Beim Augustinus ist nicht nur der Teufel, sondern auch die Frau allegorisch (Genesis II, S. 217ff). Zusammenhang von Allegorie und „Eigentlichkeit“ (i.e. „Wörtlichkeit“) s. S. 223. Ist die Allegorie Produkt der Trennung von Tatsachenfeststellung und prophetischer Bedeutung der Texte (bis hinein in den Fundamentalismus christlicher Kreise heute)?
Ist die „Eigentlichkeit“ (das „Vorlaufen in den Tod“) nicht die Übersetzung des Futur II ins Existentielle (und war sie nicht seit den Anfängen der christlichen Theologie und zusammen mit der Ursprungsgeschichte der Sexualmoral, sowie der Teufels- und Höllenvorstellung, der Grund der Allegorie)?
Prophetische (typologische) Bedeutung der Verführungsgeschichte Jesu (nach den 40 Tagen in der Wüste) für die Geschichte der Kirche. Ist die „Selbstverfluchung“ nicht eine reale Konsequenz aus der Geschichte der Allegorie (aus ihrer Bedeutung für die Geschichte der Theologie)?
Verhalten sich Gravitation und Licht invers zueinander (wie Barbaren und Hebräer)?
Das Buch Hiob ist keine Theodizee, sondern ein Kommentar zum Schöpfungsbericht. Die Freunde Hiobs werden deshalb am Ende verurteilt, weil sie die Partei des Anklägers ergreifen, sich mit dem Ankläger identifizieren. Ist nicht unsere Theologie weithin eine Theologie der Freunde Hiobs? Haben wir überhaupt begriffen, wer Hiob ist?
Der Ankläger ist das Subjekt der Weltgeschichte; er ist Subjekt als Ankläger und Richter im historischen Prozeß (als Sieger, als der, der im Streit gewinnt und überlebt: der auf der Seite des Urteils steht, des Seins).
Sprache
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02.06.92
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27.05.92
Zweideutigkeiten:
– Das „An-Gott-Glauben“ kann sowohl heißen, daß man glaubt, daß ER Gott ist, daß es ihn gibt, als auch: daß man IHM glaubt (seinen Verheißungen).
– Creatio ex nihilo: Wird entweder verstanden als Ursprung der Materie (die Gott aus dem Nichts erschaffen habe, die aber zugleich Ausdruck des Nichtseins ist) oder als Erschaffung aus dem Nichts, das die Materie (als Teil des Schuldzusammenhangs der Welt) ist; und der Logos als Reflexion dieser Sünde der Welt : jener Reflexion, in der am Ende der Schein der Materie sich auflöst.
Das „factorem coeli et terrae“ im Credo schließt an an den Anfang des zweiten Schöpfungsberichts; nach dem ersten müßte es heißen „creatorem“.
Steckt nicht in dem Satz des Thales „Alles ist Wasser“ ein Hinweis auf die Beziehung der Philosophie zu den großen Seetieren? Danach aber wäre es nicht möglich, den intellectus agens als den heiligen Geist zu verstehen.
Die Übersetzung, wonach Jesus die Schuld der „hinweg“, nicht auf sich genommen hat, bezeichnet genau den Sündenfall der christlichen Theologie. Hier ist die Kirche zum Wolf im Schafspelz geworden.
Das Konzept des großen Genesis-Kommentars des Augustinus: keine prophetischen Rätsel lösen, dafür genau die Tatsachen feststellen und bestimmen, hängt mit der Grundstruktur der augustinischen Theologie zusammen, die ihr Objekt unterm Primat der Vergangenheit anschaut und Zukunft nur als Fluchtweg der vergeistigten Selbsterhaltung (gleichsam als private Rettung, nicht als Rettung der Welt) kennt. Er verwechselt die Gottesfurcht mit der hündischen Demutshaltung. – Zusammenhang mit dem Ursprung der christlichen Sexualmoral: Hier ragt die Bindung ans Vergangene, die die Theologie verhext, ins Subjekt, in seine Biologie herein.
Die augustinische Unterscheidung zwischen dem prophetischen und dem tatsächlichen Inhalt der Genesis verfehlt die Schrift in einer für die gesamte christliche Theologie danach paradigamtische Weise. Und zwar auf die gleiche Weise, die auch die Erinnerung an Maria Magdalena so entsetzlich verfälscht hat. Grund ist ein grammatisches Vorurteil, die Installation des Futur und damit des hypostasierenden Denkens in der Sprache: die grammatische Grundlage der Schicksalsidee (des Mythos) und der Philosophie.
Die Übernahme der Sünde der Welt schließt heute die Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs mit ein: Herrschafts- und Wissenschaftskritik, Kritik des Herrendenkens.
Die Rezeption des Herrendenkens in der Vätertheologie war keine Sache der bloßen Gesinnung: selbst die kirchliche Judenfeindschaft, die Konfliktunfähigkeit in der Auseinandersetzung mit den Häresien und die Frauenfeindschaft stehen in systematischem Zusammenhang mit der Unfähigkeit zur Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, dem sie angehören.
Hätte Augustinus den Zusammenhang des Begriffs littera mit den paulinischen stoicheia, den „Elementen“, begriffen, wäre die Unterscheidung von prophetischem und tatsächlichem Gehalt undenkbar gewesen.
Das Fehlen der Futurbildungen in der hebräischen Sprache rückt die Vergangenheit in eine Beziehung zur Zukunft, die die Unterscheidung zwischen prophetischer und tatsächlicher Bedeutung eines Textes ausschließt: Hier hält die Grammatik auch die Vergangenheit für die Zukunft offen; und die Verheißungen sind mit der unabgegoltenen Vergangenheit verknüpft. Erst die griechische Sprache schließt mit der Futurbildung (insbesondere mit der Struktur einer zukünftigen Vergangenheit, des „es wird gewesen sein“) die Vergangenheit ab, macht sie zu etwas Erledigtem, Unauflösbarem, zu dem wir uns nur als Zuschauer verhalten, der gegenüber wir uns, um unserer Freiheit willen, entsolidarisiern müssen, die wir überwinden müssen. Seitdem stehen die Sieger auf den Leichenbergen. Enthält die griechische Sprache nicht schon das Inertialsystem in nuce?
Genitivus subjektivus und objektivus bezeichnen Eigentums- und Herrschaftsbeziehungen als Reflexionsbeziehungen:
– der Herr des Sklaven und der Sklave des Herrn,
– der Eigentümer des Hauses und das Haus des Eigentümers.
Ist das Adelsprädikat eine Vorstufe der Genitivbildungen?
Wenn Augustinus das Zeugen von Sühnen aus der Schuldbeziehung (aus der Erbschuld) herausnimmt: drückt sich darin nicht auch diese Funktion der Trinitätslehre und des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre aus, daß sie eben dieses Zeugen des Sohnes durch Vergöttlichung exkulpiert.
Was bedeutet es, wenn Jeremias Ägypten den Eisenschmelzofen nennt, und wie bezeichnet er Babylon? Wie hängt das damit zusammen, daß er in der Vorgeschichte der babylonischen Gefangenschaft die Partei Babylons ergreift?
Stand nicht der gesamte Expressionismus im Konjunktiv? Und ist das Verschwinden des Konjunktivs nicht Ausdruck des Verschwindens der Hoffnung (bis hinein in raf-Texte)? Das Blochsche Prinzip Hoffnung ist eine zwangsläufige Konsequenz der expressionistischen Anfänge Blochs. Dagegen treibt die Ontologie den Menschen das Wünschen aus; sie macht die Menschen, indem sie die Geschichte ins Ereignishafte, Schicksalshafte (in die „Geschichtlichkeit“) zurückstaut, zu bloßen Objekten. Nicht Anderes drückt sich im heideggerschen Begriff des „Daseins“ aus. Der deiktische Gestus im Da des Daseins ist subjektlos (wie das Grinsen der Katze, das im Raum bleibt, wenn die Katze verschwindet). Deshalb gehört zum Dasein die Geworfenheit ins Da. In diesem Da drückt sich genau das aus (und wird auf die Spitze getrieben), was Rosenzweig die verandernde Kraft des Seins genannt hat. – Das Dasein ist Produkt der Identifikation mit der annihilierenden Gewalt des Seins.
Die heideggersche Geschichtlichkeit ist der endgültige, der abschließende Ausdruck der Verleugnung der Prophetie durch den historischen Objektivitationsprozeß (Heidegger als katholischer Wellhausen).
Zur Identität von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Das Eigentliche Heideggers hat eine ähnliche Bedeutungsstruktur wie das Grundsätzliche der Juristen: Es bezeichnet „eigentlich“ die Verneinung des Gemeinten. Wie das „grundsätzlich“ bezeichnet es ein Sollen, das nicht erfüllt werden muß; es schließt die Ausnahme vom Grundsätzlichen als Regel mit ein.
Taucht nicht dieser heideggersche Sprachgestus der antwortlosen, der „rhetorischen“ Fragen erstmals beim Rhetoriker Augustinus auf? (Heidegger als Verkörperung der dritten Gestalt der Verleugnung: der Selbstverfluchung, und Augustinus die der ersten Gestalt?)
Augustinus‘ Genesis-Kommentar, drittes Buch, sechstes Kapitel: „Der Verfasser (der Bibel, H.H.) wußte genau um das Wesen der Elemente und ihre Ordnungen, als er die Geschichte der Schöpfung der sichtbaren Dinge einleitete …“ (S. 80) Es ist der gleiche apologetische Gestus, der glaubt nachweisen zu müssen, daß der Prophet genau so klug war wie die Philosophen (oder das zeitgenössische unreflektierte Bewußtsein, das es immer besser weiß), der dann in die Falle der Unterstellung gerät und nicht mehr herauskommt. Hier klingt erstmals die allbekannte Lehrerfrage an „Was wollte der Dichter damit sagen?“
Haben die biblischen Abgründe etwas mit dem Gravitationsfeld zu tun, und was entspricht dem in der Sprache, die das Inertialsystem antizipiert? -
25.05.92
Die augustinische Gnadenlehre ist (durch ihr Verständnis des Bekenntnisbegriffs) die Grundlage der Confessiones (Flasch, S. 109).
Die augustinische Gnadenlehre, oder die instrumentalisierte Gottesfurcht und der Terror.
Die Rhetorik reicht von der forensischen Sphäre der Konfliktbearbeitung (Anklage und Verteidigung) bis hin zum Aufschwätzen in Politik und Geschäft (public relation).
Die Vätertheologie insgesamt und an ihrem Ende auch Augustinus ist zum Opfer ihrer Opfertheologie geworden, die paradoxerweise der Preis war für die Rezeption der Philosophie.
Die augustinische Gnadenlehre ist das erschütternde Denkmal seiner Auseinandersetzung mit dem philosophischen Prinzip: der mißlungenen Kritik des Herrendenkens.
Hängen „gesinnt“ und „gesonnen“ mit „Sinn“ und „Sonne“ zusammen (nationalgesinnt und wohlgesonnen)? Dann wäre hieraus ableitbar, daß jede Sinnsuche blasphemisch ist.
Die Vorstellung des unendlichen Raumes verschließt die Dinge gegen die Einsicht, gegen den „intellectus“. So war in der aristotelischen Tradition des Mittelalters der intellectus agens in der Mondsphäre angesiedelt: d.h. außerhalb des subjektiven Verstandes (Konnotation der Gnadenlehre). In der augustinischen Philosophie hängt der intellectus als Erfüllung des Glaubens mit der Gnadenlehre zusammen.
Die Themenstellung Freiheit und Gnade bezeichnet genau die Falle, in der Augustinus sich verfangen hat. Im Rahmen dieser Themenstellung (auf der Basis des liberum arbitrium) ist eine Lösung grundsätzlich ausgeschlossen.
Augustinus hat aus dem Sündenfall den Sündenphall gemacht, damit aber sich selbst den Bereich verschlossen, in dem allein sinnvoll von der Erbschuld hätte gesprochen werden können. Er hat an die Stelle der Zunge den Phallus (an die Stelle der Urteilslust die sexuelle Lust) gesetzt. Damit hängt es zusammen, wenn er im Kampf gegen den „bösen Treib“ seine Frau verraten hat. (Aber ist nicht vielleicht doch der Phallus in der Natur, was die Zunge in der Welt ist, und sind vielleicht beide wie Natur und Welt aufeinander bezogen?)
Die Sexualmoral verrät den Logos (und zwar zwangsläufig: indem sie die Idee des Logos an dessen philosophische Parodie, die Übernahme der Sünde der Welt an die Herrschaft der Logik verrät).
Die Kirche hat Jesus, indem sie supponiert, er habe die Sünde der Welt „hinweggenommen“, aufs entsetzlichste belastet und alleingelassen.
Augustinus verfehlt sein Thema, nämlich die Gottesfurcht, die in dem Pauluswort, daß niemand sich rühmen dürfe, drinsteckt und gemeint ist, dadurch, daß er sie unmittelbar per Projektion ableitet auf die Israeliten, d.h. in die kirchliche Judenfeindschaft. Und es ist genau diese verdrängte Gottesfurcht, die dann als Ideologie des Terrors wiederkehrt.
Daß man sich nicht seines Tuns rühmen darf, heißt nicht, daß man nicht für sein Tun verantwortlich ist. Aber dieses Mißverständnis zu vermeiden, scheint Augustinus nicht ganz gelungen zu sein. Seine Gnadenlehre hat schon etwas von jenen Exkulpationsstrategien (Rechtfertigungslehren), die dann daraus abgeleitet worden sind und das Christentum im Kern verhext haben.
Die Realbedeutung der augustinischen Gnadenlehre läßt sich an der Feststellung ermessen, daß jeder, wenn er erwachsen wird, auch für sein Gesicht und für seinen Charakter verantwortlich wird, und daß man eines Tages nicht nur für die eigene Vergangenheit, sondern auch für die, in die man hineingeboren wird, wird Rechenschaft ablegen müssen (was das für den Christen, für den Deutschen und für den Mann heute heißt, bedarf keiner Erläuterung).
In welcher Beziehung steht der intellectus agens zur Vergangenheit? Ist er nicht ein Stück erinnerter Vergangenheit? Und in welcher Beziehung steht er zu der Lehre von der Auferstehung der Toten oder zur Idee des Heiligen Geistes?
Auch die Philosophie, die an der Idee des Guten sich orientiert, steht unter dem Gesetz der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des Sündenfalls.
Omne animal post coitum triste: Ist nicht die Dämonisierung der Lust auch die Dämonisierung der Trauer (der Erinnerung)? Und steckt nicht in jeder Lust – gleichsam als das Salz, als ihre Substanz – die Trauer der vergangenen Erinnerung?
Die Umformung des achten Gebots in das „Du sollst nicht lügen“ ist insoweit dämonisch, als es selber Lüge ist und zur Lüge verurteilt. Hieran läßt sich die paulinische Erkenntnis, daß das Gesetz zur Schuld verurteilt, demonstrieren.
Nochmals zum intellectus agens: War nicht der Ursprung der modernen Naturwissenschaften, das Inertialsystem und dann besonders auch das Gravitationsgesetz, so etwas wie die Durchsetzung eines universalen Erinnerungsverbots (das erstmals durchbrochen wurde durch die Einsteinsche Relativitätstheorie, durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit)?
Für das Christentum war das jüdisch-christliche Schisma der Ursprung des Erinnerungsverbots und der Identifikation mit dem Aggressor: der Rezeption des Weltbegriffs. Durchschnitten wurde die Beziehung des Weltbegriffs zum Schicksal: zur Idolatrie, zum Sternendienst und zum Opferwesen, die Erinnerung seines Ursprungs. Nur diese Erinnerung hätte das Dogma und seinen terroristischen Gebrauch verhindern können. Das Erinnerungsverbot wurde zum Grund der kirchlichen Theologie und der hierarchischen Herrschaftsstrukturen in der Kirche (ihrer Noachidisierung). -
22.05.92
Wird nicht die Theologie des Augustinus erst dann durchsichtig, wenn man sein Konzept aus dem Referenzsystem der bürgerlichen Konkurrenz und Selbsterhaltung herausnimmt und auf das Problem der objektiven Erlösung der Welt bezieht, oder: wenn man die Gottesfurcht mit hereinnimmt, dazu dann allerdings auch den letzten Satz des Buches Jona. Ist nicht die Untersuchung über die Gnadenlehre von 397 ein nur leicht entstellter Traktat über die Gottesfurcht (Ausgangspunkt, daß man sich der Gnade nicht rühmen darf, mit der besonderen Problematik, daß das Thema an einen Bereich rührt, der einer „objektiven“ Darstellung nicht fähig ist)?
Dämonische Züge gewinnt dieses augustinische Konzept aus den Prämissen, die eigentlich erst nach ihm sich durchgesetzt und verstärkt haben: aus dem Gemisch von Ohnmacht, Selbstmitleid, Konsumentenhaltung oder aus dem gleichen Grund, den Adorno einmal so zutreffend beschrieben hat: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben in der Lage ist“. Dieser Habitus der Ohnmacht im Entscheidenden, der zusammenhängt mit der Enttäuschung der Parusieerwartung, die Martin Werner als eine der Ursachen des Dogmatisierungsprozesses nachgewiesen hat. Er rührt her aus der Welterfahrung unter den Prämissen des Römischen Reiches. Zu untersuchen wäre generell, in welcher Gestalt und auf welchen Wegen der Weltbegriff in die Theologie sich einschmuggelt und zu welchen Folgen in der Theologie das geführt hat. Es ist die gleiche Ohnmacht, die im Weltbegriff sich vergegenständlicht und der die gleiche minimale Verschiebung sich verdankt, die dann die christliche Sexualmoral begründet und geformt hat, und zwar im Kontext jenes Problems, das in Begriffen wie iustificatio (Rechtfertigung oder Gerechtmachung?) und confessio (Problem der Bekenntnislogik) sich anzeigt.
Am Ende wäre dann auch noch auf den postapokalyptischen Jonas zu verweisen, insbesondere auf den letzten Satzes des Buches Jona („Wie sollte ich mich nicht erbarmen …“). Und ist nicht in der Tat Jona die Kirche:
– die von Anfang an sich geweigert hat, ihren prophetischen Auftrag an Ninive, „die große Stadt“, anzunehmen,
– die nach Tarschisch fliehen wollte, ins Meer geworfen und vom Fisch gefressen wurde, in dessen Bauch sie ihren Lobgesang anstimmt, wieder ausgespien wird, nach erneutem Auftrag eine Tagesreise nach Ninive hereingeht und dort verkündet: „In vierzig Tagen wird Ninive zerstört“.
Und dann kommt die ganze Nachgeschichte, Gottes Erbarmen und der Hader Jona’s mit Gott, den Gott mit seinem Hinweis auf sein Erbarmen beendet.
Es geht beim Augustinus nicht um die Synthese von Gnade und Freiheit, und wer auf den manifesten Sinn der augustinischen Erörterungen sich einläßt, ist schon verloren.
Sind nicht die Erörterungen des Augustinus in erster Linie Erörterungen zum Problem der Gottesfurcht, und werden sie nicht zwangsläufig mißverstanden, wenn man sie unter dem Stichwort Gnadenlehre liest?
Das Problem des Augustinus scheint mir darin zu liegen, über das Nichtrühmen das „Richtet nicht …“ in die Gnadenlehre hereinzubringen.
Kommt nicht das Problem auch dadurch, daß A. ein typologisches mit einem historischen Problem (oder ein prophetisches mit einem philosophischen) verwechselt?
Die Ethik ist eine Richtschnur des Handelns; zu einem Element der Erkenntnis wird sie in dem Augenblick, in dem sie als Grund des moralischen Urteils nicht mehr verwendbar ist, d.h. wenn sie reflektiert und bewußt aufhört, Wertethik zu sein.
Ich bin zweimal beim Versuch, eine Dissertation zu schreiben, gescheitert:
– das erstemal an Max Schelers Wertethik, deren obszöne und blasphemische Strukturen herauszuarbeiten gewesen wären;
– das zweitemal an einer Arbeit über Hume, an dessen radikalem Empirismus ich die Probleme des kantischen und hegelschen Erkenntnisbegriff noch einmal aufarbeiten wollte (Zusammenhang von Ich-Identität und Dingbegriff).
An beiden bin ich gescheitert.
Hat dieser Begriff des Scheiterns etwas mit dem Scheiterhaufen zu tun? Jedenfalls verdanke ich es Karl Jaspers, wenn ich das Scheitern nicht nur als etwas Negatives erfahren habe, wenngleich ich den gleichen Horror vor der jasperschen Heroisierung des Scheiterns habe. Mir scheint es käme eher darauf an, eine Theorie des Feuers aus dem Begriff des Scheiterns zu entwickeln, in dem Sinne, in dem Franz von Baader einmal die hegelsche Philosophie das Autodafe der bisherigen Philosophie genannt hat.
Die Theorie des Feuers als Entfaltung einer Theorie der rettenden Kritik: Diese Theorie fände sich dann in der Theologie als Lehre vom Heiligen Geist wieder. Eines ihrer ersten Objekte wäre die verdinglichte Feuerlehre der vergangenen Theologie: die Lehre von der Hölle und vom Fegefeuer (vgl. Le Goff)
Erinnerung an Karl Kraus, an „Die letzten Tage der Menschheit“, in denen er das Wiener Cafehaus zugleich als Logenplatz des Weltuntergangs und Produktionsstätte der Phrase, die die Welt in Brand gesetzt hat, vor Augen führt. Dieses Cafehaus definiert letztmals die Grenze von Fegefeuer und Hölle und markiert genau ihren historischen Ort. Und sind nicht „Die letzten Tage der Menschheit“ die Probe aufs Exempel jener Stelle im Jakobusbrief, die von der menschlichen Zunge handelt, und sind diese Zungen nicht wieder ein Exempel für die Feuerzungen im Pfingstereignis der Apostelgeschichte? Dazu das Jesus-Wort „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“.
Die Logik des Schreckens ist die Logik des Bekenntnisbegriffes. Sie hängt zusammen mit der Beziehung von Lachen und Schrecken, und das wäre zu entfalten.
Das Bilderverbot richtet sich gegen die Trägheit des Vorstellens, somit auch gegen die Mathematik: Läßt sich deren Beziehung zur Sprache vielleicht einer Theorie des Feuers bestimmen?
Ursprung und Folgen der Sexualmoral: Verwechseln heut nicht alle den Kampf mit den Windmühlen mit dem Kampf gegen den Drachen? -
21.05.92
Zum Zeichen des Jona: Das Jesus-Wort am Kreuz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ erinnert an die 120000, die „rechts und links nicht unterscheiden“ können, am Ende des Buches Jona. (Vgl. hierzu auch die Paulusstellen über den Zusammenhang von Gesetz und Gericht.)
Ist nicht auch die Psychoanalyse heute in eine Krise geraten, die daher rührt, daß sie ernsthaft und wirksam nur noch weiterbetrieben werden könnte durch eine Kritik der Naturwissenschaften hindurch.
Rätsel der Exodus-Geschichte: Wovon haben die Israeliten während der vierigjährigen Wanderung durch die Wüste gelebt, wovon haben sie sich gekleidet? War es wirklich nur eine Schar entlaufener Sklaven ohne alle materiellen Subsistenzmittel? Was haben sie mit dem den Ägyptern geraubten Gut gemacht? Wie sind sie zu den Waffen gekommen, die sie bei der Landnahme in Israel brauchten? Hatten sie Vieh (Rinder und Schafe) bei ihrem Zug durch die Wüste? Woraus haben sie die Bundeslade hergestellt, hatten sie Zelte? Hatten sie Musikinstrumente (Posaunen vor Jericho)? -Gibt es eine Beziehung der Exodus-Geschichte zum Josefs-Roman?
Kann es sein, daß es einen sachlichen Zusammenhang gibt zwischen den Fällen Rosemarie Radford Ruether und Hinkelammert, daß in beiden Fällen eine Kritik, die an den Kern der dogmatischen Tradition rührt, erstmals nicht als „Kritik von außen“ abgetan werden kann?
Das Angesicht ist eine apokalyptische Kategorie. Vgl. die Stellen mit „Von Angesicht zu Angesicht“.
Was ist der Unterschied zwischen Schauen und Sehen? Was bedeuten die Formen der Anschauung? Was heißt Weltanschauung (und wieso gibt es sie erst seit etwa einem Jahrhundert)? Nicht zu vergessen den Zuschauer. – In welcher Beziehung stehen diese Begriffe zur Anschauung Gottes?
Hängt die Trennung des Festen vom Flüssigen (am dritten Schöpfungstag) mit der von Raum und Zeit (Subjekt und Prädikat, Begriff und Objekt) zusammen?
Zur Konzeption des Inertialsystems waren zwei Absicherungen notwendig:
– der Nachweis der Identität von träger und schwerer Masse (Vorstellung des unendlichen Raumes, Gravitationsgesetz) und
– Nachweis der endlichen Fortpflanzungs- und Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts (Trennung des Raumes vom Licht. physikalische Optik).
Die Trennung der Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments: ist das die Trennung der Zeiten oberhalb und unterhalb des Firmaments (Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen)? Aber ist dann nicht die naturwissenschaftliche Aufklärung gleichsam die Folge und Umkehrung der Sintflut: die Überschwemmung der Himmel mit den Wassern von unten?
Zum Turmbau zu Babel: Ist es JHWH oder sind es die Elohim, die herniederfahren; und ist es der Ursprung der Religion, der die Sprache verwirrt? Und ist dann nicht der Logos das Ende der Religion (die Erlösung von der Religion und von ihrem Grund, dem Schuldzusammenhang)?
Bezeichnet die Phimose einen psychosomatischen oder soziosomatischen Tatbestand?
Hier braucht es Weisheit und Verstand. Ist das nicht identisch mit dem anderen Satz: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben?
Der saturnische Sabbat: Zusammenhang der Ruhe Gottes nach dem Sechstagewerk mit der saturnischen Melancholie? Deshalb schließt die Geschichte von den sieben unreinen Geistern auch den siebten Tag mit ein.
Hängt das Weinen des Petrus mit dem Weinen Esaus (=Edoms?) zusammen?
Das Lachen hängt mit der Befreiung zusammen; aber ebenso wie eine falsche Befreiung (das liberum arbitrium) gibt es auch ein falsches Lachen (den Raum): Lachen als Quelle des Terrors.
Wasser, Zeit, Tod, Schicksal, Mythos: In der Luft ändert sich die Dichte mit der Höhe; sie wird dünner. Die Dichte des Wassers jedoch ändert sich nicht mit der Tiefe (dann würde sich auch das spezifische Gewicht dort ändern, und es würden nicht alle schweren Dinge auf dem Meeresboden liegen). Dort ändert sich nur der (allseitige) Druck. Sind die großen Seetiere in dieser Tiefe angesiedelt? Die festen Körper haben den Druck nur an der Oberfläche, sie transportieren ihn nicht nach innen. Das unterscheidet die Verkörperung von der Verflüssigung (Liquidierung). Mit der Verinnerlichung des Schicksals ist diese Verflüssigung gleichsam ins Innere mit aufgenommen worden: Die Unfähigkeit, Schuld ins eigene Innere mit aufzunehmen, anstatt sie nur auf andere projektiv abzuleiten. Damit hängen die „Übernahme der Sünde der Welt“, das „Liebet eure Feinde“ und das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ zusammen.
Das theologische Mißverständnis des frühen Christentums lag darin, daß es die Verkörperung mit der Verdinglichung verwechselt hat (oder die Prophetie mit der Philosophie).
Die Stärke des Exkulpationstriebs, des Triebs, nur getröstet zu werden, läßt sich messen an der Schuldlast, die auf den Menschen und der Gesellschaft heute lastet. Und diese Schuldlast läßt sich nur noch verdrängen: sie erzeugt die Menschen, die rechts und links nicht mehr unterscheiden können. Der Naturbegriff hat genau diese Funktion, die Verdrängung abzusichern; er bezeichnet den Ort, an dem das Verdrängte unkenntlich gemacht und scheinbar gefahrlos gelagert werden kann. -
20.05.92
Die auf den Ideen des stellvertretenden Sühneleidens, des Opfertodes und der alleinigen Zurechenbarkeit persönlicher Schuld (und der Ausblendung der Erbschuld) beruhende Erlösungslehre hilft nur, Schuldgefühle, nicht reale Schuld zu bearbeiten: m.a.W. sie ist ein Hilfsmittel der Verdrängung und so Grund der (gegen Juden, Ketzer und Frauen) aggressiven Herrschaftsstrukturen, die durchs Christentum begründet, erhalten und stabilisiert werden, und die erst durch Umkehr in Gottesfurcht sich umwandeln.
Das Grundproblem theologischer Erkenntnis ist das ihrer Beziehung zur Schuld: der Fähigkeit zur Reflexion der Beziehung von Schuld und Erkenntnis. Ohne die Schuldreflexion (Grund jeglicher Sprachreflexion) ist der Name des Logos unverständlich, gegenstandslos. -
19.05.92
Die aristotelische Metaphysik ist von der aristotelischen Körperphysik nicht zu trennen, zu der u.a. auch die Lehre vom natürlichen Ort gehört, die dann durch die noesis noeseos, durch das Denken des Denkens, das (über das teleologische Element darin) eins ist mit dem ersten Beweger, direkt in die Metaphysik einmündet. Mit der Kritik und Auflösung der Zweckursachen, mit der Subjektivierung der Teleologie und d.h. mit der Etablierung des Inertialsystems verliert die aristotelische Metaphysik ihre Basis. Das ist vermittelt durch die Theologie, durch die Einführung des Schöpfungsbegriffs in die aristotelische Metaphysik (in die er nicht hineinpaßt). Durch die Idee einer creatio ex nihilo gewinnt zwar der aristotelische Gott Schöpferkraft, gewinnt er seine besondere Art von Allmacht, die ihn dann allerdings (durch die genau hier logisch erzwungene nominalistische Revolution) gleichsam von innen aushöhlt, als Hypostase des Staates erkennbar macht. Nicht Gott, sondern der Staat ist „Schöpfer“ der Welt; und die creation ex nihilo ist ein Deckbegriff der unbegriffenen ökonomischen Funktion des Staates.
Quellpunkte des Systems sind:
– die Geldwirtschaft,
– dann der (aus der Verbindung der philosophischen Gotteslehre mit der theologischen Schöpfungsidee entspringende) theologische Bekenntnisbegriff,
– und am Ende das Inertialsystem (mit dem daraus entspringenden christologischen Naturbegriff).
Die Etablierung des Inertialsystems ist von ähnlicher geschichtsphilosophischer Relevanz und Bedeutung wie der kirchliche Dogmatisierungsprozeß, mit dem sie genetisch, strukturell und logisch zusammenhängt.
Die fürs Inertialsystem konstitutive (systembildende) Beziehung zur Vergangenheit hat ihr Modell und ihr Vorbild in der Beziehung zur Vergangenheit, die bereits den Prozeß der Dogmenbildung bestimmt. Die „Überwindung“ der Vergangenheit (der vergangenen Gestalten der Religion oder der Erkenntnis) ist in beiden Fällen erkauft mit der unkenntnlich gemachten Wiederkehr des Verdrängten.
Das newtonsche Gravitationsgesetz und seine Optik gehören zum Inertialsystem als Stabilisatoren (als Wächter des Orthogonalitätsprinzips) dazu.
„Oh Haupt voll Blut und Wunden …“: das tiefste Symbol des Inertialsystems (eigentlich insgesamt die Passionsgeschichte: mit dem „Warum schlägst du mich?“, der Königsparodie und der Dornenkrone, aber auch unter Einschluß des Unschulds-Händewaschens des Pilatus).
Der Satz Adornos „Ideologie ist Rechtfertigung“ ist im strengen Sinne christologisch, bringt die „Sünde der Welt“ auf den heutigen Erkenntnisstand.
„Wenn die Welt euch haßt …“ Das heißt doch auch: der Haß, den ihr verspüren werdet, wird so subjektlos sein wie die Welt; das ist der Hintergrund und die Grundlage für das Wort am Kreuz: „… denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und dieses Wort scheint heute zum Wesen und zu Signatur der Welt insgesamt zu werden: Wer weiß noch, was er tut? Vgl. hierzu auch das Ende des Buches Jona. Heute verstricken sich alle in Schuld, die es immer noch nicht wissen und sich wohl dabei fühlen. Nochmal: „Wenn die Welt euch haßt …“ Aber wenn der Geist kommt, wird er das Antlitz der Erde erneuern, das hinter diesem Haß der Welt nicht mehr zu erkennen ist.
Drei Bemerkungen zur Kritik der Naturwissenschaft:
– Das Inertialsystem ist das Referenzsystem aller naturwissenschaftlichen Erscheinungen, Begriffe und Gesetze;
– es konstituiert sich durchs Relativitätsprinzip, durch das Gedankenexperiment, das die Orthogonalität aller Strukturen im Inertialsystem (bis hin zur „Trennung“ von Raum, Zeit und Materie); dazu gehören die Formulierung des Gravitationsgesetzes (die Identität von träger und schwerer Masse) und der Grundlagen der Optik (Feststellung der endlichen Lichtgeschwindigkeit);
– mit der Etablierung des Inertialsystems ist die Herrschaftslogik mitgesetzt, als Logik des Zusammenhangs von Objektivation und Instrumentalisierung.
Rosenzweigs Bemerkung zu Schopenhauer und Nietzsche, daß sie als erste die Welt nach ihrem Wert für sie (für Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche) beurteilen, bezeichnet den Punkt, an dem erstmals die Sünde der Welt in die Philosphie hereinragt.
Der Konsensbegriff und die Kommunikationstheorie übersehen, daß die Logik – nach dem Hegelschen Nachweis – ohne ein dezisionistisches Moment nicht zu halten ist; eben deshalb bedarf die Hegelsche Rechtsphilosophie eines Souveräns und seiner Legitimierung durch Geburt. Es gibt in der Tat keine Wahrheit ohne die Idee der Versöhnung.
Bis heute hat die Kirche ihre Hähne immer rechtzeitig geschlachtet.
Ohne Metaphorik verliert die Sprache ihre benennende Kraft; aber die Metaphorik lebt von der Logik der Umkehr. Sie verhält sich zur Identitätslogik wie die Begründung zur Kausalität. Ohne Metaphorik verliert die Sprache mit der benennenden auch die begründende Kraft („Traum der Menschheit, sich von einem Punkt des Raumes zu einem anderen Punkt des Raumes zu bewegen“).
Weltbegriff: historisch, logisch und theologisch. -
12.05.92
Ist das Neue Testament nicht eine ohnmächtig-hilflose Reaktion auf ein Ereignis, das man nicht verstanden hat, und das genau aus diesem Grunde mit Allmachtsphantasien durchsetzt wurde?
Die Gläubigen erfahren die Kirche als eine Institution, die ihre leeren Träume behütet, ihre Abwesenheit, ihr Dösen. Die ihnen die Rechtfertigung dafür liefert, nicht wahrnehmen, nicht hinsehen, nicht erfahren zu müssen, der lästigen Aufmerksamkeit sich entziehen zu können und enthoben zu sein. Die Kirche heute kultiviert mit der Sanktionierung der Selbsterhaltung das moralische Trägheitsprinzip. Das konvergiert mit ihrem Machtinteresse, aber auch mit dem Prinzip der Selbstzerstörung.
Die seit dem Beginn des Dogmatisierungsprozesses in der Kirche sich ausbreitende Theologie hinter dem Rücken Gottes ist Teil einer Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategie.
Zur künstlichen Intelligenz: Die instrumentalisierende Gewalt des Herrendenkens ergreift am Ende das Herrendenken selber; es vertreibt das Denken aus dem Denken.
Begriffliches Denken lebt vom Schein der Neutralisierung der Schuld, Sprachdenken von der Fähigkeit zur Reflexion der Schuld. Der Schein der Neutralisierung der Schuld verdankt sich der projektiven Kraft des Herrendenkens, der Nutzung des Schuldverschubsystems: Ihr laßt den Armen schuldig werden. So gewinnt die Schuld Macht über das Denken, löscht es am Ende aus. Reflexion der Schuld ist die Grundlage der Reflexion der Logik. Was hat es in diesem Zusammenhang zu bedeuten, wenn heute die Kraft der Argumentation schwindet, argumentatives Denken vor der Macht der Verhältnisse kapituliert? Die Depotenzierung des Begründens vertreibt das Denken aus dem Denken (Begriff des Universums, Auswirkung der Verräumlichung, der Vorstellung des unendlichen Raumes). -
11.05.92
Nicht nur die Anpassung, sondern auch die Feindschaft ist eine Form der Identifikation mit dem Aggressor. Bezeichnend die unterschiedliche Beziehung zum Tod: die Anpassung schändet Gräber, die Feindschaft errichtet Mausoleen.
Wie stellt sich der „Stern der Erlösung“ dar, wenn man die ausgeblendeten Dinge mit herein nimmt: beispielsweise den chinesichen Ahnenkult und die indische Totenverbrennung.
Womit handeln die Banken: die Geld- und Kredit-Schöpfung hat wohl tatsächlich etwas mit dem „Schöpfen“ (im Sinne des Gebrauchs einer Schöpfkelle) zu tun; aus dem den Banken zufließenden Einlagen werden die Kredite „geschöpft“. Frage: Hat der theologische Schöpfungsbegriff etwas mit den im Schöpfungsbericht genannten Wassern zu tun? Vgl. damit die unterschiedlichen Schöpfungskonzepte, insbesondere das islamische: die Vorstellung, daß Gott jeden Augenblick die Welt neu erschafft.
Er treibt den Teufel mit Beelzebul aus: Ist damit das Binden in dem Wort vom Binden und Lösen bezeichnet, und mit dem Lösen des Satans in der Apokalypse das Lösen? Zusammenhang mit dem Ursprung des Weltbegriff (als Folgebegriff der Idolatrie)? – Vgl. in der Schrift die Stellen mit dem Teufel, dem Satan, den Dämonen, den Besessenen (nur im NT; im AT, Elberfelder Übersetzung, nur Satan, als Äquivalent für Ankläger, und Dämon, als Äquivalent für Götzen).
Ist nicht die Geschichte vom Bienchen und der Blüte näher am Geheimnis der Sexualität als jene ahnen, die es in der kindlichen Sexualaufklärung verwenden? Werden in den Evolutionstheorien eigentlich auch die symbiotischen Beziehungen (z.B. zwischen Blüten und Insekten) mit erfaßt? Ist nicht die Evolutionstheorie so etwas wie eine Münchhauseniade: ein Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen, in den man sich zuvor selber mutwillig begeben hat? Wichtiger wäre die Rücknahme des projektiven Anteils, der in der Evolutionstheorie steckt (als Projektion dessen in die Vergangenheit, was eigentlich die gegenwärtigen Verhältnisse selber bestimmt, um das Vergangene dann zur Norm der Gegenwart zu machen: Auflösung der doppelten Zwangsreflexion und ihrer Wurzel). Hier ließe sich der Zusammenhang des Scheins der Befreiung, des Entlastenden im modernen Naturbegriff mit dem mysterium iniquitatis im einzelnen darlegen.
Die Geschichte der Physik ist die Geschichte der Gewalt der Schwerkraft über das Licht.
Zur Unterscheidung von erster und zweiter Natur: die erste Natur ist ein Reflex der zweiten.
Vergleich der augustinischen Confessiones mit den Bekenntnissen des Jean-Jaques Rousseau: das augustinische Bekenntnis war auch (neben dem Bekenntnis des Glaubens und in konstitutivem Zusammenhang mit ihm) ein Schuldbekenntnis; der Glaube drückte die Hoffnung auf Versöhnung aus. Gegenstand dieses Bekenntnisses ist ein Schuldbegriff, der auch die Schuld des Säuglings (seine Gier und seine Eifersucht) mit einschließt. Jean-Jaques Rousseau bezieht sich auf den gleichen Schuldbegriff (in seiner Darstellung der inzestuösen Beziehung zur Mutter), neutralisiert ihn aber durch den neuen Naturbegriff. Das Verhalten des Säuglings ist in den Augen Rousseaus „natürlich“, d.h. nicht personal zurechenbar und deshalb schuldfrei. Folgt daraus nicht zwangsläufig der seitdem das zivilisierte Bewußtsein beherrschende „christologische“ Naturbegriff? Mit diesem exkulpierenden, entlastenden Naturbegriff, der vom neuen Begriff der Person und der Persönlichkeit ebenso wenig sich trennen läßt wie von dem neuen Konzept der Naturbeherrschung, ist die Idee einer „Sünde der Welt“ (und ihrer Übernahme durch den Christen) als übermächtige zugleich ebenso gegenstandslos geworden wie die Idee der Schöpfung, die in diesen Naturbegriff mit hereingenommen und so neutralisiert wird. So opfert die Moderne um der eigenen Entlastung willen die Welt; dank der eigebauten Verdrängungsautomatik nehmen wir dieses Opfer (und mit ihm alle Opfer) nicht einmal mehr wahr.
Um diesen Naturbegriff abzusichern, muß Rousseau zwangsläufig ein Konzept der Sprache und Schrift entwickeln, die beide aus dem theologischen Kontext, in dem sie vorher begriffen wurden, herauslöst. Der rousseausche Naturbegriff war darüber hinaus nur zu begründen und zu halten, indem dem griechischen Projektionsmodell der Barbaren ein zweites hinzugefügt wurde: das des Wilden. Dieser neue realprojektive Begriff entspringt aus der Verknüpfung, der Verbindung des Begriffs des Barbaren (als Kollektivname des Fremden) mit dem des Ursprungs (der Natur). Während der Name des Barbaren nur das Anderssein repräsentiert, die Nicht-Griechen, verknüpft der Name des Wilden dieses Anderssein mit der Projektion ins Vergangene (Folge des Inertialsystems!), mit der des Ursprungs. Barbaren und Zivilisierte haben als gemeinsame historische Vorstufe die Wilden, die in den Völkern der Dritten Welt zugleich präsent sind. Kann es sein, daß, ähnlich wie die Hebräer sich als eine Inversion der Barbaren begreifen lassen, die Christen als eine Inversion der Wilden (mit denen sie als unbekehrte sehr viel gemeinsam haben) sich werden begreifen müssen? Und sind nicht in der Tat die wahren Wilden jene gewesen, die die Pogrome, die Ketzer- und Hexeverfolgungen sowie am Ende die „Bekehrung“ der Wilden mit Feuer und Schwert auf dem Gewissen haben? -
06.05.92
Die Vergangenheit eröffnet sich erst, wenn wir die Geschichte nicht mehr nur als eine Geschichte der Dinge, sondern auch als eine Geschichte des Bewußtseins begreifen, d.h. wenn wir fähig sind, das eigene Bewußtsein, die Gestalt des eigenen Bewußtseins, selber als geworden, als bedingt zu reflektieren und zu begreifen. Nichts anderes bedeutet es, wenn es von Jesus heißt, er habe die Sünde der Welt auf sich genommen. Die Geschichte als eine Geschichte der Dinge zu begreifen, heißt die Geschichte als Weltgeschichte begreifen. Und diese Geschichte reicht nun in der Tat nicht vor die Entstehung der Welt oder des Weltbegriffs zurück.
Der Begriff der Welt ist das Apriori, der der Natur das Aposteriori des verdinglichenden Denkens.
Der Islam kennt kein Geschichtsdrama, weil er keine Erbsünde kennt.
Das Im Angesicht Gottes ist die Antizipation des Jüngsten Gerichts (und nur innerhalb einer durchs Geschichtsdrama bestimmten Geschichte möglich). Nur so ist die Prophetie zu verstehen und ihr Zusammenhang mit dem Satz „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“.
Anstatt die Schrift auf das Niveau von Seminararbeiten an deutschen Universitäten herabzuziehen, käme es darauf an, das Niveau von Seminararbeiten auf das der Schrift anzuheben.
Die Konfliktunfähigkeit in der Kirche rührt her von dem fürchterlichen Mißverständnis des vierten Gebotes. „De mortuis nihil nisi bene“: Hat das nicht auch etwas mit dem kirchlichen Verständnis des Begriffs der Blasphemie zu tun (während die Idee der Heiligung des Gottesnamens auf etwas davon toto coelo Verschiedenes bezieht)?
Die letzte Gestalt des Bekenntnisses: das Weinen des Petrus, nachdem der Hahn krähte. Das konfessionelle Bekenntnis liegt eher in der Nähe des trotzigen (stumme) Beharrens auf der Schuld; es ist das Modell jeglicher Unbelehrbarkeit und insofern mythisch.
Zur Konstituierung und Absicherung des Trägheitsbegriffs und des Inertialsystems, und d.h. zur Konstituierung und Absicherung des Konzepts der modernen Naturbeherrschung gehören das Gravitationsgesetz und eine Theorie des Lichts, die die endliche Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichts mit einschließt. Beide beziehen sich nicht nur auf Erscheinungen im System, sondern auf den Bestand des Systems selber (vgl. den Zusammenhang von Trennen und Benennen in der biblischen Schöpfungsgeschichte).
If the future will be like the past, oder: Weshalb lassen sich die an vergangenen Erscheinungen gewonnenen Erkenntnisse auf die Zukunft übertragen? Diese Frage läßt sich mit ja beantworten nur im Kontext dessen, was Kant die subjektiven Formen der Anschauung nennt, objektiv im Kontext des Inertialsystems. Indiz ist der Begriff der Materie (der Trägheit), Voraussetzung der grammatische Zusammenhang von Futurbildungen und Hypostasierung (Substanzbegriff). Historische und logische Vorstufen dieses Konzepts sind die Idolatrie, der Sternendienst und die Opferreligion.
Aufklärung verdankt sich nicht nur der Verinnerlichung des Opfers, sondern der Neutralisierung und Vergegenständlichung von Idolatrie und Sternendienst im Weltbegriff und seinen Absicherungen in der Geschichte der Philosophie und der Wissenschaft.
Bemerkungen zum johanneischen Begriff der Sünde der Welt, oder über das Verhältnis von Philosophie und Theologie.
Die Unfähigkeit zur Reflexion der subjektiven Form der äußeren Anschauung (des Raumes) ist die Unfähigkeit zur Reflexion des Patriarchats. -
11.04.92
Das Bild ist Modell und Ursprung des Objekts; Ursprung und Modell des Bildes ist das Opfer, das Bild das Gedächtnis oder Ersatz des Opfers. Das Bild ist aber ebensosehr der Quellpunkt der Schrift, des prädikativen Denkens, des Logos und der Welt. Und der Gott und das Opfer sind Modell der Beziehung von Welt und Natur.
Das Opfer und das Ding hängen über die Exkulpationsautomatik zusammen (gegenüber einem Ding kann ich nicht schuldig werden: Verdinglichung als Schutz vor dem schlechten Gewissen, Schutz vor der Gottesfurcht).
Der Untergang der Welt und die Erneuerung des Antlitzes der Erde: das ist ein Vorgang.
Hat nicht die Fortpflanzung des Lichts (Modell der Selbstausbreitung des homogenen, isotropen Raumes) tatsächlich etwas mit der Fortpflanzung, der Zeugung (und diese Zeugung etwas mit dem Zeugnis, den Bedingungen der Anerkennung der Zeugenschaft (Geschlecht und Anzahl der Zeugen): der Raum ist der Zeuge der Naturwissenschaft, aber das perfekte falsche Zeugnis wider den Nächsten), zu tun? Und ist der Frühling so etwas wie ein Orgasmus der Natur? Was bedeuten dann die Insekten und die Vögel? Sind die Vögel nicht akustische Blüten (und die Insekten Bastarde aus Raum und Licht (vgl. Belzebul, den Herrn der Fliegen)?
Das organische Leben unterliegt der Dialektik von Innen und Außen und der Prävalenz des Außen. Durch die Geldwirtschaft wurde diese Dialektik auf die Evolution des Kapitalismus übertragen. Der Darwinismus verdankt sich der projektiven Übertragung dieser gesellschaftlichen Evolution auf die Natur. Frage: Welche Stellung haben die Blumen, die Insekten, die Bäume, die Vögel, die Säugetiere und die großen Seeungeheuer (Behemot und Leviatan) in der Evolutionsgeschichte des Kapitalismus?
Bei den Tieren drückt sich das Verhältnis von Im Angesicht und Hinter dem Rücken im Angriffs- und Fluchtverhalten aus, in der organischen Selbstinstrumentalisierung der Arten und Gattungen (in den Hörnern, dem Gebiß, den Klauen und Pfoten, den galoppierenden Hufen). Und wie sieht es aus mit dem Charakter von Behemot und Leviatan? Und mit der Schlange: als reine Selbstinstrumentalisierung der „Klugheit“? Hier ist – wie bei den Tieren überhaupt – die Instrumentalisierung durch Gattung und Art vorgegeben (von der organischen Ausstattung bis hin zum Verhalten: wie hängen beide zusammen?). Das einzelne Tier ist für seinen Charakter (seine organische und Verhaltens-Ausstattung) nicht verantwortlich, reiner Ausdruck des Schuldzusammenhangs der Welt. Der Mensch hingegen ist für seinen Charakter und für sein Gesicht verantwortlich. Er muß die Selbstinstrumentalisierung selbst arrangieren, wobei ihm die Gesellschaft (in der Gesamtheit ihrer Institutionen) die Mittel an die Hand gibt, die diese Selbstinstrumentalisierung zumindest erleichtern, in der Regel bewußtlos durchsetzen.
Die Musik mißt die Distanz zwischen der nominalistisch depotenzierten Sprache und dem Schuldgrund, auf den sie zurückzubeziehen ist. Die Kunst federt die Brutalität des Aufklärungsprozesses ab und ermißt sie zugleich, sie verleiht dem Leiden die Sprache vor der Sprache. Die Konstellation von Technik, Material und Ausdruck in Musik und Malerei ist das Medium dieser seismographischen Wahrnehmung.
Das Osterlachen scheint mir (in Publik-Forum) völlig falsch interpretiert zu sein. Das exhibitionistische Element als Anlaß des Lachens verweist auf die Soziologie des Witzes, nur daß hier – wie beim Clown – Erzähler und Objekt des Witzes eins sind. Das Osterlachen ist tieftraurig und blasphemisch zugleich, die umgekippte Osterfreude.
Die gesamte Geschichte der europäischen Aufklärung steht unter dem Zeichen des Gerichts.
Wittfogel, Franz Borkenau und Alfred Sohn-Rethel: An den Rändern der Frankfurter Schule scheinen die Versuche mißlungen zu sein, an das offene Problem der Frankfurter Schule sich heranzutasten. Die realen Ursachen dieser Probleme werden vielleicht am ehesten sichtbar an dem konspirativen Element im Ursprung der Theorie Sohn-Rethels. Lösbar ist das Problem erst geworden durch Einstein.
„Das Christentum als Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“
Die Gebote des Dekalogs sind strikte Gebote, keine durch Sanktionen abzusichernde Gesetze. Das unterscheidet sie von Rechtsgründungen der Hamurabi, Solon u.a.
Aufschlußreich (für das Verhältnis von Wirtschaftsmacht und Recht) ein Fall, der heute in der Rundschau geschildert wird: Ein Großunternehmen verklagt einen öffentlichen Kritiker (Leserbriefschreiber) und setzt die Schadensersatzforderung und den Streitwert so hoch, daß die Rechtsschutzversicherungen andere Beteiligte (u.a. das Publikationsorgan, das den Leserbrief veröffentlicht hatte) zwingen, die Klage zurückzuziehen. (Der Kritiker selbst hält durch und gewinnt den Rechtsstreit.) Wie lange gibt es angesichts der jedem Vergleich spottenden Unterschiede der ökonomischen Potenz für einen privaten Beteiligten überhaupt noch eine Möglichkeit, gegen einen potenten Kläger sein Recht zu bekommen? Es ist offensichtlich ein Leichtes, einen etwa bestehenden Rechtsschutz auf legale Weise auszuhebeln. Ist es nicht längst so, daß „Rechtspersonen“ Vorrechte vor realen Personen haben (und die Gleichheit vor dem Gesetz längst zur Makulatur geworden ist: Rückkehr des Naturzustandes, Undomestizierbarkeit der in Privathand angewachsenen ökonomischen Gewalt)? -
10.04.92
In seiner Antisemitismus-Studie übersieht Heinsohn offensichtlich, welche Bedeutung diese gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen, die die Entstehung der Hochkulturen begleiten, für die Geschichte des Bewußtseins haben; hier rächt es sich, daß er beispielsweise den Ursprung der Schrift und die Entwicklung der Sprachen aus seinen Überlegungen ausschließt. Die Darstellung der „Reaktionen der Betroffenen“ auf die „kosmischen Katastrophen“ (S. 31) behandelt diese Reaktionen so, als könnten sie sich auch heute – nach der Ausbildung des Welt- und Naturbegriffs – so abgespielt haben. Daß es eine Geschichte des Bewußtseins gibt, die mit der der Sprachen aufs engste verknüpft ist, scheint außerhalb seines Gesichtskreises zu liegen. Daß es sich hier um vorödipale Zeiten handelt, daß die Bewußtseinsidentität noch nicht vorausgesetzt werden darf, daß das Bewußtsein erst mühsam beginnt, sich aus den mythischen Zwängen zu befreien und welche Rolle dabei die Struktur der Sprachen und die Entwicklung der Schrift, der Ursprung des Privateigentums und des Geldes, die Entstehung des Rechts, aber auch die Institutionen der Religion und der embryonalen politischen Strukturen, insbesondere die Institution des Königtums, spielen, scheint ihn nicht zu interessieren. Daß z.B. erst in den indogermanischen Sprachen über die grammatischen Innovationen, insbesondere die Futurbildungen als Voraussetzung des objektiverenden, hypostasierenden Denkens, ein Weltbewußtsein sich bildet, dessen Vorläufer Mythos, Idolatrie und Opfer sind, die dann – paradigmatisch in der griechischen Philosophie und in deren Konsequenz in der christlichen Theologie – durch Verinnerlichung (durch den ödipalen Prozeß hindurch) zur Grundlage des zivilisatorischen Bewußtseins werden, entgeht ihm. In diesem Zusammenhang – und jedenfalls nicht nur in dem des Interesses an der Voraussage von Naturkatastrophen (vgl. S. 43) – wäre z.B. das Orakelwesen (das in Griechenland ganz erheblich zur Durchbildung der Sprache und zur Entstehung der Philosophie beigetragen hat) zu diskutieren. Velikovsky und seine Adepten lösen keine Rätsel, sondern schürzen neue (oder genauer: machen sie kenntlich). Die monokausale Ableitung des Neuen aus Naturkatastrophen verkennt, daß es auch gesellschaftliche Naturkatastrophen (zu denen Heinsohn selber mit seiner Geldentstehungstheorie entscheidende Hinweise gegeben hat) gibt; und hier scheint mir, stellt sich ernsthaft die Frage: handelt es sich bei dem Zusammentreffen kosmischer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen (die formal dem Leibnizschen Begriff der prästabilisierten Harmonie zu entsprechen scheinen) um reinen Zufall, oder gibt es dazwischen auch vermittelnde Agentien?
Wurden die Götter nach Einführung des Privateigentums durch die Statuen um ihre Opfer betrogen (vgl. Heinsohn, Antisemitismus, S.47)?
S. 54: Keine „wissenschaftlich begründete Religionsüberwindung“, sondern eine prophetische. Der Unterschied ist bestimmbar.
Im VIII. Kap., S. 72ff, führt Heinsohn den Antisemitismus allein auf seine theologischen Ursprünge zurück, ohne den Zusammenhang dieser Theologie mit dem Ursprung des Säkularisationsprozesses und des modernen Weltbegriffs zu begreifen. Aber hier wird es erst interessant. Washalb war beispielsweise der real existierende Sozialismus, insbesondere der Stalinismus, antisemitisch?
Es ist schon ein wenig irrsinnig, wie sich bei Heinsohn die Dinge zu einem System zusammenschließen: Die Naturkatastrophen-Theorie ist nur zu halten, wenn er die Befreiung vom Opfer im Atheismus terminieren läßt und diesen Atheismus in Widerspruch setzt zu den altorientalischen, heidnischen Hebräern, verbunden mit der These, daß erst das (erneut opfertheologische) Christentum monotheistisch geworden sei; so wie er auch schon in seiner Geldtheorie das gesellschaftskritische Element herausoperiert hat, so muß er hier den damit notwendig verbundenen szientifischen Antisemitismus der Wellhausen et al. mit rezipieren, und ihn dann in den Sack reinstecken, den er „Hebräer“ nennt. Zugleich muß er den „Juden“ die Schöpfungsidee nehmen, die doch die Prophetie, der die Absage ans Opfer sich verdankt, erst ermöglichte. Und seiner Geldtheorie das erkenntnis- und gesellschaftskritische Element, das zwangsläufig aus seinem Schuldknechtschaftskonzept folgt, und damit das Moment der Barmherzigkeit nehmen, dem doch die Absage ans Opfer sich verdankt. Zusammen damit muß er die Juden in die Nähe der Philosophen rücken (mit Hilfe des einen Theophrast-Zitats): das aber geht nur, indem er den Juden in ihrer eigenen hebräischen Vergangenheit das Barbaren-Äquivalent verschafft. Das Problem bleibt unlösbar, solange Heinsohn das im Begriff des Begriffs (und schließlich in dem der Welt) säkularisierte und zugleich verdrängte Exkulpations- (und Opfer-) Konzept nicht durchschaut. Inzwischen geht der Verdrängungsapparat, der dem Universums-Konzept zugrundeliegt, zu Bruch.
Der Weltbegriff konstituiert sich auf zwei Ebenen:
a. auf der des Ursprungs und der Stabilisierung des Begriffs (des Referenzsystems der Philosophie), und
b. auf der Ebene und im Rahmen der Stabilisierung der Produktions- und Austauschverhältnisse, des Ursprungs des Marktes, d.h. zusammen mit dem Ursprung des Rechtssystems, das das Privateigentum ermöglicht und garantiert.
Ebenso wie die Philosophie ist der Weltbegriff vom Ursprung, vom Bestehen und von der Geschichte des Privateigentums nicht zu trennen. Hinsichtlich eines jeden Sozialismus-Konzepts wäre festzuhalten: Vergesellschaftung ist ein „naturwüchsiger“ Prozeß und durch Verstaatlichung nicht zu humanisieren. Auch das staatliche Eigentum ist Privateigentum, wobei der Staat aus leicht durchschaubaren Gründen der dümmste (und der gemeinste) Privateigentümer ist.
Wodurch unterscheidet sich Moses von Hammurabi und Solon?
Gegen Adorno: Nicht das Eingedenken der Natur, sondern das der Ursprünge wäre als Ziel der Philosophie zu bestimmen. Von Adorno zu Habermas ist es in der Tat nur ein kleiner Schritt, aber einer in die falsche Richtung. Das Konzept des Eingedenkens der Natur ist Adornos säkularisierte Theologie.
Was bedeutet der Raum für das geschichtliche Eingedenken, für die Erinnerungsarbeit?
Zur biblischen Zoologie: Wie ist das mit den Schafen und Wölfen und Schlangen und Tauben?
Der neutestamentliche Begriff der Sünde der Welt bezeichnet das Konzentrat der Ursprungsgeschichte der Welt in Idolatrie, Sternendienst und Opferwesen. Auch das Menschenopfer steckt in den Fundamenten unseres Weltbegriffs. Daran erinnert der Kreuzestod (Problem der Ursprungsgeschichte der subjektiven Form der äußeren Anschauung: welches ungeheuerliche Problem hat Kant in diesem Begriff stillgestellt?).
Einige Bemerkungen zum Problem einer christlichen Theologie nach Auschwitz.
Der moderne Naturbegriff ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff.
Begriff und Institution der Diktatur hängt mit der Funktion des Prädikats im Urteil und mit der der Predigt im Christentum zusammen.
Bekenntnis und Dogma stammen aus der Sphäre des Rechts, oder sind Reflexionsbegriffe von Rechtsbegriffen.
Es gibt eingreifende Bedenken gegen die Vorstellung der Möglichkeit, das Recht mit den Mitteln des Rechts zu humanisieren. Vgl. den Zerfallsprozeß des Rechts im Gefolge der beiden Weltkriege, die Systemwidrigkeiten, die nicht mehr zu übersehen sind (fehlender Friedensvertrag, Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Delikte, Verdrängung des Gemeinheitsproblems, Fortleben des „gesunden Rechtsempfindens“, d.h. des Rachemotivs im Rechtsstaat, Frage der Gewalt: Gewaltmonopol und Kampf gegen die Privatisierung der Gewalt; kann es sein, daß die Kritik an Carl Schmitt ihr Ziel erst erreicht, wenn sie das Recht selber trifft, dessen ungeheuerliche Systemlogik Carl Schmitt nur ausgesprochen hat – vgl. Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ und die Bemerkungen von Jaques Derrida dazu).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie