Sprache

  • 13.10.93

    Ist nicht mit der Rezeption der Rechtfertigungslehre in der katholischen Theologie (seit den dreißiger Jahren, und d.h. im Kontext des Rückfalls in die Barbarei) der letzte Damm gebrochen? Die Verknüpfung von Bekenntnis und Rechtfertigung hat der Theologie insgesamt eine Wendung gegeben, die Orthodoxie und Positivismus miteinander verschmolzen hat.
    Die Wahrheit hat einen Zeitkern, und dieser Zeitkern steht in einer Korrespondenz zur Vergangenheit: Beide erhellen sich wechselseitig.
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt. Darauf bezieht sich das Gleichnis von den Talenten. Aber ist die kirchliche Tradition nicht ein einziges Talente-Vergraben?
    Das Adjektiv ist ein Abkömmling des Possessivpronomens: Die Burg des Königs ist eine königliche Burg. Und alle Eigenschaften eines Dings sind Ausdruck der Allgemeinbegriffe, unter die das Ding subsumiert wird. Es gibt kein Ding ohne Eigenschaften.
    Das Allgemeine ist der blinde Fleck der Gemeinheit.
    Nicht die Person, sondern Name (der jüdische Tempel war das Haus des Namens Gottes).
    Zu den Siegeln: Sie sind Repräsentanten des Namens (sind nicht die unreinen Geister Repräsentanten des Mißbrauchs des Namens?).
    Werden nicht in der Lebensphilosophie und in der Sakralisierung des Organischen die Spuren des vergeblichen Kampfes gegen die Gitter des Weltgefängnisses angebetet?
    Ist nicht das Präsens der indogermanischen Sprachen das Imperfekt der semitischen Sprache, und das indogermanische Imperfekt das semitische Perfekt? Drücken nicht die semitischen Bezeichnungen die Funktion und Bedeutung der Tempora präziser aus?
    Nach der kirchlichen Tradition gehört der trinitarische Titel Vater nicht der natürlichen, sondern der Gnaden-Ordnung an. Gott ist Vater, nachdem der Christ in der Taufe zum Sohn geworden ist. Aber die Gnadenordnung gehört zum Bereich der göttlichen Verheißungen; sie ist im Anfang mit dem Himmel miterschaffen. Dem entspricht das Vater unser: der du bist in den Himmeln.
    Durch die Trennung der Begriffe Natur und Welt, die in dieser Trennung erst entspringen, wird die Geschlechtertrennung totalisiert: Inbegriff der Unzucht.
    Das hilflose Bekenntnis: Das Bekenntnis ist nicht nur ein Produkt der Hilflosigkeit, sondern schließt den Wiederholungszwang: die zwangshafte Reproduktion der Hilflosigkeit, das Eingesperrtsein in die Hilflosigkeit, mit ein. Zur Bekenntnistheologie gehört die Gnaden- und die Rechtfertigungslehre (Logik der Orthodoxie).
    Solange man den Kapitalismus nur als technisches, nicht jedoch auch als logisches Problem begreift, gibt es keine Kritik der Physik, der Naturwissenschaften.
    „Unser tägliches Brot gib uns heute“ und „dies ist mein Leib“: Hängt nicht beides zusammen, und wird das Brot nicht erst dann zum Leib Christi, wenn alle ihr tägliches Brot haben und niemand mehr hungern muß?
    Die Kirche als Verkörperung des verdinglichten Bewußtseins der Theologie ist das versteinerte Herz der Welt. Wenn es zu diesem verdinglichten Bewußtsein der Theologie keine Alternative mehr zu geben scheint, so hängt das mit zwei Dingen zusammen:
    – einmal mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit (der Beziehung des Faschismus zur kirchlichen Tradition) und
    – zum andern mit der unaufgearbeiteten Beziehung zur Geschichte der Aufklärung, insbesondere zu den Naturwissenschaften.
    (Weil sie den Haß der Welt nicht ertragen hat, ist sie selbst zum steinernen Herzen der Welt geworden.)
    Die Schöpfungslehre und die Lehre von der Auferstehung der Toten sind unserer Theologie bloß aufgesetzt: theologisch durchdrungen wären sie erst, wenn die Kritik des Natur- und Weltbegriffs gelungen (und die Geschichte der Philosophie und des Staates aufgearbeitet) wäre.
    Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae. Hierzu ist anzumerken: Das Antlitz ist kein optischer, sondern ein sprachlicher Sachverhalt. Und die Erneuerung des Antlitzes hat etwas mit dem Parakleten zu tun.
    Vom allen Seiten hinter dem Rücken: Das ist das durch richtendes und objektivierendes Denken, durch Instrumentalisierung und Herrendenken potenzierte Hinter dem Rücken (hinten, links und unten).
    Hegels Philosophie ist eine, die post festum (nachdem sie vom Rathaus gekommen ist) klüger geworden ist; aber die so gewonnene Klugheit ist auch eine, mit der man vom Rathaus kommt.
    Nur die Erkenntnis des Ewigen (die Reflexion der Zeit) befreit das Denken davon, bloße Funktion der Zeit zu bleiben.

  • 09.10.93

    An dem Wort Gerechtigkeit (an der Verarbeitung des zugrundeliegenden Worts „Recht“ durch das perfektivierende ge-, das adjektivierende -ig und das hypostasierende -keit) kann man die Geschichte und Struktur der deutschen Sprache ablesen, einer Sprache, die für die, die sie heute unreflektiert sprechen, zum Inertialsystem geworden ist: Sklavensprache als Herrensprache (die Sprache des Zuschauers). Aber kann man sich nicht aus den Verstrickungen dieser Sprache nur mit der Kraft dieser Sprache selbst befreien?
    Unterscheiden sich die Prä- und Suffixe nicht dadurch, daß, während die Präfixe den Begriff zusätzlich von außen bestimmen, die Suffixe innerlogische Ableitungen der Begriffe selber repräsentieren. Was bedeutet es, wenn im Griechischen (generell in den klassischen Sprachen) die Personalpronomina den Verben als Suffixe angehängt werden: Grund des Begriffsrealismus, der Philosophie? In den modernen Sprachen gehört die Ablösung (und Hypostasierung) der Personalpronomina zur Ursprungsgeschichte des Nominalismus. In den klassischen Sprachen haben die Flexionen (Konjugation und Deklination) ihren grammatische Ort in den Suffixen, die die Logik dieser Sprachen bestimmt. In den modernen Sprachen wird die Ablösung der Personalpronomina begleitet von einer Differenzierung und Entfaltung der Präfixe (den Erben der archaischen Determinanten?). Läßt sich der deutsche Idealismus aus der Sonderrolle der Präfixe im Deutschen ableiten? Sind die Präfixe die Determinanten der subjektiven Formen der Anschauung, die – als subjektive Formen der Anschauung – erst durch die Ausbildung und Entfaltung der Präfixe von den Verben endgültig sich ablösen (vgl. die Bedeutung des französischen Rationalismus und des englischen Empirismus für den Ursprung der transzendentalen Logik).
    Die grammatische Unsicherheit bei „trotz“ und „wegen“ (das Verschwinden der Logik der Begründung und der Argumentation) belegt die wachsende Unfähigkeit, rechts und links (Genitiv und Dativ) zu unterscheiden.
    Hängt das deutsche Wort Ort mit dem griechischen orthos zusammen?
    Der deutsche Himmel hängt mit dem Hammer zusammen; woher kommen das englische sky und heaven, der griechische ouranos, der lateinische caelum?
    Meinung und Sein: In beiden steckt das Possessivpronomen. Ist nicht das Eine das generalisierte, von der bestimmten Zuordnung zu Mein, Dein, Sein abgelöste Possessivum (Zusammenhang mit dem aristotelischen tode ti, dem Kernbegriff des historischen Objektivierungsprozesses)? Ist das Eine nicht ein Strukturelement der Warenform (das Eine ist das Andere des Anderen, Hegel)?
    Frauen als Kollektiveigentum, oder Steigerung des Possessivums: Das Possessivpronomen der 3. Person sing. fem. ist das Personalpronomen der 2. Person plural (sie/ihr), dessen eigenes Possessivpronomen (euer) das fatale „eu“ enthält? Beachte auch den Zusammenhang der Possessivpronomina mit der Genitivbildung der Personalpronomina (während der Dativ: mir, dir, ihm, außer im fem. und pl.: ihr, uns, euch, ihnen, unabhängig vom Possessivum gebildet wird?).
    Das Moment der Gemeinheit ist aus dem Allgemeinen nicht herauszulösen; die Niedertracht in der Gemeinheit ist im Allgemeinen nur falsch aufgehoben (Objektbegriff und Neutrumsbildung). Die Welt ist alles, was der Fall ist (Zusammenhang des Ursprungs des Weltbegriffs mit der Naturforschung: dem tode ti).
    Ist das tode ti die Verspottung der Prophetie, Ursprung und Statthalter des Hasses der Welt (die Sünde wider den Heiligen Geist)? Vgl. Hegels Analyse des hier und jetzt: Nachweis, daß das Individuellste das Allgemeinste ist, daß beide austauschbar sind (Grund der List der Vernunft).
    Die transzendentale Logik und ihr Kern, der apriorische Objektbegriff, ist der logische Grund der Trennung von Natur und Welt, aber auch der Kulturindustrie, des Fernsehens, in denen die Trennung von Natur und Welt als Trennung von Information und Unterhaltung (die – wie nach Kant die Begriffe Natur und Welt -ebenfalls heute „ineinander fließen“, aber leider nicht mehr nur gelegentlich) sich widerspiegelt. Der Ausbruch aus der Isolationshaft dieser Logik ist nur über die Umkehr möglich, die bei Franz Rosenzweig erstmals als gnoseologische Kategorie begriffen worden ist.
    Rohstoff und materielle Grundlage der Kulturindustrie ist das durch die Trennung von Natur und Welt präformierte Bewußtsein (Ursprung der Trägheit des Zuschauers).
    Zur Barmherzigkeit gehört die Seite des Zorns, wie sie gelegentlich in Texten von Henryk M. Broder durchblitzt. Aber liegt seine Gefahr nicht darin, daß er dieses Zorns nicht so mächtig ist, daß er gefeit wäre vor der Verführung durch den Weg des geringsten Widerstands? Nur so sind seine Ausfälle gegen Hans Mayer oder Dorothee Sölle verständlich. Ist nicht die Idee einer richtenden Barmherzigkeit (die Idee des Jüngsten Gerichts) nur zu halten im Kontext der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (im Kontext der Naturkritik)?
    Ist der Zorn, die andere Seite der Barmherzigkeit, das Feuer, daß Jesus vom Himmel bringen wollte, und von dem er wünschte, es brenne schon?
    Die Unterscheidung von Zorn und Wut gehört zusammen mit der Idee der Umkehr (die von der Idee der Auferstehung der Toten sich nährt) zu den letzten Einsatzpunkten der Begründung einer erneuerten Theologie. Aber diese Theologie wäre mehr als Theologie: sie wäre eine neue Gestalt der Prophetie. Hier gehören Joel und das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist zusammen.
    Die Logik des Herzens: Das Herz ist links, aber ist es nicht auf der Linken ein Repräsentant der Rechten: Stätte des Gerichts der Barmherzigkeit (des Zorns) über das gnadenlose Weltgericht.
    Der Zorn ist rational und gezielt, während die Wut (wie das Licht der Sonne) ohne Unterschied über Gerechte und Ungerechte sich ergießt.

  • 04.10.93

    Die Anschauung verletzt das Bildergebot, ihr ist das Gesetz der Verdinglichung einbeschrieben.
    Ist nicht das Präsens in jeder Hinsicht eschatologisch: das Ende des Alten und der Beginn des Neuen?
    Muß man den hegelschen Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, nicht heute dahin verschärfen: daß der bürgerliche Reichtum jetzt aus seinen eigenen Prämissen und Voraussetzungen die Armut und den Pöbel erzeugt?
    Stämme, Völker, Sprachen und Nationen: Ist das nicht aufzuschlüsseln nach: Genealogien, Königtümern (Tempel und Opfer), Sprachen, Städte (Geldwirtschaft, Handel)?
    Zum Kerub mit dem kreisenden Flammenschwert: Thront nicht Gott auf den Keruben, und ist nicht der Himmel sein Thron (und die Erde der Schemel seiner Füße)? Aber heißt es nicht auch: Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst (und das kreisende Flammenschwert zurückgenommen) sein?
    Das Bekenntnis ist undialogisch: das gemeinsame Bekenntnis von Einsamen.
    Wenn Kohl vom Urteil der Geschichte spricht, denkt man nicht dann an den zukünftigen Tatenruhm, der den toten Helmut überleben soll? Aber ist der Toten Tatenruhm nicht heute durchsetzt von dem Leichengift und dem Leichengeruch von Auschwitz?
    Ist nicht Brechts „Der Schoß ist fruchtbar noch“ noch zu harmlos, beginnt nicht die Vergangenheit, aus der Auschwitz hervorgegangen ist, heute Auschwitz zu überleben? Und war es nicht genau das, was Heitmann zum Ausdruck gebracht hat?
    Hat Auschwitz nicht in der Tat der Opfertheologie (der theologischen Instrumentalisierung des Kreuzestodes) die Grundlage entzogen, und ist der Hinweis in den Elementen des Antisemitismus (in der Dialektik der Aufklärung) nicht doch endlich ernst zu nehmen?
    – Ein undeutliches Bild aus der Kindheit: Es ist Winter, draußen liegt Schnee, ich stehe in der Küche am Küchenfenster. Draußen ist jemand mit einem Schlitten, der mich auffordert, herauszukommen und auf dem Schlitten mitzufahren. Aus einer Wunde (wessen Wunde es war, weiß ich nicht mehr) tropft Blut in den Schnee, und ich bin nicht mehr dazu zu bewegen, nach draußen in den Schnee zu gehen.
    – Kann es sein, daß es am Rande (neben dem realen Anlaß: den Gesprächen zuhause über Hitler und die wachsende Nazibewegung) eine Beziehung zur Frage des Fünfjährigen gibt, wann die Welt untergehen wird?
    – Das Ganze wächst weiter, als ich in der Vorbereitungszeit vor der Erstkommunion auf Geschichten aus der Märtyrerzeit stoße, die mir klarmachen, daß man nicht Christ sein kann ohne die Bereitschaft, im Ernstfall auch physisches Leiden auf sich zu nehmen.
    – Das nächste ist die Geschichte der Operation, der ich mich als 16-jähriger habe unterziehen müssen, eine Operation an einer für einen Jungen in diesem Alter sicher empfindlichsten Stelle: eine Phimose-Operation. In dem Lazarett (1943, ich war Luftwaffenhelfer), in dem die Operation vorgenommen wurde, lag im gleichen Zimmer ein SS-Unterscharführer, der von seiner Beteiligung an den Judendeportationen aus Holland erzählt. Hat sich vielleicht die Erinnerung an die Operationen mit Vorstellungen über eine Beschneidung vermischt? – Aber die Operation war ebensowenig eine Beschneidung wie Auschwitz ein Holocaust war.
    Hängen meine Ängste bei physischen Eingriffen, von der Blutentnahme beim Arzt bis zur Zahnarzt-Behandlung, mit diesen Erinnerungen zusammen? Und reicht das nicht mit hinein in die (zweifellos aus der christlichen Sexualmoral erwachsene) Vorstellung, daß Sexuelles an den Grund der Welt rührt (in welcher Beziehung steht die Sexualität zu den objektivierenden, verdinglichenden Logiken des Inertialsystems, der Geldwirtschaft und des Bekenntnisses)?
    Das Werk der subjektiven Formen der Anschauung (insbesondere der Form des Raumes) ist die Vernichtung des Angesichts.

  • 03.10.93

    Der Satan ist der Ankläger (der Hassende), der diabolos der Verleumder (der Wütende).
    Bezieht sich das Wort: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ auf das dämonische Zeitalter?
    Fink, S. 146f: Das Wissen gründet im vergangenen Sehen: in der Anschauung (oida = ich weiß, Zusammenhang mit videre, Wissen).
    Der Sündenfall ist der Prozeß und das Produkt des Herausfallens aus der benennenden Kraft der Sprache, ein aufklärungs- und sprachgeschichtlicher Sachverhalt zugleich. Ist nicht der Beginn der Naturerkenntnis ein aktiver, von der Menschheit insgesamt zu verantwortender Prozeß der Neutralisierung, dessen Produkt dann Natur heißt.
    Zur Genesis der subjektiven Formen der Anschauung: Verändert nicht das grammatische Präsens die Beziehung der Sprache zur Zeit, ändert er nicht die Funktion und Bedeutung von Imperfekt und Perfekt, und zieht er nicht zwangsläufig die Konstituierung der anderen Tempora (Futur, Plusquamperfekt etc.) nach sich (Trennung und Konstituierung von Vergangenheit und Zukunft durch Bildung des Präsens, das dann als Form der Gleichzeitigkeit gegen die Zeit sich verselbständigt: als Raum). Imperfekt und Perfekt waren einmal Attribute des Handelns, nicht eines „objektiven“ Geschehens. Erst durch die Einführung des Präsens wurden die Tempora insgesamt zu Attributen eines subjektlosen Geschehens: sprachlicher Grund des Schicksalsbegriffs (Ursprung des Weltbegriffs). Das Imperfekt, das zuvor eine nicht abgeschlossene Handlung (d.h. Gegenwart und Zukunft) bezeichnete, ist im indogermanischen Sprachraum zum Ausdruck der Vergangenheit geworden: Subsumtion unter die Vergangenheit. Hier wird das Subjekt des Handelns enteignet, wird es zum Objekt und Zuschauer des Weltgeschehens.

  • 02.10.93

    Casus (Deklination) und Raum: Verkörperung räumlicher Metaphern,
    – Nominativ: Im Angesicht,
    – Akkusativ: Hinter dem Rücken,
    – Genitiv und Dativ: Rechts und Links (Besitz und Schenken, Gericht und Gnade).
    Wenn im Griechischen und im Deutschen die Deklination in den bestimmten Artikel mit hereingenommen wird, so ist hier die sprachliche Abstraktionsleistung begründet, die der Philosophie zugrundeliegt. Aber was bedeutet dann die Geschlechtertrennung, die Ableitung des Neutrum (im Deutschen auch des Femininum) aus dem Akkusativ, sowie im Deutschen zusätzlich die Identität des Femininum mit dem allgemeinem Plural (die, der, der, die) und bei beiden (Femininum und Plural) die Verwendung des Nominativ masculinum (der) als Genitiv und Dativ? Spiegelt sich darin die Gewalt der mathematischen Form des Raumes (die Neutralisierung des vorn und hinten beim f und n und des rechts und links beim f und pl)?
    Die Materialisierung der Welt ist die Verwandlung des Wortes in einen allgemeinen Sprachbrei (Zerstörung der Kraft des Namens).
    Fink, Griechische Sprache:
    – S. 105: Gehört nicht die Bindung des archein (herrschen) an den Genitiv (Bindung der Herrschaft ans Eigentum) zur „Sklavenhaltergesellschaft“, während die moderne Bindung an den Akkusativ zur Lohnarbeiter-Gesellschaft, zum Kapitalismus (Verinnerlichung und Vergesellschaftung von Herrschaft durch den Weltbegriff), gehört,
    – ebd.: katagelan (m. Gen.) = verspotten (auch hier Beziehung des Verspottens zum Eigentum, im Deutschen Beziehung zum Akkusativ),
    – S. 125: meta (m. Gen.) = mit, ~ (m. Akk.) = nach;
    para (m. Gen.) = von (her), ~ (m. Dat.) = bei,
    ~ (m. Akk.) = hin (zu), entlang, während, gegen.
    Liegt hier nicht der Zusammenhang von Gesellschaft, grammatischer Ausdruck der Raumbeziehungen (als Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen, die im Deutschen dann in die Prä- und Suffixe sich verlagert haben) offen zutage? Und wird nicht die Differenz zwischen dem Griechischen und dem Deutschen (dem Paradigma der modernen Sprachen) durch die Geschichte des Christentums (Stellung des Dogmas und der Orthodoxie im Aufklärungsprozeß) überhaupt erst durchsichtig und bestimmbar?
    Nochmal zu archein: Ist nicht die Bindung der Herrschaft an den Besitz (Bindung des Verbs archein an den Genitiv) die Grundlage des griechischen Imperialismus. Der Eigentumsbegriff ist doppeldeutig: Die Privateigentums-Gesellschaft bedarf des Staats zur Begründung und Garantie des Eigentums, nämlich sowohl durchs Recht wie auch durch die Währungshoheit, durch die Konstituierung und Garantie des Geldwerts, die ihn in eine Eigentumsbeziehung zur Totalität rückt. Hiermit hängt es zusammen, wenn der Staat nicht selber Objekt des Rechts sein kann (selbst dem Recht nicht unterworfen ist), und wenn die Außenbeziehungen des Staates „Natur“-Beziehungen, und d.h.: wenn in diesen Beziehungen Kriege und Gewaltanwendung unvermeidbar sind: Ausländer haben in diesem Kontext Naturstatus: sie sind Barbaren, nur durch Unterwerfung zu zivilisieren. Das Gewaltmonopol des Staates ist Ausdruck seines potentiellen Besitzanspruchs an die Welt, den Kosmos.

  • 30.09.93

    Der Bereich des Ästhetischen, der mit dem der kantischen Erscheinungen identisch ist, entspringt in der Idealisierung: in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; darin gründet seine Beziehung zum Mythos. Inbegriff des Ästhetischen ist der Naturbegriff. Es ist sinnlos, für ästhetische Personen die Hoffnung auf Auferstehung und auf einen Anteil am seligen Leben zu hegen. Diese Hoffnung konstituiert sich im Kontext einer Erkenntnis, die in der Moral gründet. Romane begründen reine Kopf-Welten.
    Die Umkehr erfüllt sich in der Auflösung des Banns der Natur und in der Auferstehung der Toten.
    Das mystische nunc stans, und mit ihm die Idee der Ewigkeit, hat einen Aktualitätskern, einen Zeitkern; es erfüllt sich in der real und konkret begriffenen Gegenwart (der Kritik des Präsens).
    Wir hören aus den apokalyptischen Texten der Schrift nur noch die Drohungen heraus, um sie dann gleich zu verdrängen. Es käme aber darauf an, das darin enthaltene Erkenntnismoment endlich zu realisieren. Daß z.B. die Sünde wider den Heiligen Geist weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird, drückt, wenn man den Satz wirklich begreift, nicht ein Verhältnis von Sünde und Strafe, sondern einen schlichten logischen Sachverhalt aus.
    In den Armen ist Gott, in den Fremden sind die Spuren seiner Schöpfung präsent.
    Merkwürdiges Wortfeld zu hören: gehört (Perfektpartizip) und gehören (Possessivverhältnis), horchen, gehorcht (Perfektpartizip) und gehorchen, Gehorsam: Das 2. Partizip von hören und horchen wird zum Infinitiv eines neuen Verbs (vgl. auch gewesen und wesen, verwesen). Ist aus der Änderung der Bedeutung nicht die Wirkung der Subsumtion unter die Vergangenheit zu erkennen?
    Die deutsche Sprache hat (u.a.) den Gebrauch und die Deklination des bestimmten Artikels mit dem Griechischen und den Gebrauch der Hilfsverben sowie das Pluquamperfekt und das Futur II mit dem Lateinischen gemeinsam.
    Steckt in Goethes Farbenlehre auch ein Hinweis auf die Beziehung der Farben zu den Himmelsrichtungen?

  • 29.09.93

    Zu Johann Baptist Metz: Was hat die Welt davon, wenn wir „Ja und Amen zur Welt“ (anstatt zu den göttlichen Verheißungen, wie es bei Paulus korrekt heißt) sagen? Merkwürdig, daß Metz der Welt ein Anerkennungsbedürfnis unterstellt: Ändert das die Welt oder nicht doch nur den Anerkennenden (den Konformisten)? Und wer ist das Subjekt dieses Bedürfnisses: Ist es nicht der der Welt sich Anpassende, der aus guten Gründen die Anpassung ohne die Komplizenschaft der Anderen (ohne ihre bekenntnishafte Zustimmung) nicht zu leisten bereit ist? Ist nicht das „Ja und Amen zur Welt“ der eigentliche Inhalt jedes Glaubensbekenntnisses (und seiner logischen Durchbildung in Trinitätslehre und Opfertheologie)?
    Es gibt keinen Weltbegriff ohne Bekenntnislogik. Die Idolatrie gehört zur Geschichte der Ausbildung und Entfaltung dieser Bekenntnislogik (und des Weltbegriffs), sie hat sich vollendet im Dogma. Das Dogma (das erst durch Umkehr wahr wird) ist das versteinerte Herz der Kirche, und die Kirche das versteinerte Herz der Welt.
    Weist nicht das „Weiche von mir, Satan“ darauf hin, daß die Petrus- und die Dämonen-Geschichten zusammengehören (ähnlich wie die drei Leugnungen mit den sieben unreinen Geistern)?
    Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils; deshalb hat Jonas Unrecht.
    Hat das Binden und Lösen etwas mit dem Millenium zu tun, und ist die Kirchengeschichte dieses Millenium (die Zeit der Bindung)?
    Die Welt ist die Welt der anderen, zu denen ich selbst als anderer für andere auch gehöre. Das ist der logische Kern des Weltbegriffs und der Entfremdung.
    Sind die Banker nicht die Priester der Geldreligion?
    Wenn die Konservativen den Linken vorwerfen, sie könnten nicht mit Geld umgehen, so wäre gegenzufragen: Welcher Politiker kann schon mit Geld umgehen?
    Der Begriff der Weltanschauung bezeichnet den (logisch unmöglichen) Sieg und das Attribut des Siegers in der zum Weltgericht sich aufspreizenden Weltgeschichte. Deshalb war der Weltanschauungskrieg ein Vernichtungskrieg. Zur Vorgeschichte der Weltanschauung gehört die Geschichte der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung. Im Begriff der Weltanschauung erweist sich die Anschauung als Medium der richtenden Gewalt. Zum Anschauen gehören auch das Schaufenster (der Erwecker der concupiscentia) und die Reklame (die nach Adorno den Tod verschweigt).
    Die Unfähigkeit, die Formen Anschauung selber in die Reflexion mit einzubeziehen, ist eine Folge davon, daß Reflexion nur im Medium der Anschauung möglich ist; sie ist der Grund der Hybris.
    Wenn die Theologie die Lehre von der Anschauung Gottes auf das Objekt der Trinitätslehre bezieht, verdrängt sie dann nicht das Angesicht Gottes, eliminiert sie dann nicht das Gesehenwerden, das „von Angesicht zu Angesicht“: die Gottesfurcht?
    Als aus der Anschauung Gottes das Angesicht gestrichen wurde, wurde die Gottesfurcht gestrichen. Das ist in der Philosophie umgeschlagen in die Angst vor dem Angesicht (Ursprung des Portraits?), die dann in der Entfaltung der Mathematik und in der Bildung des Neutrums sich ausdrückte.
    Das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, hat etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vorm Eingang des Paradieses zu tun: Es zerschneidet das Licht und entfernt aus ihm die Quelle des Angesichts, verwandelt es in eine Form der Anschauung.
    Wie verhält sich das Sehen zum Schauen? Ist nicht im Sehen das reflexive Moment mit enthalten, von dem das Schauen dann abstrahiert (vgl. den Zuschauer und die Anschauung Gottes)? Die Welt heute verhält sich zum Faschismus wie das Fernsehen zum Radio. Deshalb ist die Reflexion der kantischen Philosophie und der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung in ihr an der Zeit.
    Müssen die Psalmen, wenn sie als Lieder Davids verstanden werden, nicht als Versuch der Durchdringung der Königsidee mit prophetischem Geist verstanden werden: als messianisch? Die Apokalypse hingegen ist das auf die Kaiseridee und die Weltreiche bezogene Gegenstück zur Prophetie: Als Instrument der projektiven Verarbeitung der Angst instrumentalisiert sie die Angst, ist sie angsterzeugend; wahr ist sie nur als Medium der reflexiven Verarbeitung der Angst: als Erkenntnis. Die projektive Verarbeitung der Angst ist fundamentalontologisch und faschistisch. Bangemachen gilt nicht, aber die Apokalypse ist endlich zu begreifen.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Jesus-Wort an Johannes und den drei Gestalten des Bösen?
    – Gegen den Satan, den Ankläger, steht der Paraklet,
    – gegen den Teufel, den Verleumder und die Verkörperung der Wut, steht der göttliche Zorn,
    – dämonisch ist die Instrumentalisierung, Verinnerlichung und Neutralisierung beider: ihre Subjektivierung; hiergegen steht die Austreibung der Dämonen, die der frohen Botschaft den Weg zu den Armen freimacht.
    Heidegger hatte recht: Die deutsche Sprache ist die Sprache der Philosophie, aber sie ist es als Grenze zur Theologie und wird theologisch, wenn sie die Reflexion auf diese Grenze in sich mit aufnimmt.
    Woher kommen und was bedeuten die Begriffe des Anderen und des Fremden? Gründen nicht beide in Präpositionen, und zwar das „an“ bzw. das „vor“ oder „für“ (im Englischen „for“; weshalb heißt der Fremde im Englischen the stranger)?
    Das Präfix be- im Englischen: Vgl. die Beziehung von for und before (auch between, become, behalf, belief, belong, beloved, below, beneath, beside, betray, beware, beyond).
    -schen: Suffix zur Bildung von Verben aus Nomina (feilschen, herrschen). Gilt diese Definition eigentlich generell, oder sind es nicht bestimmte Verben (z.B. grapschen), die so aus Nomina sich bilden lassen? Bezeichnen nicht alle diese Verben Tätigkeiten, die sich direkt auf andere als Objekte beziehen; steckt nicht in allen etwas von einer objektivierenden, erniedrigenden Tätigkeit, etwas Verächtlich-Machendes?
    Das Verb „zernichten“ taucht an zwei Stellen auf,
    – bei Georg Büchner: „Ich fühle mich wie zernichtet im Anblick des gräßlichen Fatalismus der Geschichte“ (aus einem Brief an die Eltern, nach Hinweis auf das Studium der französischen Revolution), und
    – bei Franz Rosenzweig: „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn, sie zernichten seine Lehre“ (Überschrift über einen Aufruf zur Gründung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums).
    Beide Stellen bezeichnen welthistorische Wendepunkte.

  • 28.09.93

    Zum Ursprung des Nominalismus: Mit der Lehre vom liberum arbitrium, der die Raumvorstellung und mit ihr die drei Freiheitsgrade des Raumes als Bild der Wahlfreiheit zugrunde liegen, war die Neutralisierung der Welt (unterm Titel der „Entsühnung der Welt“) besiegelt: wurde die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt (und der Kreuzestod Jesu durch die Opfertheologie instrumentalisiert).
    Der Naturbegriff bezeichnet die die Erkenntnis zurückstauende Gewalt (Zusammenhang mit der Geschichte des Gewaltmonopols des Staates), der Begriff der Materie die zurückgestaute Erkenntnis selber (die zurückgestaute Kraft des Namens) und der Name der Barbaren den gesellschaftlichen Reflex, das gesellschaftliche Korrelat dieses Zusammenhangs. Natur, Materie und Barbaren: das Jenseits der Zivilisationsschwelle.
    Wenn die Materie die zurückgestaute Kraft des Namens (die mit der Begriffsbildung verdrängte benennende Kraft der Sprache) in sich birgt, hat sie dann nicht auch etwas mit dem kabod, mit der Herrlichkeit Gottes zu tun?
    Das Verhältnis von Natur und Dogma läßt sich am Prozeß der naturwissenschaftlichen Erkenntnis demonstrieren: Hier ist die Dogmatisierung der Erkenntnis ein Produkt ihrer Mathematisierung (der Grundlage ihrer Geltung: jede einmal „gewonnene“ Erkenntnis ist ist in dem Augenblick, in dem sie gewonnen wird, eine vergangene Erkenntnis, und somit frei verfügbar). Es gibt kein Dogma ohne mathematisches Sinnesimplikat: Es ist eines und das Gleiche für alle (es neutralisiert die Differenz zwischen mir und den anderen), und es erhebt den Anspruch der Orthodoxie.
    Ist die Schrift nicht deshalb und nur dann ein durchsichtiger Körper, weil sie, anstatt der indogermanischen Herrensprache sich zu überantworten, ihr ihr sprachmythisches Spiegelbild entgegenhält. Ist nicht die Schlange das sprachmythische Bild der homogenen Zeit und des Ursprungs des Neutrums zugleich (das Bild des Staates)?
    Was bedeutet der Name Joseph („er (Gott) fügt hinzu“) und worauf bezieht sich das Wort von dem Pharao, der „Joseph nicht mehr kannte“?
    Hängen nicht die Kasus mit den Himmelsrichtungen (den Richtungen des Raumes) zusammen:
    – Nominativ = Osten (im Angesicht),
    – Genitiv und Dativ = Nord und Süd (Gericht und Barmherzigkeit) und
    – Akkusativ = Westen (hinter dem Rücken)?
    Welchen Ursprung haben der Vokativ (semitisch?) und der Ablativ (lateinisch?, und wie hängt der Ablativ mit dem Instrumentalis zusammen?); wann und aus welchem Grunde wurden sie überflüssig und sind sie wieder verschwunden? War der Vokativ eine Vorstufe des Nominativ und der Ablativ eine Reflexionsform des Dativ (Indiz der Instrumentalisierung)?
    Kritik des Materialismus: Nicht auf die Identifikation mit dem Opfer (und auf den Genuß der Privilegien des Opfers), sondern auf die Befreiung der helfenden Kraft: auf parakletisches Denken kommt es an.
    Hat nicht Steffen Heitmann genau die drei Gestalten des Opfers benannt: die Fremden (die „Ausländer“), die Frauen und die Juden („Auschwitz“)? Seine Inspiration stammt aus der Bekenntnislogik (des Theologen Heitmann), die seit je das Opfer instrumentalisiert. So war das Bekenntnis seit je ein politisches Instrument: die zum bloßen „Umdenken“ instrumentalisierte Umkehr, in dem der Ruf des Täufers: Kehret um, denn das Reich Gottes ist nahe, ins Leere verhallte.
    Heitmann: Was in der DDR nicht geleistet werden durfte: die konkrete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, soll jetzt endlich durch Verjährung aus der Welt geschafft werden (die ganze ehemalige DDR soll teilhaben an der Gnade der späten Geburt).
    Ist das Chronologie-Problem, mit seinen geologischen, entwicklungstheoretischen und historischen Konnotationen, nicht in der Tat die Verdrängung und Verwischung des mit dem Wort vom Lösen bezeichneten Problems? Und ist dies nicht die letzte Bindung Isaaks (die letzte Konvergenz von Lachen und Schrecken)?
    Ist nicht jedes Bekenntnis ein Schuldbekenntnis, und das Glaubensbekenntnis nur ein auf den Kopf gestelltes (an die Natur delegiertes) Schuldbekenntnis, Produkt einer projektiven Logik? Führt nicht das Bekenntnis in den Rechtfertigungszwang (wie die „Entsühnung“ der Welt, die dann das subjektlose Bekenntnis als Bekenntnis der Natur nach sich zieht, nur als ideologische Verdoppelung ihrer Neutralisierung sich begreifen läßt)? Ist nicht die Geschichte des Bekenntnisses (die Entfaltung ihrer Logik) die Geschichte der drei Leugnungen, und das Bekenntnis selber der Vorhang vorm Allerheiligsten, der beim Tod Jesu am Kreuze, zusammen mit der Verfinsterung der Sonne, dem Beben der Erde und der Auferweckung der Toten, zerriß: der Vorhang vorm Angesicht Gottes? Aber löst sich nicht der Bann des Bekenntnisses nur zusammen mit dem des Naturbegriffs?
    Der innere Widerspruch des Feminismus, auch der Ökologie- und der Friedensbewegung, liegt darin, daß sie einerseits die Opferrolle endlich abwerfen, auf der anderen Seite aber deren Privilegien weiterhin genießen möchten.
    Der banausische Witz zur Frage, ob man beim Beten rauchen dürfe, rührt insofern an ein Stück Wahrheit, als mit dem Rauchen das Beten endgültig verlernt wurde. Sind nicht die Gebete der Heiligen ein lieblicher Geruch für Gott, und ist nicht die Nase das Organ des göttlichen Zorns? – In die Nase wurde dem ersten Menschen der belebende Hauch des göttlichen Atems eingeblasen. Und gehört nicht zum Fluch über Adam der Nasenschweiß zur Arbeit unter den Bedingungen der Dornen und Disteln?
    Von der Taube abgesehen, waren nur gehörnte Tiere Opfertiere: Warum stellt man sich den Teufel mit Hörnern vor (während die Taube das Symbol des Heiligen Geistes ist)? Haben die Hörner etwas mit den Dornen und Disteln zu tun, und das Opfer mit der Sünde der Welt?
    Bei der Bindung Isaaks ist als Ersatz für die Opferung Isaaks der Widder eingetreten, der sich mit seinen Hörnern im Dornengestrüpp verfangen hatte. (Ist das Lamm, das stumm zur Schlachtbank geführt wird, neben der Taube das andere nicht gehörnte Opfertier?)
    Im Sündenfall gewann die Vergangenheit Macht über die Zukunft, mit ihm ist der Tod in die Welt gekommen. Drückt sich das in den Dornen und Disteln aus, im „Schweiße des Angesichts“ und in der Beschwernis der Schwangerschaft?
    Eine Naturphilosophie, die daran arbeitet, daß der Bann, der auf der Natur liegt, endlich sich löst, wäre Teil einer apokalyptischen Erkenntnistheorie. Müßte nicht eine Erkenntnis, die nach der Erkenntnis des Angesichts Gottes sich sehnt, prophetisch, apokalyptisch und messianisch in eins sein? Gibt es eine Beziehung des Prophetischen, Apokalyptischen und Messianischen zu den drei Totalitätsbegriffen Welt, Natur und Wissen?
    Hängt das Personalpronomen der 1. Pers. pl. im Deutschen, das Wir, mit dem „virum“, dem Mann, zusammen (als Selbstbegriff der kollektiven Männlichkeit: der „wereld“)? Wie sieht das im Hebräischen aus, und wie in den klassischen alten Sprachen? Vgl. auch die anderen Personalpronomen (Ich – Nichts, ego – nego; ist das Ich nicht zugleich der säkularisierte Gottesname: Ich – JH; steckt im Gottesnamen Jahu das hu = er; das Ich ist die Verneinung des Andern, das im Weltbegriff zur Totalität sich aufspreizt, – gibt es auch eine sprachliche Beziehung des Ich zum Licht?).
    Die Geschichte Israels beginnt mit Jakobs Kampf mit dem Dämon (an diesen Kampf ist der Ursprung des Namens gebunden), sie endet in der Austreibung der Dämonen, während die Philosophie in der Verinnerlichung des Dämons gründet, die mit der Verinnerlichung des Opfers und mit der Hybris zusammenfällt (Begriff der Besessenheit).
    Gibt es im Hebräischen Possessivpronomen, oder beginnt die Unterscheidung von Mein und Dein erst in den indogermanischen Sprachen?
    Sind nicht die Geschichten von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel die Lösung der Geschichte vom Ursprung der Philosophie (vom „alles ist Wasser“ des Thales bis zur noesis noeseos des Aristoteles).
    Haben die Jahreszahlen bei den Urvätern etwas mit den Umlaufzeiten der Planeten zu tun (Henoch wurde 365 Jahre alt)? Und gibt es nicht drei Genealogien: Kain, Set (jeweils bis Lamech) und Noach (bis Abraham), hier mit der Spiegelung in den Söhnen des Noach: Sem, Ham (Kain) und Japhet (Set)?

  • 26.09.93

    Sünde und Schuld, Schuld und Aussatz (Pest?): Sünde und Schuld sind zu unterscheiden wie Natur und Welt, wie Herrschafts- und Schuldzusammenhang. Der Verblendungszusammenhang gründet in der Nichtunterscheidung. Als Getrennte wird die Schuld manifest in dem, was die Schrift Aussatz (ein Abkömmling der Scham) nennt.
    Zur Quellentheorie:
    – Ist sie nicht insgesamt apriori: Wird nicht das herausgelesen, was man zuvor hineingelesen hat (das zugrunde gelegte Identitätsprinzip)? Dieses Apriori ist zugleich ein nationalistisches und ein christliches (der „historisch interessierte Christ“).
    – Kann es sein, daß die historische Bibelkritik als eine christliche, theologische Angelegenheit, auf ein im deutschen Protestantismus gewachsenes Selbstverständnis (auf einen sehr protestantischen Begriff der Erlösung: Rechtfertigung durch Entsühnung der Welt als theologische Freigabe eines säkularisierten Weltverständnisses) zurückgeht (Leidensgeschichte als eines „zwar geschichtlichen, aber doch schon als übergeschichtlich gewerteten Geschehens“)?
    – Gibt es nicht eine merkwürdige Beziehung (vielleicht gar Parallele) der vier Quellen zum Charakter der vier Evangelien (möglicherweise sogar eine konkrete Zuordnung beider?
    – Ist nicht die Vorstellung, daß die vier (oder auch nur die drei ersten) Quellen aus einer gemeinsamen Quelle herrühren und die jüngeren „aus dem noch nicht versiegten Quell der Sagenbildung geschöpft“ hätten, in sich widersprüchlich (gar, wenn die Redaktoren nur „Kompilatoren“ sein sollen, in den Text nicht eingreifen)?
    Die Quellentheorie vermag weder die „weitgehende Parallelität“ des Erzählgutes zu erklären, noch die Notwendigkeit, dieses differierende Traditionsgut dann so zu kompilieren, daß gleichsam willkürlich und ohne innere Logik bloß eine Kollage hergestellt wird. Erinnert an die Zwangslogik der physikalischen Atomtheorien heute.
    Im Angesicht Gottes wird die Schrift zu einem nach allen Seiten durchsichtigen Körper, während jeder Blick von außen die Schrift verdunkelt.
    Ist nicht die historische Bibelkritik schon im Ansatz, und nicht erst bei ihren radikalen Exponenten, antisemitisch? „Den Griechen eine Torheit, den Juden ein Ärgernis“: Nachdem die Theologie selber der griechischen Torheit verfallen ist, blieb nur die projektive Verarbeitung des jüdischen „Ärgernisses“, das so nur als Verstocktheit und als Angriff auf die glasklare Wahrheit des Christentums (die dann freilich teuer erkauft worden ist) verstanden werden konnte. Wäre nicht endlich die produktive (das Evangelien-Problem mit einbegreifenden) Anwendung der Rosenzweigschen Bemerkung zur Bedeutung des Redaktors an der Zeit?
    Projektive Schuldverarbeitung: „den Spieß umkehren“.
    Das Verhältnis der vorweltlichen Stammes- (in L) zu den innerweltlichen Familiengeschichten (in J und E) wäre genauer zu bestimmen. Sind die „Quellen“ nicht schlicht und einfach verschiedene Gestalten der Vergegenständlichung, die, indem sie aufeinander sich beziehen, sich gegenseitig überhaupt erst erhellen? Voraussetzung des Schriftverständnisses ist die Kritik des Prinzips der Vergegenständlichung (die Lösung des Banns der Frage, was sich der Autor wohl dabei gedacht haben mag).
    Haben die „vier Quellen“ etwas mit der Standwendung „Stämme, Völker, Nationen und Sprachen“ zu tun?
    Sind nicht die alten Sprachen Kunstprodukte, erzeugt aus der Logik der Schrift (die die innere Form der Sprache verändert hat)? Und ist es nicht allein die Bibel, in der diese Logik der Schrift, ihr logisch-ästhetischer Zusammenhang, selber reflektiert wird? Zu erinnern ist daran, daß diese „Logik der Schrift“ auch historisch-gesellschaftliche Implikationen in sich enthält, daß sie wie die Geschichte des Ursprungs der Schrift, verbunden ist mit
    – der Entwicklung der Stadt und des Staates (Privateigentum und Recht),
    – den Anfängen der Naturerkenntnis (zentral die Astronomie),
    – dem Ursprung und der Geschichte des Tempels (Priestertum und Opferreligion, auch Ursprung und Geschichte der Architektur und der Kunst),
    – dem Ursprung des Geldes und der Geldwirtschaft (im Kontext der Tempelwirtschaft),
    die insgesamt ein großes logisches Kontinuum bilden, zu dessen Grundlagen die Schrift gehört.
    Ist nicht das Ökologie-Problem, das in dieser Zuspitzung ein sehr deutsches Problem ist, ebenso sehr real wie Teil eines riesigen Projektions-, Schuldverschub- und Entlastungssystems, Produkt der Anwendung des Schuldverschubsystems auf die technische Zivilisation? Verschärft wird das Problem durch das systembegründende selbstreferentielle Moment im Ökologie-Konstrukt. Modell ist die Hegelsche Logik, nach der die Idee, wenn sie sich selbst begreift, die Natur frei aus sich entläßt. In dieser Selbstentäußerung macht sich die Idee selbst unkenntlich.
    „Die Aussätzigen werden rein, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet“: Ist nicht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, zugleich das apokalyptische Lamm, das berufen ist, die sieben Siegel zu lösen, und wird das nicht in dem Jesus-Wort an Johannes konkret? Und stellt sich nicht hier auch die Beziehung zu der Geschichte von den sieben unreinen Geistern her?
    Der Aussatz ist der Aussatz des Fleisches, der Kleidung und des Hauses.
    „Ich bin der Herr, euer Gott. Ihr sollt keine fremden Götter neben mir haben“: Ist nicht das „Keine fremden Götter neben mir“ der Kern der Kritik des Weltbegriffs? Gehören nicht die „anderen Götter neben ihm“ zur Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs, zur Begründung und Entfaltung der Logik des Satzes „Das Eine ist das Andere des Anderen“, dessen Kraft einzig an Gott zerbricht?
    Ist die Hegelsche Ableitung des Monarchen aus der Logik der Rechtsphilosophie nicht schon vorgebildet im kantischen „Ich denke“ (und eine logische Konsequenz aus dem idealistischen Ich = Ich)?
    Hatten die Erwachsenen, die uns, als wir noch jung waren, entgegenhielten: Auch du wirst es noch erfahren, nicht recht (die Welt ist tatsächlich so)? Aber hatte nicht auch wir recht, wenn wir uns durch diesen Satz (und durch den Zustand der Welt) nicht dumm machen lassen wollten?
    „Grauen ringsum“ (zu Ps 3114 vgl. Jer 203.10)
    Sind nicht in der Geschichte vom Sündenfall die Elemente der Erkenntiskritik beieinander:
    – der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen,
    – das „Ihr werdet sein wie Gott“ und
    – die Instrumentalisierung der Sprache durch die Schlange und die Rechtfertigungslogik in den Antworten Adams, Evas und der Schlange an Gott.
    Kephas und Petrus ist aramäisch und griechisch.
    Hat nicht die Benjaminsche Kritik der Vorstellung des Zeitkontinuums auch einen innerphysikalischen Aspekt: In der speziellen Relativitätstheorie wird das Zeitkontinuum, das Inertialsystem, dessen Voraussetzung die Vorstellung des Zeitkontinuums ist, nur durch seine Auflösung und Sprengung hindurch gerettet und stabilisiert.

  • 24.09.93

    Otto Eissfeldt: Die historisch-kritische Bibelwissenschaft als Ergebnis der Anwendung des Inertialsystems auf die Schrift (haben die „Quellen“ etwas mit dem Verhältnis der Dimensionen im Raum und der Beziehung von Raum und Zeit zu tun)? Hier gründet das Identitätsprinzip, das die Bibel sprengt, deren Trümmer dann aber den Kern freilegen und erkenntbar machen. Vgl. die Wolkensäule, den Engel und die Finsternis (die die Israeliten durch die Wüste führen, und in denen die Kirchenväter einen Typos Jesu erkannten).
    Wenn mit der Wolken- und Feuersäule auch die Finsternis ein Typos Jesu ist, muß dann nicht der Anfang der Genesis trinitarisch verstanden werden (tohu wa bohu: der Vater, die Finsternis: der Sohn und ruach: der Geist)?
    Die Wachteln und die Begeistung der 70 Ältesten.
    Zuordnung der Rauchgewohnheiten: Zigarren: hochkapitalistisch, lange Pfeife: orientalisch, kurze Pfeife: englisch, Zigarette: faschistisch?
    Wer nur noch gelebt wird, glaubt, für sein Tun nicht mehr verantwortlich zu sein.
    Was ist die Sünde der Welt (Zusammenhang von Dornen und Disteln, Kelch, Schlange, Schwert)? Hat Joh 129 antizipatorische Bedeutung: Bezeichnung einer unabgeschlossenen, nicht abgeschlossenen Handlung (Unterscheidung von Perfekt und Imperfekt)? Zusammenhang mit dem Binden (Perfektbildung, abgeschlossene Vergangenheit: Welt- und Naturbegriff) und dem Lösen (Lösen der Vergangenheit: Idee der Auferstehung).
    Es kommt darauf an, den Natur- und den Weltbegriff als Produkte einer sprachlichen Logik zu begreifen, in deren Kontext die Theologie keine Chance mehr hat.
    Verhängnisvoller Perfektionstrieb, ungeheuerliche Bedeutung der grammatischen Struktur des Hebräischen, das nur die Zeitformen des Perfekt und Imperfekt (und deshalb kein Neutrum) kennt (keine Welt, aber Himmel und Erde).
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt als Grundkonzept einer Geschichtsphilosophie begreifen: Natur ist ein Moment im Lebensprozeß der Gesellschaft, ein Teil der Herrschaftsgeschichte.
    Was waren eigentlich die Fleischtöpfe Ägyptens?

  • 22.09.93

    Nach Flavius Josephus symbolisieren die vier Farben im Vorhang des Tempels die vier Elemente:
    – Scharlach: das Feuer,
    – Weiß: die Erde,
    – Blau: die Luft und
    – Purpur: das Meer.
    Sind die „vier Vokale“, die nach Flavius Josephus auf der Kopfbinde des Hohepriesters geschrieben sind, die des Tetragrammaton, die vier Buchstaben des Gottesnamens? Wie verhält sich diese Tradition zum bibelwissenschaftlichen „Jahwä“?
    Wer die Religion vollständig auf die Gesinnungs- und Bekenntnisebene schiebt, leugnet die Erkenntnisforderung und den Erkenntnisanspruch der Religion. Diese Beziehung zur Erkenntnis ist im Christentum nach dem Urschisma durch die Gnosis verstellt worden.
    Wenn Hegel in der Rechtsphilosophie den Monarchen aus der Logik des Systems ableitet, so rührt er damit an die Logik des Namens. Und er bezeichnet zugleich den Punkt, an dem die messianische mit der Königstradition zusammenhängt.
    Sind nicht der Urknall, der schwarze Hohlraum und das schwarze Loch projektive Verkörperungen der Verdrängung des Namens, und stehen sie nicht in einer systematischen Wechselbeziehung (die aus der Logik des Inertialsystems sich müßte ableiten lassen)?
    Ist das bara in Imperfektum oder ein Perfektum (Produkt einer nicht abgeschlossenen oder einer abgeschlossenen Handlung)? Oder kommt dieses Verb in der Schrift in beiden Formen (bei Buber erkennbar als „schuf“ und „hat geschaffen“) vor, allerdings mit differerierenden Konnotationen (bis hin zum Gottesnamen)? Und wie verhält das Schaffen zum Machen? Vgl. hierzu den Wechsel in Gen 24a,b:
    – vom Imperfekt zum Perfekt, mit anschließender Versetzung in die Vergangenheit („Zur Zeit, da …“) und Änderung des Verbs (von schaffen zu machen),
    – von Elohim zu Elohim JHWH und
    – von „Himmel und Erde“ zu „Erde und Himmel“ (Vertauschung der Folge der Objekte): aus der unabgeschlossenen Schöpfung von Himmel und Erde wird die abgeschlossene Schöpfung von Erde und Himmel.
    Die Unterscheidung der „Quellen“ orientiert sich nicht nur am Gebrauch des Gottesnamens. Welche anderen sprachlichen Kriterien liegen ihr noch zugrunde? Kann es nicht sein, daß sich dahinter ein kompositorisches Element verbirgt?
    Läßt sich Bubers Bibel-Übersetzung nicht unter dem Stichwort Ästhetisierung kritisieren (vgl. das „Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser“, in dem das Tätige des Brütens zu einem artistischen Akt wird)? Spielt das nicht mit herein, wenn die Armen, die Fremden, das Opfer, der Geist, die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Barmherzigkeit und andere aus dem Text verschwinden? Was wird aus dem Zorn?
    Natur ist der Inbegriff aller Objekte, die der Herrschaft der Vergangenheit unterworfen sind, während der Weltbegriff Vergangenheit und Zukunft dadurch trennt, daß er die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert (nur unter der Herrschaft der Vergangenheit sind Zukunft und Vergangenheit getrennt). Auf diesen Schnitt beziehen sich die Schwertsymbole: vom kreisenden Flammenschwert des Kerubs am Eingang des Paradieses bis zur Duchschlagung des Gordischen Knotens durchs Schwert des Alexander. Konstituiert das Schwert die Zeit, indem es sie von der Ewigkeit trennt, sie der Vergangenheit unterwirft?
    Wer ist Malchus?
    Das Schwert, das die Wunde schlägt, heilt sie auch (oder: Schwerter zu Pflugscharen): Sind die subjektiven Formen der Anschauung (und ist das Inertialsystem), und mit ihnen das Reich der Erscheinungen, das Werk des Schwertes? Begründet das Schwert mit der Trennung von Zukunft und Vergangenheit (und der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit) auch den Begriff des Wissens und die Trennung des Natur- und Weltbegriffs?
    Steht nicht die Natur unter dem Bann der Subjektivität? Und ist nicht Adornos „Eingedenken der Natur im Subjekt“ zu radikalisieren durch die Kritik des Naturbegriffs selber?
    Ärgernisse müssen kommen, aber wehe denen durch die sie kommen: Ist dieser Fluch nicht auch ein Segen (und ein Fluch nur für die, die den Segen darin nicht sehen)?
    Die Wahrheit hat einen Zeitkern (Adorno): Dieser Satz wird mißverstanden, wenn man ihn relativistisch versteht.
    Auch Herrschaftskritik ist vor der Gefahr des Herrendenkens nicht gefeit.
    Problem der Chronologie: Die sogenannte Tiefenzeit ist ein Versuch, den Naturbegriff so zu verankern, daß er unwiderlegbar wird. Mit der Tiefenzeit kapituliert das Subjekt endgültig vor dem Bann, den es selbst über die Natur legt. Jeder Bann aber ist ein Todesbann.
    Nicht nur die Rettung der vergangenen Hoffnung, sondern die Errettung der vergangenen Zukunft (gegen das „Prinzip Hoffnung“).
    Wer sind heute die Aussätzigen: Gehören dazu nicht auch die Objekte des Vorurteils, die Juden, die Frauen, die Ausländer?
    Gibt es eigentlich keinen Theologen, dem beim Kohlschen Wort vom „Umdenken“ (ähnlich wie damals beim Ehrhard-Wort von der „Sünde wider den Geist der Marktwirtschaft“) etwas einfällt? (Es paßt zu einem geistigen Klima, in dem die Reichen die Armen sind, die sich für das Ganze aufopfern.) Ist die Theologie schon so verderbt, daß ihr Gegenteil sich als ihre Verkörperung ausgeben kann (vgl. die „Theologen“ in der CDU, mit denen sich Kohl jetzt umgibt: Hintze und Heitmann, während er bei die Besetzung der Fachressorts Wirtschaft und Finanzen Fachleute um jeden Preis zu meiden versucht). Die Regierungsmannschaft Kohls wird durch das Feuer kabarettistischer Kritik nur noch gestählt (mit Hilfe der Theologie).
    Stichwort „falsche Propheten“ (vom Deuteronomium bis zum NT, insbesondere auch in der Apokalypse): Das Problem sind nicht die falschen Propheten selber, sondern das Problem ist eine Politik, die wie ein Magnet die falschen Propheten anzieht. Die falschen Propheten sind am projektiven Gebrauch der Diskriminierungslogik (am instrumentellen Gebrauch der double-bind-Falle) erkennbar:
    – „Asylantenflut“: wir überschwemmen die Welt mit der Armut, die wir nach draußen exportieren;
    – die Xenophobie ist der Spiegel des Schreckens, den wir in der Welt verbreiten;
    – die „Banden-Kriminalität“ (Begründung des „großen Lauschangriffs“) das Spiegelbild der realen Politik und Ökonomie: des Überfalls und der Beraubung der Armen).
    Zugleich wird der Anspruch der Religion durch die projektive Ausmalung ihrer raf-Variante: des Fundamentalismus (den es zugleich tatsächlich gibt) destruiert.
    Der Weltbegriff als Instrument der Schizophrenisierung: Psychose-Generator.
    Das Buch Hiob ist nicht die Antwort auf das Theodizee-Problem, sondern der Nachweis, daß bereits die Frage (notwendig und) blasphemisch ist. Es beschreibt die Grenzen der Urteilskraft, dazu braucht es den „Ankläger“.
    Wer nachweist, daß Äpfel keine Birnen sind, hat damit nicht nachgewiesen, daß es keine Birnen gibt.
    Ist nicht die große Musik, spätestens seit Bach, der ohnmächtige, aber keineswegs hilflose Versuch, das Problem des Nominalismus (auch des double bind, der Trennung von Ton und Inhalt eines Satzes) zu bestimmen?
    Ein Text, der es nicht erträgt, daß Worte in ihm auch gegensätzliche Bedeutungen repräsentieren, kann nicht wahr sein. Der Nachweis, daß ein Text Widersprüche enthält, ist nicht in jedem Falle eine Widerlegung.
    Der ontologische Gottesbeweis hat die Selbstoffenbarung Gottes im brennenden Dornbusch neutralisiert (und die Persil-Reklame antizipiert).
    Wer die Erfindung der Schrift als technisches Problem begreift, neutralisiert das Problem anstatt es zu lösen. Welches gesellschaftliche (und sprachlogische) Interesse liegt der Erfindung der Schrift zugrunde? Gibt es einen Staat ohne Schrift?
    Das Schlimme heute ist, daß unsere Theologie erinnerungslos Abschied von ihrer eigenen Vergangenheit zu nehmen versucht. So macht sie sich selbst zum Agenten des Hasses der Welt. Nur so (durch Identifikation mit dem Aggressor) glaubt sie, selbst der Angriffszone dieses Hasses sich entziehen zu können.
    Haben sich nicht alle am Schicksal der raf mitschuldig gemacht, die damals wußten, daß Analysen der raf so falsch nicht waren, dieses Bewußtsein aber verdrängten, weil sie gegen die Sympathisanten-Hetze hilflos waren.
    raf und Scheiterhaufen: Beide sind falsche, instrumentalisierende Verkörperungen des Feuers (und seiner Beziehung zum Opfer und zur Sünde der Welt; Zusammenhang des Scheiterhaufens mit der Geschichte der Alchemie, der „Goldmacherkunst“).
    Nur von der Sünde wider den Heiligen Geist heißt es, daß sie weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werde, während es heißt, daß, wer den Vater und den Sohn leugnet, der Antichrist sei (1 Joh 222).
    Ist der Feminismus nicht zunächst ein Symptom, nur in einigen Verkörperungen auch schon der Ansatz zu einer Lösung (Elisabeth Schüßler-Fiorenza, Rosemary Radford-Ruether, Mary Daly)?
    Ist nicht durch die Logik des Weltbegriffs das Sein zum Haben anderer geworden? Darin gründet die verandernde Kraft des Seins, wird das Sein zu einem Moment im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (als dessen innere Reflexion die Heideggersche Fundamentalontologie zu begreifen ist).
    Lassen sich die englische und die deutsche Sprachlogik nicht an der Form der gesellschaftlichen Anrede erkennen: Im Englischen ist die zweite Person sing. mit der zweiten Person plural (you) identisch, im Deutschen reden sich Erwachsene mit dem Personalpronomen der dritten Person plural (Sie) an: Hängt das nicht mit der Beziehung des Seins zum to be zusammen?
    Durch den Begriff des Wissens wird die Wahrheit auf Objekte bezogen (als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand definiert).

  • 19.09.93

    Sind die drei Gegenstände, in die bei Rosenzweig das All zerspringt (Mensch Gott Welt), nicht in den drei Totalitätsbegriffen Kants (Wissen Natur Welt) vorgebildet, die die Grundlage für die drei Gestalten des deutschen Idealismus (Fichte Schelling Hegel) bildeten, über deren innere Beziehungen aber seit Kant niemand mehr nachgedacht hat?
    Macht nicht die Rosenzweigsche Sprachreflexion Halt vor dem Genus-Problem (Ursprung des Neutrum) und vor der grammatischen Logik der Konjugation und des Gebrauchs der Hilfsverben (Futur, Änderung der Bedeutung und Funktion des Perfekt, Futur II und Plusquamperfekt)?
    Im Lateinischen endet der Akk. sing. mit -m, im Griechischen (und im Deutschen) mit -n (im Deutschen rutscht das -m in den Dativ). Hängt das mit der Geschichte des Eigentumsbegriffs und seiner Stellung zum Staat zusammen?
    Der Weltbegriff entspringt aus der Neutralisierung des Vater-Sohn-Konflikts; deshalb steht der Kreuzestod für den Zustand, nicht für die Entsühnung der Welt. Der Kreuzestod ist die offene Wunde der Welt. Wie hängen die subjektiven Formen der Anschauung damit zusammen?
    Naturphilosophischer Aspekt der vaterlosen Gesellschaft: Mit den Himmeln wurde der Vater abgeschafft (pater noster, qui es in coelis).
    Die Welt ist der zur absoluten Konfrontation stillgestellte Geschlechter-, Generationen- und Geschwister-Konflikt.
    Grundlage der Bildung des Weltbegriffs ist die Bildung des Neutrum (eine indogermanische Bildung, die wahrscheinlich aus dem Akkusativ entsprungen ist: vgl. die Beziehung von Satan und Schlange).
    Zur Theorie des Lachens: Muß man nicht auch hier zwischen einem satanischen, teuflischen, und dämonischen Lachen unterscheiden (zu welchem gehört das zynische Lachen)?
    Durch die theologische Rezeption des Weltbegriffs wurde Herrschaftskritik zur Sexualmoral und die Umkehr zur Gesinnung, zum Bekenntnis instrumentalisiert (und zugleich spiritualisiert und depotenziert).
    Die Welt und die Zerstörung des Angesichts (Geschichte der Scham und der Privatsphäre, der Skulptur und des Portraits): Nach dem Sündenfall verbargen sich Adam und Eva vor dem Angesicht Gottes unter den Bäumen des Gartens.

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