Sprache

  • 08.10.89

    Die Umkehr ist eine Bewegung, die sich im Bereich der Sprache vollzieht. Sie wird zweideutig, seit – unter der Herrschaft des Identitätsprinzips – die Welterkenntnis der Sprache entrissen und der Mathematik zugeordnet wurde. Die Instrumentalisierung der Religion (Dogmenbildung und Scholastik: Präparierung für die Nutzung als Herrschaftsmittel) hat der Instrumentalisierung und damit der Verweltlichung der Welt vorgearbeitet, sie hat ihr den Weg bereitet.

    Rom war einmal das apokalyptische Objekt, der benannte Ursprung und das Zentrum der eschatologischen Weltereignisse. Die „Bekehrung“ Konstantins: Identifikation mit dem Aggressor als Grundlage und Formgesetz des Römischen Katholizismus (Caesarismus, Imperialismus).

    Das Sein ist (in seiner Funktion als Kopula) der Ursprung und das Agens der Trennung von Begriff und Gegenstand, Subjekt und Objekt. Als Bindung des Prädikats ans Satzsubjekt bindet es die Identität ans Anderssein. A = B: Das Subjekt (A) ist „eigentlich“ etwas Anderes (B), nämlich das durchs Prädikat, den Begriff Bezeichnete; dessen Ursprung ist freilich das „erkenntnistheoretische“, „transzendentale“ Subjekt (B = A), das im Idealismus nicht zufällig das Satzsubjekt: das Objekt usurpiert, es ins Nicht-Ich auflöst, durch Verdinglichung zum Verschwinden bringt. Das Objekt (unter dessen Begriff alle Objekte von Herrschaft fallen) ist im ausgeführten, vollendeten objektiven Idealismus Nichts. Darin vollendet sich die Ontologie.

  • 09.08.89

    Die Welt (Korrelat des Realitätsprinzips) ist durch die besondere Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, die sie repräsentiert, bezogen auf das Selbsterhaltungsprinzip (objektiv: das Tauschprinzip); dieses ist der Kristallisationskern, an den die Begriffe und Anschauungen, die die Welt konstituieren, anschließen. Zugleich damit wird jedoch alles, was nicht in das System paßt, was durchs Sieb fällt, ausgeschlossen, insbesondere Güte, Mitleid, Empathie. Die Welt repräsentiert eine Gestalt der Realitätswahrnehmung und -erkenntnis, genauer: ein Begriffssystem, das die Wahrnehmung im vorhinein strukturiert und bestimmt, das insbesondere Anklage und Gericht kurzschließt und jede Verteidigung als „Rechtfertigung“ ideologisiert. Die Welt ist der Inbegriff aller Objekte des Herrendenkens. Insoweit ist die Welt die Sünde wider den Heiligen Geist, und der Vulgärbegriff der Ideologie der Kern der zugrunde liegenden Abwehrreaktion.

    Die Welt als ein System des Zerfalls von Sprache durch Logik ist Grund und Medium der Subjektivität, gesellschaftlich des Nationalismus (als kollektive Gestalt von Subjektivität). Es ist kein Zufall, daß Deutschgesinnte in der Regel Probleme mit der deutschen Sprache haben.

    v. Rad: Wie kann man noch 1957(!) eine „Theologie des Alten Testamentes“ schreiben, ohne auch nur mit einem Wort Auschwitz und den Holocaust (die Shoah) zu erwähnen? – Kann man den „sinnlich-übersinnlichen“ Gehalt, der nicht nur unmittelbar auf die Liebe, sondern ebenso auf ihre Derivate zu beziehen ist (Beispiel: Dornen, Dornbusch, Dornenkrone), so einfach als „vagen Symbolismus“ abtun (und dagegen auf dem historischen Realgehalt bestehen, dem dann jedoch nur noch eine Theologie abzugewinnen ist, die nicht mehr harmlos ist). Kann man eine „Theologie des Alten Testamentes“ schreiben, ohne die jüdische Tradition (die Kabbala) zu kennen? Hier kann man mit Händen greifen, welchen verhängnisvollen Einfluß eine unaufgeklärte naturwissenschaftliche Aufklärung auf die historische Aufklärung hat. (Zusammenhang der großen protestantischen Tradition der Bibelkritik mit der Rechtfertigungslehre?)

    Das Christentum ist keine Siegesreligion: Es sollte skeptisch machen, daß die Dogmengeschichte auch eine Geschichte der jeweils Siegenden ist, mit der Zusammenfassung der Siege im Triumphalismus Roms. Sicher waren die Unterlegenen nicht jedesmal die Besseren; aber ist die Vorstellung so abwegig, daß mit der Abtrennung der Häresien jedesmal auch ein Teil der (zu früh und deshalb unreif hervorgetretenen) Wahrheit abgetrennt, ausgeschieden und verdrängt wurde? Eine unter diesem Aspekt geschriebene Geschichte der Häresien wäre zweifellos einer der wichtigsten Beiträge zur Selbstverständigung der Theologie (vgl. z.B. Elaine Pagels Darstellung der Gnosis oder auch Thomas‘ und Mussners Beiträge zu einer christlichen Theologie des Judentums, die freilich zu revidieren wären anhand Radford Ruethers „Brudermord und Nächstenliebe“ und der weitergehenden Konsequenzen daraus).

  • 02.08.89

    Welt: mundus, mundan, kosmos, tout le monde, the whole world. Himmel ist das Korrelat zur Erde, nicht zur Welt; der Himmel wäre vielmehr ein Teil der Welt. Korrelate zur Welt sind Mensch und Gott, wobei der Mensch – anders als Gott – zugleich Teil der Welt ist (nicht identisch mit „In-der-Welt-Sein“). Die ganze Welt kann über einen reden, was die ganze Erde nicht kann (der „orbis terrarum“ ist nicht identisch mit der Welt, vielleicht ein Vorbegriff). Die Welt ist das Man, das Gerede, die Neugier (die Welt ist zwar nicht männlich, sie ist aber ein patriarchalischer Begriff).

  • 27.07.89

    Das Objekt ist das Bild des Objekts, und die Welt ist das Bild der Welt (Weltbild, Weltanschauung). Zusammenhang von Mathematik, Zeit (futurum perfectum), Abbildbarkeit, Theorie, Bild, Show, Film, Entfremdung, Verdinglichung, Objektivation: Reproduzierbarkeit, Verdoppelung. Die Mathematik ist das Urbild und die Systemgrundlage der Abbildbarkeit (Verdoppelung), oder genauer: Mathematik und Abbildbarkeit haben den gleichen Systemgrund, der jede Wissenschaft bis hin zur Theologie verhext (als Wissenschaft verstößt die Theologie gegen das Bilderverbot; als Doppelgängerin der wahren Theologie ist sie dieser zum Verwechseln ähnlich, jedenfalls nicht logisch, sondern nur durch Benennung, durchs Beim-Namen-Nennen von ihr zu unterscheiden – verstößt nicht schon die grammatische Form des futurum perfectum, der zukünftigen Vergangenheit gegens Bilderverbot?).

    Die Welt ist kein Objekt-, sondern ein Strukturbegriff; sie ist der Grund der Unterscheidung von Innen- und Außenwelt, damit der Inbegriff einer unendlichen Zahl von Welten (Leibniz‘ Idee einer besten aller möglichen Welten ist eine contradictio in adjecto); sie ist das Gegenteil des Plural majestatis (gleichsam der Singular multitudinis instrumentarum: der Inbegriff aller Mittel, nach der gleichen Logik konstruiert wie „der Deutsche“). Das Weltbild oder die Weltanschauung ist die dezisionistische Entscheidung für ein Exemplar aus einer grundsätzlich nicht reduzierbaren Menge.

    Sind Gott und Mensch auch Struktur- und keine Objektbegriffe? (Nein, oder doch?)

  • 23.07.89

    „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“:

    – Himmel und Erde = Zukunft und Vergangenheit? Himmel (Zukunft) zuerst?

    Mit dem Licht (durchs Wort) wurde die Gegenwart erschaffen (Gegenwart für wen? Ist nicht im Licht schon das Leben, das Subjekt mit enthalten? Ist das Licht nicht die Bedingung der Möglichkeit des Lebens, des Subjekts?).

    Gott hat nicht die Welt erschaffen: die Welt ist kein Objektbegriff, sondern ein Strukturbegriff; sie bezeichnet den Inbegriff aller Objekte des Urteils („die Welt ist alles, was der Fall ist“, und Urteile werden gefällt), das Resultat des Prozesses der Vergegenständlichung (Verweltlichung bezeichnet die Bahn des Sündenfalls).

    Theorie (Anschauung) ruht auf dem Grund der verdrängten (sich ohnmächtig verstockenden) Klage und ist Ausdruck dieser Klage. (Zusammenhang von Klage und Anklage, Klage als objektlose Anklage.)

    „Welt“ und „Volk“ sind partikulare Totalitätsbegriffe: Anwendungen eines Konstrukts, das erst in unserem Jahrhundert offen zutage getreten ist (ein Vorbegriff war der Nationalitätsbegriff der französischen Revolution). Begriffe, die vorgeben, das Ganze (ein „All“) zu repräsentieren, die jedoch nur Partikularitäten repräsentieren.

  • 18.07.89

    Zum Verständnis der transzendentalen Logik und Ästhetik: Die Formen der Anschauung und die Urteile apriori sind nicht „unsere“, sondern ihr Subjekt ist die (subjektlose) Welt (es gibt eine Objektivität des Wissens, die ohne Subjekt, ohne eine Begleitung durch das „Ich denke“ denkbar ist, Sedimente vergangenen Denkens); nicht wir, sondern die Welt (oder genauer: die Welt als „transzendentales“ d.h. vergangenes, abgestorbenes Subjekt, als Subjekt außer uns) urteilt in (durch) uns (und damit auch über uns). Das ist der Ursprung der Idee des Weltgerichts, ihr fundamentum in re. In jedem richtenden Urteil richten nicht wir, sondern durch uns (und über uns) die Welt, werden wir zu Objekten des gleichen richtenden Urteils. D.h. wer richtet, wird gerichtet. Hier wäre wichtig, endlich den Zusammenhang der transzendentalen Logik mit der transzendentalen Ästhetik zu begreifen, das Verhältnis der Kategorien zu Raum und Zeit, insbesondere zur Zeit (Projektion der Zukunft ins Vergangene, futurum perfectum, als Ursprung der Form der räumlichen Anschauung, ihrer Dreidimensionalität?, d.h.: keine Zukunft ohne innere Grenze des Raumes, ohne den Sprung über den eigenen Schatten: ohne das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit).

    Der Begriff des Weltkriegs ist ein Pleonasmus, so wie der der heilen Welt eine contradictio in adjecto: der Inbegriff der Welt ist der Krieg, ihre Logik (die Urteilslogik) die Freund-Feind-Logik; somit unterwirft sich das Freund-Feind-Denken der Logik der Welt, es ist die Verweltlichung, die Säkularisation schlechthin, es versinkt ins „In-der-Welt-Sein“, es ist die Abdankung des Subjekts (das „Man“, das „Gerede“, die „Eigentlichkeit“, die ununterscheidbar ebenso die „Uneigentlichkeit“ ist).

  • 14.07.89

    Mathematik und Sprache: Das Verhältnis der Mathematik zur Sprache drückt sich nicht in der „Grammatik (Logik) der Mathematik“, sondern allein im Übergang im Objekt (als Übergang von der Mathematik zur Sprache): in der Schöpfungslehre aus. Hier (und nur hier) läßt sich der erkenntnistheoretische Sinn des theologischen (nicht bloß moralischen) Begriffs der Umkehr demonstrieren. Der Weltbegriff und der naturwissenschaftliche Objektbegriff stehen außerhalb (nämlich diesseits) des theologischen Erkenntnisbereichs, nur durch ihre Kritik hindurch läßt sich der theologische Erkenntnisbereich rekonstruieren. (Chemie = domestizierte Alchimie; der Elektromagnetismus – die Instrumentalisierung von Licht und Feuer – hat den qualitativen Naturbegriff zum Verschwinden gebracht, die spezielle Relativitätstheorie mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit den Grund der Möglichkeit der Instrumentalisierung/Domestizierung der Natur benannt; die genaue Analyse der Planckschen Strahlungsformel, die gleichsam das Feuer dingfest macht, müßte das konkretisieren. Atomphysik/-technik = Spiel mit dem Feuer.)

    Hängen die Schöpfungstage mit dem Planetensystem zusammen (die Benennung der Wochentage scheint darauf hinzudeuten)? Gibt es in der Kabbalah oder in der frühchristlichen Engellehre Hinweise auf solche Zusammenhänge?

  • 25.05.89

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: und die Subjektivität (Intersubjektivität?) ist der Abgrund, auf den dieser Fall sich bezieht, sein Gravitationsfeld.

    Der „Fall“ ist der Zufall, seine Bewegung gehorcht der Logik des Zerfalls.

    Heidegger betet die Gewalt an, die ihm die Sprache verschlägt. Die Sprache, die ihm verschlagen wurde, wurde dadurch selbst verschlagen, sie ist ihm zu einer Sprache der Verschlagenheit geworden. – Gibt es eigentlich eine Untersuchung der Heideggerschen Sprache? – ihrer Ambivalenz (Hypostasierung der Methode = Ausdruck der Verzweiflung)? – Verstummen, Trotz, Schicksal (Schuldzusammenhang) und Heldentum/Mythos und Welt (= alles, was der Fall ist).

    Dornen und Disteln/brennender Dornbusch/ Dornenkrone.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie