, sie gleicht dem Swinegel un sin Fru, die den Hasen sich zu Tode rennen lassen, weil er sie nicht unterscheiden kann, wenn sie rufen „Ick bün all do“. Sie unterschlägt, daß die Katze eigentlich die Maus meint, und daß das Ich des Swinegels und das siner Fru nicht dasselbe Ich ist. Grund des Betrugs ist in beiden Fällen die List, die das Ungleichnamige gleichnamig macht. Diese List zerstört den Namen, ersetzt ihn durch den Begriff.
    Sind Begriffe terroristische Vereinigungen, bildet das strafrechtliche Konstrukt der terroristischen Vereinigung ein Moment im Prozeß der Begriffsbildung ab? Wenn ich einen, der gemordet hat, Mörder nenne, subsumiere ich ihn unter einen Allgemeinbegriff, der ihn terrorisiert („abschreckt“). Gilt das Gleiche nicht auch, wenn ich eine Katze eine Katze, ein Rind ein Rind und einen Löwen einen Löwen nenne? Was ist wirklich passiert, als Adam die Tiere benannte?
    Wenn ich aus dem Begriff „Rache des Objekts“ das Psychologische herausnehme, trifft er einen sehr realen Sachverhalt.
    Die Hegelsche Idee des Absoluten ist die Rache des Objekts am Begriff.
    Beweislogik und Objektivität: Ist nicht das Recht der Beweis, daß die Logik ein Instrument der Rache des Objekts (die instrumentalisierte Rache des Objekts) ist?
    Das Prophetenwort: Mein ist die Rache, spricht der Herr, ist der Kern der Kritik der subjektiven Formen der Anschauung, der Kern des Bilderverbots, und ein Hinweis auf das mit der Heiligung des Gottesnamens Gemeinte.
    Wer ist das Subjekt der Geschichte? Erst durch den Begriff wird das Objekt zum Objekt (der Begriff konstituiert den Raum, in dem das Objekt als Objekt erscheint): Erst durch die Geschichtsschreibung, die die Geschichte in die Vergangenheit bannt, sie zum Gegenstand der Anschauung macht, wird die Geschichte zur Geschichte.

  • 13.10.1995

    Die Berufung auf Adam in der Vorrede zum „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ ist ambivalent. Die Benennung der Tiere durch Adam war die Aufhebung der Gemeinschaft mit ihnen, der erste Akt ihrer Objektivierung und Unterwerfung. In den Tieren erkannte Adam seine Einsamkeit, und die Tiere sahen sich erkannt von einem, mit dem sie keine Gemeinschaft hatten. Hat nicht Adam schon „gebunden“, und war das nicht die „Sünde der Welt“, auf die Joh 129 (und das Wort vom Binden Lösen bei Mt) sich bezieht?
    Die Verführung des Beamten: Er gewinnt sein Selbstbewußtsein aus einer Tätigkeit, die ihn zugleich exkulpiert. Er ist nur ein unschuldiges Rädchen im Getriebe der staatlichen Verwaltung, hat aber kraft der ihm obliegenden „hoheitlichen Aufgaben“ zugleich teil am Gewaltmonopol des Staates. Er vertritt den Staat, der ihm zugleich die Last der Verantwortung für sein Tun abnimmt, gegen seine Bürger. Das Resultat ist eine Mischung aus Verantwortungslosigkeit und Allmachtsphantasien.
    In einer Welt, in der es Ziele nur noch in der Gestalt von Mitteln, die zu Selbstzwecken geworden sind, gibt, kann die Humanität des Handelns nicht mehr an den Zielen, sondern allein an den Mitteln gemessen werden.
    „Gesegnet sei mein Volk Mizrajim, meiner Hände Werk Aschur, und mein Erbe Jisrael.“ (Jes 1925) War nicht Mizrajim das aus den Zwängen der kollektiven Selbsterhaltung hervorgegangene Sklavenhaus, Aschur die aus Verteidigungszwängen hervorgegangene brutale Militärmacht?
    Zwischen der griechischen und lateinischen Sprache liegt die Wasserscheide des Dogmas. Wenn die griechische Sprache eine prädogmatische und die lateinische eine postdogmatische Sprache ist, was hat es dann zu bedeuten, wenn im Deutschen der bestimmte und der unbestimmte Artikel, im Griechischen, das den unbestimmten Artikel nicht kennt, der bestimmte Artikel der Deklination unterliegt, während das Lateinische überhaupt keinen Artikel kennt? Dem griechischen zoon politikon entspricht in der Sprachlogik des Lateinischen die res publica, wobei die res dem pragma entspricht; erst im Deutschen werden Ding und Sache getrennt, Reflex der Trennung von Objekt und Prädikat, des bestimmten und unbestimmten Artikels.
    Krankte nicht die 68er Bewegung daran, daß sie Verwaltung und Recht aus der herrschaftskritischen Reflexion ausgeschlossen (oder sie schlicht vergessen) hat? Verwaltung und Recht waren für sie ein Stück Natur, das für sie nur gegeben und hinzunehmen, dann im „Marsch durch die Institutionen“ auch zu nutzen war. Beide, Verwaltung und Recht, verkörperten eine objektive Gesetzmäßigkeit, die falsch angewendet werden konnten, deren richtige Anwendung demnach allein von den Personen abhing, die dieses Instrumentarium beherrschten. In der instrumentalisierten Welt waren die Instrumente naturgegeben, jede Erinnerung an ein An-sich getilgt.
    Das Geschlecht bezeichnet ebensosehr einen biologischen wie einen sprachlichen Sachverhalt. Der Idealismus, der mit Hilfe der Sexualmoral den biologischen Anteil leugnet, ist frauenfeindlich, der Biologismus, der den sprachlichen Anteil leugnet, männerfeindlich.
    Die Vergöttlichung der Heroen hat der Erkenntnis Gottes, der Heiligung Seines Namens, den Weg versperrt.
    Die Unfähigkeit, mit Fehlern umzugehen (Fehler einzugestehen), die Tendenz aus einmal gemachten Fehlern feste Eigenschaften abzuleiten („wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“), der Rechtfertigungszwang und die unaufhebbare Ungeduld, die Unfähigkeit, eine Sache reifen zu lassen, gründen in der Logik des Weltbegriffs: sie hängen mit der Verschiebung des Perfekts in die Vergangenheit zusammen, mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Der Rassismus ist der genaueste Ausdruck der Logik des Weltbegriffs (Ableitung der Sexualmoral!).

  • 11.10.1995

    Die Dinge beim Namen nennen, das heißt: einen Stuhl einen Stuhl, ein Elektron ein Elektron, einen Mörder einen Mörder, einen Nazi einen Nazi, einen Juden einen Juden und eine Terroristin eine Terroristin nennen; es heißt, mit dem Namen ein System von Konnotationen zitieren. Die Dinge beim Namen nennen heißt heute, eine gemeinsame Sprache mit anderen sprechen, ein Einverständnis voraussetzen, das in der Klassengesellschaft in den entscheidenden Fragen nicht mehr gegeben ist. Diese Gemeinschaft, dieses Einverständnis oder auch nur eine gemeinsame „Überzeugung“ ist am leichtesten herzustellen durch die Beziehung zu einem gemeinsamen Feind (dem Repräsentanten des Objekts), welche Beziehung übrigens im Begriff der „verschworenen Gemeinschaft“ aufs deutlichste sich ausdrückt. Und die Aufforderung, die Dinge beim Namen zu nennen, heißt dann, sich zu der Gemeinschaft zu bekennen, die die Dinge bei diesem Namen nennt und sich am gemeinsamen Gebrauch dieses Namens erkennt.
    Orthodoxie ist ein Produkt der Anwendung der Orthogonalität auf die Metaphysik. Kern der Metaphysik war die noesis noeseos, das Denken des Denkens, Produkt einer Anwendung des Genitivs (der grammatischen Form der Herrschafts- und Eigentumsbeziehung) auf die Beziehung des Denkens zu sich selbst. Die spekulative Entfaltung der noesis noeseos war die Trinitätslehre, die nicht sowohl in den christlichen Ursprüngen, auf die sie sich berief, gründete, als diese vielmehr als Stichwortgeber für die Konstrukte ihrer eigenen spekulativen Zwangslogik nutzte und verwertete.
    Ähnlich wie an den Begriffen physis und natura, an kosmos und mundus, läßt sich die Beziehung der griechischen zur lateinischen, der prä- zur postdogmatischen Sprache, am Verhältnis von pneuma und spiritus, prosopon und persona demonstrieren. Bei den letzteren ist der Hinweis auf die grammatische Geschlechtsverschiebung nicht unwichtig (beim Geist vom Femininum ins Maskulinum, bei der Person vom Neutrum ins Femininum).
    Prosopon ist das neutralisierte Angesicht, persona dessen Instrumentalisierung zur Maske (durch die hindurch die Stimme tönt): Vorläufer und geschichtslogischer Grund der subjektiven Formen der Anschauung. Sind nicht alle Anschauungen „persönliche Anschauungen“, Konstrukte aus vermittelter Unmittelbarkeit und Subjektivität? Läßt sich aus dem prosopon ein dem des Persönlichen vergleichbares Adjektiv bilden, mit vergleichbaren Konnotationen, und gibt es ein Äquivalent zur Hypostasierung dieses Adjektivs, zur Persönlichkeit?
    Ist der logische Bildungsprozeß, dem der Name der Persönlichkeit sich verdankt, nicht ein Reflex und eine Rekapitulation der Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs? Ist die Persönlichkeit nicht ein Produkt der dreifachen Leugnung (mit der Selbstverfluchung am Ende): Produkt der Hypostasierung des neutralisierten und instrumentalisierten Angesichts? Im Kern dieses Bildungsprozesses steckt die Logik der Gemeinheit, die Hegel List der Vernunft genannt hat.
    Auf dem Boden des Herrendenkens, zu dem es heute keine Alternative mehr zu geben scheint, ist die andere Seite die stärkere.
    Die Orthogonalität ist das geometrische Äquivalent der algebraischen Multiplikation. Die Formel 3 x 5 läßt sich durch eine dreifache Fünfergruppe oder durch eine fünffache Dreiergruppe abbilden. Diese Gruppenbildung, deren Elemente gleichnamig sein müssen, aber ist das Äquivalent der Begriffsbildung, Abbild der Subsumtionsbeziehung von Begriff und Objekt. Begriffsmerkmale sind Dimensionen in einem durch Orthogonalität definierten Kontinuum.
    Um Verständnis bitten ist nicht dasselbe wie um Mitleid bitten (ebensowenig wie alles verstehen alles verzeihen heißt).
    Dekonstruktion des Praesens als Voraussetzung der Rekonstruktion der Gegenwart.

  • 8.10.1995

    Die Wendung, daß eine Sache gegenstandslos (geworden) sei, ist aufschlußreich: Entsteht das steinerne Herz nicht genau dort, wo die Barmherzigkeit gegenstandslos wird? Die Logik, die die Barmherzigkeit gegenstandslos macht, ist erstmals in der Kritik der reinen Vernunft zum Gegenstand der Untersuchung geworden.
    Der Begriff der Erkenntnis ist heute auf einem Felde angesiedelt, auf dem die Theologie nur verlieren kann. Da hilft keine Apologetik mehr. Nicht auf die Verteidigung der Theologie kommt es an, sondern auf verteidigendes (parakletisches) Denken als Organ der Theologie.
    Die Hoffnung, daß das Problem des Faschismus auf biologischem Wege, durch Aussterben der Nazis, sich löst, trügt nicht nur, sondern ist selbst ein faschistisches Konstrukt. Es gibt keine Gnade der späten Geburt. Und das Grauen, das der Faschismus benennt, ist eins, das erst in zweiter Linie von Personen ausgeht. Der Faschismus pflanzt sich über Strukturen fort.
    Der alte deutsche Rechtsgrundsatz „mitgefangen, mitgehangen“ lebt in den Terrorismusprozessen wieder auf. Es erübrigt sich, Birgit Hogefeld auch nur eine der Taten, deretwegen sie angeklagt ist, nachzuweisen, sie ist schon durch ihr Bekenntnis zur raf überführt. Die Kritik des Begriffs der Kollektivschuld und seine Ersetzung durch den der Kollektivscham hat das zugrundeliegende Problem nur verdrängt, nicht gelöst. Die verdrängte Kollektivschuld kehrt hier in veränderter Konstellation (in instrumentalisierter Gestalt) wieder (und wie wirkt sich diese veränderte Konstellation auf die Kollektivscham, die Zwillingsschwester der Kollektivschuld, aus?).
    Hitler als Generalprobe: zum historischen Faschismus gehört das Radio, mit dem Fernsehen hat er sich nicht in der Substanz, wohl aber in seinen Erscheinungsformen verändert; Hinweis auf eine Geschichtsphilosophie des Hörens und Sehens?
    Drei Formen der transzendentalen Ästhetik:
    – Raum und Zeit: die Naturwissenschaften subsumieren das Vorn unter das Hinten,
    – das Geld: der Kapitalismus subsumiert die rechte unter die linke Seite, und
    – die Bekenntnislogik: das Dogma und die Opfertheologie subsumieren die obere unter die untere Welt.
    In jedem Falle wird die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes lebt davon, daß es Unterstellungen und Formen des Verdachts gibt, die sich nicht widerlegen lassen. Das heißt nicht, daß sie wahr sind. Die Materie ist der apriorische Gegenstand des Verdachts, der Raum die hypostasierte Form der Unterstellung.
    Das Dogma hat die Idee der Ewigkeit in den Begriff des Überzeitlichen transformiert. Zu den Rahmenbedingungen dieser Transformation gehören das Urschisma, die Bekenntnisform der Orthodoxie und die Verurteilung der Häresien. So ist es zur Ursprungsgestalt des Inertialsystems geworden. Das Inertialsystem ist eine Metamorphose des Dogmas. Die innere Beziehung des Dogmas zur Zeit ist ein Teil seiner weltkonstituierenden Funktion.
    Gutachten: Die Wahrnehmung, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, reicht weit über den Bereich des Strafrechts hinaus; sie bindet den Wahrheitsbegriff an die Prinzipien der Beweislogik und an die Urteilsform, sie ist die Grundlage der indikativischen Fassung des Wahrheitsbegriffs und gehört so zu den gemeinsamen Prämissen sowohl der dogmatischen Theologie, des Begriffs der Orthodoxie, als auch des Begriffs wissenschaftlicher Erkenntnis und Objektivität. Gemeinheit aber ist allein in theologischem Kontext bestimmbar, im Bereich der Gotteserkenntnis: sie trennt das strenge Gericht von der Barmherzigkeit. Wer die Gemeinheit ins Unerkennbare verschiebt – und das ist die Existenzbedingung des Staates -, macht die Barmherzigkeit gegenstandslos („Beweis“: die Verhältnisse in den Knästen, aber auch vor Gericht, insbesondere im Staatsschutzbereich). Der logische Kern des Dogmas ist nicht zufällig die Opfertheologie. Aber auch gegen das Dogma gilt der prophetische (und prophetische Erkenntnis begründende) Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Was heißt und woher kommt der Begriff „infam“? Nach Kluge stammt es aus der gleichen Wurzel wie „diffamieren“ (verunglimpfen; von fama, ‚Gerede, Gerücht‘). Das Präfix in- bezeichnet (bei Adjektiven) sowohl die Negation (indiskret) als auch das ‚hinein‘ (instituieren). Infam ist der als wahr unterstellte Verdacht (der das Angesicht Gottes gegenstandslos macht: es gibt kein Herz, in das nur Gott sieht, kein An-sich der Dinge).

  • 7.10.1995

    Hören und Sehen: Die Gummiwand, das steinerne Herz und die Verwechslung von Genitiv und Dativ. Drückt nicht in diesem grammatischen Trend eine Veränderung der Beziehung zum Raum sich aus: Das Prinzip der Offenheit, das die Dinge verfügbar gemacht hat, ist zu einem Instrument der Objektivation und der Verstrickung geworden.
    „Ein Jäger längs dem Weiher ging …“ Oder heißt es: des Weihers? Lt. Duden-Grammatik folgt dem „längs“ der Genitiv, seltener der Dativ.
    Das Sehen, die monologische Logik der Schrift, bringt den Adressaten der Sprache zum Verschwinden, raubt der Barmherzigkeit ihr Objekt, verwandelt den Dativ in den Genitiv, macht den Adressaten zum Objekt auswegloser Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen, macht ihn zum potentiellen Feind, verwandelt die Welt in eine Quelle der Paranoia. Diese Konstellation hat das Barock als Epoche der Privatisierung von Herrschaft zur Epoche des Absolutismus, des Scheins und des Pomps gemacht.
    Heute findet die Realität im Fernsehen statt, die Zuschauer sind davon (wie die Armen von den in den Schaufenstern ausgestellten Waren) ausgeschlossen; sie sind zu Zuschauern ihres eigenen Schicksals geworden, ohne es noch als solches zu erkennen (die Eigengesetzlichkeit des Fernsehens, die die Relevanz einer Sendung an den Einschaltquoten mißt, entzieht der Erfahrungsfähigkeit den Boden, macht alles zur Unterhaltung). Gleicht diese Grenze, die den Zuschauer jeder Handlungsmöglichkeit, jeder Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen, beraubt, nicht der des Himmels, die uns von der praktischen Gemeinschaft mit der Sternenwelt ausschließt (die dann nicht zufällig in der alten Welt als eine Schicksalsgemeinschaft erfahren wurde: das war die Grundlage der Astrologie). Hier gründet die ideologische Bedeutung der „Raumfahrt“, des Versuchs der technischen Beherrschung des Überschreitung auch dieser Grenze.

  • 4.10.1995

    Die Rede ist das politische Pendant der (theologischen) Predigt. Von der Kanzel (ex cathedra) wird nicht geredet, sondern gepredigt, nämlich mit einer Autorität, die der parteilichen Rede nicht zusteht. Die Rede lebt von der Argumentation, von ihrer Wirkung auf den Zuhörer, die Predigt will dem Glauben, dem Lebensprinzip der Gemeinde, Sprache verleihen. Heute, da die Politik selber anderen, nicht mehr kommunikablen Gesetzen gehorcht, ist die Rede zur Reklame, bestenfalls zur bloßen Meinung, die einer „vertritt“, geworden; mit der Rede soll Politik wie ein neues Waschmittel verkauft oder wie ein neuer Staubsauger angepriesen werden. Die einzige Autorität, auf die eine Rede sich berufen kann, ist, da im Bereich des Parteilichen die Gründe nicht hinreichen, nur noch die persönliche. Deshalb sind Fragen der persönlichen Integrität eines Politikers inzwischen wichtiger als seine politischen Ziele (die weithin ohnehin nicht mehr sich unterscheiden lassen) geworden. Was bedeutet vor diesem Hintergrund die theologische Rezeption des Begriffs der Rede: die „Rede von Gott“, die „theologische Rede von Schuld“. Nach Kluge weist das Wort zurück auf einen gemeinsamen Ursprung mit der lateinischen ratio und auf eine gemeinsame Bedeutung, etwa: Rechenschaft ablegen, (sich oder etwas) rechtfertigen. Unverkennbar der apologetische Ton. Verweist nicht die „Rede von Gott“ auf den fatalen Zusammenhang, daß man eigentlich von Gott nicht mehr reden kann? Dementiert nicht jede Rede genau das, wovon sie redet? Verweist dieser Sprachgebrauch nicht darauf, daß – wie in der Politik, so jetzt auch in der Religion – niemand mehr weiß, wovon er redet? Die Fragen, die heute in der öffentlichen Diskussion im Vordergrund stehen: die Sexualmoral, das Zölibat, das Frauenpriestertum, gründen in einem Religionsverständnis, dessen Hauptzweck die „persönliche Anerkennung“, das „Sich-Wohlfühlen“, der Komfort eines schuld- und belastungsfreien Bewußtseins ist, eines Bewußtseins, das mit den realen Problemen: den Problemen der Welt, des Geschäfts, der Politik, in der Religion nicht mehr behelligt werden möchte. Die Religion soll das Gewissen nicht mehr sensibilisieren, sondern zusammen mit der Sache, für die es steht, abschaffen (als Hilfe bei der Erzeugung eines pathologisch guten Gewissens, ggf. über die Bereitstellung eines Ersatz-, eines Alibi-Gewissens, eines Zuschauer-Gewissens, eines Gewissens für andere).
    Das Benennen, oder der Indikativ als Instrument des Schuldverschubsystems: als Generator des Gewissens für andere. Apriorisches Objekt des Benennens ist das Tier (hier gründet die Unterscheidung zwischen dem Tier aus dem Meere und dem Tier vom Lande); worauf es jedoch ankäme, wäre die Erkenntnis des Namens Gottes, zu deren Grundlagen die Reflexion der benennenden Kraft der Sprache gehört. Das Benennen gehört wie das Bekennen, das Bekehren und andere mit dem Präfix be- behaftete Tätigkeiten zu den Handlungen der Hybris.
    Benennen ist eine Kategorie des Schuldverschubsystems.
    Säkularisation der Religion als Ausverkauf der Theologie: Die Religion ist heute in den Händen derer, die nur noch ein Gewissen für andere haben; aber auch so kann man gewissenlos werden. Der Indikativ und die Wertethik sind Verkörperungen des Gewissens für andere.
    In einer Fernsehdiskussion über den Zerfall der deutschen Sprache: „Es gibt Leute, die im Ernst ‚cool‘ sagen.“ – Kann man den Zerfall der Sprache überhaupt an einzelnen Wörtern festmachen; können nicht auch diese Wörter etwas ausdrücken, was anders nicht ausgedrückt werden kann, wenn sie durch den Kontext, in dem sie erscheinen, konkret werden? Sind nicht verräterischer und auch gefährlicher grammatische Konstruktionen, die mit der Sprachlogik auch die Humanität, die Fähigkeit, in den andern sich hineinzuversetzen, verletzen?
    Gnade der späten Geburt: Durch seine Verwendung als Prädikat und als Adjektiv wurde der Faschismus in den blinden Fleck der Sprache gerückt. Der Begriff des Rassismus, der den Faschismus zum Bekenntnis neutralisiert und selbst der Reflexion bedarf, hat dazu beigetragen, die Erinnerung an den Ursprung des Grauens zu verdrängen, damit aber das Grauen selbst virulent gehalten und reaktivierbar gemacht.

  • 3.10.1995

    Der Himmel, die Vergangenheit dessen, was noch nicht ist (was in der „Feste“ verschlossen ist), ist Sein Thron, die Erde der Schemel Seiner Füße.
    Die Welt ist der Inbegriff einer Logik, die uns den Blick auf die Schöpfung versperrt.
    Das Sein bestimmt nicht nur das Bewußtsein, es ist uns als Schrecken in die Glieder gefahren.
    Isaak: Der Schrecken ist nicht unvermittelt kommunikabel, er teilt sich mit über Gesten und Verhaltensweisen, und d.h. in einer Schicht, die unter dem Bewußtsein (unterhalb der sprachlichen Ebene) liegt und nur durch Reflexion ins Bewußtsein gehoben werden kann.
    Ist nicht meine „Erinnerungsarbeit“ auch der Versuch, etwas von der Schuld, die ich meinen Kindern gegenüber fühle, abzutragen?
    Der Satz: Das Sein bestimmt das Bewußtsein, setzt den anderen voraus, den er kritisiert: daß das Bewußtsein das Sein bestimmt.
    Die altchristliche (und dann auch islamische) Engel- und Dämonenlehre war die theologische Gestalt der Astrologie.
    Das Generationen- und das Geschlechterverhältnis verweist zurück auf das Problem der Dimensionen des Raumes: auf die Oben-/Unten-Beziehung und auf die Beziehung von Rechts und Links. Mit der Unfähigkeit, die Dimensionen des Raumes zu reflektieren, mit der Unfähigkeit, Rechts und Links zu unterscheiden, werden die Generationen- und Geschlechterprobleme durch Verdrängung verschärft.
    Gibt es einen Zusammenhang der Unfähigkeit der 120000 in Ninive, zwischen Rechts und Links zu unterscheiden, mit der Sünde Sodoms? Ist Homosexualität ein (sprach-)logisches und kein moralisches Problem?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie