Sprache

  • 18.09.93

    Die alte KZ-Wärter-Logik „Wenn du’s nicht tust, dann tut’s ein anderer“ und „Einer muß schließlich die Drecksarbeit tun“ ist die herrschende Logik in Politik und Wirtschaft heute.
    Die ambivalente Position der Dialektik der Aufklärung, zu der Walter Benjamin das Bild geliefert hat, war nicht durchzuhalten. Man kann sich der Theologie nicht bedienen und sie zugleich als Zwerg unterm Tisch verstecken, man muß sie hervorholen, auch auf die Gefahr hin, daß die im Gebrauch des Weltbegriffs wurzelnden Vorurteile dann nicht mehr zu halten sind.
    Was wir die Welt nennen, ist eine Momentaufnahme im Säkularisationsprozeß. Es ist die Ersetzung der Gegenwart, die von objektiven Korrespondenzen: von Verheißungen und Erinnerungen durchdrungen ist, durch das Gesetz der Gleichzeitigkeit (durch die Form des Raumes). Ist es nicht der quälend verlangsamte Weltuntergang, den wir betreiben, den wir allerdings zugleich aufgrund unserer Mittäterschaft wahrzunehmen nicht mehr fähig sind. Daß die Elemente verbrennen und der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt, ereignet sich das nicht vor unseren Augen: im naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozeß?
    Was Jesus dem Johannes im Gefängnis mitteilen läßt (Befreiung von den sieben unreinen Geistern?):
    – Blinde werden sehend und
    . Lahme gehen,
    – Aussätzige (d.i. Unreine: Beziehung zur Scham?) werden rein und
    . Taube hören,
    – Tote werden auferweckt und
    . den Armen (die Gott in der Welt repräsentieren) wird die frohe Botschaft verkündet, und
    – selig ist, wer an mir (an der Schrift, an den Juden) keinen Anstoß nimmt (Mt 115, Lk 722f),
    ist das nicht unsere vergangene Zukunft? Heute werden die Sehenden blind, die Gehenden lahm, die Reinen zur Wohnung der unreinen Geister, die Hörenden taub und die Armen der ausweglosen Verzweiflung ausgesetzt, während das im letzten Punkt benannte Ärgernis zwanglos sich auf die Theologie hinter dem Rücken Gottes (die den Anstoß des Kreuzestodes wegrationalisiert) und auf Auschwitz sich beziehen läßt. Hat nicht die Kirche zwangshaft und bewußtlos „an ihm Anstoß“ genommen (den Kelch getrunken), und dann den „Anstoß“ (das Ärgernis) projektiv mißbraucht?
    Ist dieses Jesus-Wort die Antwort auf das agnus dei, qui tollit peccata mundi, und die Entfaltung des Johannes-Worts von der Umkehr (Kehret um, denn das Reich Gottes ist nahe)? Es verknüpft die Befreiung von der Trägheit mit dem Sehen (das Angesicht), das Hören (Heute, wenn ihr meine Stimme hört) mit der Reinigung vom Aussatz und die frohe Botschaft an die Armen (die Gott selbst repräsentieren) mit der Auferweckung der Toten. Bezieht sich hieraus das ergreifende Paulus-Wort, wonach die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet?
    Nach dem Wort an Johannes kommt das Wort über Johannes (der, den ihr sucht, ist nicht an den Höfen der Könige).
    Zur Täufer-Theologie gehören Joh 129 und die obige Stelle (Mt 115 und Lk 722f), aber dazu zum letzten Punkt insbesondere die Aufarbeitung des Urschisma, die Kritik des kirchlichen Antijudaismus (Karl Thieme: die Stephanus-Rede und der Hebräerbrief).
    Arglos wie die Tauben: sich an ihm nicht ärgern.
    Heute genügt nicht mehr die Umkehr, sondern die Befreiung von den sieben unreinen Geistern, das Lösen der sieben Siegel. Klingt das nicht erstmals beim Jeremias an, dessen Nähe zu Jesus hier erkennbar wird: im Wort von dem „Grauen um und um“? Dieses Wort erscheint an drei Stellen (wie auch Gottes Aufforderung an Jeremias, nicht mehr für dieses Volk zu beten, und im Kontrast dazu das Gebot an das Volk: Betet für das Wohl der Stadt). Worauf beziehen sich diese Stellen?
    Nicht Griechenland, sondern Rom ist Babylon: Ist das Futur II (eine grammatische Errungenschaft der Lateiner) ein Produkt der Astrologie?
    Im Tempel, im Allerheiligsten, wohnt nicht Gott selber, sondern der Tempel ist das Haus des Namens (und der Herrlichkeit) Gottes. In katholischen Kirchen entspricht dem Namen Gottes die Eucharistie, aber was heißt das? Beim Tod am Kreuz ist der Vorhang des Tempels, der das Allerheiligste vom übrigen Raum abtrennte, zerrissen (was bedeutet der Vorhang im Tempel, Gen 2631ff?). Was ist in Auschwitz zerrissen?
    Das Bekenntnis und die ohnmächtige und folgenlose Gesinnung (vgl. gesonnen und gesinnt). Ist nicht die Gesinnung wie das Bekenntnis eine Alibi-Veranstaltung, der Bunker, in den sich das schlechte Gewissen vor dem Angesicht Gottes flüchtet? Adam und sein Weib „verbargen sich vor dem Angesichte Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten“ (Gen 38): Gehört das zur Geschichte des Ursprungs der Architektur?
    Islam und Christentum: Ist die Kaaba die Erinnerung an das unerlöste steinerne Herz der Kirche?
    Angst und Erkenntnis: Während die apokalyptische Stimmung Angst erzeugt, entspringt und konstituiert sich apokalyptische Erkenntnis in der Reflexion der Angst.
    Begriff und Erfahrung (zur Kritik der Erfahrung). Begriffe sind die Narben erlittener Erfahrung, Produkte des verdrängten Leidens. Welche Funktion hatte der Kreuzestod und seine theologische Verarbeitung (seiner Objektivation, Verdrängung und Instrumentalisierung) in der Geschichte des Begriffs? Ist nicht der Begriff in der Tat das Instrument der Zerstörung des Namens, der auf dem Grunde des Leidens ruht? Nur über das Leiden wird das Wort seiner selbst mächtig, gewinnt die Sprache ihre benennende Kraft zurück. Aber selbst das hat die Philosophie mit dem Begriff des „Existentiellen“ nochmal einzufangen und zu instrumentalisieren versucht. Der Existenz-Begriff ist mythologisch, weil er die Kraft des Namens in das Privileg des Opfers umlenkt und so neutralisiert, weil er die Heiligung des Namens (wie das Christentum) mit der Heroisierung, der Vergöttlichung des Opfers verwechselt. Nach meiner Kenntnis ist in der jüdischen Tradition der Begriff der Heiligung des Namens eine andere Bezeichnung fürs Martyrium. Ist das nicht das proton pseudos, aber liegt darin nicht zugleich auch die Verführungsgewalt des Mythos, daß er das Opfer mit der Sinnfrage verknüpft (das ist der Sinn von Heideggers Frage nach „dem Sinn von Sein“): Die Sinnfrage substituiert sich der erkennenden Kraft des Namens, kehrt sie nach außen und neutralisiert sie. Die Sinnfrage und ihr Vorläufer, die Theodizee, verrät das Opfer durch Heroisierung, durch Vergöttlichung. Die Göttlichkeit Jesu ruht in der Kraft des Namens, und nur insoweit in der Kraft des Opfers. Hier ist der Berührungspunkt der messianischen mit der Königstradition, die auch aus der Geschichte des Opfers stammt.
    Was unterscheidet die Königs- (Davids-) Tradition von der Reichs- und Kaiser-Tradition (von der Nebukadnezar-, Alexander-und Caesar-Tradition)? Oder auch: Was unterscheidet die englische und französische von der deutschen Tradition (in den politischen Institutionen, in der Sprache und in der Philosophie)? Aber hatten nicht auch die Engländer und die Franzosen ihren imperialistischen Sündenfall (Indien und Napoleon; das zweite deutsche Reich hat sich den Kaisertitel durch einen Sieg über Frankreich, das dann prompt zum Erbfeind ernannt wurde, zurückgeholt; Bedeutung des Rußlandfeldzugs für Hitler)?
    Enthält nicht das Problem der deutschen Einheit eine bis heute unbegriffene Herausforderung (die offensichtlich durch den Kandidaten Heitmann verdrängt werden soll)?

  • 15.09.93

    Hängt nicht der Plural medicinalis, das joviale „Na, wie geht es uns denn heute morgen?“, mit der Logik des Falles zusammen, in der er das kollektive Moment im Begriff des Allgemeinen präzise bezeichnet (Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist)? Im medizinischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff des Falles die Enteignung der erkrankten Teile des Körpers, ihre Überführung in die Verfügungsgewalt des Arztes (im Bereich des Strafrechts entspricht der Krankheit das Verbrechen, der Medizin das Recht, dem Krankenhaus die Gefängnisse, und dem Arzt entsprechen die Organe der Rechtspflege; die Anwendung auf die Naturwissenschaften dürfte nicht schwer sein). Hieran läßt sich die Logik des Schuldbegriffs studieren, die auch die grammatischen Formen der Deklination (die casus) beherrschen. Der Schuldbegriff bezeichnet einen Sachverhalt im Geltungsbereich des Eigentumsbegriffs, der Begriff der Sünde hingegen eine Verletzung des göttlichen Worts: das Urteil.
    Macht, die selber im Gewaltmonopol des Staates gründet, ist gesetzlich geregelte Gewalt. Dieser Widerspruch im Begriff der Macht spiegelt sich im Widerspruch des Begriffs des Rechts, daß nämlich das Recht die Gewalt, in der es gründet, nicht mehr selbst zu regeln vermag; er bezeichnet aufs genaueste die Grenze des Rechts, die u.a. mit dem in der Logik des Rechts, nicht in der Unfähigkeit des Gesetzgebers begründeten Satz sich bestimmen läßt, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
    Gewalt, Recht und Eigentum: Das Recht, das das Eigentum begründet, gründet selber im Gewaltmonopol des Staates. Auch der liberale Eigentumsbegriff hat seine Wurzeln im Feudalismus: Unter den Bedingungen des Rechts ist jedes Eigentum ein Lehen des Staates; auch das Privateigentum ist ein staatlich (nicht gesellschaftlich: hier irrt Rousseau) vermitteltes Eigentum (nichts Vergangenes ist nur vergangen).
    Opfer des Scheins: Ist die Marxsche resurrectio naturae nicht das Gegenstück zum Hegelschen Weltgericht, und kranken nicht beide an einem gemeinsamen Fehler? Die Welt ist nicht Subjekt, sondern Objekt des Jüngsten Gerichts, und die Natur ist nicht das Objekt, für das wir die Hoffnung auf Auferstehung hegen, sondern im Objekt der Widerstand gegen diese Hoffnung (Problematik des Adornoschen Programms des „Eingedenkens der Natur im Subjekt“ und des Freudschen Konzepts „Wo Es ist, soll Ich werden“; gehört der parvus error im Übergang von der Speziellen zur Allgemeinen Relativitätstheorie nicht auch hierher?).
    Die resurrectio naturae ist ein Reflexionsbegriff der säkularisierten Christologie Hegels.
    Die Nachkriegszeit ist einmal die Zeit der Stellvertreterkriege genannt worden, vor allem im Hinblick auf Vietnam. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem „Sieg der freien Marktwirtschaft über den Sozialismus“, haben diese Stellvertreterkriege ihre raison d’etre verloren. Aber wird hier nicht ähnlich, wie bei der Armut, die, nachdem die spekulative Verschuldung der Dritten Welt an die Rationalitätsgrenzen des Bankgeschäfts stößt, über die „Revision des Sozialstaats“ in die Erste Welt reimportiert wird, auch das Problem, dessen Ausdruck (nicht Lösung) der Sozialismus war, reimportiert? Ist nicht die Jugoslawienkrise ein reimportierter Stellvertreterkrieg (dessen Fronten genau zu studieren sind: Weltanschauungskriege sind faschistische Kriege und – seit 1941 – Vernichtungskriege)?
    Zur Geschichte der Dogmenentwicklung: Der Weltbegriff war die offene Grenze, durch die die Philosophie in die Theologie eingedrungen ist, um sogleich alle strategisch wichtigen Punkte zu besetzen (Frage: Wer ist die Magd des Hohepriesters, und wer sind die Umstehenden?).
    Ist nicht das Jonas-Problem in diesem Punkt doch ernster, als es bei Jürgen Ebach erscheint: Gehört die Reaktion des Jonas nach der Verschonung Ninives durch Gott nicht zur Logik des Auftrags an ihn: Hätte er die Verschonung als Folge seines Spruchs vorausgesehen, so wäre er kein Prophet geworden, sondern Philosoph, und hätte den Spruch nicht getan: „In vierzig Tagen wird Ninive zerstört“. Prophetie ist nicht instrumentalisierbar, als instrumentalisierte (als Mittel zum Zweck, als Höllenpredigt: mit der Absicht, dem Hörer einen gehörigen Schrecken einzujagen, vielleicht merkt er’s) würde sie sich selbst (und „ihre Wirkung“) zerstören. Die „Wirkung“ der Prophetie ist kein Gegenstand der Intention („Überzeugen ist unfruchtbar“).
    Die Buße Ninives schließt mit ein, daß auch der König von seinem Thron steigt und Tiere (die Rinder und Schafe: die Opfertiere Israels?) an der Buße teilnehmen.
    Wird das Gleichnis von den Talenten nicht doch zu früh beendet; kann es nicht sein, daß das im Acker vergrabene Talent Kräfte aus dem Acker zieht, die die der Geschäfte der anderen übertreffen?
    Zur Geschichte des Verräters (Judas Iskariot): Kann es nicht sein, daß am Ende auch das Blutackers zum Himmel schreit?
    Wo liegt der Unterschied zwischen ha’adama und ha’arez? Die Erde wurde im Anfang erschaffen und bringt die Pflanzen und (nach der Bildung von Sonne, Mond und Sternen) die Tiere hervor; der Acker ist es, aus dem Adam erschaffen und nach dem er (wie die die Wasser trennende Feste nach dem im Anfang erschaffenen Himmel) benannt wurde: Ist er nicht auch die dem Menschen zur Bearbeitung und Bewahrung übergebene Erde?
    Hat der Unterschied zwischen arez und erez (Erde und Land) etwas mit dem zwischen „Himmel und Erde“ und „Welt“ zu tun: Ist das Land (erez) nicht die auf den Staat bezogen, durch ihn vermittelte Erde (arez): die Erde als Eigentum?
    Die griechische Philosophie hat sich in ihrer lateinischen Rezeption vollständig verändert: Gibt es nicht erst im Lateinischen das Futur II, den Gebrauch der Hilfsverben bei den Perfektbildungen, und liegt hier nicht der Grund der Differenz zwischen der griechischen und der lateinischen Sprachlogik (vgl. auch die Übersetzungen kosmos/mundus, physis/natura)? Sind diese Veränderungen nicht beim Tertullian ablesbar (vor allem am Personbegriff)?
    Wieso gibt es in dieser gottverlassenen Welt keinen von Verlassenheitsängsten geplagten Theologen (statt dessen eher eine Erleichterung darüber, daß es zur Gottesfurcht keinen Anlaß mehr zu geben scheint)? Es gibt zu viele theologische Texte, aus denen man zwar die Angst vor den Kollegen (die heute die vorm kirchlichen Lehramt endgültig abzulösen scheint) heraushört, nicht aber mehr die Gottesfurcht.

  • 14.09.93

    Zum Turm von Babel: Die Verwirrung der Sprache war das Produkt gesellschaftlich bedingter unterschiedlicher Beziehungen zur Sprache.
    In der Wendung „Wir Deutschen“ wird das idealistische Ich in ein Kollektivum übersetzt: Beide sind Produkte der Vergegenständlichung eines absolut Ungegenständlichen, was dann ohne Schuldverschiebung: ohne projektive Abarbeitung der Vergegenständlichung, und d.h. ohne Absolutierung, nicht zu halten ist. Dem gleichen Mechanismus verdanken sich im Ursprung der Philosophie insbesondere die Begriffe Natur und Materie.
    War der griechische Kosmos der schöne, geschmückte Kosmos, der lateinische mundus die von Feinden und Barbaren gereinigte, durchs Recht befriedete Welt?
    Zum Begriff und zur Geschichte des Himmels: Haben die Christen nicht den Himmel mit der Unterwelt vermischt? Was bedeutet es, wenn im Englischen sky und heaven unterschieden werden, im Deutschen eine etymologische Beziehung des Worts Himmel zum Hammer sich nachweisen läßt?
    Ist nicht die physikalische Nahwirkungstheorie, der prinzipielle Ausschluß jeglicher „Fernwirkung“, der falsche Ausdruck eines an sich richtigen Sachverhalts: daß das Inertialsystem nicht globalisiert werden darf.
    Zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer: Was bedeutet dieser Sand am Meer?
    Haben der Baum der Erkenntnis und die Dornen und Disteln etwas mit den Flexionen, und zwar der Baum der Erkenntnis mit den Konjugationen der Verben (dem Prädikat, dem Begriff), die Dornen und Disteln mit den Deklinationen: den casus, zu tun, die Schlange mit dem Neutrum und der zu bearbeitende Acker, dem die hervorbringende Erde zugrundliegt und von dem Adam, der Mensch, seinen Namen hat, generell etwas mit der Sprache?
    Wenn der Erde die Idee der Sprache zugrundeliegt, dann dem Himmel die der Erfüllung des Worts: hat Gott nicht die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt?
    Gehört nicht der Nominalismus in die Geschichte der Urbanisierung, und wirft das nicht ein Licht auf Ninive, die „große Stadt“, in der die Menschen Rechts und Links nicht unterscheiden können (die genaueste Definition des Nominalismus)?
    Bezeichnen die Dornen und Disteln, das Widerständige, nicht aufs genaueste den Objektbegriff (als Kern des Naturbegriffs), die Null und den Punkt im Raum als Quellpunkt des Inertialsystems (genauer den Punkt in der Minkowskischen Raumzeit, in den das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Gleichungen der Lorentz-Transformation schon mit eingearbeitet wurden).
    „An jenem Tag wird Israel der Dritte im Bunde sein neben Mizrajim und Assur, ein Segen inmitten der Erde, die der Herr der Heerscharen segnet, indem er spricht: Gesegnet ist Mizrajim, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel mein Erbbesitz!“ (Jes 1924f)
    Die Gottesfurcht ist das Ende der Menschenfurcht: Sie macht den Haß der Welt, anstatt ihm nachzugeben, erfahrungs- und verarbeitungsfähig. Sie ist der Schutz vor der Identifikation mit dem Aggressor.
    Merkwürdige und erschreckende Erfahrung beim erneuten Lesen von Karl Thiemes Buch „Kirche und Synagoge“ (geschrieben 1944): So tief steckte der Antijudaismus in der kirchlichen Tradition. Steht das Buch nicht unter einem ungeheuren Rechtfertigungszwang: daß der kirchliche Antijudaismus nur ja nicht verwechselt werde mit dem gleichzeitigen Antisemitismus (gegen den Karl Thieme aktiv gearbeitet hat). Deutlich wird, wie eng der Antijudaismus mit Dogma und Bekenntnis, und zwar weniger mit ihrem Inhalt, als vielmehr mit ihrer gleichsam transzendentalen Logik, verknüpft ist.
    Aber spiegelt nicht das Thiemesche Kirchenverständnis (in Kirche und Synagoge) etwas von der Kirchenerfahrung unter Hitler wider, was heute zu leicht vergessen wird: die Kirche als Zuflucht, als Asyl und Schutzraum angesichts der Barbarei und der Greuel dieses apokalyptischen Zeitalters? Ist der Thiemesche Bekenntnisrigorismus nicht ein Produkt seiner apokalyptischen Erfahrungen?
    Nach diesem Buch würde ich mich heute gerne mit Karl Thieme über die drei Leugnungen Petri unterhalten.
    Vom Urknall zum Schwarzen Loch: War nicht der Antisemitismus der Urknall, und wird die Kirche nach der nicht gelingenden Aufarbeitung (in Deutschland heute: die CDU) zum Schwarzen Loch der politischen Astronomie?
    Es gibt kein Bekenntnis
    – ohne Feindbild (im Christentum: Juden und Heiden),
    – ohne Häretiker (Verräter und Abtrünnige),
    – ohne Sexismus, ohne patriarchalischen Kern (das „Glaubens“-Bekenntnis ist das Schuldbekenntnis der Natur, zu dem die Sexualmoral und das Unschuldsproblem, die Vorstellung einer natürlichen Unschuld, der Virginitas, gehört).
    Wenn der Weg der Befreiung versperrt ist, wird die Unschuldsfrage: das Problem der Rechtfertigung, übermächtig (Zusammenhang mit dem Ursprung des Weltbegriffs, dem projektiven Naturbegriff: die Vorstellung einer natürlichen Unschuld zielt auf die Unschuld und die befreiende Kraft des Opfers: Theologisierung der Logik der Naturbeherrschung?).
    Materie als reines Objekt von Herrschaft: Steckt im Begriff der Materie nicht die mater dolorosa? Die Vorstellungen von der unbefleckten Jungfrau, die dann zur Gottesmutter (zur Mutter des Gottes, den die Juden ans Kreuz geschlagen haben) wird, und der unberührten Natur haben etwas miteinander zu tun.
    Ist diese Theologie nicht das Abbild einer bis heute mißlungenen Naturphilosophie, und das Bekenntnis der Generator eines von den sieben unreinen Geistern beherrschten Naturbegriffs? Der Bekenntnisbegriff ist nicht abzulösen von der Geschichte des Ursprungs und der Anwendung des Inertialsystems. Das Bekenntnis als verdinglichte und neutralisierte Umkehr (mit dem wir uns das Gottesreich vom Leibe halten), Zusammenhang mit der dritten Leugnung und Selbstverfluchung: Erst in der Umkehr wird das steinerne Herz durch das fleischerne ersetzt.
    Ist nicht Adornos Kritik der Verdinglichung als Kritik des Objektbegriffs nur durch die Kritik des Dogmas hindurch noch möglich? Und ist nicht Auschwitz die dritte Leugnung und die Selbstverfluchung?
    Sind nicht alle drei großen Religionen, das Judentum, der Islam und das Christentum auf den Weltbegriff verhext? Und ist nicht jeder Fundamentalismus ein Produkt des Weltbegriffs und der daraus hervorgehenden Bekenntnislogik? Aber hat nicht nur das Christentum den Schlüssel zur Lösung?
    Der Streit um die Auslegung der Gottesknecht-Kapitel im Deutero-Jesaia ist nicht zu lösen, wenn man nicht das Nachfolgegebot mit hereinnimmt.
    Die Übernahme der Sünde der Welt schließt die Kritik des Naturbegriffs (des Kerns des Schuldverschubsystems) und seiner Vorgeschichte (in der altorientalischen Geschichte) mit ein. Hierzu gehören die Probleme
    – des Ursprungs der Astronomie und der Schrift,
    – des Ursprungs der Tempelwirtschaft und des Geldes sowie
    – des Ursprungs des Staates als Organisation einer Gesellschaft von Privateigentümern (Ursprung des Rechts).

  • 10.09.93

    Was bedeutet das urchristliche Symbol des ichthys (Jesous Christos Theou Hyios Soter), des Fisches? Ist die Kirche (als Corpus Christi mysticus) der Fisch (der den Jonas verschlungen hat)?
    Ebach: Weltentstehung, S. 157: „Innerhalb der Genealogie der Kulturheroen ist für eine euhemeristisch erklärte Göttin kein Platz. Erfindungen und zivilisatorische Errungenschaften werden in diesem Abschnitt ausschließlich Männern zugeschrieben.“ – Was bedeuten dann die Frauen in der kainitischen Genealogie (die Frauen des Lamech) und die Frauen im Stammbaum Jesu? In der hebräischen Genealogie „nehmen sich“ Abraham und Nahor erstmals Frauen.
    In der Sintflut sind es vor allem die „oberen Wasser“, die die Erde überschwemmen. Hängt das mit dem Ursprung der Astronomie zusammen (vgl. auch Thales und den Ursprung der Philosophie: Alles ist Wasser)?
    Steckt in dem griechisch-deutschen „eu“ (=oi) der griechische bestimmte Artikel pluralis (hoi und der Ursprung des Materiebegriffs, des Welt- und Naturbegriffs)?
    Die Verinnerlichung des Opfers hat ihr gegenständliches Korrelat in der Brutalität, die die reale Außenseite jeder „heilen Welt“ (auch der „Entsühnung der Welt“ durch das opfertheologische Verständnis des Kreuzestodes) ist. Die Verinnerlichung und die Vergöttlichung des Opfers gehören zusammen: Durch die Vergöttlichung des Opfers werden die Opfer des Opfers verdrängt, der Wahrnehmung entzogen. So wird das Opfer selber tabuisiert, es ist nicht mehr kritisierbar. Ist nicht die Trinitätslehre (auch) ein Gottesfurcht-Vermeidungs-Instrument, und wenn sie einmal etwas anderes war, ist sie nicht heute dazu geworden?
    Der Weltbegriff als Haß-Generator.
    Jesus hat nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben: Rührt nicht die Dämonenaustreibung an den Grund der Welt?
    Rückt nicht heute die altorientalische Welt in eine ebenso beängstigende und erschreckende wie auch befreiende Korrespondenz zur Gegenwart?
    Hat nicht die Verdrängung des Chronologie-Problems, die Etablierung der „Tiefenzeit“ in Geologie und Geschichte, u.a. auch die Funktion, sich die ungeheure Engführung des historischen Prozesses in der Vergangenheit und damit das Bewußtsein der korrespondierenden Engführung (in Ökonomie und Physik und in der Theologie) in der Gegenwart vom Leibe zu halten (Desiderat einer Geschichte der Banken)?
    Die „neue Unübersichtlichkeit“, die Habermas beklagt, ist kein bloß theoretisches Problem, sie ist ebensosehr Produkt einer Selbstverblendung, deren Ursprung bei Habermas sich benennen läßt. Und diese Selbstverblendung gehört mit zu jenen Mechanismen, die den gegenwärtigen Problemen in Politik und Gesellschaft (Xenophobie und Rechtsradikalismus) zugrundeliegen: Das geht soweit, daß heute die Mittel, die man zur Lösung der Probleme bereit hält, die Probleme zu verstärken und anzuheizen scheinen (Zusammenhang der dritten Leugnung mit der Selbstverfluchung: hier schürzt sich der logische Knoten des Weltbegriffs).
    Die Zweideutigkeit der Heideggerschen Frage nach dem Sinn von Sein ist nur aufzulösen über die Kritik des Theodizeeproblems (das in der deutschen Heidegger-Rezeption zentral ist). Das Theodizee-Problem ist selber ein Prophetie-Verhinderungs-Problem, das in der Frage nach dem Sinn von Sein seine ganze larmoyante Suggestivkraft entfaltet: Die Zweideutigkeit ist m.a.W. nur aufzulösen im Kontext der Kritik des Weltbegriffs, der Schuldreflexion.
    Die Sinnfrage rührt an den Kernpunkt der Prophetie: an das Problem der Erfüllung des Worts (und der benennenden Kraft der Sprache).
    Ist nicht die Philosophie Heideggers – wie der Faschismus, zu dem sie gehört – ein Versuch der Widerlegung des Satzes, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (ein Versuch, diese Pforten von außen zu schließen, der sich dann zangsläufig im Innern wiederfindet)?
    Im Agnus Dei hat die Kirche das tän hamartian tou kosmou (Joh 129) pluralisiert: notwendige Folge der falschen Übersetzung: der Ersetzung der Auf-sich-Nahme durch die Hinwegnahme?
    Ist das Possessivpronomen 3. Pers. pl. gleich dem Personalpronomen der 2. Per. pl. (sie/ihr)? Und hat das nicht seinen logischen Grund in der Identität des Infinitivs Sein mit dem Possessivpronomen 3. Pers. sing., während es zugleich die Grundlage des deutschen Volskbegriffs ist: der Rückverwandlung des wechselseitigen Herrschaftsverhältnisses in ein reines Schicksalsverhältnis: sprachlicher Grund der Hegelschen Logik?

  • 06.09.93

    Was wird es dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sein Leben aber einbüßt. (Mt 1626) Ist das nicht ein zentraler Einwand gegen die Theologie? – Man versuche einmal, den Begriff Theologie ins Hebräische zu übersetzen.
    Bei dem Versuch einer Übersetzung ins Deutsche kommt etwas so Entsetzliches heraus wie „Rede von Gott“. Wer genauer in den Begriff der Rede hineinhört, dem müßte das Wort im Halse stecken bleiben: Wissen wir von Gott nur noch vom Hörensagen, war nicht irgendwann einmal die Rede von Gott?
    Atheismus heute: Ist nicht Gott zu einem apriorischen Begriff geworden, zu dem es keinen Gegenstand mehr gibt?
    Zur Geschichte vom Sündenfall: War das Feigenblatt der Mythos, und ist der Rock aus Fellen die Schrift?
    Ist nicht der Baum der Erkenntnis heute endgültig zum fruchtlosen Feigenbaum geworden?
    Die Philosophie hat das Schuldverschubsystem zu einem Instrument der Erkenntnis gemacht. Seine Verankerungspunkte in der Objektivität sind die Begriffe Natur, Materie und Barbaren. Über die Theologie, die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie, wurde das Schuldverschubsystem zugespitzt zum Objektbegriff (dem Korrelat der kantischen subjektiven Formen der Anschauung).
    Der mathematische Raum (die Neutralisierung der Richtungsunterschiede) ist das Instrument der Desorientierung im wörtlichsten Sinne: Unter der Herrschaft des Kausalitätsprinzips (unter den Bedingungen der Instrumentalisierung) ist jegliche teleologische Sicht der Dinge obsolet geworden: Die Welt ist endgültig freigesetzt für subjektive Zwecke, fürs Privateigentum. Außer in der Gestalt der Erinnerung gibt es keine objektiven Ziele mehr: Es gibt keine Hoffnung, außer für die Toten. Objektive Vernunft gibt es nur noch im Kontext der Lehre von der Auferstehung. Ist nicht das Wort von den Pforten der Hölle darauf zu beziehen, daß die Natur nicht siegen wird?
    Die Welt ist der Inbegriff dessen, was seit je gesiegt hat: der Vergangenheit. Grund zur Hoffnung liegt allein noch in der Differenz von Welt und Natur, darin, daß der Bruch im System sich immanent nicht schließen läßt. An diese Hoffnung erinnert das Wort von dem über den Wassern brütenden Geist.
    Das Wasser ist Gegenstand der Festkörperphysik, im Gegensatz zum Gas (zur Luft) ist es nicht durch Komprimierung, sondern nur von außen zu erwärmen. Welcher Druck bringt ein Gas zum Glühen, und welcher Druck entsteht, wenn Wasser verdampft? Wie hängen Erde, Wasser, Luft und Feuer (die sogenannten Aggregatzustände) mit der Struktur des Inertialsystems, mit dem Verhältnis der drei Dimensionen im Raum und ihrer Beziehung zur Zeit, zusammen?
    Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird. (Walter Benjamin: Einbahnstraße) Ist dieser Schrecken nicht das objektive Korrelat des Weltbegriffs?
    Im zweiten Makkabäerbuch kommt (mit dem Begriff Barbaren, 219) auch der Name der Hebräer vor (731, 1113, 1537), in welchem Kontext und mit welcher Bedeutung (vgl. auch den Begriff einer creatio ex nihilo, 728, und die Lehre von der Auferstehung, 1243f)? Handelt es sich hier um eine Zwischenstufe zum Hebräerbrief?
    Ist nicht die Beziehung der Erinnerungsarbeit zur Vergangenheit auch eine des Lichts: Wenn die Objektdecke der Vergangenheit (die mit dem Fortschritt wachsende Herrschaft der Vergangenheit Über die Zukunft: die Logik des Weltbegriffs) durchstoßen wird, antwortet die Vergangenheit, gewinnt sie eine die Gegenwart erleuchtende Aktualität. Liegt hier nicht der Ansatz für eine (prophetische) Neubestimmung des Sechstagewerks, mit den Ausgangspunkten
    – der Finsternis über dem Abgrund und
    – des über den Wassern der Vergangenheit brütenden Geistes?
    Spruch zu einem Graffiti in Walldorf: One day a master race, called graffity artists, made crime to art. – Was ist mit der „master race“ gemeint? (Hoffentlich nicht die alte „Herrenrasse“? Aber würde nicht das „making crime to art“ dazu passen?) An der Stelle des neuen Graffiti stand übrigens vor kurzem noch der xenophobe Spruch: „Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein“.

  • 04.09.93

    Ist nicht der Protestantismus eine Subjekt-Eucharistie (Produkt der Selbstanbetung)?
    Bezieht sich der Staub, zu dem Adam wird (und den dann die Schlange frißt), auf den Lehm, aus dem er gemacht ist (Hi 108)?
    Gen 503: Vierzig Tage währt die Zeit des Einbalsamierens. Und die Ägypter beweinten ihn (Israel) siebzig Tage. Nach Gen 74 regnete es (bei der Sintflut) vierzig Tage und vierzig Nächte. Waren es nicht auch vierzig Tage von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt?
    Die Umkehr ist keine bloße Gesinnungsänderung, oder gar ein Bekenntniswechsel, sondern schließt Trauer- und Erinnerungsarbeit mit ein.
    Wenn das noachidische Nahrungsgebot zusammenhängt mit Ursprung hierarchischer Strukturen (mit dem Einbau der Gewalt in den Begriff der Objektivität, mit der Geschichte der Verinnerlichung von Gewalt), was bedeutet es dann, wenn „das Wort Fleisch geworden“ ist? Werden nicht mit dem dazugehörigen „Kannibalismus“ (wenn in der Eucharistie nicht nur Fleisch, sondern auch Blut genossen wird) die noachidischen Gebote im Kern verletzt? Wie verhält sich das zum biblischen Blutverständnis generell? Und in welche Konstellation rückt das Blut mit dem (wiederum an Noach gemahnenden) Wasser und dem Wein? Ist nicht die Philosophie als Theologie trunken geworden („Wunder“ von Kana)?
    Mit der Installation des Weltbegriffs in der Theologie wurde der Himmel verdrängt (nach dem neuen Weltkatechismus der katholischen Kirche bezeichnen Himmel und Erde nur „alles was ist“): Das Aufspannen von Raum und Zeit im Inertialsystem ist eine Parodie auf den Satz, daß Gott (die Erde gegründet und) den Himmel aufgespannt hat.
    Ist nicht das Hegelsche Absolute der Wettlauf zwischen Hase und Igel als perpetuum mobile? Und hat Heidegger nicht die Hegelsche Logik mit dem die Eigentlichkeit begründenden „Vorlaufen in den Tod“ auf ihren kürzesten Begriff gebracht?
    Hat die Verwerfung des Symbols bei Augustinus (sein Verständnis von ad litteram) nicht doch schon politische Gründe? Hat er nicht instinktiv das Subversive in der Schöpfungsgeschichte erkannt und verdrängt?
    War der Turm von Babel als Bild der Orthogonalität das erste Erektionssymbol?
    Die Orthogonalität besiegelt die Vergängnis: so hängen Raum und Zeit, die kantischen subjektiven Formen der Anschauung, zusammen; Ursprung des Naturbegriffs. Orthogonalität ist die Form der Beziehung von Natur und Welt, der babylonische Turm die erste Gestalt des Naturbegriffs, während die Verwirrung der Sprachen auf den Ursprung des Weltbegriffs zu beziehen wäre (die Trennung des Natur- und Weltbegriffs gründet in der Logik der indogermanischen Sprachen, in der gleichen Logik, die seine christologische Struktur fundiert). Hierin ist der Vergleich der Hegelschen Philosophie mit der Klugheit der Schlangen begründet.
    Wenn man die kantische Analyse der subjektiven Formen der Anschauung, wie es bereits der deutsche Idealismus getan hat, affirmativ anstatt kritisch begreift, ist das Problem nicht zu lösen. Der affirmative Gebrauch der kantischen Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung (oder der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs) bringt den Gegenstand der Prophetie: die Gegenwart, die reine Aktualität, zum Verschwinden und „vollendet“ die Philosophie. Aus dem dreifachen „Nichts“ der Gegenwart rekonstruiert Franz Rosenzweig den Stern der Erlösung.

  • 02.09.93

    Verweist das „tu es petrus“ nicht auf das steinerne Herz? Und wenn er darauf seine Kirche bauen will, dann heißt das nicht, daß der Fels die Kirche ist.
    Hängen die drei Tage im Bauche des Walfisches (und das „Abgestiegen zu Hölle“ im alten Symbolum) mit den drei Leugnungen zusammen? Und ist das Gebet des Jona im Bauch des Fisches nicht das Gebet, das Reinhold Schneider meinte?
    Hat nicht der Logos des Johannes-Evangeliums mehr mit der prophetischen Erfüllung des Wortes als mit dem philosophischen Logos zu tun? Und macht nicht die Identifikation des johanneischen mit dem philosophischen Logos das Johannes-Evangelium überhaupt erst antijudaistisch?
    Zur Rehabilitierung der Gnosis: Wenn die Gnosis den Demiurgen (der die Welt erschaffen hat) mit jüdischen Gott (dem alttestamentlichen Schöpfergott) identifizierte, hängt das nicht mit den „Juden“ des Johannes-Evangeliums und der Gesetzes-Kritik des Paulus zusammen? Kann es sein, daß hier die jüdische Tradition in einer Gestalt vor Augen stand, die genau hier die Gefahr der Verweltlichung, der Säkularisation drastisch demonstrierte? Ist hier nicht ein ganzes Nest projektiver Tatbestände beisammen? Und ist dieses System projektiver Verwirrung nicht darin begründet, daß die gleichsam transzendentallogische Übermacht des imperialen Roms die „Welt“ der kritischen Reflexion entzog, die Anpassung an die Welt erzwang. Die Unfähigkeit zur politischen Kritik, die Unfähigkeit zur Kritik des Herrendenkens, entlud sich in diesen projektiven Ersatzhandlungen der urchristlichen Theologie. Nur so war die selbstreferentielle Stabilisierung notwendig und möglich, die dann als Trinitätslehre, Christologie und Opfertheologie zum Grundbestand der Orthodoxie geworden ist. Diese Orthodoxie erlaubte eine Stabilisierung des Subjekts in der Welt (sie erlaubte die Vergesellschaftung des Subjektbegriffs der Philosophie). Weltkritik war nur noch in den Gestalten der Projektion (und in den Gestalten der Weltflucht) möglich: als Identifikation mit dem Aggressor (auch die Flucht erwies sich am Ende als eine Form der Identifikation). Aber war der Preis nicht zu hoch?
    Bei den sieben Sakramenten gehören jeweils zwei zusammen:
    – Taufe und Firmung (Wasser, Sintflut, Exodus und zweiter Schöpfungstag),
    – Buße und Eucharistie (Umkehr, Noach, Fleischessen, Gewalt und Hierarchie und die Verdinglichungs- und Schicksalslogik),
    – Priesterweihe und Ehe (Abraham und Melchisedech).
    Nur das letzte, die Salbung, ist ein singulare tantum.
    Die ungeheure Erkenntnis Heinsohns über den Ursprung des (ge-münzten) Geldes (in der Schuldknechtschaft) wäre nur dadurch zu ergänzen, daß endlich begriffen werden muß, daß am Ende (heute) das Geld in seine Ursprungsgeschichte zurückkehrt. Deshalb ist eine Geschichte der Banken so wichtig.
    Das Ecce agnus dei ist das Wort des Rufers in der Wüste, der die Wege geebnet hat. Kann man sagen, daß Jesus kam, als die Zeit erfüllt war, nicht als das Wort erfüllt war?
    Die Hilfsverben sein, haben und werden werden benötigt bei der Konjugation, wobei sein und haben in einer Reflexionsbeziehung stehen (ist nicht das Sein das Gehabt-Werden, und das Gottsuchen das Suchen nach dem Subjekt des Gehabt-Werdens?).
    Wer das Hamletsche „to be or not to be“ mit „Sein oder Nichtsein“ übersetzt, unterschlägt eine wichtige Nuance.
    Zur Vorgeschichte der indogermanischen Sprache gehören das Sanskrit, die hethitische und die persische Sprache. Ist die Geschichte vom Sanskrit bis zum Griechischen nicht eine Geschichte, in der die Konjugation der Verben allein über Prä- und Suffixe läuft, während erst mit dem Lateinischen (und in Abhängigkeit davon in den modernen Sprachen) die Hilfsverben zur Unterstützung der Konjugationen benötigt werden (und erscheint im Lateinischen erstmals das Futur II; wie verhält es sich bei den modernen – sprachlogisch aufs Inertialsystem bezogenen -europäischen Sprachen)? Die Endformen dieser Geschichte (das Griechische und das Deutsche) zeichnen sich aus durch die Einbeziehung der bestimmten Artikel in die Deklination der Nomen und durch die Aussprache des Diphthong eu (oi): Wie verhalten sich „Zeus“ und „theos“ zu „deutsch“, und woher kommt das Wort Gott?
    Gibt es in anderen Sprachen eine Entsprechung zum „Göttlichen“ (und zur Vergöttlichung)? Die merkwürdige Sprachbildung des Wortes Vergöttlichung, das die lateinische deificatio übersetzt, wird klarer beim Vergleich mit iustificatio/Rechtfertigung: Während in der iustificatio (der Gerechtmachung) noch der Eingriff der Gnade (das Handeln des Heiligen Geistes) nachklingt, bezeichnet die Rechtfertigung einen sprachlichen Sachverhalt, der so erst im Nominalismus möglich ist: die bloße Umbenennung eines im übrigen unveränderten Schuldtatbestandes (der inertia). Die Rechtfertigung gehört zur „Feigenblatt-“ und Bekenntnislogik, an diesem Begriff läßt sich der Zusammenhang von Bekenntnis und Verinnerlichung von Gewalt demonstrieren: sie hängt mit dem Opfer des Selbst an sich selbst zusammen (mit der Rückkoppelung, die durch die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, dem Weltbegriff und der Trennung des Natur- und Weltbegriffs gesetzt ist, mit dem Grund der idealistischen Systemlogik – vgl. hierzu auch die Elemente des Antisemitismus in der DdA). – Die Rechtfertigung und das Bekenntnis gehören zum Symptomenkomplex der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Zorn und Wut: Der Zorn ist die Reaktion darauf, daß die göttliche Liebe ihren Adressaten nicht erreicht. Nicht erreichbar für die göttliche Liebe ist der Wütende: Dessen Schutz und Waffe ist das Inertialsystem (vgl. Adornos Hinweis in der Negativen Dialektik auf den Zusammenhang von Aufklärung und Wut).

  • 01.09.93

    Arbeit und Bewahren (Ebach, S. 92ff): Gehören nicht
    – die Arbeit, der Mensch als Diener des Ackers, das Sklavenhaus (Ägypten) und der Gottesknecht und
    – das Bewahren des Paradieses, der Kerub und das kreisende Flammenschwert (Hüter des Eingangs des Paradieses) und die Kerubim, auf denen die Herrlichkeit Gottes thront, Abel (Hüter der Herde) und Kains Frage (bin ich denn der Hüter meines Bruders?), der Sabbat und der Exodus (der Auszug aus dem Sklavenhaus)
    zusammen?
    Der Naturbegriff hat den Trägheitsbegriff als Grund. Deshalb gibt es im Bannkreis der Natur keinen Sabbat.
    Die neutralisierte Welt ist der geronnene, verdinglichte Hass, Produkt der Verdrängung der Seite, die sie den Opfern zuwendet.
    Die Schlange frißt den Staub, den Adam produziert; Nebukadnezar frißt Gras wie die Tiere; aber der Pharao geht unter in den Fluten des Roten Meeres.
    Ägypten und Babylon: das Sklavenhaus, der Turm und die Hure.
    Das Bekenntnis ist die säkularisierte Umkehr.
    Institut des Beaux Arts: Läßt sich das nicht auf doppelte Weise übersetzen: Als Institut der schönen Künste und Institut für die schönen Künste? Das Besitzverhältnis wird mit dem Bestimmungs- und Verfügungsrecht kurzgeschlossen.
    Das Institut des Beaux Arts ist ein Teil des Institut de France: Steht hier das de auch für den Genitivus, den Genitivus subjektivus, während das des für den Genitivus objektivus stehts? Das Institut de France ist das Institut der Nation (oder das Französische Institut, vergleichbar den Deutschen Instituten: und ins Deutsche eigentlich nur adjektivisch übersetzbar). Es gibt nur das (nicht ein) Institut de France. Ist nicht l’etat nur dieser (französische) Staat, ebenso le nation, le grand nation, diese eine Nation?
    Le France ist nicht (wie Great Britain) steigerungsfähig, es gibt nur le grand nation. Sind der Nationbegriff und das Königsinstitut in Frankreich und in England nicht doch sehr genau zu unterscheiden (ebenso wie die Artikulation und die Logik der französischen und englischen Sprache)?
    Das Objekt als Produkt der Inkarnationslehre? Ist nicht die Inkarnationslehre, dieser zentrale Teil der Christologie (und der Trinitätslehre), der historische und logische Grund des Objektbegriffs, die Grundlage für die Verselbständigung des Objektbegriffs und Voraussetzung für den aus der Theologie entsprungenen modernen Subjektbegriff?
    Das Niederknien während der Wandlung (der Transsubstantiation) und die Anbetung der Eucharistie sind das Knien vor dem Objekt und seine Anbetung: Die Objektvorstellung ist Produkt der Verinnerlichung des Opfers. Das vergöttlichte Objekt ist das vergöttlichte Opfer (Ursprung des christologischen Naturbegriffs). Deshalb ist heute die Objektvorstellung selber tabu, sie darf nicht angetastet werden. Der Preis ist das Vorurteil, die Xenophobie und der Antisemitismus.
    Das Inertialsystem ist die Identität des Kreuzes mit den Dornen und Disteln.
    Die Eucharistie, das Fleischessen und die Hierarchie sind die andere Seite des Kelchsymbols. Bezieht sich nicht darauf das Wort: „Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen“ und das andere: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Ihr werdet den Kelch trinken, aber …“
    Vergleiche auch die einschlägigen Stellen (über das Opfer, das Selbst und die zwangshafte Wiederholung des Kreuzesopfers, an dessen Wirkung niemand mehr glaubt) in den „Elementen des Antisemitismus“ in der Dialektik der Aufklärung.
    Ist nicht das kreisende oder das zuckende Flammenschwert sowohl der Blitz als auch das Planetensystem? Und gehören nicht Blitz und Planetensystem zusammen?
    (War ich nicht immer der Philosophie nur hilflos ausgeliefert, sogar wenn ich so unsägliche Darstellungen der Geschichte der Philosophie gelesen habe wie die von Stückl oder von Messner?)
    Die Trennung von Welt und Natur, oder die Urteilslogik und das Herrendenken: der Klassenkampf in unserm Kopf.

  • 25.08.93

    Steckt nicht in der Vorstellung einer „von der Sintflut gereinigten Erde“ (Zenger, S. 169?) das christliche Modell einer entsühnten Welt? Ist dieses Konzept nicht doch in einem verhängnisvollen Sinne opfertheologisch, dem dann der – die Menschen zu bloßen Zuschauern objektivierende und entlastende – „Geschehens“- (und Kosmos-) Begriff entspricht.
    S. 172, Anm. 20: Das Keel-Zitat, wonach die „Vorstellung vom himmlischen Plan für einen irdischen Tempel … warscheinlich aus Mesopotamien ins AT eingedrungen“ sei, stammt aus einer geisteswissenschaftlichen Tradition, nach der sich in der Geschichte Vorstellungsmassen von einem Ort zum andern bewegen, wie feindliche Truppen in eine fremde Stadt in einen Text „eindringen“, blendet das Erfahrungsmoment in solchen Vorstellungen aus und verdrängt es.
    Philosophie als Instrument der Sprachverwirrung: Gilt die Beziehung des Tempelbaus zur Schöpfung (S. 173) nicht generell für die Geschichte der Architektur (die damit eine Beziehung zur Geschichte der Philosophie gerückt wird, die in Heideggers „Haus des Seins“ nachklingt und auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel zurückweist).
    Zum Turmbau von Babel vgl. das Zitat aus dem Emuna-Mythos in der Anm. 26 auf S. 174.
    In welcher Beziehung stehen eigentlich Tempel und Schrift: Steckt nicht in der Geschichte von der Auffindung der Schrift im Tempel (durch Hilkija – 1 Kön 228) mehr als ein nur zufälliger Vorgang? Drückt in dem Auffinden nicht auch etwas von der Beziehung des Autors zum Text sich aus, etwas, was es unmöglich macht, vom Willen oder von der Absicht des Autors zu sprechen? Beschreibt nicht das Auffinden auch einen wesentlichen Aspekt der Produktion des biblischen Textes?
    S 174: „Nach dem Sieg im Götterkampf über die Götter Ägyptens tritt der Schöpfergott Jahwe definitiv seine Weltherrschaft an.“ Wird hier nicht Jahwe mit Zeus, mit dem Reflex des Ursprungs des Patriarchats am mythischen Götterhimmel, verwechselt?
    Ist die Idee von einem „Heiligtum der Weltherrschaft“ bezogen auf den Tempel nicht antisemitisch?
    Das Ganze ist das Unwahre: Die Pforten der Hölle (Mt 1618), die die Kirche nicht überwältigen werden, sind die Pforten des hades, des scheol: der Unterwelt, des Totenreichs, d.h. der Natur.
    Der ungeheure Satz in Num 1333: von dem Land (Kanaan vor der Landnahme), das seine Bewohner frißt („wir sahen dort auch die Riesen“). Sh. hierzu Zenger, S. 176f.
    Haben die Säugetiere (die, anders als die Fische und die Vögel, keine Eier mehr legen) nicht das Meer und den Himmel im eigenen Innern? Und stehen die Wehen nicht in Zusammenhang mit dem Aufruhr der Meere und der Winde?
    Hat nicht Tilman Moser schon in seiner „Gottesvergiftung“ das Selbstbewußtsein eines Skins beschrieben: die Aggresson, die die Vorstellung, angeblickt zu werden, auslöst? Gehört das nicht in den Kontext einer verzweifelt abgewehrten und zugleich festgehaltenen symbiotischen Beziehung, deren Modell das Gerücht über Hitlers Blick aufs deutlichste vor Augen stellt? Hier sitzt das Gefühl, nicht geliebt zu werden, so tief, daß alles, was an die Aufforderung selber zu lieben, erinnert, Aggressionen, Mordlust auslöst: Deshalb der Haß auf die Armen und die Fremden.
    Steckt nicht in jeder Abwehr der Psychoanalyse die Abwehr der Autonomieforderung, die von ihr ausgeht?
    Wer sich ungeliebt fühlt, kennt zur Macht keine Alternative. Deshalb reizt ihn jede Erscheinung von Ohnmacht zur Wut, weil sie ihn an seine eigene erinnert. Jeder andere Ohnmächtige ist ein Konkurrent seines eigenen Liebesverlangens. (Beschreibt dieser Mechanismus nicht aufs genaueste die historische Entfaltung der Raumvorstellung?)
    Ralph Giordanos Vergleich eines Statsanwalts mit einem Ochsenfrosch trifft genau das Aufgeblasene unserer Justiz. Krankt nicht der Rechtsstaat in Deutschland auch noch in ganz anderer Weise daran, daß ihm die eigene Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gelungen ist: Er ist zutiefst pathologisch (empfindlich) geworden, und das im Kontext einer offensichtlich irreversiblen symbiotischen Beziehung zum Staat; er ist zum Verwalter der Staatsgewalt geworden. Daß unser Recht auf dem rechten Auge blind ist, ist kein Gesinnungs-, sondern ein fast nicht mehr zu behebender Systemfehler.
    Nicht die Fähigkeit zur Schuldreflexion, sondern die zur Schamreflexion, die durch den Begriff der Kollektivscham unterbunden worden ist, ist die Grundlage der Herrschaftskritik: der Weltkritik. (Ist nicht das Schicksal der Schamzusammenhang, und nicht der Schuldzusammenhang, des Lebendigen?)
    Krankt Erich Zengers „Gottes Bogen in den Wolken“ nicht daran, daß er an der Trennung der Quellen (J, E, P, Dtr) festhält, anstatt sich auf die Konstellationen einzulassen, die mit dieser Trennung erst sichtbar wird? Beeinträchtigt nicht z.B. die Ausscheidung der Sündenfall-Geschichte, die Verdrängung des Schammotivs, des Baums der Erkenntnis, der Schlange, des Fluchs über die Schlange, Adam und Eva (mit dem Staubmotiv, den Dornen und Disteln, den Wehen) das Verständnis der Sintflut-Geschichte (vgl. z.B. die deutliche Beziehung des Spruchs Noachs über seine Söhne zum Fluch über die Schlange, Adam und Eva)? Wie verhält sich z.B. das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zum Bogen in den Wolken? Welche Stellen scheidet Erich Zenger aus dem Priester-Text aus (z.B. den über den Wassern brütenden Geist Gottes), aus welchen Gründen und mit welchen Folgen?
    Was fehlt:
    – eine Geschichte der Banken,
    – eine Geschichte der Architektur,
    – eine Geschichte der Sprachen,
    – eine politische Geschichte der Liturgie.
    Hat der Satz, daß es zur Prophetie die Haltung des Zuschauers nicht gibt, sondern nur die Alternative: entweder man ist selbst Porphet, oder man ist Objekt der Prophetie (und am Ende wird beides eins), nicht auch die Tendenz, die prophetische Vision, das prophetische Wort endlich wahrzumachen: daß am Ende Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie die Wasser den Meeresboden?
    Daß das Wort sich erfüllt, heißt das nicht auch, daß es endlich die Kraft des Namens (und das homologein sein Objekt) wiedergewinnt.
    Das in Jesus die Schrift sich erfüllt, ist ein prophetisches, kein historisches Wort. Als historisches wäre es ein blasphemisches Wort.
    Der Dekalog ist nicht harmlos: Das vierte Gebot ersetzt die Psychoanalyse, das achte Gebot die kritische Theorie.
    Mit der Philosophie müssen wir auch ihren Mangel begreifen, und hier liegt die ungeheure Bedeutung Heideggers: Er hat den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt (und damit kenntlich) gemacht.
    Wäre nicht die Trias Schöpfung, Offenbarung, Erlösung heute weiterzutreiben in die Trias Schöpfung, Prophetie, Apokalyptik? Das ändert die dynamischen Beziehungen in der Trias, stellt sie auf eine neue Basis. Im Hinblick auf den „Stern der Erlösung“ wäre das daran zu demonstrieren, daß im Falle einer christlichen Rezeption, die noch aussteht, ein affirmativer Gebrauch des Weltbegriffs nicht mehr möglich ist. Die Welt ist in jene apokalyptische Bewegung hereingerissen, die Rosenzweig um jeden Preis draußen vor halten möchte. Aber hier ist zugleich der Verdrängungspunkt der bisherigen christlichen Theologie. Im letzten Teil des Stern der Erlösung würden sich Judentum und Islam als vorapokalyptisch erweisen (und ein Christentum, das zwangshaft versucht, sich auch als vorapokalyptisch zu verstehen, hat damit zwangsläufig beide als „Erbfeinde“).
    Für das vorapokalyptische Christentum, das am affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs erkannt wird, ist die Schöpfungslehre Teil des Herrschaftszusammenhangs, die Offenbarung (als bloße Erkenntnisquelle) Teil des Verblendungszusammenhangs, und die Erlösung (als privater Exkulpationsmechanismus) das Siegel des Schuldzusammenhangs. Zu den Folgen dieses Zusammenhangs gehört es, daß das Subjekt (der Gläubige) in diesem System in einen Trägheits- und Objektstatus gebannt bleibt. Das vorapokalyptische Christentum steht unterm Bann des von ihm selbst hervorgerufenen Inertialsystems.
    Hat das Feuer, das Jesus vom Himmel bringen wollte (und er wollte, es brennte schon), etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zu tun?

  • 24.08.93

    Zu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken: Paßt nicht der Kriegsbogen zum kreisenden Flammenschwert?
    Ein prophetischer Begriff der Erkenntnis kann die Trennung von Natur und Welt nicht akzeptieren, er schließt die Kritik der Geschichte im Sinne einer praeparatio resurrectionis mit ein. Gründet nicht die Trennung von Prophetie und Schöpfungsgeschichte in der durch die Philosophie (und den Staat) vermittelten Trennung von Welt und Natur? Diese Trennung von Welt und Natur oder die Herrschaft des Begriffs und des Rechts ist nur zu kritisieren im Kontext einer Theorie des Namens, des Angesichts und des Feuers. Nicht nur die Prophetie, auch die Schöpfungslehre hat einen Aktualitätskern, der nur durch die Kritik der Trennung von Welt und Geschichte und der zugrundeliegenden Trennung von Natur und Welt wiederzugewinnen ist (Geschichte konstituiert sich durch den Naturbegriff: durch die Leugnung der Auferstehung hindurch); und das Medium dieser Wiedergewinnung ist Erinnerungsarbeit.
    In der Geschichte der drei Leugnungen ist die Magd des Hohepriesters (bei Johannes 1815ff u. 25ff) zugleich die Türhüterin, an der Petrus nur mit Hilfe des „anderen Jüngers“, der „mit dem Hohepriester bekannt war“ vorbei in den Hof hereingekommen ist. Bei Johannes fehlt der Satz von der Selbstverfluchung des Petrus und dem bitterlichen Weinen.
    Zenger, S. 109: Die Flutgeschichte erzählt gerade nicht, „daß und wie der Schöpfergott diesen „Gewaltbazillus“, der die Erde vergiftet hat, durch die Flut aus der Erde herausspült“, sondern dieser „Gewaltbazillus“ ist ein Systemteil der Flut, und seitdem ist die Erde damit vergiftet (hier ist alles Fleisch erst zu Fleisch geworden, auch im paulinischen Sinne: erst hier ändern sich auch die Tiere).
    Daß „die Wassertiere … in 721 verständlicherweise (fehlen)“ (S. 110), hat nicht nur den empirischen Grund, daß sie halt im Wasser leben, sondern verweist auch auf die „großen Meerestiere“ des fünften Tages, die, wie Himmel und Erde und wie der Mensch, unmittelbar von Gott erschaffen sind, und nicht nur die Sinflut überleben, sondern diese Katastrophe gleichsam antizipieren (vgl. die merkwürdige Beziehung der großen Meerestiere zur Philosophie und zum Staat: als Weltsymbole?).
    S. 111: „am Neujahrstag sind die Wasser von der Erde verschwunden“. Hat das (und die Sintflut insgesamt) etwas mit dem Wechsel vom Mond- zum Sonnenjahr zu tun? – Vgl. hierzu die Anm. 27.
    S. 117: Bezieht sich der Schrecken auf den Tieren in Gen 92 außer auf den Gottesschrecken bei der Landnahme (Josue) nicht auch auf den Schrecken Isaaks, und gehört nicht auch der „Schrecken um und um“ in diese Reihe? Und steht das Ganze nicht im Zusammenhang mit der Geschichte des Opfers als Vorgeschichte des Weltbegriffs? Ist nicht die Welt das subjektlose Subjekt dieses Schreckens (das subjektlose Subjekt einer Erkenntnis, deren Subjekt-Objekt der tiefste Grund dieses Schreckens, nämlich das Anderssein ist)?
    Verführung und Weltbegriff (et ne nos inducas in tantationem, sed libera nos a malo): Subjekt des Weltbegriffs sind die Menschen, aber davon werden sie durch den Weltbegriff zugleich entlastet: das ist die Sünde der Welt.
    Verstellt nicht auch in der Sintflutgeschichte das Chronologie-Problem den Blick auf ihre reale (und aktuelle) Bedeutung?
    Verweist nicht die Vorgeschichte (mit den Göttersöhnen und den Menschentöchtern und den Riesen der Vorzeit) aufs deutlichste auf die Zeus- und Heroen-Geschichten des griechischen Mythos?
    Ist nicht die Taufe (durch ihre Beziehung zur Sintflut) ein Symbol der Erinnerungsarbeit?
    Ist nicht „die Seite“ in der Schrift immer die linke Seite (von der Erschaffung Evas bis zum Lanzenstich am Kreuz)?
    Wie hängen die beiden – nach meinem Eindruck sehr katholischen -Wendungen im Verhältnis insbesondere zum Alten Testament zusammen:
    – das „Heute wissen wir, daß …“, mit dem störende Konnotationen beiseite geschafft, verdrängt werden, aber auch wenn eine Stelle dem Stand der naturwissenschaftlichen oder der historisch-kritischen Erkenntnis nicht mehr entspricht, und
    – die projektiv dem biblischen Autor unterstellte Absicht, die Behauptung zu wissen, was der biblische Autor an einer Stelle gemeint hat (insbesondere, wenn diese „Meinung des Autors“ mit dem Wortlaut des Textes nicht übereinstimmt)? Wäre hier nicht zu prüfen, ob die Vorstellung von der biblischen Autorschaft nicht in der Tat sehr projektive Züge trägt, und bestimmt ist vom eigenen Verfahren: vom Abschreiben aus Büchern in Zettelkästen und aus Zettelkästen in neue Bücher. Verkennt diese Vorstellung nicht doch zentral den realen Prozeß der literarischen Produktion in einer Welt, in der es noch keine Sekundärliteratur (die alle Quellentheorien gerne in die Texte hineinschmuggeln möchten) gibt?
    War nicht in der alten Welt das Verhältnis zur Sprache (bis hin zum Logos-Begriff des Johannes-Evangeliums) ein wesentlich anderes als unser heutiges, durch Rechtfertigungszwänge sowie durch Mathematik und Ökonomie zerstörtes und verwirrtes Verhältnis? Und ist nicht ein zentrales Moment der „Schrift“ Sprachreflexion?
    So wie zwischen dem „Stern der Erlösung“ und uns Auschwitz steht, so steht zwischen der Schrift und uns die zweitausendjährige Geschichte des Christentums, die in Auschwitz endet. Hier gründet die erschreckende und beklemmende Aktualität der Schrift.
    Nochmal zur Stelle: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, die Jesus dann selbst, so als sei es nur eine rhetorische Frage gewesen, beantwortet: Ihr werdet den Kelch trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten oder Linken habe nicht ich zu vergeben, sondern der Vater. – Nirgend kommt die Mittler-Rolle dramatischer zum Ausdruck als hier.
    Ist nicht die Geschichte der Dogmatisierung eine Geschichte der Subjektivierung (als welche sie zur Vorgeschichte der subjektiven Formen der Anschauung, ihrer Trennung vom Licht, gehört)? Und ist sie nicht (wie die subjektiven Formen der Anschauung) über den Weltbegriff herrschaftsgeschichtlich strukturiert (Verdrängung und Verachtung der Armen und der Fremden)? Bezeichnen nicht Gott, die Armen und die Fremden die andere Seite der Geschichte der Subjektivierung?
    Ist nicht das Feuer die Vermittlung zwischen dem Inertialsystem und dem Licht, und das Plancksche Strahlungsgesetz (zusammen mit der speziellen Relativitätstheorie Einsteins) der innerphysikalische Ausdruck dieser Vermittlung?

  • 22.08.93

    Ist der Personbegriff nicht ein Reflexionsbegriff der neutralisierten Welt (er bezeichnet den Schauspieler im Drama und das rechtlich schuldfähige Subjekt).
    Die sieben Siegel: Taufe, Firmung, Buße, Eucharistie, Priesterweihe, Ehe und Salbung.
    Wer den Faschismus nur unter dem Aspekt der Schuldfrage reflektiert, verfehlt ihn. Zu Auschwitz gibt es kein objektives Verhältnis mehr; das Besondere an Auschwitz ist die nicht mehr abweisbare Einsicht, daß man auch durch Nichthandeln (auch durch die Distanz des „historischen Betrachters“) schuldig wird. Mit Auschwitz enthüllt sich Objektivität insgesamt als Schuldzusammenhang.
    Grund des Weltbegriffs: Der Raum ist ein sich-selbst-tragendes Konstrukt (das reine Sich-Fortzeugen); er scheint nur hingenommen werden zu können und jeder Begründung und Reflexion sich zu entziehen. Die Konsequenzen allerdings sind unabsehbar.
    Die scheinbar so einfache und klare Struktur des Raumes ist in Wahrheit ein Produkt der Zerwirbelung der raummetaphorischen Elemente der Sprache:
    – im Angesicht und hinter dem Rücken,
    – rechts und links (Gerechtigkeit und Barmherzigkeit),
    – oben und unten (Herr und Knecht).
    Dies ist der Knoten, den Alexander als Erbe der Philosophie und Begründer des Cäsarismus, nur durchschlagen hat, während es darauf ankäme, ihn zu lösen.
    Hat nicht die Entdeckung des Winkels, der Orthogonalität, jene Seitenansicht der Dinge erst eröffnet und begründet, die dann die Begründung der Philosophie und die Konstituierung des Weltbegriffs (die Trennung des Natur- und Weltbegriffs) ermöglichte? Die ganze nachfolgende Geschichte, einschließlich des Ursprungs und der Ausbildung des Dogmas im Christentum, steht unter diesem Vorzeichen und war so die Voraussetzung für den europäischen Objektivations- und Säkularisationsprozeß. In diesem Prozeß ist die Seitenansicht dann zur Totalen geworden: zum Inertialsystem (der Verkörperung des Jeremias-Wortes vom „Grauen um und um“).
    Vgl. die schöne Stelle in Büchners „Lenz“: Sehen Sie, Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten.
    Die Verführung des Feminismus: Wenn der Faschismus eine aus der Logik des Patriarchats erwachsene Erscheinung ist, dann ist der Feminismus gleichsam apriori exkulpiert. – Die große Bedeutung des Feminismus liegt darin, daß sie die politische Dimension des Sexismus wiederentdeckt hat.
    Gibt es eigentlich zum Schuldzusammenhang (und zum Rechtfertigungs- und Exkulpierungszwang) keine Alternative mehr?
    Die Unfähigkeit zur Schuldreflexion, die einhergeht mit der Unfähigkeit zur Sprachreflexion, reproduziert den Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, in dem sie gründet.
    Die technische Adaption der kritischen Theorie subsumiert sie unter Rechtfertigungs- und Alibizwänge.
    Die Kritik der Postmoderne, die Kritik Drewermanns und auch die Kritik Edith Steins trifft zwar den Sachverhalt, verdrängt aber zugleich das Problem und verfällt deshalb der Bekenntnislogik, der Vorstellung, das Bekenntnis zur richtigen Anschauung würde schon etwas ändern.
    Man muß sich klarmachen, daß das Inertialsystem das Referenzsystem aller physikalischen Erscheinungen, Begriffe und Gesetze ist, mit zwei Grenzfällen:
    – der speziellen Relativitätstheorie und
    – den Statistik-Gesetzen, insbesondere dem Planckschen Strahlungsgesetz.
    In beiden wird die Selbstreferenz und das Problem der Vermittlung im System als Gesetzeszusammenhang zu einem Teil des Systems. Die „empirischen“ Konstanten (der Wert der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Wirkungsquantum) sind selber auch Knotenpunkte des Systems. Hier liegt der objektive, in der Physik selber verankerte Grund einer Theorie des Feuers.
    (Sind nicht die Banken die black boxes der Ökonomie?)
    Sind die drei großen und die zwölf kleinen Propheten Reflexgestalten der Patriarchen und der zwölf Söhne Israels?

  • 21.08.93

    Gründet nicht das Königtum über David in der Prophetie, das Kaisertum hingegen über Alexander in der Philosophie? So konnte das Christentum erst Staatsreligion werden, nachdem es als Dogma zum Teil der Philosophie (eine Phase im europäischen Aufklärungsprozeß) geworden war.
    Im Vordergrund der Diskussion der deutschen Physiker in Farm Hall bei Cambridge (sh. die Dokumentation in der FR von heute), als sie die Nachricht vom ersten Einsatz der Atombombe erhielten, stand die Schuldfrage, aber in einer merkwürdig gespaltenen Version:
    – als Erleichterung darüber, daß ihnen die Entscheidung über die Mitarbeit an der Bombe erspart geblieben ist, und zugleich
    – als Furcht, daß ihnen in Deutschland das Versagen vor der möglicherweise kriegsentscheidenden Entwicklung der Bombe als Schuld am verlorenen Krieg angelastet werden könne.
    Die größte Überraschung und die eigentliche Kränkung scheint jedoch darin gelegen zu haben, daß nicht sie, die Welt-Elite der Physik, sondern diese „Dilettanten“, die nach ihrem Verständnis provinziellen amerikanischen Physiker, den wissenschaftlichen Erfolg erringen konnten.
    Gehören nicht „Klugscheißer“ und „Hirngespinste“ sprachlogisch zusammen, und bezeichnen sie nicht einen höchst realen und zugleich erschreckenden gesellschaftlichen Tatbestand?
    Warnung vor der Bendorf-Euphorie: Warum fällt den Christlich-Jüdischen Gesellschaften bis heute zu Rostock nichts ein?
    Ich glaube nicht, daß man Auschwitz relativiert, wenn man die Indianermorde, die Todesschwadrone und die Folter in den Gefängnissen der Dritten Welt (und jetzt die Ausländerhatz in Deutschland) als Metastasen von Auschwitz begreift. Auschwitz ist nicht vergangen; und Auschwitz ist kein Gegenstand von „Vergangenheitsbewältigung“.

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