Sprache

  • 26.2.1995

    Falsch an der Astrologie ist nicht ihr Widerspruch gegen die Naturwissenschaften, gegen das kopernikanische System, sondern falsch ist ihre Zuordnung zum individuellen Schicksal der Menschen. Aber ist sie nicht genau dadurch, durch ihre Anbindung ans Prinzip der Selbsterhaltung, zur Vorstufe der wissenschaftlichen Naturerkenntnis, die aus dem Prinzip der Selbsterhaltung sich herleitet, geworden?
    Nicht die Seelen, sondern die Namen der Verstorbenen sind im Himmel, der am Ende als Buch des Lebens sich enthüllt, aufbewahrt.
    Das Substantiv ist der Repräsentant der namenlos gewordenen Toten in einer Grammatik, in der die Kraft des Namens erloschen (der Himmel gegenstandslos geworden) ist. Eine Vorstufe dieses Sprachverständnisses war der Ursprung des Weltbegriffs und dessen theologische Rezeption in der Lehre der creatio mundi ex nihilo. Vgl. hierzu den katholischen „Weltkatechismus“, der glaubt, den ersten Satz der Genesis durch den Hinweis, daß Himmel und Erde nur ein mythischer Ausdruck für alles, was ist, sei, erklären zu können.
    Daß der Himmel aufgespannt ist: Ist das nicht auch ein Hinweis darauf, daß diese fast unerträgliche Spannung des Symbolischen zum Wörtlichen (im realhistorischen Sinne) auszuhalten ist, wenn die Idee des Himmels nicht ganz verloren gehen soll?
    Der Fundamentalismus nimmt die Schrift wörtlich, nachdem er das Wort vergessen (gelöscht) hat; er ist die Rache der Opfertheologie an der Schrift (dessen erste Manifestation war der Islam, der der Opfertheologie nicht mehr bedurfte, weil er sie schon im „Islam“, im Opfer der Vernunft, verinnerlicht hatte).
    Das Dogma hat den Knoten durchschlagen, nicht gelöst (und die Kirche hat seitdem nur gebunden, nicht gelöst). Das Schwert, mit dem der Knoten durchschlagen worden ist, läßt sich genaue bezeichnen: es steckt im Begriff der homousia, einem Vorboten des Inertialsystems. – Bezieht sich der gordische Knoten nicht auch auf das Verhältnis von Rind und Esel (von Joch und Last), und löst nicht das Wort des Jesaia das gordische Rätsel?
    Die Sünde der Theologie: Das Dogma ist das vergrabene Talent.
    Der Rosenzweig-Benjaminsche Begriff des Mythos, der ihn in Widerspruch zu Offenbarung anstatt zur Auklärung setzt, findet deshalb so schwer Eingang in die christliche Theologie, weil deren Tradition selber in die Geschichte der Aufklärung verstrickt ist. Und diese Verstrickung reicht bis in den Kern der theologischen Inhalte hinein. Die christliche Theologie ist in den Säkularisationsprozeß verstrickt; so sie ist zur Theologie hinter dem Rücken Gottes geworden.
    Zum Ursprung des Neutrum: Gibt es nicht für den Tod den Ausdruck „ire ad plures“? Und verweist dieser Ausdruck nicht sowohl auf den Ursprung des Objektivationprozesses wie auch auf den des Begriffs der Materie (sowie der Begriffe Welt und Natur)? Heidegger hat dieses „ire ad plures“ in seinem „Vorlaufen in den Tod“, das dann in der völkischen Fundamentalontologie sich wiederfindet, wörtlich genommen. In Getsemane erscheint dieses „ire ad plures“ unter dem Symbol des Kelches.
    Gibt es nicht eine ganze Gruppe frühchristlicher Häresien, die sich alle um das Verständnis des Kreuzestodes gruppieren, an der die Ursprünge des Projekts der opfertheologischen Instrumentalisierung des Kreuzestodes sich ablesen und demonstrieren lassen? Lassen nicht alle diese Häresien daraus sich ableiten, daß das Ereignis in einer vom Neutrum beherrschten Sprache in der Tat unverständlich ist (dem inneren Objektivationstrieb dieser Sprache sich widersetzt)?
    Zum Säkularisationskonzept von Johann Baptist Metz (zu seinem affirmativen Verständnis der „Verweltlichung der Welt“) wäre differenzierend auf die „Dornen und Disteln“ (und deren Interpretation durch Eleazar von Worms) sowie auf Walter Benjamins Bemerkung über die Beziehung des Messianischen zum Profanen hinzuweisen. Die Verweltlichung der Welt ist eins mit der Vergesellschaftung von Herrschaft, deren Reflexion die Theologie vom Bann der Herrschaft befreien könnte.
    Haben wir nicht längst vor dem Problem, das Verhältnis der drei Dimensionen im Raum zu begreifen, kapituliert? Und ist nicht alles weitere eine Folge dieser Kapitulation?
    Ist nicht der Begriff der „Rede“ (in der „Rede von Gott“) ein im schlechten Sinne politischer (die säkularisierte Gestalt der ebenfalls schon monologischen Predigt)? Dieser Begriff der Rede hat in Hitler seine apokalyptische Dimension offenbart. Ist er danach (als „Rede von Gott“) auf den Begriff der Theologie noch anwendbar? Er hat mehr mit der propaganda fidei und dessen göbbelsschen Ausläufern zu tun, als der Theologie lieb sein darf. „Rede von Gott“: Das ist der „Schrecken um und um“ der Theologie. Theologie würde sich in einer Sprache erfüllen, die die Kraft des Namens wieder erweckt, und in der der Name – als Sprache der Erkenntnis – wieder theophore Züge annimmt: in der Heiligung des Gottesnamens. Das „Heute, wenn ihr seine Stimme hört“ ist das Heute, an dem wir unsern Namen hören (deshalb gehört das „Ich, mit Vor und Zunamen“, „Ich, Franz Rosenzweig“, zu den objektiven Gründen des Sterns der Erlösung).

  • 25.2.1995

    Das indoeuropäische Präsens bezeichnet nicht die Gegenwart, sondern die Gleichzeitigkeit, so wie die Tempora der indoeuropäischen Konjugationsformen insgesamt relative Tempora sind, auf Vergleichszeiten bezogen. Hiermit hängt es zusammen, daß im sprachlogischen Kontext dieser Sprachen das Angesicht nur als Maske: als Person erscheint. Hier ist die List und die Verstellung (Ursprung des „Bewußtseins“) schon eingebaut. Auch die kantische Erscheinung hat hier ihren sprachlogischen Grund: Die Erscheinung ist die Reflexion der Sache (die selbst ins Unfaßbare zurücksinkt) in ihrem Anderssein. Diese Sprachlogik ist der Grund des Weltbegriffs, des Korrelats des kantischen Begriffs der Erscheinung. Die Begriffe Erscheinung, Welt, Natur, Person bilden (zusammen mit den Begriffen der Hegelschen Logik) ein System, in dem sie sich wechselseitig definieren und jeder Begriff nur innerhalb dieses Systems wechselseitiger Definition Bedeutung gewinnt. Die Philosophie, ihr Ursprung, ihr Erkenntnisbegriff und ihre Geschichte, ist auch ein sprachlogisches und sprachgeschichtliches Problem, das seinen Grund in der indoeuropäischen Grammatik findet.
    Das Hegelsche Absolute ist der Swinegel: „Ick bün all do“.
    Die Liebe unterscheidet sich von der Barmherzigkeit durch ihre Instrumentalisierbarkeit. Ein paradigmatisches Beispiel hierfür ist die Nutzung des Liebesentzugs als Erziehungsmittel. Das Unverständliche der kirchlichen Gnadenlehre hängt mit dieser Instrumentalisierung (der Liebe und der Gnade) zusammen (Folge der Konstituierung der Theologie als priesterliche Verwaltungswissenschaft).
    Die Instrumentalisierung der Liebe, der Liebesentzug und die damit verbundenen pathologischen Formen der Verletzlichkeit, des Beleidigtseins, der Empfindlichkeit (nicht Sensibilität, die durch Empfindlichkeit neutralisiert wird), gründen im Selbstmitleid.
    Die Person ist das neutralisierte und idolatrisierte Angesicht, wie das Neutrum (als grammatisch instrumentalisierte Verletzung des Bilderverbots) gründet es in der Herrschaftslogik.
    War nicht das Bilderverbot ein Schutz vor dem Neutrum?
    Das realsymbolische Objekt der Sintflut sind die indeoeuropäischen Sprachen.
    Der ungeheure Sinn des Satzes: „Hodie, sie vocem eius audieritis“. Sein Hintergrund ist die Erschaffung der Welt durchs Wort: Das erlösende Wort ist die Erfüllung des schaffenden Wortes, das, wenn es endlich gehört wird, erlöst.
    Aqua: Hängt das quaerere mit dem qua zusammen?
    Ist nicht die Identität von träger und schwerer Masse, die Einstein seiner Allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde gelegt hat, eine logische Konsequenz aus den Erhaltungssätzen (der Masse und der Energie)? Hat diese Identität nicht einen ähnlichen logischen Stellenwert wie die Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie, im Kontext des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Gibt es hier nicht eine Stufenfolge der dreifachen Reflexion, von der trägen Masse über die schwere Masse zur Äquivalenz von Masse und Energie?
    Der Raum als subjektive Form der äußeren Anschauung ist der durchschlagene Knoten, den es zu lösen gilt.
    Zum Begriff der Unzucht: Der Dingbegriff ist das Telos des Gattungsbegriffs.
    Wenn im Namen des Himmels auch das Wer enthalten ist (der verborgene Name Gottes), ist dann nicht der Antisemitismus eine Folge der Himmelsverfinsterung.
    Ursprung des Positivismus: Der kritische Impuls in der Geschichte der modernen Erkenntniskritik ist auf eine merkwürdige Weise punktuell und folgenlos geblieben. Auf die reale Wissenschaftsentwicklung hat er keinen nachhaltigen Einfluß genommen. Bezeichnend, daß die kantische Vernunftkritik ihre Wirkung eher als Begründung und Legitimierung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisanspruchs denn als dessen Kritik gehabt hat. Auch die Hegelsche Kritik der kantischen Antinomien (ihre Transformierung aus der transzendentalen Ästhetik in die transzendentale Logik, die so zur dialektischen Logik geworden ist) hat legitimierend gewirkt.
    Die Ontologie (die Hegel gegen Kant wieder rehabilitiert hat) bindet das Erkenntnisinteresse ans Wissen; das ist der Grund, weshalb sie in Heideggers Fundamentalontologie im Harakiri geendet hat.

  • 24.2.1995

    Nach Gerhard Fink (Die griechische Sprache, Darmstadt 1986, S. 151) haben sich „die griechischen Neutra aus ursprünglichen Sammelbegriffen wie Dt. ‚Gehölz‘, ‚Gesinde‘ entwickelt“ (deshalb steht bei einem „Neutrum Plural als Subjekt … das Prädikat meist im Singular“). Ähnlich sind auch die lateinischen Pluralia tantum in der Regel Neutra (allerdings mit Ausnahmen wie divitiae, arum, f der Reichtum, die sich müßten begründen lassen?).
    Gibt es hierzu eine Vorgeschichte im Hebräischen: Welche Funktion haben die „neutrischen Verben“ (Körner, S. 56), welche sprachlogische Bedeutung haben Kollektivbegriff wie „elohim“, „majim“ (und davon abgeleitet „schamajim“)? – Nach Hans-Peter Stähli kann „das Femininum … auch die Funktion unseres Neutrums annehmen“ (Hebräisch-Kurzgramatik, S. 22).
    Neutrum und Konjugation: „Eigentliche Tempora gibt es im Hebräischen nicht. Es werden nicht – wie im Deutschen (und ähnlich in den indoeuopäischen Sprachen generell, H.H.) – Zeitformen, d.h. absolute, objektive Zeitstufen angegeben, sondern nur relative Zeitstufen, die aus dem Textzusammenhang zu erschließen sind.“ (Körner, Hebräische Grammatik, S. 118) Schafft nicht die Subsumtion der Sprache unter die „objektiven Zeitstufen“ (die Historisierung der Gegenwart) eine sprachlogische Situation, die nur mit der Bildung von Kollektivbegriffen und des Neutrum sich bewältigen läßt. Ist das nicht die sprachlogische Voraussetzung sowohl des Natur- und Weltbegriffs als auch, im Zusammenhang damit, der Historisierung der Zeit, der Philosophie und des objektivierenden, begrifflichen Denkens? Und steht diese sprachlogische Situation nicht in objektivem Zusammenhang mit dem Ursprung und der Geschichte der politisch-gesellschaftlichen Institutionen, insbesondere des Staats (der Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern)?
    Das innere Kollektivum, der Materiebegriff im Objekt, entspringt (zusammen mit dem Begriff der Gattung) mit der Historisierung der Gegenwart (der Zeit), im Kontext der Logik des Herrendenkens. Modell und Korrelat des dem Objekt einbeschriebenen Kollektivums ist das Zeitkontinuum (die kantische Form der inneren Anschauung).
    Neben-, Hinter- und Übereinander, wie hängt das mit Dauer und Folge und Gleichzeitigkeit zusammen?
    Ist nicht das Neutrum (und seine innere, sprachlogische Beziehung zum Objektivationsprozeß und zum Kollektivum) die Wasserscheide der Sprachgeschichte? Und ist es nicht die dem Neutrum zugrunde liegende Sprachlogik, die die Auflösung des Problems
    – des „Schuldverschubsystems“,
    – des Konkretismus und der Personalisierung,
    – der Beziehung von „dynamischem und mathematischem Ganzen“,
    – der „intensiven Kollektive“ wie Materie und Natur, insbesondere des Massenbegriffs (dessen logische Konstruktion in die Theologie zurückreicht, hier am scholastischen Eucharistie-Problem sich demonstrieren läßt, zuletzt, neben dem der gleichen Logik sich verdankenden gesellschaftlichen Gebrauch des Begriffs, im physikalischen Ätherproblem und in den Problemen der Mikrophysik sich manifestiert),
    fast unmöglich macht?
    Die Historisierung der Zeit (und die ihr entsprechenden Formen der Konjugation) ist ein Korrelat (und Sinnesimplikat) der Logik der Schrift. Deshalb ist die Logik der Schrift auf die Katastrophe bezogen.
    Für das durch die Naturwissenschaft geformte Bewußtsein wird das Bestehen der Dinge (die Erhaltung der Welt) schon durch die Form des Raumes garantiert. Der Gedanke, daß Gott die Welt erschaffen hat und erhält, ist nach Kopernikus und Newton irrational geworden, nicht mehr nachvollziehbar. Erschaffung und Erhaltung sind zu Attributen der Herrschaft geworden: der Unterdrückung und Ausbeutung. Deshalb gehört die Opfertheologie mit zu diesem Weltverständnis; oder umgekehrt: durch dieses Weltverständnis ist die Opfertheologie unverständlich, obsolet geworden. Wird in der Opfertheologie nicht das Lamm, das für die Erstgeburt des Esels eintritt, mit dem Rind verwechselt? Hierauf bezieht sich Heinrich Bölls Unterscheidung des Sakraments des Lammes von dem des Büffels (in Billard um halb zehn?).
    Sind im Jesaia nicht schon die Sätze vom Rind und Esel Vorverweise auf die Gottesknecht- und Gotteslamm-Kapitel? Haben nicht das Dogma und in seiner Folge die naturwissenschaftliche Aufklärung die ungeheure Symbolik, auf die der Kreuzestod und die Opfertheologie aufgetragen sind, ins Gewaltsame, Destruktive verfälscht? Die Verwechslung von Joch und Last verbindet das Dogma logisch und historisch mit der naturwissenschaftlichen Aufklärung. (Lamm und Esel sind ins christliche Symbol übernommen worden, während das Rind in den Evangelien nicht vorkommt.)
    Das Femininum, das Neutrum und das Kollektivum bilden die Folie, auf die die Begriffe der Gattung und der Materie aufgetragen worden sind. Dazu gehören die Konnotationen des Naturbegriffs, Zeugung und Geburt. Während der Begriff der Natur auf die weibliche Seite verweist, erinnert der Weltbegriff nicht zufällig an die männliche Seite: Bezieht sich nicht hierauf das Gebot der Keuschheit?
    Mit der Physik wurde dem Kosmos die Erinnerung ausgetrieben. Sie hat den Baum des Lebens zerstört, das Buch des Lebens zugeschlagen.
    Wenn der Himmel sich aufrollt wie eine Buchrolle: Bezeichnet das nicht das Schließen und das Öffnen des Buches zugleich? Hier ist der Punkt, an dem wir die ganze Vergangenheit nicht mehr hinter uns haben werden, sondern vor uns: von Angesicht zu Angesicht. Das wäre das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht, an dem wir durch Anpassung an die Welt teilhaben. Erinnerungsarbeit ist eine der Möglichkeiten, darauf sich vorzubereiten.
    Wenn das Wasser im Namen des Himmels mit dem „Was“ zu tun hat, hat dann das Feuer mit dem „Wer“ zu tun?

  • 21.2.1995

    Das Elend der Kommunikationstheorie (und der Linguistik) ist ihre Unfähigkeit, die erkennende und benennende Kraft der Sprache zu reflektieren. Das Nomen ist zum Substantiv geworden, und die Kommunikationstheorie zur Rache des Begriffs an der Sprache. Aber ist das nicht die logische Konsequenz daraus, daß in beiden die sprachlogische Struktur und Funktion der Grammatik vergessen wurde? Beide sind durchs Neutrum geblendet. Man könnte auch sagen: Die Kommunikationstheorie steht unter dem Bann der (Mono-)Logik der Schrift: Sie verwechselt die Welt im Kopf des Theoretikers mit der Welt.
    Auschwitz ist ebenso unvergleichbar wie in der Sprache der Name unvergleichbar ist. Das schließt nicht aus, daß es andere Namen und daß es Metastasen von Auschwitz gibt.
    Dem Ausdruck „gequälte Natur“, mit dem Habermas das Adornosche „Eingedenken der Natur im Subjekt“ glaubte berichtigen zu müssen, ist die Neutralisierung der Natur im Habermasschen Philosophiekonzept vorausgegangen.
    Und sie erkannten, daß sie nackt waren: Wodurch unterscheidet sich der Rock aus Fellen von den Feigenblättern? Ist das Feigenblatt nicht der Anfang der verandernden Kraft, aus der der Weltbegriff erwachsen ist?
    Die phonetische Aufschlüsselung der Buchstabenschrift im Hebräischen scheint auf die griechische und lateinische und auf die nachfolgenden europäischen Sprachen nicht anwendbar zu sein. Kann es sein, daß es prophylaktische Gründe sind, die die Anwendung verhindern, weil die Ergebnisse erschreckend wären? Hat das Neutrum die Sprache ihrem phonetischen Ursprung entfremdet hat? Und hat die Spiegelung am Neutrum auch die Etymologie tangiert und verfremdet? Die Logik der Schrift hat ihre verandernde, neutralisierende Kraft bis in diese Sprachschicht entfaltet (mit dem Ich als Statthalter des Neutrum im Subjekt)?
    Sind die Differenzen zwischen den verschiedenen Gestalten der Mystik in den drei „Welt“-Religionen (Kabbala, christliche Mystik, Sufismus) sprachgeschichtlicher Natur? Das hic et nunc (grammatisch das Präsens) ist der (dem Neutrum und dem Ich korrespondierende) Reflexions- und Spiegelungspunkt, an dem Prophetie und Philosophie sowohl sich scheiden als auch auf einander sich beziehen. Diese Scheidung vollendet sich in den „subjektiven Formen der Anschauung“, den Reflexionsformen und Stabilisatoren des „intentionalen Akts“, der umkehrlosen Erkenntnis (des Wissens).
    Die indoeuropäischen Sprachen haben das hic et nunc zum überzeitlichen Präsens gemacht.
    Wie hängt die mittelalterliche Eucharistie-Verehrung (und die „Monstranz“) mit dem Stellenwert und der Konstruktion der bestimmten Artikel im Deutschen, mit der Verknüpfung des vom Nomen abgelösten Demonstrativum mit den Formen der Deklination, zusammen? Ist nicht in der Konstruktion des bestimmten Artikels im Deutschen, in dem „der da“, die Selektion, die Hybris der Säkularisation des Jüngsten Gerichts (des Hegelschen „Weltgerichts“) in Auschwitz, vorgebildet?
    Der Faschismus war eine Knechtsrevolte: der Aufstand Kanaans.
    Schuldgefühle nach Auschwitz hatten die Überlebenden aus dem Volk der Opfer, nicht die Täter; zur Infamie dieses Ereignisses gehörte es, daß es den Tätern und ihren Angehörigen die Möglichkeit offenhielt, durch Flucht in die Rolle des Zuschauers sich vor sich selbst freizusprechen, in die Opfern aber den Stachel des Bewußtseins einpflanzte, Komplizen des Verbrechens geworden zu sein.
    Die Gottesfurcht ist die Furcht vor einem Gericht, in dem die Opfer unseres Handelns und unserer Versäumnisse gegen uns als Richter sich erweisen werden. So hängt die Gottesfurcht mit der Idee des Jüngsten Gerichts zusammen.
    Mein Joch ist sanft und meine Last leicht: Würde auch nur einer noch diesem Satz glauben, würde er die ganze Theologie verändern.
    Zum Problem des Gebets (zur Theologie als Gebet) vgl. Mk 1125.
    Läßt sich das Problem der Dialektik an dem Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ demonstrieren? Dieser Satz ist nicht objektivierbar, er läßt sich nicht verallgemeinern. Nur das Opfer kann ihn sprechen; kein Täter darf ihn von seinem Opfer fordern. Was im Munde des Opfers das Humanste wäre, wird im Mund des Täters zur Waffe, die ihn ein zweites Mal erschlägt. Darauf bezieht sich das Prophetenwort vom Rind und Esel. Gründet nicht der Bann, der auf der christlichen Theologie lastet, darin, daß sie Last und Joch identifiziert?
    Das Lamm, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, ist das Lamm, das für die Auslösung der Erstgeburt des Esels eintritt.
    Das göttliche Gebot ist eine (befreiende) Last für mich, kein (verknechtendes) Joch für andere. Dazu wird es im Kontext des Urteils, dessen Kritik in dieser Konstellation gründet.
    Hängt nicht die Urteilsform mit der Ursprungsgeschichte der indoeuropäischen Sprachen, mit dem Ursprung des Neutrum, der Struktur des Wissens, der Philosophie und des Natur- und Weltbegriffs, zusammen? Die Urteilsform. die über die subjektiven Formen der Anschauung (und in Wechselwirkung damit über die Geldwirtschaft und die Bekenntnislogik) in der Objektivität sich verankert, macht das befreiende Gebot zum verknechtenden Gesetz.
    Die Bekenntnislogik, die die Neutralisierung der erkennenden Kraft der Sprache, ihre kommunikationstheoretische Denaturierung, voraussetzt, ist die geschichtliche Gestalt der dritten Leugnung.

  • 20.2.1995

    Gilt nicht der Satz „die Tora, das ist die Braut“ (Bahir, S. 151) auch für die Hochzeitsstellen im NT (von der Hochzeit zu Kana bis zum letzten Abendmahl)?
    Wie verhalten sich arbiter (Augenzeuge, Schiedsrichter) und arbitrium (Schiedsspruch) zum liberum arbitrium (zur Willensfreiheit)? Der Schiedsrichter setzt auf die (freiwillige) Zustimmung der Kontrahenten, während der Richter aufgrund seiner Amtsautorität auch gegen den Willen der Beteiligten entscheidet, den Willen unter den Zwang des Staates setzt.
    Wie hängt das liberum arbitrium mit den drei „Freiheitsgraden“ des Raumes zusammen (und die Orthogonalität mit der Orthodoxie)? Gibt es eine Beziehung zu den drei Leugnungen? Von den sechs Richtungen des Raumes sind jeweils drei die Negationen ihrer Gegenrichtungen: Der Westen ist (wie im Französischen) der Nicht-Osten, der Norden der Nicht-Süden, das Unten das Nicht-Oben.
    Hat das Suffix -tum in Reichtum (Heidentum, Deutschtum, Judentum) etwas mit der Umkehrung des Mut (Armut, Demut, aber auch Hochmut, der vor dem Fall kommt) zu tun?.
    Sind die indoeuropäischen Formen der Konjugation Negationen der semitischen Konjugationsformen (Produkt eines Systems von Spiegelungen am Neutrum)? Ist die „hebräische“ Sprache in diesem Kontext, vor diesem Hintergrund, zur Sprache „der Fremden im Lande“ geworden, zur Sprache der „Hebräer“? Ist dieses negative Konstrukt insbesondere in der griechischen Sprache affirmativ geworden, und bedarf diese Sprache deshalb des projektiven Begriffs der Barbaren (ebenso wie der Begriffe Natur und Materie) als Mittel der Abfuhr, der projektiven Verarbeitung des Schuldzusammenhangs, in dem sie sich konstituiert? Läßt die Logik der indoeuropäischen Grammatiken als Kern eines (mit dem Weltbegriff im Zentrum) sich fortentwickelnden Schuldverschubsystems begreifen, dessen letztes Produkt das Inertialsystem ist?
    Ist die Identifikation des johanneischen mit dem philosophischen Logos nicht dessen Leugnung: die Leugnung des Lammes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt und stumm zur Schlachtbank geführt wird?
    Fällt das Bekennen (als homologein) nicht in die Bitte des Herrengebets: Geheiligt werde Dein Name? Dieser Konjunktiv Passiv (geheiligt werden möge …) wartet auf den, der ihn ins Aktiv übersetzt: auf den, der es tut. Wer aber ist als Subjekt dieses Satzes gemeint, wenn nicht wir?
    Wenn Drewermann (in seinen „Strukturen des Bösen“) den ruach mit einem Furz vergleicht, verwechselt er dann nicht die Nuß mit einer Zwiebel, bei der der Kern sich immer wieder als Schale erweist, die den, der den Kern sucht, weinen macht und in der Tat nur Winde erzeugt?
    Der Ring um das Senfkorn (Bahir, S. 130): Ist das nicht der Weltbegriff, die harte Schale, die den Kern verbirgt? Im Weltbegriff wird dieser Ring zur Totalität, zum kantischen Reich der Erscheinungen, das die Dinge, wie sie an sich sind, ins Unerkennbare rückt. Auch Hegels Logik ist eine Logik der Erscheinungen (ihre erste Fassung ist eine „Phänomenologie“ des Geistes). So verfällt sie selber dem Gericht, das in ihr sich verkörpert, und das im Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht in sich zerfällt.
    In ihrer spekulativen Gestalt, die bewußtlos der Bekenntnislogik gehorcht, ist die Trinitätslehre Schale, nicht Kern (hinterm Rücken, nicht im Angesicht). Sie ist verstrickt in die Geschichte der drei Leugnungen, deren dritte die Leugnung des Heiligen Geistes ist. Nicht zufällig erweist sich die „negative Trinitätslehre“ (Antisemitismus als Leugnung des Vaters, Ketzerfeindschaft als Leugnung des Sohnes, Hexenverfolgung und Frauenfeindschaft als Leugnung des Heiligen Geistes) als Kern der Kritik der Bekenntnislogik, zu deren Konstituentien das Feindbild, das Verrätersyndrom und die Frauenverachtung gehört.

  • 14.2.1995

    Das „Mein ist dein und dein ist dein“ (Scholem, S. 101) bezieht sich auf den gleichen Sachverhalt, den Levinas Geiselhaft nennt. Dieses Echo der Bergpredigt im deutschen Chassidismus mag nicht praktisch sein, aber die Gottesfurcht, in die es hineinführt, ist der Anfang der Weisheit. In den gleichen Zusammenhang gehören die Sätze „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ und „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“.
    „Wenn die Welt euch haßt“: Haßt die Welt heute nicht den, der sich nicht symbiotisch vereinnahmen läßt?
    Gotteserkenntnis ist die reinste Gestalt der Autonomie (Jer 3134).
    Das Herniederfahren Gottes und die Verwirrung der Sprache: Bezeichnat das nicht den Ursprung des Mythos und die teleologische Antizipation des Inertialsystems?
    Im deutschen Chassidismus ist das Verhältnis von zweiter und dritter Person singular als Modell von Offenbarstem und Verborgenem, von Nächstem und Fernstem begriffen worden (Scholem, S. 117). Mit dem Ursprung des Neutrum wird die Beziehung der dritten zur zweiten Person gelöscht. Im Neutrum gibt es keine zweite Person (und in der vom Neutrum beherrschten Sprache keine geschlechtsspezifische Gestaltung der zweiten Person). Das Neutrum in der ersten Person ist das Sich-Verstecken Adams unter den Bäumen des Gartens: die Persönlichkeit, das verweltlichte Subjekt. Das Neutrum ist das Medium und die Basis des Schuldverschubsystems: Die Schlange kann die Schuld nicht weiter verschieben. Das Ich des deutschen Idealismus ist das Subjekt des spekulativ entfalteten Neutrum: Bindeglied zwischen Hegels Absolutem und der Schlange (die das klügste aller Tiere war).
    Liegt der tiefste Schmerz im Buche Hiob nicht darin, daß dem Hiob am Ende zwar neue Söhne und Töchter geboren, die toten aber nicht auferweckt werden? Ihr Tod war nicht für sie, sondern nur als Prüfung Hiobs wichtig.
    Die Binde, die nach mittelalterlicher Symbolik auf den Augen der Synagoge liegt, ist eine Projektion der Kirche. Ist der Vorhang des Tempels, der beim Tod Jesu entzweiriß, das nicht die Decke, die bis heute auf der Schrift liegt, sie bis heute fundamentalistisch verhext (Symbol der Logik der Schrift)?
    Der Satz, daß das Vergangene nicht nur vergangen ist (den die Logik der Schrift leugnet), ist zu ergänzen durch den andern Satz, daß es in dieser Welt keine Unschuld mehr gibt. Der Unschuldstrieb, den das Christentum mit der Sexualmoral in die Welt gebracht hat, wird denunziert durch die Geschichten
    – von der Ehebrecherin (wer von euch ohne Schuld ist, …),
    – von der Samaritanerin (vier Männer hattest du, und der fünfte ist nicht dein Mann) und
    – von Maria Magdalena (die von den sieben unreinen Geistern befreit wurde).
    Die Sexualmoral ist das Instrument und die Erscheinung (das Produkt) der Verinnerlichung der Scham (Zusammenhang mit dem Unschuldstrieb, dem Rechtfertigungszwang und der projektiven Struktur der Erkenntnis, dem Schuld-, Herrschafts- und Verblendungszusammenhang).
    Ist nicht die Kirche das Planetensystem, dessen antipodisches Zentralfeuer die jüdische Tradition ist?
    Ein Regenbogen, in dem die Farben – von außen nach innen – von rot, orange, gelb über grün, blau bis violett erscheinen.
    Die Kritik und Rekonstruktion der Theologie darf den Schein der Blasphemie nicht fürchten. Dieses Blasphemische wäre nur die Schmerzgrenze der Subjektivität, im Kontext des Weltbegriffs allerdings etwas sehr Objektives, ebenso objektiv wie die Astrologie. Ist diese Schmerzgrenze nicht zugleich die Scham- und die Todesgrenze? Das Inertialsystem ist diese Schmerz-, Scham- und Todesgrenze, die die Dinge von der Sprache trennt; zu deren subjektiven Voraussetzungen gehört die Verinnerlichung der Scham. Diese Grenze gehört zu den Voraussetzungen der projektiven Erkenntnis (des Natur- und Materiebegriffs).
    Hat nicht der Geheimnisbereich des Staates, der heute gleichsam explodiert, etwas mit der Astrologie zu tun?
    Bemerkung zur Sexualmoral: Dem Begriff der Tatsache liegen der Unschuldstrieb und der Rechtfertigungszwang (die Abwehr der Gottesfurcht) zugrunde: Die „Tatsache“ gründet in einer Tat, die zugleich geleugnet wird (die aber erst seit dem Ursprung des Inertialsystems geleugnet werden kann): Je nackter die Tatsachen, umso unschuldssüchtiger das Bewußtsein, umso stärker der Rechtfertigungszwang und umso tiefer das projektive Strafbedürfnis. Nackt (entkleidet) werden die Tatsachen durch ihre Objektivation, ihre Subsumtion unter die Vergangenheit: d.h. fürs Herrendenken. Nackte Tatsachen sind für die Barmherzigkeit unerreichbar, es sei denn, unter dem Symbol der Auferstehung der Toten.
    Dr Begriff ist hamitisch: Er weigert sich, das trunkene und nackte Objekt zuzudecken, macht vielmehr seine Trunkenheit und Nacktheit (über die subjektiven Formen der Anschauung) öffentlich. Das Wahre ist nach Hegel der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist.
    Reklame ist das modische Kleid der Waren.

  • 13.2.1995

    Gemeinheit ist ein projektives Verhalten; sie gehört zu den (Ab-) Gründen des Wissens.
    Das „Liebet eure Feinde“ ist ebensosehr ein ethisches wie ein erkenntniskritisches Gebot.
    Die Doppelbedeutung des Wortes Geschichte hängt damit zusammen, daß Geschichte nur für uns: gewußte Geschichte ist (und daß die Objektivierung die Geschichte wie das Inertialsystem die Natur verändert); mit der Taufe der Vergangenheit, mit ihrer Konstituierung durchs Wissen wird sie gleichsam überdeterminiert. In dieser Überdeterminierung gründet das kontrafaktische Urteil, das vergebliche Wenn-Dann. Durch ihre Objektivation wird die Geschichte aus dem Kontext herausgelöst, in dem ihre Beziehung zur Wahrheit gründet: ihr prophetisches Verhältnis zur Gegenwart, zur Aktualität.
    Genesis: Durch den prophetischen Erkenntnisbegriff wird der Anfang ins Allernächste gerückt.
    Kelle: Steht nicht unser Schöpfungsbegriff unter dem Apriori des Kelchs (des Bechers, der Schüssel, des Topfs)?
    Die Gravitation steht im Zeichen der Gewalt des Unteren über das Obere (oder des Abimelech), die Optik und die Elektrodynamik (das objektivierte Licht) im Zeichen der Gewalt der Linken über die Rechte (der linkshändigen Benjaminiten). In der Mechanik gewinnt das von Hinten Gewalt über das Vorne. Nur durchs Inertialsystem bezieht sich jedes Moment auf das Ganze, das es nicht gibt.
    Sind nicht die göttlichen Verheißungen allesamt Gebote, und erst im Tun erfüllen sie sich als Verheißungen?
    Die Grammatik ist die Logik der Sprache; in ihr ist die Vergangenheit präsent, die so lange Macht über uns haben wird, wie wir vergessen, sie zu reflektieren. Es müßte eigentlich möglich sein, den Begriff der Barbaren aus der Logik der griechischen Sprache, aus ihrer Grammatik, abzuleiten: Im Zentrum stünde hierbei das Problem des Neutrum. Nicht zufällig gehört zu den Konnotationen des Begriffs der Barbaren der Stammelnde.
    „Mein ist dein, und dein ist dein“ (Scholem, Hauptströmungen, S. 101): Ist das nicht eine Erläuterung des Namens der Barmherzigkeit (der im Namen der Gebärmutter wurzelt), und wirft es nicht zugleich ein Licht auf das Wort „hysterische Panikmache“? Löst nicht die Idee der Barmherzigkeit unterm Bann der Selbsterhaltung in der Tat panische Existenzängste aus?
    Der philosophische Existenzbegriff notiert und suggeriert, daß es zur Selbsterhaltung keine Alternative mehr gibt, daß die ihm korrespondierende Welt eine Wolfswelt ist, und daß man dann, wenn schon nicht ein edler, so doch ein geadelter Wolf sein möchte (darauf verweist der Begriff der Eigentlichkeit, der dem Existenzbegriff Patina verleiht).
    Eigentlichkeit: Man möchte vom Gott geliebt sein, aber von dem in dieser Liebe sich manifestierenden Gebot sich zugleich dispensiert wissen.
    Durch die Logik, die der Religion im Säkularisationsprozeß zugewachsen ist, durch die Bekenntnislogik, ist die Religion zu einem Herrschaftsmittel geworden, ist sie von innen blasphemisiert worden.
    Die urzeitliche Katastrophe, von der der Dialektik der Aufklärung zufolge die Tiere zeugen, ergreift heute die Menschheit: Darauf beziehen sich das apokalyptische Bild des Tieres und sein Gegenbild, das des Menschensohns. Hat nicht der Ursprung des Weltbegriffs (im Kontext der Geschichte des Ursprungs des Staates und der Philosophie) mit jener urzeitlichen Katastrophe zu tun?
    Auf die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, die den Begriff konstituiert, antwortet die Theologie mit der Errettung der vergangenen Hoffnung, die an den Namen sich heftet.
    (Der deutsche Adler hat sich geteilt in die Bundestagshenne und den Ämtergeier.)

  • 12.2.1995

    Die ganze Skala der Empfindlichkeit, von der pathologischen Verletzbarkeit bis hin zur Majestätsbeleidigung, steht unter dem Satz: „De mortuis nihil nisi bene“ (unter dem Gesetz des ersten Todes).
    Die magischen Attribute der monarchischen Institutionen hängen mit ihrer Beziehung zum Totenreich zusammen.
    Dritte Leugnung: Über die Adornosche Bemerkung, wonach heute schon jeder Katholik so schlau ist wie früher bloß ein Kardinal, ist die Entwicklung inzwischen noch hinausgegangen. Der real existierende Katholizismus ist atheistischer als die Welt, der er sich angepaßt hat.
    Der Verzauberung der Welt, auf die sich der Säkularisationsprozeß bezieht, ist das Werk des Christentums, Produkt seiner Unfähigkeit, den Bann des Mythos aufzulösen, der erst im Christentum wirklich böse geworden ist. Die Unfähigkeit, Joh 129 zu begreifen, hat den Grund für die Dämonisierung der Welt geschaffen (für ihre Remagisierung), die dann ihre projektiven Opfer in den Juden, Ketzern und Hexen gefunden hat, allesamt Realsymbole des katholischen Mythos: der Teufels- und Höllenvorstellung. In diesen Zusammenhang gehören auch die mittelalterlichen „Geschichtsfälschungen“, die ebensfalls als Produkte logisch überdeterminierter Spontanprojektionen sich begreifen lassen (Herrschaftsgeschichte ist Bewußtseinsgeschichte).
    Die Entzauberung der Welt hat die Hölle zur Natur neutralisiert. Der moderne Naturbegriff ist selber ebensosehr Produkt wie Medium und Instrument projektiver „Erkenntnis“. Grund und Korrelat des Naturbegriffs ist die Verinnerlichung der Scham (die seine Stellung in der Geschichte des Sündenfalls markiert), ist das symbiotische Element, das bei Rousseau in der Wiederkehr des Inzestmotivs sich anzeigt.
    In der Theologiegeschichte wäre das Syndrom der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit an der Geschichte der Umformung des Symbolum ins Bekenntnis nachzuweisen und zu demonstrieren. Die Bekenntnislogik war das Todesurteil der Theologie, Instrument der Verdrängung und Verwerfung einer Theologie im Angesicht Gottes.
    Das „Hinweggenommen“ in Joh 129 ist wahr als Verheißung und als Gebot, nicht als indikativische Feststellung (als „nackte Tatsache“). War es nicht die opfertheologische Idee der „Entsühnung der Welt“, die Ihm mit der Last auch noch das Joch aufgebürdet (die Ochs und Esel gemeinsam vor den Pflug gespannt) hat?
    Die Sprachlogik ist die Vergangenheit, die nicht vergeht: In ihrer gegenwärtigen Gestalt gehört sie zu den Konstituentien der Welt, die Auschwitz hervorgebracht hat.
    Sind (im Kontext der Auslegung des Symbols durch Eleazar von Worms) nicht noch die Dornen von den Disteln zu unterscheiden? Sind die einen nicht Prdukt der neutralisierten Umkehr der andern (und ist ihre Einheit nicht die „subjektive Form der äußeren Anschauung“)? Die Jotham-Fabel, der brennende Dornbusch und die Dornenkrone haben es nur mit den Dornen zu tun.
    Haben die Dornen und Disteln etwas mit dem Feuer und dem Wasser zu tun? Ist das Wasser das unter die Vergangenheit subsumierte Feuer?
    Das Inertialsystem ist die Wand der fensterlosen Monade.
    Die Identitätslogik abstrahiert von der Dreidimensionalität des Raumes. Hegels Dialektik ist der Versuch, die Identitätslogik mit der Dreidimensionalität des Raumes zu versöhnen.

  • 5.2.1995

    Der Unterschied zwischen prego und quaero verweist darauf, daß es schon im Lateinischen einen Unterschied zwischen der verbalen Frage und der Erforschung eines Sachverhalts gab: das quaero schloß die Anwendung technischer Mittel bei der Wahrheitsermittlung mit ein (u.a. die Folter, vgl. Benveniste, S. 413ff). Kann es sein, daß die gleiche Unterscheidung auch auf Gebet und Opfer sich anwenden läßt, daß das Opfer eine Folter Gottes ist?
    Ist nicht das Amt des Quästors das Indiz für den gemeinsamen Ursprung von Geldwirtschaft, Steuern, Straf- und Zivilrecht?
    Hat das quaero (wie auch das aqua, auch hydor, majim: das Wasser) etymologisch etwas mit dem Relativpronomen zu tun (gibt es im Hebräischen Relativsätze, und werden diese im Griechischen nicht in weitem Umfange noch durch Partizipialkonstruktionen gebildet)? Hängen nicht die „Nebensätze“ (insbesondere deren Hauptformen: die Konditional- und die Relativsätze) mit dem Ursprung und der Geschichte des Neutrum zusammen, sind sie nicht Teil des Bedingungszusammenhangs, in dem das Subjekt zum Objekt und der Name zum Begriff neutralisiert worden ist? Steckt nicht die ganze Natur in den Nebensätzen (und werden mit der Hypostasierung der Natur die Beziehungen der Neben- zu den Hauptsätzen neutralisiert: wer Neben- zu Hauptsätzen macht, treibt Physik)? Die kantische Kategorienlehre beschreibt das Schicksal der Grammatik unterm Bann des Inertialsystems.
    Hat das Tier aus dem Wasser (das Objekt des quaero) sein Vorbild im Leviatan, und verweist nicht auch die Hure Rahab, die zum Stammbaum Davids und Jesu gehört, auf diesen Bereich? Beschreibt nicht Franz Rosenzweig, wenn er von den Wenns und den Vielleicht spricht, diesen Bereich des quaero, des Wassers; und ist nicht das Problem der kontrafaktischen Urteile eine logische Folge der Geschichtsforschung? Heideggers Begriff der Frage: das Versinken in dieser Sintflut, und die Fundamentalontologie: eine Wasserleiche.
    Ist nicht das Inertialsystem der Inbegriff des Notwendigen: die Redundanz des Möglichen.
    Das Vergangene ist nicht nur vergangen; in der Sprache, der Gestalt der objektiven Erinnerung, ist es gegenwärtig; mit der Objektivation des Vergangenen wird diese Erinnerung verdrängt (Ursprung des Problems der kontrafaktischen Urteile, auch des Problems der „Fälschungen“ in der Geschichte). So gehört die Objektivation des Vergangenen (der Geschichte und der Natur) zu den Konstituentien der Welt.
    Hat die Kirche nicht ihren Beitrag mit zur Entstehung einer Welt geleistet, in der die Barmherzigkeit zur Hysterie geworden ist (Sünde wider den Heiligen Geist)?
    Die Mathematik, die Geldwirtschaft und die Bekenntnislogik sind die logischen Instrumente der kollektiven Einsamkeit.
    Das nihil absolutum ist keine Kategorie des Seins, sondern eine des Handelns: der totalisierte Vernichtungstrieb.
    Karl Thieme hat einmal die Geschichte vom Schiffbruch des Paulus vor Malta auf die Kirche bezogen: Am Ende wird die Kirche zwar untergehen, aber alle, die in ihr sind, werden gerettet. Ist das nicht auf den Punkt: Entkonfessionalisierung der Kirchen zu beziehen? Untergehen wird die Bekenntnislogik (gleichzeitig mit der Verwandlung des steinernen in ein fleischernes Herz). War nicht der Faschismus der Sturm vor Malta?
    Durch ihre Entzauberung ist die Welt in den Bann des Herrendenkens geraten.
    Hängt die Individualisierung der Schuld bei Ezechiel mit dem Titel Menschensohn zusammen und mit dem Hintergrund, auf den das „dixi et salvavi animam meam“ sich bezieht?
    Der katholische Mythos ist ein Mythos der Weltflucht: Der Himmel bezeichnet einen Ort außerhalb der Welt. Damit hängt es zusammen, daß in der Kirche die Vorstellung einer Veränderung der Welt nur noch apokalyptisch, als Weltuntergang, gedacht wird. Aber dieses Außerhalb der Welt ist mit Kopernikus im wahrsten Sinne utopisch geworden; es gibt keinen „Ort“ des Himmels mehr. Hat die Tatsache, daß der Himmel „im Raum“ nicht gedacht werden kann, nicht eher eine logische als wiederum eine „räumliche“ Bedeutung? Der Himmel kann nicht als Inhalt des Kelches gedacht werden. Durch die kopernikanische Wende ist der katholische Mythos aus dem Raum in die Sprache transponiert worden; nur hat bis heute niemand die Konsequenzen daraus gezogen (Kelchsymbol).
    Zorn und Grimm: Ist nicht der Zorn das Korrelat der subjektiven Form der äußeren und der Grimm das der Form der inneren Anschauung? Und ist die Unzucht die Verbindung beider: der Begriff der Materie?
    Ist nicht die Linguistik heute zu einer Entsorgungswissenschaft geworden?

  • 3.2.1995

    Das Präsens bezieht sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf die erinnerte Vergangenheit. Diese erinnerte Vergangenheit ist der Boden, aus dem das Neutrum erwächst. Das tode ti ist das philosophische Äquivalent des Präsens: der Vorhang vor der Erkenntnis der Gegenwart.
    Die Geistverlassenheit der Kirche läßt sich an der wachsenden Konfliktunfähigkeit in der Kirche demonstrieren und nachweisen. Damit hängt es zusammen, wenn es – von einem bestimmbaren Zeitpunkt an – keine erkennbare Freiheitsperspektive in der Kirche mehr gibt.
    Die Welt ist der institutionalisierte Rechtfertigungszwang, als deren Subjekt der Staat sich begreift. Nur durch die Auf-sich-Nahme der Sünde der Welt kann man sich daraus befreien.
    Der naturwissenschaftliche Massenbegriff steht in einer dreifachen Reflexions- und Äquivalenzbeziehung:
    – als träge Masse (bezogen auf den mechanischen Stoß),
    – als schwere Masse (in der Beziehung äußerlich getrennter, wechselseitig sich attrahierender Massen, im Bereich des Gravitationsgesetzes) und
    – als Energie (durch die relativistische Äquivalenz von Masse und Energie).
    Verweist nicht die Äquivalenzbeziehung von Masse und Energie auf den gesellschaftlichen Zusammenhang von Reichtum und Armut („Energie“-Erzeugung durch Proletarisierung) und deren Institutionalisierung in der Geschichte der Banken (der Arbeitsstätte des Geldes)?
    Hat Hegels „Arbeit des Begriffs“ etwas mit der Geschichte der Banken zu tun?
    War nicht der „ungerechte Verwalter“ aus dem jesuanischen Gleichnis ein frühes Modell des späteren Managers, spätkapitalistisches Realsymbol der vergesellschafteten (und proletarisierten) Herrschaft? Auch der Manager ist heute ein proletarisierter Lohnabhängiger. Herrschaft gründet heute nicht mehr in gleichsam substantiellen Eigentumsverhältnissen, sondern in funktionalisierten Organisations- und Verwaltungsstrukturen, denen zwar immer noch Eigentumsverhältnisse zugrunde liegen, die aber weitestgehend polarisierten und atomisierten Eigentumsverhältnissen geworden sind (zusammengehalten nur durchs Finanzsystem der Banken).
    Krankt der Vulgärmaterialismus (neben dem es einen andern nicht mehr zu geben scheint) nicht daran, daß er immer noch von einem längst obsolet gewordenen Eigentumsbegriff ausgeht (und von einem personalistischen Begriff des Klassenkampfs)?
    Erst wer im Problem des Eigentums das Problem der Materie wiedererkennt, wird den Zusammenhang von Ökonomie und Physik begreifen. Im Materiebegriff der traditionellen Metaphysik spiegelt sich deren Abhängigkeit von den Strukturen der Eigentumsgesellschaft. Die Durchdringung der Objektivität mit dem Tauschprinzip (oder die Entfaltung der Herrschaft des Tauschprinzips) hängt mit der Durchdringung der Objektivität mit dem Trägheitsgesetz (mit der Entfaltung der Herrschaft des Inertialsystems) zusammen.
    Arbeiten nicht die Förderung der Weltraumforschung und der Kernforschung (der kapitalintensivsten Forschungsbereiche) nur gleichsam aus Alibigründen an sachlichen, inhaltlichen Problemen, während ihr Hauptaufgabe die der Legitimation des Bestehenden ist?
    Enthält nicht die Bibel selber den Hinweis, daß die Frage, weshalb Jesus sterben mußte, erst beantwortet werden wird, wenn die Bedeutung der Austreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel begriffen wird (was erst möglich ist im Kontext der Erkenntnis der Bedeutung der Geschichte der Banken)?
    Die Befreiung des Erkennens vom Bann des Wissens: Gründen nicht die prophetischen und die apokalyptischen Visionen darin, daß sie den Zusammenhang von Sehen, Wissen und Erkennen aufsprengen (das Wort: da gingen ihnen die Augen auf, rückgängig machen)? Bleibt von den drei eschatologischen Motiven (Unsterblichkeit der Seele, selige Anschauung Gottes und Auferstehung der Toten) am Ende nicht doch nur die Auferstehung der Toten? Die selige Anschauung Gottes liegt jenseits (in der „Gegenrichtung“) dessen, was sonst Anschauung heißt: nach dem Lösen der sieben Siegel.
    Läßt sich aus der Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern schließen, daß sie die einzige gewesen ist, die Jesus von Angesicht zu Angesicht gesehen hat, während der Kirche die dreifache Leugnung, und mit der dritten Leugnung die Selbstverfluchung, vorhergesagt ist? Die Idee der Erfüllung der Schrift ist von der der Erfüllung des Wortes in der Tat durch eine Todesgrenze getrennt (so wie das Angesicht vom Angesicht.
    Beschreibt nicht der Satz vom Stein, den die Bauleute verworfen haben (und der dann zum Eckstein geworden ist), im Nachhinein einen objektiven, gegen jedes moralische Urteil abgeschirmten Sachverhalt?
    Die memoria passionis gewinnt ihre theologische Bedeutung durch ihre das Herrendenken auflösende Kraft. Aber hat nicht die Theologie auch die memoria passionis noch im Interesse der Selbstlegitimation von Herrschaft instrumentalisiert: als Opfertheologie, die dann ihre logische Begründung in der Bekenntnislogik gefunden hat? Die Opfertheologie war in der Zeit vor der Bekenntnislogik, diese jedoch logisch vor der Opfertheologie. Die Opfertheologie war gleichsam der Quellpunkt der Bekenntnislogik, und diese der Quellpunkt der modernen Naturwissenschaften. Der naturwissenschaftliche Objektbegriff gründet in der Opfertheologie; für beide gilt: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Ist nicht das Inertialsystem der „Witwenschleier der Natur“, der Materie, die die Mutter von allem ist?
    Die Sexualmoral ist die Unzucht, deren Bewußtsein sie durch projektive Verarbeitung zu verdrängen, zu tilgen versucht. Deshalb ist sie zum Generator des Fundamentalismus (den es nur in den drei Buchreligionen gibt) geworden.
    Die Rosenzweigsche Sprengung des All läßt sich daran demonstrieren, daß in der Moral zwischen der Richtschnur des Handelns und des Maßstab des Urteils unterschieden werden muß. Beide lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Das hat seinen Grund in der Nichtobjektivierbarkeit des Subjekts, in der Asymmetrie von Ich und Du. Die Leugnung (oder Verkennung) dieser Asymmetrie macht das befreiende Gebot zum verknechtenden Gesetz.
    Ist nicht das Nichtwissen, das dann als das Nichtwissen der drei getrennten Elemente Gott Mensch Welt sich erweist, selber noch begründbar und ableitbar? Und zwar ableitbar aus einer Logik, die zugleich als die Logik eines der drei Elemente sich erweist: als Logik der Welt?
    Sind nicht die drei kantischen Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt durch die subjektive Form der inneren Anschauung, durch die Zeit, an die Vergangenheit gebunden? Ist das nicht die Fessel, von der unser Erkenntnisvermögen sich nicht befreien kann? Und ist der Ursprungspunkt dieser Fessel nicht aufs genaueste bezeichnet in dem biblischen Wort: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren?
    Wer die Moral nur aufs Handeln, und nicht schon aufs Erkennen bezieht, wer an einem neutralen Erkenntnisbegriff glaubt festhalten zu können, wird den Ursprungspunkt der Moral nie begreifen. Die Ontologie ist eine Moralvernichtungsmaschine.
    Haben die vier Grundfarben etwas mit den vier Himmelrichtungen zu tun: Weiß (Gelb) und Schwarz (Blau), Rot und Grün? Und ist nicht der Bogen in den Wolken die Bestandsgarantie der Welt?
    Hat die Finsternis über dem Abgrund etwas mit der Tier aus dem Abgrund zu tun?
    Ist nicht das Blau die Rückseite des Lichts, und sind Rot und Grün das Innen und Außen der Dinge? Gibt es eine biblische Farbenlehre?
    Hängt die Farbenblindheit, die Unfähigkeit, Rot und Grün zu unterscheiden, mit der Unfähgigkeit, das Innere und Äußere der Dinge zu unterscheiden, zusammen?

  • 2.2.1995

    Ursprung der transzendentalen Ästhetik: Wissen ist der Modellfall präterito-präsentischer Verben, d.h. von Verben, deren Präsens aus dem Präteritum eines andern Verbs gebildet worden ist: Ich weiß hieß ursprünglich ich sah. Das vergangene Sehen wird präsent in den subjektiven Formen der Anschauung.
    Jeder Fundamentalismus ist sexistisch. Bilden nicht das Herrendenken, die Todesfurcht, der Sexismus und das Problem des Angesichts eine Konstellation? Der Sexismus oder die Unfähigkeit, Sexualität zu reflektieren, steht unterm Bann von Herrschaft, schließt ein autoritäres Politikverständnis: die Unfähigkeit, Politik zu reflektieren, und damit den Rechtfertigungszwang: den Mißbrauch religiöser Texte als Feigenblatt (die Verwechslung von Gebot und Gesetz), mit ein. Kern der Fähigkeit, Sexualität und Politik zu reflektieren, ist die Fähigkeit, die Todesfurcht zu reflektieren: Hierin gründet die Beziehung des Angesichts zur Todesfurcht (aber auch der Schleier, die Pflicht der Frauen, ihr Gesicht zu verbergen, in bestimmten Formen islamischer Tradition).
    Die Existenz Israels ist die Widerlegung des Sterns der Erlösung, der aber damit nicht „erledigt“ ist.

  • 1.2.1995

    Ist nicht die Opfertheologie, und in ihr die Menschenopfertradition, an die das Christentum anknüpft, sprachgeschichtlich vermittelt, entspringt sie nicht der Logik der Schrift? Kann es sein, daß das im Hinblick auf den Kreuzestod Jesu gesprochene Wort von der „Erfüllung der Schrift“ auf diesen Zusamnmenhang sich bezieht? Gehört das Opfer zu den verborgenen Fundamenten der indoeuropäischen Sprachen? Waren die Tempel eines der ersten Institute der transzendentalen Logik, ein Instrument zur Entzauberung und Instrumentalisierung der Welt?
    Das Substantiv ist ein Denkmal des in den Grund der Sprachlogik eingesenkten Opfers. Das gleiche Opfer, das „Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“, steckt im Kern des Inertialsystems und der indoeuropäischen Grammatik.
    Das steinerne Herz der Welt (das grammatische Präsens der indoeuropäischen Sprachen) ist ein Reflex der toten Vergangenheit; die „Geschichte“ in dem hegelschen Doppelsinn (der auch das von Hegel aufgenommene Schiller-Wort, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, begründet) ist die Folie der verdinglichten Welt.
    Der historische Objektivierungsprozeß ist ein Mittel zur Selbstentlastung und Selbstrechtfertigung der Täter; deshalb war das Rechtfertigungsprinzip ein Teil der Geschichte der Aufklärung.
    Die Rechtfertigungslehre ist das theologisch instrumentalisierte Feigenblatt; durch sie ist das Feigenblatt zum Kern der Erlösungslehre, die seitdem keine mehr ist, geworden.
    Bezieht sich das Wort vom Himmel, der sich aufrollt wie eine Buchrolle – Jes 344 und Off 614 -, auf das Öffnen oder das Schließen des Buchs (helisso – rolle auf)?
    In einer zweiten Reflexion der Aufklärung wären die der Aufklärung zugrunde liegenden Totalitätsbegriffe mit zu reflektieren: Wissen, Natur und Welt. Den Anfang hierzu hat Kant gemacht.

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