Im Koran, 2. Sure, Vers 143ff, findet sich das islamische Projekt des Angesichts: Allah gehört Ost und West. Er leitet auf den rechten Weg, wen er will. Wir haben euch zu Mittlern unter den Völkern erhoben, damit ihr Wächter unter den Menschen seid; der Prophet aber wird euer Zeuge sein. Die Gebetsrichtung euerer Augen haben wir deshalb geändert, damit man zwischen denen, die dem Propheten folgen, und denen, die ihm den Rücken wenden, unterscheiden kann. … Wir haben gesehen, daß du dein Gesicht zum Himmel emporhobst; nun haben wir ihm die Richtung nach einem Ort gegeben, der wohl gefällt. Wende dein Angesicht nach Al-Haram; wo immer du auch weilen mögest: Nur in der Kibla richte dein Gesicht.
Im Christentum wird nur die Sünde wider den Heiligen Geist weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben, und dem Petrus wird ohne Fluchandrohung angekündigt, er werde den Herrn, noch bevor der Hahn kräht, dreimal verleugnen. Nach der 2. Sure, Vers 162f hingegen trifft die, „welche leugen und als ungläubige Leugner sterben, … Allahs Fluch und der Fluch aller Engel und der aller Menschen. Ewig wird dieser Fluch auf ihnen lasten, ihre Strafe wird nicht geändert, und nimmer werden sie Schutz finden.“ Hier steht der passive Glaube unter Schutz und Strafandrohung, während im Christentum allein die Verweigerung des prophetisch-parakletischen Denkens und Handelns die Strafandrohung auf sich zieht, und dabei noch offenbleibt, ob diese Strafe nicht schon eine rationales Sinnesimplikat der Weigerung selber ist.
Die Dinge beim Namen nennen, das heißt im Deutschen, dem andern die Wahrheit ins Gesicht sagen: seine Schuld beim Namen nennen, sie nicht verschweigen.
Wie heißt dieses „dein Wille geschehe“: fiat voluntas tua sicut in coelo et in terra, im Griechischen? (genäthäto to theläma sou – Mt 610; von ginomai: werde geboren, entstehe; komme zustande, geschehe, werde erfüllt, getan gehalten, gefeiert) Schließt das genäthäto, im Gegensatz zum Fiat nicht unser Tun mit ein, ist es nicht mehr als ein bloßes „Geschehen“? Und reicht das nicht zurück auch in den Sinn des Schöpfungsberichts, in das „Fiat“ der Genesis? Und ist das Telos dieses „Fiat“ nicht das Lösen (die Schöpfung durchs Wort ein Befreien)?
Zu den drei Gestalten des Bösen:
– der Satan wird wohl am deutlichsten bei Hiob beschrieben: als Ankläger;
– der Teufel (diabolos) steckt in der Sprachverwirrung von Babylon (auch im Namen Babylon selber?) und im Taumelkelch der Propheten;
– und die Dämonen: stecken sie nicht in den Götzen und dann in den Besessenen des Evangeliums, den „unreinen Geistern“?
Sprache
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30.01.93
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29.01.93
Der christologische Naturbegriff: Die Natur ist – als Objekt einer absoluten Naturbeherrschung – das absolute Opfer, sie nimmt die Schuld aller auf sich, und sie wird – als universaler Schöpfungsgrund – vergöttlicht. Die Funktion der Christologie heute scheint darin zu bestehen, das Irreale dieser Logik zu tabuisieren, zu verdrängen, weil daran der Schein des schuldfreien Lebens in der verschuldeten Welt hängt.
Franz Rosenzweig hat mich drei Dinge gelehrt:
– die Erkenntnisbedeutung der Umkehr,
– die theologische Bedeutung von Sprachreflektion (den theologischen Grund des Begriffs der benennenden Kraft der Sprache) und
– die Bedeutung des Angesichts.
Diese drei Momente begründen, indem sie jeden objektivierenden Zugriff ausschließen, einen offenen (erfahrung- und praxiskonstituierenden) Begriff der Theologie; jeder abschließende (dogmatische) Begriff wäre blasphemisch: Dort, wo die Theologie am Ende ist, geht’s eigentlich erst los.
Hat es sich Rosenzweig mit der Bestimmung des Islam als Plagiat der Offenbarung nicht etwas zu leicht gemacht; wäre der Islam nicht präziser zu bestimmen als eine Reaktion auf den Ursprung des Weltbegriffs, auf die theologische Rezeption des Weltbegriffs? Der Islam läßt sich als der Versuch bestimmen, angesichts des theologischen Sündenfalls (durchs „Herrendenken“: durch die Rezeption des Weltbegriffs) dieser Sünde nicht zu verfallen: Er glaubt, unschuldig bleiben zu können, indem er auf der Seite der Opfer des Weltbegriffs bleibt, den Schritt in den Objektivationsprozeß hinein nicht mitmacht. Auch im Christentum ist die Scheidung von Gottes- und Herrenfurcht nie ganz gelungen, aber der Islam hat sie schlicht in eins gesetzt. Er bleibt gleichsam vor der Wasserscheide, die die mythische Welt von der Zivilisation trennt, stehen. Aber der Preis war zu hoch. Der Islam als Ergebung in den Willen Gottes ist in Wahrheit Ergebung in den Lauf der Welt, die unkritisch als der Wille Gottes aufgefaßt wird. Der Islam kennt keine Erbsünde (und das Christentum möchte die Erinnerung daran heute am liebsten abschaffen, nachdem die Opfertheologie als Lösung nicht mehr greift): Für ihn ist die Welt so wie sie ist, das reine Werk der täglich sich erneuernden Schöpfermacht Gottes, seiner „Allmacht“ (welchen Begriff die christliche Theologie vom Islam übernommen hat). -
28.01.93
Drücken sich in der Redensart „den Staub von den Schuhen schütteln“ (bei der Aussendung der Jünger Jesu) nicht die beiden Sachverhalte mit aus, daß
– die Schuhe ein Instrument der Besitzergreifung sind und
– im Staub dessen Beziehung zum Fluch über die Schlange und über Adam nachklingt?
Ist das „Staub von den Schuhen Schütteln“ das Gegenteil der Aufforderung: Ziehe deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden; ist es ein Fluch über die Städte, die die Jünger nicht aufnehmen?
Die Konstruktion des Begriffs der Erscheinung schließt als Kristallisationskern ein projektives Moment mit ein.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Stephanus und der Dornenkrone? Und ist der Gepfählte ein Gottesfluch nicht auch in dem Sinne, daß die opfertheologische Verarbeitung des Kreuzestodes mit der Leugnung des Nachfolgegebots und mit dem Bann der Vergegenständlichung, den sie über den Kreuzestod verhängt, genau diesen Fluch transportiert?
Der kirchliche Antijudaismus gründet in der Unfähigkeit, die Schmach und die Schande, die der Kreuzestod mit repräsentiert, zu ertragen. Die Opfertheologie, und in seinem Schatten der kirchliche Antijudaismus, ist ein Mittel und ein Produkt der falschen Verarbeitung dieser Schmach.
Hat Heinrich Böll nicht recht: Sind es nicht die verwesenden und verfaulenden Reste des Hegelschen Staats, mit denen wir es heute zu tun haben, und deren Vergiftungserscheinungen jetzt beginnen aufzubrechen und sich zu manifestieren?
Ist nicht die Unbeherrschbarkeit der vegetativen Körperfunktionen ein Hinweis darauf, wie tief die Unfähigkeit, in Vergangenes einzugreifen, in unsere eigene physische Existenz hereinreicht? Aber im Angesicht des andern erblicke ich die Spuren des Ursprungs und der Geschichte der Welt und der Menschheit: der Schöpfung.
Die Kritik des Wissens und der Vernunft durch Erinnerungsarbeit ist ein Teil des Versuchs, den Bann, der auf der Vergangenheit lastet, zu sprengen.
Ein Krieg, der wegen eines falschen Bekenntnisses geführt wird, beleidigt Gott mehr als alle falschen Bekenntnisse.
Die Astronomie hat die Astrologie nur „überwunden“, nicht widerlegt.
Himmel und Erde werden vergehen: Genau daran (an dieser Vergängnis) hat die Theologie seit der Konzeption der Lehre von der creatio mundi ex nihilo mit gewirkt.
Wodurch unterscheidet sich der griechische kosmos vom lateinischen mundus (der „geschmückte“ Kosmos von der „gereinigten“: militärisch und rechtlich begrenzten und gesicherten Welt)? Hat das deutsche Wort Mund etwas mit dem lateinischen Wort mundus zu tun? Vergleiche auch den Zusammenhang mit Münze, Munition (Verteidigung, Befestigungsanlagen, Recht)?
Hat die Beschreibung dessen, den der eine unreine Geist verlassen hat: er sei leer, gereinigt und geschmückt, mit dem Weltbegriff zu tun, der dann zur Wohnung der sieben unreinen Geister wird? Und steckt in der Folge: leer, gereinigt und geschmückt nicht eine Beziehung zu den drei Versuchungen, den drei Leugnungen, den drei Dimensionen des Raumes (auch zur Subjektivität des Raumes, des Geldes und des Bekenntnisses)?
Verhält sich das Griechische zum Lateinischen wie Form der äußeren zu der der inneren Anschauung? -
27.01.93
Verhält sich der Staat zur Gesellschaft wie die Welt zur Natur (wie Idealismus zu Materialismus, Begriff zu Objekt)? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Kann es das eine ohne das andere geben, sind nicht beide Produkt des gleichen Abstraktionszusammenhangs (der Urteilsform)?
Zusammenhang der Hegelschen Deduktion des Monarchen und des „Gottesgnadentums“ mit dem ontologischen Gottesbeweis. (Rosenzweig, II S. 146)
Ist nicht das Interieur in Adornos Kierkegaard-Arbeit inzwischen aus der Objektsphäre in die Struktur des Subjekts mit eingewandert, und ist das Subjekt seitdem nicht gleichsam direkt an die Außenwelt angeschlossen (ohne Vermittlung durchs Interieur)? Gründet darin die nur minimale Differenz, die Adorno von der Einsicht in die Funktion des Weltbegriffs, zu der es in der Philosophie nach der vollständigen Verweltlichung des Subjekts keine Alternative mehr gibt, trennt?
Die Rolle der Religionen scheint sich immer mehr darauf zu beschränken, das Gefühl der Schuldfreiheit, diesen verhängnisvollen Bewußtseinskomfort, zu vermitteln. Sie wird damit zu einer wichtigen Instanz des Verdrängungsapparats (der erste Entwurf dieses Verdrängungsapparats war das Dogma, mit dessen Hilfe die Funktion des philosophischen Subjekts vergesellschaftet wurde, bei gleichzeitiger Stillstellung des philosophischen Erkenntnistriebs: Dieses Stillstellung drückt sich aus in der kantischen Definition, wonach die Welt das mathematische Ganze der Erscheinungen bezeichnet). Die Religion ist zum Schmücke dein Heim in einer Welt geworden, die für niemand mehr Heimat ist. Daher die nicht mehr zu tilgende Nähe der Religion zum Kunstgewerbe und zum Kitsch (der Idolatrie in der Kunst).
Die Verwechslung von Gegenwart und Gleichzeitigkeit wird durch die kantische subjektive Form der äußeren Anschauung stabilisiert, durch die Form des Raumes.
Die Explosion der Raumvorstellung hat bewiesen, daß es keine wie auch immer geartete Beziehung der Gleichzeitigkeit zum Himmel gibt, daß umgekehrt der Raum als Form der Gleichzeitigkeit die Unterdrückung und die Verdrängung dessen mit einschließt, was man die reale Gegenwart nennen könnte. Ist diese Raumvorstellung nicht das Endprodukt des Falles (die „Überwindung“ des Generationenverhältnisses durch Neutralisierung und Stillstellung, nicht seine Aufarbeitung; oder auch: die „Überwindung“ der Häresien durch Verurteilung und Fixierung des Dogmas: so hängt die Orthodoxie mit der Orthogonalität zusammen, und so wird das Dogma zum leeren, seiner benennenden Kraft beraubten Wort: zum vergrabenen Talent)?
Wenn Jacobus Schoneveld zufolge der Logos die Thora ist („Die Thora in Person“, in Kirche und Israel, Heft 1.91, S. 40ff), dann heißt das nicht mehr und nicht weniger, als das niemand zum Vater kommt, außer durch die Thora.
Ist nicht die homousia sowohl logisch wie realgeschichtlich das Einfallstor des Gewaltmonopols des Staates in die Theologie (und der Kristallisationskern des Dogmas)?
Die kopernikanische Wende und die Etablierung der Vorstellung vom unendlichen Raum haben den Leerraum geschaffen, in den die gläubige Phantasie glaubt, ihre „religiösen Vorstellungen“ hinein projizieren zu können. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß und wie die päpstliche Rehabilitierung Galileis die Dinge nun vollend auf den Kopf gestellt hat.
Was mit der Privatisierung der Sexualmoral begonnen hat, endet mit einer Erfahrungsfeindschaft, die direkt in die Xenophobie einmündet.
Die Personalisierung und daraus zwangslogisch folgende Vergöttlichung Jesu ist die Binde vor den Augen, mit der die Jesus-Gläubigen sich den Blick auf den Logos, der sich in der Übernahme der Sünden der Welt konstituiert, und von dem Gott will, daß er nicht leer zu ihm zurückkomme, ersparen.
Beschreibt nicht die Beziehung der von der transzendentalen Logik organisierten Erfahrung zu den Dingen als Erscheinungen auch das Verhältnis der Theologie zu ihrem Objekt? Auch die Theologie unterliegt dem Gesetz der Erscheinungswelt, in der die Dinge an sich unerkennbar sind.
In den drei Sprachen Griechisch, Lateinisch und Deutsch sind die Beziehungen der Geschlechter nicht deckungsgleich, nicht kompatibel. Die hier sich manifestierenden Brüche sind Denkmale welthistorischer Gesteinsverschiebungen. Neben den Differenzen in den Casus-Bildungen sind es vor allem Worte, die wie Sonne und Mond (sol und luna, auch Tag und Gesicht, dies und facies) jeweils anderen Geschlechtern zugeordnet wurden. Im Deutschen sind die Geschlechter an den Artikeln und den Endungen zu erkennen, im Englischen nur beim Gebrauch der Possessivpronomen. Hängt das damit zusammen, daß im Englischen der Infinitiv des Seins nicht durch das Possessivpronomen der dritten Person sing. masc. ausgedrückt wird (Folge der Neutralisierung der Casus im Englischen, und zugleich Symptom einer Verbegrifflichung der Sprache, die sich vor allem in Wendungen wie „he is doing“ ausdrückt, in denen das Verb naiv und real die Form des Prädikats, des Begriffs, animmt)? So drückt das deutsche Sein das Moment der Tätigkeit (in Physik und Ökonomie), das englische to be dagegen das Ergebnis der Vergegenständlichung dieser Tätigkeit aus (Grund des vorkritisch-kritischen Empirismus seit Locke: der Dogmatisierung von Naturwissenschaft und Ökonomie wie auch der Unterscheidung von primären und sekundären Sinnesqualitäten).
Zusammenhang von Geschlecht und Casus, die geschlechtsspezifischen Casusbildungen (in den europäischen Sprachen). -
25.01.93
Das Ergebnis der kantischen Vernunftkritik war, daß jede gegenständliche Erkenntnis sich in eine Zwangslogik verstrickt, die die Erkenntnis der Dinge zugleich auch verhindert. Im Zusammenhang dieser Logik erwies sich Kant zufolge die Erkenntnis der Dinge, wie sie an sich sind, als unmöglich. Der Sinn und die Bedeutung der kantischen Lehre von den synthetischen Urteilen apriori liegt auch in dem Nachweis, daß wir, indem wir uns diesem Erkenntnisprozeß überlassen, einer Mechanik Raum geben, die uns das Denken abnimmt, es gleichsam für uns zu leisten scheint, daß wir einer Logik verfallen, die gleichsam automatisch funktioniert, und die wir, solange es uns nicht gelingt, sie durch kritische Reflexion aufzusprengen, nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Hier liegt der Grund des von Marx so bezeichneten falschen Bewußtseins, zu dessen Absicherungen die Begriffe Natur und Welt gehören.
Steht nicht das Tischgebet in der Tradition des Opferrituals, und ist die Mahlzeit selber nicht ein Relikt des Opfers, das nicht zufällig im Deutschen Gericht heißt? Erst das Herrendenken, dem das Richten zur zweiten Natur geworden ist, betet nicht mehr: glaubt nicht mehr an die Notwendigkeit und Möglichkeit von Versöhnung. Sind nicht die Naturwissenschaften, insbesonder die Chemie, das vergegenständlichte und vergesellschaftete Fressen, das bis heute vergeblich auf das versöhnende Gebet wartet?
Die Intention des Tischgebets begreift nur, wer darin das eschatologisch-apokalyptische Moment wahrnimmt: Oculi omnium in te sperant, Domine. (Und weiter: Du gibst ihnen die Speise zur rechten Zeit; du tust deine milde Hand auf und erfüllst alles, was da lebt, mit Segen.)
Was hatte es eigentlich mit den Taubenhändlern und den Geldwechslern im Tempel im Evangelium auf sich und mit den Kaufleuten und Spediteuren in der Apokalypse? Ist uns das nicht ebenso (und aus dem gleichen Grunde) unverständlich, wie der Zusammenhang des Ursprungs der Geldwirtschaft und der Schriftkulturen mit der Idolatrie, dem Sternendienst und dem Opferwesen: mit den Tempelreligionen? Was war insbesondere mit den Kanaanäern (den „Händlern“) und ihrer Molochreligion? Waren nicht die Phönizier Kanaanäer (und wie diese Hamiten: zum Knechtsein Verfluchte)?
Das Wort „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ ist eine Verschärfung des achten Gebots „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“. Es ist ein Indiz für die gesellschaftliche Veränderung, auf die Jesus die der jüdischen Tradition angemessene Antwort geben wollte: Erst mit der beginnenden, in der Philosophie und dem Weltbegriff sich selbst begründenden Vergesellschaftung von Herrschaft wird auch das Richten vergesellschaftet.
Institutionen wie Zölibat, Ohrenbeichte, überhaupt die Festlegung der Sakramentenlehre, die Dogmatisierung des Fegfeuers, die scholastischen Universitäten, sind alles Einrichtungen im Kampf gegen den Islam, in der Abgrenzung gegen ihn, zugleich aber auch Produkte der Islamisierung des Christentums. -
24.01.93
Wie hängen die Begriffe des Scheins (der ökonomische, vertragsrechtliche und der ästhetische, logische) mit einander zusammen? Der Geldschein ist (wie z.B. ein Pfandschein, ein Lagerschein) ein Dokument der Verpflichtung des Gläubigers, das auf dem Schein genannte Objekt, das er repräsentiert, bei Vorlage auszuhändigen.
Ist nicht das Geld – wie der Raum als Form der Ausbreitung des Lichts – der Ursprung des Scheins? Und ist von hierher der erkenntniskritisch-logische Begriff der Erscheinung zu begründen? – Die vom Geld beherrschte (und von der Form des Raumes durchdrungene) Welt ist sprachlich fast nicht mehr zu durchdringen. Das reflektiert sich in der Bekenntnislogik.
Ist nicht die Erscheinung die aus dem Kristallisationskern des Scheins erwachsende Totalität des Scheins: Zusammenhang mit den Begriffen des Wissens, der Natur und der Welt? Ist nicht das kantische „Ganze der Erscheinungen“ die von der Idee der Wahrheit (vom Angesicht) befreite Welt?
Ist der Schein das halbierte Angesicht: Inbegriff des Hinter dem Rücken, Produkt des Objektivationsprozesses; und dieses der Grund des Fremdenhasses (deshalb bellen Hunde den Mond an, und deshalb ist der Raum als verdinglichte Form der Anschauung und Grund des Objektivationsprozesses in allen Richtungen reversibel)?
Es gibt eine Art, über die Dinge zu sprechen, hinter der die Welt verschwindet, in die die Welt nicht mehr eingeht, in der die Sprechenden gegen jegliche Erfahrung und gegen die Welt sich abschirmen: Die Außengrenze der Monade ist ein Produkt der Identität von Herrendenken und Rechtfertigungszwang, des Exkulpationstriebs. Die Monade lebt in einem Zwangstraum, aus dem sie nicht erwachen will, den sie durch Beleidigungsrituale (die die Grenzen dessen, worüber gesprochen werden darf, bestimmen) gegen das Erwachen (gegen das Krähen des Hahns) schützt. Wenn man nicht (zur Erhaltung des Banns, der auf allen liegt) über Nachbarn und Verwandte redet, dann über eigene vergangene (und zukünftig vergangene) Entscheidungen, um sie nachträglich durch die Zustimmung des andern absichern zu lassen (Rechtfertigungstrieb). Man möchte leben wie einem Film, in dem die Handlung vorgegeben und nicht vom Spieler zu verantworten ist, und dazu wie ein Zuschauer sich verhalten können.
Kohls Geschick, durch Sprachregelungen, die die eigene Schuld anderen, in der Regel den Opfern, die sich nicht wehren können und keine Verteidiger mehr haben, anzulasten, sich selbst unangreifbar zu machen („Solidarpakt“, auch die Bemerkung, der Staat dürfe nicht zum „Steinbruch für die egoistischen Interessen Einzelner“ verkommen: die „Sprachgewalt“ des Feigenblatts ist die Sprache der Gewalt).
Unanständige Wahlwerbung der F.D.P. in Frankfurt: Zielt auf das Stammtischgerede, wonach die Beamten ohnehin nichts tun und Kultur zu teuer ist („alles von unsern Steuergeldern“). Mittlerweile ist offensichtlich alles, was nicht dem Geschäft dient, Ideologie, auch eine der letzten Instanzen, die noch an Humanität erinnern: die Kultur, das Theater. Dazu paßt es, wenn der wegen Steuerbetrugs rechtskräftig verurteilte Graf Lambsdorf darauf hinweist, daß auch Blüms Vorschlag, durch schärfere Kontrollen den „Mißbrauch“ einzudämmen, die Kürzung der Arbeitslosengelder nicht mehr werde verhindern können. Sparen heißt für die, die sich ohnehin als Eigentümer der öffentlichen Finanzen („unsere Steuergelder“) sehen: Sparen beim „Personal“ (in Kultur und Verwaltung) und der Griff in die Taschen der Ärmsten. -
22.01.93
Die irrationalen Schuldgefühle erwachsen gerade aus der Verdrängung des realen Bewußtseins von Schuld, sind eine Gestalt ihrer projektiven Verarbeitung. Nur die bewußte Reflexion der Schuld (die Gottesfurcht) befreit, während die Verdrängung nur tiefer verstrickt und hineinführt. Hier ist das Christentum einer Verführung zum Opfer gefallen, die bis heute nachwirkt: der Verführung durch den projektiven Mißbrauch der Sexualmoral, die den Gläubigen zum idiotes gemacht hat (Zusammenhang der Sexualmoral mit dem Trägheitsprinzip und der transzendentalen Logik?).
In welche Probleme die Philosophie ohne die Hilfe des Dogmas gerät, hat die arabische Philosophie aufs genaueste demonstriert. Und die Islamisierung des Christentums (die die Gottesfurcht leugnende Unterwerfung unter den „Willen Gottes“) resultiert aus der Hereinnahme dieses Bruchs, sie war der Auslöser für den dann einsetzenden Objektivierungsprozeß (projektives Korrelat des „Islam“, die Unterwerfung des Objekts). Hierher gehören u.a. die im Islam erzielten mathematischen Fortschritte (u.a. die Entdeckung der Null, Begründung der Algebra) zusammen mit den theologischen Konstrukten, wonach u.a. Gott die Welt jeden Tag neu erschafft (weil er sie nicht zu erhalten vermag).
Die Differenz zwischen der lateinischen und der griechischen Sprache: die u.a. im Fortfall des Dualis (zusammen mit der reinen Ausbildung des Neutrum?) sich ausdrückt, darf nicht zu unterschätzt werden.
Die Selbstverfluchung am Ende der Geschichte der drei Leugnung ist die zwangsläufige Folge der Geschichte der Verurteilungen (des Heidentums, der Juden, der Häresien), die alle schon Formen der Selbstverurteilung waren, gleichsam Anwendungsfälle des Satzes „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“.
Das Inertialsystem verletzt das Gehorsamsgebot, das Tauschprinzip (das Geld) das Armutsgebot, das Herrendenken (das Bekenntnis) das Keuschheitsgebot.
Die creatio-mundi-Lehre leugnet die Schöpfung, die Lehre von der Verbalinspiration die Offenbarung; in der Selbstverfluchung, das im Konfessionalismus, im Bekenntnisprinzip gründet, wird die Erlösung geleugnet. All diese Momente sind in der vätertheologischen Begründung der Theologie schon vorhanden: die creatio mundi, das Prinzip der wörtlichen Schriftauslegung und das Bekenntnisprinzip (der Confessor, der dann zwangsläufig die weibliche Heiligengestalt der Virgo nach sich zieht).
Der johanneische Logos ist nicht der Grund des Logozentrismus, sondern bereits die Antwort darauf. Und das Problem des Todes ist auch über den Rosenzweigschen Ansatz hinaus, über die Todesangst als Inbegriff der Sprengung des Alls und Ursprung der Erkenntnis hinaus, erkenntnisrelevant: wenn man das Inertialsystem (und das Geld) als Todesgrenze in der Natur selber begreift, als Grund des Banns der mit dem Namen der Natur auf der Natur lastet. -
19.01.93
Das Entscheidende an der Vorstellung des Atoms ist der leere Raum, in dem es vorgestellt wird.
Genügt es noch, den „Glauben an“ durch die „Treue zu“ zu ersetzen?
Überzeugen ist unfruchtbar: Und zwar deshalb, weil das Überzeugen des andern nur mit Hilfe von Beweisen möglich ist, und die Ambivalenz des Beweises aus dem Überzeugen nicht herauszubringen ist. Das Überzeugen appelliert an die Gemeinschaft der subjektiven Formen der Anschauung und des Bekennens, an die Gemeinschaft der Intersubjektivität. Weil alle darin sich geborgen fühlen möchten, kann keiner mehr mit sich alleine sein: das ist der Preis des Überzeugens. Modell des Überzeugens ist die logische Automatik der sich (in sich selbst, in den Objekten und in den Köpfen der Menschen) fortzeugenden Form des Raumes (die für Sokrates und den Sklaven die gleiche ist). In der Logik des Überzeugens gründet die Verführungskraft des Bekenntnisses, die von den Konfessionen bis hinunter zu den Hooligans und den Skins, in denen das Bekennen in die Gestalt der Erscheinung selber hereingenommen wird (als Maske, als persona in reinster Form), sich ausbreitet und – wie der Raum die Dinge – alles durchdringt (Erscheinung an sich).
Jesus, der Freund der Zöllner und Dirnen: Sind nicht die Dirnen das Kirchenvolk, und beziehen sich nicht darauf die Sätze: Gehe hin und sündige fortan nicht mehr, und: Ihr wird viel vergeben werden, denn sie hat viel geliebt. Aber wer sind die Zöllner (Matthäus/Levi war ein Zöllner)?
Der Streit um die Gesamtschule vor fünfzehn Jahren war ein Ersatzkrieg um die unaufgearbeitete Vergangenheit.
Handelt es sich in dem „super hanc petram“ um ein räumliches oder um ein instrumentales „super“?
Sind nicht die Prä- und Suffixe im Deutschen eine Folge der Weichheit, der Nachgiebigkeit dieser Sprache, ihrer Charakterlosigkeit, und das Produkt ihrer allerengsten Anpassung, ihrer Fähigkeit, sich an die vom Inertialsystem beherrschte Vorstellungskraft anzuschmiegen?
Das Inertialsystem leugnet das Licht und mit ihm das Angesicht; es überzieht die sinnliche Welt mit einem Grauschleier, der nicht mehr abzuwaschen ist; das erzeugt den paranoiden (auch dem Antisemitismus und der Fremdenfeindschaft zugrunde liegenden) Reinheitstrieb.
Sind die Prä- und Suffixe die Bazillen und Viren der vom Inertialsystem beherrschten (und ihrer benennenden Kraft beraubten) Sprache?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem durch Prä- und Suffixe gebildeten Sprachleib der indogermanischen Sprachen und der sumerischen („agglutinierenden“) Sprache? Und unterscheiden sich die semitischen Sprachen u.a. dadurch von den indogermanischen, daß sie weitgehend auf die Nutzung von Prä- und Suffixen verzichten (dreikonsonantischer Wortstamm)? Sind die Prä- und Suffixe (und die damit zusammenhängende Durchorganisation der flektierenden Sprachen) Ausdruck der Herrschaft der Subjektivität in der Sprache, des Herrendenkens (Ursprung und Ausbreitung der Neutra und Rückwirkung der Neutra auf die Gesamtstruktur der Sprache)?
Die subjektiven Formen der Anschauung als Medien der Intersubjektivität sind die entfremdeten, der Reflexion entzogenen und somit blind herrschenden Repräsentanten der Gesellschaft im Subjekt.
Das „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ist die Aufforderung zur Reflexion der in den Formen der Anschauung neutralisierten und verdinglichten Generationsbeziehungen (zu den Topoi der Lehre vom Antichrist gehört auch der vom unlösbar gewordenen Generationenkonflikt, der u.a. in der Ökonomie, in den Naturwissenschaften, dann aber auch im Natur- und Weltbegriff sich neutralisiert, jedoch nicht gelöst wird).
Der Familienmythos und die Familienbande konstituieren sich mit der Unterdrückung des Generationenkonflikts, der dann extern, als Arbeitswut oder als gesellschaftlicher Konflikt, ausgetragen werden muß. Der präziseste Ausdruck des Scheins der Unlösbarkeit dieses Konflikts in der Struktur des Subjekts sind die subjektiven Formen der Anschauung.
Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären: Dieser Fluch gründet nicht in der bösen Tat, sondern im Rechtfertigungszwang, in den die böse Tat den Täter versetzt; und er gilt nicht nur fürs einzelne Subjekt, sondern auch für „Gesamtpersonen“ im Sinne Schelers (für Deutsche und für Christen).
Die Lösung des siebten Siegels ist die Lösung des Knotens der Zeit: der Ambivalenz von Ruhe und Bewegung (Begriff und Verb). Der Kelch als Zornes- und Taumelkelch rührt an diese Kehrseite des Sabbats, der Kehrseite der Idee der ewigen Ruhe.
Ist die Fundamentalontologie das siebte Siegel (vor dessen Lösung die sechs anderen Siegel zu lösen sind)? -
16.01.93
Ein Haus hat nur vier Wände, nicht wie eine Kiste sechs, dazu den Fußboden und die Decke, das Dach. Die oberen und unteren Flächengrenzen (der Boden und das Dach) sind durch ihre objektive Beziehung zur Schwere, die auf sie von außen auftrifft, von den seitlichen, zur Richtung der Schwerkraft parallelen Begrenzungen des Hauses eindeutig zu unterscheiden.
Erst ein Denken, das aus dem Bann der Herrschaft heraustritt: Herrschaftskritik in sich mit aufnimmt, eröffnet auch den Himmel wieder. Erst die vollständige Umkehr sieht den Himmel offen.
Der mathematische Raum subsumiert alles, auch die obere Welt, unter die Vergangenheit. Deshalb ist dort kein Himmel, an dem nichts vergangen ist, sondern, in den Bildern der Herrschaftsmetaphorik, nur das Subjekt, das den Himmel usurpiert und als dessen subjektive Form der Anschauung der mathematische Raum sich konstituiert.
Die transzendentale Logik Kants hat durch die subjektiven Formen der Anschauung das Moment der Tätigkeit aus dem Urteil (durch Verdinglichung des Verbs zum Prädikat, zum Begriff) herausgenommen und in den subjektiven Akt des Urteils, ins Urteilen, verlegt (zurückgenommen): Sie hat das Urteilen selbst als (die Objektivität verändernde) Tätigkeit, die Theorie als Moment der Praxis, begriffen. Deshalb heißt das Subjekt Subjekt, hat es eine Bezeichnung angenommen, die vordem dem Subjekt im Urteil zukam. Das Subjekt des Urteils wurde durchs Objekt ersetzt (durch das Produkt der objektivierenden Tätigkeit des Urteilenden). Hier wurde das erkennende Urteil durchs richtende, der intellectus durch den Verstand ersetzt. Ziel war nicht mehr die adaequatio intellectus et rei, sondern die Übereinstimmung des Begriffs mit dem Gegenstand, die apriori hergestellt war: Konsequenz des auf die Logik übergreifenden Trägheitsprinzips. So hat das Inertialsystem auch die Philosophie ergriffen und verändert: Die Geschichte der Objektivierung der Dinge war die Geschichte ihrer Subjektivierung.
Die kantischen synthetischen Urteile apriori sind Produkt der Herrschaft des Trägheitsprinzips übers Urteil. Durchs Trägheitsprinzip wird das Subjekt als Objekt in die Form des Urteils mit hereingenommen. das Urteil selber neutralisiert und die benennende Kraft der Sprache zerstört.
Begriff und Trägheitsprinzip: Die Austreibung der Tätigkeit (des Subjekts) aus dem Urteil (in der Konsequenz der Logik des Begriffs und der bewußtlosen Rezeption des Trägheitsprinzips) vollendet sich in der Hypostasierung der Kopula: in der Ontologie. Eine Zwischenstufe war die Umwandlung der Moral, die durch die Wertphilosophie aus einem Element der Selbstverständigung und einer Anleitung zum Handeln zu einem Objekt des passiven Zuschauens gemacht und in eine Urteilslehre transformiert wurde. So ergreift das dem Zuschauen und Urteilen korrespondierende Trägheitsprinzip alles, was in den Bannkreis des Objektivierungsprozesses hereingerät (Modell Fernsehen).
Stephanus sah den Himmel offen, während Paulus nur in den dritten Himmel entrückt wurde.
Nicht die naturwissenschaftliche Aufklärung, die selbst nur eine andere Gestalt des Mythos ist, sondern die Offenbarung ist das Maß, an dem der Mythos gemessen werden muß.
Die Gründe, aus denen Theologen glauben, den Nachweis führen zu müssen, daß mit dem Weltbegriff im Johannes-Evangelium nicht der Kosmos gemeint sei, sind ein Teil jenes Argumentationszusammenhangs, durch den sich die Theologie um Kopf und Kragen geredet hat.
Die Neutralisierung von Himmel und Erde zur Welt ist die Erbsünde der Theologie.
Die Geschichte des Gottesbegriffs unterm Nominalismus ist der Beweis dafür, was aus der Gottesidee zwangsläufig wird, wenn sie mit der Idee verbunden wird, daß Gott die Welt erschaffen habe. Es ist die gleiche Welt, die nach dem Johannes-Evangelium „euch (d.h. jeden, H.H.) haßt“, ihre „Schöpfung“ wäre demnach eine sadistische Handlung Gottes (diese Konsequenz hat die Gnosis gezogen, als sie diesen Gott als Demiurgen erkannte; falsch war nur die Identifizierung dieses Demiurgen mit dem jüdischen Gott: in Wahrheit war er der Staat). Die Lehre von der creatio mundi wäre nur zu halten, wenn der Logos gemäß dem geschichtskritischen Logozentrismus-Konzept als Begriff gefaßt wird, dessen Geschichte in die des Staates verflochten ist. Dieser Gott wäre der Feind des Heiligen Geistes. Darauf, so scheint mir, ist der Satz zu beziehen, daß die Sünde wider den Heiligen Geist die einzige ist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird (Hinweis auf die Bedeutung der Sündenvergebung im Evangelium, die Dämonenaustreibung und deren Zusammenhang mit der Übernahme der Sünden der Welt). Aber ist dann nicht diese Theologie insgesamt ein Teil der Sünde wider den Heiligen Geist? Bewegt sich diese Theologie nicht in dem gleichen Zirkel des Selbstwiderspruchs, der durch das „ja aber“ und durch kühne apologetische Konstruktionen immer weniger zu bewältigen ist? Das Netz, in das sich die Theologie verstrickt hat, wird immer enger, die Erstickungsängste werden immer akuter.
Der Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ bezieht sich auf die (damals) zukünftigen Generationen: wir sind sein Objekt und unser Leben ist Produkt der (von uns) verratenen Zukunft.
Am Zustand der Sprache ist der Stand der Dinge zu ermessen; nach ihrem Tod und Begräbnis (wo war Lazarus begraben?) ist die Sprache in Verwesung übergegangen, und von ihr gilt das Wort „Herr, sie riecht schon“.
Ist nicht die Schöpfungsgeschichte, das Sechs-Tage-Werk, die Geschichte der Bildung des Antlitzes als Seines Ebenbildes: und liegt nicht hier der Grund des Sabbat, ist sein Grund nicht im Werk des ersten Tages, im Licht, gelegt worden? Vor diesem Hintergrund gewinnen das Öffnen der Augen (der Erkenntnis der Nacktheit) nach dem Sündenfall und das Senken des Blicks nach dem Brudermord beim Kain (mit dem Hinweis auf das Lauern der Sünde als Dämon an der Tür) ihre wirkliche Bedeutung. Ist nicht das auf die Kirche bezogene Wort von den Pforten der Hölle, die sie nicht überwältigen werden, ein Echo des Lauerns des Dämons an der Tür?
Die Geschichte der Beziehung von civitas dei und civitas terrena (und d.h. die Geschichte der Kirche) wäre an den beiden Gestalten des Henoch zu demonstrieren. Von Adam her gezählt ist der kainitische Henoch der dritte (Tag des Hervorgehens der Pflanzen und Bäume: des „organischen Lebens“, seiner Selbstinstrumentalisierung), der setische Henoch der siebente in der Geschlechterfolge (an welchem Tag Gott ruhte von all seiner Mühe). Hat die Umkehr der Reihenfolge der drei auf Kain/Kenan folgenden Generationen etwas mit der Beziehung von Abel und Set, mit Set als Abel redivivus, zu tun?
Der schlimme Satz von dem guten Gewissen, das in Deutschland als sanftes Ruhekissen gilt: Ich befürchte, die KZ-Schergen haben gut schlafen können, weil sie unfähig waren, die Leiden ihrer Opfer auch nur in Gedanken nachzuvollziehen. Jedes gute Gewissen hat etwas von dieser Unfähigkeit, ist in sich selber pathologisch, Produkt der Selbstexkulpation und Reflex der falsch „entsühnten“ Welt. Es entspringt aus der Verdrängung der Gottesfurcht.
Merkwürdig am Christentum sind seine Ursprünge in der Provinz: in Galiläa, Nordafrika, Irland und heute in Südamerika.
Die Geschichte kann nur dann zum „große(n) Becken, in welchem der Mensch von aller Schuld reingewaschen wird“ (Rosenzweig: Hegel und der Staat, S. 97) werden, wenn sie Naturgeschichte ist. Und als solche hat Marx die Hegelsche Weltgeschichte dann auch entschlüsselt.
Wenn Benjamin (in der Einbahnstraße) schreibt, daß die entscheidenden Schläge heute mit der linken Hand geführt werden, hat das etwas mit den „linkshändigen Benjaminiten“ im Buch der Richter zu tun? -
13.01.93
In der Geschichte von drei Leugnungen repräsentieren die „Um-stehenden“ die Welt.
Die Weltgeschichte des Christentums ist die Geschichte der Selbstinstrumentalisierung. So ist das Christentum zum steinernen Herzen der Welt geworden. Das Christentum ist nicht Urheber der Greuel, die in seinem Namen begangen wurden, aber es muß diese Greuel sich zurechnen lassen. Wenn Karlheinz Deschner (zuerst in „Und abermals krähte der Hahn“, dann aber vor allem in seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“) das Christentum zum Urheber dieser Dinge macht (so als wäre das Ganze nicht passiert, wenn es das Christentum nicht gegeben hätte), verkennt er das Gewicht des Weltlaufs.
Das Lösen ist die Befreiung der vergangenen, unter der Last der Vergangenheit verschütteten Zukunft (als Antwort auf die fortschreitende Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; Auflösung der Last der Vergangenheit, anstatt sie durch affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs bloß abzuwerfen: Die Welt ist der Inbegriff der Last der Vergangenheit).
Das objektivierende Denken zerstört die Kraft der Identifikation, die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen. Deren Grundlage aber ist die Erinnerungsarbeit (Lots Frau, und das „vos estis sal terrae“: Eröffnung der Zukunft durch den Rückblick, die Rücksicht). -
12.01.93
Bezeichnet der Begriff des Schicksals den Ursprung und das Zentrum des Neutrum (Benveniste, S. 400)?
Sodom, Jericho, Gibea:
– In Sodom bietet Lot seine Töchter an, aber er wird mit seinen Töchtern dadurch gerettet, daß die Engel JHWHs den Mob blenden. Lot, seine Frau und seine Töchter (ohne die Schwiegersöhne) entkommen, Sodom wird zerstört. (Wer ist Lot?)
– In Jericho rettet die Dirne Rahab (hat sie etwas mit dem Meeresungeheuer Rahab zu tun?)die Boten Josues vor dem Mob, indem sie sie unbemerkt entkommen läßt. Jericho wird durch Posaunenschall zerstört, Rahab wird gerettet.
– In Gibea bietet der Levit seine Nebenfrau (aus Bethlehem) an, sie wird zum Opfer des Mobs. Aber das wird zum Anlaß des Rachefeldzugs aller israelische Stämme gegen Benjamin und der Zerstörung Gibeas.
Die früher in Schulen gebräuchliche Disziplinarstrafe: Stell dich in die Ecke und schäme dich, ist wohl nach dem Krieg aus dem Gebrauch gekommen. Hängt das mit dem falschen Ergebnis der Kollektivschuld-Diskussion (der „Kollektivscham“) zusammen?
Kommen Wotan und Odin aus der gleichen Sprachwurzel, aus der auch odium, Haß, kommt? Und sind nicht Haß und Wut Komplementärformen, deren Zusammenschluß (Verkörperung) in der objektlosen Angst sich wiederfindet?
Wie stehen Haß und Wut zu Macht und Ohnmacht?
Haben die Befreiungskriege nicht Wotans Heer zitiert: Das war Lützows wilde, verwegene Jagd.
Ist nicht das Dogma ein Anästhetikum: gehört nicht zur Konstruktion des Dogmas (zur Logik des Bekenntnisses) eine narkotisierende Wirkung? Folge der „verandernden Kraft des Seins“, der Ontologisierung.
War Paulus nicht der erste Konvertit, und gibt es eine Konversion ohne einen Rest von Ressentiment? Und: Wie verhält sich die Konversion (als bloßer Wechsel des Bekenntnisses) zur Umkehr?
Zum Begriff des Neutrum: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.
Die Kopenhagener Schule: Ist das nicht der ebenso ungeheuerliche wie entsetzliche Versuch, aus den Todeszuckungen die Anfänge des Lebens herauslesen zu wollen?
Ist nicht der christliche Antijudaismus gerade jener Paranoia verfallen, die Jesus selber mit dem „Herr vergib ihnen“ auch als Opfer noch hat vermeiden wollen?
Johannes wurde von Herodes geköpft, Jesus von Pilatus gekreuzigt und Stephanus von Saulus gesteinigt. Johannes ist der Rufer in der Wüste, der hinweist auf das Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt; Stephanus sah den Himmel offen und Jesus zur Rechten Gottes sitzen.
Ist das Blut die flüssige, dingliche Scham? Was hat es dann
– mit dem Blut Abels, das zum Himmel schreit,
– dem Verbot, Blut zu essen,
– mit dem Blutvergießen (dem Mord- und Tötungsverbot),
– der seit zwölf Jahren blutflüssigen Frau, die durch die Berührung seines Gewandes geheilt wird,
– mit dem „Dies ist mein Blut, … trinket alle davon“,
– mit der (von Sünden) reinigenden Kraft des Blutes
auf sich? Und wie hängt der Blutkreislauf mit dem Kreisen der Planeten zusammen (das kreisende Flammenschwert mit dem Verbot, Blut zu vergießen), mit der Beziehung des Blutes zu den Blättern der Pflanzen (das Innen bei Tieren entspricht dem Außen bei Pflanzen: rot und grün; Chlorophyll: Beziehung zum Licht, wie die Scham, in der der irdische Ursprung des Lebens in seinen Anfang zurückkehrt)?
Hi 1618: Erde, decke mein Blut nicht zu, und für meinen Klageschrei sei kein Ruheplatz da.
Ps 913: Denn der dem vergossenen Blut nachforscht, hat ihrer gedacht; er hat das Schreien der Elenden nicht vergessen.
Joel 34: Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare. (Vgl. Off 612)
Kain ist „verflucht vom Ackerboden hinweg“, denn das Blut Abels „schreit vom Ackerboden her“ (Gen 411, vgl. auch Hi 1618), und der Acker, den die Hohepriester für das „Blutgeld“ des Judas kauften, heißt seit dem „Blutacker“ (Mt 278).
Eph 213: Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden.
Ebd. 612: Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister der Bosheit in der Himmelswelt.
Ist nicht jetzt die Zeit des Endes aller Symbole und des Beginns der Erkenntnis gekommen? -
11.01.93
Urteil (lat. iudicium): wie heißt das Urteil (im Recht und in der Logik) im Griechischen? Grundlage des Urteilsspruchs ist der Zeuge oder der Eid (der Gott zum Zeugen nimmt; in der Bibel muß der Schwörende seine Hand an die Lende dessen legen, vor dem der Schwur abgelegt wurde, berührt): Wie verhalten sich Zeugenschaft und Schwur zum Raum? Ist der Raum nicht die anonymisierte Zeugenschaft aller (Medium der Vergesellschaftung) und ist die Ausdehnung des Raumes nicht ein Produkt des automatisierten Fortzeugens (mit der Orthogonalität als Grund und Zentrum der Automatik): die Indifferenz von Tätigkeit und Statik (dynamischer und mathematischer Qualität: Trennung und Begründung von Objekt und Begriff, Natur und Welt)?
Der Objektbegriff und die Verführung durch Herrschaft verändert die Sprache. Herrschaft gründet in dem Recht zu töten, das über die Raumvorstellung vergesellschaftet wird; so dringt das Gewaltmonopol des Staates in die Sprache ein (wie der Raum in die Zeitvorstellung und in den Begriff der Materie). Darin liegt der naturgeschichtliche Grund der Naturwissenschaften und des Kapitalismus, den sie selber wiederum instrumentalisieren.
Das Sein ist das unkenntlich gemachte Gewaltmonopol des Staates.
Zu Kafkas Geschichte vom Schauspieldirektor, der eine Premiere, die Inszenierung eines neuen Stückes, vorbereitet. Das Bild wäre noch zu verschärfen: Nach dem Selbstverständnis der Prophetie beginnt die Umkehr im Mutterleib.
Zu den fatalen Ergebnissen der Kollektivschuld-Diskussion nach dem Krieg gehört es, daß die Aufarbeitung der Schuld, die Erinnerungsarbeit, durchs Schambekenntnis ersetzt wurde. So hat man sich nur durch die Scham überschwemmen lassen, damit aber genau jene Verdrängungsarbeit unterstützt, die die Aufarbeitung heute fast unmöglich macht. Die nachfolgende Politik mußte eine Feigenblatt-Politik sein (und darin ist Kohl Meister). Die Aufforderung zur Scham hält ihr Objekt infantil (während die Schuldverarbeitung es erwachsen werden läßt). War vielleicht die Benennung der Tiere durch Adam eine Aufforderung zur Scham: So ist ihnen das Fell gewachsen? Das Unverschämte (des Begriffs, der Welt) und das Schamlose (des Objekts, der Natur) sind Zwangsfolgen der falschen Verarbeitung der Scham. Nicht Scham, sondern Umkehr: Der kosmische Ausdruck der Scham ist die Materie.
Ist die Frage Kains „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ mehr als eine rhetorische Fangfrage? Weist die Frage nicht darauf hin, daß er „es nicht war“, daß es etwas in ihm war (vor dem er vielleicht dann doch seinen Bruder hätte behüten sollen), und bezieht sich darauf das Wort Gottes vor der Tat: „Wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon“. Diese „Sünde als Dämon“ ist die „Sünde der Welt“ aus Joh 129. Die Sünde an der Tür und das, was in Kain als Es den Abel erschlug und den Mord beging, war der Ursprung der Welt. Und diese Welt ist in der Tat „aus Nichts“ erschaffen, aber auch nicht von Gott.
Ist das Benennen (in der Schrift) wirklich etwas so Harmloses: die Benennung der Tiere durch Adam, aber auch schon davor die Benennung des Lichts und der Finsternis, auch die der Feste, die die Wasser scheidet? Die Söhne werden in der Regel von den Müttern benannt (und von den Vätern als gegeben hingenommen). Gibt es außer bei der Geburt des Johannes (wo der Zacharias durch Bestätigung des Namens die Sprache wiedergewinnt) noch andere Ausnahmen (wie ist das bei den Kindern der Propheten)?
Bezieht sich nicht auch der Titel „Erstgeborener“ auf die Mutter, deren Mutterschoß der Erstgeborene eröffnet, nur Jesus ist der „Erstgeborene des Vaters“?
Wäre nicht zu den etymologischen Forschungen (Benvenistes und anderer) darauf hinzuweisen, daß auch das Bedeuten und Bezeichnen in die grammatischen Strukturen der Sprache eingebunden ist. Wie unterscheiden sich Bedeuten und Benennen? Bezeichnen nicht das Deuten und Bedeuten den Indifferenzpunkt zweier gegeneinander gerichteter oder zueinander inverser Tendenzen, nämlich einer expressiven und einer deiktischen Tendenz. Wie verhält sich das zu der bemerkenswerten Zweideutigkeit, die im Deutschen den Sinnbegriff kennzeichnet?
Das Christentum hat die Umkehr bis heute nicht begriffen, statt dessen kennt es wohl Bekehrungen. Drückt nicht das Affix be- ein projektives Element aus, die falsche, veranderte Umkehr: die im andern reflektierte und verdinglichte Umkehr?
Entspringen die indogermanischen Sprachen mit der Bildung des Neutrum, mit der Nutzung seiner exkulpativen, herrschaftssichernden Gewalt? Und waren die ersten Neutra nicht herrschaftssichernde Kategorien (Emanationen der Schlange)?
Ist das Futur II Produkt der Instrumentalisierung des kreisenden Flammenschwerts? Hängt sein Ursprung zusammen mit dem Sternendienst? Und ist das, was durch dieses kreisende Flammenschwert abgetrennt (weltlich konstituiert) wird, in den astrologischen Bedeutungen der Planeten (im antiken Sinne) genauer bezeichnet? Und wurde dieser Knoten nicht durchschlagen durch einen Akt, in dem das heliozentrische System begründet wurde? Wie hängt die Heliozentrik mit der Geschichte der Großreiche, mit Alexander und dem Cäsarenwesen zusammen, oder auch mit dem Begriff des „Reichs“?
Ist die Physik die Finsternis über dem Abgrund? Und wäre nicht die Theologie über den nächsten Satz, den Geist Gottes über den Wassern, zu begründen? Oder genauer: verhalten sich Finsternis und Abgrund zum Geist Gottes und den Wassern wie Philosophie und Begriff zur Prophetie und zum Namen? Hat der Sündenfall nicht nur den Abgrund eröffnet, und den Menschen die begrenzte Befugnis, sich der Mächte des Abgrunds zu bedienen?
Die jüdische Tradition kennt den Brudermord; ist nicht der Vatermord ein bis heute unaufgeklärtes und unbegriffenes mythisches und christliches Erbe (im Ursprung des Weltbegriffs), und bezieht sich darauf nicht der Freudsche Mythos von der Urhorde?
Die Tiere wurden benannt, der Gottesname soll geheiligt werden: Ist die Heiligung des Gottesnamens nicht die Antwort auf die Opferung des Gottesnamens (seine Verbergung hinter dem Namen des Vaters), und ist bisher nur diese Opferung Gegenstand der christlichen Tradition? Drückt diese Opferung sich im Bilde vom Sitzen zur Rechten des Vaters (der Bindung der Rechten des Vaters, die nach Paulus zeitlich begrenzt ist: bis Ihm alles unterworfen ist) aus?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie