Sprache

  • 23.01.92

    Bilderverbot und Abbild Gottes: Abbild Gottes ist der Andere (nicht jenes allgemeine Subjekt, das auch das Ich umfaßt). Darin gründet der Hinweis auf die Asymmetrie der Ich-Du-Beziehung (Levinas). Die Eigenliebe ist nicht das Referenzobjekt der Nächstenliebe, sondern ihr Grund: Nur im Anderen liebe ich Gott und mich selbst.
    Aus einer Fernseh-Reklame: „Als ob der Sommer nie zu Ende geht“. Der Konjunktiv scheint in einer Welt, in der die Menschen mit dem Handeln das Wünschen verlernen, endgültig abzusterben. Auch der Irrealis wird wie der Fernsehfilm indikativisch verstanden. Die Kategorie der Möglichkeit, die die Zukunft offenhält, ist hinter dem „Geschehen“, den objektiven Abläufen, in die Geschichte sich verwandelt, zu verschwinden. Vergleiche damit auch die Sprache in den Handbüchern für elektronische Geräte, deren Unfähigkeit, Sachverhalte verständlich und eindeutig auszudrücken, aus dem Verlust eines ganzen Spektrums grammatischer Formen sich herleitet (z.T. bereits vom Duden sanktioniert, der in dem technologischen Charakter der Sprache in der eigenen Grammatik selber diesen Verlust dokumentiert).

  • 19.01.92

    Läßt sich aus dem biblischen Schöpfungsbericht eine Theorie der Sprache entnehmen? Oder ist die Sprache der Schöpfung eine Frage, die immer noch auf unsere Antwort wartet?
    – Himmel und Erde sind stumm erschaffen (ohne das Wort).
    – Erst das Licht ist durchs imperative Wort geworden (Anfang der Schöpfung durchs Wort).
    – Das Firmament, die Lichter am Himmelsgewölbe, wurden, nach der Ankündigung durchs Wort, gemacht,
    – die großen Seetiere, die Fische und die Vögel, nach der Ankündigung durchs Wort, geschaffen (nicht vom Wasser hervorgebracht).
    – Durch das imperative Wort wurde die Sammlung des Wassers an einem Ort veranlaßt.
    – Durch den instrumentalen Imperativ wurde die Erde veranlaßt, die Pflanzen wachsen zu lassen, ebenso die Tiere hervorzubringen (Gott hat dann die Tiere gemacht, und Adam hat sie später benannt).
    – Die Menschen wurden erschaffen (3 x „schuf“) nach dem Selbstgespräch Gottes („Laßt uns den Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich“).
    – Geschieden wurden (stumm, ohne ankündigendes Wort) Licht und Finsternis sowie (mit ankündigendem Wort und instrumental: durch das Firmament) die Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments.
    – Benannt wurden Licht und Finsternis (nach der Trennung) als Tag und Nacht sowie das (die Wasser trennende) Firmament als Himmel (Zusammenhang von Scheiden und Be#nennen).
    – Instrumentalisierung, Ermächtigung (und Delegation des Scheidens, Herrschens, Hervorbringens und Benennens): das Firmament (scheidet Wasser von Wasser), die Leuchten am Himmel (erleuchten den Tag und die Nacht und herrschen über die Zeiten), die Erde (läßt Pflanzen wachsen, bringt Tiere hervor), der Mensch (herrscht über die geschaffene Welt, benennt die Tiere). Zusammenhang von Instrumentalisierung und Benennung?
    – Zu unterscheiden sind:
    . das hervorbringende Wort (Licht)
    . das imperative Wort (an das Wasser: Sammlung an einem Ort, an die Erde: Wachsen der Pflanzen, Hervorbringen der Tiere)
    . das ankündigende (z.T. auch imperative, zweckbestimmte) Wort (das Firmament, die Leuchten, die Pflanzen, Fische, Vögel, Tiere)
    . das reflexive Wort (die Menschen)
    . das benennende Wort (Tag und Nacht, der Himmel)
    . das segnende Wort (an die Fische, Vögel, Tiere und Menschen: „Seid fruchtbar und vermehret euch …“)
    – Gottes Wort wird unmittelbar repräsentiert
    . als das schaffende Wort durch das Licht,
    . als benennendes Wort durch den Tag und die Nacht sowie durch das Firmament (als Himmel) und schließlich
    . durch den Segen (der sich an die Fische und Vögel, an die Menschen und an den siebten Tag richtet: die Reproduktion und Ausbreitung des Lebens: das „Seid fruchtbar und vermehrt euch“).
    Beim Segen für die Menschen sprach er erstmals „zu ihnen“ (im Plural, nämlich zu Mann und Frau).
    Wer spricht wann zu wem im zweiten Schöpfungsbericht? Hier kommen
    – nach lauter stummen Tätigkeiten:
    . noch keine Feldsträucher, -pflanzen, aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte den … Acker;
    . Gott formte den Menschen und blies ihm den Odem ein;
    . legte in Eden einen Garten an und setzte dorthin den Menschen (wie vorher die Leuchten an das Himmelsgewölbe);
    . ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, in der Mitte den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse;
    . ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; teilt sich in vier Hauptflüsse;
    . Zweck: daß der Mensch den Garten bebaue und hüte;
    – als erstes Wort das Gebot Gottes an die Menschen („von allem Bäumen …“, mit der direkten Ansprache: „Du“),
    – dann erst spricht er (Monolog: „es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“);
    – danach benennt Adam die Tiere (die Gott dem Menschen zuführt),
    – dann – nach einem „tiefen Schlaf“ und nach der Trennung von Mann und Frau – spricht erstmals der Mensch (Monolog: „Das endlich ist …“).
    – „Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“
    – Der erste Dialog (Dialog der Verführung, des Betrugsvorwurfs gegen Gott) ist der zwischen der Schlange und der Frau, während die Interaktion der Frau „mit ihrem Mann“ noch stumm ist.
    – „Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. … versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott … unter den Bäumen des Gartens.“
    – Gott ruft Adam, Adam meldet sich, antwortet; Dialog Gottes mit der Frau;
    – Gott verflucht die Schlange, die Frau und Adam, sowie im Wort an Adam den Acker.
    – Adam benennt seine Frau (Eva, Mutter aller Lebendigen).
    – Abschlußmonolog Gottes, Vertreibung aus dem Paradies und Aufstellung der Kerube „mit dem lodernden Flammenschwert“.
    – Adam erkennt Eva, seine Frau.
    Was war das Wort Gottes ohne den Menschen? Ist nicht in dem (noch unentfalteten, gleichsam embryonalen) sprachlichen Element des Schöpfungsberichts der Adressat dieser Sprache mitgesetzt? Wer ist dieser Adressat? Gibt es ein Hören und Verstehen des Geschaffenen schon vor der Erschaffung des Menschen, oder ist die Schöpfung ein ins Leere, in der Erwartung, daß der Mensch sie einmal vernehmen und begreifen wird, gesprochenes Wort? Ist die objektive Sprache das Element, in dem die Schöpfung bis hin zum Menschen sich entfaltet?
    Zum Inertialsystem: die Erhaltungssätze ergeben sich zwangsläufig aus den Orthogonalitätsbedingungen des Systems (nach der Übertragung und Erweiterung der räumlich-metrischen Strukturbestimmungen aufs Inertialsystem: auf die Zeit und die Materie, die „träge Masse“).
    Die Reflexion des Herrschaftsmoments im Inertialsystem ist nur möglich, wenn sich das Inertialsystem als etwas Abgeleitetes bestimmen läßt (Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit). Die Kommunikationstheorie, die (nach der falschen Versöhnung mit der Natur) die Versöhnung durch den Konsens ersetzte, verdrängt das Schuld- und Herrschaftsmoment in der Erkenntnis.
    Gründet die Sexualmoral im Verbot des Mißbrauchs des Segens? Hängt hiermit die Selbstverfluchung in der Geschichte der petrinischen Verleugnungen zusammen?
    Wer den „inneren Schweinehund“ (sc. das Gewissen oder die Gottesfurcht) in sich besiegt hat, hat seitdem Angst vor der „Nestbeschmutzung“ („die Juden haben das Gewissen erfunden“: die Gottesfurcht).
    Die private Existenz ist die vergesellschaftete, verdinglichte Gestalt des Lebens „im Angesicht“, seine Geschichte ist mit der des Christentums (und mit der der christlichen Sexualmoral, der Privatisierung der politischen Moral) untrennbar verbunden. Die christliche Sexualmoral gehört in den Kontext der verwalteten Lehre und des verwalteten Segens (der verwalteten Gnade: der christlichen Opfertheologie). Grund ist die Verwechslung der Schöpfung mit der Welt (die dann am Ende die schöpferische Potenz blasphemisch naturalisiert; sie ist vorbezeichnet im trinitätstheologischen Begriff der Zeugung, der den der Versöhnung neutralisiert, indem er ihn naturalisiert).
    Zwei Zitierweisen: Neben dem autoritären Zitat, das den Zitierenden der Begründung enthebt, gibt es das Einsichtzitat, in dem die Begründungspflicht fortbesteht, der Zitierende nur die Formulierungshilfe eines anderen in Anspruch nimmt (Verhältnis von Einsicht und Begründung: Problem des Erkenntnisbegriffs).
    Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte der Identifikation mit dem Aggressor.
    Kant hat mit seinem Begriff der „kopernikanischen Wendung“ etwas sehr Wichtiges bezeich#net: Das Inertialsystem und die naturwissenschaftliche Aufklärung übernimmt von dem Herrschaftsauftrag an die Sonne das Herrschen über die Zeit, von dem an den Mond das Erleuchten der Nacht (Bedeutung der Astronomie für die Geschichte der Aufklärung).
    Die Welt ist der Inbegriff der Urteile der anderen (des Auslands, der Geschichte, der Wissenschaft), die nur deshalb meine Zustimmung fordern, weil ich selbst für andere ein anderer bin (der ohnmächtig-wütende Protest des Ausländerfeinde gründet in diesem Konzept).

  • 15.01.92

    Christentum: Trinitätslehre als Verinnerlichung der Genealogie für Nicht-Juden, für die Heiden? Zusammenhang mit dem mißverstandenen vierten Gebot? Bedeutung der Opfertheologie (antisemitische Struktur: wird nicht der Vater als Vater, d.h. durch Aufspaltung: durch Verinnerlichung als „lieber Vater“ und Vergegenständlichung als Sadist, geleugnet)?
    Großartig der Nachweis Lillian Kleins, daß das Buch „Richter“ doch strenger an diesen Titel gebunden ist, als bisher wahrgenommen wurde: als Darstellung des Zwangs und der Folgen, die sich aus der Trennung des Richtens vom Bund JHWHs mit Israel, des Richtens von der Barmherzigkeit und der Verknüpfung von Richten und Gewalt (aus der weltkonstitutierenden Logik des Richtens) ergeben? (Bei Lillian Klein Abensohn keine Bemerkung zur Jotam-Fabel oder dazu, daß Samson auf dem Schoße der Dalilah stirbt?) Beschreibt das Buch nicht die Entstehung der Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (kein König in Israel, jeder tat was er wollte; hier werden die Bejaminiten zu „Linkshändern“, bis hin zum Mord an der Konkubine des Leviten, am Ende zu Opfern; und hier werden die entscheidenden Siege „aus dem Hinterhalt“ erfochten – es verschwinden das „Angesicht“ und Gottes Rechte)?
    Saul kam aus Gibea in Benjamin, während David den Goliat mit Hilfe einer Steinschleuder erschlug.
    Gegen Rousseau: Es gibt keine ursprüngliche heile Natur, die erst durch Vergesellschaftung (durch den Gesellschaftsvertrag: durchs Eigentum, durch das Inzestverbot und die Monogamie, durch die Schrift und den Logozentrismus) verdorben worden wäre. (Auch die Schellingsche Naturphilosophie steht noch im Banne Rousseaus: Was bedeutet der Begriff der Welt in Schellings Titel „Weltalter“?)
    Der moderne Naturbegriff gründet nicht in der Gewalt, sondern er begründet auch Gewalt: die Gewalt, die das Äquivalent der Stummheit ist (wenn Sprache nichts mehr bewegt). Heute ist die ganze Sprache durchsetzt von der Stummheit: sie spricht nicht mehr, seitdem sie im Objektivationsprozeß ihr Subjekt verloren hat.
    Wenn die Sumerer die Erfinder des Privateigentums waren, war Babylon dann die erste Stadt?
    Der Kampf gegen die Idolatrie ist die erste Phase der Auseinandersetzung mit der städtischen, verdinglichenden, weltproduzierenden Gewalt.
    Ist die Marxsche „resurrectio naturae“ eine Konsequenz aus dem Rousseauschen Naturbe#griff?
    Freuds „Totem und Tabu“ krankt daran, daß es als ein pyschologischen (innerlichen) Vorgang faßt, was in Wirklichkeit eine gesellschaftlicher ist; er projiziert das Problem in ein dem Stand der Sache nicht ganz entsprechendes gesellschaftliches Umfeld, in das der sogenannten „Primitiven“. Die „Wilden“ sind erst in der Aufklärung entdeckt worden; sie haben hier eine entscheidende systemabsichernde Funktion (das Erbe Rousseaus: Kriterium der Unterscheidung ist für ihn die Schrift; piktographische, ideographische und alphabetische Schrift – haben Arnold Hauser und Max Raphael etwas über den Ursprung der Schrift geschrieben?).
    Satan: der Ankläger; Teufel (diabolos): der Verwirrer; Dämon: Verteiler, Zuteiler (des Schicksals).
    Benjamins Wort über Rosenzweig, daß er es vermocht habe, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern anstatt sie seßhaft zu verwalten, steht in der christlichen Tradition: das „Auf dem eigenen Rücken“ entspricht präzise der Übernahme der Schuld der Welt.
    Emmanuel Levinas Einwand der Asymmetrie gegen Bubers dialogisches Prinzip hat die Unterscheidung von „Hinter dem Rücken“ und „Im Angesicht“ zu Grundlage. In der Symmetrisierung von Ich und Du triumphiert das „Hinter dem Rücken“, triumphiert die Gemeinheit, die unter der Buberschen Prämisse ins Unbestimmbare verschwindet.
    Der biblische Begriff des „Schreckens um und um“ bezeichnet den Ursprung des Selbstmitleids (beachte den Unterschied, mit dem Mann und Frau der Verführung des Selbstmitleids unterliegen: der Verführung, sich als Gegenstand oder als Subjekt als Natur oder als Welt, von außen zu sehen).
    Das „Im Angesicht“ ist ein sprachlicher Sachverhalt, das „Hinter dem Rücken“ ein optischer (es steht unter dem Primat der Anschauung). Und „der Fall“ ist ein Fall aus der Sprache in die Anschauung. Das „Im Angesicht“ liegt vor dem Moment, in dem „ihnen die Augen aufgingen“: und sie „erkannten, daß sie nackt waren“, und sie “ schämten sich“. Die Scham ist ein Zeichen dessen, daß das „Im Angesicht“ nicht ganz vergessen ist. – Hängt damit die strukturelle Differenz zwischen Radio und Fernsehen (Faschismus und Post-Faschismus) zusammen? Erst das Fernsehen liefert zur Stimme (zur Stimme Hitlers) auch das Bild, verschiebt das Antlitz aus dem sprachlichen in den optischen Bereich, macht es damit endgültig unkenntlich.
    Der Heideggersche Begriff der Frage (der zum Rundfunk-Zeitalter gehört) hat seinen Focus in der „Seinsfrage“, und zu dessen Metastasen gehören die „Judenfrage“ oder die „deutsche Frage“; er bezieht sich nicht mehr auf die Möglichkeit einer Antwort sondern – wie das Rätsel und die mathematische Aufgabe – auf die einer „Lösung“ (der Vergleich der „Lösungen“ der letztgenannten „Fragen“ wirft Licht auf den zentralen Punkt), das aber heißt, er ist ohne Gewalt nicht zu denken; seine früheste Anwendung findet er in der Geschichte von Alexander und dem gordischen Knoten.
    Sprachlich unterscheidet sich die Frage von der Antwort durch das Heben oder Senken der Stimme am Ende. Das Senken der Stimme ist zugleich der autoritäre, der beruhigende Gestus, während die hohe Stimme Unselbständigkeit, Unsicherheit, Panik signalisiert (das Erheben der Stimme zeigt Empörung an: sie erhebt sich gegen die Ruhe der Autorität). – Wodurch unterscheidet sich das Sich Senken vom Fall? Der Empörung folgt der Fall, während das Sich Senken eine autonome, selbstbewußte Handlung ist.
    Die eigentlich Botschaft in Hitlers Reden lag in der Stimme, in ihrem Tonfall; Hitlers Stimme vereinigte den autoritären mit dem panikerzeugenden Gestus (das Gleiche gilt heute von jeder politischen Rede; ihre Vorläufer hat sie in der Predigt).
    Merkwürdig, daß Rousseau (und Derrida übernimmt das unreflektiert) die Artikulation der Rede, als Voraussetzung der Ausbildung der alphabetischen Schrift, negativ besetzt. Er erfährt darin (wie im Logozentrismus) nur den autoritären Gestus, den Gestus dessen, der dem anderen etwas einreden will, während er den daran geknüpften Wahrheitsbegriff und allgemein das Menschenfreundliche der sich artikulierenden Vernunft (gleichsam im Vorgriff auf das Derridasche Konzept der Dekonstruktion) denunziert. Grund ist die Rousseausche Versenkung des Göttlichen in die stumme Natur.
    Ist es ein Zufall, daß der Sozialismus als erster seine fundamentalistische Phase hatte? Und wäre nicht eine Kritik des vergangenen „real existierenden Sozialismus“, die auf dieses Moment abstellt, die einzige, die dem derzeitigen Stand noch angemessen wäre?
    Ist nicht der Darwinismus ein Vulgär-Hegelianismus, in dem das Herrschaftsmoment des Begriffs sich endgültig durchsetzt?
    Ist die Wendung „den Himmel aufspannen“ nicht ein sprachlicher Ausdruck der Spannung, mit der das Im Angesicht und die Barmherzigkeit (die Bewahrung der rechten Seite) gegen die neutralisierende Gewalt des Raumes ankämpft: ein anderes Wort für das „emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“: Der Gerechte trägt seinen Teil bei zur Erhaltung der Welt, indem er deren Schuld (den Grund der Asymmetrie zwischen Ich und Du) auf sich nimmt und so seinen Teil beiträgt zur Aufspannung des Himmels und zur Begründung der Erde, zur Erneuerung des Antlitzes der Erde (die Asymmetrie zwischen Ich und Du begründet das „Im Angesicht“, während die Symmetrisierung der Beziehung unter der neutralisierenden Gewalt des Raumes steht und „hinterm Rücken“ verbleibt).

  • 07.01.92

    Orientalistik eine Veranstaltung zur Bannung einer Gefahr: Hintergrund ist der Zusammenhang mit der jüdisch-biblischen Tradition. Auch die Bibelwissenschaft (vgl. O. Loretz: Ugarit und die Bibel) kann aus methodischen Gründen den Anspruch, den die Schrift (als Prophetie – im Unterschied zur Philosophie, deren Anspruch auf Rationalität „leichter“ zu erfüllen zu sein scheint) stellt, nicht akzeptieren (Konsequenz der Phänomenologie: Übertragung der Husserlschen Epoche auf die historische Kritik; Nominalismus, „Wesensschau“ = Absehen von der Existenz und Neutralisierung der Prophetie gehören zusammen). Grund ist u.a. ein Realitätsverständnis, das sich der – auch die Menschen ergreifenden – verdinglichenden Gewalt der Naturwissenschaften verdankt, und das a priori jeglichem religiösen Gedanken die Objektivität bestreitet, ihn der Subjektivität, der bekenntnisreligiösen Willkür überantwortet (ohne deren Geheimnis auszusprechen: Kriterium des Bekenntnisses ist seine herrschaftstechnische Zweckmäßigkeit, die aber nur wirksam ist, wenn sie verschwiegen wird: als Trug – objektiver Grund der hegelschen „List der Vernunft“).
    Griechische und hebräische Schrift: ist der Unterschied der Schreibrichtungen ein Hinweis auf die Beziehung beider Schriften, die sich wie die zwei Seiten eines Blattes (wie die griechische Philosophie zur jüdischen Prophetie) zu einander verhalten?
    Derrida zufolge gründet das Rousseausche Konzept des Ursprungs der Sprache in der Erkenntnis, daß „die Gesellschaft, die Sprache, die Geschichte … gleichzeitig mit dem Inzestverbot“ entstehen (S. 453). Hat der Ursprung der Schrift etwas mit den Menschen-(Kinder-)Opfern der Phönizier (und diese mit ihrer Funktion in der Ökonomie der altorientalischen Reiche) zu tun? Ist der Moloch die Katastrophe, die sich in der Artikulation der Sprache und im Ursprung der (deshalb zunächst konsonantischen) Schrift manifestiert. Welche Bedeutung hat dann die „Bindung Isaaks“? – Gibt es andere (nicht gleich erkennbare) Hinweise auf den Ursprung der Schrift (Ursprung der Stadt; Schrift und Abgeltung des Opfers durch das Königtum und dann durch Philosophie oder Prophetie)?

  • 04.01.92

    Wenn die Deutschen gemein sind, sind sie es mit gutem Gewissen.
    In Deutschland steht im Strafprozeß der Anwalt des Rechts dem Anwalt des Staates gegenüber; die Folgen für das Recht sind daraus ableitbar.
    Zweideutigkeit des Begriffs „raten“: im intransitiven Gebrauch bezeichnet er das Lösen eines „Rätsels“, im transitiven Gebrauch die Beratung von jemandem (der Regierung, des Königs). Im deutschen Verwaltungswesen gibt es den Regierungsrat, gibt es die Beratungsgremien, zu denen auch die Kontrollgremien: die Rechnungshöfe, gehören. Welche Funktion hatte ei#gentlich der „Geheime Rat“ zu Kaisers Zeiten? War es die Funktion, die heute zum „Ehrenamt“ demokratisiert wurde? Was drückt sich in dieser Amts- und Titelverschiebung aus?
    Ist Paul Klee konsonantisch und Chagall vokalisch?
    Das Inertialsystem ist Kristallisationszentrum dessen exzentrischen Charakter Einstein nachgewiesen hat (an die Stelle der kopernikanischen ist die Einsteinsche Wende getreten: das Gravitationsgesetz hat einmal die kosmische Geltung des Inertialsystems begründet, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat sie entgründet).
    Im systematischen Kontext der Hegelschen Philosophie (d.h. der Philosophie überhaupt) ist das Problem der richtigen Organisation der Gesellschaft nur dezisionistisch zu lösen. Hier haben die Hegelsche Ableitung der Monarchie und die Heideggersche Entschlossenheit ihren systematischen Ort.
    Ist die Wechselbeziehung zwischen Barbaren und Hebräern und zwischen dem Taumelkelch und der Philosophie (die inverse Beziehung zwischen beiden) nicht doch tiefer begründet als nur logisch-etymologisch?
    Das Unreine ist ein Sinnesimplikat jeglicher Vereinigungsmystik, die theologisch nicht besser sich beschreiben läßt als durch den prophetischen Begriff der Hurerei.

  • 02.01.92

    Zu Derridas Kritik des Logozentrismus: nochmal die Christina von Braun lesen.
    Die Hypostasierung der Natur ist der Versuch, einen anti-christologischen Schöpfungsbegriff zu etablieren; die Idee eines stummen Schöpfers, eines Schöpfers, der ohne die Sprache erschafft (ebenso wie die Welt die Idee eines stummen Gerichts vor Augen stellt: eines ohne die Möglichkeit einer Einrede gefällten und sogleich vollstreckten Urteils. Der Säkularisationsprozeß ist ein Prozeß ohne Verteidigung, ein Prozeß, in dem der Verteidiger nur stört, Sand im Getriebe ist.
    Keine Philosophie wurde schneller vergessen als die Adornos: nämlich von seinen eigenen Schülern.
    Ist ein Raum vorstellbar (konstruierbar), in dem nur zwei Dimensionen umkehrbar sind. die dritte hingegen unumkehrbar.
    Büchners Lenz hatte bei der Wanderung durch die Vogesen den Wunsch, auf dem Kopf zu gehen; umgekehrt wollte Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße stellen. Und war das nicht die entscheidende Wendung in der Geschichte der Rationalisierung der Musik, daß sie gleichsam umgekehrt und auf den Kopf gestellt wurde: daß die Melodiestimme von unten nach oben und die Begleitstimme von oben nach unten gerückt wurde? Ergab sich hieraus die Konsequenz der Zwölftonmusik? Beziehung zum Fall: das Tiefe (das Untere) wird heute als das Schwere, das Hohe (das Obere) als das Leichte erfahren. Aber ist es nicht die Welt, die uns auf den Kopf stellt (und haben damit nicht der Ödipus-Komplex und die Gewalt, die seitdem das Erwachsenwerden begründet, etwas zu tun)?
    Das metaphorische Element der Sprache hält die Spuren der Genesis ihrer Entfremdung fest. Ein gänzlich metaphorisch durchwirkter Text kommt der Wahrheit näher als ein Text, der durch Definitionen, durch verdinglichte und instrumentalisierte Begriffe festgezurrt wurde und daran erstickt ist. Die Metaphorik ist das Lebenselement der Sprache.
    Hat die Anatomie nicht eigentlich immer schon die Wahrheit als Leiche gemeint, und ist diese nicht ihr Modell? Hängt sie (bis hin zu den Menschenexperimenten in den Konzentrationslagern) nicht zusammen mit einem rekonstruierbaren blasphemischen Stand der Theologie und des Dogmas?
    Die Metaphorik beschreibt den Organismus des Sprachleibs, die Dogmatik seine Anatomie. Wenn wir begreifen, was in der alten Geschichte die Leberschau und die Beobachtung des Vogelflugs bedeuteten, welche Bedeutung die Ostraka im Zusammenhang mit dem Ursprung der Schrift haben, sind wir dem Verständnis der alten Welt und des Ursprungs des Christentums ein ganzes Stück näher gekommen.
    Die Finsternis und das Wasser sind nicht erschaffen, sondern als Nebenprodukte im Schöpfungsprozeß mit entstanden. Lernen, mit der Angst umzugehen, sie nicht zu verdrängen, wenn wir uns der Vorwelt nähern.
    Hatte nicht Habermas, und auf andere Weise generell die 68er Linke, noch ein gänzlich unangemessenes Zutrauen in Institutionen, in die Wirksamkeit der Mechanismen der Instrumentalisierung? Und war es nicht dieses Zutrauen, daß Habermas dazu verführte, die Naturkritik der Frankfurter zu vorschnell zu verwerfen? Das ist es, was dann in der nächsten Generation (bei Hauke Brunkhorst oder bei Micha Brumlik) gelegentlich völlig unkontrolliert ausbricht.
    Erst in einer Welt, in der die Sprache gegenstandslos wird, wird das Beten funktionslos.
    Was das Christentum in der Folge der Rezeption des Hellenismus nicht verstanden und am Ende dann verdrängt hat, ist, daß die Übernahme der Schuld der Welt sich auf einen sprachlichen Sachverhalt bezieht. Nur innerhalb dieses sprachlichen Zusammenhangs wird verständlich, was im NT Logos heißt.
    Die Asymmetrie im dialogischen Verhältnis korrespondiert mit der Asymmetrie von Zukunft und Vergangenheit, Sprache und Mathematik.

  • 30.12.91

    Beim Turmbau zu Babel wurde die Sprache durchs Urteil, der Name durchs Prädikat ersetzt. Begriffliches Denken ist prädikatives Denken; in der Mathematik wird nicht nur der Name, sondern auch das Urteilssubjekt durchs Prädikat ersetzt: Grundlage der Mathematik ist die Substitution der Identität von Subjekt und Prädikat, die orthogonale Beziehung der Dimensionen im Raum, die dann auch die Materie und die Zeit in eine gleichsam orthogonale Beziehung zum Raum rückt (durch Trennung konstituiert und aufeinander bezieht: erst in diesem systemischen Kontext wird der Raum zeitlos und leer). Diese Einheit von Subjekt und Prädikat, genauer ihr Schein, ist vermittelt durch die Substantivierung des Prädikats (Konstituierung des „Seins“, der Ontologie), die selber der vollständigen Ausbildung der Konjugationen, insbesondere den Futurbildungen sich verdankt. Zusammenhang mit der Konstituierung der Welt, dem Objektivations- und Säkularisationsprozeß (geschichtsphilosophische Konnotationen einer historischen Grammatik; Abhängigkeit der Substantivierung von den Temporalbildungen: ohne Futur keine Hypostasierung und Personalisierung: kein Dogma und keine Sexualmoral)?

  • 22.12.91

    Natur und Welt sind durch die Urteilsform an einander gebunden und von einander getrennt: Natur ist der Inbegriff aller Objekte von Urteilen, Welt der Inbegriff aller Urteile über Objekte. Der unreflektierte Gebrauch dieser Begriffe (ihr Gebrauch im Kontext der Selbsterhaltung, dem Grund der Urteilsform) verfällt ihrem Bann: er macht die Gemeinheit des Urteils unsichtbar. Naturphilosophie, die ihren Zusammenhang mit dem Weltbegriff, dem Prinzip der Selbsterhaltung, nicht reflektiert, verfehlt ihr Objekt.
    Raum und der Ursprung des Scheins (der Gemeinheit): Der Raum ist durch die Neutralisierung des Richtungsmoments (durch die Mathematisierung der Winkelfunktionen oder durch die Neutralisierung der Teleologie und Instrumentalisierung des Zweckbegriffs: durch die selbstverschuldete Unfähigkeit, rechts und links: Zweck/ Grund und Ursache, zu unterscheiden) zur Basis und zum Medium der Instrumentalisierung geworden: Grund der
    – Verdinglichung des Objekts,
    – der Neutralisierung des Namens sowie
    – der Zerstörung der argumentativen Kraft der Sprache;
    Herrschaft des Gravitationsgesetzes.
    Traum, Symbolbildung, Verschiebung und Projektion: So hängen der Traum und die Vorurteilsmechanismen mit dem Raum zusammen. In dem Verhältnis von Verschiebung und Projektion steckt das Relativitätsprinzip. Und die transzendentale Logik ist eine Logik des Vorurteils (der synthetischen Urteile a priori); sie schließt u.a. die Verteidigung des anderen aus (Konstruktion des Selbstmitleids; Zusammenhang mit dem autoritären Charakter: Ausschluß der Verteidigung in Terroristenprozessen; Verteidiger „Organ der Rechtspflege“). Die Bekenntnislogik beschreibt den gesellschaftlichen Kontext des Vorurteils.
    Raum und Umkehr: Die Vertauschung von vorn und hinten und von rechts und links zieht die Vertauschung von oben und unten nach sich. Das „hinter dem Rücken“ (Verwechslung von vorn und hinten) und der Verzicht auf Barmherzigkeit (Verwechslung von rechts und links), mit einem Wort die wölfische Welt und ihr Grund, das Selbstmitleid, unterwerfen die obere Welt der unteren: begründen die Niedertracht und die Gemeinheit, mit einem Wort: den autoritären Charakter. Projektion und Verschiebung gehören zusammen wie die Unfähigkeit zur Verteidigung des anderen mit dem autoritären Charakter (beide wurzeln im Selbstmitleid, in der Erfahrung des „Schreckens um und um“). – Konstruktion der Materie (Ursprung des Inertialsystems) und Rekonstruktion der Sprache (Zusammenhang der Konjugationen mit den Deklinationen) – Der Logos und die Übernahme der Schuld der Welt?
    Wer einen Menschen tötet, zerstört nicht eine Welt, er zerstört seine eigene Welt (die sprachlichen Wurzeln seiner eigenen Welt). Kain wurde „unstet und flüchtig“ (wie der Dornstrauch in der Jotam-Fabel).
    Ist das Opfer Abels das Opfer des Wortes, mit dem Adam die Tiere benannt hat? (Vgl. den „Duft des Wortes“ im Sohar, S. 33)

  • 18.12.91

    Ist das Relativitätsprinzip, die Bewegung des Raumes in sich selber, ein letztes, domestiziertes Echo des Pneuma?
    Das Pneuma hängt mit Wind, Wolken und Gewitter (Blitz und Donner) zusammen, auch damit, daß der Menschensohn „auf den Wolken“ wiederkommen wird, ebenso mit der Wolken- und Feuersäule. Demnach wäre denn das Inertialsystem auch real die Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Kann es sein, daß die Bedeutung der Buchstaben (Aleph, Beth, Gimel, Daleth, He) auch für ihre Ursprungsgeschichte nicht ganz unerheblich ist? Ist in der Bibel eine Erinnerung an den Ursprung der Schrift enthalten? Der Dekalog wurde auf Steintafeln eingegraben, also wohl in Keilschrift? Welches sind die technischen Voraussetzungen der Buchstabenschrift, und wer hat dann das Buch erfunden? Wie heißt der einzelne Buchstabe auf hebräisch (die Bezeichnung für das Buch ist sefer)?
    Ist nicht der Regenbogen ein gegenständliches Äquivalent des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Relativitätsprinzips?
    Ist die schechina die Herrlichkeit Gottes, oder wie hängt sie damit zusammen?
    Empörung und Fall, Materialisierung und Ursprung des moralischen Urteils, sind korrelative Begriffe.
    Nur Gott darf sagen: Seid barmherzig, wie ich barmherzig bin. Wenn der Täter vom Opfer Barmherzigkeit (Vergebung) fordert (oder die Kirche in einer blasphemischen Anwendung des Bußsakraments den Tätern ohne Befragung der Opfer deren Barmherzigkeit zuspricht), so heißt das Gott versuchen.
    Die Selbstverfluchung der Kirche läuft über die projektive Verurteilung der andern und die ausbeutende Selbstidentifizierung mit dem Opfer. Sie ist zwangsläufig und systembedingt mit der Geschichte der Leugnungen verbunden (sind nicht in der Geschichte der drei Leugnungen die „Umstehenden“ die Welt, und sind die beiden letzten Leugnungen – nach dem Urschisma der ersten Leugnung – nicht fortschreitende Weigerungen, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen: Identifikationen mit dem Aggressor, Folgen des Rechtfertigungszwangs?).
    Sind die Konnotationen des Begriffs der Herrlichkeit („Herr“) auch im Begriff des kabod schon enthalten? – „Herrlichkeit“ und „Frau Welt“: Was bedeutet ist, wenn das Weibliche (in der Kabbala die linke Seite) mit dem Weltlichen in eins gesetzt wurde?

  • 16.12.91

    Ignaz Goldziher (Der Mythos bei den Hebräern, Leipzig 1876) weist darauf hin, „daß in den semitischen Sprachen zur Bezeichnung des Begriffs „Theil“ Wörter verwendet werden, welche „Seite“ bedeuten“ (S. 137). Das stimmt damit überein, daß hier offensichtlich die erst mit dem begrifflichen Denken (mit dem Begriff der Materie) entspringende neutralisierte Beziehung des Ganzen zu seinen (abtrennbaren) Teilen noch fehlt. „Im Angesicht“ und „hinter dem Rücken“ sind (ebenso wie die Rechte und die Linke) in der Tat nur zwei Seiten der gleichen Sache, aber nicht zwei Teile eines gegen seine Teilung neutralen Ganzen. Dieses Ganze ist das Unwahre.
    Opfer, Idolatrie und Sternendienst (was entspricht dem bei den Ägyptern?) gehören einer Phase der Geschichte an, in der der Bekenntnisbegriff und der Materiebegriff sich noch nicht gebildet hatten. Anfänge im Kontext des Instituts der Schuldknechtschaft?
    Der Personbegriff substituiert dem Antlitz die Maske, bringt das Antlitz zum Verschwinden, macht die Person zum (objektivier- und austauschbaren) Träger des Namens.
    Lachen und Bekenntnis: Den zwei Seiten den Bekenntnisses entsprechen die zwei Seiten des Lachens. Das Bekenntnis und das Lachen sind Produkt und Ursache der Verinnerlichung des Opfers und des Exkulpierungs- und Rechtfertigungszwangs (Ursprung der Person; reicht über die Theodizee bis in die Trinitätslehre hinein).
    Der Witz und das Bekenntnis: Beide haben ein Objekt (Feindbild) und einen Adressaten (den Komplizen); und Frauen sind nicht bekenntnisfähig und können deshalb keine Witze erzählen. Ist das Bekenntnis ein Witz über die Juden? Bekenntnis als Medium der Selbstverfluchung.
    Die Reversibilität der Richtungen des Raumes ist zusammen mit der Irreversibilität der Zeit und der Indifferenz gegen das Objekt (bei gleichzeitiger Determination seiner Struktur) nur im dreidimensionalen Raum konstruierbar (Beziehung zum Bekenntnis: dessen Indifferenz gegen seinen Inhalt, der zugleich absolut determiniert ist durch Trinitätslehre und Opfertheologie).
    Das materielle Objekt wird im Raum durch den bloßen Punkt repräsentiert; seine Ausdehnung, seine Masse, sein Widerstand erzeugen den Schein, als kämen die Dinge „von außen“ in den Raum hinein. Dieses Außen (auf das dann die Schöpfungsvorstellung sich bezieht) aber gibt es im Verhältnis zum Raum nicht; es ist vielmehr die Vorstellung des Außersichseins der Dinge selbst, die erzeugt wird durch ihre Subsumtion unters Raum-Zeit-System. So sind sie per definitionem tot, gegenständlich, verfügbar. Genetischer Zusammenhang mit der Geschichte der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers, real mit dem Mord: Am Anfang der Geschichte steht der Brudermord, der den Kain zeichnet und „unstet und flüchtig“ werden läßt, ebenso wie dann in der Jotam-Fabel den Dornstrauch.
    Mit dem letzten Satz des Buches Jona beginnen (und das Buch Tobit einbeziehen). – Welche Organe werden dem Fisch im Buch Tobit entnommen und zu welchen Zwecken? Jona wird von dem Fisch verschlungen, der im Buche Tobit erlegt wird (und durch den die Sara von dem Dämon Asmodai befreit und der Tobit von seiner Blindheit geheilt wird); Ninive wird im Buche Jona verschont, im Buche Tobit unter Berufung auf den Prophetenspruch des Jona zerstört. Gibt es im Buche Tobit eine Entsprechung zum letzten Satz des Buches Jona (rechts und links unterscheiden)? Welche Bedeutung hat das Symbolum (der Aufbewahrungsvertrag) beim Tobit? Handelt es sich nicht um zwei postapokalyptische Varianten?
    In der Schrift bewirkt die Beschämung entweder ein Erröten oder ein Erblassen. Worin liegt der Unterschied? – Im Adressaten: Ich erröte vor anderen und erblasse vor mir selbst.

  • 15.12.91

    War der König das überlebende Opfer (ein Nachfahre und Erbe des Helden)? Welche Bedeutung hatte dann die Salbung (Zusammenhang mit dem ägyptischen Totenkult)?
    Das kann man wieder ganz wörtlich verstehen: die Theologie aus den Verstrickungen der Welt lösen.
    Sind die Menschensöhne die „Söhne Adams“ und ist der „Menschensohn“ der Sohn Adams (während die Menschentöchter die Töchter Adams sind) (Gen 6 u. 11)?
    Zu den Geheimnissen der Schrift: Gehören die Hieroglyphen zum Totenkult (und den Pyramiden) und gehört die Keilschrift zur Verbindung von Sternendienst, Opferkult und hieros gamos (und zum Turmbau zu Babel)?
    Babylon und Ägypten: Aber wer waren dann die Perser, wer war Kyros, der den Juden die Rückkehr nach Israel ermöglicht hat?
    3 + 4 + 5 = 12: Ein Dreieck mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 bildet einen rechten Winkel.
    Das Bekenntnis wird gewöhnlich im Hinblick auf das Verhältnis von Innen und Außen verstanden. Die Bindung nach innen rückt den Feind, den Verräter und die Frauen nach draußen. Eine völlig andere Bedeutung gewinnt das Bekenntnis, wenn es auf das Verhältnis Im Angesicht / Hinter dem Rücken bezogen wird (Bekenntnis als Heiligung des Namens). Das Verhältnis Innen / Außen ist das der Menschen in Ninive, die Rechts und Links nicht unterscheiden können.
    In dem noch nicht durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem würde es die Möglichkeit der Richtungsumkehr im Raume nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch geben müssen; dagegen steht jetzt das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
    Der Unterschied zwischen der Umkehr und dem Wenden (das Innere nach außen kehren, wobei gleichzeitig eine Dimension umgekehrt wird).
    Was ist der Unterschied zwischen schwachen und starken Verben (unregelmäßiger und regelmäßiger Konjugation): „geschnien“ (wie ich als Kind einmal gesagt habe) und „geschneit“.
    Zernichten:
    – „Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte.“ (Georg Büchner an seine Braut im November 1833)
    – „Zeit ists zu handeln für den Herrn – sie zernichten deine Lehre.“ (Ps 119126, so übersetzt und zitiert bei Franz Rosenzweig)
    Desiderate materialistischer Geschichtsforschung:
    – die Geschichte der Banken und des Geldwesens;
    – die Ursprungsgeschichte der gegenwärtigen Situation in Deutschland:
    . die Funktion der Treuarbeit bei der Arisierung des jüdischen Vermögens und bei der Umstellung und Reorganisierung der Wirtschaft in den fünf neuen Bundesländern;
    . die Bedeutung von Auschwitz, der Ausbeutung der Häftlinge, der Zwangs- und Fremdarbeiter sowie
    . deren Ersatz durch den Einsatz der „Gastarbeiter“ und die Ausbeutung der Dritten Welt (durch die ihr auferlegten Handelsmechanismen) nach dem Krieg
    für den Modernisierungsschub, die Anpassung an die veränderten Reproduktionsbedingungen, die Grundlagen und die Stabilität der Wirtschaft nach dem „Wirtschaftswunder“ und schließlich für den Reichtum im Westen insgesamt.

  • 13.12.91

    Man muß den Satz Wittgensteins „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, wenn man ihn verstehen will, umkehren: Alles, was der Fall ist, ist die Welt. Das „alles, was der Fall ist“ ist Subjekt und „die Welt“ Prädikat.
    Beim Turmbau zu Babel wurde der Name durchs Prädikat ersetzt. Begriffliches Denken ist prädikatives Denken; in der Mathematik wird nicht nur der Name, sondern auch das Urteilssubjekt durchs Prädikat ersetzt: Grundlage der Mathematik ist die Substitution der Einheit von Subjekt und Prädikat, die orthogonale Beziehung der Dimensionen im Raum, die dann auch die Materie und die Zeit in eine gleichsam orthogonale Beziehung zum Raum rückt. Diese Einheit von Subjekt und Prädikat, genauer ihr Schein, ist vermittelt durch die Substantivierung des Prädikats (des „Seins“), die selber der vollständigen Ausbildung der Konjugationen, insbesondere den Futurbildungen sich verdankt. Zusammenhang mit der Konstituierung der Welt, dem Objektivations- und Säkularisationsprozeß (geschichtsphilosophische Konnotationen einer historischen Grammatik)?
    (Ist es denkbar, daß es eine reale Beziehung der Toten zur toten Natur gibt: daß das Opfer zu den Konstituentien des Inertialsystems gehört – einschließlich der realen Opfer der Hexenverfolgung?)
    Hegels Geschichtsphilosophie ist eine Philosophie der Weltgeschichte, d.h. Hegel macht das Prädikat zur Totalität und als Totalität zum Subjekt der Geschichte. Aber was Hegel hier zum Subjekt der Geschichte macht, ist das entfremdete Prinzip der Subjektivität („der Geist, der draußen ist“ – Sohar, S. 179). Die Welt wird zum Subjekt der Geschichte als Inbegriff des anklagenden und richtenden Prinzips, der scheidenden und verdrängenden (verschiebenden und projektiven) Kraft.
    Was bedeutet der Satz (Mt 63): „Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte Hand tut“: Es soll nicht in der Öffentlichkeit geschehen („laß es also nicht vor dir herposaunen“), sondern im Verborgenen („dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“): Die linke Hand repräsentiert die Öffentlichkeit („alle Welt“)!
    „Alle Welt“: das sind die nicht widerlegbaren Urteile aller (Bekenntnis- und Beweislogik).
    Gibt es Berührungspunkte zwischen dem haggadischen Teil der Kabbala und dem Märchen (Zusammenhang der Motive: König, Prinz, Prinzessin, Hexe, Zauberer)?
    Zur Kritik der Fundamentalontologie: „Nur nicht mehr an das denken,/ was meine Seele so betrübt,/ doch auf den Sinn des Seins/ Gedanken und Gefühle lenken,/ auf das, was einst ich so geliebt.“ SS-Sturmbannführer Viktor Arajs, 1979 wegen gemeinschaftlichen Mordes an 13 000 Menschen zu lebenslänglicher Haft verurteilt, in einem im „Rundbrief für den Freundeskreis“ (Nr. 2/1986) veröffentlichten Gedicht (zitiert nach Ernst Klee: Persilschein und falsche Pässe, Frankfurt 1991, S. 117).
    Ist die kopernikanische Theorie ein Pendant des Hexenhammers?
    Den Himmel aufspannen: erinnert das nicht an den Spannungsbogen in der Musik (an Glenn Goulds Einspielung des Wohltemperierten Klaviers oder an Bredels Schubert) und an die Spannung im Roman?
    Das Gewaltmonopol des Staates zerstört die argumentative Kraft der Sprache.
    Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen Mizrajim (Ägypten) und den Mizwot (den Geboten)?
    Sind in der Geschichte der raf Ulrike Meinhof und Holger Meins nicht doch von Gudrun Ensslin und Andreas Baader zu unterscheiden?
    Der Begriff des Nichts ist durch das Geld (das den Dingen von außen, durch ihre Beziehung zum Tausch, Realität verleiht) und durch die Vorstellung des Raumes vermittelt (durch die Vorstellung des „leeren Raumes“, in den die Dinge von außen, aus dem „Nichts“ hereinkommen). Aber dieses Nichts ist Statthalter der verdrängten Wahrheit.
    Der Sündenfall ist ein Vorgang in der Sprache („Die Welt ist alles, was der Fall ist“) und erst danach ein Vorgang in der Geschichte. Darin gründet die Bedeutung des Gebets.
    Der Atheismus ist eine notwendige Folge aus dem Schein der Unkritisierbarkeit der Bekenntnislogik. Atheismus unausweichliches Produkt des Herrendenkens; einzige Absicherung gegens Herrendenken ist die Theologie.
    Magie und Verzweiflung (Sprache und Sexualität): Verknüpfung von Magie und Religion nur unter dem Vorzeichen der Sexualmoral, nicht des Sprachdenkens (Katharer und Ursprung der Kabbala); Personalismus als Konkretismus im sexualmoralisch definierten Kontinuum. Golem Deckbild der Erlösung. Grenze der Magie: der Golem kann nicht sprechen (in der Schöpfungsgeschichte bara dreimal: Himmel und Erde, die großen Seeungeheuer, der Mensch). Golem und Alchemie (Goldmachen).
    Differenz zwischen Held und Messias (Jesus ein Held?).
    Sintflut und Grenze zwischen Vorwelt und Welt. „…, daß es das Ich ist, welches die Flut bringt“ (Sohar, S. 119). Zusammenhang mit der Änderung des Nahrungsgebots (Erlaubnis Fleisch zu essen), dem Noachidischen Bund, dem Regenbogen (Farben in der Schrift?).
    Die Barbarei beginnt, wenn die Bekenntnisse zu Zeichen der Komplizenschaft, wenn sie indifferent gegen die Welt und zugleich austauschbar werden (Hexenhammer und Bekenntnis: Hexe wird man durch den Teufel; zuerst Abschwören des Bekenntnisses, dann die Teufelsbuhlschaft; schwarze Messen; Zusammenhang mit der Vorgeschichte der Katharer? Affinität des Protestantismus? Sprachmagie und Teufelsbuhlschaft: hieros gamos und Sternendienst; Zusammenhang zwischen Hexen und dem Herrn der Tiere, dem wilden Heer).
    Wir leben in einer gemeinsamen Welt, aber wir sehen sie gemeinsam nur durch die Sprache.
    Hängt der exzessive Gebrauch von Prä- und Suffixen mit der Akkusativierung der Sprache, mit ihrer Instrumentalisierung und Verwandlung in eine Herrensprache zusammen?
    Die Umkehr ist nicht das Ziel, sondern der Anfang.
    Der Eid als Selbstverfluchung.
    Zu Elias als Bote des Messias sh. Maleachi.
    Nicht die Unterscheidung von Innen und Außen (Hellenen und Barbaren, Guten und Bösen; Basis der kontemplativen Beziehung zur Objektivität), sondern die von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“ (Israeliten und Hebräer; Grundlage der praktisch-moralischen, der messianischen Beziehung zur Objektivität): die Hereinnahme der Beziehung aufs Andere ins Denken ist das Tor zur Theologie (der Satz gilt auch gegen die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Kritik: Intersubjektivität, der Beweis durch Unwiderlegbarkeit, ist gegen Gemeinheit nicht gefeit).
    Die Mechanik ist deshalb die Kerndisziplin der gesamten Physik, weil sie die Beziehungen der Dinge auf die rein äußerliche Beziehung des Stoßes reduziert. Die hier gewonnenen Begriffe und Strukturen sind Ursprung und Maß der gesamten naturwissenschaftlichen Erkenntnis (Raum: von allen Seiten von außen). Hier ist auch die Vorstellung begründet, daß nur Nahwirkungen, Wirkungen durch Berührung, als Erklärung zugelassen, Fernwirkungen hingegen vom Grundsatz her ausgeschlossen sind. Daher hatte die Physik ihre Probleme sowohl mit der Gravitationstheorie (Descartes‘ Versuch, den Fall aus den Trägheitskräften der Zentrifugalbewegung herzuleiten) als auch mit der Optik und der Elektrodynamik (Ätherhypothese).
    Materie keine extensive, sondern intensive Größe, über die Begriffe der Dynamik mit dem Inertialsystem und seiner Metrik verbunden.
    Die toledot sind der Zentralbegriff einer Einheit von Geschichts- und Naturphilosophie (und was heißt „von Geschlecht zu Geschlecht“?).
    Wer der Gottesfurcht zu entkommen versucht, verletzt die Thora. Die Gottesfurcht ist der genaueste Begriff für die Beziehung zur hebräischen Schrift. Und die Gottesfurcht ist das Ende der Herrenfurcht: der Furcht vor der Welt, vor dem Urteil der Welt.
    Ist nicht die griechische Metaphysik nur eine vergeistigte Form des Sternendienstes, und die aristotelische noesis noeseos, das Denken des Denkens, ein Abbild des sinnlosen Kreisens der Planeten? Nicht zufällig hat die Aristoteles-Tradition den intellectus agens in der Mondsphäre lokalisiert. Und die Kugel als Modell der Vollkommenheit ist einsichtig nur im Rahmen des Innen-Außen-Gegensatzes.
    Gott hat auch die Welt erschaffen, aber erst am fünften Tag, als er die „großen Seeungeheuer“ schuf (erschaffen sind Himmel und Erde, die großen Seeungeheuer und die Menschen). Mir scheint, es ist kein Zufall, wenn die Geschichte der Philosophie mit Thales, mit dem Satz „Alles ist Wasser“, beginnt und mit einer Gestalt des Absoluten endet, in dem kein Glied nicht trunken ist.
    Im Licht der Sprache sehen lernen!
    „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, laß mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Laß die Toten ihre Toten begraben.“ (Mt 821f)

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie