Sprache

  • 28.3.1994

    Gehört nicht der Name des Hauses zur Genealogie des Begriffs der Welt?
    Im Lateinischen hat das Imperium (die Stellung des Staates) die Bildung des bestimmten Artikels verhindert. Sind nicht die suffixe insgesamt Emanationen des Staates (seiner substantivierenden Gewalt), die Präfixe hingegen Emanationen des Subjekts (Ausdruck des eingreifenden Charakters des Denkens und der Erkenntnis)?
    Siegel waren einmal die Zeichen der Person, Vorläufer der späteren Unterschrift: Verträge, Erlasse wurden besiegelt. Das Buch mit sieben Siegeln: ist das die Buchrolle, zu der der Himmel sich aufrollt? Und bezeichnet die Lösung der sieben Siegel die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache als Lösung der entfremdenden Gewalt der subjektiven Form der äußeren Anschauung, des Raumes)? Hat das Siegel etwas mit dem Schwur, der Anrufung der Götter, zu tun: Eure Rede sei ja, ja und nein, nein? Steckt nicht die Wahrheit in der benennenden Kraft der Sprache, und verweist nicht der Hegelsche Satz, wonach das Wahre der bacchantische Taumel sei, in dem kein Glied nicht trunken ist, auf die direkte Folge der Zerstörung des Namens (den Taumelkelch, den Kelch des göttlichen Zorns, den Kelch der Unzucht, den die Herrschenden und ihre Anhängerschaft trinken)? Ist nicht das Lamm Gottes (das allein würdig ist, die Siegel zu lösen) auch in dieser Hinsicht nur ein anderer Name des Logos? Das aber heißt, daß Joh 129 nicht nur unters Nachfolgegebot fällt, sondern es aufs genaueste ausdrückt.
    Die Hegelsche Logik ist die moderne Entsprechung des Tierkreises, seine Lehre vom Geist (seine Gesellschaftstheorie) die der astrologischen Planetentheorie.
    „Und ein starker Engel hob einen Stein auf gleich einem großen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: So wird die große Stadt Babylon mit einem Schwung weggeworfen werden, und sie wird nicht mehr zu finden sein.
    – Und ein Ton von Harfenspielern und Musikern und Flötenspielern und Trompetenbläsern wird nicht mehr in dir gehört werden,
    – und kein Künstler in irgendeiner Kunst wird mehr in dir gefunden werden,
    – und das Geräusch der Mühle wird nicht mehr in dir gehört werden,
    – und das Licht der Lampe wird nicht mehr in dir scheinen,
    – und die Stimme des Bräutigams und der Braut wird nicht mehr in dir vernommen werden –
    deine Kaufleute waren nämlich die Großen der Erde -, weil durch deine Zauberei alle Völker verführt wurden; und in ihr wurde das Blut der Propheten und Heiligen gefunden und aller derer, die auf Erden hingeschlachtet worden sind.“ (Apk 1821ff)

  • 28.3.1994

    „Gott, wie zuträglich muß es erst sein, wenn Nachdenkender vom Betrunkenen lernt.“ (Kafka: Erzählungen, S. 223)
    „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr.“ Ist diese Tiefe der Abgrund, der die Andern von mir trennt? Und ist die Intersubjektivtät nicht bloß der Poesche Maelstrom?
    Wenn die Trunkenheit ein sprachlicher Sachverhalt ist, was ist dann der Wein (Noe, Hochzeit von Kana)? Und was ist die aufgedeckte Blöße, und hat die Decke, mit der Sem und Japhet die Blöße Noes bedecken, etwas mit dem Fell von Tieren und mit den Zelten Sems zu tun?
    Die Philosophie ist die erzwungene Selbstreflexion jener Verstrickung, in die das Bewußtsein durch den Weltbegriff gerät.
    DAs Absolute rührt an die Wahrheit ähnlich, wie die beiden Seites eines Blattes sich berühren.
    Die Zauberei, die an den Hexen verfolgt wird, ist die Zauberei des Absolutismus, der in den Hexen die eigene Beziehung zum Totenreich wiedererkennt.
    Schon beim Pharao wittert das Herrendenken im Befreiungstrieb einen konkurrierenden Machtanspruch.
    Hat nicht der deutsche Michel das Quis ut Deus immer schon auf seinen Wilhelm bezogen, der am Ende Adolf hieß? Bindeglied war der säkularisierte Heroismus: der durch Verdrängung irrational gewordene Freiheits- und Revolutionstrieb.
    Wie hängen die Infinitivbildungen (die Verbalsubstantive) mit dem Sein zusammen:
    – paideuein/ einai
    – facere/ esse.
    Sind die Infinitivsuffixe aus den Infinitiven von Sein hervorgegangen? (Ist das Sein, oder das Seiende Gegenstand der griechischen Ursprünge der Philosophie von Parmenides bis Aristoteles?)
    Der obszöne Kern der Naturwissenschaften: Das Inertialsystem als die Einheit von Vergewaltigung, Masturbation und Exhibitionismus. Der Weltbegriff bezeichnet die durch Trunkenheit aufgedeckte Blöße (vgl. auch das Aufdecken der Blöße bei den Propheten).
    Der projektive Charakter des Vorwurfs einer metabasis eis allo genos: Die Befolgung dieser Warnung endet in der Rassentheorie und im Antisemitismus. Gehört nicht die Fähigkeit, auch in eine andere Gattung und in ein anderes Geschlecht sich hineinzuversetzen, zu den Vorzügen und zur Würde der Menschen? Darauf, auf die Aufhebung der Gattungsgrenze, die eine Todesgrenze ist, bezieht sich die Idee der Auferstehung der Toten.
    Zum Pazifismus: Darf der Tierschutz auch für den Behemot und den Leviatan gelten (für den totalitären Staat oder den Kapitalismus)?
    Der Begriff und die Polizei machen ihre Objekte dingfest, während die Ausbilder und Aufseher sie fertigmachen.
    Zum Begriff des Bekenntnisses: Die virgo (das weibliche Pendant des confessor) verkörpert die Keuschheit, nicht die Unschuld; darin liegt (im Gegensatz zur sexualmoralischen) ihre politisch-theologische Bedeutung. Die Verknüpfung von Keuschheit und Unschuld (Grund der zentralen Funktion der Sexualmoral in der verdinglichten Theologie und Folge der Rezeption des Weltbegriffs, der Opfertheologie und der damit verknüpften Bekenntnislogik) hat eine der gefährlichsten und verhängnisvollsten Entwicklungen in der religiösen Tradition eingeleitet. Diese gegen ihre politischen Bedeutung immunisierte Keuschheit ist im Zölibat instrumentalisiert (zu einem Herrschaftsmittel gemacht) worden. Nicht die Sexualität, sondern das Herrendenken (zu dessen Implikationen der Sexismus gehört) ist das, was in der Prophetie mit Unzucht und Hurerei (wie auch mit der Trunkenheit und dem Kelch des göttlichen Zorns) gemeint war.

  • 27.3.1994

    Kai epestrepsa blepein tän phonän hätis elalei met‘ emou. – „Ich wandte mich um, um die Stimme zu sehen, die mit mir redete. Und als im mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und inmitten der sieben Leuchter einen, der einem Menschensohn ähnlich war, …“ (Apk 112f) Macht die Umkehr das Wort sichtbar (Beziehung des Lichts zur Sprache)?
    Ist die „eine Meinung“ der zehn Könige (mian gnomän, Apk 1713.17) das Dogma, das Bekenntnis?
    Hängt das Wort Stuhl mit stehlen zusammen (nach Kluge mit stehen, ähnlich die Ableitung von Thron, übers Französische vermittelt)? Ist nicht der Stuhl das Symbol des Besitzes (in der Schrift wird mit den Schuhen, durch Betreten, Besitz von etwas ergriffen)? Wie verhält sich hierzu das Wort: Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße (haben wir IHN nicht in beiden Teilen enteignet). Wer hat wann den Stuhl erfunden (spielt hier die herrschaftsbegründende Entwicklung der Astronomie und der Geldwirtschaft, zusammen mit der späteren Vergesellschaftung des Stuhls, mit herein)? Und hängt die Vergesellschaftung des Stuhls mit der Trennung von Ding und Sache (und diese mit der Unterscheidung von Besitz und Eigentum) zusammen? Vgl. im Lateinischen: possidere, occupare -in Besitz nehmen; facere c. gen. – zum Eigentum machen. Während das Eigentum zu den Grundlagen des Staates gehört, gehört der Besitz zu den Ursprungsbedingungen des Kapitalismus (Lohnarbeit als organisierter und legalisierter Raub: Grundlage des Inertialsystems; Zusammenhang der Verräumlichung mit der Trennung der primären und sekundären Sinnesqualitäten; das Relativitätsprinzip gründet in einer begrifflichen Eigenschaft des Geldes: Grund dafür, daß es keinen Reichtum ohne die Erzeugung von Armut gibt).
    Der Stuhl, der Ursprung des Inertialsystems und die sieben unreinen Geister („Besessenheit“ als Folge der Neutralisierung des Raumes).
    Wie verhalten sich:
    – die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals und die Entstehung des Proletariats in England,
    – der Merkantilismus in Frankreich und
    – der Absolutismus in Deutschland
    zueinander? Sind sie nicht drei Seiten ein und derselben Sache? (Die Freisetzung der Bauern: die Trennung der primären von den sekundären Sinnesqualitäten?)
    Ist der Thron durch den Tisch zum Stuhl geworden? Vor dem Stuhl fällt niemand mehr auf die Knie, aber dafür wird auf dem Tisch angerichtet. Erst der Tisch (als Abkömmling des Altars und der Tische der Händler und Geldwechsler, die SEIN Haus zur „Räuberhöhle“ gemacht haben) hat das Essen vom Opfer getrennt (das Opfer verinnerlicht), er hat es zum Gericht gemacht.
    Mit dem Besitz hängt auch die Besessenheit, das Dämonische, zusammen: Reflex der Objektseite. Hier gründet die Geschichte von den sieben unreinen Geistern.
    Thing, Gericht und Ding (das als Objekt verurteilte Ding): Die Hegelsche Logik entfaltet das Urteil, das das Ding zum Ding gemacht hat.
    Unterscheiden sich Heidegger und Rosenzweig nicht dadurch, daß Heidegger aus Angst vor dem Tod (aus objektloser Angst) Selbstmord begeht, während Rosenzweig der Ausbruchsversuch ohne den Preis der Verdrängung, den die Philosophie seit ihrem Ursprung gezahlt hat (und deren gegenständliches Korrelat und Erzeugnis das Inertialsystem ist), gelingt?
    Schuld durch Nichthandeln (die Schuld von Auschwitz) ist strafrechtlich nicht faßbar, weil sie die Grundlage der Geldwirtschaft, des Kapitalismus ist (Handeln aus Mitleid ist existenzgefährdend). Hier liegt der systemlogische Grund, weshalb Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand sein darf.

  • 26.3.1994

    Im Angesicht und Von Angesicht zu Angesicht sind zu unterscheiden: Im Angesicht meint das Unter, eine Beziehung zum Oben, von Angesicht zu Angesicht meint das Vorn. Ist das Vorn nicht die Vollendung des Unter? Die Subsumtion unter die Vergangenheit bezeichnet das telos des Falls und den terminus a quo der Umkehr: – Hinter dem Rücken ist das Produkt der Subsumtion des Angesichts unter die Vergangenheit (Vorn – Hinten, Osten – Westen), – das strenge Gericht ist das Produkt der Subsumtion der Barmherzigkeit unter die Vergangenheit (Rechts – Links, Süden – Norden), – Herrschaft ist das Produkt der Subsumtion der Versöhnung unter die Vergangenheit (Oben – Unten). Die Naturgrenze ist die Todesgrenze: die Grenze zur Vergangenheit. Ist die Geschichte der drei Leugnungen die Voraussetzung für die Wiederkunft? Gehört nicht die Geschichte mit den Jüngern in Emmaus (und das „Mußte das nicht alles so geschehen“) ebenso zur Geschichte der Auferstehung wie die Geschichte der Maria Magdalena und das Apostolat? Die Jünger erkannten ihn dann am Brotbrechen. Ist die Zahl des Tieres (Apk 1318) – die Zahl des ersten Tieres (des Tieres aus dem Meer, „das zehn Hörner und sieben Köpfe hatte und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen gotteslästerliche Namen“) oder – die Zahl des zweiten Tieres, des Tieres aus der Erde („es hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drachen“)? Die beiden Tiere treten auf, nachdem „der große Drache, die alte Schlange, genannt der Teufel und der Satan, der den ganzen Erdkreis verführt, … auf die Erde (geworfen wurde)“ (129). In der Zusammenstellung: Stämme, Völker, Sprachen und Nationen scheinen die Sprachen die Grundlage zu sein, während die Stämme, Völker und Nationen Verkörperungen der Sprachen (die sich vielleicht sogar systematisch deduzieren lassen) sind: – die Stämme durch Genealogie, – die Völker durch die Stadt und das Königtum und – die Nationen durch den Staat, die Schrift, die Literatur? Auf den Sprachgrund des Ganzen verweist die Geschichte vom Turmbau zu Babel im Kontext der Beziehungen der Söhne des Noach (Sem, Japhet und Ham). (Leiten die Stämme und Völker mit indogermanischen Sprachen im Umkreis Israels, insbesondere die Hethiter und die Perser, sich wie die Griechen von Japhet, dessen Nachkommen „in den Zelten Sems“ wohnen, her? Hat der Name Sems etwas mit dem hebräischen Wort für den Namen, schem, zu tun, und was bedeuten dann die Namen Japhet und Ham?) Die Geschichte der drei Leugnungen endet mit dem Satz „und er ging hinaus und weinte bitterlich“. Ist die vorausgegangene Abfolge der Leugnungen ein Folge der Steigerung des Lachens? Und wenn bei Nietzsche der Tod Gottes in der „Fröhlichen Wissenschaft“ erstmals vorkommt, und Rosenzweigs Nietzsches Atheismus eine „Leugnung ins Angesicht Gottes“ nennt, gehört das nicht genau in diesen Zusammenhang? – Sind wir nicht nur ein Gelächter? Das Lachen ist der das Objekt konstituierende Begriff; erst die Reflexion, die Trauerarbeit und das Weinen, löst den Bann. Verhalten sich nicht Licht und Gravitation wie Innen und Außen? Und sind nicht die physikalischen Erhaltungssätze allesamt Systemfunktionen oder Existenzbedingungen des Inertialsystems, dem gesellschaftlich das Recht korrespondiert (Hinweis zum Begriff des Gesetzes)? Der Materie entspricht das Eigentum und die Person. Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, weil sie ein Sinnesimplikat der die Rechtslogik begründenden Allgemeinheit ist. Das Recht – gilt gegen alle, – es muß auf alle gleich angewandt werden (es ist den Reichen und den Armen gleichermaßen untersagt, unter den Seinebrücken zu nächtigen) und – es ist präjudizierend (jedes Urteil hat Auswirkungen auf alle nachfolgenden Urteile). So ließe sich das das Rechtssystem begründende Relativitätsprinzip formulieren (seine Homogenität und seine Geltung für alle Objekte, an allen Orten und zu jeder Zeit). Aber was entspricht dann dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von schwerer und träger Masse? Zur typologischen Qualität der modernen Naturwissenschaften: Gehören nicht – das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Urknall und – der schwarze Körper und das schwarze Loch zusammen, und gehört nicht das eine zum Problem der Konstituierung des Raumes und das andere zum Problem des Begriffs der Materie? Wie wäre der erste Satz des Tractatus logico-philosophicus ins Griechische, Lateinische, Englische oder Französische zu übersetzen; klingen auch hier die Beziehungen zur Deklination, zur Gravitation wie auch zum Sündenfall mit an? Vgl. im Lateinischen: lapsus, casus, im Englischen: fall, case, matter. Rührt die Einsteinsche Erkenntnis der Identät von schwerer und träger Masse nicht an einen theologischen Sachverhalt? Die Form des Raumes als Form der Gleichzeitigkeit repräsentiert zugleich die dreifache Abbildung der Zeit auf die Dinge.

  • 25.3.1994

    Die Vorstellung einer homogenen Zeit gründet in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (deren erste Gestalt war die Schicksalsidee: das Formgesetz des Mythos und der Grund, aus dem der Begriff, das Medium der Philosophie, hervorgegangen ist); sie ist vermittelt durch die Form des Raumes (Ableitung der Tatsache, daß der Raum drei Dimensionen hat). Durch die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (und d.h. durchs Inertialsystem) ändert sich auch die wirkliche Vergangenheit, wird sie überhaupt erst vergangen, unwiederholbar, entzieht sie sich dem ändernden Eingriff (Ursprung des Naturbegriffs). Der Raum begründet die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit und verhindert sie zugleich; er verhindert die der Prophetie zugrunde liegende Einsicht, daß nichts Vergangenes nur vergangen ist.
    Die Pforten der Hölle: das sind die Pforten der Unterwelt, des Totenreiches, der Vergangenheit, der Natur. Aber stark wie der Tod ist die Liebe.
    Aus dem Konstrukt der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit müßte sich eigentlich die Beziehung des Ursprungs des Weltbegriffs (der Philosophie und des Staats) zur Astronomie ableiten lassen. Zugleich müßte durchsichtig werden, was es mit den sieben Siegeln (und ihrer Beziehung zur Form des Raumes) auf sich hat, die allein das Lamm zu lösen vermag; ebenso das rationale Element in der Astrologie (Beziehung des Sternkreises zum Planetensystem) sowie die Bedeutung der biblischen Stellen über den Orion und die Plejaden, das Siebengestirn (das nach anderer Tradition auch auf die Planeten bezogen ist). Waren nicht die Plejaden die Tauben?
    Der Mond, der die irdische von der himmlischen Welt trennt, ist die Hölle vor dem Angesicht (heulen deshalb Hunde den Mond an?).
    Hat die Geschichte von dem einen unreinen Geist, der in die Wüste geht und mit sieben weiteren unreinen Geistern zurückkehrt, etwas mit Orion und den Plejaden zu tun?
    Auschwitz und die Astronomie (ist meine Lähmung nicht eine Lähmung durch Auschwitz, die ich an den Naturwissenschaften abarbeiten mußte?).
    Es gibt die Vögel des Himmels, das Königreich der Himmel und die Wolken des Himmels, auf denen der Menschensohn wiederkommen wird.
    Hat Jesus nicht die Taubenhändler und die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben? Wenn die Geldwechsler die Banken sind, wer sind dann die Taubenhändler? (Die Naturwissenschaften?)
    „Was du auf Erden lösen/binden wirst, …“: Auf Erden, dafür steht im Griechischen epi täs gäs (epi mit Gen.), „wird auch in den Himmeln gebunden/gelöst sein.“ Ist der Himmel im Singular ein Reflex der Idee des Absoluten, und käme es nicht darauf an, endlich den Plural wiederzuentdecken (im Kontext der Kritik des Begriffs einer absoluten Wahrheit, der Kritik des Dogmas und der Bekenntnislogik)?
    Sind die deutschen Präfixe Abkömmlinge der Präpositionen, und sind diese wiederum Erweiterungen und Abkömmlinge der Deklination; ist weiterhin diese Genealogie der Präfixe nicht in der Struktur des Neutrums vorgebildet (vgl. die Schlange, die den Staub frißt, den Adam produziert)? Und hängt das am Ende mit der Geschichte der drei Leugnungen zusammen?
    Wie steht das Haus zum Ding (der Raum zur Materie, die Ontologie zur Existenz)? Ist die Beziehung beider vorgebildet in der Beziehung von Ägypten und Babylon (Pharao und das Sklavenhaus Ägypten, der Turmbau von Babel und die Verwirrung der Sprachen)?
    Bedeutung des Namens „Haus“: Ägypten (Pharao und das Sklavenhaus; die Häuser der Juden in Ägypten, deren Pfosten vorm Exodus mit dem Blut der Pessachopfer bestrichen wurden, um den Racheengel abzuhalten, auch die Erstgeborenen der Juden zu töten; vgl. hierzu die Bindung Isaaks und die Opfer der Erstgeborenen für den Moloch), die mit Aussatz befallenen Häuser in der Thora, Häuser in der Astrologie, genealogischer Begriff „Haus“ (Haus Israel, Haus David), oikos (der Hausvater und der Verwalter).
    Die Orthodoxie ist das Bindeglied zwischen Mathematik und Sprache.
    Der Raum als die Form der Gleichzeitigkeit ist ein Reflex der inneren Struktur der Zeit.
    Die Vergangenheit ist endgültig nur dann vergangen, wenn die Zeit unendlich ist (wenn es eine ursprüngliche Vergangenheit, eine Vergangenheit vor jeder Gegenwart, gibt und kein Ende der Zeit).
    Auch das Lachen und Weinen ist in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit begründet (während das Lachen die Subsumtion bestätigt, ist Erinnerungsarbeit Trauerarbeit: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich“).
    Wer überleben will, muß an der Macht der Vergangenheit über die Zukunft partizipieren, er sollte aber dabei die drei evangelischen Räte nicht vergessen.

  • 23.03.94

    Der Weltbegriff ist der Inbegriff der Katastrophe, aber bei gleichzeitiger Abstraktion von der Katastrophe. Prophetie ist keine umgekehrte Geschichtsschreibung, sie ist vielmehr der Einspruch gegen die Vorstellung, nach der die Zukunft wie die Vergangenheit sein wird. Deshalb gehört zur Rekonstruktion des prophetischen Denkens die Kritik sowohl der Natur- wie der Geschichtswissenschaft, die beide davon ausgehen, daß die Zukunft wie die Vergangenheit sein wird. Jeglicher Fundamentalismus – und auch der Stalinismus war ein (marxistischer) Fundamentalismus – steht unter dem Bann des eigenen Feindbildes. Ist die „Schwerkraft“ die Besiegelung der Leugnung des Angesichts? Hat nicht das newtonsche Gravitationsgesetz die Form des Lichts ursurpiert: die Reflexionsbeziehung der „Anziehungskräfte“ spiegelt die zugleich verdrängte innere Form des Lichts, die Einheit des Sehens und Gesehenwerdens, wider. Merkwürdige Wahrnehmung: die Masse wird immer gesichtslos genannt; aber beim Vorbeimarsch der Massen beim Führer hat jeder sich als vom Führer „persönlich angeblickt“ gefühlt. War das ein Schameffekt (und ist nicht auch die Gravitation ein Schameffekt, Produkt der Universalisierung der Scham)? Wer die Astrologie als die Wissenschaft der Chaldäer (der Sumerer?) begreift, begreift den Turmbau zu Babel. Bilden nicht die Schöpfungsgeschichte, die Geschichte vom Sündenfall und die jahwistische Urgeschichte eine Konstellation, in der die Teile nur begriffen werden können, wenn das Ganze begriffen wird (in gewisser Hinsicht vergleichbar dem Zusammenhang von Logik, Naturphilosophie und Philosophie des Geistes im Hegelschen System)? Sie werden völlig verkannt, wenn sie historisiert und nur als vergangen angesehen werden, wenn das prophetische Moment darin, das, was die Aktualität, die Gegenwart, berührt, verdrängt wird. Wenn man einen Handschuh umstülpt, wird aus dem rechten ein linker. Ist das ein Bild der Beziehung von Barmherzigkeit und Gericht? In den alten Sprachen waren die Suffixe in erster Linie Determinanten, dann Grund und Mittel der Flexion, in den neuen Sprachen sind sie Mittel der Substantivierung (die die flektierende Sprache voraussetzt, aus ihr zusammen mit dem Inertialsystem hervorgeht). Welches ist die Bedeutung der Präfixe; wie ist ihre Beziehung zu den Präpositionen? Daß Joh 129 unters Nachfolgegebot fällt, ergibt sich aus dem Satz vom Binden und Lösen. Ist nicht die Mathematik, die alles erstarren macht (und damit alles verfügbar macht, instrumentalisiert), das steinerne Herz (Grund der Objektivierung, Verhältnis des Dogmas zur Mathematik)? Es gibt keine absolute Wahrheit, was jedoch nicht heißt, daß es keine Wahrheit gibt. Hat Hegel beim Übergang vom Sein zum Werden nicht das Haben vergessen? Und beschreibt der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ nicht einen sprachlogischen Sachverhalt: Die Würde hängt in der Tat zusammen mit dem konjunktivischen Hilfsverb „würde“ und drückt das Nichtverdinglichte, und deshalb nicht Antastbare, aus. Damit hängt u.a. auch die heute so beliebte Sprachwendung „ich würde sagen“ zusammen. Was ich nur sagen würde (ich habe es ja nicht gesagt), entzieht sich der Anklage, der Kritik; die Wendung erfüllt eine exkulpatorische Funktion. Wie hängen die die Fremdbestimmung reflektierenden Hilfsverben des Handelns „müssen“, „sollen“, „dürfen“ zusammen? Die Gottesfurcht ist der Grund der Weisheit, weil sie der Grund der Fähigkeit zur Sprachreflexion ist. Am Begriff des Glücks läßt sich das alles durchkonjugieren: Glück haben ist etwas anderes als glücklich sein, und das wiederum ist zu unterscheiden vom würdig sein, glücklich zu werden (ist nicht dieses „würdig“ das Verbindungsglied zwischen der Würde und dem Hilfsverb „würde“?). Das Wort von der rechten und linken Wange in der Bergpredigt ruft nur deshalb einen solchen Widerstand (schon gegen das Verständnis des Wortes) hervor, weil heute fast alle ihr Ich an die Fähigkeit, sich rächen zu können, knüpfen. Wer auf Rache Verzicht leistet, entsagt dem Recht, Person zu sein. Hier liegt der wichtigste Grund des Rechtsstaats, der auch dort, wo ich selbst mich nicht rächen kann, für mich einsteht, die Rache stellvertretend für mich leistet. Deshalb brauchen wir Gefängnisse (und totalitäre Staaten Konzentrationslager). Wenn das Stichwort „Terrorismus“ fällt, setzt heute im öffentlichen Gebrauch der Verstand aus. Das beginnt in den Medien mit der geheuchelten Anteilnahme („die Kurden erweisen sich selber einen schlechten Dienst“) und endet mit der öffentlichen Präsentation der Mordlust („alle ins Flugzeug, und dann überm Meer: Klappe auf“). Und der deutsche Innenminister sagt’s dann auch nicht viel anders und hat offensichtlich große Mühe, die Wut, die seine Gesichtszüge und seine Sprache entgleisen läßt, noch zu beherrschen.

  • 22.03.94

    Person und Charakter sind Produkte der Verinnerlichung der Scham (gleichsam der Welt- und Naturaspekt der verinnerlichten Scham): Der Ursprung des Personbegriffs in der Maske des Schauspielers hängt damit zusammen (es ist die gleiche Schamgrenze, die den dramatischen Inneraum der Arena, des Theaters, der Bühne, gegen die prosaische „Außenwelt“, die – als Keimzelle des späteren Inertialsystems – ebenfalls hier erst entsteht, konstituiert).
    Person und Charakter verhalten sich wie Ding und Eigenschaften: Jede Person hat ihren Charakter. (Ist auch die Beziehung der Welt zur Natur eine des Habens, und wird deshalb das Hilfsverb Haben bei der Konstruktion des Perfekts verwendet?)
    Der Objektbegriff verdankt sich der Abstraktion von der Herrschaft, welche Abstraktion in den Begriff des Objekts mit eingeht (um dann als Reflex dieser logischen Struktur – und als Subjektstütze – im Begriff des Absoluten wiederzukehren). Ist diese Abstraktion das Nichts, aus dem Gott (d.h. das Absolute) die Welt erschaffen hat? Oder anders (und genauer): Ist dieses Nichts der Grund, aus dem das Absolute hervorgeht, das dann als Schöpfer der Welt sich bestimmt? Das Absolute ist nicht physei sondern thesei.
    Es gibt keine absolute Wahrheit, wohl aber eine göttliche Wahrheit, und die ist sehr genau von der ersten zu unterscheiden.
    Schuld ist die Ehre des großen Charakters: Darin reflektiert sich
    – die Genesis des Charakters im Kontext des Ursprungs des Personbegriffs,
    – der mit beiden verknüpfte Ursprung des Absoluten: die Person ist eine Bestimmung, der Charakter eine Emanation des Absoluten,
    – der Schuldzusammenhang dieser gesamten Konstellation.
    Der Satz drückt genau die Grenze der Hegelschen Philosophie aus: die Grenze zur Gottesfurcht. Das genaue Gegenstück zu dem Hegelschen Satz ist Joh 129.
    Die absolute Idee, wenn sie zum Bewußtsein ihrer selbst kommt und den Charakter des Absoluten (das versteinerte Herz) von sich abwirft, findet sich wieder in der Gestalt des Gottesknechts, des Gotteslamms.
    Wie hat sich der Typos der vier apokalyptischen Reiter entfaltet, (von den vier Himmelswinden – Dan 114 und Sach 26 -, die nach Joel 24 „wie Rösser“ sind, über die vier Pferde bei Sacharja – 62f – zu den ersten vier Siegeln der Johannes-Apokalypse – 62ff)? Sind nicht schon die vier Himmelswinde (Geister der Himmelsrichtungen) Vorläufer der sieben unreinen Geister?
    Ist Maria Magdalena die einzige, die der Aufforderung des Täufers „Kehret um, das Gottesreich ist nahe“ gefolgt ist?
    Unterscheidet sich nicht das hebräische Perfekt vom griechischen dadurch, daß es vor der Konstituierung des Neutrums halt macht, und liegt darin der Schlüssel zum Verständnis von Joh 129 (das Hinwegnehmen sieht das Opfer als eine abgeschlossene Handlung, als ein frei verfügbares Werk, an, das Aufsichnehmen als eine noch offene, nicht zu Ende gebrachte Handlung?
    Die Instrumentalisierung des Opfers (in der christlichen Opfertheologie) und seine Verinnerlichung sind zwei Seiten ein und derselben Sache.
    Zur Philippus-Geschichte: Wie hängen die Taufe des äthiopischen Kämmerers und der Hinweis auf die vier prophetischen Töchter des Ph. zusammen (und war es nicht Philippus, der bei Johannes den Nathanael auf Jesus hinweist)?
    Wenn die Bibel das Wort Gottes ist, dann ist sie ein durch und durch prophetisches Buch, während der Fundamentalismus auch die Prophetie noch als ein in die Zukunft gerichtetes historisches Buch (als eine Form umgekehrter Geschichtsschreibung) ansieht und so die Prophetie leugnet.
    Zum Feigenbaum (und seinen Blättern und Früchten): Ist dieser Topos nicht mit hereinzunehmen in die Interpretation des paradiesischen und des noachidischen Nahrungsgebots (im Paradies sind die Früchte den Menschen vorbehalten)?

  • 21.03.94

    Doppelter Aspekt der Neutralisierung: Abstraktion von den Herrschaftsstrukturen und Verwischung der benennenden Kraft der Sprache (Ursprung des Begriffs). In welcher Beziehung steht das Neutrum zu den Konjugationen (zur Zeit) und welche Rückwirkungen hat es auf Maskulinum und Femininum und auf das System der Deklinationen (auf die Raumvorstellung) insgesamt? Oder in welcher Beziehung steht die Differenz des Männlichen und Weiblichen zur Form des Raumes?
    Die Verinnerlichung der Scham oder der Ursprung des Schönen.
    Ist das Licht eine lineare und die Finsternis eine Flächen-Qualität, die Farbe hingegen eine Verbindung beider?
    Maskulin/feminin/neutrum:
    – Der Rhein und der Main, aber die Weser, die Elbe, die Oder, die Donau;
    – der Berg, der Strom, der Fluß, der Bach, der Wald, die Ebene, die Wiese, das Tal, das Feld;
    – der Staat (die Republik), die Stadt, das Reich;
    – Präfixe: das Ge-e
    (im übrigen sind die Präfixe geschlechtsneutral: das Suffix bestimmt das Genus),
    – Suffixe:
    . die -heit, die -keit, die -ung, die -nis, die -schaft, die -(er)ei,
    . der -er/ler, der -ling,
    . das -tum, das -ige, das -zeug, und das -liche
    (substantivierte Adjektive);
    – der Tag, die Nacht (das Tageslicht, die Sonne, nimmt dem Himmel die Unendlichkeit, macht ihn im azurnen Himmel endlich; die Vorstellung des unendlichen Raumes ist hingegen eine Projektion, die die Finsternis zur Grundlage hat: eine Chimäre, ein Schrecken der Nacht, ein Alptraum; hier werden die Menschen als Schrecken der Tiere selber zum Tier);
    – das Ding, die Sache (spiegelt die Trennung von Ding und Sache nicht die Wirkung des Initiationsritus wider: das Kind ist sachlich, der Mann, der Erwachsene verdinglicht; hängt die Einfügung der Latenzperiode und der Ursprung der Pubertät mit der Trennung von Ding und Sache zusammen? – „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“).
    Ist das Neutrum aus dem Adjektiv entstanden, aus den Eigenschaften, die als Hypostase (wie in der Antike die Natur die Welt) dann das Ding nach sich gezogen haben? Wodurch unterscheiden sich -ig und -lich?
    Ist die Welt der Inbegriff des Zeugs, und wie hängt das Zeug mit dem Zeugen (dem Be- und/oder dem Erzeugen) zusammen?
    Gehören nicht die beiden Klavierstunden-Geschichten von anmutig und geil („heute sagen wir nicht mehr anmutig, sondern geil“ – die Verrohung der Sprache als Ausdruck der Erfahrungen, die Kinder heute machen) und von den Noten, die man wie im Schlaf können muß, zusammen (die Leistungen, die man wie im Schlaf können muß, werden heute von Computern erbracht).
    Gegenstand des Bilderverbots ist das Ding, das entstanden ist aus der Substituierung seiner selbst durch sein eigenes Bild (im Rahmen und auf der Grundlage der transzendentalen Ästhetik oder durch die Form der äußeren Anschauung und die Vorstellung). Ist das Lösen der sieben Siegel die letzte Konsequenz aus dem Bilderverbot, das in dem Satz vom Binden und Lösen Gemeinte: die Auflösung der transzendentalen Ästhetik?
    Ästhetik und Mythos gründen im sich auf sich selbst beziehenden Selbst, das dann in allem sich wiederfindet.

  • 20.03.94

    Hat der Begriff der Stimmung bei Hegel (Enz. III, Zusatz zu 401, S. 107) nicht einen logischen Stellenwert, der genau dem der Verinnerlichung der Scham durch die Bekenntnislogik entspricht? Vgl. dazu Joachim Ritters Bemerkungen über die Stimmung in seinem Essay über das Lachen. Bezeichnet nicht die Stimmung das eigentlich Verdammte, das sich auf sich selbst beziehende Abgeschnittensein von der benennenden Kraft der Sprache. Nicht zufällig erinnert der Begriff der Stimmung an einen musikalischen Sachverhalt: So ließe sich die Musik als Ausbruchsversuch aus der Stummheit der Stimmung definieren (als der Versuch, ohne Angst zu leben, an dem die Stimmung verzweifelt ist, vor dem sie kapituliert hat: nur schlechte Musik versteht sich als Anpassung an die Stimmung oder gar als Erzeugung von Stimmung).
    In welcher Beziehung stehen Scham (der Wunsch, im Boden zu versinken, den die Verdrängung dann glaubt erfüllen zu können) und Angst zueinander? Ist nicht die Stimmung die sich selbst übertäubende Angst (und Rock die ins Extrem getriebene Stimmungsmusik, deshalb bei Demos so beliebt)? Keine Stimmung ohne Wut.
    Stimmung und Laune?
    Wer die Dinge aufs Geld reduziert, leugnet das Licht und die Blumen.
    Es gibt nicht nur eine hebräische Schrift, sondern die Schrift selber ist ein Hebraismus: In der griechischen Schrift wird die hebräische nur auf Links gewendet. Das war die Voraussetzung der Vokalisierung der Schrift (und der Sprache): Produkt der Verinnerlichung des Opfers (und dann der Scham), Grundlage des Weltbegriffs. Oder genauer: die Vokalisierung gründet in der Verinnerlichung des Opfers, während die Verinnerlichung der Scham (Grund und Folge der Schicksalsidee) Schrift und Sprache so umkehrt, daß Rechts und Links ununterscheidbar werden. Hier gehen ihnen die Augen auf, und sie erkennen, daß sie nackt sind: erst die Philosophie, die Erfindung des Begriffs, „öffnet die Augen“, macht das Sehen anstelle des Hörens zur Grundlage der Vernunft, die dann Rechts und Links nicht mehr unterscheiden kann.
    Gehört nicht die Beziehung der pornokratischen zur pornographischen Phase der Kirchen- und Theologiegeschichte zur Ursprungsgeschichte des Herrendenkens? Ist nicht die Verwendung der Sexualmoral als Richtschnur des moralischen Urteils der Grund des Sexismus, gleichsam der patriarchalische (und d.h. ein apriorischer, transzendentallogischer) Kern der theologischen Tradition, der sich mit dem antijudaistischen aufs engste berührt.
    Wenn Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie (den Begriff des Seins) zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, dann Hegel den der Theologie (den Begriff des Absoluten).
    Wer über Gewalt bei Kindern und Jugendlichen redet, muß über die Verrohung der Sprache reden („Wir sagen heute nicht mehr anmutig, wir nennen das geil“). Das aber um keinen Preis denunziatorisch: Es muß hinzugefügt werden, daß diese Verrohung der Sprache eine Erfahrungsgrundlage hat, die sie geradezu erzwingt; sie ist der Versuch der Verarbeitung bestimmter Formen der Erfahrung. Haben nicht die Kinder und Jugendlichen heute große Probleme, das Erbe, das ihnen die Eltern hinterlassen (diese Welt), anzunehmen, sich darin wiederzufinden? Das In-der-Welt-Sein und die Geworfenheit entspricht einer Erfahrung der Generation Heideggers. Die jetzt heranwachsende Generation erfährt sich als von der Welt ausgeschlossen.
    Aber es gibt nicht „die Welt“, zu der wir uns äußerlich verhalten (und die uns damit zugleich aus sich ausschließt), sondern die Äußerlichkeit der Welt ist etwas von uns Produziertes und von Generation zu Generation Vererbtes: sie ist ein Teil der Erbschuld, die die Welt verhext, Ausdruck der im Objektivierungsprozeß anwachsenden Macht der Vergangenheit über die Dinge (die in diesem Prozeß überhaupt erst zu Dingen geworden sind). Hier wird deutlich, daß (und weshalb) das Zentrum der Prophetie ihr Aktualitätskern ist, weshalb die Wahrheit einen Zeitkern hat.
    Die Wahrheit ist nicht überzeitlich, sondern das Überzeitliche ist der Inbegriff und das Medium der Leugnung; die Geschichte der drei Leugnungen spielt sich in diesem Medium ab.
    „Man gönnt sich ja sonst nichts“: Dieser Auto-Aufkleber steht in der Tradition der in der Nazizeit verbreiteten Klage, man habe nichts vom Leben gehabt. Das „man“ des ersten Satzes ist der Abkömmling des anonymisierten „Lebens“ im (früheren) zweiten Satz.

  • 18.03.94

    Auch das Lippenbekenntnis ist ein (projektives) Schuldbekenntnis: logisches Zentrum des Schuldverschubsystems. Im Bekenntnis (im Kontext mit seiner „gemeinschaftsbegründen“: politischen, ökonomischen und religiösen Gewalt) gewinnt das projektive Moment in der begrifflichen Erkenntnis seine gegenständliche Kraft. Erkenntnistheoretisch gründet das Bekenntnis in der Form der äußeren Anschauung: in der Form des Raumes, praktisch bildet es sich am Modell der Logik des Tauschprinzips.
    Die genetische Beziehung der Trennung von Ding und Sache zur mittelalterlichen Eucharistie-Verehrung gründet in der Bekenntnislogik: Durch diese Beziehung rückt die Eucharistie (und mit ihr die Opfertheologie, eigentlich das gesamte Dogma) in den Kern des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs, wird sie zur Verkörperung der „Sünde der Welt“ („Denn wer ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet“).
    Wenn das Bekenntnis der unreine Geist ist, der in die Wüste geht, welches sind dann die sieben unreinen Geister, die mit ihm zurückkehren?
    Mit dem Bekenntnis (das als Produkt der Verinnerlichung der Scham sich begreifen läßt) ist die Fixierung auf die Sexualmoral mitgesetzt: So ist die Kirche in die Fundamenten des Weltbegriffs mit eingegangen und seitdem darin enthalten (und verhext auch die jüdische Tradition und den Islam, Grund des Fundamentalismus).
    Das Bekenntnis als Produkt der Verinnerlichung der Scham kehrt die Richtung der Scham um; die Blöße soll nicht mehr nur vor dem Blick der andern, sondern – nach Verinnerlichung des des Blicks von außen: des Gesehenwerdens, nach Verinnerlichung der Welt – präventiv schon vor der eigenen Wahrnehmung geschützt werden: Konstituierung des Verdrängungapparats, Ursprung des steinernen Herzens und des pathologisch guten Gewissens; dagegen hilft nur noch Umkehr als Erinnerungsarbeit.
    Durch ihre Beziehung zur Verdrängung unterscheidet sich die Bekenntnislogik von der bloßen Heuchelei: Der Begriff der Heuchelei unterstellt ein bewußtes Verbergen (gegen den Blick von außen), während die Verdrängung gegen den eigenen Blick nach innen schützen soll; dieses Verfahren funktioniert nur auf der Basis der Bekenntnislogik (die eine Form der Urteilslogik ist).
    Die „verandernde Kraft“, die Rosenzweig der Kopula „ist“ zuspricht, beherrscht die Urteilsform insgesamt: auch die Bekenntnislogik.
    Als die Deutschen nach dem Krieg den Gedanken an eine Kollektivschuld verwarfen, statt dessen (nach einem Vorschlag von Theodor Heuß) die Kollektivscham als ein der Einnerung an das Grauen angemessenes Verhalten akzeptierten, haben sie mit der Bekenntnislogik die alte Welt (den Weltbegriff und die damit verknüpften Verdrängungsmechanismen) gerettet. – „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“ So endet die Erzählung „Ein Landarzt“ von Kafka.
    Trifft es zu, daß es Sprachen gibt, die die Unterscheidung von Maskulinum und Femininum nicht kennen, sondern nur die von Belebtem und Unbelebtem? Welches Weltverständnis liegt diesen Sprachen zugrunde, sind sie nicht schon unter der Gewalt des Neutrums entstanden (denn die Unterscheidung von Belebtem und Unbelebtem, Organischem und Anorganischem, mißt das Belebte am Unbelebtem; dieses ist das Hypokeimenon)? Haben diese Sprachen mit den hamitischen Sprachen zu tun, sind sie „Sklavensprachen“ (Produkt der aufgedeckten Blöße des Vaters)? Und haben sie etwas mit den Geschichten von den Göttersöhnen und den Menschentöchtern zu tun?
    Ist der Name des Vaters ein Name JHWHs oder ein Name Elohims?
    Der Ursprung der Philosophie, das Verstummen der Sprache und die Barbarisierung der Welt (durch Zurichtung zur Natur).
    Die Kirche hat das parakletische, das verteidigende Denken durch das apologetische Denken ersetzt: Sünde wider den heiligen Geist.
    Steckt die Lösung der Hegelschen Philosophie in dem Satz „Schuld ist die Ehre des großen Charakters“ (der sich übrigens im Hegel-Register der stw-Ausgabe nicht findet)? Aber klingt dieser Satz nicht ein wenig wie der Satz Heideggers „Wer groß denkt, muß groß irren“?
    Schuld, Ehre und Charakter bezeichnen die Einheit des Schuld-, Verblendungs- und Herrschaftszusammenhangs.
    Käme es nicht heute darauf an, die Bewegung vom Mythos zur Offenbarung, die Franz Rosenzweig im Verhältnis des zweiten zum ersten Teil des Stern der Erlösung beschreibt, als das Modell der realen Befreiung im Christentum: der Umkehr, zu begreifen? Ist das Christentum nicht (durch die Bekenntnislogik) die ambivalente Einheit von Mythos und Offenbarung? Ist es nicht diese Einheit (die des Bekenntnisses), die heute in den Spannungen sich entlädt, die das Überleben des Christentums in seiner bisherigen Gestalt in Frage stellt? Eine Hilfe ist der Hinweis, daß in der Schrift das gewöhnlich mit „Bekenntnis“ übersetzte homologein auf den Namen (das Telos der benennenden Kraft der Sprache) sich bezieht.
    Die Materie (selber Produkt der Verinnerlichung der Scham) ist der Schwamm, der die benennende Kraft der Sprache in sich aufgesogen hat; das Bekenntnis (der logische Kern der Begriffsbildung) ist eine Ersatzbildung dafür.
    Hängt der Name der Ahnen mit den Verben ahnen (die Zukunft wird nach Schelling geahnt) und ahnden (die Schuld wird geahndet) zusammen? Vorstellbar wäre, daß mit der „geahndeten“ Zukunft (und das Ahnen gibt es gelegentlich auch in der sprachlichen Form des Ahndens) die unter die Vergangenheit subsumierte (und so in der Tat geahndete: zur Schuld verurteilte) Zukunft gemeint ist.

  • 15.03.94

    Geschäft: Sprachlich abgeleitet von „schaffen“, bezeichnet es die schlecht unendliche (Schöpfungs-)Tätigkeit, während das Geschöpf (säkularisiert, gleichsam schlecht verunendlicht, als Ding, Ware) das Werk bezeichnet. Auch das Geschäft ist ein Sechs-Tage-Werk. Das Geschäft leitet sich ab von dem stark konjugierten Verb „schaffen“ (schuf), das Geschöpf von dem schwach konjugierten „schöpfen“ (schöpfte). Liegt der Grund für die Unterscheidung von starken und schwachen Verben darin, daß jene die Tätigkeit bezeichnen, während diese das Produkt bezeichnen?
    Hängt die Unterscheidung von starken und schwachen Verben mit der Trennung von Ding und Sache zusammen, sowie mit der Verstärkung der Bedeutung der Personalpronomina und der Verwendung der Hilfszeitwörter?
    Ist das „Geschäft“ nicht gleichzeitig ein substantiviertes Suffix (das substantivierte „-schaft“), ein Suffix das zur Bildung von Abstrakta wie Wissenschaft, Gesellschaft u.ä. verwendet wird?
    Sind die Prä- und Suffixe insgesamt Abkömmlinge der Determinanten (und zugleich Voraussetzungen der flektierenden Sprachen, zu deren grammatischer Durchbildung sie unentbehrlich gewesen sind)? Und war dazu die historische Voraussetzung die Bildung der agglutinierenden Sprache: das heute sogenannte „Sumerische“, nach Heinsohn das Chaldäische? Hat die besondere Qualifikation der „Chaldäer“ im Altertum, wenn Astrologen (und Weissager, vgl. das Buch Daniel) generell Chaldäer hießen, hier ihren sprachlichen Grund?
    Merkwürdiger Sachverhalt, daß das Präfix Ur-, das im Urteil, in der Urgeschichte, in der Ursache vorkommt, und hier jeweils das Erste, „Ursprüngliche“ bezeichnet, zugleich den Namen der Stadt bezeichnet, aus der Gott Abraham herausgerufen hat: Ur in Chaldäa? Im Deutschen gibt es ähnlich wie das Eigentümlich auch das Urtümliche (sowie das Ungetüm und das Deutschtum): Steckt darin nicht die Rückkehr in den Ort, aus dem Abraham ausgezogen ist? Hängt dieses „Ur“ nicht mit dem Präfix „er-“ zusammen (erscheinen, erschaffen, errichten u.ä.); und in welcher Beziehung steht dieses Präfix zum Personalpronomen 3. Pers. sing. mask.: er?
    Die Erscheinung ist ein Produkt der Urteilsform: das Gesetz der Subsumtion unter die Vergangenheit.
    Der Bereich, auf den die benennende Kraft der Sprache (und damit auch die Benennung der Tiere durch Adam) sich bezieht, ist die Zukunft: in der Vergangenheit auf die uneingelöste Zukunft. Deshalb steht die Erkenntnis der Vergangenheit unter dem Schuldspruch des Urteils; und deshalb heißt die Dinge beim Namen nennen: die Schuld nicht verschweigen. In dieser zeitlich-logischen Konstellation konstituiert sich der Begriff des Bekenntnisses. Und aus dem gleichen Grunde findet die benennende Kraft der Sprache ihre Erfüllung im Namen Gottes. Die trinitarische Vergöttlichung Jesu (des Logos) ist der falsche Ausdruck dieses Sachverhalts (der die Übernahme der Sünde der Welt und das Bekenntnis oder die Heiligung des Namens voraussetzt und mit einschließt). Der Heilige Geist (oder der Geist der Prophetie) ist das Medium, in dem die benennende Kraft der Sprache sich erfüllt (Preisfrage: Ist der Heilige Geist eine Person?).
    Werden in den Museen die Kunstwerke nicht auf ähnliche Weise domestiziert (und neutralisiert, depotenziert) wie die Tiere im Zoo (und die „Eingeborenen“ in den Kolonien)?
    Hat die Forderung, daß endlich mit der Erinnerung an die Kriegsschuld, an Auschwitz und den Judenmord Schluß sein müsse, daß die Deutschen nicht immer im Büßerhemd herumlaufen könnten, nicht doch sehr viel mit der opfertheologischen Verarbeitung des Kreuzestodes mit der daraus abgeleiteten Vorstellung der Sündenvergebung, die nur zwischen dem Sünder und dem Priester sich abspielt, aber die Opfer draußen vor hält, sie nicht mit einbezieht) zu tun?
    Aber vertritt die Kirche nicht in der Tat alle Opfer (und ist das nicht der Sinn des corpus Christi mysticum wie auch der Übernahme der Sünde der Welt), und brauchte es nicht nur des Bewußtseins davon, um den Bann zu lösen, unter dem die Kirche steht (und die Sensibilität und Erinnerungsfähigkeit wiederherzustellen)?
    Wenn das Objekt, aus dessen Begriff die Erscheinungen hervorgehen, der Spiegel- und Quellpunkt des endlichen Wissens ist, wäre das nicht konkret anzuwenden auf den Mond: daß in ihm (als Grenze der sub- und translunarischen Welt) die Lösung des Problems des Planetensystems steckt? Anzuwenden auf den Mond, der über die Nacht herrscht.
    Wurde die Verwirrung, die die deutsche Sprache beherrscht (sie ihrer benennenden Kraft beraubt), damit besiegelt, daß im Deutschen die Sonne feminin und der Mond maskulin ist?

  • 10.03.94

    Der Raum repräsentiert die Macht der Vergangenheit über die Zukunft: so ist er Inbegriff der Vergängnis.
    Nicht der Begriff, sondern die benennende Kraft der Sprache, die sich im göttlichen Namen erfüllt, ist der Kern der Prophetie. Der Begriff, das sind die Wasser, die den Meeresboden bedecken.
    Die Fundamentalontologie Heideggers verhält sich zur Hegelschen Logik wie die agglutinierende zur flektierenden Sprache (Turm von Babel).
    Wann sind die Bücher Hiob und Daniel entstanden, und wie sind Noah, Hiob (lt. Reclams Bibel-Lexikon ist die Hiobs-Geschichte zwischen dem 5. und 3. Jh. v. Chr. entstanden) und Daniel (das Buch Daniel stammt aus der Zeit des Hasmonäeraufstandes, 167 – 164 v. Chr.) in das Buch Ezechiel (Ezechiel lebte im 7./6. Jh. v. Chr., das Ezechielbuch wurde von seinen „Schülern“ zusammengestellt und wahrscheinlich erweitert) hineingeraten?
    Hat der Name des Petrus etwas mit dem Felsen beim Daniel zu tun, von dem der Stein sich löst, der im Traum des Nebukadnezzar das Bild der Reiche zerstört?
    Wut ist säkularisierter (verdinglichter) Zorn: Hegel verwirft die Idee des göttlichen Zorns, weil der Zorn innerweltlich ebenso gegenstandslos ist wie die Barmherzigkeit, deren Außenseite er ist (der Zorn ist die Manifestation des Gerichts der göttlichen Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht). Die besondere Bedeutung der Beziehung der Wut zum Zorn gründet darin, daß sie aufs genaueste die der Materie (des Begriffs) zum Namen widerspiegelt. Adornos Bemerkung über das Verhältnis von Aufklärung und Wut (in der „Negativen Dialektik“) hat hier ihr fundamentum in re.
    Hat die Unterscheidung von Zorn und Wut mit der von Ding und Sache zu tun? Dann wäre diese Unterscheidung schon im Lateinischen vorgebildet: in der Differenz von ira und furor (im Englischen sind rage und fury nicht so eindeutig unterschieden).
    Stehen die Summenzahlen im NT wie 153 (17), 276 (23) oder 666 (36) in Zusammenhang mit der apokalyptischen Wendung „eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit“ (als Ausdruck der Summenformel: (n + n2)/2)? Und kann es sein, daß diese Formel zugleich die Beziehungen der drei Dimensionen im Raum beschreibt (und den Schlüssel zum Verständnis der Hegelschen Logik in sich enthält: zum Verständnis der Beziehung von Einzelnem, Allgemeinen und Besonderen)?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie