Vor vierzig Jahren habe ich ernsthaft vor der Frage gestanden, ob es nicht möglich oder gar notwendig sei, Jude zu werden. War dann aber der Meinung, daß es unzulässig sei, von der Täterseite auf die Opferseite zu wechseln. Das gleiche Problem hatte ich, als ich jetzt der Christlich-jüdischen Gesellschaft beigetreten bin: Ich sah darin die Gefahr, insgeheim doch so etwas wie Exkulpation zu erwarten aus dem Umgang oder der „Freundschaft“ mit lebenden Juden, sie als Versöhnungsinstanz zu mißbrauchen und zu überfordern. Versöhnung, scheint mir, wäre nur möglich, wenn sich das, was geschehen ist, ungeschehen machen ließe: als Versöhnung mit den Opfern, nicht mit den Überlebenden. Zwischen ihnen und mir (auch zwischen Franz Rosenzweig, den ich für einen Prüfstein dieser Geschichte halte, und mir) steht Auschwitz; ich kann mich nicht aus der Täterseite davonstehlen; ich kann dieser Schuld (und damit der Gottesfurcht) nicht entgehen. Die Gefahr des Philosemitismus ist dieser Wunsch, der Gottesfurcht zu entgehen. Hermann Cohen hat einmal über den Zionismus gesagt: „Die Schufte wollen genießen“. Dieser Satz ist nach Auschwitz nicht mehr zu halten; aber ich habe das Gefühl, er hat aktuelle Bedeutung als Prüfstein für den christlichen Teil am „christlich-jüdischen Dialog“. In uns allen steckt eine Exkulpationsgier, mit der wir rechnen müssen, der wir nicht verfallen dürfen, sondern die wir aufarbeiten müssen, wenn wir nicht im alten Sumpf noch tiefer versinken wollen.
Joh 129: Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi. Dieser Satz enthält die entscheidende Wendung, führt aber zugleich in eine falsche Richtung. Der entscheidende christologische Satz ist in der Tat der, daß Jesus „die Schuld der Welt auf sich genommen“ hat. Die Konsequenz jedoch, die die Opfer- und Gnadentheologie unter Mißbrauch von Jes 53 daraus gezogen hat, daß wir die Früchte des „Opfertodes“ (ist dieser Ausdruck biblisch, oder nur ein falscher Schluß aus Jes 53?) und des Sühneleidens genießen können (wenn wir das richtige Bekenntnis haben), ist nicht christliche, sondern Täufertheologie, Theologie ante Christum. Theologie post Christum wäre eine Theologie, die dem Nachfolgegebot genügt: daß wir die Schuld der Welt ebenfalls auf uns nehmen, daran mitwirken, daß die Last endlich sich auflöst, anstatt weiterhin vermehrt wird. Das hat dann theologische Konsequenzen, insbesondere die, daß wir nur noch Theologie im Angesicht Gottes treiben können, nicht mehr hinter seinem Rücken. Für mich liegt die große Bedeutung Franz Rosenzweigs u.a. darin, daß er die Umkehr zu einer „erkenntnistheoretischen“ Kategorie gemacht hat. Aber zwischen dem „Stern der Erlösung“ und uns liegt Auschwitz. Deshalb kann eine Theologie heute nur noch gelingen (sie kann im wörtlichsten Sinne dem Geschwätz nur entgehen), wenn sie diese Sätze in ihren Erkenntnisbegriff mit aufnimmt: „Richtet nicht …“ „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“ Sonst kommt wieder eine Theologie der Wölfe (vielleicht im Schafspelz: Grund des christlichen double bind) dabei heraus.
Ich frage mich, ob man (wenn überhaupt) einen „Gottesbeweis“ heute daraus ableiten könnte, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher, sondern „nur noch“ ein theologischer Tatbestand ist (aufzulösen nur gemeinsam mit der Auflösung des Geschwätzes: durch ein Leben, Denken und Handeln „im Angesicht Gottes“).
Hat der Protestantismus sich die Nachfolge durch die Rechtfertigungslehre selbst verstellt?
Um die adamitische benennende Kraft der Sprache wiederzugewinnen, wäre es notwendig, so etwas wie eine Geschichte der Scham zu schreiben: Über das Verhältnis von Scham und Sprache, über Scham und Sprachverhinderung, -vernichtung, das sicherlich in das Verständnis (die Benennung) der Tiere hereinreicht. Das apokalyptische Tier wäre vielleicht zu erkennen als der politisch-historische Gesellschaftskörper, wie er nach endgültiger Sprachzerstörung sich darstellt. Zu beschreiben wäre, wie der Turmbau zu Babel im historischen Prozeß nach innen schlägt, zusammenfällt mit der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft und der Veräußerlichung der Außenwelt (Geschichte der Konstituierung des Objektbegriffs).
Der Nominalismus ist in sich selber realistisch vermittelt.
Die Waren- und Aktien-Börsen sind die Institutionen, die im Bereich der Herrschaft des Tauschprinzips die Stelle vertreten, die die Erhaltungssätze in der Physik einnehmen (Erhaltung der Masse: Warenbörse; Erhaltung der Energie: Aktienbörse).
Die Geschichte der Architektur hat ihre „seinsgeschichtliche“ Bedeutung in ihrer Beziehung zur Geschichte der Entfaltung der Vorstellung des Raumes. Architektur war substantiell, solange es noch eine sinnvolle und begründete räumliche Unterscheidung zwischen Innen und Außen gab (Intimsphäre und Öffentlichkeit: Geschichte der Scham). Heideggers „Haus des Seins“ erinnert an diese Geschichte, führt aber nur zurück auf ein barbarisches Innere.
Die Geschichte der Architektur ist das Medium der Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und dem Licht (Hegel). Architektur als der Versuch, der Geschichte des Falls Widerstand entgegenzusetzen; sie hat heute kapituliert, die Niederlage besiegelt und das Reich dem Kapital überlassen (bis zum Sieg der sozialen Marktwirtschaft). Die Geschichte der Quantenmechanik ist der letzte Ausläufer der Geschichte der Architektur. Und die Geschichte der Naturwissenschaften steht in der Tradition der Geschichte des Turmbaus zu Babel. Hier ist der Punkt erreicht, wo der Turm an den Himmel heranreicht (die Sprachverwirrung sich vollendet).
Gibt es eine Beziehung zwischen der Geschichte der Idolatrie und der Münzgeschichte? – Der Tempel von Jerusalem war die Bank von Israel; die Münzen enthielten das (blasphemische) Bild des Caesars; Ursprung der Münzen im Tieropfer?
Woher stammt der Begriff der Hostie? Ist der Tabernakel Erbe der Tempelbank?
Sprache
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05.04.91
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25.03.91
Das Bild vom Hirten und den Schafen wäre zu beziehen auf die Schafe, die (nach dem Agnus Dei – Joh. 129, Jes. 534ff) die Schuld der Welt auf sich nehmen. Handelt es sich hier um Lämmer, Schafe oder junge Widder (Opfer Abrahams – Gen. 22, islamisches Opferfest)? Ist hierin das Bild des Schafes, das zur Schlachtbank geführt wird, und das vom Sündenbock (Lev. 16) mit enthalten (nur in veränderter Konstellation)? Und sind die Hirten (die Episkopoi) die, die die Schafe zur Schlachtbank führen, oder die, die durch Lehre Hilfe leisten bei der „Nachfolge“? Kritik des christlichen Bildes vom dummen, subjekt- und bewußtlosen Schaf (Agnus ist in der christlichen Tradition ein Frauenname geworden!).
Katholizismus, Bekenntnis und Sexualmoral: Die Angst und die Wut, die sich einmal (in der Ketzerverfolgung) gegen das abweichende Bekenntnis richteten, wendet die Kirche heute gegen Empfängnisverhütung und Abtreibung; die Aggression wird aus dem Erkenntnisbereich in den moralischen Bereich verschoben. Von der frühkirchlichen (männlichen) Heiligengestalt des Bekenners (deren Pendant die Jungfau als weibliche Heiligengestalt war) ist die Lust am moralischen Urteil Übriggeblieben; zugrunde liegt die Vorstellung, Unschuld sei in dieser Gesellschaft möglich, eine Vorstellung, die nur unter der Voraussetzung funktioniert, daß der gesellschaftliche Schuldzusammenhang (die „Schuld der Welt“, Grundlage und Reflexionsobjekt des Nachfolgegebots) verdrängt, geleugnet wird. Die Lust am moralischen Urteil aber (und nicht ihr Gegenstand) ist im strengen Sinne obszön; sie legitimiert die Gewalt, die sie von sich (vom Urteilenden, der sich durch das Urteil selbst freispricht) auf das Objekt des Urteils ablenkt (er ist schuldig und hat die Strafe verdient); die Lehre der Kirchenväter, daß in der Lust die Erbschuld sich fortpflanzt, trifft auf diese Urteilslust und nicht auf die sexuelle Lust zu. Anmerkungen hierzu:
– Erstes Objekt des moralischen Urteils ist nicht zufällig die Sexualität; dagegen gilt: „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht.“ (Adorno: Minima Moralia)
– Ursprung und Geschichte der „Urteilslust“ hängt zusammen mit der materiellen Geschichte der Gesellschaft, mit der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur (Exkulpation der Selbsterhaltung, in letzter Konsequenz der Macht: des Gewaltmonopols des Staates, das pauschal der Kritik entzogen wird; Konstituierung der Gemeinheitsautomatik; Ursprung des modernen Naturbegriffs: nur im Bereich der Sexualmoral gibt es den Schein natürlicher Unschuld: die Keuschheit).
– Anwendung auf die Kirchengeschichte: Der skandalöse Teil der Papstgeschichte (und die mittelalterliche kirchenpolitsche Konsequenz des Zölibats, mit Auswirkungen auf die Eschatologie, die Systematisierung des „Jenseits“, mit deutlichem Vorrang von Hölle und Fegfeuer; Konsequenz der Opfertheologie und der Gnadenlehre) ist eine zwangsläufige Folge aus der Verschiebung der Erbsünde von der Urteilslust auf die sexuelle Lust (erklärbar durch die Mechanismen des Wiederholungszwang). Unter diesem Aspekt die Kirchengeschichte neu schreiben:
. Urteilslust Folge des Verzichts auf Herrschaftskritik; Kirche Teil der Herrschaftsgeschichte (Funktion der Schöpfungslehre und unkritische Rezeption des Weltbegriffs; Geschichte der Häresien wird durchsichtig und ableitbar).
. Zusammenhang von Antjudaismus, Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft;
. Ursprung des Faschismus.
– „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 71):
. Urteilslust und moralisches Urteil als Selbstverfluchung (Umkehrung des Nachfolgegebots nur durch Umkehr heilbar; die dritte Verleugnung des Petrus: und er ging hinaus und weinte bitterlich – Mt 2634);
. Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Objektivations- und Erkenntnisprozeß.
– „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe, seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (Mt 1016): .Parakletisches (theologisches) Denken unterscheidet sich vom anklagenden und richtenden Denken (vom Herrendenken) nur durch die „Arglosigkeit“ (durch Verzicht auf Personalisierung von Schuld, Verzicht auf Verdrängung und Projektion, Verzicht auf Feinddenken: Ziel ist nicht das Dingfestmachen der Bosheit, das Schuldigsprechen, sondern die Auflösung der Dummheit in der Bosheit);
. der Verteidiger muß die Fakten und die Gesetze besser kennen als der Ankläger;
. Konsequenz ist nicht die Enthaltung des Urteils, sondern die Umkehr der Intention (Parteinahme für die Opfer, Votum für die Armen und die Fremden und deren Nachfolger und Erben);
. Zusammenhang von Herrschafts- und Selbstkritik im Zeitalter der Vergesellschaftung des Herrendenkens (pathologische Auswirkungen nachweisbar in der Vergesellschaftung dessen, was einmal Majestätsbeleidigung hieß: Abwehr von Kritik durch Aggression; psychotische Reaktionen liegen heute der Normalität, dem herrschenden Realitätsprinzip, näher als neurotische: paranoische Verletzbarkeit Grund des autoritären Denkens).
– „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit werden zur Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 819ff)
. Der naturwissenschaftliche Objektbegriff ist Repräsentant der Gewalt, mit der die Natur (ohne Wissen und hinter dem Rücken der Erkennenden) instrumentalisiert und der gesellschaftlichen Herrschaft unterworfen, in den Prozeß der Naturbeherrschung hereingezogen wird. Sprachlicher Ursprung des Objektbegriffs ist der Akkusativ: naturwissenschaftliche Erkenntnis Inbegriff des Systems eines anklagenden, richtenden Denkens (Erbe der Inquisition); dagegen müßte verteidigendes (parakletisches) Denken sich zum Organ der Klage (der Sehnsucht, des Seufzens) der Kreatur machen. Dem … -
25.02.91
Trinitätslehre: Für Gott: Ich/Du/Er, für Jesus: Du/Ich/Er, für den Geist (und für uns): Er/Du/Ich. Wie wird die dritte Person zur ersten (und die erste zur dritten)? Die Barmherzigkeit gewinnt erst Grund, wenn sie die richtende Gewalt ganz in sich aufgenommen hat, selbst zur richtenden Gewalt geworden ist (als Gericht über das Weltgericht, das wäre dann das Jüngste). Die Trennung von Gericht und Barmherzigkeit (Erde und Himmel) ist der Grund der Erzeugung des Chaos-Drachens?
(Was ist mit Ich/Er/Du, Du/Er/Ich, Er/Ich/Du? Ist der Sohn niemals dritte und der Geist niemals zweite Person, während allein die erste sich durch alle drei Personen durchkonjugieren läßt – kann die zweite nicht zur dritten und die dritte nicht zur zweiten Person werden, ist die Grenze zwischen zweiter und dritter Person unübersteigbar – Grund der Einzigkeit des Vaters?)
Bekenntnis und Familienbande: Ödipus-Komplex; double-bind; Geschichte der Auseinandersetzung mit den Eltern Voraussetzung und Modell der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur (Stellung der Familie im historischen Reproduktionsprozeß: Struktur und Gewalt des Familienmythos abhängig von der Stellung der Familie in der Gesellschaft – vgl. Hannah Arendt: Erpressbarkeit der Väter); Bekenntnis zur Familie, Auflösung des Inzest-Tabus?
Die Wendung, daß Gott außer Himmel und Erde auch das Meer erschaffen hat, scheint außer im NT nur im Buch Jona (im „Bekenntnis des Jona“) vorzukommen (außerdem im Dekalog) (vgl. Jürgen Ebach KuJ, S. 28). -
20.02.91
Schneisen schlagen:
– Theologie im Angesicht/hinter dem Rücken Gottes (vgl. Jürgen Ebach, UuZ, S. 51ff: Der Gottesgarten liegt im Antlitz Gottes; bedeutet „hinter dem Rücken Gottes“: im Angesicht des Feindes? – Im Angesicht = in den Augen von, im Urteil von),
– Subsumtion der Zukunft (der Versöhnung) unter die Vergangenheit (Theologie hinter dem Rücken Gottes) als Basis des Herrendenkens,
– „sanctificetur nomen tuum“: was geschieht dem Kind, dessen Mutter in seiner Gegenwart über das Kind redet: sie macht das Kind sich selbst und der Mutter zum Feind (und verdeckt diese Feindschaft durch symbiotische Bindung); genau das machen unsere Theologen mit Gott; – haben unsere Theologen einmal nachgefragt, was die Juden unter der „Heiligung des Gottesnamens“ verstehen?
– zum Begriff des Ewigen (Umkehr: Heute, wenn ihr meine Stimme hört),
– Bekenntnis: Herrendenken und Instrumentalisierung,
– Kritik des Personbegriffs (Produkt der Verinnerlichung der falschen Versöhnung),
– Kritik des Inertialsystems (Entfremdung, Grund der Instrumentalisierung, Löschung der benennenden Kraft der Sprache: Produkt der falschen Versöhnung),
– Kritik des Herrendenkens (Begriff und hierarchische Struktur der Logik; Herrschafts-, Schuld-, Verblendungszusammenhang),
– Dornen und Disteln (Ursprung der Gewalt, Herschaft von Menschen über Menschen),
– Ursprung und Kritik der Gewalt (Verhältnis zur Logik; Logos: Begriff oder Name?),
– Ansteckung durch Gewalt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“
– „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“,
– Petrus: Schlüsselgewalt und dreifache Verleugnung: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung,
– imitatio Christi, die Gottesfurcht (dazu gehört auch die Lektüre des Angehörigen-Info),
– Natur und Welt als Totalitätsbegriffe zur Absicherung des Herrendenkens, Neutralisierung der Gottesfurcht (Zusammenhang mit der Grenze/Ausdehnung von Natur und Welt – Rom, Kopernikus),
– Welt und Schöpfung: Ursprung und Geschichte der Häresien (Orthodoxie und Weltbegriff: Instrumentalisierung der Theologie; Äquivalenz von Bekenntnis und Trägheitsgesetz),
– Welt und Geschichte: geschichtliche und kosmische Religion; Genealogie, Chronik, Prophetie vs. Mythos; Christentum und Verweltlichung; Ursprung und Geschichte von Antijudaismus, Ketzer- und Hexenverfolgung,
– Verweigerung/Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Idee der Versöhnung: offene Zukunft und abgeschlossene Vergangenheit; die Öffnung des Raumes schließt die Vergangenheit ab),
– nicht Ökumene, sondern Entkonfessionalisierung der Kirchen,
– die raf und der Golfkrieg: die Welt gleicht sich immer mehr dem Verfolgungswahn an, durch den sie zugleich falsch abgebildet wird (seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben),
– es kommt nicht aufs Rechtbehalten an (Bekenntnissyndrom; Rechtbehaltenwollen als Teil der „Versuchung“: et ne nos inducas in tentationem),
– wer unbedingte Gewißheit: die Zukunft dingfest machen will, zahlt zwangsläufig den Preis der Entfremdung, weil er es nicht erträgt, in der Furcht Gottes zu bleiben; er ist zur Verdummung verurteilt,
– wo kein Kläger, da kein Richter (Hauptsache: nicht erwischt werden): sich der Anklage stellen, anstatt die Schuldgefühle, die sie auslöst, zu verdrängen.
Bekenntnis und Komplizenschaft: Die Komplizenschaft ist in den Weltbegriff bereits eingebaut. Als Bürger des Staates (sowie als Käufer in einer durch Geldwirtschaft bestimmten Gesellschaft) bin ich als Komplize der Herren (durch Identifikation mit dem Aggressor) selbst Herr über die Unterworfenen (und die Produzierenden, die Arbeit und das Produkt der Arbeit anderer). Entlastung von den Schuldgefühlen bringt die Absicherung der Selbstexkulpierung durch das „homologe“ Bekenntnis aller: Wo kein Kläger, da kein Richter. Erst durchs Bekenntnis (durchs Bekenntnis zu den geltenden Werten: zum moralischen Urteil, bzw. durch Identifikation mit dem Aggressor und Verzicht auf die Anklage gegen ihn) werde ich real zum Komplizen. Dieses „Bekenntnis“ (und das gilt heute auch für das kirchliche, konfessionelle Bekenntnis) ist ableitbar als Umkehrung des Schuldbekenntnisses (als falsche Versöhnung: Leugnung der offenen Schuld in der Gegenwart und Dekretierung der Versöhnung als einer in der Vergangenheit bereits geleisteten; Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; das sich Verstecken des Adam („unter den Bäumen des Gartens“), Flucht aus dem Angesicht Gottes, dreifache Leugnung des Petrus: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung; Instrumentalisierung der Scham).
Ist das homologein (Bekennen) nur ein anderer Ausdruck für das akolouthein (die Nachfolge)? „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Beherrscht der Mond die Natur und die Sonne die Welt? Die Sonne erleuchtet (herrscht über) den Tag, der Mond die Nacht.
Die Vorstellung des (nicht vorstellbaren) unendlichen Raumes hat Natur und Welt als Totalitätsbegriffe konstituiert: vorher waren beide begrenzt, gab es noch ein Außerhalb.
Der philosophische Begriff des Kontingenten konnte nur deshalb mit dem Schöpfungsbegriff verwechselt werden, weil die Schöpfung selber mit der Welt verwechselt wurde. Beides war erkauft mit einem Tabu über die Erinnerungsarbeit (Kontingenz bezeichnet die Beziehung des Objekts zum Begriff, Schöpfung die zum Namen).
Der Begriff der List der Vernunft ist der Spalt, durch den die benennende Kraft der Sprache entweicht und die Gewalt in die Hegelsche Philosophie Einlaß gefunden hat (vgl. Adornos Hegel-Aufsatz). Heute ist von der List der Vernunft nur die List noch übriggeblieben, der reine Dezisionismus. Nicht zufällig taucht der gleiche Begriff der List auch im Rahmen der Hegelschen Theorie der Naturbeherrschung auf: als Prinzip der Technik; die gesellschaftliche Anwendung des Listbegriffs liegt auf der Hand (vgl. die List des Swinegels und Jürgen Ebachs Bemerkungen dazu, UuZ, S. 154).
Die Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel („und machen wir uns damit einem Namen“) wird beschrieben als die Folge eines Eingreifens Gottes, der herabstieg, „um sich Stadt und Turm anzusehen“ (Gen. 111ff).
Erst in der transzendentalen Logik, durch die Einbindung des Objektbegriffs, wird die benennende Kraft des Begriffs, die im traditionellen Begriff des Begriffs noch drinsteckt, gelöscht. Die Geschichte der Philosophie läßt sich hiernach auch begreifen als eine sprachgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Begriff und Namen, mit dem Ziel, den Namen zu neutralisieren (Kampf gegen die Magie, Ursprung des Personbegriffs). Die Verwirrung kommt herein durch die zentrale Funktion des Urteils (und dessen Bindung an den instrumentellen Sprachgebrauch). Die Umformung der Subjekt-Prädikat- in die Objekt-Begriff-Beziehung in der transzendentalen Logik Kants markiert den Punkt, an dem sich die Sprache endgültig von ihrer benennenden Kraft emanzipiert. Hier vollendet sich die Sprachverwirrung (der Turmbau von Babel). Oder: die Postmoderne beginnt mit Kant und Hegel. Hier gibt es einen zwangsläufigen Zusammenhang mit der Interpretation der Geschichte vom Sündenfall (die in der Tradition der Aufklärung und des deutschen Idealismus als die Geschichte der Menschwerdung begriffen wird) und mit der Neigung zum Antisemitismus.
„Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß“: Gegen die Sprachverwirrung die Dinge zum Sprechen bringen (oder sie beim Namen nennen).
War es vielleicht die beängstigend nahegerückte Gefahr des Wiederauflebens der Magie (nicht nur in Astrologie und Alchimie, sondern näher noch in der neuen Gestalt des Bekenntnisses: des Konfessionalismus), die dann ihr Sündenbock-Opfer in der Hexenverfolgung fand? – Namenszauber und Ursprung der Naturwissenschaften und des Nominalismus, des Objekts der kantischen Kritik? Ritualisierung des Lebens (pompöse Verkleidung: Perücke und Robe) zur Abwehr der andrängenden feindlichen Mächte (der Gewissensmächte: zweite Geburt der Person – Christentum als Gewissenskomfort – Höllensturz). Unausweichlichkeit der Melancholie und der barocken Hybris?
Gewissen und Über-Ich: das Gewissen lebt von der Erinnerungsarbeit, von der Fähigkeit, die Vergangenheit zur benennen (Name, Scham und Schuld), das Über-Ich ist die verinnerlichte, instrumentalisierte Gestalt der falschen Versöhnung, gehört zur Geschichte des Begriffs.
Ich glaube, man muß heute die tiefe Ambivalenz in der Geschichte der Aufforderung an Petrus: „Schlachte und iß!“ (in der Apostelgeschichte) begreifen, um die ganze Tragweite der Entscheidung zur Heidenmission (die mit dem Namen des Petrus, der Kirche, untrennbar verbunden ist; die Auseinandersetzung mit Paulus, in der Petrus die andere Seite vertritt, macht das Gewicht der Entscheidung noch deutlicher) zu begreifen.
Unsere Theologie hat die Gottesfurcht durch die Furcht des Herrn ersetzt (Ursprung und Geschichte der Herrenbegriffs, des Kyrios-Begriffs).
Der Staat oder die installierte Sünde wider den Heiligen Geist.
Einer der Nebeneffekte des Bekenntnissysndroms ist die Gesinnungsethik, bei der in der Regel übersehen wird, daß die „Ge-sinnung“ gerade nicht das Innerste des Menschen bezeichnet, sondern nur das, was der Gesinnte gerne als sein Innerstes nach außen demonstrieren möchte: Der demonstrative (durch den Exkulpationswunsch bestimmte) Grundzug, den die Gesinnung mit dem Bekenntnis gemeinsam hat, ist unverkennbar; er verweist zugleich darauf, daß ohne Ausnahme jede Gesinnung von außen induziert ist (oder auch transplantiert, bei herabgesetzten Immunkräften): Ausdruck dessen, was David Riesman den „außengeleiteten Charakter“ genannt hat; man ist national „gesinnt“, aber einem Menschen, den man liebt, wohl „gesonnen“ (zu diesem Adjektiv gibt es bezeichnenderweise kein verdinglichendes, personalisierendes Substantiv; hierauf kann man niemanden festnageln). Von der Gesinnung (wie auch vom Zwangs-Bekenntnis) ist das Passive, das Unspontane und Unlebendige, das Selbst-Opfer und die dahinter lauernde Wut auf den, der nicht einstimmt, nicht abzuwaschen (es gibt keinen Nationalismus ohne Feinddenken). Jede Gesinnungsethik trägt ausgesprochen exkulpatorische Züge, sie ist ein Akt der Selbstfreisprechung, des reuelosen Sich Unschuldigfühlens, der direkt in den Wiederholungszwang hineinführt. (Begriff der Gesinnung bei Kant?) -
19.02.91
„Doch die Frauen haben einen Vorzug: Sie haben kein Gesicht zu verlieren.“ (Erica Fischer in der taz vom 19.02.91)
Der Satz hängt mit den anderen zusammen: „Frauen sind nicht bekenntnisfähig (Forderung biologischer Unschuld: Jungfrau).“ „Männer dürfen nicht weinen (müssen sich zu ihrer Tat bekennen: Confessor).“ Das Gesicht, daß die Männer glauben, nicht verlieren zu dürfen, ist ein öffentliches Gesicht: die Maske der Person, die sie auf der Weltbühne der Politik, des Geschäfts, der Durchsetzung des Rechts als Existenzgrundlage benötigen (als Grund der Fähigkeit, mit der Schuld zu leben). Hintergrund ist das unterschiedliche Verhältnis zur Schuld (Biologisierung und Vergeistigung: Ursprung des Idealismus und des Rassismus) und die Unfähigkeit, diesen Konflikt aufzuarbeiten. Männer machen die „Drecksarbeit“, kämpfen insbesondere gegen den „inneren Schweinehund“ (im eigenen Innern und draußen), während die Frauen den Schein der „heilen Welt“ des Privaten, die die Männer durch ihre Arbeit draußen begründen und nach außen absichern, nach innen durchsetzen und nach draußen repräsentieren (Zusammenhang mit dem Eigentumsbegriff, mit der Geschichte des Tauschprinzips.)
Das Bekenntnis steht in der Geschichte des Falls und transportiert ihn weiter, ist die Grundlage für die falsche Säkularisierung der Theologie (die Geschichte der Gottesleugnung).
Wer sich zu etwas bekennt, gibt sich als etwas zu erkennen (Mord, Mörder).
Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: ein Gebot wider die Personalisierung der Schuld, gegen das Geschwätz (Gerede), gegen das Herrendenken.
Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen Welt, Gewalt, Verwaltung? Begründen Gewalt und Verwaltung die Welt (Funktion der Engelhierarchien)? Säkularisation kommt dagegen von saeculum: von Zeitalter, Weltalter, Epoche (per saecula saeculorum: durch die Zeitalter der Zeitalter, nicht „von Ewigkeit zu Ewigkeit“: Verewigung des Zeitalters?). Klingt im saeculum auch der astrologische Weltbegriff (Planeten als Herrscher der Zeitalter) an, oder nur der politische Begriff (assyrische. chaldäische, römische Aera, apokalyptischer Epochenbegriff)? – „per J.Chr., filium tuum, qui tecum regnat et imperat per s.s.“
An der Hegelschen Philosophie läßt sich demonstrieren, daß der Antisemitismus mit der Leugnung des Vaters zusamenhängt.
Das „messianische Licht“ in dem Stück „Zum Ende“ ist der genaue Ausdruck dessen, was man bei Adorno Gottesfurcht wird nennen dürfen.
Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus legt den Schluß nahe, daß der Übergang von der Theorie zur Praxis nur unter theologischen Prämissen sich bestimmen läßt. Erst in theologischem Kontext wird die Theorie praktisch.
In einem Punkt hat die christliche Sexualmoral recht: Es gibt eine Schamgrenze, die nicht überschritten werden darf. Ihr Fehler liegt jedoch darin, daß sie sich Scham nur als sexuelle Scham vorstellen kann: Im Übrigen ist die Theologie in der Tat unverschämt und schamlos. Sie hat bis heute nicht begriffen, daß die Schamgrenze (auch die sexuelle) durch die Idee der Gottesfurcht definiert und bestimmt wird.
Das „et ne nos inducas in tentationem“ gilt auch im Hinblick auf die Empörung. Mehr noch: Es gibt keine Versuchung, die diesen Namen mehr verdient (Gemeinheit wird belohnt durch die Moralität dessen, der sich aus der Schuldzone durchs moralische Urteil herauszustehlen sucht; vor allem: er bemerkt es nicht.) Empörung ersetzt die Kraft des Arguments durch die personalisierende Projektion, durch Wut, die zugleich dem Wütenden den Schein der moralischen Überlegenheit verleiht. Empörung verhindert eben damit das, was aus dem Teufelskreis herausführen könnte: die Kraft der Besinnung, der Differenzierung, der Identifikation und der Unterscheidung. Man muß den alten theologischen Sinn von Empörung, nämlich Hybris, in diesem Begriff mithören: Mit dem Herrendenken wurde auch diese Hybris sozialisiert.
Der Säkularisationsprozeß hat nicht erst zu Beginn der Neuzeit, sondern – mitten in der Theologie – schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, in der Phase der Kirchenbildung, der Ausbildung des Dogmas: der Anpassung an die Welt, begonnen. Die ersten Gestalten der säkularisierten Religion waren der Confessor und die Virgo.
Gesinnung als moralisches Alibi: Die reine Gesinnung will sich nicht selbst mit der Schuld beflecken, von der sie doch zugleich selbst lebt.
Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; aber ist nicht die Idee des Ewigen selbst eine vergangene Idee?
Muß man zum Verständnis der Figur der Magd darauf achten, daß es sich um die Magd des Hohepriesters (nach Joh. um die Pförtnerin) handelt, daß die Leugnung im Hof des Hohepriesters sich ereignet? Und was hat es mit dem Vorhof und dem Tor auf sich? Ist die Kirche (Petrus) immer im Hof oder im Vorhof des Judentums geblieben (bis zum Hahnenschrei)? (Zusammenhang mit dem frühkirchlichen Antijudaismus?)
Bei Johannes ist der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, der Petrus den Zugang zum Hof des Hohepriesters verschaffte.
Die johanneische Pförtnerin: Ist sie nicht eine Verwandte des Kafkaschen Türhüters (Vor dem Gesetz).
Theologie im Angesicht Gottes: Als Jesus sich umsah und ihn anblickte, da ging er hin und weinte bitterlich.
Bei der dritten Leugnung verflucht Petrus sich selbst.
Die dreifache Leugnung:
1. die Rezeption der griechischen Philosophie,
2. die Rezeption der islamisch weiterverarbeiteten Philosophie,
3. die europäischen Aufklärung. Hier helfen die Mittel, die den Kirchenvätern und den scholastischen Kirchenlehrern noch zur Verfügung standen, nicht mehr.
(Die Angst davor, als Sympathisant erkennt zu werden, gab es damals schon: sie ist die Urangst des Christentums.)
Die drei Leugnungen beschreiben exakt den Prozeß der Selbstentfremdung (der auch über die zuschauenden Anderen abläuft und in der Selbstverfluchung endet).
Hat die Pförtnerin etwas mit der Schlüsselgewalt Petri zu tun? Zur Pförtnerin gehört auch, daß
– Petrus Einlaß durch Johannes bekommen hat,
– die ganze Geschichte sich im Hof, im Vorhof und am Tor abspielt. (Wer sind eigentlich die Galiläer? – Jakob Böhme würden jetzt vielleicht die Gallier, die Galizier, die Fürstin Gallitzin und vielleicht auch noch die Galle einfallen.)
Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Bekehrungen. Aber diese Geschichte der Bekehrungen findet ihre Grenze an den modernen europäischen Aufklärung: Hier trifft sie auf ihr eigenes Produkt, auf eine Projektion ihres eigenen unbekehrten Inneren. Die Kirche hat Bekehrung immer als Überwindung des alten Heidentums, das damit abgetan und erledigt schien, verstanden, während die wirkliche Bekehrung nur durch Umkehr möglich ist: durch Aufarbeitung der Vergangenheit, durch Erinnerungsarbeit. Die Geschichte der Bekehrungen hätte eine Geschichte des Lernens sein können und müssen; sie war eine Geschichte der fortschreitenden Verdummung.
Bezeichnend, daß Hegel den Islam nicht kennt (ihn nur kursorisch unter dem Titel Mohammedanismus abhandelt).
Erinnerungsarbeit und das, was Horkheimer und Adorno exakte Phantasie nannten, gehören zusammen.
Das Inertialsystem ist das vergegenständlichte Abfallprodukt des Denkens des Denkens.
Aus der katholischen Tradition heraus ist der Hegelsche Begriff der „List der Vernunft“ (gibt es diesen Begriff auch in der Hegelschen Logik?) nicht akzeptabel, eigentlich unverständlich. Da ist offensichtlich eine spezifisch katholische Blockade. Das Gleiche gilt für den Begriff des Scheins bei Hegel. Diese Blockade hat bei Heidegger dazu geführt, daß er den Reflexionsbegriff nicht einmal wahrnehmen, wirklich zur Kenntnis nehmen konnte und dadurch in die Schlinge hineingeraten ist, die er dann in seiner Fundamentalontologie zugezogen hat.
Der Fundamentalismus (in allen Buchreligionen) ist das Produkt der unaufgearbeiteten Gegenwart. Judentum und Islam scheinen ihm schutzlos preisgegeben zu sein. Das Christentum hat den Säkularisierungsprozeß nicht nur eröffnet und weitergetrieben, es ist die einzige Religion, die auch das Mittel dagegen hätte (wenn es nur endlich davon Gebrauch machen würde).
Die Allegorie ist die Umformung des Mythos in Philophie, in Begriffe. Die Typologie ist die Umformung des Mythos in Prophetie, in die benennende Kraft der Theologie.
Grund und Prinzip der Sprachverwirrung: das Ungleichnamige gleichnamig machen. Dieses Prinzip ist in Hegels Begriff des Begriffs (und in dem Konstrukt einer List der Vernunft) als Teil der philosophischen Vernunft begriffen worden.
Die apriorische Objektbeziehung, die durch die subjektiven Formen der Anschauung in die transzendentale Logik hereingekommen ist, ist dauerhafte und irreversible Verletzung des Bilderverbots, Ursprung des Taumelkelchs des Begriffs (an dem kein Glied nicht trunken ist).
Die Äquivalenzbeziehungen, die anhand der Analyse der Stoßprozesse herausgearbeitet worden sind, sind die Grundlage und der begriffliche Kern der gesamten Physik.
Gilt das Gewaltmonopol des Staates auch fürs Inertialsystem (das von außen Angreifen als der Erkenntnisgrund der gesamten Physik)? Lassen sich die Hegelsche Logik und die Hegelsche Geschichtsphilosophie als als die begriffliche und historische Selbstentfaltung der Gewalt begreifen?
Die physikalischen Erhaltungssätze sind eigentlich keine physikalischen Sätze, sondern erkenntnistheoretische Randbedingungen der physikalischen Erkenntnis. Sie definieren und stabilisieren die metrische Struktur des Referenzsystems, auf das sich alle physikalischen Begriffe beziehen; sie sind ein systematischer Teil des Inertialsystems.
Die Physik ist das Skelett der Natur, und die Chemie beschreibt den Verwesungsprozeß des abgestorbenen Fleisches.
Hat der Plural in Gen. 126,27 „Lasset uns dem Menschen machen nach unserem Bilde …“ etwas mit dem Plural haschamajim zu tun (vgl. auch das „qui es in caelis“)? Und ist der „Hofstaat“, auf den Jürgen Ebach den Plural bezieht, ein Vorläufer und früher Verwandter der „Mächte“ beim Paulus?
Die Theologie ist zu Tode erkrankt an der Unfähigkeit, zwischen rettender und zerstörender Gewalt zu unterscheiden; oder auch an der Unfähigkeit, zwischen transzendent und transzendental zu unterscheiden. Bei Kant bezeichnet das An sich die Transzendenz, die transzendentale Ästhetik und Logik hingegen den Inbegriff der Subjektivität, den Ursprung des Idealismus. Die transzendentale Logik macht den Idealismus als Inbegriff dessen, was einmal Empörung hieß, als Hybris, erkennbar.
Die kantische Erkenntniskritik gilt sowohl für die vom Tauschprinzip beherrschte Gesellschaft als auch für die vom Trägheitsgesetz beherrschte Natur. -
12.02.91
Die „Person“ unterscheidet sich vom Subjekt durch ihre Abstraktheit: Das Subjekt ist der (technische und moralische) Urheber seiner Taten, auch der begrifflichen: Konstrukteur der Welt; die Person ist „nur“ Objekt des moralischen Urteils über ihre Handlungen: der Angeklagte (Objekt des Schicksals?). Erst in der kritischen Reflexion beider Bestimmungen konstituiert sich das Selbstbewußtsein(?).
Zu Klaus Michael Meyer-Abich: Aufgaben und Chancen der Philosophie (FR vom 12.02.91, S. 22).
– Was ist der Unterschied zwischen dem Confessor und einem Professor? – Ist der Professor der mittelalterliche Nachfahre des frühkirchlichen Confessors, und drückt in der Differenz der Beziehung zum Objekt, zur Wahrheit, nicht die zum Staat und zur Gesellschaft sich aus?
– Hat nicht der neudeutsche Begriff der Philosophie (von der Unternehmensphilosophie bis zur Philosophie des Schuhs: Reklame als selffulfilling prophecy) sehr wohl etwas mit dem neoakademischen Begriff der Philosophie zu tun? Und wäre nicht doch erst eine Reflexion dieses Zusammenhangs der Anfang einer Neubegründung der Philosophie?
– Und befaßt sich nicht eine Philosophie, die sich „mit sich selbst beschäftigt“, eo ipso „mit den Problemen der Zeit“?
– Was ist das für eine „Wahrheit, von der er (der Philosoph) fragend weiß“? Genügt es, wenn man „die Wahrheit“ so als Fetisch vor sich herträgt, um sie dann auch noch unter Berufung auf Plato „den Politikern“ anzudienen?
– „Mit den Unternehmensphilosophien ist hier nun wohl noch kein rechter Staat zu machen …“ – ein Satz, über den man in Tiefsinn verfallen möchte.
Heute eine Meldung in der Frankfurter Rundschau (RIAD, 11. Februar – AFP): „US-Verteidigungsminister Richard Cheney und US-Generalstabschef General Colin Powell haben per Bombe Liebesgrüße an Iraks Diktator Saddam Hussein verschickt. „An Saddam mit Liebe, Dick Cheney, Verteidigungsminister“ kritzelte Cheney in Cowboy-Stiefeln und ohne Schlips auf eine Fliegerbombe. General Powell grüßte den irakischen Präsidenten mit den Worten: „An Saddam: Du schaffst es nicht“. Cheney und Powell besuchten am Sonntag Soldaten auf einem geheimgehaltenen Luftwaffenstützpunkt der US-Luftwaffe in Saudi-Arabien.“
Bekenntnislogik:
– Bezugssystem der transzendentalen Logik des Herrendenkens, Basis seiner kollektiven Absicherung (gleichsam dessen Inertialsystem) und Grund des Schuld- und Verblendungszusammenhangs (Herstellung von Komplizenschaft, Ursprung und Wirksamkeit des blinden Flecks).
– Beziehung zur Logik des Tauschprinzips.
– Ausgrenzung, Verurteilung von Häresien, projektives Moment im Häresiebegriff (Feinddenken), Verdrängung durch Projektion.
– Verhältnis zur Macht (Dezisionismus: Cujus regio, ejus religio).
– Telos: Dasein als Reflex des Vorhandenen, Grund der Zuhandenheit (Selbstinstrumentalisisierung, Opfer der Vernunft).
– Effekt: objektlose Angst, dessen Auflösung real nicht mehr möglich ist, nur noch zum Schein: durch Unterwerfung. Installierung des Wiederholungszwangs.
– Komplizenschaft: Der Feind meines Feindes ist mein Freund (Grund der Äquivalenz, der abstrakten Vergleichbarkeit, der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: der Forschung).
Ist der Titel von „Sein und Zeit“ dem Zusammenhang der kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) nachgebildet (Mimesis ans Objekts des Inertialsystems)? Oder: Steht Heideggers Philosophie (wie der Faschismus insgesamt) unter dem Bann der Bekenntnislogik? Läßt sich hier der faschistische Grundzug der „Fundamentalontologie“ ableiten?
Analyse des Feindbegriffs (Repräsentant der Vergangenheit, der Natur und der Welt; Zusammenhang mit Personalisierung), oder der Grund des Unterschieds zwischen Zorn und Wut (Personalisierung und Entpersonalisierung, Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit haben den gleichen Effekt, sind Momente der Herrschaft des Freund-Feinddenkens, Folgen der Bekenntnislogik).
„Der Einzelne … findet seine Vollendung dadurch, daß er einem Stande angehört; er dadurch ist er ein wahrhaftes Individuum und eine Person.“ (Franz Rosenzweig: Hegel und der Staat, I, S. 135) -
11.02.91
Farbe bekennen: „denn die Fahne ist mehr als der Tod“, Reklame und Bekenntnis („die Reklame verschweigt den Tod“).
Die Person ist vergangenheits- und erinnerungslos: Ihre Existenz beginnt mit dem Namen, der von Anfang an abtrennbar war, deshalb dem Träger bloß äußerlich ist, dem herrschenden Bewußtsein zufolge „Schall und Rauch“ (bloße Konvention). So ist die Person das prädestinierte Objekt der Verwaltung. Wer einen Menschen als Person bezeichnet (vgl. Buber) nimmt ihm seinen Namen, auch wenn er ihn dann beim Namen nennt: hierbei wird der Name imgrunde akkusativisch gebraucht, Inbegriff der Anklage; nicht zufällig liegt das Namensrecht beim Staat, der die Menschen als Teil des Volkes schuldig macht und sie der Würde des Namens beraubt. -Ist die Trinitätslehre nicht verstaatlichte Theologie (erkennbar am Gebrauch des Personbegriffs, der den Namen Jesu neutralisiert (und Christus zum Familiennamen macht), ihn für den „Bekenntnis“-Gebrauch unbrauchbar macht)? – Wie tief reicht die Staatsmetaphysik in unser Bewußtsein?
Was drückt das Adjektiv „persönlich“ außer dem tode ti, der vergegenständlichten deiktischen Funktion, aus? Genau dieses tode ti ist der Bezugspunkt des begrifflichen Denkens, des abstraktiven Verfahrens, dem die Menschen (und in der Theologie Gott) durch den Personbegriff unterworfen werden. Der Personbegriff macht Gott und Menschen subsumtionsfähig: zu Objekten. Das tode ti (das dieses hier) macht das Resultat, Produkt der Verdinglichung, zum Anfang, zur „voraussetzungslose“ Grundlage. Es ist der Vorläufer des Inertialsystems, in dem es sich dann als durch die ganze Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur vermittelt erweist.
Die Frage: Gibt es einen persönlichen Gott? ist ebenso blasphemisch wie im wörtlichen Sinne gegenstandslos: Gott zum Gegenstand machen ist der Grund jeglicher Blasphemie. -
16.01.91
Das Bekenntnis (homologein) steht in der Linie des Nachfolgegebots: durch mimetische Angleichung an das schaffende Wort, den Logos, soll die befreiende Kraft, die Erlösungstat Christi, sich mitteilen. Die dogmatische Anpassung des Bekenntnisses an den philosophischen Begriff stellt dieses Verhältnis auf den Kopf und ist nur durch Umkehr aufzulösen: durch Umkehr im dogmatischen Verständnis der Theologie selber, durch parakletische Auflösung der Instrumentalisierung, des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (der „real existierenden“ Unwahrheit der Trinitätslehre). Die Binde- und Lösegewalt der Kirche bezieht sich konkret hierauf: bis heute hat die Kirche nur gebunden, nicht gelöst.
Wahrheit im Kontext begrifflichen Denkens, Bekenntnis, Rechtfertigung; Konstitutierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungsusammenhangs im Kontext dieses Wahrheitsbegriffs, falsch säkularisierte Theologie: Warum steht das lateinische Bekennen (nur als Schuldbekenntnis?) im Passiv: confiteor, confiteri, confessio (ich werde bekannt, ich bekenne mich jemandem? – Hat das confiteor die im Confiteor angegebenen Adressaten, die dann im deutschen „Bekenntnis“ zur Öffentlichkeit anonymisiert, ins abstrakte Allgemeine gesetzt wurden; deren Stelle dann der Staat einnehmen konnte?); warum wird das Bekenntnis hier erlitten (und nur das Erleiden als Leistung aufgefaßt). Hat sich diese passivische Konstruktion als säkularisierte, als Moment eines durchaus weltlichen Herrschaftszusammenhangs, im deutschen „Bekenntnis“ erhalten? Gibt es hier einen Zusammenhang mit der reformatorischen Hypostasierung des geschriebenen Wortes und der Beziehung von Bekenntnis, Glaube und Rechtfertigung? – Steht nicht die deutsche Staatsmetaphysik und der „Staatsanwalt“ in dieser schlimmen Tradition („Gib es zu!“: von der strafmildernden Kraft des Bekenntnisses zum Kronzeugen)? In diesen Zusammenhang gehört die (autoritäre) Umdeutung des Gebots: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“ ins „Du sollst nicht lügen“ (Umkehrung des den anderen verteidigenden in das sich selbst rechtfertigende Denken), oder die Umdeutung des humanen Schutzgebots zugunsten des Beschuldigten in einen generellen Bekenntnis-und Rechtfertigungszwang, dem jeder unterliegt (Folge der Lehre von der befreienden Kraft des Bekenntnisses). Vor einem deutschen Gericht ist auch der Zeuge ein potentieller Angeklagter. Zusammenhang von staatlichem Gewalt- und Wahrheitsmonopol im Kontext eines verdinglichten, akkusativischen, an den Anklagevorbehalt geknüpften Wahrheitsbegriffs (eine Tatsache wird erst wahr durch Feststellung, nicht durch Einsicht)?
Die Rechtfertigung bezieht sich nicht primär auf die Tat, sondern auf ihre Bewertung von außen: durch den Ankläger. Die Rechtfertigungslehre fördert eine Anschauung, für die nicht die Tat, sondern das Erwischtwerden das Entscheidende ist (die Rechtfertigung befreit nicht von Schuld, sondern von Schuldgefühlen; hierbei unterscheiden sich Schuld und Schuldgefühle wie die Tat und die Verinnerlichung ihrer Beurteilung durch andere). -
05.01.91
Zusammenhang des Bekenntnisses mit den Strukturen und Mechanismen, die die Markenzeichen und -namen begründen. Der Markenname ist ein reiner Kollektivname, kein individueller Name; er steht aber auch nicht in der hierarchisch-genealogischen Folge von Gattung und species; er tendiert vielmehr zur reinen Differenz, und zur Tautologie (mit der Nähe zur Blasphemie: Persil bleibt Persil). Er usurpiert die Funktion des Namens, im Gegensatz zum Begriff (die gleiche Struktur und Funktion wie Markennamen haben heute Firmen-, Partei- und Vereinsnamen: auch diese fordern heute das Bekenntnis; und überall reagieren die Anhänger so wie die Kinder, die nur Adidas-Schuhe tragen wollen; jeder Kauf- und Wahlakt ist bereits ein Bekenntnisakt). Genau an dieser Stelle wird etwas vom Problem des Bekenntnisses sichtbar, das ursprünglich das Bekenntnis des Namens war, diesem Bekenntnis befreiende Funktion zusprach. Wenn Christus später dann gleichsam als Familienname (Vorname Jesus) verstanden wurde, nicht mehr als Bezeichnung des Messias, so zeichnet sich hier der Zerfall des Bekenntnisses ab: die Ersetzung des Namens durch die Person, die er bezeichnet, und den Begriff, der dann am Ende wieder zum Namen wird. (Reklame verschweigt den Tod: verweigert und verdrängt wie das Zwangsbekenntnis die Erinnerungsarbeit.)
Das christliche Bekenntnis tritt die Nachfolge der Magie an, wenn es von der Nachfolge Christi getrennt wird. Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte der Remagisierung des Christentums (Sakramentenlehre). Das Zwangsbekenntnis ist genau so hilf- und wirkungslos wie der Regenzauber. Und die Hexen wurden nur deshalb so wütend vefolgt, weil sie an dieses magische Selbstverständnis des Christentums erinnerten. Die Gewaltbereitschaft der Gläubigen ist der Reflex auf dieses magische Selbstverständnis, an das man selber nicht mehr glaubt: die reale Gewalt soll ersetzen, was die magische nicht mehr leistet.
Das jüdische Bekenntnis, das „Höre Israel“ ist ein Liebesbekenntnis und ein Schuldbekenntnis zugleich. Das christliche Bekenntnis behält davon nur die formale Hülle zurück: die Verknüpfung eines vergangenen Ereignisses (Repräsentant der Schuld, die zugleich das Projektionsangebot enthält) mit einer zukünftigen Hoffnung, Erwartung (der Begründung der Möglichkeit der Liebe, des rechten Handelns).
Ist der Neue Bund (das Novum Testamentum) ohne das Nachfolgegebot überhaupt tragfähig?
Das Christentum ist heute zentral vom Gedächtnisverlust, vom Vergessen, von der Erinnerungslosigkeit geprägt; Ausdruck dessen sind seine erbaulichen Versionen (die es in verschiedenen Gestalten gibt). Es bedarf großer Anstrengung, um durch Erinnerungsarbeit wieder zum eigentlichen Inhalt durchzudringen. Theologie könnte diese Erinnerungsarbeit sein. Voraussetzung wäre, daß die Vorkehrungen außer Kraft gesetzt werden, die durch ihr Gegenstands- und Wahrheitsverständnis diese Erinnerungsarbeit gerade ausschließen. Die dogmatische Theologie leistet durch ihr Erkenntnisgesetz gegenüber ihrem eigenen Inhalt dasselbe wie die Naturwissenschaften gegenüber der Natur. Kann man Theologie treiben ohne Gottesfurcht?
Der sogenannte Urknall, der Big Bang, war nicht am Anfang, sondern kommt, wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, am Ende.
Welt und Natur sind – auch als philophische Begriffe – politischen Ursprungs, in der Theologie nur Gegenstand der Kritik.
Ist der Turmbau zu Babel ein Typos des hierarchischen Denkens? -Zur Geschichte der Architektur: Vom Turmbau zu Babel zum Haus des Seins.
Der Personbegriff, der den Träger des Namens bezeichnet, neutralisiert den Namen, macht ihn verwaltungsfähig.
Die Neutralisierung des Messiasnamens durch das griechische Christus, hat diesen Namen herrschaftsfähig (und in einer fatalen neuen Weise bekenntnisfähig) gemacht: Durch die neue Form des Bekenntnisses wurde das Christentum unter Narkose gesetzt.
Herrendenken setzt Reflexion voraus und verdrängt sie zugleich (durch listigen Gebrauch). Oder: Herrendenken ist zweite Unmittelbarkeit, die die erste verdrängt.
Die Ursprünge des Christentum liegen bei Juden, Ketzern und Frauen: Deshalb wurden diese in der Geschichte des Christentums immer wieder verfolgt (Kampf gegen die Erinnerung). Zusammenhang mit der Entwicklung der Kirche, der Einführung des Bischofsamtes, der Entstehung und Festlegung des Schriftkanons und der Entwicklung des Dogmas: Der Kanon ist antijüdisch, das Dogma antihäretisch, das Bischofsamt sexistisch. Oder die Gefahr des Kanons ist die der Leugnung des Vaters, die des Dogmas die der Leugnung des Sohnes und die des Bischofsamtes die der Leugnung des Heiligen Geistes.
Das Bekenntnis ist das vergeistigte Martyrium, und die Vergeistigung die Identifikation mit dem Aggressor. Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, Keuschheit: Absterben des Eigenwillens, des Eigentums und der Sinnlichkeit): darin ist das Martyrium (durch Formalisierung) im Hegelschen Sinne aufgehoben. Zugleich wird das zentrale Moment der Nachfolge verraten und unkenntlich gemacht.
In der Auseinandersetzung mit den Häresien hat die Kirche durch Identifikation mit dem Aggressor das häretische Prinzip in sich mit aufgenommen: jeder Sieg über die Häresie war eigentlich eine Niederlage.
Der Faschismus ist die letzte Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist; er war aber insofern nur die „Generalprobe“, als der Antichrist am Ende diese Verkörperung in der Verkleidung des Christentums selber darstellen wird.
Pater noster, qui es in caelis: nicht „in caelo“ (aber: fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra).
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt an die Idee des Ewigen. Wenn es gelingt, diesen Punkt genau herauszuarbeiten, müßte es möglich sein, die Naturwissenschaften von ihrem Bann zu befreien.
Ist die dogmatische Bindung des Christen an die Trinitätslehre, an die Bekenntnispflicht, Modell der Beziehung des materiellen Objekts zum dreidimensionalen und ein früher Vorgriff darauf?
Ist das Bekenntnis, das Symbolum ein reales oder ein stellvertretendes Bekenntnis (für die ganze Kreatur)? Nur so wäre das Zwangsmoment in Freiheit umzukehren. Ein Glaube, der nur für sich glaubt, der nicht die Armen und die Fremden, die Leidenden, die Unterdrückten und die Zukurzgekommenen mit einschließt, ist irreal.
Eine Lehre, die wie ein Besitztum streng gehütet wird, anstatt im Wandel des historischen Prozesses neu gewonnen zu werden, verkommt, stirbt ab.
Ist die Kirche etwa der Lazarus („Herr, er riecht schon“ – oder auch der, der die Brosamen an den Tischen der Reichen aufliest).
Wer ist der Adressat des Confiteor (deus omnipotens etc.)? Und in welchem (inhaltlichen und funktionalen) Verhältnis steht das Confiteor zum Credo in der Messe? Konstruktion der Messe: Stellung und Bedeutung des Lavabo?
Das pathologisch gute Gewissen ist sowohl katholisches Erbe als auch ein Rechtsinstitut (Bedingung des Urteilens): Niemand hat das autoritäre Exkulpationsritual nötiger als Staatsanwälte und Richter.
Die Derrik- uund Schymanski-Mentalität, die im Vorhinein schon weiß, wer der Schuldige ist, ihn dann nur mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen sucht (wobei das Vorauswissen als Rechtfertigung auch brutaler Mittel benötigt wird).
Wenn man Längenkontraktion und Zeitdilatation zusammennimmt, wie ändern sich dann die Geschwindigkeiten? Die Strecken werden kürzer, die Zeiten dehnen sich: müßte nicht die Geschwindigkeit sich gleich bleiben? Gibt es auch den umgekehrten Effekt der Zeitkontraktion und der Längendilatation? – die umgekehrte Relation des ruhenden zum bewegten System (anhängig von der relativen Richtung von Licht und bewegtem Objekt)? Gibt es eine Beziehung zwischen diesen beiden Beziehungen?
Verweist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht bei den Dinosauriern auf eine andere Gravitationsstruktur? Und weist das plötzliche Aussterben der Dinosaurier auf eine Änderung in dieser Struktur hin? – Maus/Elefant: Kurz-/Langzeitgedächtnis?
Die Weltkriege als Phasen des Weltuntergangs begreifen. Wir leben in den Trümmern, die der Wiederaufbau nur verdeckt, nicht wirklich beseitigt hat, und merken es immer noch nicht. Geduld und langer Atem sind notwendig, um in den Bruchstücken die Elemente der neuen Welt zu finden und an ihrer erneuten, veränderten Zusammensetzung mitzuarbeiten.
Wer der Gewalt der Sprachzerstörung, die in den Begriffen liegt, nicht verfallen will, muß die benennende Kraft der Sprache zurückgewinnen. Das wäre die Aufgabe der Philosophie heute. Insbesondere bedarf es heute der adamitischen Kraft, die beiden Tiere zu benennen. Zentrales Modell für die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Philosphie wäre heute die Kritik der Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaften sind keine Weltbild-Produzenten, sondern sie bergen in sich die subversive Kraft, die die Weltbilder zerstört.
Hegel hatte geglaubt, das Bild einer neuen Welt erstellen zu können; das war sein Fehler. – Die kommende Welt – wie immer sie auch sonst beschaffen sein mag -, eines ist gewiß: sie ist bilderlos.
Die Umkehrung des Trotzes war die Liebe, die des Charakters die geliebte Seele. Nach Rosenzweig ist das Bekenntnis der Seele die Antwort auf die Offenbarung.
Ist der dreifache Verrat des Petrus auch inhaltlich unterschieden?
Die Virginitas ist ein Symbolum, kein Biologicum.
Seit der Phänomenologie ist der theologische Gebrauch des Begriffs der Anschauung obsolet geworden. Die Phänomenologie hat als reine Theorie zugleich dieses zentrale Moment der philosophischen Tradition, die Theoria, liquidiert (Zusammenhang von Anschauung und Bekenntnis!).
Nicht die Umwertung aller Werte, die vielmehr genau in die Katastrophe hineinführt, zu deren ersten Vorboten gehört, sondern die Kritik des Wertbegriffs selber, genauer: die Kritik jenes Begriffs der Objektivität, in dem der Begriff des Werts entspringt, sich konstituiert, ist der Anfang der neuen Philosophie.
Der engliche „cant“ war für Max Scheler die Projektions-Müllhalde, auf der er alles abladen konnte, was er in sich selbst verdrängen mußte.
Man kann sich zu einer Sache bekennen, von der man überzeugt ist.
Schellings „das Zukünftige wird geahnt“ stellt eine Beziehung zur Zukunft her, die dem des Schicksals entspricht. Die Zukunft ist etwas, was von außen her eintritt, außer jeder Beziehung zum eigenen Handeln, von dem für den, der nur noch „ahnt“, nichts mehr abhängt.
Eine Zukunft, von der man „überzeugt“ ist, ist entweder Gegenstand einer negativen Prognose (Vorteil: wenn’s eintrifft, behält man recht, wenn nicht, wird die Prognose vergessen) oder aber Gegenstand eines (zwangsweise) geglaubten Bekenntnisses. Das reale Verhältnis zur Zukunft ist das der Gottesfurcht: eben diese wird durch die Überzeugung verdrängt.
Wer die Zukunft dingfest machen will, erträgt es nicht, in der Gottesfurcht zu bleiben: er verachtet die Weisheit. Er ist zum Verdummen verurteilt.
Wenn Erkennen etwas mit der Zeugung zu tun hat (Adam erkannte sein Weib …), dann ist das Überzeugen eine Vergewaltigung.
Verhältnis von chemischem und juristischem Prozeß: Am Ende bleibt die Asche.
Die Fundamentalontologie ist die in objektloser Angst erstarrende Hypostasierung des Wissens, das dann keines mehr ist.
Zur philosophischen Bildung heute gehört die Lektüre des „Angehörigen-Info“. -
03.01.91
„Überzeugen ist unfruchtbar“: Überzeugung ist nicht Wissen. Während das Überreden an die Schwäche appelliert, wendet sich das Überzeugen an die Stärke des Partners. Wer überredet wird, beugt sich der Autorität (welche Legitimation sie auch immer hat). Wer sich überzeugen läßt, hat sich gleichsam selbst überredet: die Autorität verinnerlicht; die Überzeugung hat etwas von der Identifikation mit dem Aggressor; zugleich ist sie bekenntnisfähig geworden. – Wodurch unterscheiden sich Überzeugung und Glauben (beide drücken ein durch Wissen nicht abgesichertes Für-wahr-Halten aus)? Wie hängt das Überzeugen mit dem „Zeugen“ (Zeugnis beziehungsweise Zeugung) zusammen?
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27.12.90
Rosenzweigs Kritik der philosophischen Unsterblichkeitslehre hängt mit seiner Kritik des All aufs engste zusammen: Die Unsterblichkeitslehre gewinnt ihre Plausibilität, ihre falsche Verständlichkeit vor dem Hintergrund der überzeitlichen Geltung der philosophischen Begriffe (die nicht wie die endlichen, kontingenten Einzeldinge in der Zeit sterben, zugrundegehen). Das Bindeglied, das dem Einzelsubjekt den Status des Begriffs gibt, ist der Begriff der Person, an den die Unsterblichkeitsvorstellung sich anschließt. Wie überhaupt die Unsterblichkeitsvorstellung mit der philosophischen Lehre vom Begriff, die Lehre von der Auferstehung hingegen mit der theologischen Namenlehre zusammenhängt (noch bei Thomas von Aquin leidet die getrennte Seele unter ihrer Trennung vom Leib, sehnt sich nach der Auferstehung).
Naturbegriff und Akkusativ: Das Ergebnis des Objektivationsprozesses, durch den die Natur zum Inbegriff der Subjektlosigkeit geworden ist, hat insbesondere zwei Konsequenzen:
– die Ausdehnung der Verantwortung vom individuellen Handeln aufs Schicksal der Welt und ihre Verlagerung ins Subjekt; auf die Natur kann sich niemand mehr zum Zwecke der Exkulpierung herausreden (auch nicht durch sozialdarwinistische Konstrukte);
– zugleich macht die Subjektlosigkeit den Anklagestatus gegenstandslos: die Natur ist aus dem Akkusativ herauszunehmen (Akkusativ und double bind: es ist gerade die Unschuld der Natur, die sie absolut schuldig macht: es ist ihre Verdinglichung, die sie zum Objekt der Verwertung macht; nicht zufällig wurde die Melancholie als Kreativitätsquelle entdeckt, als die Voraussetzungen für die Verdinglichung der Welt geschaffen wurden – Zusammenhang von Melancholie und Hysterie?). -
26.12.90
Der nominalistische „flatus vocis“ hat in der Tat zwei Konnotationen: den Hauch der Stimme, der auch den lebenschöpfenden Gottesatem und den Geist repräsentiert, wie den anderen Flatus, den Drewermann der Genesis-Stelle unterlegt: den Furz. Gegen die Drewermannsche Konsequenz (die das Verdienst hat, den blasphemischen Charakter der Begriffs-Theologie endlich auszusprechen) ist aber auch daran festzuhalten, daß die nominalistische Realismus-Kritik den Weg freigemacht hat zu einer neuen, dem theologischen Erkenntnisbegriff endlich angemessenen Namenslehre: zum parakletischen Denken. Erst jetzt ist begreiflich zu machen, was mit der Sünde wider den Heiligen Geist gemeint ist.
Durch die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip wird das Geld zu geldheckendem Geld (Kapital), gewinnt es die Potenz der Fortpflanzung, der Selbstvermehrung (Zeugungskraft?). Das Geld pflanzt sich im Warenkosmos ähnlich ins Unendliche fort wie -seit der kopernikanischen Wende – der Raum in der Natur: die unendliche Ausdehnung des Raumes ist identisch mit der unendlichen Ausdehnung des Trägheitsprinzips, sie repräsentiert (und ist der Vorgriff auf) die Unterwerfung der Welt unter die Herrschaft des Tauschprinzips. Das Jesus-Wort: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon, anwenden auf die Trinitätslehre. (Preisfrage: Was hat die Physik mit der Sexualität zu tun?)
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