Sprache

  • 28.02.92

    Hat das homologein etwas mit der homousia zu tun? Wo sind die, die „in seinem Namen“ die Dämonen austreiben, Kranke heilen, Tote auferwecken?
    Die Religionen sind die Feuerstellen, auf denen die Sprachen zubereitet worden sind. Das „Gottessen“ ist wirklich ein blasphemischer Ausdruck für die Eucharistie, die Kommunion, die real immer schon auf die Sprache sich bezog, auf den Logos.
    Die Trennung von Wissen und Glauben bedarf als Bindeglied des entfremdeten Bekenntnisses; insoweit hängt das Bekenntnis mit der Raumvorstellung (die ein vom Glauben unabhängiges Wissen konstituiert) zusammen. Nach der Erkenntnis des Guten und Bösen gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
    Es liegt in der zwangshaften Konsequenz der Zerstörung des Angesichts, wenn man an seine Stelle als Paradigma das Gehirn setzt.
    Es kommt heute alles darauf an, das unter dem Primat der Vorstellung des unendlichen Raumes (Produkt ungehemmter Selbstfortpflanzung) stehende Paradigma der Unterscheidung von Innen und Außen, in der das Außen immer gewinnt, zu ersetzen durch das Paradigma Im Angesicht und Hinter dem Rücken. Hier und nur hier gewinnt das, was nicht aufgeht, die emphatische Bedeutung, die den Anschluß an die theologische Tradition wiederherzustellen vermag. Die Geschichte des Tempels und der Kirchen (die Geschichte der Architektur bis hin zur Konstituierung und Auflösung der Privatsphäre) ist ein Teil dieser Paradigmengeschichte (zum Zusammenhang der Geschichte der Architektur mit Geschichte der Philosophie vgl. Heideggers „Haus des Seins“ und sein „In-der-Welt-Sein“: Hier wird wie im modernen Kirchenbau das Innen zur Außenseite des Außen).
    Der Weltbegriff ist das Produkt der Vergesellschaftung der Welt. Und die Übernahme der Sünde der Welt steht – wie die Idee des Messias selber – in der Königstradition, die zusammen mit der Idolatrie, dem Sternendienst und der Opfertradition zu den historischen Konstituentien des Weltbegriffs gehört. Vgl. hierzu auch die Jotam-Fabel und die Dornenkrone.

  • 24.02.92

    Hätte Jesus gelacht, er wäre nicht der Logos.
    Ist der „herniederfahrende“ Gott in Babel das Ego (Babel sein erstes Exil)? Und ist der Schöpfungsgedanke in einer Sprache, die das Futur (und damit den Begriff der Materie) kennt, überhaupt noch möglich? Und wie hängen beide Fragen mit der Entfaltung der Raumvorstellung zusammen?
    Tabus und Konventionen instrumentalisieren das Lachen, den Schrecken und die Schuld.
    Fremdworte zitieren die ganze Sprache, aus der sie genommen sind?
    Die grammatische Organisation der Sprache, insbesondere die Bildung des Futur, scheint mit der Bildung der Personalpronomina, der Hilfszeitverben und dem exzessiven Gebrauch von Prä- und Suffixen zusammenzuhängen (räumliche und zeitliche Durchorganisation der Sprache, Verdinglichung und Hypostasierung). Und ist die agglutinierende Sprache (die „sumerische“ Sprache) der Ausgangspunkt der grammatischen Durchbildung der Sprache?
    In den deutschen Präfixen wie be-, ver-, zer-, ge-, er- etc. drücken sich räumlich praktische Beziehungen aus, deren Resultat in den Hypostasen, in den Substanzen, in den Gerundivbildungen (in den Suffixen -keit, -heit, -ung, -nis etc.) sich manifestiert.
    Drücken die Suffixe (als Determinanten der Hypostasierung der Begriffe)
    – -heit den Objektaspekt (die unter einen Begriff subsumierte Menge),
    – -keit den begrifflichen Aspekt (die begriffliche Allgemeinheit und das Subsumtionsverhältnis),
    – -ung die Durchdringung des Objekts von innen (Natur),
    – -nis die Affizierung des Objekts von außen (Welt)
    aus,
    und die Präfixe (als Determinanten der Verben, Ursprung und Reflex ihrer Hypostasierung im Begriff)
    – be- die begriffliche Affizierung des Objekts von außen (bestrafen, bekennen, begreifen, behandeln),
    – an-, anti-, wider-, gegen- die materielle Affektion von außen (Feindschaft, Objektivierung; anklagen, anerkennen, ansagen, anmahnen, anbeten)?,
    – er- die Affizierung des Objekts von innen (erkennen, erlösen),
    – ver- die Zerstörung des Objekts (die Zerstörung von außen und/oder von innen; vernichten, verlassen, veranlassen, vermögen),
    – zer- die vollständige Zerstörung des Objekts, des Begriffs, des Wesens (die Zerstörung von innen: Grund der Trennung von Begriff und Objekt; Inbegriff des Raumes; zernichten, zerstören, zerfallen, zermalmen)
    – ge- das Produkt des -zer (nach Trennung von Begriff und Objekt: die Vergangenheit; die Zerstörung des Begriffs als Bedingung seine Genesis; Partizip Perfekt, verbal nur noch verwendbar mit Hilfszeitverben: Sein – von innen, Haben – von außen, Werden – von außen nach innen).
    Vgl. ge-lassen, be-lassen, ver-lassen, zer-lassen.
    (genauer)
    Hängt der Begriff Volk mit dem Verhältnis von Außen und Innen zusammen (Wadler, S. 161)? Gibt es einen Zusammenhang von Schuld und Schild? Entsteht der Schuldzusammenhang im Zuge der Rechtfertigung, der Abwehr eines Angriffs?
    Zum weiteren Zusammenhang des Begriffs der Maske vgl. Wadler, S. 166.
    Gegen Wadler: Nicht der Ursprung an sich ist das Ziel, sondern der reflektierte Ursprung: die reflektierte, ins Bewußtsein ihrer selbst gehobene Sprache, zu der auch die Reflexion der Geschichte der Grammatik und die des Ursprungs und der Bedeutung der Prä- und Suffixe gehört.
    Zum Prinzip des Turmbaus zu Babel: S. 167.
    Frage: Form der Schuldverarbeitung?
    Geschichte der Sprache und kollektive Formen der Schuldverarbeitung.
    Der Verknüpfung des Rassebegriffs mit Problemen der Sprachgeschichte ist Teil des nationalistischen Geschichtsverständnisses und eine der Ursachen des Antisemitismus: sie rührt an ein Grundproblem einer historischen Sprachphilosophie.
    Die Konsonantenschrift ist eine entsubjektivierte Schrift, eine reine objektive Schrift.
    Wie es scheint, kommt die altorientalische Geschichte bei Franz Rosenzweig nicht vor; und er sieht auch nicht die jüdische Geschichte als eine Parallelgeschichte zur griechischen, sondern als eine Antwort auf die griechische: erst das Christentum ist eine (die?) jüdische Antwort aufs Griechentum (nur hat das Christentum das bis heute nicht begriffen).
    Wächst nicht eine Situation heran, die auch der Satire noch spottet? Und gegen deren Spott kommt das Kabarett nicht mehr an. Mit diesem Spott darf sich das Kabarett nicht gemein machen (gegen Dieter Hildebrands letzten „Scheibenwischer“).
    Beziehung der Vokale zur Zeit und zur Hypostasierung: Sind der Infinitiv und das Futur nicht potentielle Hypostasierungsformen? (das Dreschen; der Drescher wird dreschen; er hat gedroschen; Ergebnis: der Drusch. Drei Gestalten der Hypostasierung: Täter, Tat und Produkt aus dem Verb abgeleitet).
    Wie beeinflußt die pikto- oder ideographische Schrift die Sprache: insbesondere dadurch, daß sie das Instrument, die Tat und den Täter in einem Bild zusammenfaßt (den Pflug, das Pflügen und den Pflüger)? – Ursprung des Zusammenhangs von Objektivität, Instrumentalisierung und Verdinglichung.
    „Ein System siegt sich zu Tode“: Ärgerlich der verdinglichende Herrenblick des Westens, der auf die „Bevölkerungsexplosion“ der Dritten Welt fällt sowie auf die „Alten und Kranken“, die als Ursachen der „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen erscheinen. Dieser Konkretismus hängt aufs engste mit dem zusammen, der das Problem auf den Energiebereich abschiebt und glaubt, es mit Hilfe der (physikalischen) Gesetze der Thermodynamik (einer Konsequenz des Energieerhaltungssatzes) zureichend analysieren zu können. Der Unterschied, den wir bei Betrachtung des Zustandes der Dritten Welt vor und nach der Geschichte der Kolonisierung machen (dort „Kultur“, hier Barbarei), liegt nicht zum wenigstens in unserer Optik: Den Zustand vor der Kolonisierung sehen wir als Folge von Natur, die das „ohne uns“ angerichtet hat; hier sind wir im Unterschied zu den Verhältnissen nach der Kolonisierung moralisch entlastet (exkulpierende Funktion des Naturbegriffs: die „Kultur“ vorher verwehrt es uns noch heute, die „Eingeborenen“ als Menschen, und in ihnen unsere eigene Vergangenheit zu erkennen).
    Begründen läßt sich die Anwendung physikalischer Gesetz auf Gesellschaftliches einzig durch den Kontext der Schuldzusammenhangs, der fortwährenden Schuldknechtschaft.
    Ziel wäre nicht die resurrectio naturae, sondern die renovatio faciei terrae. (Die resurrectio naturae gehört zum christologischen Naturbegriff, ist eine Folge der nicht geleisteten Erinnerungsarbeit; und der Naturbegriff rührt an die Bindegewalt der Kirche).
    Die Naturwissenschaften sind das Korrelat der ohnmächtigen moralischen Urteilslust und der folgenlosen Empörung; und die moralische Urteilslust und die Empörung sind Instrumente der Rechtfertigung und Exkulpierung, der Konstituierung der Gemeinheitsautomatik und der Verhinderung der Gottesfurcht.
    Ist die Geschichte mit Nebudkadnezzar im Buch Daniel eine Kurzfassung der gesamten Herrschaftsgeschichte (Babylon; Nabuchodonosor: Planctus judicii; planctus = laute Wehklage)?
    Muß die Hoffnung heute durch den Unglauben, durch die Verzweiflung hindurch?
    Wenn der Geist kommt, dann werden die Söhne und Töchter, die Knechte und Mägde weissagen: aber weder die Eltern noch die Herren? – Und es gibt keine Herrschaft ohne die Vergegenständlichung des Raumes (die Zahl, die Mathematik, neutralisiert die Genealogie, die Hegel dann für die Monarchie nochmals zu rechtfertigen gezwungen ist; sie macht nicht nur die Dinge gleichnamig, sondern die natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse unkenntlich; dem Zählen geht die paarweise Zuordnung, und dem Begriff, wie der Multiplikation, das Zählen voraus; wird die Multiplikation zusammen mit dem Winkel entdeckt, und hängen die Fähigkeiten der Multiplikation und der Begriffsbildung zusammen?).
    Hängt die Fußwaschung vor dem Tode Jesu mit der Bereitung des Schemels SEINER Füße zusammen? Und warum wehrt sich Petrus zunächst, um dann umgekehrt gleich ein ganzes Vollbad zu verlangen? – Alle Petrus-Stellen?
    Der Hegelsche Satz: das Eine ist das Andere des Anderen, ist wahr in der Anwendung auf mich, er ist unwahr in der Anwendung auf Andere. Darin drückt sich präzise der Grund der Übernahme der Sünde der Welt aus. Die Mathematik konstituiert sich in der umgekehrten Anwendung des Satzes: Sie macht alle zu Anderen für Andere. Und die Differenz zwischen mir und den Anderen ist der Grund dafür, daß indikativische Sätze nicht fähig sind, die Wahrheit auszudrücken.
    Der Zusammenhang der Bekenntnislogik mit dem Raum, der subjektiven Form der äußeren Anschauung, hat zur Folge, daß das Bekenntnis des Namens erst möglich sein wird, wenn die Theologie ihre Beziehung zu den Naturwissenschaften aufgearbeitet und geklärt hat. In diesem Zusammenhang wird auch der Schöpfungsbericht in einem neuen Zusammenhang auch neue Bedeutung gewinnen: Hier wird das Rätselwort von der Befreiung von den sieben unreinen Geistern möglicherweise sich aufklären.
    Gegen die Ontologie: Das Wesen ist das Unwesen, das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart, die fortexistierende Macht der Vergangenheit über die Zukunft: es wird bezeichnet im Begriff des Schuldzusammenhangs, der hervorgerufen, hervorgezwungen wird im Kontext der Geschichte der Selbsterhaltung. Das Ich ist das Ding; und das ist die unaufhebbare Schuld bei Hegel, deren ohnmächtige Erinnerung die Gestalt des Absoluten ist.
    Totalitätsbegriffe wie Welt und Natur sind automatisierte Verdrängungsapparate; sie dienen einzig noch dazu, die Selbsterhaltung gegen Reflexion abzuschirmen. Und Adornos „Eingedenken der Natur im Subjekt“ ist der Versuch, durch Erinnerungsarbeit und Mimesis an das Gewimmel im Schlangennest der Widersprüche des Naturbegriffs an die Wahrheit sich heranzutasten. Adornos Hinweis auf ein scheinbar harmloses Gespräch im Eisenbahncoupee, in dem der Nichtwiderspruch auf die Zustimmung zum Mord hinausläuft.
    Adornos Philosophie als Verkörperung der Gottesfurcht, wobei die Gottesfurcht geleitet wird durch eine Scham (Indikator dessen, was sich heute noch öffentlich schreiben und sagen läßt), die am Ende dann auch den Gedanken an Gott selber ergreift. Er hat damit, weiß Gott, mehr recht als jene, die weiterhin den Namen Gottes munter auf ihren Lippen führen, und deren Theologie eine einzige Verletzung des zweiten Gebots ist.
    Die Physik ist ein System der Niedertracht.

  • 19.02.92

    Heute sind alle Schuldknechte des Systems, dessen Herren sie zu sein glauben.
    Sind nicht die Begriffe „Ganzheit“ und „holistisch“ entfremdete Erinnerungsspuren des Angesichts, und verhalten sie sich nicht dazu wie das Grinsen zur Katze, das im Raum stehenbleibt, nachdem die Katze verschwindet? Dieses Ganze ist in der Tat das Unwahre, die „Leiche des Königs“.
    Es ist eigentlich ein ganz einfacher logischer Schluß: Wenn die träge Masse das genaue Korrelat der Vorstellung der homogenen Zeit ist, dann muß eine innere Differenzierung des Zeitbegriffs (durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) sich als innere Differenzierung in der Struktur der Materie manifestieren.
    Die jüdische und die christliche Form der Todesstrafe (die Steinigung und die Verbrennung) scheinen den Anfang und das Ende der naturwissenschaftlichen Aufklärung zu symbolisieren: die Mechanik und den Realgrund der Mikrophysik (das Feuer: die Plancksche Strahlungsformel).
    Die Geschichte des Weltgeistes ist die Geschichte des Sündenfalles: das Versinken in den Zwangsproduktionen unseres Denkens.
    Die Droge Kirche ist die Droge der kollektiven Einsamkeit (gefangen im Bekenntnis, Verinnerlichung der Gesellschaft), die nur noch getröstet, nicht mehr befreit sein will. Das ist eine Folge der Wirksamkeit der kirchlichen Bindungskräfte; aber käme es nicht heute endlich darauf an zu lösen?
    Dieses ungeheure Wort, das die Kirche zum Bußsakrament instrumentalisiert hat.
    Ist die Kirche die Sphinx? Und wie hängt die Sphinx mit den Kerubim (mit dem Sündenfall und der ezechielischen Vision) zusammen?
    Steckt im bereschit das berith und das resch? Und hängt das bara mit dem Hebräern, mit Abraham und mit den Barbaren zusammen? Und wird nicht das bereschit im Anfang der Johannes-Evangeliums zitiert, in dem gleichen arche-Begriff, in dem auch die Philsophie zitiert wird? Das würde heißen, daß mit der Diskriminierung der Barbaren der Schöpfungsgedanke tabuisiert (und in der Selbstbezeichnung als Hebräer auch der Schöpfungsgedanke festgehalten) wird. Diese Tabuisierung drückt sich im Zusammenhang von kosmos, nous und theoria aus.
    hoi barbaroi: die Bärtigen, die Stammelnden. Wie hängen der Bart und das Stammeln mit dem Antlitz und der Sprache derer zusammen, die dem Herrendenken entsagen und sich solidarisch wissen mit der unerlösten Schöpfung. (Was hat der Bärtige zu verbergen, wenn nicht die Weigerung, mit den Wölfen zu heulen?)
    Die Schöpfungsidee bezeichnet einen auch sprachlogisch (für die Differenz zwischen der griechischen und der hebräischen Sprache, vor allem aber für das Verhältnis der mathematischen Vorstellung des Raumes zur Sprache) relevanten Sachverhalt.
    Die Griechen haben über die geometrische Reflexion von Thales bis Euklid, insbesondere über die Reflexion des Winkelbegriffs, die Logik des Raumes entfaltet, die Moderne über die Infinitesimalrechnung und den Bewegungsbegriff die Logik des Inertialsystems, damit aber auch die Logik des Bekenntnisses.
    Franz Rosenzweig hat einmal darauf hingewiesen, daß das antike Äquivalent der Technik die Rhetorik gewesen sei: Hier rührt er an einen wesentlichen Punkt für eine Theorie des Ursprungs und der Bedeutung der Schrift und der Entwicklung der Sprachen.
    Adornos Philosophie als die bis heute genaueste Verkörperung der Gottesfurcht: Diese Gottesfurcht reicht soweit, daß A. gegen die Gemeinheit der Öffentlichkeit, die heute auch die Religion ergreift und insbesondere den Namen Gottes mit dem Geheul der Wölfe vermischt, sich als Atheist bekennt.

  • 18.02.92

    Die Kirchenväter haben aufgrund der Rezeption des Weltbegriffs und in der Konsequenz des philosophischen Erkenntniskonzepts die Schuld von der Urteilslust (dem Grund des Weltbegriffs) auf die Sexuallust verschieben müssen, mit den bekannten dogmatischen Folgen für die Theologie. Diese Theologie war nicht nur Teil, sondern Avantgarde und „Erfüllung“ der philosophischen Aufklärung; hiernach war das jüdisch-christliche Urschisma (und die anschließende Folge der Häresien) zwangsläufig; und die biblische Tradition wurde nur noch soweit mit einbezogen, wie sie das philosophische Konzept stützte (und das war nicht mehr ohne Mißverständnisse und Fehlinterpretationen möglich).
    Müßte es bei Reinhold Schneider nicht anstelle „das Schwert ob unsern Häupten“ heißen „das Schwert in unsern Händen“? Bedienen wir nicht selber das „Schwert ob unsern Häupten“?
    Was ist der Unterschied zwischen Antlitz, Angesicht und Gesicht? Ist
    – das Antlitz: das expressive Gesicht (der erscheinende Eindruck, den die Welt im Gesicht hinterläßt, Ausdruck der Welterfahrung und Gegenstand der Physiognomie: das leidende Gesicht des Opfers: vgl. das „Antlitz“ der Erde),
    – das Angesicht: das sprechende Gesicht im Dialog mit anderen und
    – das Gesicht: die Verkörperung des aktiven und passiven Sehens?
    Vgl. Rosenzweigs Konstruktion des Angesichts Gottes im „Stern der Erlösung“ und Bubers Übersetzung des Schöpfungsberichts („Braus Gottes brütend über Urwirbels Antlitz“).
    Ist nicht die Ontologie eine moderne (mit dem „christologischen“ Naturbegriff gemeinsam entsprungene und diesen Naturbegriff stützende) philosophische Disziplin, zu deren Voraussetzungen die Entstehung der Hilfszeitverben und der Personalpronomina (und die Großschreibung der Substantive, die das Objekt mit Bedeutung auflädt, um die des Subjekts zu steigern) gehört? – Beachte die Doppelbedeutung von Bedeutung (die wie der Begriff des Sinns sowohl den Inhalt eines Prädikats als auch den Rang, den ein Prädikat einem Subjekt verleiht, bezeichnet: das Prädikat verleiht dem Subjekt „Sinn“, den es als namenloses Objekt von sich aus nicht gehabt hätte). Diese Doppelbedeutung (z.B. des Heideggerschen „Sinn des Seins“) ist der gebrochene Widerschein des Namens in der namenlosen Sphäre des Begriffs.
    Gehören die griechische und die lateinische Sprache (als ontologische Sprachen) in den Kontext des Ursprungs des Weltbegriffs, und sind die modernen europäischen Sprachen nicht schon „nach-weltliche“ Sprachen (von der Instrumentalisierung ergriffen und verfremdet, deshalb grammatisch durchorganisiert)?
    Dadurch daß Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, hat er ihn auch kenntlich gemacht.
    Die Geschichte vom Hasen und vom Swinegel mit dem „Ick bün all do“ beschreibt das Grundparadigma der Hegelschen Logik. Wie der Swinegel un sin Fru sind bei Hegel das Eine und das Andere ununterscheidbar.
    Die griechische Zivilisation war zweifellos keine Menschenrechts-Zivilisation, sondern eine Zivilisation, deren Daseinsgrund die Durchsetzung der Rechte einer Herrenschicht (der Rechte der Privateigentümer) war.
    Begriffliches Denken bewegt (und verstrickt) sich in jenem Schuldverschubsystem, das möglicherweise in der Geschichte vom gordischen Knoten sich versteckt (Alexander hat den Knoten bloß durchschlagen, nicht gelöst).
    Hat der gordische Knoten, den Alexander durchschlagen, nicht gelöst hat, etwas mit dem Rätsel der Sphinx (und seiner „Auflösung“ durch Sokrates, dem Urbild der Hegelschen „List der Vernunft“) zu tun, und in welcher Beziehung steht er zur Binde-und Lösegewalt der Kirche?
    Toledot: Steht zwischen Vater und Sohn die Erschaffung der Welt? Und ist der Himmel die Erneuerung des Antlitzes der Erde?
    Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, hängt mit der „Übernahme der Sünde der Welt “ zusammen („auf daß du lange lebest auf Erden“).
    Das Christentum verstößt seit den Anfängen seiner gesellschaftlichen Ausbreitung gegen das Gebot, Vater und Mutter zu ehren: Grund ist die Patriarchalisierung und Vergeistigung der Trinitätslehre und die (damit zusammenhängende) Verteufelung der Vergangenheit und Tabuisierung der Erinnerung.
    Wer waren die beiden „Schächer“ (Lk 2339ff – „den einen rechts, den anderen links“ 2333)? Und was bedeutet der Ausdruck „Schächer“?
    Rousseau und die Sehnsucht nach einer stummen und menschenfreien Natur: Ziel der Ökologie-Bewegung? Er sucht die Unschuld vor dem Sündenfall, nicht die Versöhnung, möchte die Last der Sprache abwerfen.
    Gibt es im Gesetz das Hammurabi vergleichbare Gebote zu denen des Dekalogs (Du sollst Vater und Mutter ehren, Du sollst kein falsches Zeugnis geben …)? Die Regelung, daß ein Rechtsstreit gerichtlich nur möglich ist, wenn der Streitgrund durch Zeugen oder Vertrag nachprüfbar ist (vgl. Universalgeschichte der Schrift, S. 233), ist das Gegenteil der Gebote des Dekalogs: Hier werden erstmals die im Rahmen des Rechts unvermeidbaren Lücken für die Gemeinheit definiert, wird das Recht als Mittel der Berechenbarkeit des vom Tauschprinzip bestimmten Handelns begründet.
    Thales: Alles ist voller Götter; und Epikur siedelt die Götter in den Zwischenräumen der Welt an.
    Im Urteil entspringen die Begriffe auf der Seite des Prädikats; sie sind – wie das Prädikat, das Verb im Satz – zeitlich bestimmt; sie drücken das Verhältnis der Dinge zur Zeit, die Macht der Zeit über die Dinge aus. Damit hängt die Bedeutung des Raumes für die Begriffsbildung zusammen (Inbegriff des Begriffs und der Trennung von Prädikat und Subjekt, Begriff und Objekt; deshalb muß der Raum selber unbegrifflich: reine Form der Anschauung sein).
    Eine Botschaft erwartet eine Antwort, während man von einer Nachricht nur betroffen ist (Bedeutung der Medien; Sensation und Betroffenheit; Exkulpation des Zuschauers durch Skandalenthüllung).
    Ist nicht das Problem, das Adorno mit seinem „ersten Gebot der Sexualmoral“ angesprochen hat, ein gemeinsames Problem der drei großen Offenbarungsreligionen (der Funktion des unaufgeklärten Weltbegriffs in ihnen)?
    Die Verdinglichung unter der Herrschaft des Weltbegriffs fixiert die Menschen an das mit der Sexualmoral bezeichnete Objekt, und die Lösung von den „Schuldgefühlen“ löst das Problem nicht. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral“ ist nur ein anderer Ausdruck für das (es ist ein Teilaspekt dessen), was im Evangelium die „Übernahme der Sünde der Welt“ heißt.
    Das Inertialsystem ist nicht nur ein Apriori der Physik, sondern zugleich eines des Historismus und der (Bekenntnis-)Theologie; seine Kehrseite sind der Nationalismus und das Sexualtabu. Die Benjaminsche Kritik der Vorstellung einer homogenen Zeit schließt die Kritik des Inertialsystems mit ein.
    Die Aufdeckung der Scham: geschieht das nicht real in der „sumerischen“ Schrift?
    Das Gewissen ist das Organ des Ursprungs der Sprache.
    Wenn der Spiegelbericht stimmt, dann scheint die Konfliktunfähigkeit vom Drewermann ein Reflex und Korrelat der Konfliktunfähigkeit der Kirche zu sein; sie gehorcht dem gleichen Prinzip der Verdinglichung.
    Wenn man den johanneischen Namen des Logos ins Hebräische zurückübersetzte, wie würde er dann heißen, und was würde er bezeichnen? Enthält der Name des Logos nicht den Anspruch, daß hier die Schrift-Tradition in reale Sprache zurückübersetzt wird und darin sich erfüllt?
    Das heideggersche „In-der-Welt-Sein“ und die objektlose Angst sind der genaueste Ausdruck des „Schreckens um und um“.
    Zur Idee des Islam: Die Ergebenheit kann sich nur auf das ungerechte Schicksal, das ich selbst erleide, beziehen, nicht auf das ungerechte Leiden, das anderen zugefügt wird.
    Die lösende Kraft des Weinens und die Erschütterung Jesu vor der Auferweckung des Lazarus (Joh 1133ff – Ursprung und Idee des Logos).
    Steinigung und Verbrennung (in der postchristlichen Moderne: Hängen, Enthauptung, Guillotine, elektrischer Stuhl, Gift): welche Todesart verhängt der Islam?
    Alle drei Offenbarungsreligionen lehrten einmal das Zinsverbot. Durch die kapitalistische Wirtschaftsweise ist dieses Verbot von der Realität selber unterlaufen worden; es ist nicht mehr anwendungsfähig, aber damit zum Urteil über diese Welt geworden.
    Es ist die Orthogonalität, die den Raum zu einem gerichteten, und damit zu einem richtenden System macht. Und wenn heute Politiker von „unserem Rechtsstaat“ sprechen, dann meinen sie ein vergleichbares System. Der Staat ist in der Tat zu einem nützlichen Instrument in den Händen derer, die von ihm Gebrauch machen, geworden. Gegen die, die bloßes Objekt des Systems sind, richtet er seine richtende, zerstörerische Gewalt, sowohl nach innen wie nach außen. Neutral ist Technik nur für den Herrn, niemals für die Beherrschten (außer durch Identifikation mit dem Aggressor: durch Idolatrie oder Chauvinismus).
    Die „Persönlichkeit“ ist es nur in den Augen der Welt, und die Person ist das sich selbst entfremdete Antlitz, das Gesicht, von außen gesehen. Im Personalausweis beansprucht der Staat die Herrschaft über unser Gesicht. Zerstörung des Angesichts durch die Person, Ursprung der Hörigkeit?
    Im Lichte der Kritik der reinen Vernunft wird man sagen dürfen, daß das Dogma die Theologie als Erscheinung präsentiert, aber nichts über die Dinge an sich sagt.
    Hat die Barmherzigkeit der Kirche heute nicht Ähnlichkeit mit der der Ärzte, die einem Kranken einreden, er sei nicht krank.
    Es gibt einen Zugang zur Theologie, wenn man sie aus dem Gefängnis des Bekenntnisses befreit und in das Licht ihrer praktischen Konsequenzen rückt.
    Wer einen anderen anschwärzt, wäscht sich damit nicht selbst rein.
    Dur sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Übersetzt heißt das: Du sollst über sie hinter ihrem Rücken nicht anderes reden als in ihrem Angesicht; genauer: du sollst, wenn du über einen Abwesenden redest, seinen Redepart mit übernehmen. So ist im achten Gebot eigentlich schon die Umkehr mit einbegriffen.
    Wie kann ER sein Angesicht leuchten lassen über uns, wenn wir nicht umkehren.
    Die Habermassche Vorstellung, daß „hinter den Erscheinungen“ das „An sich“ nicht zu finden ist, ist wahr, bedarf aber der Ergänzung: Wir können die Dinge wenden wie wir wollen, wir bleiben immer hinter ihrem Rücken, wir bleiben immer im „Reich der Erscheinungen“, der Weg heraus ist allein der labyrinthische der Umkehr.
    Ist das Herniederfahren Gottes in Babylon der Ursprung der Idolatrie? Und ist das Telos dieses Herniederfahrens nicht der Minotaurus und der Rückweg der labyrinthische?
    Für wen sind die Israeliten Hebräer? Zunächst für den Pharao und für die Philister, aber auch für Assur und Babylon? Worauf bezieht sich beim Ezechiel das Wort von der Hurerei und den Leichen der Könige? Sind das die Philister (die Liebhaber der Astarte), und sind es die Pharaonen?
    Die Rechtfertigungstheologie verhindert die Gottesfurcht.
    Die Kirche verstrickt sich immer mehr in ihren Fundamentalismuszwängen: Vgl. dazu die Schibboleth-Geschichte im Buch der Richter (Ri 126).

  • 15.02.92

    Ist die Astronomie (die Mathematik, die Entfaltung der Raumvorstellung) die Wasserscheide der Sprachgeschichte (das Zählen ist die Voraussetzung des Begriffs)?

  • 12.02.92

    Kann es sein, daß der Materiebegriff der Physik (träge und schwere Masse) aufgrund der Systemkonstruktion mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit konvergiert, daß beide – nur unter divergierendem Aspekt – die gleiche Sache bezeichnen? Genauer: daß sie die Grenze des Systems zum „Objekt“, das selber projektive Züge trägt, bezeichnen? Dingbegriff Folge einer selbstreferentiellen Spiegelung am Inertialsystem: wie hängt der Begriff des Dings mit dem der Sache zusammen – lateinisch = res; Trennung erst im Deutschen, mit der zusätzlichen Konstituierung des „Sachverhalts“, der „Tatsache“? Dingbegriff und Sexualmoral.
    Das Christentum verrät den Logos und wird selbst böse und gemein, wenn es die Übernahme der Sünde der Welt durch Exkulpierungsmechanismen (durch Unterwerfung unter Verweltlichungszwänge, durch Verschiebung des moralischen Schuldprinzips von der empörungsbereiten Urteilslust auf die Sexuallust: Grund der Personalisierung und der Verdinglichung, Ursprung der Naturwissenschaften) ersetzt.
    Physik und Vergewaltigung.
    Der Begriff des Allgemeinen ist ebenso wörtlich zu nehmen wie der des Universalen: Die Gemeinheit des All gründet in der Herrschaft des Identitätsprinzips, der Einheit, dem logischen Kern des Universums. Schon das Verhältnis der Totalitätsbegriffe Welt und Natur, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind, widerspricht dem Prinzip der Universalität, untergräbt seine theoretische Kompetenz.
    Nicht die neutralisierte räumliche Beziehung von Innen und Außen, sondern die fundamental-ethische Beziehung von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“ ist das theologische Grund-Paradigma. Die Ebenbildlichkeit Gottes ist an das menschliche Antlitz, nicht an den Personbegriff oder an den der Seele gebunden. Das menschliche Antlitz (in der Präsenz des Feindes und des Opfers) ist der Platzhalter und Widerschein einer Wahrheit, die nicht an der Angemessenheit des Begriffs an die Sache und am kommunikationstheoretischen Konsens sich mißt, sondern an der Idee der Errettung und Versöhnung, das messianische Objekt im Reich der Erscheinungen.
    Das Relativitätsprinzip (das Einstein nicht entdeckt, sondern seines quasi-absoluten Charakters entkleidet hat) ist das Paradigma des mathematisch-naturwissenschaftlichen Abstraktionsgesetzes. Mit dem Relativitätsprinzip konstituiert sich nicht nur das „Inertialsystem“, sondern mit ihm das gesamte Reich der naturwissenschaftlichen „Erscheinungen“. Grund sind jene mathematischen Eigenschaften des Raumes, seine Homogenität und Isotropie, die ihm die Eigenschaft der Selbstreferenz verleihen, ihn zu einem reinen Bilde seiner selbst machen. Die Bewegung des Raumes in sich selbst, die seine Struktur, seine Qualität, nicht ändert (nicht affiziert), ist, als reale, zeitliche Bewegung gefaßt, das Äquivalent einer materiellen Bewegung im Raum.
    Die „kantische Konstruktion eines Ding an sich“ (Habermas, TuK, S. 18) resultiert nicht aus einer Spiegelung, die „hinter den Erscheinungen“ noch etwas zu suchen hätte, sondern verweist darauf, daß die Erscheinungen selber die Dinge hinter ihrem Rücken betrachtet präsentiert. Trotzdem ist das platonische Höhlengleichnis falsch: das An sich ist im Antlitz präsent. Und das Suchen „hinter den Erscheinungen“ ist Opfer des Vorrangs des „Außen“ vor dem „Innen“: zieht das „hinter den Erscheinungen“ in das Graviationsfeld der Erscheinungen mit herein (Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: exzentrischer Charakter des Inertialsystems, Kritik der Kopenhagener Schule).
    In der inversen Beziehung von Barbaren und Hebräern drückt sich eine Beziehung zur Schrift aus: die Barbaren sind von der Schrift (und vom Subjektsein) ausgeschlossen (sie stammeln, können nicht artikuliert reden), die hebräische Schrift schließt das Subjekt von sich aus (sie ermangelt der Artikulation und erzwingt die theophoren Namen in Israel: jeder hebräische Satz ist – ohne jeden Artikel – „Spruch des Herrn“). Die Israeliten leben im Angesicht der Sprache, nutzen sie nicht instrumental. Der Gebrauch und das Fehlen der Vokale sowie die gegensätzlichen Schreibrichtungen verweisen auf die sinnliche Grundlage dieser Differenz. Das Christentum ist in der anbivalenten Situation, sowohl Israel als auch die Griechen zu beerben, ohne bis heute begriffen zu haben, daß das nur über die simultane Errettung des hebräischen und des barbarischen Elements möglich ist. Aber das Dogma wollte dem mosaischen Stammeln sich entziehen; der Preis: die Instrumentalisierung der Wahrheit, ist jedoch zu hoch.
    Jede Schrift ist eine fremde, gleichsam eine hebräische Schrift; deshalb verlernen heute die Menschen die Sprache. Die grammatische Logik der Schrift ist von der der Sprache zu unterscheiden: das „Sein“, die Zeitformen des Futur I und II, die Hypostasierung der Substantive, der Akkusativ bezeichnen sprachlogische Strukturen, die mit der Logik der Schrift konvergieren, sie vorbereiten, zum Ursprung der Schrift dazugehören. Die Vorstufe dieser Schrift ist der Mythos, ihre sich entfaltende Logik die Bekenntnislogik (oder die Urteilslogik, und deren Grund das Verhältnis der reinen Äußerlichkeit). Dagegen enthält die hebräische Schrift die verbleibende Fremdheit, das Anderssein, als ein konstitutives, ihre Ausdruckskraft und ihren Wahrheitsbezug determinierendes Element in sich. Die hebräische Schrift sträubt sich gegen die Formen der sprachlichen Vergesellschaftung, die der griechischen Schrift – und den folgenden europäischen Schriften, die das Ergebnis der griechischen Revolution sich aneignen, deren Opfer aber verdrängen – wesentlich sind.
    Sind die Satzzeichen Punkt, Komma, Semikolon, Doppelpunkt, Ausrufe- und Fragezeichen so bedeutungsneutral und willkürlich, wie es uns heute scheint? Steckt darin nicht der geometrische Punkt (als dimensiosloses Zentrum des Raumes), der bewegte Punkt, die Verknüpfungen beider (das Doppelkomma als Anführungszeichen), die (durch Orthogonalität definierte, „gerichtete“) imperative Gerade (der erhobene Zeigefinger), im Fragezeichen die Schlange?
    Wie wirkt sich das Schriftprinzip auf Struktur und Verbindlichkeit der Grammatik (und damit der Logik) aus? Ist eine differenzierte Grammatik (Bestimmung des Verhältnisses zur Zeit: Konjugation; der Objekt- und Herrschaftsbestimmungen: Deklination, Gebrauch von Artikeln, Präpositionen u.ä.) nicht doch nur in einer phonographischen (alphabetischen) Schrift möglich, die das auch ausdrücken kann? Ist nicht die (mathematisierte) formale Logik ein Rückfall hinter die Alphabetisierung? Und basiert die Alphabetisierung nicht auf einer (im Verhältnis zur Astronomie) bestimmbaren Beziehung zur Mathematik? Hängt der Ursprung der Schrift mit der Ausbildung der Ausbildung der Geometrie der Ebene zusammen (Entdeckung der Winkelfunktionen und Erfindung des Begriffs durch die Griechen, Satz des Thales, des Pythagoras, Euklid)? Wer hat die flächenhafte Grundlage des Schreibens (die Tafeln des Moses) entdeckt; Beziehung dieser „Fläche“ zum Antlitz (Maske), zum Begriff des hypokeimenon (des Grundes), zur Substanz und zur Person? Sind die Masken Vorstufen der Schrift (bis hin zur Maske in der Tragödie)? Und ist die Person das durch die Schrift vermittelte Produkt der Abstraktion vom Angesicht (der Verinnerlichung des Opfers)? Beziehung dieser Abstraktion zur Kosmologie? Entfaltet sich das „von Angesicht zu Angesicht“ im Lesen?

  • 10.02.92

    Der Habermassche Begriff des „kommunikativen Handelns“ kommt erst zu seiner Wahrheit, wenn er die sprachliche Struktur z.B. der Gewalt, des Lachens, des Raumes, des Geldes, der Mathematik und zusammen damit die Beziehung von Schuld und Sprache (den Kern des dialogischen Verhältnisses, das nach Levinas ein unaufhebbar asymmetrisches ist) mit reflektiert. Nicht der Konsens, sondern die Versöhnung ist das zentrale Sinnesimplikat der Wahrheit. Der Hinweis auf die argumentative Struktur des kommunikativen Handelns vergißt, auf welche Probleme die Beweislogik führt, wie tief die argumentative Struktur der Sprache durch ein paranoides Element vergiftet ist (vgl. hierzu die kantische Antinomie der reinen Vernunft, Hegels „Reflexionsbegriffe“, auch die List der Vernunft). Wenn Habermas den Frankfurtern „negativistische Verfallstheorien“ (sic: der Plural steht so bei Habermas, T.u.K., S. 145) nachsagt, wenn er, was bei Horkheimer und Adorno – und darin ist ihr Denken in der Tat eines – als philosophische Erkenntnis auf die Struktur der Welt sich bezieht, zu ihrer subjektiven Meinung, zu einer Art Bekenntnis, macht, dann hat er den Kern z.B. der Dialektik der Aufklärung nicht begriffen oder inzwischen vergessen.
    Zur Asymmetrie des dialogischen Prinzips: Genau das ist der parvus error in principio (qui magnus est in fine): die Symmetrisierung, die „der subjektiven Form der äußeren Anschauung“, dem Erkenntnis-Apriori des Raumes und dem dadurch determinierten Begriff des philosophischen Subjekts, der auch den Begriff und das Verständnis der Sprache verhext, sich verdankt, die gleiche Symmetrisierung, die dann bei Hegel in dem Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zum Grund der „sprachlichen Intersubjektivität“ wird, zugleich aber den Wahrheits- und Erkenntnisbegriff zur Unkenntlichkeit entstellt, zum Einfallstor des Mythos in die Philosophie geworden ist (bis hin zur Hellenisierung des Christentums, zur Wiederkehr der mythischen Gewalt in der Orthodoxie und im Dogma).
    Woran die habermassche Philosophie ebenso krankt wie die an ihn sich anschließenden Theologien, ist die Unfähigkeit, die Kritik der Naturwissenschaft und der Theologie, die nur zusammen geleistet werden können, mit in ihren Begriff aufzunehmen.
    Der Begriff „negativistische Verfallstheorien“ (Habermas) gehört, wie mir scheint, in den Zusammenhang des Begriffs „Nestbeschmutzung“. Nicht die Welt ist schlimm, sondern der, der sie als schlimm denunziert. Es gibt auch einen Welt-Nationalismus. Damit scheint auch die bloß doch emotionale Reaktion der Habermas-Gruppe auf die Postmoderne zusammenzuhängen (wobei H. die Wadenbeißerei seinen Schülern überläßt). Habermas scheint den Blick in den Abgrund nicht zu ertragen, der in Derridas Grammatologie, im Levinasschen Begriff der Asymmetrie, in Lyotards Analyse des Auschwitz-Syndroms und der Beweislogik sich eröffnet. Im Anblick dieses Abgrunds wäre die Kommunkationstheorie nicht mehr zu halten. Deshalb leugnet H. die Realität diese Abgrunds und denunziert den Blick als verantwortungslos, wenn nicht paranoid. Aber mit diesem taktischen und strategischen Gebrauch dessen, was Hegel die List der Vernunft genannt hat entzieht er der argumentativen sprachlichen Intersubjektivität die Grundlage.
    Abgedeckt wird die Habermassche Kommunikationstheorie durch das Ausblenden der Natur und durch Adaptation jenes Weltbegriffs, dessen prädikativer Ursprung in der Tat der Grund der Kommunikationstheorie ist.
    Am Begriff des Logozentrismus, den Habermas durch Hinweis auf seinen faschistischen Gebrauch abwehrt, läßt sich der Komplex aufs schönste nachweisen. Unter Logozentrismus verstehen alle die Fähigkeit, die Wahrheit durch prädikative Urteile auszudrücken. Und dieser Logozentrismus wird dann in den Logosbegriff der Theologie hineinprojiziert, in dem er in der Tat seit Beginn des Dogmatisierungsprozesses enthalten ist. Was hier geschehen ist (und bis heute nachwirkt), ließe sich am Bekenntnisbegriff aufs schönste demonstrieren. Der biblische Logosbegriff selber aber steht in einem ganz anderen Kontext, der vergessen ist und heute insbesondere unter dem Rätselbild der Natur zu reflektieren wäre. Die christologische Struktur des Naturbegriffs (die der Vergöttlichung des Opfers) gibt darauf einen sehr deutlichen Hinweis. Der Logosname im Johannes-Evangelium steht in eindeutiger Beziehung zur „Übernahme der Sünde der Welt“, und d.h. er steht im Kontext nicht des Begriffs, sondern der Namenlehre (der jüdischen Traditon, nicht der griechischen).
    Es ist eigentlich doch erstaunlich, daß die Dialektik der Aufklärung bis heute nicht zum Anlaß genommen wurde, die Beziehung von Mythos und Philosophie in der Geschichte ihres griechischen Ursprungs einmal konkret aufzuzeigen und nachzuweisen. Die Entwicklung des Mythos in der griechischen Geschichte hat der Entstehung der Philosophie vorgearbeitet (durch die Entfaltung der Schicksalsidee), und der griechische Begriff des Mythos ist singulär und kein allgemeiner Obegriff für andere Mythologien, z.B. die altorientalischen, die einer anderen Konstellation, einem anderen Kontext angehören. Hier handelt es sich sogar umgekehrt um eine inverse Geschichte zur griechischen, die dann in der jüdischen Prophetie ihren Umkehrpunkt findet (in der Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und der Opferreligion, im „stammelnden“ Konzept der jüdischen Tradition).
    Das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ hat die Kirche zum Objekt, die die Nachfolge der Richter Jesu angetreten hat.
    Die Verdrängung der Probleme der Beweislogik hängt damit zusammen, daß man die Probleme der (überlebensnotwendigen) Gemeinheitslogik nicht sehen will (oder, weil man sich selbst im Wege steht, nicht sehen kann). Der Ursprung dieses Problems scheint im Konzept der Habermasschen Habilitationsarbeit (Strukturwandel der Öffentlichkeit) zurückzureichen. Deren Thema wäre Anlaß gewesen, den Zusammenhang des Öffentlichkeitsbegriffs mit dem Syndrom der Gemeinheitslogik aufzuzeigen (Problem der Medien, der Wissenschaft, der Politik): Funktion der Dialektik des Sein für Andere(s); Begriff, Funktion und Geschichte der Scham (des Nichtöffentlichen, des Intimen, Privaten; reale und metaphorische Funktion der Sexualität und der Sexualmoral; Schamgrenze gegenüber der Theologie; Bedeutung des Antlitzes: von Angesicht zu Angesicht), Geschichte und Bedeutung des Objektivationsprozesses.
    Der Raum ist auch über die mathematische Anwendung hinaus die subjektive Form der äußeren Anschauung: Begriff der Weltanschauung. Die objektivierende, verdinglichende und instrumentalisierende Logik ist von diesem Konzept der nicht mehr hinterfragbaren subjektiven Form der äußeren Anschauung nicht zu lösen. Und darin liegt ihre selbstreferentielle Begründung: in diesem pragmatischen, herrschaftsbegründenden Aspekt. Das hat sich vergegenständlicht und verselbständigt im Weltbegriff. Die Vorformen des Weltbegriffs, die Geschichte seines Ursprungs, sind in der Prophetie benannt als Idolatrie, Sternendienst und Opferreligion. Das prophetische „Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit“ trifft die christliche Opfertheologie (das christliche Dogma) im Kern; es gilt auch im Hinblick auf die zivilisationsbegründende Verinnerlichung des Opfers (Reflex der Vergegenständlichung der Natur).
    Das Konzept der Säkularisation aller theologischen Gehalte führt nicht (wie das naturwissenschaftliche Erkenntniskonzept) zu haltbaren Resultaten, die man „schwarz auf weiß besitzen und getrost nach Hause tragen kann“, sondern ist ständig neu zu leisten. Das ist das entscheidende Argument gegen das christliche Orthodoxie- und Dogmenverständnis.

  • 05.02.92

    Entspringt die Mathematik der Gleichsetzung des Perfekt mit dem Futur II, dem „es ist gewesen“ mit dem „es wird gewesen sein“, m.e.W. dem „Wesen“? Das in den neueren Ontologien so beliebte „Geschehen“ und „Sich Ereignen“ gehört in diesen Bereich. Die Funktion dieser Gleichsetzung ist die der Exkulpation: durch Übersetzung in ein apersonales, gegenständliches „Geschehen“ und „Sich Ereignen“, Begriffe, die zunächst für natürliche Prozesse. dann aber, insbesondere nach dem Ausgang der Kollektivschuld-Debatte, sich auch für Auschwitz zu eignen scheinen, wird ein ganzes Volk entschuldigt, das sich ohnehin je nach Bedarf nur als Schicksalsgemeinschaft oder als Gemeinschaft passiver und ohnmächtiger Zuschauer (Rundfunkhörer, Fernseher) versteht. Liefern hierzu die verwalteten Religionen den Gewissenskomfort?
    Anders als Radio und Fernsehen, die ein ganzes Volk zu ohnmächtig-passiven Hörern autoritativer Verlautbarungen (eine neue Evangelienübersetzung heißt „die gute Nachricht“) und zu Zuschauern von Herrschafts- und Machtritualen sowie von schicksalhaften Katastrophen macht, ist das Telefon ein Instrument der Intrige. Der neue Faschismus appelliert nicht mehr an die Hörigkeit, sondern an den Bilderwunsch. Deshalb wimmelt es nur so von Welt-, Menschen- und Gottesbildern.
    Die gute Nachricht: Ein Botschaft richtet sich an den Adressaten und erwartet seine Antwort, eine Nachricht liefert nur eine Information über ein objektives, meinem Eingriff entzogenes Geschehen, macht den Adressaten zum passiv-ohnmächtigen Zuschauer. Aber dahin tendiert das Religionsverständnis in den verwalteten Betreuungs-Religionen ohnehin (verweltlichtes Christentum als Dynamisierung der Idolatrie).
    Raum ist ein Verwaltungsbegriff; er präpariert sowohl das Subjekt wie die Objekte der Verwaltung (auch die Vorstandsetage liegt auf einer Verwaltungsebene; kein Zufall, daß Hochhäuser bevorzugte Objekte sowohl für Verwaltungen als auch für Wohnungen von Beamten und Angestellten sind).
    Jede Intention (jedes Ziel, jeder Zweck) hat einen Richtungssinn. Was der Raum – und mit ihm jedes der Orthogonalität nachgebildete System – leistet, ist die Wiedereinbindung jeder Intention in ein Vergangenheitssystem.
    Enthält die double-bind-Theorie eine Theorie des Raumes (Zusammenhang mit der Struktur der Lohnarbeit)?
    Wie bestimmt sich das Trägheitsmoment eines Kreisels, der Widerstand gegen eine Änderung der Rotationsgeschwindigkeit?
    „Ausländer raus“, „Nazis raus“: Belege dafür, daß die Relation Innen/Außen keine humane ist. Wenn die Grenze zwischen Innen und Außen zur Grenze der Humanität wird, hat die Humanität keine Chancen mehr.
    Dybas Hooligan-Argument: „Welcher Verein kann es sich leisten, einen Spieler, der ständig aufs eigene Tor schießt, weiter zu ertragen?“ – Ist das Bekenntnis-Problem nicht doch ein sehr deutsches Problem, ähnlich wie die Staatsmetaphysik und der Staatsanwalt.
    Erinnert Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft (und ihr Zusammenhang mit der Lehre vom Willen zur Macht) nicht an die Notwendigkeit, die politische Bedeutung der Sternenkunde neu zu bestimmen?
    Hinter der Maske ist das Gesicht: und nicht die Person, sondern das Antlitz ist Gegenstand der Theologie.

  • 03.02.92

    „Die Dimension des Dativs oder Vokativs, die die ursprüngliche Richtung der Sprache eröffnet, läßt sich nicht gewaltlos in der Dimension des Akkusativs oder den Attributen des Objekts begreifen und modifizieren.“ (Derrida: Die Schrift …, S. 145) Der Dativ wird immer mehr vom Genitiv (die Gnade von Herrschaft und Besitz) verdrängt, und der Vokativ (die Anrufung des Anderen, die zunächst in den Höflichkeitsformen noch überlebte) ist durch den Akkusativ vergiftet worden und mit der Ausbreitung der Telekommunikation ganz verschwunden (der Anruf erfolgt über die Telefonnummer, nicht im Namen): Hat er sich rein in die Idee Gottes, dessen Name in der kommunikativen Sprache gegenstandslos geworden ist, zurückgezogen? Ist sein Schicksal an dem der Berufung und des Berufs (an der Geschichte der Professionalisierung und des Fachidiotentums: bis hinein in die Theologie) abzulesen?
    Das „Hallo“ ist an die Stelle des Namens getreten und ersetzt den gegenstandslos gewordenen Vokativ. Ist der deutsche Name „Gott“ (nach einem Hinweis F. Ebners) nicht die Hypostase des Anrufs, Personifikation des Vokativs, der heute durch das neutralisierte Hallo, aus dem mit dem Namen der Schmerz des Akkusativs (die Erinnerung an die Familienbande, ans Erwischtwerden: an den Namensruf der Eltern) entfernt wurde, ersetzt wird. Wenige, die nicht versuchen, ihrem Namen zu entrinnen.

  • 30.01.92

    Vor dem Hintergrund der Vorstellung einer unschuldigen Natur wird der Eingriff in die Natur, vergleichbar dem Mord, zur primären Schuld. Aber ist der Mord mit dem gesellschaftlichen Eingriff in die Natur vergleichbar? Und verwechselt nicht auch die ökologische Bewegung Schöpfung und Natur? (Noch zu ungenau: Wo ist die Grenze zwischen einem Eingriff in die Natur und dem Mord? Ist die Naturbeherrschung ein Mord an der Natur (Zerstörung des Antlitzes der Erde)? Aber die Natur sich selbst überlassen: heißt das nicht, Mord und Totschlag zulassen? Ist die Natur nicht selber die Zerstörung des Antlitzes, Inbegriff des Subjektlosen, Hypostasierung der Rückseite der Dinge? Ist nicht die Vorstellung der Ökologie, daß alles Schlimme von Eingriffen in die Natur herrühre, selber schon davon geleitet, daß sie selbstverständlich sich nur auf jene Eingriffe bezieht, die per Rückkoppelung auf das Leben der Menschen zurückschlagen, während das Antlitz längst vergessen wurde?)
    Zur Kritik der Ontologie: Es gibt kein apodiktisches Urteil ohne das subjektive affirmative, bejahende Moment: ohne daß ich mich auch dazu bekenne und durch mein Bekenntnis die Reflexion des Urteils unterdrücke. Es gibt keine Ontologie ohne Bekenntnis. Der kommunikationstheoretische Konsens bezeichnet das gemeinsame Ja (Objektivität als Intersubjektivität), das kollektive Bekenntnis, nicht die Wahrheit. Und der Gedanke der Objektivität drückt dabei nur den Wunsch nach Entlastung von der Verantwortung für das Ja aus, den insbesondere die Mathematik dann allzu leicht erfüllt. So ist die Mathematik die Parodie, das entstellte Deckbild der Versöhnung. Und ihre politische, gemeinschaftsbildende Kraft war seit je (seit ihrem Ursprung im Sternendienst) ein Teil der Idolatrie und ohne Opfer nicht zu begründen (gemeinsamer Ursprung der Religion, des Königtums und der Geldwirtschaft).
    Das Sein, die Logik der Hypostasierung (Heidegger: das metaphysische Denken) und die Bildung futurischer Formen gehören zusammen. Die Ontologie ist eine Weltwissenschaft; sie gründet in der Totalität der Urteile anderer.
    Titel: Ursprung und Untergang der Welt.
    Die antiken Kosmogonien sind Sprach- und Gesellschaftsphilosophien, keine Naturphilosophien.
    Theorie und Affirmation: Die kritische Theorie ist keine. Das affirmative Moment kommt durch den Theoriebegriff, durch die Anschauung, die dieses affirmative Moment in sich enthält, in die Philosophie herein. Die Dekonstruktion Derridas geht aufs falsche Objekt: Zu dekonstruieren wäre die Ontologie, und nicht mit Hilfe der Ontologie die theologische Tradition und ihre Erben.
    Zusammenhang von Objektivität, Sein für andere, Exkulpation und Anonymisierung: Die Spur dieses Zusammenhangs ist der Personbegriff.
    Die „beruhigte und gesicherte Burg der denkenden Subjektivität“ (Derrida: Die Schrift und die Differenz“, S. 85) wird gesichert durch „die letzte Schutzvorrichtung der Sprache“, den „Sinn des Seins“ (ebd. S. 87). Ist aber die ungeheuerliche Ambivalenz dessen, was seit Heidegger „Sinn des Seins“ heißt, überhaupt in der Lage, anders als durch logische Gewalt und durch das taktische und strategische Geschick dessen, der sich dieses „Sinns“ bedient, die „Burg der denkenden Subjektivität“ (die Personalität) zu sichern (fiat jus pereat mundus: die Rettung der Person durch Zerstörung der Welt)? Ist nicht Derridas Verfahren der Dekonstruktion Produkt genau dieser taktisch-strategischen Instrumentalisierung der Ontologie, für die es in der Tat keine andere Anwendung gibt? Ist die Ontologie (und der damit verbundene Subjektbegriff) ohne die Dekonstruktion des Anderen und des Andersseins zu retten?
    Heideggers „Eigentlichkeit“ unterscheidet sich von der „Uneigentlichkeit“ nur durch die „Entschlossenheit“, in der Welt Subjekt, und nicht Objekt, sein zu wollen. Der Tod ist für Heidegger immer schon der Tod der Anderen, und dessen Rechtfertigung dient dann das „entschlossene“ „Vorlaufen in den je eigenen Tod“.
    Die kantische Unterscheidung zwischen dem An sich und der Erscheinung drückt genau den Unterschied aus zwischen dem. was eine Sache an sich und was sie für andere ist; die Grenze ist die der Scham, deren Ursprung mit dem dieser Grenze zusammenfällt („und sie erkannten, daß sie nackt waren“). Die Unterscheidung hängt mit der zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zusammen (ist aber nicht damit identisch). Von der Nichtanerkennung (und Verwischung) dieser Grenze lebt ein nicht unerheblicher Teil der Medien.
    Die Naturwissenschaften setzen die Schamgrenze absolut, leugnen, daß es ein Diesseits dieser Schamgrenze gibt (Daddys striptease sind der Krieg und das Opfer, nicht die biologische Nacktheit).
    Am Anfang der naturwissenschaftlichen Aufklärung steht die Austreibung der Sinnlichkeit, am Ende die des Gewissens, der Moral.
    Der Gottesfürchtige ist das Gegenteil dessen, der sich klein machen will (gegen die Naturwissenschaften).
    Die Geschichten mit Lot, insbesondere die Erzählungen im Zusammenhang mit dem Untergang Sodoms: sind das Hebräer-Geschichten? Hebräer waren die Israeliten für die anderen Völker, Juden sind sie für die Welt. „In jenen Tagen werden werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“ (Sach 823)
    Die Abwehr der Musik Schönbergs hängt damit zusammen, daß es schwerfällt (genauer: schwerzufallen scheint; weshalb?), jenen Schritt mitzuvollziehen, der die Musik in die Nähe der Sprache führt. Ähnliches gilt für Einstein und die Naturwissenschaften.
    Das Stasi-Problem bleibt unerledigt, solange es per Personalisierung bearbeitet wird, während der Gemeinheits- und Systemzwang, der darin sich manifestiert, und der auf die Verhältnisse hier (im Westen) zurückweist, verdrängt wird.

  • 29.01.92

    Die Vorstellung einer natürlichen Unschuld, einer stummen, vorsprachlichen Unschuld, auch die Bindung der Unschuld an den Bereich der Sexualität, honoriert das Vergessen. So hängt die Übernahme der Sünde der Welt mit dem Logos zusammen (gegen Rousseau und Derrida: gegen den christologischen Naturbegriff). Was bedeutet eigentlich die christliche Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie (die Lehre vom Sühneleiden Jesu) für das Verständnis der Sprache und der Erinnerung (Erinnerung und Raum: nicht getrennt vom Raum als Form der äußeren Anschauung, sondern Arbeit der Umkehr als Bedingung der Rekonstruktion der Sprache – Adams Benennung der Tiere)?
    Der Zusammenhang des Logos mit der Übernahme der Sünde der Welt, wird noch deutlicher, wenn man mit hereinnimmt, daß der Weltbegriff die Hypostase des anklagenden Prinzips ist und die Sprache erst in ihrer parakletischen Funktion sich konstituiert und entfaltet.
    Lukas hat ein Evangelium und die Apostelgeschichte (die Geschichte des Paulus und der beginnenden „Heidenmission“), Johannes ebenfalls ein Evangelium, dazu aber die Apokalypse. Werden die Evangelien des Lukas und des Johannes nicht durch die zweiten Schriften mit bestimmt? Steht im Johannes-Evangelium die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern?
    Steht nicht der „Jünger, den der Herr lieb hatte“ für diesen Zusammenhang von Logos und Übernahme der Sünde der Welt und von Weltkritik und Name des Parakleten (vgl. auch die Geschichte vom Wettlauf zwischen Petrus und diesem Jünger zum Grab).
    Die Beziehung des Raumes zur Sprache wird durch ihre drei Dimensionen definiert: durch das Verhältnis von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“, von Rechts und Links und von Oben und Unten. Die trigonometrischen Funktionen sind Vergegenständlichungen der verdinglichten Umkehr. Wie hängen diese Dinge zusammen mit der Konstellation von Idolatrie, Sternendienst und Opfer? (Der Historismus: die Verdoppelung des Hinter dem Rücken. Die Last der Vergangenheit durch Vergegenständlichung sich zueignen anstatt sie zu übernehmen.)
    Die Erinnerungsarbeit wird symbolisiert durch den descensus ad inferos.
    Die Hilflosigkeit Drewermanns hängt damit zusammen, daß er an einem Begriff der Unschuld festhält, der auf Natur (den Mythos) und nicht auf die versöhnende Kraft der Sprache (den Logos, die Übernahme der Sünde der Welt und die Gottesfurcht) verweist. Das ist es, was ihn auf so merkwürdige Weise nicht nur hilflos, sondern zugleich stumm und aggressiv macht (was wiederum die Erfahrung einer ganzen Schicht von Gläubigen zu treffen scheint). In seinem Konflikt mit der Kirche prallen zwei Formen der Stummheit aufeinander, und deshalb ist eine Konfliktlösung fast unmöglich.
    Goethes „zu den Müttern“ ist ein Echo des rousseauschen inzestuösen Naturbegriffs.
    Es gibt keine Häresie, die nicht auf ein ungelöstes Problem in der theologischen Tradition hinweist. Nur mit der Verurteilung der Häresie wird das Problem bloß verdrängt, nicht gelöst, verurteilt die Kirche sich selber. Das gilt zuletzt auch für ihr Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Aufklärung.
    Im Gegensatz zur griechischen (und zu den dann folgenden europäischen Sprachen insgesamt) hat die hebräische Sprache kein Futur: Sie ist eine Sprache der Erinnerung, des Eingedenkens. Die Vergangenheit ist ihr apriorischer Gegenstand. Die Bildung des Futur (insbesondere des Futur II) zieht ihre Kraft aus der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Vergangenheit. Sie macht die Zukunft wie die Vergangenheit: In diesem Kontext (von Mythos, Schicksal und Philosophie) entspringt der Begriff. Das Christentum hat durch das Bekenntnissyndrom, durchs trinitarische Dogma und die Opfertheologie, diese Instrumentalisierung der Vergangenheit verinnerlicht und damit fast unangreifbar gemacht. Es hat damit das Vergessen gefördert, dem Eingedenken, der Erinnerung die Grundlage entzogen. Die Christologie ist an die Stelle der Auseinandersetzung mit der Vorvergangenheit getreten; seitdem werden in der christlichen Geschichte Vergangenheiten nur noch überwunden (bis in die Geschichte der Aufklärung hinein, die insoweit ins christliche Erbe eingetreten ist). Mit der Verdrängung aber wächst die Last der Vergangenheit.
    Welche Bewandnis hat es eigentlich damit, daß Maria Magdalena und die anderen Frauen am Ostermorgen zum Grab hinausgehen mit „Spezereien“, offensichtlich um den Toten zu salben („einzubalsamieren“)? Wie hängt diese Salbung mit der messianischen Salbung zusammen, mit dem Namen des Messias? Und wie hängt sie mit der Königstradition zusammen? Gibt es eine Beziehung zur Präparierung der Toten in Ägypten?

  • 26.01.92

    Die Sprache gründet in der Asymmetrie der Ich-Du-Beziehung; zu ihren Konstituentien gehören die Idee der Wahrheit und deren Beziehung zur Schuld und zur Idee der Versöhnung (des Glücks). Die Linguistik hat vor der Instrumentalisierung der Sprache kapituliert, ihr erkennendes Wesen neutralisiert und verdrängt.

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