Übersetzung der Schrift in den Indikativ: Jesus hat einmal einem Pharisäer das Wort in den Mund gelegt: „O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch dieser Zöllner.“ (Lk 1811) Wenn Christen diese Stelle lesen, denken sie: „O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die Pharisäer.“ – Verdankt sich nicht die christliche Vorstellung, daß die Prophetie in Jesus sich erfüllt hat, u.a. der Übersetzung der Prophetie in den Indikativ (mit dem Effekt, daß man die Prophetie historisiert, sie nicht mehr auf sich beziehen muß). Der Aktualitätsbezug, der Kern der Prophetie, ist dadurch entschärft worden, daß diese Aktualität als vergangene gesetzt wird. Hat nicht die griechische (indoeuropäische) Sprachlogik (die der indoeuropäischen Grammatik zugrunde liegt, im Neutrum und im indoeuropäischen Konjugationssystem sich ausdrückt) die Offenbarung im Kern neutralisiert, zerstört, ins Erbauliche umgebogen?
Vgl. hierzu die Worte vom Sauerteig in Lk 121 (Sauerteig der Pharisäer: die Heuchelei) und 1321 (das Reich Gottes … ist gleich einem Sauerteig).
Zur Vorgeschichte der jesuanischen Pharisäerkritik gehört das Buch Kohelet (Eitelkeit und Heuchelei).
Ist nicht die Kritik der Heuchelei (die den Pharisäer-Geschichten im NT zugrunde liegt) in der Tat ein Kernstück des Christentums, verweist nicht die Heuchelei auf den Ursprung und die Funktion des Weltbegriffs, der den Differenzpunkt zwischen der „Botschaft“ Jesu und der Prophetie präzise bezeichnet?
Die Pharisäer haben nicht nur die Grundlagen für das Überleben des Judentums in der Diaspora geschaffen; sie sind zum Spiegel der Kirche geworden, die erst, wenn sie in der Heuchelei, für die die Pharisäer im NT stehen, sich wiedererkennt, vom Bann des Indikativs befreit sein wird.
Der Indikativ ist der sprachlogische Grund und das sprachliche Symbol der Heuchelei (er begründet die Logik des Schuldverschubsystems); der Indikativ ist das Korrelat des Weltbegriffs (er hat die Umkehr zum Bekenntnis gemacht). Die Konstruktion des Indikativs gehört zur Geschichte der Verinnerlichung des Opfers. Auch für den Indikativ gilt: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
Sprache
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1.8.1995
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31.7.1995
Bendorf (23.-30.7.):
sch’ma: lt. Goodman-Thau „den Namen sehen“. Wie hängt das Hören (sch’ma) mit dem Himmel (schamajim) zusammen? Ist dieser Himmel der sichtbarer Inbegriff (ein sichtbares Kollektiv-Abstraktum) des Hörens? – Das Sehen ist ein kommunikativer Akt (es bezieht sich auf den Gegenblick: das Angesicht); davon abstrahiert die Anschauung.
Die Anschauung zerstört das Sehen wie der Gehorsam das Hören (beide, Sehen und Hören, sind kommunikative Tätigkeiten).
In der Beziehung der ofanim (der Räder) zu panim (Ez) erweisen sich die Räder als Gesicht, aber in der Einheit von vorn und hinten (der „Felgen“, die eigentlich der Rücken sind, die voller Augen sind).
Mirjam = mar-jam: bitteres Meer. Vgl. das Magnificat.
Zu Ez 49ff: Verweist das Bild von dem Brot das auf Menschenkot (und dann auf Rinderkot) gebacken werden soll (und das „Zerbrechen des Stabes des Brotes in Jerusalem“), nicht auf den Ursprung der Marktwirtschaft, ein wesentliches Moment der Geschichte der politischen Ökonomie in Babylon (und auf das „panem nostrum cottidianum da nobis hodie“)? Vgl. Freuds Interpretation des Kot-Symbols (als Geldsymbol), die Ersetzung des Menschen- durch Rinderkot (Erinnerung an die Opfergeschichte: Auslösung der Erstgeburt des Menschen durch Rind). Das Backen des Brots auf Kot als Symbol der Ersetzung der Eigenproduktion durch die Produktion für den Markt (Grund des Ursprungs des Staates; Substitution des Hungers durchs Geld, ein Produkt der Ausscheidung). – Brot als Symbol der Barmherzigkeit (der oberste Bäcker im Gefängnis des Pharao wird hingerichtet: Ursprung des Sklavenhauses).
Jakob, Esau und das „Erstgeburtsrecht“: Der (das) Erstgeborene ist fürs Opfer bestimmt. Wie hängt die „Erstgeburt“ mit der Beziehung des Raumes zur Umkehr zusammen?
Ps 1379: Tu es Petrus?
Der Indikativ (Prinzip jeder Dogmatik) begründet das Schuldverschubsystem und verhindert die Schuldreflexion (begründet den Schein der Entbindung von der Pflicht zur Schuldreflexion). Der Indikativ (und sein Produkt der Staat) ist eine Exkulpationsmaschine. Vgl. den Sühnedeckel in Lev 16.
Die Erfindung des Indikativ (des „ist“) gründet in der Logik der Schrift. (Das Sein und die Ontologie gehören zu den Fundamenten des Nationalismus.)
Der Fundamentalismus steht unterm Vorzeichen des Indikativs; durch ihn ist er an den Weltbegriff und an den Nationalismus gebunden (an die Begründung der Sprache durch Gewalt und Hierarchie). Der Fundamentalismus macht die Texte stumm, ersetzt das Wort durch die Gewalt.
Die homousia ist das Siegel des Kaisers, des Imperiums, im Dogma: ein Produkt des Indikativs, unter dessen Gesetz das Dogma steht. Sie verletzt das Verbot, Rind und Esel vor einen Pflug zu spannen.
Der Antisemitismus, die Herrschaftstheologie und die Frauenfeindschaft schließen sich nicht nur nicht aus, sie bilden eine Konstellation. Ihr Ursprungsgeschichte beginnt mit dem Urschisma.
Der Weltbegriff leugnet und verdrängt die asymmetrische Verantwortung: er gründet in den subjektiven Formen der Anschauung, die diese Verdrängung gleichsam apriori für ihn leisten.
Verhalten sich Sünde und Schuld wie Objekt und Begriff (Natur und Welt)?
Rettendes Licht: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 514). Die Finsternis wird nicht am Licht, sondern das Licht an der Finsternis gemessen. „Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe“ (Jes 457; Vgl. 4518: „der die Himmel geschaffen, … die Erde gebildet … hat“). Nur der Fundamentalismus dekretiert alles als Finsternis, was außerhalb des durch ihn definierten „Lichts“, des Dogmas, des „Bekenntnisses“, ist. Vgl. Lk 1135: Sieh nun zu, ob das Licht, das in dir ist, nicht Finsternis sei! (Ist nicht der Indikativ der Grund dieser Finsternis?)
War nicht der scholastische Begriff der Analogie ein Instrument der Übersetzung des Symbolischen in den Indikativ?
Das Gesicht läßt Ezechiel aufs Antlitz fallen; um hören zu können, muß der Geist ihn wieder auf die Füße stellen.
Wie hängt das Sehen mit dem Wasser und dem Ich zusammen: Vgl. Ez 11, das „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, Noe, Ham und Kanaan (das Aufecken der Blöße und die Knechtschaft) und den Ursprung der Philosophie (Thales: Alles ist Wasser; Verinnerlichung der Schicksalsidee, Ursprung des Begriffs, Logik der Schrift als Subsumtion des Hörens unter die Logik des Sehens).
Die Trinitätslehre und die Opfertheologie lassen sich aus einem Prinzip ableiten, dessen Rekonstruktion das Christentum vom Bann, der auf ihm lastet, befreien wird.
Das „bara“, diese eigentliche Tätigkeit des göttlichen Erschaffens, bezieht sich in der Genesis außer auf die Himmel und die Erde am fünften Tag auf drei Objekte (die großen Seetiere, die Fische und die Vögel des Himmels) und am sechsten Tag auf ein dreifaches Tun an einem Geschöpf: am Menschen (als Sein Bild, als Gottes Ebenbild, als Mann und Weib schuf er ihn). Spiegelt sich darin nicht eine ähnliche Konstellation in den Werken der ersten beiden Tage, an denen er (das Licht von der Finsternis bzw. die oberen von den unteren Wassern) scheidet, wobei er jedoch am ersten Tag die geschiedenen Objekte (Licht und Finsternis als Tag und Nacht), am zweiten Tag das Instrument der Scheidung (die Feste als Himmel) benennt?
Das Licht im blinden Fleck der Philosophie ist das Angesicht, der Name und das Feuer: der prophetische, der messianische und der apokalyptische (parakletische) Kern der Philosophie.
Die phonetischen Grundlagen der alphabetischen Schrift sind nicht bedeutungsneutral. Das wird deutlich hervortreten, wenn begriffen wird, wie der Name der Deutschen und der des Feuers mit dem Bedeutungsgehalt der deutschen Ausprache des Diphtongs „eu“ zusammenhängen. -
18.7.1995
Das Präsens ist eine ästhetische Kategorie, und der Indikativ (der Ausschluß des Metaphorischen) begründet die Sprache der Gemeinheit.
Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt ist auch eine politische Grenze, sie wird durch das Gewaltmonopol des Staates reflektiert und zugleich definiert.
Das Präfix be- bezeichnet das Handeln an einem Objekt, ihm eignet eine objektivierende Kraft. So bezeichnet das Bekennen (und in seiner Folge das Glauben) das Handeln an einem Objekt mit Namen Gott, und genau dadurch unterscheiden sich Bekenntnis und Glaube vom Hören (Höre Israel). Erst unterm Bann der Bekenntnislogik gibt es „Behörden“.
Die deutsche Sprache hat wie keine andere die Identifikation von Religion und Herrschaft in ihre logische Struktur mit aufgenommen. Es darf vermutet werden, daß auch der Name der Deutschen (des einzigen Volkes, das auch „Volk“ heißt) in dieser Konstellation seine sprachlichen Wurzeln hat. Kann es sein, daß die Identifikation von Religion und Herrschaft selber wieder auf sehr tief liegende theologische Sachverhalte führt? So werden z.B. Zorn und Wut durch eine Grenze geschieden, die auch die Herren und die Beherrschten von einander trennt, eine Grenze, die im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft (in der Geschichte der Aufklärung) durchlässig geworden ist. Wut bezeichnet seitdem nicht mehr nur ein Verhalten der Beherrschten, und sie ist in dieser Konstellation erst vollends böse geworden (vg. Franz von Baaders Begriff der Niedertracht).
Phantasielosigkeit und Allmachtsphantasien: Die Gesetzmäßigkeit des Verwaltungshandelns verleitet in Konfliktfällen (unter dem Druck des Rechtfertigungszwangs) dazu, sich der Verantwortung, zu der die Phantasie einen verleiten könnte, durch Flucht in Allmachtsphantasien zu entziehen. Denkbar, daß der Autismus aus dieser Flucht sich herleiten läßt. Der „allmächtige Gott“ ist ein phantasieloser, ein autistischer Gott, der Gott, der seinen Sohn opfert, um die Welt zu erlösen.
Die Allmachtsphantasien sind der Gemeinheitsgenerator. Sie sind reiner Schein, Produkt der Abstraktion von jeder konkreten Phantasie, sie sind dem Rechtfertigungszwang unterworfen, sein Produkt, und sie gehorchen ihm.
Welche Funktion haben Allmachtsphantasien in der Bekenntnislogik?
Allmachtsphantasien und Fachidiotismus hängen mit einander zusammen (Stichworte: das mechanische Gedächtnis von Autisten, Ressortdenken, Positivismus).
Ausdruck von Allmachtsphantasien ist der Aktionismus, der, wenn er an die realen Ursachen eines Problems nicht herankommt, sich beweisen muß, daß er was tut, daß er die Ärmel aufkrempelt und die heißen Eisen anpackt. (Kann es nicht sein, daß die wirklichen Naturschutzprobleme im Mönchbruch andere Ursachen haben: Folgen des Startbahnbaus, Grundwasserabsenkung o.ä.; daß aber die Verwaltung, weil sie hier aufgrund politischer Vorgaben nichts ändern kann, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht durch Aktionismus entgegenzuarbeiten sucht? Der Aktionismus aber greift die Kette an ihrem schwächsten Glied an, und dort mit besonderer „Energie und Konsequenz“.) -
14.7.1995
Der Wertbegriff und das moralische Urteil sind Instrumente des Konkretismus und der Personalisierung.
Haben nicht die Erklärungen der raf etwas von ad-hoc-Stellungnahmen: Sie liefern Rechtfertigungen, keine Begründung.
Der Satz „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ ist kein indikativischer Satz, er gilt nicht zu allen Zeiten und an allen Orten. Wahr ist er nur in einer bestimmbaren Konstellation, und zwar als Imperativ: Rache ist nicht deine Sache.
Auch das Dogma ist nicht an sich unwahr, aber es wird unwahr im Bann der indikativischen Logik (im Bann des „Logozentrismus“).
Jede Personalisierung ist atheistisch. Ihr Grund und ihr Telos ist der Antisemitismus (der Jude ist der Schuldige an sich). Und der verbreitete Nachkriegs-Atheismus ist ein posthumer Sieg Hitlers. Nur: Die ans Konfessionsprinzip gebundenen Kirchen sind ohnmächtig gegen diesen Atheismus.
Die kritische Reflexion des Weltbegriffs rührt auf eine doppelte Weise an die Wurzeln des Christentums. Der Weltbegriff bezeichnet die differentia specifica, durch die das Christentum innerhalb der jüdischen Tradition von dieser Tradition sich unterscheidet, während die kritische Reflexion des Weltbegriffs den Bann löst, unter dem abrahamitischen Religionen bis heute stehen.
Hegel hat einmal auf den merkwürdigen Sachverhalt hingewiesen, daß der Begriff Geschichte sowohl die historischen Ereignisse als auch ihre schriftliche Objektivierung bezeichnet. Und er hat recht: Die Geschichte konstituiert sich als vergangene Geschichte durch die Geschichtsschreibung. Dieser Vorgang ist ein weltkonstituierender Akt (sprachlogisch ist das Präsens durchs Präteritum vermittelt). In dieser Konstellation gründet die welthistorische Bedeutung der opfertheologischen Objektivation des Kreuzestodes.
Sind nicht die eigentlich „geschichtlichen Bücher“ der Bibel die apokalyptischen Bücher? Und eigentlich ist jede Geschichtsschreibung apokalyptisch und die Verdrängung des Bewußtseins davon zugleich: Sie vollstreckt an der Vergangenheit das Jüngste Gericht, um die Gegenwart zu begründen. Unser Bild von der Geschichte ist das eines rechtskräftig gewordenen Todesurteils (der Historiker ist der Scharfrichter). Deshalb ist parakletisches, verteidigendes Denken heute Erinnerungsarbeit.
Die Opfertheologie (und nicht der Kreuzestod) war der Gründungsakt der christlichen Zivilisation.
Der Jubel der Barockmusik, dessen säkularisierter Nachhall seit zwanzig Jahren die Popmusik durchdröhnt, war schon kryptofaschistisch. Bach war kein Barockmusiker, seine Musik war die Umkehrung der Barockmusik, ihr Paradigma war die Passion.
Jede Personalisierung gründet in dem Glauben an die magische Kraft des Bekenntnisses, die magische Kraft von Anschauungen (die deshalb seit dem Ursprung totalitärer Systeme zu todeswürdigen Verbrechen geworden sind).
Der Satz (der sprachlogisch sich ableiten läßt), daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, läßt sich leicht am Kontext der Vorstellung demonstrieren, daß Gott nicht bereut. Unter diesem Imperativ steht seit der Diskriminierung des Anthropomorphismus das Herrendenken: Nicht Gott, sondern die Hybris seiner irdischen Vertreter erfährt die Vorstellung als unerträglich, eine einmal getroffene Entscheidung wieder zurücknehmen, sie öffentlich bereuen zu müssen. Das Gesicht, das die Herren zu verlieren fürchten, ist die Maske der Person, nicht das göttliche Angesicht, dessen Leuchten seinen Grund in der göttlichen Barmherzigkeit findet. Die theologische Verwerfung des Anthropomorphismus war die Verwerfung der göttlichen Barmherzigkeit.
Die Finsternis über dem Abgrund: Ist das nicht der Nachthimmel, und sind nicht die Sterne in der Tat ein Zeichen der Hoffnung?
Der Satz: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“, ist ebensosehr ein Gebot wie es ein Ausdruck der Hoffnung, des Verlangens, der Sehnsucht ist.
Wenn Jeremias für Babylon und gegen Ägypten votiert, so war das weniger Ausdruch einer „realistischen“ Einschätzung der Machtverhältnisse als vielmehr die prophetische Einsicht in einen Vorgang, der die Gotteserkenntnis im Kern verändert hat.
Zum Begriff des Seins: Die Fundamentalontologie war faschistisch, weil das Sein (wie der Begriff des Eigentums, mit dem er zusammenhängt) außerhalb der staatlichen Organisation, die im Faschismus zum Selbstzweck wird, nicht sich definieren läßt. -
11.7.1995
Religion für andere, das ist die Religion der leeren Köpfe, in die die Religion von außen eingefüllt werden muß. Aber sind nicht alle Religionen unterm Bann des Weltbegriffs Religionen für andere, und ist nicht deshalb die Religion, der man angehört, „ohnehin die falsche“?
Durch die Verdrängung der Parusie-Erwartung (durch Anpassung an die Welt) ist die Religion zwangsläufig zur Religion für andere geworden. Diese Bemerkung gilt generell, insbesondere und konkret aber für die Geschichte der Dogmenentwicklung (Martin Werner). Eine Religion, die sich in der Welt einrichtet, wird zur Religion für andere.
Die Kritik der Trennung von Natur und Welt gründet in dem Satz: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
Ist nicht das Buch Kohelet der Beweis dafür, daß der Weltbegriff das Erbe des Götzendiensts, der Idolatrie, angetreten hat? Das „Alles ist eitel“ gründet in der Nichtigkeit der Götzen.
Sind nicht die biblischen Xenophobie-Geschichten (Sodom, Jericho und Gibea) allesamt antimessianische Geschichten?
Zum Begriff einer Theologie im Angesicht Gottes: Das Reich der Erscheinungen ist das Reich der Unerkennbarkeit der Dinge, wie sie an sich sind; nur Gott sieht ins Herz der Dinge.
Das Paradigma der Kommunikation im Reich der Erscheinungen ist der Stoßprozeß: der Zusammenstoß zweier Köpfe. Bezieht sich hierauf das biblische Symbol des Horns?
„Allein den Betern …“ (Reinhold Schneider): Die Frage, wie (und nicht ob) Beten nach Auschwitz noch möglich ist, hängt zusammen mit dem, was Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ genannt hat: mit Veränderungen im Begriff der Öffentlichkeit, die insbesondere am Problem des öffentlichen Gebets (an der Beziehung des Gebets zur Öffentlichkeit) sich demonstrieren lassen. Sie rührt an den Kern der Frage nach der Möglichkeit einer Theologie im Angesicht Gottes, sie rührt an den Grund des Weltbegriffs.
Das Dogma ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat. War die Tat des Alexander, an die das Versprechen der Herrschaft über Asien geknüpft war, nicht eine sprachgeschichtliche Tat: War das Neutrum das Schwert, das Objekt und Begriff, Natur und Welt getrennt (und sie in dieser Trennung konstituiert) hat. In der Bibel wird das Neutrum durch die Schlange, das Durchschlagen des Knotens durch den Baum der Erkenntnis (seine Trennung vom Baum des Lebens) und den Sündenfall symbolisiert. Die indoeuropäischen Sprachen entspringen mit der Erfindung des Wissens (des Gesehenhabens, Kristallisationskern des Neutrum und Urform der Anschauung, unter deren Gesetz diese Sprachen seitdem stehen), Zentrum der gemeinsamen Grammatik (und ihrer Sprachlogik). Das Dogma war der paradoxe Versuch, die Offenbarung, zum Gegenstand der Anschauung zu machen (sie ins Präsens zu übersetzen, den Imperativ in den Indikativ zu transformieren); in Wahrheit hat es sie neutralisiert. -
10.7.1995
Die Bekenntnislogik
– ist ein Produkt der Vergesellschaftung von Herrschaft,
– sie instrumentalisiert die Religion, macht sie zur Religion für andere,
– sie verhindert damit apriori die Gotteserkenntnis.
Die Bekenntnislogik und der Weltbegriff begründen sich wechselseitig, zu ihren Ursprungsbedingungen gehören die Unfähigkeit zur Herrschaftskritik und eine rigide Sexualmoral, die die Stelle einnimmt, die die Herrschaftskritik zuvor geräumt hat (Produkt der Umkehrung des Schuldbekenntnisses). Die Bekenntnislogik ist der Kern eines jeden Fundamentalismus.
Die Bekenntnislogik entspringt in der Umkehrung des Schuldbekenntnisses (im Rechtfertigungszwang, in der Apologetik), einem Verfahren der Instrumentalisierung, sie begründet, indem sie das Schuldbekenntnis instrumentalisiert, es reversibel und so technisch beherrschbar macht, das Schuldverschubsystem: An die Stelle des wirklichen Adressaten der Barmherzigkeit oder der Versöhnung: des Armen, des Fremden, des Geschädigten, des Opfers, des „Schuldigers“, tritt eine kollektive Instanz, die Kirche, die Nation, eine Partei, ein Verein.
Die Bekenntnislogik erzeugt (durch Umkehrung der Logik des Schuldbekenntnisses) ihren eigenen Inhalt: Das christliche Dogma (die Opfertheologie, die Christologie und die durch beide definierte Trinitätslehre) ist ihr konsequentester Ausdruck, gleichsam der apriorische Inhalt ihrer transzendentalen Logik.
Das Christentum hat die Bekenntnislogik weder erfunden, noch hervorgebracht; es war ihr erstes, allerdings zugleich auch paradigmatisches Opfer.
Das Substantiv (Grab des gekreuzigten, gestorbenen und begrabenen „Wortes“, Repräsentant der Geschichte des Opfers und Realsymbol der Schuldknechtschaft in der Sprache) oder die Schrift als Spiegel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (vgl. Grammatologie, S. 208).
Wenn der Name der heilige Ort ist, dann ist das Substantiv der Greuel am heiligen Ort. (Haben männlich und weiblich etwas mit Begriff und Namen zu tun?)
Hat der „hebräische Sklave“ im Dt und bei Jer etwas mit der „hebräischen Schrift“ zu tun?
Die Dornen und Disteln symbolisieren zusammen mit dem „Gesetz der Profangeschichte“ die Logik der indoeuropäischen Sprachen, der Herrschaftssprache. (Haben nicht auch die Nahrungsgebote einen sprachlogischen Sinn?)
Sprachlogisch begründet die creatio mundi ex nihilo das Gewaltmonopol des Staates, seine „Allmacht“ (die jüdische Religion ist nicht „monotheistisch“, der Monotheismus ist der Erbe der Idolatrie mit universalem Anspruch).
Das Zugrundeliegende ist das Unterworfene (das Objekt der heideggerschen Geworfenheit), es ist reines Substrat von Herrschaft (der Gekreuzigte).
Bieten, beten, bitten: Verbot und Gebot leiten sich her vom Verbieten und Gebieten. Drückt nicht in den Präfixen ein Gestus sich auch?
– Das Präfix ge- bezeichnet den Gestus des Gewährens, des Schenkens;
– be- drückt das Handeln der Welt am Objekt aus: seine Veranderung, seine Verweltlichung;
– ver- ist der Gestus der Vernichtung, der Annihilierung (der „Reinigung“ im Sinne der chemischen Reinigung, der Herstellung von Laborbedingungen, oder auch ihrer gesellschaftlichen Entsprechung: der Subsumtion unter die Verwaltung);
– er-, wie in Erscheinung, Erzeugung, der Gestus des Hervorrufens;
– zer- annihiliert nicht nur, sondern zerstört, zernichtet, zerlegt: es beschreibt das Töten als Produktion von Materie (paradigmatisch ist die Ersetzung des Geistes durchs Gehirn in der herrschenden Sprache, Verkörperungen des zer- sind Institutionen wie Anatomie, Schlachthaus, Konzentrationslager).
Hat nicht die kopernikanische Wende das „prasselnde Feuer“ entzündet, in dem nach dem 2. Petrus-Brief (310) am Ende die Himmel vergehen werden (ist die kantische Philosophie der brennende, die Hegelsche der ausgebrannte Dornbusch)?
Zum Begriff der Blasphemie: Mit den Scheiterhaufen hat das Christentum (als Agent der Welt) den brennenden Dornbusch in eigene Regie übernommen. -
9.7.1995
Die Übersetzung von Kritik ins Konkretistische fällt zurück in das gleiche System, das selber Objekt der Kritik ist. Ist nicht die Barmherzigkeit der blinde Fleck der Schrift, und ist die Schrift das steinerne Herz der Welt, Verkörperung der richtenden Gewalt, das Tier? (Die Grammatologie ist ein apokalyptisches Buch, und es ist nicht auszuschließen, daß Derrida das weiß.) Die Totalitätsbegriffe, die in der kantischen Philosophie erstmals so klar und deutlich hervortreten, gründen in der Logik der Schrift, mit der sie gemeinsam entspringen. Die Logik der Schrift ist die Urteilslogik; deshalb konvergiert die Schrift mit dem „Naturgrund“ der Herrschaft (zu dessen Konstituentien sie gehört). Der Fluch über die Schlange gilt für die Logik der Schrift. Begriff der Theologie: Gottesgerede, Gottesgeschwätz? Dem Nachfolgegebot wurde durch die Vergöttlichung Jesu der Boden entzogen. Die Übernahme der Sünde der Welt ist die christliche Version der Furcht des HERRN, die der Anfang der Weisheit ist. Die Präsenz bei Derrida ist die Präsenz des Objekts im Urteil (das Urteil stellt das Objekt vor Augen: das Prädikat, der Begriff, „öffnet die Augen“). Der Inbegriff dieser Präsenz (deren grammatisches Äquivalent das Präsens ist) ist die Natur.
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8.7.1995
Fundamentalontologie: Der Rachetrieb, das „Wie du mir, so ich dir“, gründet in der Logik des Tauschs, deren Ontologisierung in den Faschismus hineinführt. Gefängnisse gibt es, seit es das Tauschprinzip gibt (seit es Eigentum zu erwerben und zu schützen gibt); der Faschismus hat die Welt insgesamt als das Gefängnis begriffen, in dem nur die Aufseher und Direktoren „frei“ sind. Wie hängt der Begriff der „Eigentlichkeit“ mit dem des Eigentums zusammen (und der Infinitiv „Sein“ mit dem Possessivpronomen „Sein“?
Anschlagsrelevante Themen: Zur Strategie der Diskriminierung von Gesellschaftskritik gehört es, wenn in raf-Prozessen (und in ihrer Folge in den Medien und in der Öffentlichkeit) die Taten der raf von ihrer Motivation getrennt werden, während die gleiche Motivation dann doch auf ebenso stumme wie wirksame Weise mit den Taten verurteilt werden.
Da gingen ihnen die Augen auf: Die subjektiven Formen der Anschauung entblößen die Dinge; … und sie erkannten, daß sie nackt waren: sie entblößen damit auch die Anschauenden, die in dem, was sie draußen erkennen, ohne es zu bemerken, sich selbst erkennen.
Laß leuchten, HERR, Dein Angesicht: Befreie uns vom Bann des Anschauens.
Logik der Schrift: „Ein solch geradezu partnerschaftlicher Umgang des Königs mit seinen Beamten war völlig neu.“ (Adelheid Schlott: Schrift und Schreiber im Alten Ägypten, S. 165) Kann es nicht sein, daß die schriftliche Notiz darüber, nicht aber die Sache, neu war?
Die Bemerkung Emanuel Levinas`, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen, ist selbst indikativisch, die Beschreibung eines empirischen Sachverhalts: ein Schlüssel für das Begreifen religionsgeschichtlicher Phänomene. Die Bekenntnislogik, die die Theologie in den Indikativ versetzt hat, war seit je eine Exkulpationslogik; deren Ursprungsgeschichte ist die Ursprungsgeschichte des Mythos, in der die theologische Beziehung von Indikativ und Imperativ instrumentalisiert worden ist. Das christliche Dogma hat diese Instrumentalisierung durch die Bekenntnislogik irreversibel gemacht. Die Bekenntnislogik beschreibt das Inertialsystem, das dem Gravitationsgesetz der instrumentalisierten Theologie zugrunde liegt. -
4.7.1995
Drachenfutter: Im ai-Journal 7/95 ein Leserbrief, in dem der Vorwurf mangelnder Objektivität (in dem Bericht über Gewalt in der Polizei) damit begründet wird, daß der Bericht zur „Deutschen-Demütigung“ beitrage. „Objektiv“ wäre demnach alles, was davon absieht, auf eigene Fehler hinzuweisen, wären der Weltspiegel, wären Berichte aus anderen Ländern, nicht hingegen Report, Panorama, Monitor, die „Nestbeschmutzung“ betreiben? Aber ist das nicht in der Tat der Zweck des Begriffs der Objektivität (und der des Objekts selber), die Projektionsfolie fürs Schuldverschubsystem zu liefern? Und hängt hierüber nicht der Begriff der Objektivität mit der Logik der Schrift zusammen; gründen nicht der Begriff der Objektivität und das Schuldverschubsystem (und mit ihnen die Sphäre und der Begriff des Ästhetischen) in der Logik der Schrift?
Die Sprache erkennt die Dinge im Namen, nicht im Begriff. Im Begriff wird sie lahm und blind (2 Sam 56: Da kommst du nicht hinein, denn die Lahmen und Blinden werden dich vertreiben). Ist nicht das Angesicht Gottes das Angesicht Seines Namens (dessen Heiligung Inhalt des zweiten Gebots ist)?
Gehört zum Sohn die Erfüllung der Schrift, zum Geist die des Wortes?
Schein und Sein: Hegel hat am Ende Schein und Sein doch noch verwechselt, während es darauf ankäme, sie auseinanderzuhalten, zu trennen. Aber das ist das Schwerste, weil inzwischen das Sein selber zum Schein geworden ist. Davon lebt die ganze Existenzphilosophie. Die Suche nach dem Echten und Eigentlichen tut so, als gäbe es dieses Sein noch, und als ließe sich dieses nachweisbar vom Schein ablösen und unterscheiden: als gäbe es eine Sphäre der Unschuld. Der Schein ist die Zwangs-Manifestation unter den Bedingungen des Schuldzusammenhangs: Vor den Richter gezerrt, wird das Sein zum Schein. Der Schein ist das Korrelat des richtenden Denkens. Was in der Bibel Götze und Eitelkeit heißt, das sind die ersten Manifestationen des Scheins; dagegen richtete sich das biblische Bilderverbot.
Das Schicksal ist – wie sein letzter Nachfahre, der Sachzwang – ebensosehr Realität wie auch Schein.
Ist das Feuer der sich auf sich selbst beziehende und kontrahierte Schein, und hat der brennende Dornbusch etwas mit dem Planetensystem (dem Dornbusch) und der Sonne (ihrem brennenden Zentrum) zu tun (ist das kopernikanische System die Totalität des Dornbuschs)?
Die Vorstellung des unendlichen Raumes ist das vollendete Vakuum, in dem die Sprache sich verflüchtigt und die Dinge ihren Geist aufgeben. Sie ist eine Folge der Erfindung der Schrift.
Durch die Erfindung der Schrift hat die Sprache, hat ihre Beziehung zur Objektivität im Kern sich verändert. Die Logik der Schrift ist der Grund des Weltbegriffs, mit der Erfindung der Schrift konstituiert sich die Geschichte (die Gegenständlichkeit des Vergangenen), trennt sich die Welt von der Vorwelt (die Welt ist selber der permanente Vollzug dieser Trennung, der actus purus der Erinnerungslosigkeit, ihr Vorläufer in der Theologie die Opfertheologie).
Wie hängt der mythische Eid mit dem Ursprung der Schrift, mit Tempel und Opfer, und mit der Ursprungsgeschichte des Begriffs der Objektivität zusammen?
Es gibt einen paradoxen Gottesbeweis, der einzige, der heute noch möglich (und somit notwendig) wäre: er resultiert aus der Dekonstruktion des ontologischen Gottesbeweises, aus der Dekonstruktion einer Religion, die nur noch als Religion für andere Bestand hat: aus der Transformation einer Theologie hinter dem Rücken Gottes in eine Theologie in Seinem Angesicht.
Gilt nicht der Satz, daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, nicht auch für die Opfertheologie? Das wäre jedenfalls eine Erklärung für die Blutspur, die das Christentum in seiner Geschichte hinterlassen hat. -
2.7.1995
Die Selbsterzeugung des Objekts im Schuldverschubsystem ist ein Produkt des Rechtfertigungszwangs, unter dem heute alles steht. Ihr erstes Produkt war die Opfertheologie. Die Gewalt der Bindung der Theologie an Trinitätslehre und Opfertheologie gründet in deren exkulpativem Effekt (Zusammenhalt durch den Außendruck der verdrängten Schuld). Hier gründet der Stellenwert und die Funktion des Begriffs des Scheins in der Hegelschen Logik (List der Vernunft).
Das grammatische Präsens der indogermanischen Sprachen bezeichnet genau das gegenständliche Korrelat des projektiven Denkens.
Wie haben die alten Völker sich selbst genannt, wie wurden sie von andern genannt (vgl. Israeliten/Hebräer)?
Die Ontologie ist das Instrument der Zerstörung der Sprache, die Ethik die Basis ihrer Rekonstruktion.
Zum Kelchsymbol: Der göttliche Zorn ist die Außenseite des Leuchtens Seines Angesichts (die Schrift die Außenseite Seiner Stimme).
Die Schrift verhält sich zur Sprache wie das Inertialsystem zur Natur; die Schrift veräumlicht die Zeit, sie verwandelt das Nacheinander in ein Nebeneinander, das Inertialsystem verzeitlicht den Raum, es verwandelt das Nebeneinander in ein Nacheinander. Die Schrift begründet die Welt, das Inertialsystem die Natur. (Die hebräische Schrift entwindet sich dieser ihrer eigenen Logik, deshalb heißt sie die „hebräische“.)
Der Nachweis, daß die angeblich friedliche Nutzung der Atomenergie seit je in das vorrangige Konzept der militärische Nutzung mit eingebunden war, an ihm sich orientierte, ist leicht zu führen. Ohne diesen Hintergrund wären die Nebenfolgen und die Risiken der atomaren Energieerzeugung (die schon im Anfang auch für Laien erkennbar waren) nie tolerabel gewesen. Der politische Druck unter dem Eindruck des faschistischen Kriegs und dann des kalten Krieges hat das näher liegende Ziel der theoretischen Rekonstruktion der Gründe der Mikrophysik durch Reflexion des Inertialsystems nach Entdeckung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ausgeblendet und verstellt: Ausgeblendet wurde insbesondere die Reflexion auf den Zusammenhang des Inertialsystems mit dem Kontinuum und der Logik der Instrumentalisierung der Natur. Die „Kopenhagener Schule“, die dann gegen die Einsteinsche Intention sich durchgesetzt hat, hat der Reflexion auf den Zusammenhang von Naturerkenntnis und Naturbeherrschung in der Physik selber, die die Einsteinsche Erkenntnis eröffnet hatte, den Weg versperrt. Sie hat den Erkenntnisprozeß erneut unters Joch der Naturbeherrschung gebeugt, jede Erinnerung an eine Alternative wütend abgewehrt. Sie hat die Physik vor die Wand gejagt, an der sie sich heute den Kopf einrennt. Es ist die gleiche Wand, die mit dem Verzicht auf die Reflexion des Inertialsystems vor dem durchs Inertialsystem präformierten (und präjudizierten) Naturverständnis sich aufrichtet.
Das Inertialsystem aber ist das Äquivalent der Bekenntnislogik. Die Reflexion des einen ist ohne die Reflexion der anderen nicht möglich. Beide gehören zum System der Herrschaftslogik, die nicht für sich, sondern nur im Kontext der wechselseitigen Reflexion der Elemente, aus denen sie hervorgeht, sich bestimmen läßt. -
1.7.1995
Positivismus: Die Form des Raumes und der Objektbegriff, die Mathematik und die Ökonomie, der Begriff des Wissens und am Ende die Dialektik gründen in der Formel, daß Minus mal Minus Plus ergibt. Diese Formel konstituiert den Begriff des Wissens. Aber: Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren. Gilt die Formel nur in dem durch das „Recht des Kaisers“: durch Herrschaft definierten Bereich, setzt sie den Staat voraus? Aufgrund der Abstraktion von der Politik, die zu seinem Selbstverständnis gehört, ist der Positivismus eine politische Theorie.
Die Prophetie gehört zur Geschichte des Königtums in Israel, die Apokalypse entspringt mit dem Einbruch der Großreiche.
Der Name des Herrn (das Tetragrammaton) ist der Name der Barmherzigkeit, und der Tag des Herrn ist der Tag des Gerichts der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht. Sh. den Hinweis zu S. 340 (Randnr. 325) im Stern der Erlösung (Ausgabe Suhrkamp ’88, S. 481).
Enthält nicht das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist einen Hinweis auf die Bedeutung des Wortes vom Binden und Lösen?
Der Pharao, „der Joseph nicht mehr kannte“, ist ein Paradigma für weltliche Herrschaft überhaupt, die ihre eigene Ursprungsgeschichte verdrängen muß, um als Herrschaft sich zu erhalten.
Alexander, Caesar und Augustus sind fortschreitende Versuche, die getrennten Herrschaftsformen von Pharao und Nebukadnezar (Ägypten und Babylon, Sklavenhaus und Weltmacht) zu vereinigen. (Ägypten hat die eigene Bevölkerung versklavt, Babylon die unterworfenen Völker, seine Kriegsgefangenen. Aus der babylonischen Praxis ist der Sklavenhandel entstanden, Grundlage des griechischen und römischen „Bürgerrechts“, der Privatisierung der Sklavenhaltung.)
Auch ein Beitrag zum Naturbegriff: Hat die Einschränkung der freien Spazierwege etwas mit der Erweiterung der Verwaltungswege zu tun? – Liegt nicht eine Gefahr für die Grünen in ihrer Naivität gegenüber der Macht und der Logik der Verwaltung, in der Unfähigkeit, das Technologieproblem, das der ökologischen Krise zugrundeliegt, in den Verwaltungsstrukturen (im steinernen Herzen des Staates) wiederzuerkennen? Der Grund liegt im Konkretismus des ökologischen Denkens, auch eine Folge der Rechtfertigungszwänge, die der Faschismus in Deutschland hinterlassen hat. Die „Umweltschäden“, die die auswuchernde Verwaltung verursacht, sind nicht so direkt wahrzunehmen wie die der auswuchernden Technik, insbesondere wenn man selber der Logik des Verwaltungshandelns und den damit verbundenen Allmachtsphantasien verfallen ist.
Gott sah (daß es gut war):
– am ersten Tag: das Licht (vor der Scheidung zwischen Licht und Finsternis, Tag und Nacht),
– am dritten Tag:
. das Land und das Meer,
. das Kraut und die Fruchtbäume,
– am vierten Tag: Sonne, Mond und Sterne,
– am fünften Tag: die großen Seetiere, die Fische und die Vögel,
– am sechsten Tag:
. die Tiere,
. alles, was er gemacht hatte (und siehe, es war sehr gut).
Gott sah (und bewertete) nur inklusive in dem „alles“ des sechsten Tages, nicht aber für sich:
– am zweiten Tag: die Feste des Himmels, die Trennung der unteren von den oberen Wassern,
– am sechsten Tag: den Menschen, den er im Bilde Gottes, nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf.
Die Schrift verhält sich zur Sprache wie das Inertialsystem zur Natur (oder das Dogma und die Bekenntnislogik zur Wahrheit): Sie konstituiert und verfälscht sie zugleich. Die Schrift trennt die Sprache von der Sache (sie ist der Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert). Die Ontologie gründet in der Schrift, nicht in der Sprache.
Cherub:
– Realsymbol der Schrift?
– Beziehung zur Palme (Konstellation Cherub/Palme)?
– Die vier Gesichter der „lebenden Wesen“ bei Ezechiel: Mensch (vorn), Löwe (rechts), Stier (links) und Adler (innen) (110) oder Cherub (das erste), Mensch (das zweite), Löwe (das dritte) und Adler (das vierte) (1014)? -
30.6.1995
Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Grundlagen der Logik der Schrift (der Vergesellschaftung der Logik der Sprache durch die Schrift) im Subjekt. Ihre formale Entfaltung: die Rekonstruktion der Dreidimensionalität des Raumes und der Linearität und Irreversibilität der Zeit, verdankt sich einem Abstraktionsprozeß, der auf die Herrschaftsgeschichte zurückweist, und in der Geschichte der Sprache(n), ihrer grammatischen Durchorganisation, sich manifestiert. Der Ursprung und die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen (die Bildung des Neutrum und die Subsumtion der Konjugationsformen unters Zeitkontinuum) …
Die unter christlichen Ökologen beliebte Parole „Erhaltung der Schöpfung“ drückt das Gegenteil dessen aus, was gemeint ist.
„Gottesbeweis“: Wenn die Namen Sache der gesellschaftlichen Vereinbarung sind, dann gibt es zur Anpassung an die Welt keine Alternative.
Corpus Christi mysticum: Wenn Theologie in der Sprache gründet (und nicht im Denken), dann gibt es zum Anthropomorphismus keine Alternative. Und dann ist in der Tat der Himmel Sein Thron und die Erde der Schemel Seiner Füße.
Der naturwissenschaftlichen Medizin geht es nicht mehr um Heilung, sondern um deren Nachweisbarkeit. Das gehört zu den logischen Zwängen des medizinischen Wissenschaftsbegriffs, von denen insbesondere Chirurgie und Chemotherapie profitieren. Medizin wird zur Einselsymptom-Therapie, verbunden mit einer spezifischen Art der Verdummung: Ausgeblendet wird die Erkenntnis von Zusammenhängen, die nicht klinisch-technisch, gleichsam unter Laborbedingungen, sich rekonstruieren lassen. Liegt hier nicht das medizinische Äquivalent des juristischen Sachverhalts, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, die der gleichen Logik sich verdankt: Nur das Beweisbare ist wirklich; im Rahmen des durch die Kriterien der Beweisbarkeit definierten Kontinuums ist alles erlaubt, man darf sich nur nicht erwischen lassen.
Himmel und Erde: Der Baum des Lebens gründet in der Kraft des Namens, der Baum der Erkenntnis in der Logik der Schrift.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie