Sprache

  • 20.9.1994

    Drückt in den Wendungen, mit denen heute nicht selten Reflexionen eingeleitet werden, wie „ich denke“ oder „ich würde sagen“ nicht eine Konsequenz aus der Logik der Schrift sich aus, die heute zu einer Gestalt der Selbstausbeutung geworden ist? Als Erbschaft der Logik der Schrift findet jeder im eigenen Innern eine Autorität vor, der niemand mehr entweichen kann, und vor der jede Äußerung durch den Vorbehalt des „ich denke“ oder „ich würde sagen“ vorsorglich sich exkulpiert. Während die Philosophie, und später auch mit dem Dogma die Theologie, dieser Autorität sich unterwirft, sie als Maß des eigenen Denkens akzeptiert, ist es die Prophetie, die im „Spruch des Herrn“ die Wolken der Logik der Schrift als Blitz durchschlägt. Erhob nicht der Logos, das „Wort Gottes“, den Anspruch, die Verkörperung dieses „Spruchs des Herrn“ zu sein?
    Wann und in welchem Kontext ist das kreisende Schwert des Kerubs zum zweischneidigen Schwert geworden? Hat das etwas mit dem Ursprung der Weltreiche (und mit dem Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat) zu tun?
    Im Begriff der Spekulation steckt ein dezisionistisches Element (wie in seiner Anwendung aufs Geldgeschäft ein schicksalhaftes): das Abbrechen der Reflexion. Es käme darauf an, auch die Spekulation (und ihr Produkt, das Absolute) der Reflexion zu unterwerfen.
    Das Absolute ist der Korken auf der Flasche, in der der Geist gefangen ist.
    Wie sind Deklination und Konjugation auf einander bezogen, verhalten sie sich nicht invers zu einander? Diese inverse Beziehung begründet das projektive Element (das Moment der logischen Selbstbegründung) der Sprache: die Deklination lähmt die Sprache, die Konjugation macht sie blind. Die „verandernde Kraft“ des Wortes „ist“, der Kopula, gründet darin, daß sie das verbale Element (den Ausdruck der Tätigkeit) in ein begriffliches umformt, es zu einer dinglichen Eigenschaft des Subjekts macht. Das Sein verwandelt das Handeln in ein Geschehen (macht die Ethik zur Ontologie).
    Drückt nicht die Beziehung der beiden Dreiecke im Bild des Sterns der Erlösung, der am Ende als Antlitz sich enthüllt, die Beziehung von Deklination und Konjugation aus (läßt die Beziehung von Deklination und Konjugation am Angesicht sich ablesen)?
    Eine der wichtigsten Funktionen der Logik der Schrift (der Urteilslogik) ist die ihr einbeschriebene Exkulpationsautomatik (Zusammenhang der Grenze der Beweislogik mit dem Schuldverschubsystem).
    Die Urteilslogik ist der Kern der Logik der Schrift; in der Objektivität hat sie sich mit den subjektiven Formen der Anschauung verankert.
    Die christliche Theologie hat die Kritik der Logik der Schrift selber wieder der Logik der Schrift unterworfen.
    Der Zusammenhang der Offenbarung mit der Kritik der Logik der Schrift manifestiert sich im Namen der „hebräischen“ (Schrift)-Sprache. Zum Kontext der Kritik der Logik der Schrift gehören insbesondere die Symbole der Schlange, des Kelches und später auch des Kreuzes (bezieht sich nicht das Kreuzessymbol auf das Deklinationssystem?).
    Liegt das Konstruktionsprinzip des Turmbaus zu Babel in der Logik der Schrift?
    Die Naziparole „Blut und Boden“ hat ihren Grund in der mythisierten (heroisierten) Opfertheologie, sie ist eine Konsequenz aus der Subsumtion der Opfertheologie unter die Logik der Schrift.
    Das „Praestet fides supplementum, sensuum defectui“ ist der genaueste Ausdruck der Rezeption des Dingbegriffs in der Theologie. Das Ding ist kein Gegenstand der Sinne, sondern Produkt der projektiven Kraft der transzendentalen Logik. Die katholische Theologie hat sich bis heute aus diesem Bann nicht befreien können.
    Sprache und Gestik: Deutsch wird mit der Hand in der Hosentasche gesprochen (sie ist gefangen in ihrer reinen Sprachlogik); das wäre in keiner der romanischen Sprachen möglich (die ohne ihre sinnliche Realisation stumm wären). Der Ursprung des Deutschen liegt in der Kanzleisprache, die Luther zur Sprache der Bibel gemacht hat. Der Versuch, in der deutschen Sprache aus der Sprachlogik auszubrechen, führt direkt in den Kannibalismus (Hitler), während er in der italienischen Sprache in die Operette führt (Mussolini).
    Die deutsche Sprache ist die Sprache des „Grauens um und um“, erkennbar an der Funktion und grammatischen Ausgestaltung des bestimmten Artikels.

  • 19.9.1994

    Das Lachen ist die Finsternis über dem Abgrund wie auch die dem Feind zugewandte Seite der Bekenntnislogik, die mit dem Feindbild zugleich den Inhalt des Bekenntnisses stabilisiert (Beziehung zur Opfertheologie). Das Lachen gehört ebenso wie die hierarchische Grundordnung, zu der es gehört, zu den Konstituentien einer durch Gewalt bestimmten Welt. Das Lachen steht in einem Systemzusammenhang mit dem Problem der Souveränität (Carl Schmitt); es definiert die Grenze zwischen dem Eigentlichen und dem Uneigentlichen, die Bei Heidegger als Produkt einer reinen Dezision („Entschlossenheit“) sich erweist. Das Stück Irrationalität, die Lücke, die das Lachen (der Dezisionismus) überbrücken soll, ist die systemische Lücke der Beweislogik. Nicht zwar überbrückt, wohl aber ausgelotet wird diese Lücke durch die theologische Idee der Barmherzigkeit, ohne die es eine Schöpfungslehre und die Lehre von die Lehre von der Auferstehung nicht gibt: sie sprengt den Natur- und Weltbegriff, indem sie die Trennung beider, die der eigentliche Grund des Lachens ist, aus dem Bann des Absoluten erlöst. Während im Schrecken (im „Grauen um und um“) die Schrift sich erfüllt, erfüllt sich das Wort in der Erlösung von diesem Bann. Die gesamte christliche Tradition hat die Erfüllung des Wortes mit der Erfüllung der Schrift verwechselt: Diese Verwechslung war der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen.
    Man kann Carl Schmitt nicht widerlegen, wenn man die Lücke, die er mit seinem Begriff der Souveränität zu schließen versucht, bloß leugnet (vgl. Krockow).
    Der Paulinismus hat mit dem Namen des Gesetzes (der in der Logik der Schrift gründet), die Erinnerung an die Lehre (die Voraussetzung der Erfüllung des Worts) gelöscht und nur deren Leichnam, das Dogma und die Eucharistie, übrigbehalten.
    Hat Joachim Ritter nicht recht, wenn er das Lachen als ein Ingrediens des Weltbegriffs begreift? Das Lachen ist das Instrument der Trennung von Welt und Natur: Mit dem Lachen hält die Welt sich die Natur vom Leibe. Die Sprache bewegt sich nur noch in der zweiten Natur der Subjektivität, sie reicht an die erste nicht mehr heran (wie in Habermas‘ Kommunikationstheorie).
    Aber Ritters Begriff der Subjektivität ist das Zeichen der Kapitulation vor der sprachfremden Objektivität, des Verzichts darauf, diese Objektivität mit der Vernunft zu durchdringen.
    Joachim Ritter übersieht den blutigen Ernst des Lachens, seine doppelte Beziehung zum Mord, in dem es sowohl gründet als auch endet.
    War nicht das homerische Lachen der Götter Ausdruck der Auseinandersetzung mit dem Schicksal: die Subjektivierung des Lachens war ein Nebeneffekt der Verinnerlichung des Schicksals (und des Ursprungs einer Gottesidee, zu der die Vorstellung gehört, daß Gott seiner nicht spotten läßt: Modell des heute vergesellschafteten Instituts der „Majestätsbeleidung“).
    Ist der Mond die astronomische Verkörperung des Lachens? Das würde begründen, weshalb Hunde den Mond anbellen. (Und der Zyklus der Frauen hängt mit dem Mondzyklus zusammen.)
    Gibt es innersprachliches Äquivalent jener Engel-Kosmologie, die die Paulus-Briefe auszeichnet (und u.a. in der kirchlichen Liturgie, in der Präfation, erscheint)? Ist das kreisende Flammenschwert des Kerubs vorm Eingang des Paradieses die Verkörperung des Lachens (JHWH thront auf den Kerubim)?
    Wenn Jesus nicht gelacht, dafür aber die Dämonen ausgetrieben hat, so ist das das genaueste Symbol der Erfüllung des Wortes.
    In ihrer mystischen Tradition haben die Juden versucht, das Wort aus seiner Verstrickung in die Logik der Schrift zu befreien, während die christliche Tradition das Wort erneut der Logik der Schrift unterworfen hat.
    Ist nicht das Deutsche die vollendete Entfaltung der Logik der Schrift? Und sind davon nicht die deutsche Klassik, die deutsche Musik und die deutsche Philosophie der vollendetste Ausdruck? Daß bei Schelling die Zukunft „geahndet“ wird (und nicht, wie es nach der Entfaltung des Weltbegriffs allein noch möglich ist, erinnert), ist hierzu ein Schlüsselwort: Spökenkieker mögen die Zukunft „ahnen“, geahndet wird nur die Schuld, in deren Zusammenhang die Zukunft mit dem entfalteten Weltbegriff irreversibel sich verstrickt.
    Vgl. die Vermutung Gunnar Heinsohns, daß Darius (der Erfinder des gemünzten Geldes) der biblische Hammurabi ist (der erste, der das Recht der Logik der Schrift subsumiert, es zum Gesetz gemacht hat). Gegen das persischen Reich waren in der Tat das assyrische und das babylonische nur Vorstufen.
    Hat der Ursprung und die Geschichte der Beichte etwas mit dem Ursprung und der Geschichte des Geldes (Heinsohn) zu tun? Auch hier wurde die Schuld in kleine Münze umgeformt, die am Ende als ganze eingefordert werden wird (Ursprung und Geschichte der Schuldknechtschaft, Geschichte der Banken).
    (Liegt „meiner“ Interpretation der Geschichte der drei Leugnungen die matthäische Version zugrunde?)
    Das typologische Schriftverständnis müßte im Kontext einer Kritik der Philosophie (einer Kritik der Geschichte der Logik der Schrift) sich sprachlogisch begründen lassen.
    Nur die Schriftreligionen sind Weltreligionen.
    Heute machen sich die Bücher mit dem Weltgericht gemein (mit wenigen Ausnahmen). Der Hegelsche Weltgeist ist das durch die Logik der Schrift gekreuzigte, gestorbene und begrabene Wort.
    Mit dem Übergang vom Märtyrer zum Confessor, der dann die Geschlechtertrennung der Heiligen (den Ursprung der „Virgo“) nach sich gezogen hat, ist das Zeugnis der Wahrheit, das vorher das des Martyriums war, vergeistigt worden zur confessio: Hierdurch ist die Wahrheit in die Logik der Schrift zurückgenommen, in ein Herrschaftsmittelt umgeformt (und patriarchalisiert) worden. Die Logik der Schrift ist die Logik der Instrumentalisierung (oder auch die Logik der Vergegenständlichung, des Weltbegriffs).
    Reflektieren nicht die Grammatiken allesamt den Punkt, an dem die Sprachen zu Schriftsprachen geworden sind?
    Das Substantiv ist der Verdunkelungspunkt der Grammatik, das schwarze Loch, das alle Erkenntniskraft der Sprache in sich aufsaugt und nicht mehr herausläßt.
    Wie kommt es, daß in den modernen romanischen Sprachen (mit Ausnahme des Rumänischen) tendentiell das Neutrum wieder entfällt?
    Gründet das Neutrum in der Angleichung von Ja und Nein (Ursprung der Reflexionsbegriffe).
    Gehört nicht zur Bekenntnislogik als ihr Kern das Opfer der Vernunft? Der Ausgleich ist das Feindbild (Ursprung des Weltbegriffs).
    Korruption und Verschwendung der Regierenden steigen mit der Not des Volkes.
    Ist nicht jeder Staatskapitalismus zum Untergang verurteilt, sobald er beginnt, die agrarische Produktion zu vergesellschaften; liegt nicht hier die Quelle der Paranoia aller „sozialistischen“ Diktaturen, und gründet nicht hier der Mechanismus, der sie zwingt, am Ende von der eigenen Substanz zu leben? Und sind das nicht zugleich drastische Beispiele für die Folgen der Bekenntnislogik, die unvermeidbar waren, nachdem Kritik in ein Herrschaftsmittel verwandelt (der historische Materialismus zur Ideologie) wurde: für die Folgen Instrumentalisierung der Sprache, der Trennung einer sprachfreien Realität von der subjektivierten Sprache?
    Der Wohlgesonnene ist für den Nationalgesinnten ein Sympathisant.
    Der Staat gründet im Urteil, und das Gewaltmonopol des Staates ist das Prinzip der Selbstzerstörung der Sprache.
    Der Grund, aus dem jede Ästhetik erwächst, ist die Reflexion. Auf diesem Boden von „realer Gegenwart“ zu sprechen (George Steiner) heißt: den Schein hypostasieren.
    Der Satz „Das Eine ist das Andere des Andern“ fixiert mit der Konsequenz, die Hegel daraus zieht, den Blick des Anklägers und treibt die Barmherzigkeit aus (die jeder Ankläger mit den Dämonen verwechselt). Die Welt ist der Inbegriff der verandernden Kraft, und deren Repräsentanten im Subjekt sind die subjektiven Formen der Anschauung (und deren objektiver Grund wiederum ist die Logik der Schrift).
    Zu Begriff der Spekulation: Das Subjekt, das sich in der entfalteten Reflexion zu verlieren droht, bedarf des Absoluten als eines Spiegels, in dem es sein Selbst entdeckt und wiedergewinnt. Dieses Absolute ist Subjekt, Gegenstand und Produkt der Spekulation. Der Grund, aus dem es hervorgeht und erwächst, ist der Schein. Bezieht sich hierauf nicht das Bild von der Konstellation Schlange, Adam und Staub (die Schlange frißt den Staub, den Adam produziert)? Der Dezisionismus, der nicht zufällig in der Lehre von der Souveränität gründet, ist das unfreiwillige Schuldeingeständnis des Absoluten. Und die Idee des Absoluten ist das Denkmals des philosophischen Erbes der Theologie. Durch die Idee des Absoluten ist die Theologie auf eine höchst ironische Weise zur Magd der Philosophie geworden.
    Kopernikanisches System und Fernsehen: Das Inertialsystem ist die Schaubühne, auf der wir Autor, Regisseur und Schauspieler in einem sind, nur daß wir es am Ende als Zuschauer nicht mehr merken.
    Verkehrte Welt: Der Weltbegriff ist die Einheit der Gegenständlichkeit des Wissens mit der Subjektivität der Natur.

  • 16.9.1994

    Der Markt transformiert (über die Schuldknechtschaft, die Lohnarbeit) die Unterscheidung von rechts und links in die von oben und unten. Die Trennung verläuft zwischen positivem und negativem Eigentum: zwischen Besitz und Schulden (Armut: Schulden als Stand). Im Hinblick auf die Sprache erweist sich der Markt als Bedeutungsvernichter und Machtgenerator (Zusammenhang mit dem System der Deklination, Ursprung des Nominalismus). Carl Schmitt: „Die Maschine läuft von selbst“ (Pol.Theol., S. 52).
    Ist es eigentlich so schwer zu begreifen, daß Recht und Religion (Staat und Gewissen) nicht kompatibel sind?
    Die subjektive Form der äußeren Anschauung, der Raum, stabilisiert und konserviert die Bedingungen seiner Genesis: die Geschichte der drei Leugnungen. Der Raum ist das Produkt eines Systems von Abstraktionen, die insgesamt sich herleiten lassen aus der Geschichte der realen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur, der Geschichte der gesellschaftlichen und individuellen Selbsterhaltung im Kampf gegen die Mächte der Natur, des Mythos und schließlich der realen politischen und ökonomischen Gewalten. Zu den Konstituentien der Raumvorstellung gehört ebenso das Geld und das Privateigentum wie auch die Schrift, das Recht und das Gewaltmonopol des Staates. Der letzte Schritt der Bildung der Raumvorstellung, deren Geschichte mit der des Ursprungs und der Entfaltung des Tauschprinzips (auch mit der Geschichte der Religion und des Opfers) zusammenfällt, wurde vorbereitet in der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers und vollendet mit der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, mit dem Institut der Lohnarbeit. Systemgrund war das Institut der Schuldknechtschaft (das zum Tauschprinzip ähnlich sich verhält wie die Gravitation zum Inertialsystem).
    Ist nicht die Schrift in der Geschichte der Kirche zum Buch mit sieben Siegeln geworden?
    „Jede Grundordnung ist eine Raumordnung“ (Carl Schmitt, Land und Meer, S. 71). Hatte Carl Schmitt nicht in der „Politischen Theologie“ die „Grundordnung“ vom Recht getrennt und zum eigentlichen Produkt der Souveränität, deren Aufgabe es ist, „über den Ausnahmezustand zu entscheiden“, erklärt?
    Für die europäischen Völker waren nach Carl Schmitt die „nicht-europäischen und nicht-christlichen Länder und Völker … herrenloses Gut“ (Land und Meer, S. 72).
    „Innere Kämpfe, Bruderkriege und Bürgerkriege, sind bekanntlich die grausamsten aller Kriege.“ (S. 73) Die „Weltkriege“ dieses Jahrhunderts waren Welt-Bürgerkriege, und „Weltanschauungskriege“ sind zu Vernichtungskriege geworden, weil die der „Weltanschauung zugrunde liegende Bekenntnislogik alle äußeren Verhältnisse in „innere“ Verhältnisse transformiert, zu Objekten der eigenen imperialistischen Ansprüche macht. Tendentiell sind sie dazu geworden, als mit der Vorstellung des unendlichen Raumes auch das Herrendenken grenzenlos und irreversibel geworden ist (die innere Differenzierung des Herrendenkens in der äußeren Welt keine Entsprechung mehr vorfand).

  • 14.9.1994

    Zur Kritik des Fundamentalismus: Ziel der Gotteserkenntnis wäre es, aus dem Bann der Gottesvorstellung herauszutreten.
    Merkwürdige Stellung des Neutrum in der französischen, italienischen und spanischen Sprache:
    – Die französische und die italienische Sprache kennt beim Nomen kein Neutrum, auch kein entsprechendes Personalpronomen; wohl gibt es im Französischen die unpersönlichen Verben mit „il“ (3. Pers. m.) als grammatischem und einem Substantiv als (nachgestelltem) logischem Subjekt (und im Italienischen die unpersönlichen Ausdrücke wie basta, es genügt, u.ä.).
    – Das Spanische kennt das Neutrum beim bestimmten Artikel, auch als Personalpronomen, der sächliche Artikel wird aber nur bei substantivisch gebrauchten Adjektiven, Adverbien, Fürwörtern und Zahlwörtern verwendet.
    Alle drei Sprachen kennen keine Deklination der bestimmten Artikel.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bildung des Neutrum und und der politischen „Reichs“-Bildung (Griechen, Römer, Deutsche), dem Carsarismus, der herrschaftsgeschichtlich von der Monarchie zu unterscheiden ist (Differenz der caesarischen zur davidischen Tradition)? Steckt im Reich, in der caesarischen Tradition, die babylonische Tradition?
    Ist das nicht auch ein Hinweis auf die Logik der Deklination, der Fallbildungen, daß in den „monarchischen“ Sprachen die bestimmten Artikel nicht der Deklination unterliegen, sondern insbesondere Genitiv und Dativ mit de und a (im Spanischen wie im Französischen), oder mit of und to (im Englischen) gebildet werden? In diesem von/zu scheint noch die Wechselseitigkeit durch, die durch die Monarchie stabilisiert und erst im Caesarismus nochmal vergegenständlicht wird. Erst die moderne Aufklärung, die den Caesarismus totalisiert (im Kapitalismus wie im Inertialsystem), hat der Monarchie den Boden entzogen.
    Verhalten sich nicht Deklination und Konjugation wie Geometrie und Algebra (wie die subjektiven Formen der Anschauung: wie Raum und Zeit)?
    Ist das Neutrum (als Ausdruck und Produkt des Caesarismus) die säkularisierte (politisch instrumentalisierte) Herrlichkeit Gottes (Produkt der Vertreibung der Schechina aus der Sprache)?
    Der Fall ist der Fall in die Finsternis: Wichtig ist vor allem, was er zum Verschwinden bringt.
    Die Beziehung von Genitiv und Dativ reflektiert das Tauschprinzip, die Beziehung von Nominativ und Akkusativ die Schuldknechtschaft (die drei romanischen Sprachen kennen keine Unterscheidung von Nominativ und Akkusativ: hier ist das Prinzip des Neutrum in die beiden personalen Geschlechter mit hereingenommen worden; entfällt damit die Notwendigkeit eines gesonderten Neutrums; oder umgekehrt: fehlt mit dem gesonderten Nominativ und mit der fehlenden Großschreibung der sprachliche Repräsentant des vergesellschafteten Caesarismus?).
    Was ist der Unterschied zwischen Konjunktiv (coniungo – verbinden) und Subjunktiv (subiungo – (unten) verbinden, anfügen, anspannen; unterwerfen)?
    Modell: Die Geschichte vom Sündenfall als Darstellung des Schuldverschubsystems, der Verschlingung von Schuldknechtschaft und Tauschprinzip; die ausgeführte Gestalt ihrer Selbstreflexion ist die Hegelsche Philosophie, die aber in ihr eigenes Prinzip sich verstrickt hat und daraus nicht mehr sich zu lösen vermochte.
    Bemerkung zur Geschichte der Grammatik: Sind nicht die Skinheads (mit ihren nackten „Häuptern“) zwangsneurotisch-paranoide Verkörperungen des Substantivs, das selber der Logik des durchdeklinierten bestimmten Artikels sich verdankt?
    Johannes Scottus Eriugenas bezieht in seine Interpretation des Gleichnisses von barmherzigen Samariter die typologische Bedeutung von Jerusalem und Jericho mit ein: das Paradies und „diese Welt“ (Über die Einteilung der Natur, S. 97). Wirft das nicht ein Licht auf den Zusammenhang der sonstigen Jericho-Geschichten (mit der Dirne Rahab, die dann in den Stammbaum Davids und Jesu hereinkommt, der Xenophobie-Geschichte und der Zerstörung Jerichos, aber auch dem Wiederaufbau Jerichos in 1 Kön 1634 in den Tagen Ahabs, der es ärger trieb als alle, die vor ihm gewesen sind, der sogar die Isebel zur Frau nahm und dem Baal diente und ihn anbetete)?
    Jedes Bekenntnis definiert sich durch ihr Feindbild; deshalb war die Hölle für die kirchliche Tradition (und der Antisemitismus für die Nazis) so wichtig. Eben deshalb aber mußten auch das Dogma und das Credo seit je großzügig über das Gebot der Feindesliebe sich hinwegsetzen. Im Dogma selbst mußte die Bekenntnislogik durch ein Denkverbot verankert werden, das den Widerspruch zum Gebot der Feindesliebe unsichtbar machte. Dieses Denkverbot war der innere Grund der homousia: Ausdruck und Deckbild der Haßliebe von Vater und Sohn, ohne die die Opfertheologie nicht zu halten war. Der Vater der Trinitätslehre rechtfertigt seitdem jede Form von Herrschaft und jede Form von Gewalt, die von oben kommt (Verschiebung der Bedeutung des theologischen Begriffs der Empörung, der seitdem anstatt auf die Gewalt oben auf jegliche Gewalt von unten sich bezieht).

  • 13.9.1994

    Luise Schottroff weist nach, daß das „lineare Zeitdenken … blind (macht) für die Leiden der Gegenwart“ (Lydias ungeduldige Schwestern, S. 254). Deutlicher läßt sich die Beziehung der Philosophie (und in ihrer Folge der Wissenschaften) zur Prophetie nicht bestimmen. Das „lineare Zeitdenken“ verdankt sich der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; nur im Geltungsbereich dieser Subsumtion, die den prophetischen Kern der Erkenntnis sprengt, lassen die Dinge (als Erscheinungen im Sinne Kants) sich erkennen. Wahrheit gibt es nur im Kontext der „Leiden der Gegenwart“.
    Das lineare Zeitdenken macht nicht nur blind; es lähmt: Es ist der Grund des Trägheitsgesetzes nicht nur in der Natur. Das unter die Vergangenheit Subsumierte ist tot. Die „tote Natur“ ist es nicht „von Natur aus“, sondern als Reflex des Gesetzes, dem sie unterworfen ist: Produkt des Inertialsystems.
    Auch die Natur steht unter einem Wiederholungszwang, der zu sprengen ist, wenn der Bann unter dem die Natur steht, endlich gelöst werden soll. (Schreibt Paulus nicht immer dann, wenn er auf die Natur sich beruft, dummes Zeug? Dieser Naturbegriff ist determiniert durch den Stand der Herrschaftsgeschichte, der auch seine Beziehung zum Martyrium des Stephanus und seinen Namenswechsel zu berühren scheint.)
    Liegt nicht in dem Satz des Jeremias im Anblick der babylonischen Herrschaft (die als Ursprung und als Modell der römischen Herrschaft sich begreifen läßt): Betet für das Wohl der Stadt, die Wurzel der Beziehung des Christentums zu den Völkern (auch der paulinischen „Heidenmission“)? (Prophetisches Zwischenglied Sacharja 823?) Wird nicht dieser Paradigmenwechsel in seiner Kontraktion im Weltbegriff und in seiner Bedeutung für den Ursprung des Christentums analysierbar und bestimmbar? Weist nicht das erste Auftauchen eines Weltbegriffs (der den der Natur noch ungeschieden in sich mit begreift) bei Jeremias schon auf diesen Sachverhalt?
    Auch Schelling steht noch unter dem Bann des gleichen Naturbegriffs, den er zu durchdringen und zu begreifen sucht, wenn er im Anfang der „Weltalter“ schreibt, daß die Zukunft „geahndet“ wird (meinte er „geahnt“, oder hat er wirklich die Zukunft als Schuld verstanden?): Im Kontext der Kritik des Naturbegriffs müßte es heißen „erinnert“: Durch den Weltbegriff ist die Zukunft zu einem Gegenstand der Erinnerung geworden.
    Der Begriff der Zurechnungsfähigkeit gehört zur Definition der Person. Zurechnungsfähig ist, wer für seine Handlungen rechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Läßt die Tatsache, daß die Richter des Dritten Reiches niemals zur Verantwortung gezogen werden konnten, Rückschlüsse auf die Zurechnungsfähigkeit von Richtern zu?
    Wie hängt der Ursprung und die Geschichte des bestimmten Artikels (articulus: Gelenk, Knöchel, Knoten bei Gliedmaßen und Pflanzen) mit dem Ursprung und der Geschichte der Urteilsform (des „Seins“) und des Neutrums (oder auch der Orthogonalität) zusammen?
    Zu den Tätigkeiten der Sklavin Photis (bei Apulejus, Metamorphosen) gehört, daß sie neben den übrigen Diensten auch mit dem Gast schläft (Schottroff, S. 300). Liegt hierin der Hinweis auf den Zusammenhang von Herrschaft und Sexualität, gehört zum Herrenrecht auch das Recht auf die Sexualität des Beherrschten? Nur so läßt sich das kirchliche Votum zum Abtreibungsrecht erklären: Hier geht es um die letzte Stütze des Patriarchats.
    Hat das Martyrium des Stephanus (und die Rolle, die Saulus/Paulus hierbei spielt) etwas mit dem „Amt“ des Diakons: mit der Bedeutung des diakonein für das Selbstverständnis der frühen Kirche (mit der Rolle der „Hellenen“ und der Frauen in der frühen Kirche), zu tun? Waren nicht auch die Hörer der Pfingstpredigt des Petrus „Hellenen“?
    Gründet die Theologisierung des Vaternamens in der Zeitstruktur der Genealogie: Ist der Name des Vaters der Name der vergangenen Zukunft (Begründung des vierten Gebots, wobei das Gebot, die Eltern zu ehren, aus seinem patriarchalischen Bann zu lösen ist; nur so erweist es sich als ein Teil der Befreiung der Zukunft aus der Vergangenheit, die sie in Banden gefesselt hält)?
    An Hegels Diskussion des hic et nunc (des aristotelischen Quellpunkts der Philosophie) ist direkt nachzuvollziehen, daß und in welcher Form die Philosophie und der Begriff des Wissens dem linearen Zeitdenken und der Verdrängung des prophetischen Kerns der Erkenntnis sich verdanken (Ursprung des Inertialsystems). Im Inertialsystem gibt es das hic et nunc nur als mathematischen Punkt, als Korrelat des Relativitätsprinzips (als Stellvertreter des realen Objekts und als Produkt seiner Abstraktion vom Objekt).
    Wenn Luise Schottroff den Namen des Menschensohns durch den des „Menschlichen“ ersetzt, entschärft und entradikalisiert sie damit nicht diesen messianischen Titel? Der Name des Menschensohns ist kein Ehrentitel, keine Rangbezeichnung, er hat keine diskriminierende Wirkung nach außen, sondern er ist im wörtlichen Sinne ein Arbeitstitel: Erst der Menschensohn befreit das Patriarchat von seinem totemistischen Ursprung: Der Urvater des Patriarchats ist kein Mensch, sondern ein Tier; das Patriarchat steht im Symbol der Schlange, die den Staub frißt, aus dem Adam ward, und zu dem er wieder wird. Der Menschensohn wäre der erste Mann, der dem Patriarchat entronnen ist. Die Befreiung gründet im „Auf-sich-Nehmen“ der Last, die in Joh 129 bezeichnet ist, wie umgekehrt die patriarchalische Tradition des Christentums in dem opfertheologischen Konstrukt einer „Entsühnung der Welt“, das aller Erfahrung widerspricht: der Umkehrung von Joh 129, begründet ist.
    Hier ist an Adornos Kritik des „Ersten“ zu erinnern: Das Ursprüngliche, das Erste ist nicht das Vornehmere, das Ranghöhere; die Ideologie vom „Ersten“, mit der jede hierarchische Gesellschaftsstruktur sich zu legitimieren versucht, ist Teil der patriarchalischen Selbstverblendung. Der Menschensohn, das ist ein Name, der jede Rechtfertigung irgend einer Vergangenheit ausschließt, es ist der Name für die Befreiung der vergangenen Hoffnung aus der katastrophischen Geschichte, in der sie begraben ist.
    Zu Benjamins Bild vom Engel der Geschichte gibt es ein Gegenbild, das Adorno gelegentlich zitierte: das vom Mistkäfer, der den wachsenden Dreck der Vergangenheit vor sich herschiebt. Dieser Mistkäfer ist das Patriarchat, der Engel der Geschichte (den Jürgen Ebach in Lots Weib wiedererkannt hat) die Verpuppungsgestalt des Menschensohns? Erinnert diese Konstellation nicht an die Geschichte vom Sündenfall: an den Fluch über Adam (der den Dreck produzierende Mistkäfer), Eva (der Engel der Geschichte) und die Schlange (der von Adams Staub sich nährende und in der Geschichte wachsende Katastrophenberg)? Ist nicht die „Feindschaft zwischen der Schlange und dem Weibe“ die einzige, die nicht unters Gebot der Feindesliebe fällt?
    Tritt nicht die Philosophiekritik an die Stelle, die in der Geschichte der jüdischen Mystik einmal die Gematria innehatte?
    Die wachsende Unfähigkeit zur Schuldreflexion, die fortschreitende Verweltlichung der Welt, die zur Selbsterhaltung und zum Konkurrenzprinzip keine Alternative mehr kennt, macht den Exkulpationstrieb, den Rechtfertigungszwang, unwiderstehlich; das Recht wird zur Opfertheologie des vergesellschafteten Rachetriebs; zur Bekenntnislogik, zum Weltanschauungsunwesen, das ohne Vernichtungskriege nicht sich erhalten läßt, gibt es keine Alternative mehr.
    Apologetik ist endgültig blasphemisch geworden: Zur Gotteserkenntnis gibt es keine Alternative mehr.

  • 11.9.1994

    „Männer beten für das Ende der Sünder; Frauen für das der Sünde – nur so geschieht die Umkehr der Sünder.“ (b Ber 10a, zit. nach L. Schottroff, S.170, Anm. 269) – Ist das Patriarchat der genaueste Ausdruck der Logik der Schrift?
    Die Schrift ist das Medium des Denkens anderer; darin aber gründet die Logik des Urteils, die mit der Schrift entspringt und im Weltbegriff sich entfaltet. Kern der Logik der Schrift ist die Urteilsform. Die Unfähigkeit zu kritischer Kommunikation gründet in der autoritären Beziehung zur Schrift, in der die Schrift (und mit ihr die Welt) anstatt zum Feld der Suche nach der Wahrheit, zum Urteil über den Lesenden/Hörenden („Gehorchenden“) wird. Die erste vergegenständlichte Gestalt der autoritären Beziehung zur Schrift (die erste Objektivierung der Urteilsform) war die Schicksalsidee, während die Prophetie die Kritik der Logik der Schrift in der Schrift gegen die Schrift entfaltet („Spruch des Herrn“). Die zweite Gestalt war der Dingbegriff: Die Objektvorstellung gründet in der Logik der Schrift.
    Kreuzweg: Grundlage der Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie war die Ausblendung des politisch-ökonomischen Hintergrunds und die Fixierung auf das physischen Ereignis.
    Die Philosophie ist die Protokollführung der Herrschaftsgeschichte.
    Wäre nicht das prophetische Votum für die Armen und die Fremden heute zu ergänzen durch das Votum für die Frauen? Nur: Während das Votum für die Armen und die Fremden gleichsam ein allgemein-menschliches Votum ist, ist das Votum für die Frauen in erster Linie die eigene Sache der Frauen. Gibt es hier einen Zusammenhang mit dem Becher der Unzucht der Hure Babylon?
    Mit dem Staub, aus dem Adam geworden ist, und zu dem er wieder werden wird, nährt sich die Schlange: Sie nährt damit ihre Klugheit (sie war das klügste aller Tiere des Feldes)?
    Ist nicht der Inhalt des Spekulativen bei Hegel das Selbst: Ist das Absolute nicht der an der Logik der Welt sich spiegelnde Narziss, der autistische Gott?
    Haben die Hegelschen Volksgeister nicht eine Affinität zu den Arten der Tiere, die nach Hegel ein Beweis dafür sind daß die Natur „den Begriff nicht halten“ kann?
    1 Kön 13: Eine hochsymbolische Geschichte (von den beiden Propheten). Beziehungen zum Buch Jonas?
    Ist die Flexion (Deklination und Konjugation) der Gegenstand der Reflexion?
    Durch das System der Deklinationen wird das Wort unter die Herrschaft des Inertialsystems gebeugt (wird die Welt zu „alle(m), was der Fall ist“).
    Zum bestimmten Artikel: Ist der bestimmte Artikel (die demonstrative Beziehung des Begriffs auf sein Objekt) nicht überhaupt der Katalysator der Deklination? Und gehört nicht zu dem et haschamajim w’et ha’arez im ersten Satz der Genesis das tohu wa bohu im zweiten Satz?
    Sprache und Schrift: Verdankt sich nicht die grammatische Durchbildung und Artikulation der Sprache der Schrift? So ist die hochdeutsche Sprache durch die Bibelübersetzung Luthers entstanden (und in unvergleichlicher Weise theologisch instrumentiert worden).
    Die res der lateinischen Sprache ist die res publica. Erst mit der lateinischen Sprache hat die griechische Naturphilosophie ihr Objekt verloren, das sie dann als Theologie wiedergefunden zu haben glaubte. Unterm Zwang der Logik des Weltbegriffs und der Bekenntnislogik ist sie zur Quelle der modernen Naturwissenschaften geworden.
    Erinnert Hegels Begriff des Prozesses nicht sowohl an das procedere, den Fortschritt, als auch an das juristische Verfahren der Urteilsfindung (mit Ankläger, Angeklagtem, Verteidiger, Zeugen und Richter)? Der juristische und der szientifische Beweis haben nicht zufällig den gleichen Namen.
    Hegels Hinweis auf die Doppelbedeutung des Wortes Geschichte begründet seine Prämisse, daß es Geschichte erst seit der Geschichtsschreibung gibt. Was als Geschichte vergegenständlicht wird, ist durch die Schrift „ursprünglich“ objektiviert worden: Die Schrift ist der erste Zeuge der historischen Taten und Ereignisse (dem später erst die anderen, dinglichen Zeugnisse der Architektur, der Kunst und der Archäologie zur Seite gestellt werden).
    Bezeichnen die Objekte der Schöpfung: die Himmel und die Erde, die großen Seetiere und am Ende die Menschen, nicht drei Stufen einer Schöpfung, die insgesamt als Abfolge von Katastrophen und Rettungen zu begreifen wäre (und nicht als souveräne Tat eines gewaltigen, allmächtigen Schöpfers)?
    Die drei Leugnungen sind Stufen der Identifikation mit dem Aggressor (die drei Katastrophen, die der Menschwerdung: der Erscheinung des Menschensohns, vorausgehen): Insofern haben sie etwas mit der Beziehung von Lachen und Weinen (er ging hinaus und weinte bitterlich) zu tun.
    Hat Behemoth etwas mit der Geschichte der Hysterie (Christina von Braun: Nicht-Ich) zu tun (das vom Pharao gejagte Chaos-Tier mit im Sklavenhaus heimatloser Barmherzigkeit)?
    Das Gebot der Barmherzigkeit reinigt die Liebe von ihrer Ohnmacht gegen die Verführung durchs Selbstmitleid (im Wunsch geliebt zu werden erstickt die Fähigkeit zu lieben).
    Greuel am heiligen Ort: Die homousia ist die Nadel, mit der der zarte Schmetterling der Gotteserkenntnis aufgespießt, hinter Glas gesetzt und (als verdinglichte Trinitätslehre) dem blinden Anschauen preisgegeben worden ist.
    Sind die subjektiven Formen der Anschauung nicht Produkte der Potenzierung der Verstockung: das eiserne anstelle des hölzernen Jochs (Jeremias und Hananja)? Vgl. das Stichwort „eisern“ in der Stuttgarter Wortkonkordanz, Bibel von A – Z.
    Das Joch symbolisiert sowohl die Last der Herrschaft als auch die des Begriffs: vgl. im NT auch das Kreuz und die Sünde der Welt (Mt 1129.30, Mt 1038 und 1624, Joh 129). Der Weltbegriff „befreit“ von der Last des Joches durchs Schuldverschubsystem (der Weltbegriff ist der Inbegriff der vergesellschafteten Welt). Dagegen richtet sich das Wort von der Sünde der Welt, das zum Nachfolgegebot gehört. Für diese Last gilt das Wort: Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. Vgl. Rosenzweig: Nur wer die Last auf sich nimmt, befreit sich von ihr.
    Herrschaftskritik eröffnet die Erinnerungsfähigkeit und sensibilisiert zugleich (erlöst die Moral vom Bann der Moral).
    Gerichtssprache und Hoffnungssprache sind ineinander verschlungen: Die Hoffnung für die einen ist das Gericht über die andern. Hierzu gehört eine Vorstellung des Jüngsten Gerichts, in der es als Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht zu begreifen wäre. (Vgl. Schottroff, S. 230)
    Die Kopenhagener Schule ist die apokalyptische Weiterbildung der Einsteinschen Prophetie.
    Das Buch des Lebens: Heißt das nicht, daß wir am Ende in der Natur das entschlüsselte Buch der Geschichte lesen werden?
    Der Weltbegriff, Korrelat des Selbsterhaltungsprinzips und Produkt seiner Logik, rückt die Armen, die Fremden und die Frauen ins Dunkel, er ästhetisiert die Geschichte, transponiert sie in den Kontext des Inertialsystems, dem er durchs Relativitätsprinzip verbunden ist, durch das der logische Rahmen der Gegenwart zum Existenzrahmen der so ästhetisierten Geschichte (die Geschichte selbst zu einem Gegenstand der Vorstellung) wird. Der Weltbegriff immunisiert die Geschichte gegen die Erinnerung.

  • 10.9.1994

    Jüngstes Gericht: Wenn Recht „im Namen des Volkes“ gesprochen wird: Werden wir dann nicht in Solidarhaftung genommen und zu Komplizen aller Urteile gemacht, die heute gesprochen werden? Und gehört es nicht zu den Grundüberzeugungen der chrisstlichen Lehre, daß wir dafür einmal zur Rechenschaft gezogen werden?
    „Vielmehr, wenn dein Feind hungert, so speise ihn, wenn er dürstet, so tränke ihn; denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ (Röm 1220) Löst diese Logik (der Instrumentalisierung der Barmherzigkeit zur Waffe) sich nicht auf, wenn ich begreife, daß, was ich meinem Feinde tue, ich mir selber antue? So bezieht sich auch die Sündenvergebung in erster Linie auf den, der vergibt; ob dem, dem die Vergebung gilt, die Sünden wirklich vergeben sind, liegt nicht in der Macht des Vergebenden.
    Zu Duchrows „ein Zeichen geben“: Wer ist der Adressat dieses Demonstrativums? Der Grund dieser Frage liegt tiefer: Im Deutschen unterscheidet sich der bestimmte Artikel vom unbestimmten durch das demonstrive Element (ähnlich wie im Griechischen, nur daß hier der Nominativ mask. und fem. ausgenommen sind). Auch hier ist zu fragen: Wer ist der Adressat dieses Demonstrativums? Ist es nicht die Welt. Auch wenn ich ein Zeichen gebe: Gebe ich es dann nicht der Welt. Ist hier nicht der Ursprung der Bekenntnislogik (die das Bekenntnis anstatt auf Gott, auf die Welt bezieht)? Mit dem deutschen Substantiv (oder dem Objektbegriff, der ihm entspricht) dringt die Logik des Weltbegriffs in den Kern der Sprache und macht sie verstummen. Mit dem grammatischen Begriff des Substantivs (der in der deiktischen Struktur des bestimmten Artikels im Deutschen gründet) wird die Sprache ins Herz getroffen: sie hat’s nicht überlebt. Liegt nicht der Unterschied zwischen dem hebräischen ha, das in dem griechischen ho/ha (Nom. mask./fem.) nachklingt, und den deiktischen Bildungen des Neutrum und der Kasus im Griechischen, und dann den bestimmten Artikeln im Deutschen generell, genau in diesem demonstrativen (objektivierenden) Element, während die hebräische Gestalt des Artikels (die an der Deklination des Nomens nicht teilhat) die benennende und vergegenwärtigende Kraft des Namens unangetastet läßt. Das ha lebt vom Hauch der Sprache, es unterscheidet sich vom deiktisch bestimmten Artikel im Griechischen und insbesondere im Deutschen wie der reflektive Name der Hebräer vom projektiven (diskriminierenden) Begriff der Barbaren, die beide nur durch Inversion (durch Umkehr) auf einander sich beziehen.
    Läßt sich nicht am Griechischen nachweisen, daß das deiktische Element über die Kasusbildungen (über den Akkusativ) und dann übers Neutrum in den bestimmten Artikel hereingekommen ist? Erst im Deutschen (das aus dem Akkusativ sich entwickelt hat) durchdringt und überwuchert dieses deiktische Element – und mit ihm die logische Gewalt des Neutrum – die ganze Sprache (vgl. Heideggers Begriff des „Daseins“, den er als „Sein des Da“ definiert, das dann bei ihm an die leere Stelle des vergangenen philosophischen Subjekts tritt): Der Akkusativ wird zur Grundfigur des Nomens in der Sprache. Ist es in diesem grammatisch-logischen Kontext begründet, wenn im Deutschen die bestimmten Artikel des Femininum mit denen des Plural identisch sind?
    Im Griechischen und im Lateinischen gibt es nach dem sprachlichen Geschlecht getrennte Pluralformen; nur im Deutschen fällt die Deklination des bestimmten Artikels femininum singular mit dem allgemeinen Artikel des Plural zusammen.
    Zur Genesis der deiktischen Struktur des bestimmten Artikels im Neutrum. Die Sprachlogik, der der Ursprung des Neutrum sich verdankt, entfaltet sich zusammen mit der Trennung von Bewußtem und Unbewußtem. Konstitutiv für die Genesis des Unbewußten ist die Schuldgrenze, die das Unbewußte gegen das Bewußtsein abschirmt (und das Bewußtsein zu einer Funktion der Selbsterhaltung macht). Ist nicht das Demonstrativum und in seiner Folge das Neutrum das Vehikel des Schuldverschubsystems (des projektiven Erkenntnisbegriffs), in dem diese Schuldgrenze gründet? Und gründet nicht das Demonstrativum im Akkusativ?
    Ebenso wie die hebräische Sprache im Kern eine „hebräische“ (die Sprache der Fremden im Lande) ist, ist die deutsche eine deutsche, eine „völkische“ Sprache; eine Sprache, die die zivilisationsbegründende Distanz zu den Barbaren reflexiv gegen sich selber kehrt: Ausdruck und Organ des Hasses der Welt.
    Wenn der bestimmte Artikel im Lateinischen wieder verschwindet, so hängt das mit der (auf Alexander zurückweisenden) caesarischen Logik der lateinischen Sprache zusammen: Nicht mehr das Denken, der Philosoph, sondern die Gewalt, der Staat, ist zum Subjekt der Sprache geworden (die lateinische Philosophie verliert mit der Objektbezogenheit ihr Subjekt, sie wird Rhetorik). Das transzendentale Subjekt der Philosophie verlagert sich in den Herrn der Welt: in den Herrscher des Römischen Reiches. Das Demonstrativum wird dem Subjekt (und damit der Sprache) enteignet, vom Staat übernommen (es wird zur Urteilsgeste in der Arena). Erst in diesem Kontext werden die Subjekte zu Personen (zu Objekten des Rechts). Ist nicht das Lateinische die Vollendung der Sprache der Objektivität, deren realsymbolischer Kern der Staat ist. Erst die modernen Sprachen rebellieren gegen diese Objektivität, gegen die sie das Recht der Subjektivität behaupten, zu dessen Ausdruck sie geworden sind.
    Die griechische Sprache ist eine Ding-Sprache, die lateinische eine Sprache der Sache; erst im Deutschen wurden beide vereinigt durch die Trennung von Ding und Sache. Ist eine ähnliche Ableitung des Griechischen aus zwei vorausgehenden Sprachen, die als Natur- und Welt-Sprache zu bestimmen wären, möglich?
    Hat die Kirche nicht ihre ratio essendi verloren, als sie auf das Latein verzichtete?
    Die Wahrheit ist kein Gegenstand der Philosophie, sonder der Motor ihrer Kritik (und hat die Kritik der Philosophie etwas mit der Entfesselung der vier Winde vom Euphrat zu tun?).
    Wenn die Schlange das Symbol des Neutrum ist, ist dann das Auf-dem-Bauche-Kriechen die Entsprechung des Demonstrativum (der intentio recta, der Fixierung aufs Objekt)? Der Objektbegriff (in der Grammatik das Substantiv) ist das sich auf sich selbst sich beziehende deiktische Element (steckt in dem dreifachen „sich“ ein Hinweis auf die Dreidimensionalität des Raumes?).
    Ist nicht das deiktische Element des bestimmten Artikels im Deutschen ein anderer Ausdruck für das „von allen Seiten hinter dem Rücken“?
    Ist der lateinische Vokativ der Nachfolger des personalen Nominativ im Griechischen, sein spätes Echo dann das expressionistische „Oh Mensch“? Gibt es eine Genealogie, die vom hebräischen ha über das griechische ha/ho zum lateinischen und dann deutschen oh führt? Kann es sein, daß diese Genealogie ein Licht auf die Urgeschichte des bestimmten Artikels wirft: Ist das hebräische ha ein Echo des Lachens, das als identitätsstiftendes Element ins Wort mit eingeht; und klingt nicht dieses Lachen im Griechischen im femininen Artikel noch nach, während es im maskulinen Artikel ins staunende ho/oh übergeht? Aristoteles hat das Staunen als Ursprungs-Affekt der Philosophie erkannt; aber dieses Staunen entringt sich mit der gleichen Kraft dem Schrecken der Erfahrung, im Namen Objekt des Lachens zu sein (und instrumentalisiert diese Erfahrung, z.B. im projektiven Namen der Barbaren), wie die Philosophie durch die Verinnerlichung der Gewalt des mythischen Schicksals (durch Instrumentalisierung dieser Gewalt zum Begriff) dem Mythos sich entringt. Erst die römische Person ist fähig, mit stoischer Apatheia (die bei den Vornehmen im magischen Schutz des Geschlechternamens sich verkörpert, im späteren Bürgertum im Familiennamen) ihren Namen zu tragen.
    Im Staunen wird der Schrecken gebannt, Objekt des Schicksals zu sein; aus dem Staunen haben die Mathematik, die Begriffe und die subjektiven Formen der Anschauung sich entwickelt, die diesen Schrecken auf die Dinge ableiten (vgl. das Lachens Abrahams und Saras und den Schrecken Isaaks).
    In Ps 3521ff, 4016, 704, Ez 253, 262, 362 wird das Lachen durch Verdoppelung des ha ausgedrückt. Hier lachen die, „die mir grundlos feind sind, …, die mich ohne Ursache hassen“ (Ps 3521), „die sich meines Unglücks freuen“ (Ps 4016 u. 704), die Ammoniter (Ez 253), Moab (262) und „der Feind“ (362).
    Im Griechischen ist es der Mann, der lacht. Objekte des Lachens sind die Frauen und die Fremden. Das jüdische Votum für die Fremden kehrt den Bann gegen das Lachen.
    Löst sich das Rätsel der Apokalypse nicht erst dann, wenn wir die apokalyptischen Symbole: den Drachen, die Hure Babylon und die Tiere, nicht mehr nach dem Modell des projektiven Erkenntnisbegriffs der Philosophie nach draußen projizieren, sondern uns selbst in ihnen wiedererkennen (war nicht Luther, als er in Rom die Hure Babylon erkannte, nahe daran)?
    Hat nicht der Begriff der Zeugung die Trinitätslehre zum Becher der Unzucht gemacht? Wie hängen erzeugen, bezeugen und überzeugen zusammen? Welche genaue Bedeutung hat das mit Zeugen übersetzte Wort in dem Psalm-Vers 27: „filius meus es tu, hodie genui te“? Ist dieses „genui te“ so geschlechtseindeutig, wie es dann in der Trinitätslehre erscheint? Wie verhält sich dieses (männliche) Zeugen zur Barmherzigkeit, die in der Gebärmutter sich verkörpert (Seid barmherzig, wie euer Vater im Himel barmherzig ist, Lk 638, aber vgl. Mt 548)?
    Gründet nicht das Präfix be- (und mit ihm das englische „to be“) im deiktischen Element der Sprache? (Deshalb fällt der bestimmte Artikel im Englischen nicht unters Gesetz der Deklination.)
    Wie unterscheidet sich die Erlösung von der Befreiung?
    Ist nicht der Raum die deiktische Totalität, und zwar als objektlos gewordene Totalität (der Raum ist an sich leer)?
    Salomo hat dem Namen Gottes ein Haus gebaut; Jesus wollte, als er zum Vater ging, uns im Himmel eine Wohnung bereiten. Ist diese Wohnung im Himmel nicht ein anderer Ausdruck für das Buch des Lebens, in dem alle unsere Taten verzeichnet sind, und das am Ende aufgeschlagen wird: Und wird nicht dieses Buch aufgeschlagen, wenn am Ende der Himmel sich aufrollt wie ein Buch (wird nicht der Baum des Lebens vom Anfang am Ende zum Buch des Lebens, das sich öffnet, wenn die Logik der Schrift gesprengt wird)?
    Das gesamte Problem der Theologie liegt in der Beziehung der Person zum Angesicht. Der paulinische Hinweis, daß wir jetzt „wie im Spiegel“ erkennen, findet seine Verkörperung in der Trinitätslehre, die nur als Konstrukt der Spekulation sich begreifen läßt. Und ist nicht das homousia der Versuch, der Spekulation den Schein der unmittelbaren Realität zu geben? An diesem Punkt ist die Idee der Umkehr (und mit ihr die Gottesfurcht) aus der Gotteserkenntnis herausgenommen worden. Und ist es nicht die homousia, die die „Zeugung“ zur Blasphemie gemacht hat (indem sie das praktische Moment, die Beziehung auf die Armen und die Fremden, aus der Gotteserkenntnis herausgenommen, die Bindung der Theologie an die Ontologie begründet, sie zu einer Sache der Kontemplation, des reinen Zuschauens gemacht hat)?
    Liegt der Gründungsakt des Fernsehens in der Trinitätslehre?
    Die Reflexion des Weltbegriffs gründet in der Fähigkeit zur Schuldreflexion; nur durch diese Fähigkeit unterscheidet sich der Mensch vom Tier (das in seine Welt gebannt bleibt). Die Verdrängung der Schuldreflexion (zu der das opfertheologische Konstrukt von der Entsühnung der Welt Geburtshilfe geleistet hat) bezeichnet den Ursprungspunkt des apokalyptischen Tieres (dessen Ursprung und Geschichte von Ursprung und Geschichte des Weltbegriffs nicht zu trennen ist). Hierauf bezieht sich die apokalyptische Ergänzung des Taumelbechers und Kelchs des göttlichen Zornes zum Becher der Unzucht.
    Läßt nicht die dreifache Gestalt des Tieres (als Drache, als Tier aus dem Meere und als Tier vom Lande) aus dieser Konstellation sich herleiten? Erst wenn man das Tier vom Lande begreift, wird man auch die Zahl des Tieres (die die Zahl des Tieres aus dem Meere ist) begreifen.
    Vom Fortschritt wird man heute nur noch reden dürfen, wenn man das Wachsen des katastrophischen Potentials mit einbezieht.

  • 8.9.1994

    Ist der demagogische Trick Kohls nicht vorgebildet in der Geschichte der Physik: Die Kopenhagener Schule, die selber nach Einstein die Physik wieder ins Paradigma der Naturbeherrschung zurückgebogen hat, hat sich zugleich in der Öffentlichkeit immer als „Überwindung“ der klassischen Physik, zu der sie dann insbesondere Einstein hinzugerechnet hat, präsentiert, und den Preis der Rückkoppelung (die Unbestimmtheitsrelation und den Korpuskel-Welle-Dualismus als Komplementaritätsprinzip) als besonderen Gewinn sich selbst und den anderen eingeredet. Das wirklich Neue bei Einstein wurde damit der Reflexion entzogen. War nicht die Kopenhagener Schule, insbesondere ihr deutscher Teil, auf eine subtilere Weise antisemitisch als die ominöse „Deutsche Physik“?
    Gibt es eine (nationale oder weltanschauliche) Identität ohne Bekenntnislogik, und d.h. ohne eingebautes Feindbild? Ist nicht die politische Theologie Carl Schmitts (mit der Grundlage des Freund-Feind-Denkens) die genaueste Entfaltung der Bekenntnislogik? Und sind nicht Skinheads und Hooligans die letzten Confessoren?
    Hat Jesus nicht tatsächlich den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben, und zwar genau mit der gleichen Logik, mit deren Hilfe er den Vorwurf zu widerlegen versucht (ein Reich, das in sich uneins ist, …)?
    Die Bekenntnislogik ist der Kelch von Getsemane.
    Der Begriff der „zeitlosen Wahrheit“, Grundlage der Trennung von Natur und Welt, setzt voraus, daß es zur Vergangenheit des Vergangenen keine Alternative gibt.
    Zu Weigels Satz (in einem Brief an den WDR zur Lotto-Satire), daß er zwar Humor verstehe, aber …, fehlt die Ergängzung, die man wird hinzudenken müssen: Das Verständnis endet, wenn er selbst zum Objekt des „Humors“ wird. Dann ist er nur noch beleidigt. Hat nicht der Humor überhaupt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Duftmarken-Setzen der Hunde. Mit Humor werden Herrschaftsbezirke abgesteckt. Opfer des Humors sind in der Regel die, die aus der Gemeinschaft der Lachenden ausgeschlossen (oder zur Identifikation mit dem Aggressor gezwungen) werden sollen (Frauen, Juden, Ausländer). Der Humor hat die gleiche logische Struktur wie das Vorurteil und die Bekenntnislogik, wie er auch die gleiche Funktion hat: Gemeinschaftsstiftung durch gemeinsames Lachen: durch Identifikation des gemeinsamen Objekts. Auch der Antisemitismus ist eine Variante des Humors. Deshalb ist Humor nur erträglich, wenn er die Reflexion auf diese Struktur in sich mit hereinnimmt: als schwarzer Humor.
    Kein Bekenntnis ohne eingebautes Feindbild, wobei die logische Leistung des Lachens in seiner identitätsstiftenden Kraft liegt: Die Identität des Feindes wird durchs Lachen konstituiert. Repräsentant dieses Lachens im Subjekt ist die, die Objektvorstellung begründende, subjektive Form der äußeren Anschauung: der Raum.
    Hängt es nicht mit der inneren Logik des Gebots der Feindesliebe zusammen, wenn Jesus nicht gelacht hat?
    Weshalb wird das Lächeln der Babys als süß empfunden? Ist es nicht eigentlich etwas Schreckliches: Das Lächeln ist nicht freundlich. Beim Lächeln (auch dem archaischen Lächeln frühgriechischer Statuen, dem Seligkeits-Lächeln mittelalterlicher Skulpturen, dem Lächeln der Mona Lisa) ist der Schrecken nicht zu übersehen, der im instrumentalisierten keep smiling, im Lächeln der Verkäuferin, im cheese-Grinsen, als Raubtier-Lächeln erkennbar wird. Ist nicht das Lächeln der Babys das erste Zeichen der Selbstinstrumentalisierung, Folge der Erfahrung, daß diese Geste von den „Bezugspersonen“ honoriert wird? Wieviel objektive Ohnmachts- und Gewalterfahrung steckt schon in diesem Lächeln? Und ist das Süße an diesem Lächeln nicht die Süße der eigenen Macht- und Gewalterfahrung, die durchs Kind so bestätigt wird (Zusammenhang mit der Logik der Scham)?
    Kann es sein, daß der Adressat des archaischen Lächelns das sich zur objektiven Gewalt kontrahierende Schicksal des mythischen Zeitalters, der Adressat des mittelalterlichen Lächelns der Seligen die Gottes- und Subjektvorstellung war, die der Verinnerlichung der Scham sich verdankt. Ist das Lächeln nicht der früheste Ausdruck der paranoischen Ansteckung, die zu den Grundlagen der zivilisierten Welt gehört? Aufgetragen ist dieses Lächeln auf die Folie des verzweifelten Weinens.
    Haben die Wolken des Himmels, auf denen der Menschensohn erscheinen wird, etwas mit den Wolken, die die ausziehenden Israeliten durch Wüste geführt haben, mit den Wolken am Berge Sinai, dann mit den Wolken der Herrlichkeit Gottes über der Lade im Allerheiligsten des Tempels, zu tun: mit der Schechina?
    Gegenstand der modernen Entzauberung der Welt war der katholische Mythos, der selber schon ein Produkt des gleichen Inertialsystems war, dem er dann zum Opfer gefallen ist.
    Jesu Wort an den Schächer am Kreuz: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein, ist noch unerfüllt. Dieses Heute ist noch nicht eingetreten.
    Der Sprach- und Symbolgrund der Barmherzigkeit ist die Gebärmutter. Aus welchem Sprachgrund stammt die Gerechtigkeit?
    Hat nicht die Anthropomorphismus-Kritik das weibliche Element (die Barmherzigkeit) aus Gott ausgetrieben?
    Die Philosophie hat die Sinnlichkeit aus dem Himmel (aus Wasser und Feuer) ausgetrieben, die Naturwissenschaften haben sie aus der Erde ausgetrieben. Das erste war die Folge der Verinnerlichung der Schicksalsidee, das zweite die der Verinnerlichung der Scham.
    Wenn die Grenze zwischen Innen und Außen eine transzendentallogische Grenze ist, die begründet ist in der Grenze zur Vergangenheit, ist es dann nicht notwendig, das Schicksal der Geschichte des Klassenkampfes, die nicht nur in der Außenwelt sich abspielt, im Innern der Menschen zu untersuchen, die Fortsetzung dieser Geschichte in der Geschichte seiner Verinnerlichung weiter zu verfolgen? Vermittelndes Glied ist der Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor; zur Geschichte der Verinnerlichung des Klassenkampfes gehört die Geschichte seiner Verdrängung. Diesem Aspekt kommt ein anderer entgegen: die Einsicht, daß der Begriff der Verdrängung nicht mehr auf die Psychologie sich einschränken läßt, daß er durch einen objektiven, historisch-gesellschaftlichen Begriff der Verdrängung, zu dem die Geschichte des Mythos und der Aufklärung gehört, zu ergänzen ist.
    Werbung und Propaganda, als Formen der technischen Anwendung der Psychoanalyse, haben diesen objektiven Begriff der Verdrängung (den sie ausbeuten und verstärken) zur Grundlage (Zusammenhang mit der Bekenntnislogik).
    Dignum et justum est: Hat das dignum, das dann mit würdig übersetzt wurde, etwas mit der Barmherzigkeit zu tun? Und wie verhält sich das dignum et justum (würdig und gerecht) zum juristischen billig und recht (wie verhalten sich dignum, würdig und billig zueinander)?

  • 7.9.1994

    „Du hast doch ein Ohr, du hast doch eine Leber, du hast doch einen linken Zeigefinger und außerdem noch Lunge und Brust: Worauf wartest du noch, mach doch daraus schon mal einen kleinen Menschen.“
    Der Kapitalismus ist das Reich der Privatwirtschaft: Er hat die gesamte Ökonomie der Privatsphäre (dem Reich der idiotes) zugeschlagen.
    Hinweis auf den Zusammenhang von Ökonomie, Politik und Privatexistenz: Das Telefon ist für den Geschäftsverkehr, für die politische Intrige und für den privaten Tratsch unentbehrlich. Das Fernsehen ist durch das optische Medium das Institut der vollständigen Durchdringung von Politik und Privatem im neuen Begriff der Öffentlichkeit; beide ziehen sich wechselseitig auf ihr unterstes Niveau herunter (Ableitung aus der Logik der Schrift). Hier wird die Intrige vergesellschaftet und der Tratsch zur Basis der Politik.
    Die Bekenntnislogik ist die Opferfalle, in der das Christentum seine Gläubigen gefangenhält.
    Sind nicht die drei Gestalten des Bösen, Satan, Teufel und Dämon, Konstruktionsmomente der Ökonomie, von Goethe zusammengefaßt in der Gestalt des Mephisto? Der Kapitalismus ist ein Teufelspakt, aber das ist kein Anlaß zur Dämonisierung, sondern ein Hinweis zur Erkenntnis des Kapitalismus (der Name des Kapitals entstammt dem Kreditwesen: „capitalis pars debiti ist der Hauptteil der Schuld, der von einer Nebenschuld, nämlich dem Zins, begleitet wird“, Binswanger, Geld und Magie, S. 48).
    Heute käme es darauf an, die Aufklärung aus den Verstrickungen ihres theologischen Ursprungs zu lösen (aus dem dogmen- und bekenntnislogisch begründeten Gesetz der Verdinglichung).
    Hängt nicht die aristotelische Kritik der Geldvermehrungswirtschaft (vgl. Duchrow) mit seiner Kritik der schlechten Unendlichkeit zusammen, wurde ihr nicht durch die kopernikanische Wende der Boden entzogen?
    Auch die Armut ist eine Ware; sie gehört zu den schamvoll versteckten Produkten der kapitalistischen Produktion; sie wird exportiert und wieder reimportiert. Die Armut der andern ist der Schatten der Erfüllung des Gewinnstrebens der Reichen.
    Die Banken und die verwalteten Schulden (das Kreditsystem) sind der Realgrund und die ideelle Widerspiegelung zugleich der Armut in der Gesellschaft.
    Hält die sogenannte „sumerische“ Sprache (als agglutinierende Sprache) nicht die Erinnerung an den Ursprung der durch die Logik der Schrift verursachten Änderungen der Sprache fest (Turmbau zu Babel)? Ist sie nicht gleichsam der embryonale Zustand der flektierenden Sprache?
    Bezeichnet der Staub in der Sündenfallgeschichte (wie die Schlange, die ihn frißt) auch einen sprachlichen Sachverhalt, das Produkt der Vermahlung der phonetischen zur Schriftsprache: die Buchstabenschrift?

  • 5.9.1994

    Es ist ein Unterschied ums Ganze, ob Religion sich an der Rechtfertigung, der Idee Sündenvergebung, oder an der Verwirklichung der Gerechtigkeit, der Beseitigung der Not, orientiert.
    Gewaltverhältnisse sind von einzelnen Akten der Gewalt, die grundsätzlich darauf abzielen, Gewaltverhältnisse zu schaffen, zu unterscheiden. Gewaltverhältnisse sind die Innenseite des Begriffs, mit der Erinnerung ihres eigenen Ursprungs enthalten sie ins sich die verdrängten Erinnerungen an den Ursprung des Begriffs.
    Die Logik der Schrift (als Logik der Sprache des Staates) ist die Voraussetzung und die Verhinderung der Utopie zugleich. Die Logik der Schrift terminiert im Kreuzestod, und dessen Instrumentalisierung (in der Opfertheologie) geht einher mit der Instrumentalisierung der Schrift, deren Erbe und Opfer zugleich der Fundamentalismus ist.
    Sind nicht die Deklinationen, die das Substantiv konstituieren, Deklinationen des Begriffs: Ausdruck der Herrschafts- und Gewaltbeziehungen? In welcher Beziehung stehen die Deklinationen zu den Konjugationen? Ist nicht die Satzkonstruktion, die Regelung der Stellung der Satzelemente (Subjekt, Verb, Objekt, Nebensätze) im Satz, auch Ausdruck der Sprachlogik? Und weist nicht die deutsche Gewohnheit, zusammengesetzte Verben auseinander zu reißen, und den präfigierten Teil ans Ende des Satzes zu setzen, auf die besondere Affinität der deutschen Sprache zur Herrschaftslogik hin („Und weist nicht … hin?“ anstatt „Und hinweist nicht …?“)? Hier wird das Verb zum Käfig, zur Isolationszelle, in die der Satz – wie ein Tier im Zoo oder ein Terrorist im Hochsicherheitstrakt – eingesperrt wird. Genau das aber ist insbesondere der Grund, aus dem die grammatisch-logische Konstruktion des „Substantivs“ sich herleitet. Ist das deutsche Lehrer-Ideal (das Deutschlehrer-Ideal) des „vollständigen Satzes“ nicht ein Herrschaftsmittel; es wird von den gleichen Leuten gefordert, die selber nicht in der Lage sind, einen Sachverhalt korrekt ausdrücken, die ihren Schülern das Lesen verleiden, die sich aber für befähigt halten, Aufsätze zu zensieren. Ist nicht die Aversion gegen Literatur, die Unfähigkeit zur Sprachreflexion, diese besondere Art des Analphabetismus, ein Produkt des Deutschunterrichts in den Schulen?
    Kritische Kommunikationsfähigkeit lebt von der Fähigkeit zu Sprachreflexion, der Grund die Fähigkeit zur Schuldreflexion ist. Ist sie nicht im Katholizismus durch die Eucharistie (durch die Verdinglichung des Worts in der Sakramentenlehre insgesamt) ausgetrieben worden? – Auch eine Konsequenz aus der falschen Übersetzung von Joh 129.
    Die Tatsache, daß unsere Verwaltungen nicht mehr in der Lage sind, präzise und zugleich verständliche Texte herauszugeben, steht in einer logischen Korrespondenz zur Unfähigkeit von Informatikern („Software“-Herstellern), zu den Produkten, die sie herstellen, verständliche Produkt-Informationen (Handbücher, Gebrauchsanleitungen) zu liefern.
    Ein Staat, der sich nicht mehr verständlich machen kann, der nur noch funktioniert, kann nur als Gewaltstaat funktionieren.
    Zur Jotam-Fabel: Was haben Bäume und Könige – außer daß beide Kronen tragen – gemeinsam? Sind nicht die Kronen die Luftwurzeln der Bäume, und ist vielleicht der Baum der Erkenntnis der auf den Kopf getellte Baum des Lebens (und sind beide durch Umkehr aufeinander bezogen)?
    Steckt nicht in der Geschichte von den Feigenblättern und dem Tierfell schon die Geschichte der Opfer von Abel und Kain, gehört die eine nicht als Vorgeschichte zur anderen? Und ist nicht das Feigenblatt ein Symbol der Logik der Schrift (vgl. hierzu auch Johannes Scotus Eriugena)? Die Logik der Schrift ist die Logik der Trennung von Sprache und Realität. Kehrt nicht generell in den Brüderpaaren (Ismael und Isaak, Esau und Jakob, Moses und Aaron, aber auch Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, Jesus und Jakobus) das Brüderpaar Kain und Abel wieder?
    Das kopernikanische System und seine dynamische Begründung durch Newton sind grandiose Konstrukte zur Begründung und Stabilisierung des Inertialsystems.

  • 31.8.1994

    Die Logik der Schrift trennt nicht nur Welt und Natur, sondern auch Öffentlichkeit und Privatsphäre (sie konstituiert den Weltbegriff und die Öffentlichkeit, und macht damit überhaupt erst die Natur zur Natur und die unmittelbare Existenz zur Privatexistenz).
    Das Objekt ist ein Produkt der Schrift.
    Ist nicht die Logik der Schrift das Buch mit sieben Siegeln, deren Lösung die Sprache (das Wort) aus den Verstrickungen der Logik der Schrift befreit?
    War nicht die paulinische Gesetzeskritik eigentlich eine Kritik der Logik der Schrift, und war nicht das Wort vom Ende des Gesetzes die voreilige Ankündigung des Endes der Logik der Schrift, das (außer in der Erinnerung des Kreuzestodes) noch nicht eingetreten war? Aber der Kirche ist es dann „gelungen“, den Kreuzestod durch seine opfertheologische Neutralisierung zu neutralisieren und zu domestizieren.
    Gründen nicht die Probleme der paulinischen Theologie darin, daß er keine andere Wahl hatte: die Mittel der Kritik der Logik der Schrift (des Gesetzes) waren die Mittel der Logik der Schrift.
    Unterscheidet sich das Himmelreich vom Gottesreich wie die Erfüllung der Schrift (der Kreuzestod) von der Erfüllung des Wortes (der Erneuerung des Antlitzes der Erde)?
    Zur Thora: Ist die Lehre nicht in dem Augenblick, als „die Schrift sich erfüllte“, zum Gesetz geworden?
    Mit dem homousia ist die Logik der Schrift endgültig im Dogma verankert und Jesus nochmals gekreuzigt worden.
    Erfüllung der Schrift:
    – auf dem Wege nach Emmaus hat Jesus den Jüngern (deren Augen „gehalten wurden“ und die ihn dann erst am Brotbrechen erkannten) anhand der Schriften (Moses und der Propheten) nachgewiesen, daß Christus „dies alles leiden“ mußte, bevor er in seine Herrlichkeit eingehen konnte (Lk 2425ff); und zu Maria Magdalena sagte er: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren“ (Joh 2017);
    – die Reden in der Apostelgeschichte (die des Petrus am Pfingsttag, die des Stephanus vor seiner Steinigung, aber auch das Gespräch des Philippus mit dem Aethiopier) beziehen sich, wie es scheint, ausschließlich auf das, was man die Erfüllung der Schrift nennen könnte, nicht aber auf die Erfüllung des Worts, die noch aussteht.
    Ist nicht das Feuer ein Symbol der Gottesfurcht, und sind Fegfeuer und Hölle nicht projektive Verkörperungen der verdrängten Gottesfurcht?
    Ist nicht am neuen Welt-Katechismus im Detail abzulesen, in welche Engführungen und in welche Verstrickungen (oder: in welche Versuchungen) die Logik der Schrift heute hineinführt?
    Wie verhält sich das: Im Schöpfungsbericht, der sich begreifen läßt als eine Geschichte von Katastrophe und Rettung, ist die Schöpfung das Werk Elohims; der Geschichte vom Sündenfall zufolge ist das katastrophische Element in der Schöpfung bedingt, verursacht durch die Sünde Adams (nach Joh 129 die „Sünde der Welt“).
    Über die neutralisierende Gewalt der Orthogonalität (die Neutralisierung der Differenz zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion).
    Et ne nos inducas in tentationem: Diese Versuchungen, sind das nicht (wie die Versuchungen Jesu nach seinem Aufenthalt in der Wüste) die Versuchungen der Logik der Schrift?
    Ist nicht die scientia, der Ursprung der Wissenschaft im Kern der christlichen Theologie, die Rache der Gnosis an der Theologie?
    Die drei Leugnungen beziehen sich auf das Verhältnis des Wortes (des Logos) zur Logik der Schrift (deren Vollstreckerin die Kirche seit ihrem Ursprung gewesen ist).

  • 29.8.1994

    Die Logik der Schrift ist die Logik der verandernden Kraft des Seins; sie ist die Grundlage sowohl der drei kantischen Totalitätsbegriffe als auch der daraus entfalteten idealistischen Systeme.
    Durch die Schrift verändert sich die Beziehung der Sprache zur Zeit und zum Objekt (zu dessen Konstituentien die Vergegenständlichung der Zeit gehört) sowie der Begriff des Subjekts.
    Die Logik der Schrift neutralisiert das Geschlecht der zweiten Person: die Sprache wird zölibatär (in der hebräischen Sprache behauptet sich die Sprache gegen die Logik der Schrift, während im Griechischen die Logik der Schrift als Sprachlogik sich entfaltet: in der Grammatik).
    Das subjektive Korrelat der Logik der Schrift ist die Bekenntnislogik (zu deren Vorgeschichte der Name der Barbaren gehört).
    Mit dem „Seid klug wie die Schlangen“ rechtfertigt und relativiert Jesus den Gebrauch der griechischen Sprache.
    Aus dem Bann der Urteilslogik heraustreten, heißt, als erstes begreifen, daß die Sprache der Welt nicht äußerlich ist, daß sie zu den Konstituentien des Weltbegriffs gehört, daß sie nicht nur Schriftsprache ist.
    Die Logik der Schrift ist ein Produkt der Herrschaftsgeschichte und in sie verflochten (verstrickt).
    Es ist die Logik der Schrift – und nicht erst die Philosophie -, die den Tod verdrängt, indem sie ihn in ihre Struktur mit aufnimmt und so neutralisiert (die Schrift – und hier gründet ihre Beziehung zum Inertialsystem – ist die Todesgrenze).
    Die Logik der Schrift begründet die Idee der Wissenschaft und trennt Natur und Welt. Sie ist der Grund, aus dem das Reich der Erscheinungen hervorgeht.
    Ist nicht Matthäus der apokalyptische Evangelist, während Johannes Evangelist und Apokalyptiker in getrennten Rollen ist?
    Die Logik der Schrift rührt an den Himmel, aber nur an die Seite des Wassers; die Seite des Feuers ist nur durch die Kritik der Logik der Schrift hindurch zu erkennen. Die getrennte Konstituierung der Logik der Schrift gründet im Sündenfall. Symbol der Logik der Schrift ist die Schlange, die auf dem Bauche kriechen und Staub fressen soll (und am Ende der Drache: was bedeuten dann die sieben Köpfe und zehn Hörner?).
    Die Logik der Schrift, das Opfer und die Idee der Stellvertretung: die Begründung der Hierarchie. Verantwortung wird durch Delegation zur Unkenntlichkeit neutralisiert. Im Bereich der delegierten Verantwortungen (der Kompetenzen- und Zuständigkeitsregelungen) weiß niemand mehr, was er tut. Die Gemeinheit hat delegierte Verantwortung, das Prinzip der Stellvertretung, als Existenzgrund.
    Das Fernsehen, oder über den Zusammenhang von Erwählung und Delegation.
    Wer das Transzendentale mit der Transzendenz verwechselt, macht Gott zur Exkulpationsmaschine und zum Garanten der Verdinglichung.
    Dimitte nos debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris: Ist das nicht ein Erkenntnisprinzip, die Warnung vor dem projektiven Anteil in jeder urteilenden Erkenntnis?
    Im Allerheiligsten wurde die Tafel mit den Geboten Gottes aufbewahrt: War darin nicht der Gottesname verschlüsselt gegenwärtig (und war deshalb der Tempel das Haus Seines Namens)?
    War auch der zweite Tempel das Haus Seines Namens?
    Adornos Texte unterscheiden sich von anderen philosophischen Texten, daß jeder Satz die Reflexion der Logik der Schrift in sich enthält.
    Sind nicht die Confessiones, die des Augustinus wie auch die Rousseaus, Versuche, aus dem Versteck, der die Schrift auch ist, herauszutreten?
    Die Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt u.a. darin, daß es im Zentrum der Physik den Punkt bezeichnet, der die Grenze der Logik der Schrift markiert.
    Längenkontraktion und Zeitdilatation gründen in den Gleichungen der Lorentz-Transformation. Aber ist in der Struktur dieser Gleichungen – ähnlich wie in der Struktur der Exponentialfunktion im Planckschen Strahlungsgesetz – nicht ein Moment enthalten, das auf die Orthogonalitätsstruktur verweist, sie in die physikalische Dynamik mit einbezieht? Oder genauer: Ist nicht die Beziehung der elektrodynamischen zu den mechanischen Prozessen (der Strahlungsprozesse zu den kinetischen Vorgängen) eine orthogonale?
    Woher kommt das Suffix -ment (Parlament, Dokument), und was bedeutet es? Sind nicht die Prä- und Suffixe und das Gesamtsystem der Flexionen die Repräsentanten des Inertialsystems in der Logik der Schrift? Die Objektivation insgesamt verdankt sich der Logik der Schrift: Diese begründet die gleiche Distanz, die als Distanz zum Objekt durch die Distanz vermittelt ist, die – nach der Dialektik der Aufklärung – der Herr durch den Beherrschten gewinnt.

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