Das Gebet ist die Antwort auf die Einsicht, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht.
Die jüdische-christliche Tradition unterscheidet sich vom gegenwärtigen Utopiebegriff dadurch, daß sie die Vergangenheit (die Natur) in die Utopie mit hereinnimmt.
Wenn das Jüngste Gericht das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht ist, heißt das nicht auch: Hegels Geschichtsphilosophie gegen den Strich bürsten?
– Der evangelische Rat des Hörens ist der Ausgangspunkt einer Kritik der Logik der Schrift,
– die Armutsforderung liegt der Kritik des Geldes (des Kapitalismus) zugrunde,
– das Keuschheitsgebot der Herrschaftskritik.
Der dem Begriff der Keuschheit korrespondierende Begriff der Unschuld ist immer als natürliche Unschuld, als Unschuld vor der Sünde, verstanden worden. Aber diese Unschuld hat es nie gegeben. Muß dann nicht auch die Keuschheitsforderung auf das Werk der Versöhnung bezogen werden?
Unschuld und Glück sind korrespondierende Begriffe. Beide sind nicht am Anfang, sie sind nicht etwas zu Bewahrendes; sie sind Ziel, nicht Ursprung (Unschuld ist zu gewinnen durch Sündenvergebung).
Ist nicht die Opferfalle eine Unschuldsfalle: Wer reines Opfer ist, für den ist der Täter, der Schuldige, erkennbar.
Das Wahrnehmungsorgan der Sensibilität ist die Sprache (das Hören).
Der Satz: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, beweist schlagend die Asymmetrie von Ethik und Recht. Er ist insofern der Beginn einer Gottesbeweises, als er gegen die Hypostasierung des Rechts die Ethik als prima philosophia zu begründen vermag (die Ontologie schützt die Gemeinheit).
Die Universität ist die Tathandlung, die Fichtes Wissenschaftslehre begründet.
Die Sprache konstituiert die Welt; weshalb sprengt dann die Todesangst das All? Ist das Neutrum (und sind die ihm korrespondierenden grammatischen Strukturen) das Produkt der Verdrängung der Todesangst?
Was bedeutet es eigentlich, daß in den semitischen Sprachen auch die zweite Person schon (oder noch) geschlechtsbezogen (männlich oder weiblich) ist? Hinweis: Ein Neutrum wäre in der zweiten Person nicht denkbar; und die Verschiebung der Geschlechtsabhängigkeit in die dritte Person verändert die Beziehung zur Sexualität insgesamt.
Während es die Aufgabe der Geschichtsschreibung zu sein scheint, die Vergangenheit stillzustellen (so daß sie die Gegenwart nicht mehr beunruhigt oder belastet), hatte die jüdische Geschichtserinnerung die irritierende Eigenschaft, die vergangenen Sünden zu erinnern (bis hin zur Sünde Adams, zur „Sünde der Welt“). Hier gründet die verhängnisvolle Wirkung, die der christlichen Erlösungslehre sich verdankt: Durch eine geringfügige Verschiebung (durch Herausnahme der Übernahme der Sünde der Welt aus dem Nachfolgegebot, mit der Konsequenz der Opfertheologie und der Vergöttlichung Jesu) hat sie der Erinnerung, dem Eingedenken, den Weg verstellt.
Nicht zufällig hat die Aufklärung (bis hin zu Hegel) den Sündenfall als Akt der Befreiung verstanden.
Der Hinweis im neuen Weltkatechismus, daß „Himmel und Erde“ ein mythischer Ausdruck für alles, was ist, sei, leugnet den Sündenfall und bringt in die Theologie einen Widerspruch hinein, der in ihr nicht mehr zu lösen ist: der die Wahrheit, und mit ihr die Menschen, aus der Theologie heraustreibt (abtreibt). Hier gründet das projektive Moment in der kirchlichen Stellung zur Abtreibungsdebatte. Aber wird mit den Frauen nicht die einzige in der Schrift bezeichnete Instanz, die die Feindschaft gegen die Schlange repräsentiert, aus der Kirche herausgetrieben?
Paulus hat nicht „die Gemeinde“ (die Kirche) verfolgt, sondern er war verantwortlich für einen Mord: die Steinigung des Stephanus. Bei seinem ersten Besuch in Jerusalem waren es die „Hellenisten“ (nicht die Juden), deren Angriffen er ausgesetzt war, und während er nach dem Galaterbrief nur Kephas (und den Herrenbruder Jakobus) getroffen hat, ist er nach der Apostelgeschichte „bei den Jüngern“ aus- und eingegangen. Salus/Paulus hat den Zebedäussohn Jakobus offensichtlich nicht mehr getroffen (die Hinrichtung des Jakobus war später als die Verfolgungen des Saulus, aber vor dem ersten Besuch des Saulus in Jerusalem).
Der erste „Bischof“ in Jerusalem war der „Herrenbruder“ Jakobus (der zum „Apostel“ als nachträglicher „Zeuge“ der Auferstehung geworden ist, vgl. 1 Kor 157).
Verfolgungen in Jerusalem:
– durch Hohepriester/Sadduzäer: die Apostel (Apg 517ff),
– durch „einige aus der Synagoge, welche die der Libertiner und Cyrenäer und Alexandriner genannt wird“ und Saulus: Stephanus und die „Gemeinde“, die „Hellenisten“ (Apg 69ff),
– Herodes: Hinrichtigung des Johannes-Bruders Jakobus (einer der Zebedäus-Söhne) und Gefangennahme des Petrus (Apg 121ff).
Sprache
-
3.7.1994
-
2.7.1994
Es gibt keine Erinnerung ohne Vergessen: Das nachtragende Gedächtnis (das Elefantengedächtnis, in der Geschichte der Nationalismus, aber auch die Mathematik) zerstört die Erinnerung durch seinen Egozentrismus (durchs Selbsterhaltungsprinzip, auch das von Kollektiven: durch den Weltbegriff, den Inbegriff der durchs Selbsterhaltungsprinip definierten Objektivität). Der Weltbegriff ist der Inbegriff des nachtragenden Gedächtnisses und seiner Logik. „Verstehen Sie Spaß?“ Dieser Spaß fängt dort an, wo er im Ernst aufhören sollte: bei der Gemeinheit. Wie hängen Ursprung und Logik der Schrift mit dem Ursprung und der Logik des Weltbegriffs (mit dem Ursprung der Bekenntnislogik und des Schuldverschubsystems) zusammen? Ist nicht die historische Bibelkritik ein Produkt der Anwendung der Logik der Schrift auf ein Werk, das nur als Kritik dieser Logik verstanden werden kann? Die Grammatik ist das Medium, in dem die Logik der Schrift in der Sprache sich entfaltet. Insbesondere die indogermanischen Sprachen scheinen den Ursprung der Schrift schon vorauszusetzen, aus der Anpassung an die Logik der Schrift sich herleiten zu lassen (über den Ursprung des Neutrum, der veränderten zeitlichen Organisation der Sprache, und zusammen mit dem Ursprung des Weltbegriffs).
-
29.6.1994
Fußball ist als Siegerspiel ein Spiel für Verlierer; sein Haupteffekt scheint die Kompensation nationaler Demütigungen zu sein. Und wenn es in den USA bis heute nicht populär geworden ist, hängt das nicht damit zusammen, daß die USA das einzige Land der Welt sind, das weder ehemaliger Besitzer von Kolonien, noch Opfer der Kolonialherrschaft gewesen ist, noch zu den von der Okkupation oder auch nur der Vorherrschaft der Nazis betroffenen Ländern gehörte?
Daß die Substanz Subjekt ist, ist die genaueste Definition des Neutrum wie der Schlange. Die Substanz ist Subjekt, weil sie von dem Staub Adams sich nährt.
Der Name Adams kommt von adama, Acker. Ist die Sklaverei, die Herrschaft von Menschen über Menschen, nicht zusammen mit der Kapitalisierung von Grund und Boden entstanden, mit der Überführung von Grund und Boden in tauschbares Privateigentum (mit der Schuldknechtschaft)?
Woher kommt der Name der Materie, wer hat wann das griechische hyle so ins Lateinische übersetzt? Kann es sein, daß es sich bei der Übersetzung der griechischen Philosophie ins Lateinische schon um die Übersetzung aus dem philosophischen in einen staatlich und rechtlich definierten Kontext handelte (und gründet darin die sprachlogische Differenz der Begriffe physis/ natura und kosmos/ mundus)? Wer waren die ersten lateinischen Philosophen; war nicht die Stoa, deren systematische Struktur an die Sprachlogik des Römischen Imperiums erinnert, die erste Gestalt der lateinischen Rezeption der Philosophie? Ist der Begriff der Materie ein stoischer Begriff?
Hyle (Holz) ist physei: das Erzeugte; Materie ist auf die Geburt (nicht die Zeugung) bezogen: die Indifferenz der Gebärenden und des Geborenen (natura). Erst die lateinische Materie ist das Träge, das Zugrundeliegende, das rein passive Element.
Die memoria passionis (Metz) greift zu kurz, sie wird zum Grund und Motor des Selbstmitleids, sofern und weil sie
– die Ohnmacht und Passivität des Nachgeborenen nicht auflöst, daran verzweifelt, daß die Liebe auch die Vergangenheit zu erreichen vermag, und deshalb
– die Schulderinnerung ausklammern, verdrängen und projektiv verarbeiten muß.
Hier liegt der logische Grund der opfertheologischen Verarbeitung des Kreuzestodes, der parvus error in principio jeder Leidensmystik. Darauf verweist auf eine nachgerade providentielle Weise der Begriff des Bekenntnisses, der nur über die Reflexion des geschichtlich-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs auf das homologein zurückzuführen ist.
Ist die Umkehr nicht ohnmächtig gegen die Härte des Raumes, in dem jede Umkehr (als Drehung des Raumes in sich selber) in den gleichen Raum zurückführt? Die Form des Raumes ist das Instrument der Vernichtung der Umkehr.
Walter Benjamins Wort, daß im Kleinbürger Teufel und arme Seele nicht mehr sich unterscheiden lassen, wäre heute durch den Hinweis darauf zu ergänzen, daß die historischen Naturkatastrophen dieses Jahrhunderts (der Modernisierungschub des Faschismus) zum Kleinbürger keine Alternative mehr kennt. Teufel und arme Seele zugleich: das ist das immanente telos des transzendentalen Subjekts.
Zum Begriff der Fortpflanzung des Lichts im Raume und zum Begriff der Materie: Steckt nicht im evangelischen Rat der Keuschheit die ganze Kritik der Naturwissenschaften?
Sind nicht die Planeten in der Tat Irrsterne?
Paulus war der erste, der den Naturbegriff in die Schrift und in die Theologie eingeführt hat. Hier spricht er „wie ein Drache“ (Off 1311). -
28.6.1994
Die Erinnerung des Leidens (Metz) ist nur die eine, „objektive“ Seite der Sache (die für sich nur das Selbstmitleid, die fatale Tradition der christlichen Leidensmystik, begründet), das verteidigende, parakletische Denken die andere: ihr Symbol ist die Idee der Auferstehung der Toten (vgl. hierzu die grandiose Stelle in Büchners „Lenz“).
Die Erlösung kommt „wie ein Dieb in der Nacht“: Die Totalität der Nacht (die Finsternis über dem Abgrund) ist das Objekt.
Es genügt nicht zu sagen, daß der Schöpfungsbericht sich auf einen anderen Bereich bezieht als die Naturwissenschaften. Es käme vielmehr darauf an, die Beziehung beider zu bestimmen. Diese Beziehung ist bestimmbar über den Begriff der Umkehr.
Welche und wieviel Siebener-Gruppen gibt es in der Apokalypse, und in welcher Beziehung stehen sie zu einander?
Die Lösung der sieben Siegel: die Peripherie ist das Zentrum, und der Ursprung das Ziel. Die intentio recta ist das Medium des Sündenfalls (der Verstrickung ins richtende Denken).
Ist nicht der Name des Universums der deutlichste Name der Welt, gleichsam die logische Handlungsanweisung zur Konstituierung des Weltbegriffs? Die Logik des Universums, die schon den antiken Kosmologien zugrundeliegt, ist die Logik der Geldwirtschaft (ablesbar an der Geschichte der Banken: hier gründet das Sein, auf das die Hegelsche Logik als ihren Ursprung sich bezieht).
Wer die Substanz zum Subjekt (und die Menschen zu einem Teil der Welt) macht, leugnet die Freiheit der Kinder Gottes und damit den Heiligen Geist.
Ist nicht der Heilige Geist der „Gegenstand“, auf den das Wort vom Binden und Lösen sich bezieht; und gewinnt nicht in diesem Zusammenhang die These, daß die Kirche bis heute nur gebunden, nicht gelöst hat, ihren ungeheuren Sinn? Gehört nicht zum Wort vom Binden und Lösen das apokalyptische Wort vom Lamm, das allein würdig ist, die sieben Siegel des Buches zu lösen; das Wort, das Joh 129 in die Perspektive der Nachfolge rückt?
Die Vorstellung einer absoluten Vergangenheit leugnet Gott. Auch die Toten gehören als dessen Abbild zum Angesicht Gottes. Die Erfindung der Tiefenzeit gehört zu den Voraussetzungen der Vergesellschaftung von Herrschaft.
Sind nicht die sieben Siegel Totalitätsbegriffe, auf die unsere Sprache, unser Bewußtsein und unser Denken versiegelt ist? Dazu gehören die drei kantischen Totalitätsbegriffe: Wissen, Natur und Welt, aber auch schon die griechischen (die projektiven Urbegriffe der Philosophie): die Barbaren und die Materie, insbesondere aber das Sein.
Wie oft und an welchen Stellen kommt der Name der Barbaren in der Schrift vor (wie in 2 Makk und in der Apg, beim Schiffbruch vor Malta)?
Die Drehung des Raumes um jede seiner drei Achsen führt ihn in seine Ursprungsgestalt zurück: deshalb ist die Raumvorstellung der Generator der neutralisierten Dingvorstellung (des Objektbegriffs, der der Urteilsform zugrunde liegt).
Ist die Kritik der Orthogonalität (Kritik der Urteilsform) der Grund der Kritik der Naturbeherrschung? Die Dreidimensionalität des Raumes ist der Grund des Objektbegriffs: Der Objektbegriff ist der Grund, auf dem der babylonische Turm erbaut wurde, und zugleich der Wirbel, der die Sprache verwirrt.
Die Vorstellung, daß die Sprache auf eine außer ihr (und ohne sie) bestehende Wirklichkeit sich bezieht, ist wahr und unwahr zugleich: Sprache konstituiert ebensosehr die Wirklichkeit, wie diese Wirklichkeit zugleich als mächtiger als unsere Sprache sich erweist. Im Kontext dieser (durchs Inertialsystem definierten) Vorstellung ist die Welt alles, was der Fall ist. Die darin begründete Entmächtigung der Sprache ist die Selbstzerstörung ihrer benennenden Kraft.
Die Ablösung der Sprache von der Wirklichkeit ist eine Leistung des Weltbegriffs (der so Sprache und Welt zugleich verändert: der neue „Welt-Katechismus“ der Kirche verdient diesen Namen in der Tat).
Die hebräische Sprache ist keine Ursprache, sondern Ausdruck einer Beziehung zur Sprache (einer gegen die Logik der Schrift sich behauptenden Sprachlogik), die den Keim der Utopie in sich enthält. Sind nicht die sogenannten Quellen der biblischen Texte (J, E, Dt) Ausdruck differierender Sprachlogiken, die erst in ihren wechselseitigen Beziehungen, in ihren Reflexionsbeziehungen, Anteil an der Wahrheit gewinnen? Drückt nicht im Namen des Hebräischen diese gespannte und kritische Beziehung zur Logik der Schrift (der Zwang zur Symbollogik) sich aus?
Kann es sein, daß, was in den „Quellen“ des biblischen Textes nebeneinander sich präsentiert, in der Geschichte des Christentums in eine zeitliche Folge (in die Geschichte der drei Leugnungen) transformiert wurde?
Die Vätertheologie war eine monastische, ein Mönchs-Theologie, Resultat einer Flucht vor der Welt, aus der als einer heidnischen Welt die Christen in der Erwartung ihrer apokalyptischen Umgestaltung in die Glaubensgestalt der Utopie sich zurückgezogen hatten. Der Glaube blieb der Welt ebenso feindlich, wie er gegen sie hilflos war. Nur als Kirche war der Glaube gezwungen, sich in der Welt zu etablieren. Die Welt, in der sie sich vorfand, war die Welt des Römischen Imperiums, mit der sie nach der „Bekehrung“ Konstantins glaubte, sich aussöhnen zu können und zu müssen. Auf dieser Grundlage hat die Theologie in der Scholastik – und der Anstoß dazu kam vom Islam – als kirchen-imperialistische Weltphilosophie sich etabliert (mit dem mönchischen Hintergrund der Bettelorden und der Inquisition).
-
27.6.1994
Gründet der sprachlogische Unterschied zwischen den indogermanischen und den semitischen Sprachen (der Ursprung des Neutrum, der in der biblischen Tradition im Bild der Schlange vorgestellt wird) in der Logik der Schrift? Und wie hängt die „Erfindung der Schrift“ mit dem Turmbau zu Babel zusammen? Hat die babylonische Sprachverwirrung – etwas mit dem Namen des Teufels (des diabolos, des Verwirrers) zu tun und – bezeichnet sie nicht eher eine neue logische Struktur der Sprache als die Ablösung der Sprachen von einer gemeinsamen Ursprache und ihre endgültige Trennung in verschiedene Sprachen? Bezieht sie sich damit nicht auf den Ursprungsakt des Indogermanischen: den Ursprung des Neutrum? Und ist die „Verwirrung“ nicht der Ursprungsort des Schuldverschubsystems im Kern der Srpachlogik: symbolisiert im Kelchsymbol, in der Trunkenheit, im Taumelbecher (Geld, Bekenntnis, Inertialsystem)? Der Staat, die Familie und das Privateigentum gründen in der Logik der Schrift (und darauf beziehen sich die drei evangelischen Räte). Hat der Satz, daß die Gotteserkenntnis am Ende die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Meeresboden bedecken, etwas mit dem Thalesschen „Alles ist Wasser“ zu tun? Auch beim Exodus aus dem Sklavenhaus des Begriffs werden die Erstgeburten der Ägypter getötet und die Schätze der Ägypter geraubt. Die Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft ist der Grund, aus dem die drei Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt hervorgehen. Repräsentiert nicht das Präfix be- das „hinter dem Rücken“ (bekehren, bekennen, bearbeiten), und gehört es damit nicht zur Ursprungsgeschichte des Neutrums? Und liegt hier nicht der Grund für seine Verwendung als Infinitiv von Sein im Englischen (vgl. Rosenzweigs Hinweis auf die „verandernde Kraft“ des Seins)? Das Hinter dem Rücken ist eine Emanation der Finsternis. Dieser Satz hängt zusammen mit der Objektdefinition (Inbegriff der Nächte, der Finsternisse, die die Schöpfungstage von einander trennen). Was bedeutet im Judas-Brief (wer ist sein Verfasser?) die merkwürdige Stelle, wonach Michael und Luzifer sich um den Leichnam des Moses streiten, und ist diese Stelle eigentlich wirklich damit erledigt, daß man ihre Herkunft angeben kann (nach Origenes aus dem apokryphen Buch „Die Himmelfahrt des Mose“)? Werden nicht durch die Judas-Zitate auch diese „Himmelfahrt des Mose“ und die Henoch-Apokalypse wichtig? Vor allem: Wen repräsentieren hier Michael und Luzifer? Die Dogmengeschichte ist die Geschichte der fortschreitenden Abstraktion vom Zeitkern der Wahrheit (ihrer fortschreitenden „Ent-Prophetisierung“). Diese Geschichte fällt unter das Wort „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Das im wörtlichen Sinne „Verrückte“ an der Hegelschen Philosophie liegt darin, daß er in dieser Geschichte der Abstraktion vom Zeitkern der Wahrheit selber wiederum einen Zeitkern entdeckt hat. Das Fernsehen als Säkularisation von Platos Höhlengleichnis. Zu den Summenzahlen: 153 liegt 3×6-1 zugrunde, 276: 4×6-1, und 666: 6×6. Sind Merkur und Venus Sonnenplaneten, Mars, Jupiter und Saturn Mondplaneten? Philosophie als „Eingedenken der Natur“: Läuft das nicht auf den Versuch hinaus, den Wahnsinn, dem die Bewußtseinsgeschichte zusteuert, von innen aufzusprengen? Die Anwendung des Wortes vom Binden und Lösen auf die kirchliche Bußpraxis, auf das Sakrament der Beichte, hat die Logik des Rechts zur Grundlage der Sündenvergebung gemacht, wobei das Grundproblem des Rechts (Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: das Problem der Heuchelei, das Beweisbarkeitsproblem in jeder Urteilslogik) das theologische Verständnis des Bußsakraments nicht unberührt gelassen hat. Hier liegt der Grund für die Probleme, die heute so viele Katholiken mit der Beichte haben (daß das Schuldproblem, das im Namen von Auschwitz sich anzeigt, im Bußsakrament nicht faßbar ist und nicht gelöst wird).
-
24.6.1994
Zur Theorie des Feuers und zur Unterscheidung von Völkern („Heiden“) und Nationen:
– Jer 5158 („Die breite Mauer Babels wird bis auf den Grund zerstört und seine hohen Tore verbrannt werden, sodaß Völker sich quälten für nichts und Nationen fürs Feuer sich abmühten“) und
– Hab 213 (mit der Umkehrung: „Völker arbeiten fürs Feuer, und Nationen mühen sich ab für nichts“).
Kann es sein, daß die Erschaffung der Pflanzen am dritten und der Tiere am sechsten Tag (die beide „aus der Erde hervorgehen“) auf einen sprachlichen Sachverhalt verweisen? Kann man die Pflanzen den Verben und die Tiere den Nomen (den „Substantiven“: mit der Schlange, dem „klügsten aller Tiere“ als Neutrum) zuordnen? Vgl. dazu:
– die beiden Nahrungsgebote (und ihre gesellschaftliche Zuordnung zu Freiheit und hierarchischer Herrschaft) und
– die Opfer Abels und Kains (Gott nahm das Opfer Abels, ein Tieropfer, an, während er das Opfer Kains, der von den Früchten des Feldes opferte, nicht ansah).
Ist nicht jedes Opfer ein „Tieropfer“, während das Früchteopfer an die Wurzel der benennenden Kraft der Sprache rührt (und zielt nicht die Konstellation von
– Rache: das Blut Abels schreit zu Gott, und der kainitische Lamech rächt sich siebenundsiebzigmal, und
– Vergebung: das Kreuzesopfer ist nach Karl Thieme das erste, das nicht nach Rache schreit, sondern um Vergebung bittet, und Jesus fordert Petrus auf, nicht siebenmal sondern siebenmal siebzigmal zu vergeben,
auf das Verhältnis von Zerstörung und Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache)?
Das Problem der Opfertheologie ist ein Sprachproblem, die Geschichte der Opfertheologie ist die Geschichte des Nominalismus.
Ist der Bruch, der im Katholizismus mit dem ersten Weltkreig eingetreten ist (und nach dem zweiten sich vollendet hat), nicht an der Stelle eingetreten, an der die Gemeinheit endgültig eingebrochen ist und die Theologie überschwemmt hat?
Das Transzendentale und das Transzendente sollten nicht verwechselt werden: Das Transzendentale verbleibt im Bann der Subjektivität (der subjektiven Formen der Anschauung).
Welcher Jakobus gehört zu den „drei Säulen“: der Zebedäussohn oder der Herrenbruder?
Die Zebedäussöhne sind die Donnersöhne, aber Johannes, einer der beiden Donnersöhne, darf, was die sieben Donner verkünden, nicht aufschreiben.
Das Wort, wonach Gott „die Welt erschaffen“ hat, kommt nur bei Paulus, und zwar zuerst in Athen und dann im Römerbrief, vor.
In jeder Abstraktion steckt ein Stück Wut, und was hat es mit dem furor teutonicus auf sich?
Das Heil kommt von den Juden, aber Jesus war gesandt zu den verlorenen Stämmen Israels. Wann ist der Name „Jude“ entstanden, und was drückt er aus? Was bedeutet es, wenn die Kirche gegen die jüdische Tradition und Kanonbildung die Makkabäerbücher, das Buch Judit u.a. in ihren Kanon mit aufgenommen hat (Berichtigung der Thesen von Hyam Maccoby durch Eisenmann/Wise als Lösungsansatz: Differenzierung der Konstellation Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer, Essener; Einbeziehung der „Essener“ in die makkabäisch-zelotische Tradition)?
Wer war Alexander Jannai?
Führt nicht Adornos Konzept der vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte in seiner Anwendung auf die christliche theologische Tradition (die selber schon ein Säkularisationsprodukt ist, in die Geschichte der Säkularisation eingebunden ist) in eine double-bind-Falle?
Mit der Feststellung der Identität von träger und schwerer Masse in der Allgemeinen Relativitätstheorie hat Einstein den Punkt in der Physik bestimmt, auf den Joh 129 sich bezieht: Die Konstruktion der Last, die in der Vergegenständlichung des Vergangenen gründet.
Der Dingbegriff gründet im Opfer; deshalb ist der Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer, der Kern der Kritik der Verdinglichung.
Heute verstecken sich alle in ihrem Winkel und murmeln vor sich hin: Ich habe doch nichts getan. -
23.6.1994
Die subjektiven Formen der Anschauung sind der Pfropf im Ohr.
Die mathematische Form des Raumes trägt sich nicht selber, sondern sie wird getragen
– durch das Interesse an der Abstraktion, die in ihr gegenständlich wird, wobei
– diese Abstraktionsgestalt selber als System von Abstraktionen sich erweist, die durch Verschiebung sich wechselseitig tragen.
Läßt diese Abstraktionsgestalt sich nicht an der architektonischen Form der gotischen Kathedrale ablesen (hier gründet die Beziehung der mittelalterlichen Architektur zur Scholastik)?
Daß jede Dimension im Raum wie die andere ist, keine von der andern sich unterscheiden läßt, heißt, daß in jeder Dimension jede andere sich blind reflektiert, wobei diese Blindheit lähmt, wie umgekehrt die Lähmung blind macht (Zusammenhang von Sünde und Schuldverblendung: Die Freiheit der Kinder Gottes wäre das Resultat der Aufhebung beider).
Heute ist die Welt insgesamt in die Totalabstraktion ihrer „Überzeitlichkeit“ versetzt. Es kommt jetzt darauf an zu begreifen, daß die Wahrheit einen Zeitkern: einen Aktualitätskern, hat.
Benjamins These, daß die Geschichte bis heute aus der Sicht des Siegers geschrieben worden ist, ist zu differenzieren: Es handelt sich nicht nur um einen Sieger. Zu den Siegern gehören
– die Kirche, die die Zeitrechnung definiert (die orientalische Geschichte in die absolute Vergangenheit gerückt) hat,
– der Imperialismus, der diese Vergangenheit zur Projektionsfolie seiner eigenen Wünsche und Ziele gemacht hat, und
– die Naturwissenschaften, die mit der „Entdeckung der Tiefenzeit“ die Vergangenheit insgesamt (unter Einschluß ihrer Beziehung zu Schöpfung und Erlösung) neutralisiert haben.
Die Verdinglichung ist ein Resultat des Lachens: Diese Konstellation ist der Grund des „Schreckens Isaaks“. – Gehorcht das Lachen nicht der gleichen Logik, der auch die Form des Raumes sich verdankt? Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung ein entsetzliches Gelächter und zugleich die Verdrängung des Bewußtseins davon? Eine Theorie des Feuers müßte diese Konstellation zur Grundlage haben.
Die subjektiven Formen der Anschauung sind das Gelächter, das uns im Halse stecken geblieben ist (oder auch das leere, gerinigte und geschmückte Haus, in das die sieben unreinen Geiter einziehen: die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger sein als die ersten – bezieht sich die Zahl 666 auf diesen Menschen?).
Es gibt ebenso viele Konstellationen des Gelächters wie es Charaktere gibt. Aber es gibt auch – und das führt die Freudsche Lehre in die Nähe der kantischen transzendentalen Ästhetik – einen Grundcharakter, der mit dem Freudschen Zwangscharakter, mit der Struktur der Paranoia, zusammenhängt. – Wie verhält sich der Charakter zum Angesicht? Und liegt hier nicht der Grund für die Wahrheit der These, daß jeder wie für seinen Charakter auch für sein Gesicht verantwortlich ist?
Zur Jotam-Fabel: Rührt die Weigerung der Bäume, König zu werden, nicht daher, daß sie nicht von ihrer Wurzel sich trennen lassen (und nur Krone werden) wollen – mit der einzigen Ausnahme des (wurzellosen?) Dornbuschs?
Die Kirche ist das Wort, das unter die Dornen und auf steinigen Grund gefallen ist.
Der biblische Schöpfungsbericht ist keine Kosmogonie oder Kosmologie, sondern deren prophetische Umformung. Er begründet keinen Staat, sondern begleitet kritisch seine Ursprungsgeschichte.
Zu den ersten drei Schöpfungstagen:
– Die Trennung von Licht und Finsternis begründet die Trennung von vorn und hinten;
– das Firmament trennt oben und unten;
– hängt die Trennung von rechts und links mit der Trennung des Trockenen vom Wasser, des Landes vom Meer (und der Hervorbringung der Pflanzen) zusammen (gründet hier die Unterscheidung des Tieres aus dem Meer von dem Tier vom Lande)?
Ist nicht auch das Christentum eine Rekapitulation der gesamten Geschichte, und repräsentiert Paulus die totemistische Phase dieser Geschichte?
Ist der
– „Herrenbruder Jakobus“ die Säule gegen den Antijudaismus,
– Petrus, der Fels, die Säule gegen die Ketzerfeindschaft und
– Johannes, der Jünger, den der Herr liebhatte und dem er seine Mutter ans Herz legte, die Säule gegen die Frauenfeindschaft (gegen die Sünde wider den Heiligen Geist)?
Es waren diese drei Apostel, die in Getsemane „nicht eine Stunde mit (ihm) wachen konnten“, das Erscheinen des Kelchs verschlafen haben. Weckt nicht das Krähen des Hahns alle drei?
Hat Gott die „großen Meeresungeheuer“ für den Jona geschaffen, und beschreibt das Buch Tobit den Frevel, daß der Fisch getötet wird (auch wenn Sara und Tobit geheilt werden): dafür wird Ninive am Ende doch zerstört?
Heute sind Kleinbürger die Kerube, die den Eingang des Paradieses mit dem kreisenden Flammenschwert bewachen.
Wodurch unterscheiden sich Symbolik, Metaphorik und Allegorie? Ist die Metaphorik das Bindeglied zwischen Allegorie und Symbol?
Zur Logik der Sprache:
– Was unterscheidet Prä- und Suffixe? Die Präfixe hängen mit den Präpositionen zusammen, die Suffixe sind Abstraktionssymbole (die Präfixe determinieren die Tätigkeit und seine Beziehung zum Objekt, die Suffixe determinieren den Begriff).
– In welcher Beziehung stehen die Prä- und Suffixe zur Geschichte der flektierenden Sprachen, zu Deklination und Konjugation? Was bedeutet es, wenn in den modernen europäischen Sprachen die Suffixbildungen sowohl in der Konjugation als auch in der Deklination aus den Wortbildungen herausgenommen, als Hilfsverben (und Personalpronomen) und als bestimmte Artikel (die die Deklination in sich absorbieren) vor das Wort gezogen und dagegen verselbständigt werden?
– Gibt es zu den Verbalpräfixen wie be-, ver-, zer-, ent- u.ä. Entsprechungen in den klassischen Sprachen? Sind sie nicht gleichsam Raumfunktionen, die die mit ihnen gebildeten Verben in ein wechselseitiges Reflexionssystem rücken, ihrer Bedeutungen in einander spiegeln (das Präfix als Ursprungspunkt eines mehrdimensionalen Verbsystems)? – Beziehung zur griechischen Entdeckung des Winkels und zum modernen Ursprung des Inertialsystems? Reflektiert sich in der Vollständigkeit dieser Präfixe der Abstraktionsprozeß, dem die Form des Raumes sich verdankt?
Zum „bedeutungsschwangeren“ Sinn von Sein gehörte es, daß Ideen im spätidealistischen Deutschland nicht mehr erzeugt, sondern „geboren“ wurden. -
21.6.1994
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ursprung (und der Logik) der Eucharistieverehrung und der Geschichte der Fälschungen im Mittelalter (vgl. die Funktion der List der Vernunft in der Hegelschen Philosophie)?
Die Habermassche Intersubjektivität und die darauf gegründete Diskurstheorie ist ein Produkt der Kollektivscham (ihrer selbstzerstörerischen und weltbegründenden Gewalt): die schlimmste Form der Verdrängung. Es ist die Scham vor der Welt, die den sich Schämenden in die Fallen der Welt hineintreibt.
Die Schrift und das Geld haben nicht nur das Bewußtsein der Vergangenheit geändert, sondern die Vergangenheit selber.
Ernst und schwer sind gleichbedeutende Begriffe: der deutsche Ernst ist der Grund der deutschen Schwere. Bezeichnet nicht Hegels „Sein-für-Eines“ genau den Punkt, an dem das Leichte (das Licht) in den Ernst und die Schwere umgeformt wird? An diesem Punkt ließe sich die Bedeutung des Hegel-Worts, er sei „von Gott dazu verdammt, ein Philosoph zu sein“, demonstrieren. Mit dem „Sein-für-Eines“ wird die Hegelsche Philosophie atheistisch; hier läßt sich der Bruch in der Hegelschen Philosophie festmachen, der das mit der Phänomenologie anhebende System in das der Enzyklopädie verwandelt; mit diesem Begriff konstituiert sich der Weltbegriff als Totalitätsbegriff und mit ihm die Idee des Absoluten: hier beginnt Hegel, sich seine eigene Philosophie vom Leibe zu halten (das „für“ tilgt das Mitleid, die Barmherzigkeit; oder das „für“ verwandelt einen ungeheuren Satz in Geschwätz).
Mit dem „Sein-für-Eines“ endet der deutsche Idealismus. Hat diese Stelle in der Logik nicht die gleiche Bedeutung für die Philosophie wie – Glenn Gould zufolge – das „b“ im dritten Takt der neunten und letzten Variation von „Sellinger’s Round“ von Byrd für die Musik?
Die logische Funktion des „Sein-für-Eines“ läßt sich an der Frage zum neuen Freund der Tochter demonstrieren: Was ist das für einer, was macht denn der Vater?
Mit dem „Sein-für-Eines“ schließen sich die Pforten der Hölle; das „Sein-für-Eines“ ist eine Existenzbedingung des Absoluten, es ist der Grund aus dem das Absolute hervor- (und in den es zugrunde-) geht: die Finsternis über dem Abgrund.
Zwar stimmt es, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, aber der Abstieg zur Hölle bleibt ihr nicht erspart (war nicht die christliche Höllenvorstellung seit je eine projektive Veranstaltung zur Vermeidung, zur Verdrängung der Gottesfurcht).
Ist nicht das Sein-für-Eines der Schlüssel zum Verständnis der mittelalterlichen Transsubstantiationslehre und der Eucharistieverehrung (und steckt dieser Schlüssel nicht in dem Sakraments-Hymnus des Thomas von Aquin: Praestet fides supplementum, sensuum defectui, im Pange lingua)?
Das Sein-für-Eines konstituiert den Geltungsbegriff, er bezeichnet den Punkt in der Sprachlogik, an dem sie vom Tauschprinzip überwältigt wird (Logik der Reklame, die Geltung produziert und – so Adorno – „den Tod verschweigt“; sie verwandelt die Welt ins Totenreich, in ihr erfüllt sich die Abstraktionsgewalt des Inertialsystems). Das Gelten lebt von der projektiven Verarbeitung der Erinnerung (der Macht der Vergangenheit über die Zukunft): hier wird der Abstraktionsakt irreversibel.
Die Weltkriege haben die Resistenzkräfte im Katholiszismus aufgezehrt; übrig geblieben ist das nur noch die Panik reflektierende Dogma: die reine Anpassung an die Welt (als welche im Vatikanum II das Aggiornamento Johannes XXIII mißverstanden wurde).
Wir sind alle Hegelianer: Nur die Hegel-Kritik, zusammen mit der Kritik der Naturwissenschaften, vermag den Bann zu lösen, der auf der Welt (und damit auf uns allen) liegt. -
12.6.1994
Berufskleidung für Soldaten (Uniformen und Waffen, sowie Orden und Standarten) gibt es, seit es geprägte Münzen gibt (zur Geschichte der Banken, zur Kritik des Absoluten, des Weltbegriffs und des Staates). Zur Geschichte der Banken: War nicht die Priesterkleidung die erste Banker-Kleidung, und ist nicht die Banker-Kleidung im neunzehnten Jahrhundert zur männlichen Standardkleidung überhaupt geworden (Bedeutung der Krawatte)? Zur Geschichte der Optik: Im Ersten Weltkrieg ist die Gala- und Paradeuniform durch die Tarn- und Schutzuniform (Feldgrau und Stahlhelm) ersetzt worden. Gegen den Monotheismus: Nicht die Einheit, sondern die Einzigkeit ist ein Attribut Gottes (Hermann Cohen, vgl. Hegels Logik über das Eine und das Viele, das Eins und das Leere). Das Christentum hat die Prophetie mit der Philosophie verwechselt, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit dem Absoluten. Durch das Attribut der Einheit wird Gott zu einem Nationalgötzen (wozu der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs dann für die deutsche bibelwissenschaftliche Tradition auch geworden ist: Grund der Verstrickung des deutschen Nationalismus in den Antisemitismus). Befördern die gegenwärtigen Verhältnisse nicht die windigen Geschäfte? Und die F.D.P. ernennt alle, die daran teilnehmen, zu Leistungsträgern (die es nur als „Besserverdienende“ sind). Die röhrenden Hirsche, die irgendwann die Kruzifixe in den Wohnzimmern ersetzt haben: die Eucharistie der steinernen Herzen, Beweis der Anstrengung, die heute notwendig ist, das Realitätsprinzip anzuerkennen (und das Fernsehen: die Aufbereitung des Realitätsprinzips zur frohen Botschaft – Drachenfutter). Hat die Eucharistie nicht in der Tat einmal die Gläubigen in die Anfangsgründe dieses Fotorealismus eingeübt (die Transsubstantiation und die Hostie als Modelle der technischen Reproduzierbarkeit)? Ist das Tier aus dem Wasser die Philosophie (der Weltbegriff), und das Tier vom Lande die theologische Orthodoxie und ihr Produkt: die modernen Naturwissenschaften (der Naturbegriff)? Die Sprache heute ist der (durch Geldwirtschaft, Inertialsystem und Bekenntnislogik) gefesselte Prometheus. Sensibilität ist Sprachsensibilität; sie gründet in der Fähigkeit, die Logik der Sprache nicht zu verdrängen, ihrer Instrumentalisierung zu widerstehen (sie gründet in der Fähigkeit zur Reflexion des Tauschprinzips, des Trägheitsgesetzes und der Opfertheologie).
-
5.6.1994
Die Lichtgeschwindigkeit ist als Grenze zugleich ein Moment der Beziehungen zwischen thermischen und optischen Erscheinungen. Und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Grund der Existenz des Planckschen Wirkungsquantums (und der elektrischen Elementarladung).
Hängt der Rock aus Fellen mit dem Bogen in den Wolken zusammen (und das Feigenblatt mit der Sintflut)? Ist die Farbe ein Schamprodukt (aufgrund ihrer Beziehung zum Licht)?
Die Bewußtlosigkeit unserer Theologie ist der Grund ihrer Selbstzerstörung.
Das Über-Ich ist der Schatten, den das Ich auf das Gewissen wirft. Dagegen richtet sich das vierte Gebot.
Bezieht sich die Frage der Frauen, als sie zum Grabe gingen: „Wer wird uns den Stein wegräumen?“, auf Petrus?
Stecken nicht in dem „leer, gereinigt und geschmückt“ die drei Leugnungen? Und kann man nicht die drei Adjektive ersetzen durch Universum, mundus und kosmos?
In den modernen europäischen Sprachen haben sich die Suffixe, die Grundlage der Konjugationen, zu selbständigen Personalpronomina und Hilfsverben gegen die Verben verselbständigt; zugleich hat sich die sprachliche Gestaltung der Verben verändert, während die Nomen zu Substantiven geworden sind: So hat sich das Ding von der Sache getrennt.
Im griechischen „einai“ wurde das Infinitiv-Suffix zum Sein verselbständigt. Definieren nicht die Infinitivbildungen des Hilfsverbs Sein (der Kopula des Urteils) des Status der Verben in den Sprachen? Das gilt fürs deutsche Sein ebenso wie fürs englische to be (verbale Hypostasierung eines für die Organisation der Sprache zentralen Präfixes: des be-; Zusammenhang mit der den Empirismus fundierenden Logik der englischen Sprache).
Nichts gefährlicher, als wenn einer, der in der christlichen Tradition aufgewachsen ist, die Bibel aus dem Gedächtnis zitiert (sh. Theodor Haecker und Johann Baptist Metz).
Hat Theodor Heuß, ohne es zu wissen, mit dem Begriff der Kollektivscham nicht den parvus error in principio getroffen? Ist diese Kollektivscham nicht der Kern eines Weltbegriffs, der den Anblick aller durch alle fixiert und dem keiner mehr entrinnt; ist sie nicht eine Konsequenz aus der falschen Übersetzung von Joh 129? Seitdem sind die Deutschen auf den Blick und das Urteil „des Auslands“ fixiert, und seitdem verweisen sie zur Selbstentlastung immer wieder darauf, daß sie (die andern Länder) ja auch nicht besser sind.
Ist nicht die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern ein Hinweis darauf, daß wer nach der absoluten Untat sich (wie die andern) endlich einmal auch unschuldig fühlen möchte (wie unter anderem auch in der Ökologie-, der Friedensbewegung u.ä.), Gefahr läuft, Opfer noch ärgerer Dinge zu werden? Die Frage ist nicht mehr, wie bleibe ich unschuldig, sondern: wie kann ich produktiv und ohne Selbsttäuschung mit dieser Schuld umgehen? Der Unschuldstrieb endet im Geschwätz und in der projektiven Verarbeitung der Wirklichkeit.
Analyse der politischen Farben: Es gibt die Schwarzen, die Roten, die Gelb-Blauen und die Grünen.
Die Hegelsche Logik ist die konsequenteste Selbstexplikation des durchschlagenen Knotens (des gordischen Knotens, nachdem der Aristotelesschüler Alexander ihn durchschlagen hat). Das Schwert, mit dem dieser Knoten durchschlagen wurde, war das kreisende Flammenschwert des Cherubs vorm Eingang des Paradieses.
Zur Sintflut und zur Arche gehört die doppelte Version der Rettung der Tiere: einmal (so Elohim) sollte von allen Tieren je ein Paar mit in die Arche genommen werden (Gen 619), dann aber (so JHWH) von allen reinen Tieren je sieben, Männchen und Weibchen, von den unreinen Tieren je ein Paar, Männchen und Weibchen, auch von den Vögeln des Himmels je sieben, Männchen und Weibchen (72f). Vgl. hierzu die Bindung Isaaks (Aufforderung zum Sohnesopfer durch Elohim, der Engel JHWHs hält Abraham dann zurück).
Antisemitismus, Xenophobie und Frauenfeindschaft sind die Fundamente der Bekenntnislogik. Was für die Griechen die Barbaren waren, das waren für die Christen die Heiden und die Ketzer (wobei der Islam beides in sich vereinigte, auch wenn der Aquinate sie unter den gentes, den Heiden, subsumierte: Folge der Rezeption des häretischen Elements in der Islamisierung des Christentums, die dann die Ursache für das Ende der häresienbildenden Kräfte im Christentum war).
Gibt es nicht ein Systemprinzip, aus dem
– die Häresien (ihre Abfolge seit der Gnosis) sich ableiten lassen, oder auch
– die Momente des antisemitischen Vorurteils (vom Ritualmord, über den Hostienfrevel und die Brunnenvergiftung, bis hin zur zionistischen Weltverschwörung).
Im Zentrum müßte das projektive Moment und das Schuldverschubsystem (im Kontext der Rezeption der Philosophie, des Ursprungs des Weltbegriffs) stehen.
Das Systemprinzip der Frauenfeindschaft scheint dagegen auf einer anderen Ebene zu liegen: Während Antisemitismus und Fremdenfeindschaft in der Logik des Weltbegriffs liegen, liegt die Frauenfeindschaft dieser Logik zugrunde. Zusammenhang mit dem Kelchsymbol (und seinen Konnotationen)?
Merkwürdige Affinität der Worte Welt und Kelch: Ersetzung der gutturalen Konsonanten durch labial-dentale.
Neben den Etymologien gibt es auch Etymogeleinen. Dazu gehören die „Ableitungen“ von: Sein, Würde, Wasser, Sinn, to be. Und wie ist das eigentlich mit der Heiterkeit und dem Ungetüm? Haben diese Etymogeleien etwas mit dem zweischneidigen Schwert zu tun?
Die Hegelsche Logik wird zur dialektischen Logik durch die Entfaltung der Differenz von Ding und Sache. (Welches griechische Äquivalent gibt es zur lateinischen res? Hat das pragma die gleiche Bedeutung wie die lateinische res?) Der Dingbegriff ist in sich selber theologisch vermittelt; er hat sich aus der Rezeption der Philosophie (der Logik des Weltbegriffs) in der Theologie (bzw. der Weiterbildung und Umgestaltung der Philosophie durch die Theologie, durch Opfertheologie und Bekenntnislogik) ergeben. Insbesondere verdankt sich die Rezeption der Philosophie im Römischen Reich, die Übersetzung der griechischen Kategorien der Metaphysik ins Lateinische durch Tertullian, dem Bedürfnis der Übersetzung der Trinitätslehre.
Voraussetzung für die Entfaltung der Dialektik von Ding uns Sache war die kantische transzendentale Logik, die Hereinnahme des Objekts in die Urteilsform im Kontext der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung.
Frage: An welchem Ort ist das Vergangene:
– In der Unterwelt,
– in Himmel, Hölle und Fegfeuer,
– in den Bibliotheken oder
– in unserm Kopf?
Aber tun wir nicht alles, das Vergangene zum endgültig Vergangen zu machen (um dem Schuldzusammenhang und der Last der Erinnerung zu entrinnen, zur Absicherung des Inertialsystems und der Naturbeherrschung, zur Konstituierung einer Welt, die nur noch als Reflex des Prinzips der Selbsterhaltung sich manifestiert): Wir halten uns unsere Vergangenheit wie exotische Tiere im Zoo, wie Kunstwerke im Museum, als Mittel der Unterhaltung im abendlichen Fernsehprogramm. Domestiziert im historischen Objektivationsprozeß, zugerichtet zum Objekt des bloßen Zuschauens, der folgenlosen Neugier, neutralisiert zum Panoptikum, fremd und banal wie die Sternenwelt (zu den Folgen der Logik der Schrift gehörte einmal die gemeinsame Entdeckung der Astronomie und der Geschichte).
Berichtigung: Das Absolute ist der Schatten, den das Subjekt auf den Namen Gottes wirft (nicht auf Gott, der jenseits aller Schatten ist).
-
4.6.1994
Weltbegriff:
– Das Eine ist das Andere des Anderen. Logik des Andersseins.
– Logik des Andersseins ist die Logik der Vergesellschaftung. Der Blick des Andern, die Scham und der Objektbegriff (Aufdeckung der Blöße).
– Das tode ti, der Ursprung des Objektbegriffs, die subjektiven Formen der Anschauung. Der Raum, die Verdrängung der Vergangenheit und die Konstituierung des inneren Sinns.
– Objektivation und Instrumentalisierung: die Wiederkehr des Verdrängten.
– Medien der Objektivierung: die subjektiven Formen der Anschauung (der Raum, das Geld und die Bekenntnislogik).
– Ursprung der Raumvorstellung, Entfaltung der mathematischen Logik des Raumes: die alte Welt und der Winkel (Orthogonalität), die neue Welt und das Inertialsystem (Verdinglichung).
– Der Raum (das Geld, das „Bekenntnis“): das halbierte Licht (das Sein und das Eigentum, Ursprung der Urteilsform).
– Gemeinsamer Ursprung des Weltbegriffs und des Staates (als Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern). Der Weltbegriff als apriorische Logik der Welterfahrung: die Urteilsform. Das Urteil, die Scham, die aufgedeckte Blöße, das Keuschheitsgebot. Scham und Herrschaft, Weltbegriff und Sexualmoral (Besiegelung der apriorischen Weltlogik). Die Urteilsform, der Staat und das Absolute (die Gottesleugnung).
– Nicht Gott, sondern der Staat (der gnostische Demiurg) hat die Welt erschaffen; Gott hat Himmel und Erde erschaffen.
– Der Raum, die Mathematik: das bewußtlose Medium der Vergesellschaftung. Erinnerung und Sprache: der Begriff und die benennende Kraft der Sprache.
– Die Armut (oder die Sünde der Welt), die Keuschheit (oder Herrschaftskritik und Scham; „Kollektivscham“ und Restauration der Herrschaftsstrukturen) und das Hören (nicht der Gehorsam).
– Zum Weltbegriff gehört das Tier (und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier).
Gewaltenteilung: Ist nicht die eigentliche gesetzgebende Gewalt das Geld?
Die Trennung von Ding und Sache gründet im modernen Wertbegriff und ist insofern aus der Geldgeschichte ableitbar.
Gemessen an der griechischen Idee der Polis ist die Trennung von Ding und Sache „idiotisch“. Es ist der idiotes, der in der Hegelschen Rechtsphilosophie die Letztentscheidung an den Monarchen delegiert und darin sein „Bewußtsein der Freiheit“ gewinnt: Der König ist eine Ich-Funktion.
Sokrates und Jesus haben selber nichts geschrieben. Die Bibel verdankt sich u.a. auch der Anstrengung, gegen die Logik der Schrift zu schreiben, im Medium der Schrift deren Logik nicht zu verfallen (heißt die Schrift der Bibel deshalb die „hebräische“, und war es erst nach Jesus möglich – und notwendig? -, griechisch, und d.h. gegen den Geist dieser Sprache, zu schreiben?).
Die grammatische Organisation und Entfaltung der Schriftsprachen – und die erste war die heute so genannte „sumerische“, die chaldäische Sprache – verdankt sich der Auseinandersetzung mit der vorgegebenen Logik der Schrift: Die Geschichte der Grammatik ist die Geschichte der Entfaltung der Logik der Schrift in der Sprache. Ihr Nebenprodukt und die Rückführung auf den Grund dieser Logik ist die Geschichte der Entfaltung des Inertialsystems.
Die drei Richtungen des Raums sind der Grund und das Bild des liberum arbitrium, sie sind „Freiheitsgrade“ deshalb, weil dank der Dreidimensionalität des Raumes jede Richtung in ihm durch Drehung des Objekts im Raum, ohne daß seine Identität affiziert wird, intendierbar ist. Zum Weltbegriff gehört das Tier. Und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier.
Die Philosophie ist die Rückseite der Prophetie, und so sind beide aufeinander bezogen: Es bedarf nur der Umkehr. Und wenn die Geschichte der christlichen Theologie seit den Kirchenvätern die Geschichte der Theologie hinter dem Rücken Gottes ist, so ist mit dieser Beziehung (der Beziehung zweier Seiten eines Blattes) der Weg zu einer Theologie im Angesicht Gottes vorbezeichnet.
Das „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, diese Umwandlung des Wassers in Feuer ist vorbezeichnet in der Verwandlung des Wassers in Wein in Kana und in den Feuerzungen zu Pfingsten.
Ist das Problem des biblischen Schöpfungsberichts nicht auch ein Problem der Beziehung von Synchronie und Diachronie? Die sieben Tage werden durch sechs Nächte (sechs Finsternisse) getrennt (nach der Lösung des siebten Siegels war eine Stille im Himmel).
Die sieben Donner durften nicht niedergeschrieben werden, wohl aber die sieben Posaunen und die sieben Plagen, deren Abfolge gleich ist.
Der Ursprung des Weltbegriffs wird in der Noah-Geschichte beschrieben, in der Geschichte von der Sintflut, der Tiere in der Arche, des Weinbaus, der Trunkenheit, der aufgedeckten Blöße und des Ursprungs der Knechtschaft sowie in dem neuen Nahrungsgebot.
Bezeichnet nicht der Turmbau zu Babel, der die Verwirrung der Sprache zur Folge hat, den Ursprung der Logik der Schrift? Es wäre ein entscheidender Schritt, wenn es gelingen würde, aus der „sumerisch“-chaldäischen Sprache, der ersten Schriftsprache (und der ersten „heiligen Sprache“), der Ursprung der semitischen und der indogermanischen Sprachen sich herleiten ließe.
Kanaan ist selbst eines der sieben Völker Kanaans.
Für Ägypten sind die Hebräer Sklaven, für die Philister sind sie Feinde. Abraham war ein Hebräer: dazu gehören die Geschichten mit Abimelech, dem König der Philister, und dem Pharao, dem König Ägyptens.
Wer waren die Bewohner Sodoms, und wer waren die Bewohner Jerichos? Rahab in Jericho hatte die Kundschafter der Israeliten aufgenommen, Lot in Sodom die Engel Gottes (in Gibea war es ein alter Mann aus dem Gebirge Ephraim, der als Fremder in Gibea lebte, der einen Leviten, der als Fremdling im hintersten Gebirge Ephraim lebte, zusammen mit seiner bethlehemitischen Nebenfrau aufgenommen hatte).
-
3.6.1994
Wie tief die Hegelsche Staatsmetaphysik verwurzelt ist, mag man daran erkennen, daß das Carl Schmittsche Konstrukt von Souveränität, Notstand und Führerprinzip sein Modell in der Hegelschen Rechtsphilosophie (278) hat. Genau diese Stelle ist der Beweis dafür, daß auch die Dialektik die Asymmetrie der Beziehung des Ich zu den Andern nicht aufhebt, sondern zugunsten der Andern (der Welt) neutralisiert.
Die Welt ist für jeden die Welt für die Anderen; das Anderssein der Andern (nicht zu verwechseln mit dem Fremdsein) begründet die Objektivität der Welt.
Zur logischen Äquivalenz von Individuellem und Allgemeinem (oder Problem einer Geisterlehre): Kann es nicht sein, daß, was hier ein Individuelles, dort ein Allgemeines, und das, was hier ein Allgemeines, dort ein Individuelles ist: daß die Einzelsterne Gattungen sind, und die Gattungen Geister? Liegt hier der logische Grund für die Konzeption des Tierkreises und der frühchristlichen Engellehre (auch der biblischen Himmelsheere und des göttlichen Hofstaates)? Dann wären die subjektiven Formen der Anschauung der genaue Reflex der christlich-mythischen Gestalten des Satan und des Teufels. Und was bedeutet dann die Entdeckung des Begriffs: war sie nicht der Anfang der Vertreibung der Engel? Oder anders: Greift hier nicht eine Art Umkehrung des Verhältnisses von Natur und Welt (Objekt und Begriff), so daß wir in der Tat nur durch unseren Beitrag zur Rettung der Welt hindurch gerettet werden können? Wirft das nicht ein neues Licht auf die paulinischen Archonten und auf den Namen des Fürsten dieser Welt?
War nicht der Kreuzestod die antizipierte Strafe für eine Untat, die erst folgte, oder ist er dazu erst durch die christliche Opferthologie geworden? Bezieht sich darauf nicht das jesuanische Kelchsymbol (in der Antwort an die Zebedäussöhne, in Gethsemane und in dem Hinweis an Petrus)?
Die Bemerkung, daß die Theologie heute „bekanntlich klein und häßlich“ sei, ist noch zu harmlos: Sie ist zur Stätte des Greuels der Verwüstung geworden.
Kann es sein, daß es deshalb keine Aktualisierung der Marxschen Kapitalismus-Kritik mehr gibt, weil niemand mehr fähig ist, in diesen Abgrund zu schauen?
War nicht die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel der letzte Akt des Kampfes gegen Kanaan, und enthält sie nicht den Hinweis, daß zur Theologie heute eine Geschichtstheologie der Banken gehören müßte? Die Befürchtung scheint nicht unbegründet, daß eine Kritik der Banken davon ausgehen müßte, daß es eine technische Lösung des Problems nicht gibt: Es gibt keine Alternative zu den bestehenden Institutionen, gleichwohl muß man dem, was ist, ins Auge sehen, – und es dann auch aussprechen: Ninive wird in 40 Tagen zerstört.
Der Sündenfall hat sehr viel mehr mit der Organisation und Entfaltung der Sprachen (Grammatik, Beziehung der Sprachen zur Mathematik und Ursprungsgeschichte des Neutrums) zu tun als mit der Sexualmoral.
Die besondere theologische Qualität der deutschen Sprache, die nicht zu leugnen ist, kann man an Begriffen wie „Fall“, an der Unterscheidung von Zorn und Wut (sowie Ding und Sache), auch an Begriffen wie Urteil und Empörung ermessen.
Zusammenhang der Urteilsform mit den subjektiven Formen der Anschauung: Ihr gemeinsamer Ursprung liegt in der Halbierung des Lichts. Das erste Urteil gründete in der Abstraktion vom Gesehenwerden. Insofern ist die Scham in die Konstruktion des Urteils mit eingegangen. Das Objekt ist ein Produkt der projektiven Verarbeitung der Scham; es ist die Scham vor vor dem leeren Blick des Allgemeinen, vor dem subjektlosen „Gesehenwerden“ durch den Begriff, die das Objekt gegen den Begriff zusammenschließt, durch die es gegen den Begriff sich vergegenständlicht (Genesis der Urteilsform). – Deshalb war der Heußsche Begriff der „Kollektivscham“ so verhängnisvoll: Er hat die Deutschen an den Blick „des Auslands“ gefesselt, in dem sie sich seitdem „spiegeln“. Die Fremdenfeindschaft heute ist ein ebenso ohnmächtiger wie vergeblicher Ausbruchsversuch.
Mit dieser Beziehung des Urteils zur Scham (der Verwechslung der Wahrheit mit der aufgedeckten Blöße) hängt der Ursprung der Sexualmoral zusammen.
Creatio mundi ex nihilo: Das Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, ist das durch die Verdrängung der Scham erzeugte Nichts. Hier liegt der Ursprung des Idealismus. Und vor diesem Hintergrund gewinnt Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ ihre ungeheuerliche Bedeutung.
Das Keuschheitsgebot, das sich auf diese Geschichte der Scham und des Urteils bezieht, gehört wirklich zu den Fundamenten der Theologie. Und der Greuel der Verwüstung ist das Produkt der vollständigen Entblößung (Philosophie heute wäre Reflexion des Ekels).
Wodurch unterscheiden sich Kohl, Hintze, Rühe, Seiters, Schäuble und Kanter von Kinkel, Frau Schwätzer, Rexrodt? Nur durch die Reflexion des Ekels hindurch, so scheint mir, läßt sich der Abgrund dieser Koalition noch ausmessen. Koalition der aussitzenden Gnade der späten Geburt mit den gnadenlosen Leistungsträgern: Und daneben eine SPD, die den Eindruck erweckt, daß ihr das imponiert.
In der Anmerkung zu 279 seiner Rechtsphilosophie gibt Hegel einen bedeutenden Hinweis auf den Zusammenhang des Begriffs mit der Schicksalsidee (Hinweis auf den Dämon des Sokrates) und auf den Hintergrund, auf den sich die Untersuchung von Marie Theres Fögen über die „Enteignung der Wahrsager“ bezieht. Hier übrigens auch das Wort von der „wüsten Vorstellung des Volkes“ (die „formlose Masse, die kein Staat mehr ist“). In Hegels Staatslehre steht der Monarch an der Stelle, an der in der Theologie das Opfer steht: als Verhinderer des Chaos.
Ist nicht der Zerfall der europäischen Agrarmarktordnung in den 70er, 80er Jahren (ähnlich wie die sogenannte Schuldenkrise der Dritten Welt) ein Menetekel für das Schicksal der Geldwirtschaft insgesamt: die Schrift an der Wand?
Ist die Hegelsche Philosophie nicht der Beweis für die Wahrheit der biblischen Überlieferung, daß außer Petrus nur die Dämonen den Gottessohn erkennen?
Wenn die Philosophie der Leib Christi ist, dann wäre heute die descensio ad inferos an der Zeit. Nicht auszuschließen, daß sie dort auf die Propheten trifft.
Gründet nicht die Erbaulichkeit im Selbstmitleid (in der Anwendung des Schuldverschubsystems aufs Opfersein, oder in der Verschiebung der Armut von der Realität draußen ins Selbstgefühl drinnen): In der Ersetzung der Nachfolge durch die Imitatio?
Daß der Terrorismus-Paragraph im Strafrecht nur ein Instrument zur Bekämpfung und Diskriminierung der Linken war, ist daran erkennbar, daß er bei den Nachfahren der größten terroristischen Vereinigung, die es in diesem Lande je gegeben hat, nicht greift.
In Westfalen sagt man statt „es ist egal“: et is een Dohn, es ist ein Tun. Das heißt: das eine Tun unterscheidet sich nicht von dem anderen, beide sind in ihren Folgen gleich.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie