Sprache

  • 16.06.93

    Hat nicht das Inertialsystem den Charakter eines Gesellschaftsvertrages, und sind nicht „Tatsachen“ Tatsachen nur innerhalb des Geltungsbereichs dieses Vertrages?
    Nicht das Inertialsystem allein, sondern das Inertialsystem, das Gravitationsgesetz und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (zusammen mit seinen mikrophysikalischen Metastasen) markieren die Todesgrenze der Erkenntnis und der Vergegenständlichung (Zusammenhang mit der Dreidimensionalität des Raumes und mit dem Verhältnis von Begriff, Erscheinung und Gesetz).
    Vertrag und Testament: Partner und Erbe. Von wem stammt der Begriff des Testaments (diatheke) und die Namen des „Alten“ und „Neuen Testaments“? – Von Paulus, sh. 2 Kor 314 (hä palaia diatheke).
    Verträge bedürfen des Schwurs (der Anrufung Gottes, der „Religion“), Testamente setzen das Recht voraus (den Staat und den Weltbegriff). Das Recht erweist sich in diesem Zusammenhang als Erbe des Mythos. Der Sohn ist Erbe; sitzt er deshalb zur Rechten des Vaters?
    Sind nicht Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge bei Paulus sakramentalisiert und zum Glauben konfessionalisiert worden?
    Zu welchem Bedeutungsumfeld gehört, welche Konnotationen hat der Begriff nomos (Brauch, Sitte, Gesetz, wörtlich: Zugeteiltes); und wie verhält er sich zum lateinischen lex (Gesetzesvorschlag, Gesetz, Verordnung, wörtlich: Wortformel)? Gibt es eine Ähnlichkeit mit der Beziehung von physis und natura (Zeugung und Geburt), kosmos und mundus (Schmuck und Gereinigtes)?
    Hätte Gott nur „alles, was ist“ erschaffen, wozu brauchte es dann den Glauben, die Hoffnung und die Liebe?
    Hat das Prasseln, mit dem Petrus zufolge der Himmel am Ende vergeht (2 Petr 310), etwas mit dem Geräusch, mit dem nach Ezechiel die Gebeine der Toten zusammenrücken, „Bein an Bein“ (Ez 377), zu tun?
    Verhalten sich die Schmetterlinge (die Insekten) zu den Blüten wie der Hund zum Mond? Denkmale der Beziehung „von Angesicht zu Angesicht“?
    Muß man nicht generell, wie in der Geschichte der Bindung Isaaks, zwischen den Boten Elohims und den Boten JHWH’s unterscheiden? Und waren nicht die Fremden in Sodom Boten JHWH’s (die dann im Hebräer-Brief zitiert werden)? Sind die Herrscharen des Gott Sabaoth Engel Elohims oder Engel JHWH’s? Hat die Versuchung Abrahanms etwas mit der Versuchung Hiobs (und der Ankläger im Hofstaat Gottes etwas mit dem Engel Elohims) zu tun, und diese etwas mit der Versuchung Jesu (und der Teufel etwas mit dem Ankläger)? Und in welcher Beziehung stehen dazu die Kerubim und Seraphim (die Schlangenwesen), und die paulinischen Archonten?
    – Abraham heiratet Sara ohne Vermittlung; für Isaak wirbt der Knecht Abrahams um Rebekka; Jakob, der dann den Namen Israel erhält, muß selbst Dienste leisten, um Lea und Rahel zur Frau nehmen zu können.
    – Abraham, der Hebräer, lebt als Fremder in Kanaan, in Ägypten und bei den Philistern; und der Pharao und Abimelech begehren seine Frau. Isaak lebt als Fremder in Kanaan und bei den Philistern, und Abimelech begehrt seine Frau. Jakob lebt als Fremder in Kanaan; sein Sohn Josef wird Vertreter des Pharao und holt ihn und seine Söhne nach Ägypten, wo die Israeliten dann zu Sklaven des Pharao werden.

  • 14.06.93

    Hans-Joachim Schoeps hat „die ganze Theologie“ des Paulus auf die Auferstehung Jesu zurückgeführt; sie sei „zunächst nichts anderes als ein Umdenken aller überkommenen Vorstellungen und Begriffe auf dieses Ereignis hin“ (Paulus, S. 177). Nicht zufällig erinnert das an Metz‘ Bemerkung über die Theologie nach Auschwitz (ein bis heute nicht eingelöster Hinweis). Durch seinen Tod und seine Auferstehung ist „Christus des Gesetzes Ende“ (Röm 104): Denn „das Gesetz ist Herr über den Menschen, solange er lebt“ (Röm 71). Durch die sakramentale Teilnahme an Tod und Auferstehung Jesu, durch Taufe und Eucharistie, sind die Christen dem alten Äon abgestorben und frei vom Gesetz. Die ungeheure Zweideutigkeit der paulinischen Theologie gründet darin, daß das Gesetz mit der Thora identifiziert wird; übersehen wird dabei, daß das Gesetz ein Form- und Strukturelement des Weltbegriffs ist, und die Identifikation der Thora mit dem „Gesetz“ selber schon Folge seiner Verweltlichung (und Instrumentalisierung) ist, daß diese Identifikation mit dem Weltbegriff gemeinsam entspringt und mit ihm fortbesteht, und daß u.a. die rabbinische Theologie ein Versuch war, die Thora aus dieser Verstrickung (des Hellenismus) zu lösen. Als Teil des Rechts ist das Gesetz ein Strukturelement der staatlich organisierten Gesellschaft von Privateigentümern; es ist das gleiche Recht, das im Römischen Reich nur für Römische Bürger gilt, zu denen auch Paulus gehört (der auch Gebrauch davon macht). An die Stelle der Welt, zu deren Konstituentien das Gesetz gehört, hat Paulus die Thora gesetzt (und in diese Falle ist dann die Gnosis hineingetappt). Die Zweideutigkeit der paulinischen Theologie rührt nicht zuletzt daher, daß die Identifikation von Thora und Gesetz wie der Ursprung der Philosophie (des Begriffs) projektive Züge trägt und der Umwandlung des Christentums in eine „Welt-“ (und damit in eine römische Staats-) Religion vorgearbeitet hat. Eher als an der Thora ließe sich heute der Zusammenhang von Tod, Entfremdung (Objektivation und Instrumentalisierung) und Gesetz an den Naturwissenschaften demonstrieren, zu deren historisch-genetischen Voraussetzungen die paulinisch instrumentierte Theologie, insbesondere die Opfertheologie, gehört. Paulus und seine Theologie leben von der damals schon fatalen „Gnade der späten Geburt“: für beide sind das Leben und die Lehre Jesu (die konsequenterweise seitdem im Dogma und im Bekenntnis nicht mehr vorkommen) vergangen, seine Auferstehung hat im Kontext dieser Theologie mit der Bergpredigt, mit Feindesliebe und der Arglosigkeit der Tauben, nichts mehr zu tun. Paulus hat
    – die „Übernahme der Sünden der Welt“ durch die Lehre vom Sühneopfer in eine Hinwegnahme („Entsühnung“ der Welt) und
    – den (objektiven) parakletischen Begriff der Barmherzigkeit durch die (subjektivistische) Gnadenlehre
    verfälscht, damit die Unterscheidung von Rechts und Links (Jon 411) aufgehoben und der Gottesfurcht, der Umkehr und der Nachfolge den Grund entzogen.
    Aber gab es eine Alternative hierzu? Hat Paulus nicht die Möglichkeit des Überwinterns der zum Dogma verdinglichten Lehre in einer sich verfinsternden Welt geschaffen?
    Paulus, der Verzicht auf Herrschaftskritik, die Spiritualisierung des Christentums und das Inertialsystem (was hat es eigentlich mit den Präfixen in den Begriffen Ge-setz, Be-griff, Er-scheinung auf sich?).
    Ist die Opfertheologie als Instrumentalisierung des Kreuzestodes bei Paulus nicht ein Produkt der projektiven Verarbeitung seiner eigenen Vergangenheit (seiner Beteiligung an der Steinigung des Stephanus)? Und hat Paulus nicht sein eigenes Erlösungs- und Rechtfertigungsbedürfnis in das Christentum hineinprojiziert? War nicht sein Christentum in der Tat eines für Heiden, die es dann auch bleiben konnten?
    Weder die Gottesfurcht, noch die Umkehr, noch die Nachfolge kommt bei Paulus vor; zugleich hat er die Weichen so gestellt, daß mit der Verdrängung der Herrschaftskritik zwangsläufig die Sexualmoral ins Zentrum der christlichen Ethik gerückt wurde.
    Ist nicht die Glossolalie, zu der das Pfingstwunder bei Paulus wird (verkommt), eher eine Widerlegung der paulinischen Theologie? Die Glossolalie verhält sich zum Pfingstwunder wie der Begriff der Barbaren zum Namen der Hebräer.
    Ist nicht die Abtreibungsdiskussion eine Folge des ungelösten Paulus-Problems (bezeichnet er sich selbst nicht einmal als eine Fehl-/Mißgeburt und mit welchem griechischen Wort)?

  • 13.06.93

    Hebräer und Barbaren: Ist nicht der Name (der Hebräer) durch höhnische Verdoppelung zum Begriff (der Barbaren) geworden? Und ist nicht das „Christentum“ seit Antiochien in diese „barbarische“ Tradition (des Begriffs) anstatt in die „hebräische“ (des Namens) eingetreten?
    Dornröschen: Sind Christen nicht die, die den Weltuntergang verschlafen, und ist nicht die Theologie der (Alp-)Traum, der ihren Schlaf schützt und der Hahn (in der Geschichte von den drei Leugnungen) der Prinz, der sie aufweckt?

  • 09.06.93

    Lk 86: „Ein anderer Teil fiel auf Felsen (epi tän petran), und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte.“ Und 813: „Auf den Felsen (epi täs petras) ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeitlang glauben sie, aber in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig.“ – Ist das nicht eine Erläuterung zur dritten Leugnung Petri (vgl. auch die anderen Fels/petra-Stellen, insbesondere die petra skandalou in Röm 933 und 1 Petr 28)?
    Hängt das Simon Barjona (Mt 1617, jedoch nach Joh 142 „Sohn des Johannes“) mit dem „Zeichen des Jona“ (Mt 1239) zusammen (und ist nicht das Buch Jona ein postapokalyptisches Buch)?
    Der „Taumelbecher“ der Propheten bezeichnet einen sprachlichen Sachverhalt: Die Trunkenheit der Sprache, gegen die die Wissenschaften sich durch das Verfahren der Definition der Begriffe abzusichern suchen, das sie dann in diesen „Taumel“ hineinreißt; sie ist eine Folge der Instrumentalisierung der Sprache. Die Geschichte des Nominalismus („Name ist Schall und Rauch“) ist die Geschichte des wachsenden Bewußtseins dieser Instrumentalisierung; ihre Wurzeln liegen im historischen Objektivationsprozeß und in dessen Apriori: der transzendentalen Logik, der Subsumtion der Wahrheit unter die Urteilsform (Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand).
    Instrumentalisierung der Sprache in Religion und Politik (Bekenntnis und Dogma; katholischer Positivismus; Sprachregelung, Ernennungsvollmacht). Das „Bekenntnis des Namens“ real nur ein anderer Ausdruck für die „Heiligung des Namens“ (für die Nachfolge), anders bleibt es bloß ein Feigenblatt (Sündenfall, Nathanael unterm Feigenbaum, Gleichnis vom Feigenbaum).

  • 07.06.93

    Kleingärtner: der tägliche Kampf gegen das Unkraut.
    Ist das Ungetüm der Allgemeinbegriff zu den -tümern? Haben die beiden Präfixe im Ungetüm mit den beiden Rosenzweigschen Negationen des Nichts in den Anfangs-Konstruktionen des Sterns der Erlösung zu tun? M.e.W.: Ist das Ungetüm die Rosenzweigsche Vorwelt (oder: die Rosenzweigsche Vorwelt der Realrepräsentant des Ungetüms), ist es das letzte Realsymbol des Mythos?
    Zum Ungetüm gibt’s kein Positivum. Es gibt wohl ein Gedröhn, ein Gedöns und ein Getue, aber kein Getüm.
    Steckt nicht im -tum (-tüm) neben dem domus auch das Taumeln? Sind die -tümer insgesamt der Inbegriff des Taumelkelch?
    Unter einem Ungetüm stellt man sich so etwas wie einen Saurier vor: ein Wesen, das vor Kraftprotzerei verteidungsunfähig geworden ist. Ist es nicht das Modell Babylon? Und steht nicht Babylon als Warnfigur vor den -tümern (vor den Volks-, Brauch-, Juden-, Christen-, Heiden-, Deutsch-, Eigen- und Heiligtümern)? Kehrt nicht in den -tümern die Vorgeschichte als Schein der Erfüllung der Geschichte wider?
    Das Ungetüm erinnert auch an Goliat.
    Der Rechtsradikalismus heute, der sich an der Ausländerfeindschaft festmacht, holt das „Deutschtum im Ausland“ ins Inland zurück. In der „volkstümlichen Musik“ mag man das Bild dieses „Inlands“ erkennen.
    Wie hängen Gehorsam, gehören und gehorchen zusammen, wenn nicht über den Begriff des Eigentums? Und macht nicht die Kirche in der Abtreibungsfrage so etwas wie ihre Eigentumsrechte geltend?
    Erinnerungsarbeit: Sich wie ein Maulwurf in der Sprache bewegen (vgl. Kafka: Der Bau).
    Ist nicht die Gewinnermentalität bei Kindern („ich bin der Erste“, „ich der Zweite“ … „das sind die Letzten“) Ausdruck von Ängsten, die wir nicht mehr wahrnehmen, weil wir in die Kindheit (wie auch in die Natur) nur noch die Freiheit von unseren Ängsten (die Freiheit von den gesellschaftlichen Pflichten) hineinprojizieren? Aber dies ist die Freiheit, die dann am Ende den Ruheständler zum Vollidioten macht.
    Sind in der Stelle „Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht“ das „es werde“ und das „es ward“ auch im Hebräischen unterschieden (vgl. den Sohar, in dem beide Stellen mit „es werde“ wiedergegeben werden)? Wenn nein, könnte es dann nicht auch heißen „Und Gott sprach: Es ward Licht, und es werde Licht“? Und würde das nicht auch den späteren Satz „Und Gott nannte das Licht Tag“ genauer bestimmen?
    Ist das Licht nicht die aufgehobene Vergangenheit, und ist das „Es ward Licht und es werde Licht“ nicht ein prophetischer Hinweis auf den im brennenden Dornbusch offenbarten Gottesnamen?
    Hat das Lösen etwas mit der Heiligung des Gottesnamens zu tun?
    Walter Benjamin hat einmal die messianische Zeit durch die Sekunde ausgedrückt. Im Alten Testament war die messianische Zeit durch den Tag (Tag JHWH’s) bestimmt, im Neuen Testament durch den Tag und die Stunde (Niemand kennt den Tag und die Stunde …). Das ist bei Walter Benjamin auf die Sekunde zusammengeschrumpft.
    Hat die Selbstverfluchung in der Geschichte von den drei Leugnungen etwas mit dem Greuel am heiligen Ort zu tun? Ist nicht der neue Katechismus die dritte Leugnung, festzumachen
    – an der Bedeutung der Trinitätslehre im Katechismus,
    – an der Stellungnahme zur „Übernahme der Sünden der Welt“ und
    – an der Erläuterung der Bitte um Heiligung des Namens?
    Hat der Saulus unter den Propheten etwas mit dem Paulus unter den Aposteln zu tun?
    – Kommt Paulus außer in der Apostelgeschichte und in seinen eigenen Briefen sonst noch vor (z.B. in einem der anderen Apostelbriefe, oder in der Apokalypse)?
    – Wie stehen Paulus und der Hebräerbrief zueinander?
    – Was hat es mit der Frage der „Echtheit“ der Paulusbriefe auf sich, wo liegt die Grenze zwischen den echten und den anderen? Nach Reclams Bibellexikon (S. 388) sind
    . 7 Briefe echt (1 Thess, Gal, 1 und 2 Kor, Röm, Philem, Phil),
    . 2 unklar (2 Thess und Kol),
    . 4 von P.-Schülern (Eph, 1 und 2 Tim und Tit).
    . Hebr wurde zwar von der Alten Kirche Paulus zugeschrieben, „doch widersprechen dem stilistische und inhaltliche Gründe eindeutig“ (ebd. S. 203). Als Verfasser wurden vermutet z.B. Lukas, Apollos, Barnabas.
    – Welche Apostel (außer Petrus und den „Säulen“) werden bei Paulus genannt?
    – Woher kommt der Name Paulus: Ist es generell sein römischer Name, ist es seine Selbstbezeichnung als Christ, wie nennen ihn die Andern? Was bedeutet der Name: ist es nur ein üblicher römischer Name, oder meint er so etwas wie den „Geringsten unter den Aposteln“?
    Nach Reclams Bibellexikon (S. 389) trug Paulus „neben seinem Geburtsnamen Schaul zum Zeichen des seiner Familie eigenen röm. Bürgerrechts den lat. Beinamen (cognomen) Paulus“ (Hervorhebung H.H.); nach dem Kleinen Pauly (Lexikon der Antike, Bd. 5, Sp. 137) „nahm Paulus unter dem Eindruck der Begegnung (mit dem römischen Prokonsul in Zypern L. Sergius Paulus, H.H.) das Cognomen des Proconsul an“. Vgl. hierzu Apg. 137ff, insbesondere 139, wo erstmals von „Saulus, der auch Paulus (heißt)“ die Rede ist; voher heißt er nur Saulus, danach nur Paulus. Kann es sein, daß Saulus erst hier (mit dem Namen Paulus) auch die römische Staatsbürgerschaft angenommen hat (vgl. dagegen Apg 2227f: … als Römer geboren)? Was ist sonst von L. Sergius Paulus bekannt?

  • 06.06.93

    Ursprung der Flexionen in der sumerischen Sprache: Sind nicht die Prä- und Suffixe insgesamt Determinaten? Hängt nicht die Bildung der Flexionen, die ja auch Kombinationen von Prä- und Suffixen sind, mit diesem Ursprung in den sumerischen Determinanten zusammen?
    Drogen und Alkoholismus: Kann es sein, daß der Drogenkonsum im Sinne der Bikameralitätstheorie die linke Hemisphäre des Gehirns außer Funktion setzt, der Alkohol (als reine Zivilisationsdroge) die rechte? Der Drogenkonsum führt hinter die Zivilisationsschwelle zurück, der Alkoholkonsum macht sie erträglich und stabilisiert sie (Taumelbecher). Aber wie steht es dann mit dem Rauchen: Leugnet es die Gebete der Heiligen?
    Nur dort, wo die Sprache nicht mehr hinreicht, bedarf es der Gewalt; aber was mit Gewalt (mit Hilfe des Rechts) durchzusetzen ist, ist nicht die Moral, sondern ihr Schein.
    Die Bekehrung ersetzt nicht die Umkehr.
    Der Raum als subjektive Form der Anschauung ist die höhnische Kälte, mit der wir heute die Welt ansehen; und die kantische Philosophie (die Kritik der reinen Vernunft) war der Anfang des Bewußtseins, und damit der Heilung davon.
    Taub, blind und besessen: Hat das etwas mit leer, gereinigt und geschmückt, und haben beide mit den drei evangelischen Räten, Armut, Gehorsam und Keuschheit zu tun? Heilt nicht der Gehorsam die Taubheit, die Armut die Blindheit, und befreit die Keuschheit von der Besessenheit (und diese Besessenheit ist eine siebenfache)?
    Zu den Grundproblemen der Europäischen Gemeinschaft gehört das Währungsproblem. Aber um dieses Problem zu begreifen, wäre es notwendig zu ermitteln:
    – Welche Sparten der Wirtschaft profitieren von der Währungsstabilität und welche werden benachteiligt und müssen den Preis zahlen;
    – oder umgekehrt: welche Sparten profitieren von einer inflationären Geldpolitik und welche werden davon benachteiligt. Hieran ließe sich das Problem des Ex- und Imports der Armut demonstrieren, oder die Wahrheit des Hegelschen Satzes, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern. Jede Geldpolitik ist eine Marktorganisationspolitik und wie diese interessengebunden.
    Der Gedanke, daß mit der Wissenschaftsorganisation und mit dem Kanon der Wissenschaften auch ein gesamtgesellschaftlicher Verdrängungsapparat produziert und tradiert wird.
    Jesus und der Tempel:
    – Nach seiner Geburt wurde er im Tempel „dargebracht“,
    – der zwölfjährige Jesus „lehrt“ im Tempel,
    – und der erwachsene Jesus „reinigt“ den Tempel von Händlern und Geldwechslern, und bei seinem Tod reißt der Vorhang vorm Allerheiligsten entzwei.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten, daß sie Objekt für andere waren, und darauf reagiert die Scham, sie ist eine Objektreaktion.
    – In der Rosenzweigschen Konstruktion des Sterns der Erlösung vertritt der Mensch die Stelle des Objekts (die Welt die Stelle des Begriffs und Gott die der Indifferenz beider).
    – Scham, Materie, Feigenblatt und Tierfell: So, nämlich über den Begriff der Scham und über die Geschichte seiner naturgeschichtlichen und politischen Konnotationen, hängen der „Materialismus“ und das Keuschheitsgebot zusammen.
    Nochmal zur Scham: Sind die seit Heuß begeistert sich schämenden Deutschen der Nährboden für den heute ausbrechenden Fremdenhaß? Wurde nicht mit der „Kollektivscham“ die Selbstwahrnehmung im Blick der Anderen (aus dem die Rechtsradikalen heute ausbrechen möchten) kanonisiert. Der Schambegriff hat die produktive Verarbeitung der Schuld unmöglich gemacht. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn kein Mitglied der Regierung Kohl bis heute den Mord zur Kenntnis genommen hat, sondern nur die Schande für den deutschen Namen und das Urteil des Auslands.

  • 05.06.93

    Ist nicht der Selbsthaß der Rechten der Abgrund, gegen dessen Sog diese Gesellschaft keine Abwehr- und Widerstandskräfte mehr zu mobilisieren vermag? Diesen Abgrund hat die Politik eröffnet.
    Das Adjektiv „christlich“ ist das Letzte, das an den Ursprung und die Intention des Christentums noch erinnert.
    Wer sagt, daß das Christentum es in 2000 Jahren nicht geschafft habe, die Menschheit zu verbessern, und daß man es deshalb mit einmal mit etwas anderem versuchen sollte, sieht nicht, daß er mit diesem Argument auf eine Logik hereinfällt, die genau in der christlichen Tradition wurzelt, gegen die sich wendet.
    Merkwürdiges Suffix „-tum“:
    – Christentum, Judentum, Heidentum, aber nicht anwendbar auf die einzelnen Konfessionen, oder auf Islam, Buddhismus, Hinduismus und andere Religionen;
    – Mönchtum, Sektierertum;
    – Deutschtum (Volkstum, Brauchtum!), aber nicht anwendbar auf Engländer, Franzosen, Italiener und andere Nationen;
    – Heiligtum, Eigentum, Heldentum und die merkwürdigste Bildung: Reichtum (dagegen Armut, dessen Suffix nicht nachgewiesen werden kann);
    – Königtum, aber Königreich; Herzogtum, Fürstentum, aber Grafschaft; Papsttum;
    – Altertum (aber Mittelalter, Neuzeit);
    gibt es einen Zusammenhang mit „Ungetüm“ (wie ist dieses Wort konstruiert: Verknüpfung von un- und ge- wie in Ungeheuer, mit dem es sinnverwandt ist; Zusammenhang auch mit Unwesen)? Hängt dieses Suffix mit der Verinnerlichung des Schicksals, dem Ursprung des Weltbegriffs, mit der sprachlichen Wasserscheide, die die Zivilisation von der Vorgeschichte trennt, zusammen?
    Dieses Suffix
    – könnte aus der Vereinigung der Suffixe -heit und -keit entstanden gedacht werden; und es
    – ist (deshalb?) nicht bedeutungsneutral, es scheint an eine bestimmte Bedeutung des Stammnomens anzuknüpfen, nur auf bestimmte Bedeutungsstrukturen anwendbar zu sein;
    – wie verhält es sich zum -wesen (dem verwaltungsspezifischen Suffix: Bauwesen, Zoll-, Vermessungs-, Planungswesen, das nicht zufällig ans Unwesen erinnert)?
    Vergleich mit dem englischen -dom (kingdom): Zusammenhang mit domus (Haus); Denkmal der pharaonischen Tradition in der Sprache?
    Das Problem, die dogmatische Tradition des Christentums wieder zum Sprechen zu bringen, ist deshalb so schwierig zu lösen, weil das Bewußtsein, hier auf ein finsteres Geheimnis zu stoßen, zu nahe gerückt ist.
    Die Übernahme der Sünden der Welt schließt heute die Reflexion auf die kirchliche Identifikation mit dem Aggressor mit ein. Durch die Sünden der Welt ist die Kreatur dazu verurteilt, Natur zu sein.
    Denkmäler sind Mäler des Nichtdenkens, Verkörperungen von Denkverboten: Sie sollen nur noch, wie die mittelalterlichen Fassaden und das kleindeutsche Fachwerkunwesen, die Stadt schmücken.
    Das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“ steht in der Nähe des anderen Satzes „Ich will nicht, daß mein Wort leer zu mir zurückkommt“. Der Deuteronomist beantwortet das „Heute …“ mit dem Schema Jisrael.
    Das „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ gehört zum Zeichen des Jonas: Wer Rechts und Links nicht unterscheiden kann (sc. die Kirche), weiß nicht, was er tut. Jesus sitzt zur Rechten des Vaters, aber der Papst, sein Stellvertreter, und die Kirche, sein Leib, tun so, als säße er zur Linken.

  • 31.05.93

    Die Sprache gründet im Namen; sie wird durch den Weltbegriff zerstört.
    Das Bekenntnis verhält sich zur Welt wie der Name zu den Dingen: Beide sind im historischen Objektivationsprozeß und durch die Gewalt des Weltbegriffs zu Schall und Rauch geworden. Und beide haben ihre Wahrheit nur als Platzhalter und im Kontext der Umkehr.
    Der Weltbegriff instrumentalisiert auch das Vergangene, macht es zu Totem, das keinen Schaden mehr anrichten und für die Zwecke der Herrschaft nutzbar gemacht werden kann. (Der Historismus treibt die Dämonen der Vergangenheit aus, ist ein Exorzismus gegens Vergangene.)
    Nur Vergangenes wird gewußt; das aber heißt, daß das Wissen nur durch Kritik (durch Umkehr) in Erkenntnis sich umwandeln läßt. Wissenschaft, das sie beherrschende Identitätsprinzip, ist der Feind der Erkenntnis. Und mit dem Prinzip „verum et unum convertuntur“ wurde die Erkenntnis aus der Universität ausgetrieben.

  • 29.05.93

    Geht nicht die christliche Opfertheologie von der Bestechlichkeit Gottes aus?
    Natur ist die gefallene Kreatur, und in der Idee einer Natur Gottes drückt sich nur eine Denknotwendigkeit der gefallenen Vernunft aus, aber nicht Gott.
    Hat die Trinitätslehre etwas mit dem „leer, gereinigt und geschmückt“ in dem Gleichnis von den sieben unreinen Geistern zu tun?
    Die ganze Kreatur harrt, seufzt und liegt in Wehen: Hängt das zusammen mit dem leer, gereinigt und geschmückt?
    Die Person ist der Träger des Namens und der Träger der Schuld. Die Person muß Rechenschaft ablegen für ihre Taten; sie ist verantwortlich für ihr Tun und muß es sich zurechnen lassen.
    Ahnden = rächen, strafen, tadeln; hängt nach Kluge zusammen mit animus und gr. onomai, ich tadle. Zusammenhang mit onoma, Name?
    Sind der griechische und der hebräische Begriff des Namens (onoma und schem), sind ihre innersprachlichen Konnotationen vergleichbar?

  • 28.05.93

    Ist das Futur II der Turm, der bis zum Himmel reicht (Gen 114), die Trinitätslehre die Spitze des Turms und das Inertialsystem seine vollendete Gestalt? „Auf, formen wir uns Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr vom Himmel herab …“
    – Lehmziegel: Bildung des Neutrum, Ursprung des Materiebegriffs (der Mensch aus Lehm erschaffen; Adam: aus Staub geworden, wird wieder zu Staub, den dann die Schlange frißt; Herstellung von Lehmziegel Symbol der Sklavenarbeit; vgl. Ex 114, 2 Sam 1231)?
    – Erdpech: Organisation der Sprache und des Raumes, Ursprung der Flexionen (aus Prä- und Suffixen), Zusammenhang mit der Orthogonalität (Bau der Arche; Untergang der Könige von Sodom und Gomorra; Bau des „Kästchens aus Schilf“, in dem Moses gerettet wurde)?
    – Stadt: Vergesellschaftung der Sprache; Zusammenhang von Begriff, Gesetz und Erscheinung (Kain erbaute die erste Stadt und benannte sie nach seinem ersten Sohn Henoch, während in der Set-Folge „Henoch … seinen Weg mit Gott gegangen (war), dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen“)?
    – Machen wir uns einen Namen: Ursprung des Nominalismus (Zer-störung der benennenden Kraft der Sprache durch nationalistische Selbstbenennung als Volk, als „Schicksalsgemeinschaft“)?

  • 26.05.93

    Es gibt keinen Naturbegriff ohne die Vergegenständlichung der Vergangenheit. Beide, Natur und Vergangenheit, haben das gemeinsam, daß sie sind, wie sie sind, und sich nicht ändern lassen. Die Gesetze der Natur entziehen sich wie die Vergangenheit dem ändernden Eingriff.
    Im Sohar, S. 182, heißt es: „Im Zeichen Jot erschuf er die künftige Welt.“ – „Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als daß auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt.“ (Lk 1617)
    Grundlage einer Kritik des Organismus ist dessen Beziehung zum Prozeß der Objektivierung und Instrumentalisierung, der zusammengehalten wird durchs Prinzip der Selbsterhaltung (dem Äquivalent des Inertialsystems).
    Muß nicht der Hegelsche Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, ein wenig korrigiert werden: Sind nicht die Erzeugung der Armut und des Pöbels bereits die Grundlagen des bürgerlichen Reichtums?
    Hängen die Träume des Mundschenks und des Bäckers und ihre Folgen in der Josefs-Geschichte mit den Träumen des Pharao und deren Folgen zusammen? Wird die Josefs-Geschichte nicht ohnehin mißverstanden, wenn man sie nur unter dem Karriere-Gesichtspunkt (dem Staunen darüber, was aus Josef doch geworden ist) sieht?
    Die wichtigsten Jünger waren Fischer: Ist die Opfertheologie der Köder, mit dem die Völker aus dem Meer geangelt wurden?
    Ist nicht die Form der äußeren Anschauung eine Emanation der inneren Anschauung (und zusammen mit den darunter befaßten Begriffen, Gesetzen und Erscheinungen ein Kopfprodukt), steht sie nicht unter dem Gesetz der Form der inneren Anschauung (des verschlossenen rechten Auges, das dann auch das linke erblinden läßt)?
    Die Gehorsamsforderung der Kirche treibt aus dem Hören das Denken aus: macht die Gläubigen taub.
    Mit der Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wurde die Wahrheit ans Urteil gebunden. Daraus ist der Schein entsprungen, sie sei dekretierbar. Damit aber wurden zugleich die Abwehrmechanismen als Mittel der Desensibilisierung ins Wahrheitsverständnis mit eingebaut, mit den fürchterlichen Nebenwirkungen der Dogmengeschichte, deren letzte die Definition der Unfehlbarkeit des Papstes war, eine notwendige Konsequenz aus dem dezisionistischen Wahrheitsverständnis. Mit der Bindung ans Urteil wurde die Wahrheit zu einem Teil des (durch den Weltbegriff abgesicherten) Herrendenkens: Prophetie als Herrschaftskritik wurde neutralisiert (und als vergangenes Herrendenken auf die Juden bezogen: und so zu einem Teil des kirchlichen Antijudaismus).
    Urteile werden gefällt: Objekte fallen unter den Begriff. Ist der Objektbegriff der Abgrund der Philosophie?
    Wurde nicht mit dem Unfehlbarkeitsdogma der kirchliche Autismus besiegelt, dessen jüngstes Produkt der neue „Welt“-Katechismus ist?
    Beginnt nicht die Fähigkeit zu sehen und zu hören überhaupt erst mit der Übernahme der Sünden der Welt? Die Übernahme der Sünden der Welt befreit vom Zwang der Projektion.
    Ist die mittelalterliche Dämonenlehre (z.B. die zum Hexensyndrom gehörenden Vorstellungen von den incubi und succubi) eine durch Spiritualisierung und Personalisierung entstellte Form der Kritik der politischen Ökonomie?
    Das Wiederanknüpfen an die prophetische Tradition ist nur möglich durch die Selbstreflexion der philosophischen Tradition hindurch. Darauf verweist das Wort: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben (enthalten die Symbole der Schlange und der Taube nicht auch die Konnotationen des Männlichen und Weiblichen?).
    Das jesuanische „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ ergibt sich zwanglos aus der Verknüpfung der deuteronomischen Steinigungsregelung mit dem achten Gebot (Dt 520 und 175ff : den ersten Stein werfen die anklagenden Zeugen; vgl. hierzu auch die Steinigung des Stephanus in der Apostelgeschichte 758).
    Die Kirche hat seit je versucht, dem Glauben durch die Bindung ans autoritäre Urteil die Form des Wissens zu geben (bis hin zur „Offenbarung der Trinitätslehre“ im neuen Katechismus). Den Nebeneffekt, daß er so in ein Herrschaftsmittel verwandelt wurde, hat sie aufgrund ihrer Verblendung durch Herrschaft zwar gerne genutzt, aber nicht wahrgenommen. In dieser Verblendung gründet die Beziehung der Theologie zum historischen Objektivationsprozeß, aber auch ihre Hilflosigkeit dagegen: ihre zutiefst zweideutige Beziehung zur Geschichte der europäischen Aufklärung.
    Der Weltbegriff ist ein Instrument der Sprachregelung und der Abschirmung der Sprache gegen Reflexion. Hier liegt die Bedeutung des Wittgensteinschen Satzes „Die Welt ist alles, was der Fall ist“. Es wäre sicher nicht uninteressant, die Wittgensteinschen Reflexionen auf den Katechismus anzuwenden, insbesondere den Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“. (Kommt eigentlich im Tractatus logico-philosophicus Wittgensteins der Naturbegriff vor?)
    Wenn man von der Erwähnung der Naturwissenschaften absieht, kommt der Begriff der Natur in Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ nur in der Zusammensetzung „Natur des Gegenstandes“ (in einer erläuternden Klammer zu Tz. 2.0123) vor. Der Traktat führt den strengen Nachweis, daß eine reine Weltphilosophie (als reine Selbstzerstörung des Namens) auf eine reine Tautologie hinausläuft.
    Ist nicht das Präfix ge- ein Instrument der Perfektbildung; aber was bedeutet das für Begriffe wie Gemeinschaft (Gemeinheit), Gesellschaft (Geselle, gesellig)? Und wie hängen die Präfixe ge-und be- zusammen (gekannt, bekannt; gelehrt, belehrt)? Entspricht nicht die Beziehung der Präfixe ge- und be- der quasiorthogonalen Beziehung von Innen und Außen, der inneren und äußeren Anschauung (s. den Begriff des Begriffs: wenn ich in einem Gegebenen ein Gewußtes wiedererkenne, begreife ich es; keine Begriffe ohne Erinnerung, kein be- ohne ge-)?
    Die Naturwissenschaft geht von der Homogenität des Raumes, die Geschichtswissenschaft von der der Zeit aus: Beide sind durchs Gesetz der Orthogonalität (durch wechselseitige Verdrängung) mit einander verbunden.
    Das letzte Dezennium vor der Ersten Weltkrieg: die heroische Phase der Moderne.

  • 23.05.93

    Wenn das „natürliche Sittengesetz“ (vgl. Z. 1958f) unveränderlich ist (und das unterstellt schon das Adjektiv „natürlich“), dann ist Erlösung unmöglich: dann gibt es zum Staat und zu dieser Welt keine Alternative.
    Z. 1968: „So hat er das Kommen Christi vorbereitet“: Klingt das nicht eher nach dem Organisationskonzept einer Konzertagentur, als nach einem Akt der göttlichen Vorsehung?
    Was heißt es eigentlich, daß „der Menschensohn auch Herr über den Sabbat“ ist (Mk 228)?
    Z. 2302: „Zorn ist ein Verlangen nach Rache“. Diese Definition ist nicht nur falsch, sie ist antisemitisch. Sie unterschlägt die Differenz zwischen Wut und Zorn und die Beziehung des Zorns zur Liebe.
    Zum Titel „Friede“ (Z. 2302ff): Es gibt auch objektive Verhältnisse, die von denen, die deren Opfer sind, als Rachewunsch, als Haß, erfahren werden. Nicht immer (und heute weniger denn je) hängen Friede und Gerechtigkeit von personalisierbarem guten Willen ab. Das „sie wissen nicht, was sie tun“ hat heute eine beängstigende Aktualität (im Staat wie in den Kirchen); sie wird umso beängstigender, je mehr sie geleugnet wird.
    Der Lieblosigkeit der Ausführungen über die Liebe entspricht die Einsichtslosigkeit in die Verstrickungen auch der Kirche in den gesellschaftlichen Prozeß. Das Gegenmittel wäre zu entwickeln aus dem achten Gebot: Das „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“ ist im Prozeß der Verweltlichung der Welt zu einem Erkenntnisprinzip, zu einem Teil der Idee der Wahrheit selber, geworden: das einzige Mittel zur Auflösung des Banns. Erkenntniskritik ist zu einem Mittel geworden, der Gesetzmäßigkeit der Lüge auf die Spur zu kommen.
    Die „Reinheit des Herzens“ (Z. 2518ff) hat mit der Übernahme der Sünden der Welt (und mit Herrschaftskritik) zu tun, während der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs die Idee der Reinheit des Herzens zur Unkenntlichkeit entstellt, wenn er – durch die Logik des Weltbegriffs – sie als einen Begriff der Sexualmoral zu begreifen gezwungen ist (die kirchliche Sexualmoral konnte die entsetzliche historische Bedeutung nur gewinnen, nachdem mit der Idee einer „Entsühnung der Welt“ die Welt und mit ihr ihr Daseinsgrund: die Institutionen der Herrschaft, der Kritik entzogen wurden; zwangshaft reproduziert deshalb der neue „Welt“-Katechismus das autoritäre Syndrom).
    Der Eindruck, daß der Katechismus nur lieblos von der Liebe, von der Sexualität, von der „Natur des Menschen“ – um von dem eigentlich theologischen Bereich zu schweigen – redet, hängt mit dem ungeklärten Weltbegriff zusammen.
    Diese Katechismus erinnert nicht zufällig an die Trümmerlandschaften nach dem Kriege.
    Der Katechismus ersetzt die benennende Kraft der Sprache durch ihren Schein: die ernennende Gewalt der Autorität (ähnlich wie er die erkennende Kraft des Namens durch die bekennende Gewalt aller über alle ersetzt). Der Name des Goebbelsschen Ministeriums („Propaganda“) ist nicht zufällig kirchlichen Ursprungs. Die hierbei von der Kirche benutzte tabuisierende Gewalt des Begriffs des Heiligen, die selber bereits antijudaistisch war, ließ sich dann über das beliebig anzuheizende, Mordlust erzeugende Grauen vor den „Juden“ antisemitisch instrumentalisieren.
    Natur als Inbegriff des Andersseins ist durch den Tod vermittelt (Grund der „Todesangst“ von Getsemane: der Schweiß des Angesichts aus Gen 319 wird hier zu Schweiß und Blut).
    Die Begriffe Natur und Materie sind ohne Antisemitismus, Fremden- und Frauenfeindschaft nicht zu halten.
    Kommt der unsäglich erbauliche Ton (Verletzung der biblischen „Nüchternheit“) nicht daher, daß die an sich prophetische Wahrheit in die indikativische Dingsprache zurückübersetzt wird (Grund des Dogmatismus)? Durch den Indikativ wird das, was (wie die Idee des Ewigen) jeder Vergangenheit sich entzieht, unter die Vergangenheit subsumiert, ihrem Gesetz unterworfen, damit aber neutralisiert und entmächtigt. (Vgl. Mt 2327: Wehe auch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler: Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.) Die Sprache des Katechismus ist die „fachidiotische“ Sprache derer, die sich von Berufs wegen damit befassen müssen, aber die Sache selbst um keinen Preis an sich herankommen lassen dürfen.
    Was im neuen „Welt“-Katechismus zur Trinitätsspekulation verkommt, war einmal nur die verdinglichte Beschreibung der Umkehr. Die Übersetzung metaphorischer Namen in Begriffe ist in einer Logik und in einem System vermittelt, dessen Hypostasierung das Objekt der Trinitätslehre ist. Es war der Weltbegriff, der (vermittelt durch den Natur- und Objektbegriff) die Begriffe von ihrem metaphorischen Sprachgrund getrennt hat.
    Das Urteil ist das gekreuzigte Wort.
    Hängt der Gottesname „Vater“ (dessen patriarchalische Konnotationen heute nicht mehr verdrängt werden sollten) mit der Übernahme der Sünden der Welt zusammen (wie der Vatername mit dem Begriff der Schuld, der der Mutter mit dem der Sünde)? Ist er nur der Name eines Äons?
    „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – aber nicht unseren täglichen Wein?
    Es gibt keinen Begriff ohne Empörung: jeder Begriff ist durch seinen Objektbezug über der Sache. Die „Natur der Dinge“ ist der Inbegriff ihres Andersseins. In der Erkenntnis des Andersseins (der „Natur“) der Dinge und als dessen Legitimation bildet sich der Weltbegriff.
    Der Freudsche Mythos von der Ermordung des Urvaters durch die Brüderhorde (der in dem christlichen Gottesnamen „Vater“ nachklingt) ist ein wesentlicher Beitrag zur Erklärung des Antisemitismus.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie